Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.
Kitabı oku: «Der Held von Garika», sayfa 19
Kurze Zeit darauf wurde Aimar-Eddin wirklich ausgewechselt, und Helene, der dieses Spiel umso unangenehmer gewesen sein mochte, da sie, wie erwähnt, einen andern liebte, atmete auf. Vier Wochen später erschien eine kleine Gesandtschaft von den Bergen vor den Toren von Stauropol und verlangte den Obersten zu sprechen. Sie teilte demselben mit, dass Aimar-Eddin in aller Form um die Hand Helenens anhalte, dass er versprochen, sie treu zu lieben, niemals eine andere Frau neben ihr zu wählen, ihr alle Annehmlichkeiten zu verschaffen, genug, sie ganz wie ein Franke zu behandeln. Sie habe nicht einmal nötig, zum Islam überzutreten, wenn sie nur darein willige, dass ihre Kinder als Mohammedaner erzogen würden. Natürlich lachten der Oberst und Helene, der ersterer diesen Antrag mitteilte, über die Anerbietungen Aimar-Eddins. Man gab der Gesandtschaft die Antwort, dass Helene schon einen andern gewählt habe – was richtiger war, als der Oberst vermutete – und eine Woche lang sprach man in Stauropol nur von dieser komischen Werbung. Aber der Ernst folgte bald darauf.
Die Bauern und die Wachen in der Umgebung von Stauropol berichteten einige Wochen später, dass man ein kleines Häuflein Tschetschenzen bald hier, bald dort bemerkt habe. Man hielt dies jedoch für Irrtum, da man nichts von Räubereien hörte, die doch gewöhnlich von derartigen Tschetschenzenscharen verübt werden, und traf keine Vorkehrungen. Nur Helene hatte, wie sie sagte, eine Vorahnung und war entschlossen, Stauropol zu verlassen und auf eine Zeitlang nach Odessa zu reisen, wohin eine ihrer Freundinnen sich verheiratet. Sie machte deshalb einige Abschiedsbesuche in der Umgegend.
Stauropol liegt, wenn auch nicht allzu fern vom Kaukasus, doch inmitten einer so vollkommen friedlichen Bevölkerung, dass man dort, wie mitten in Russland, ohne jede Besorgnis und besondere Vorkehrung reist. So war auch Helene, als sie ihren letzten Besuch machte, nur von einer Tochter des Obersten und einem Diener begleitet. Als sie am Abend zurückfuhr, wurde der Wagen indessen plötzlich angehalten, Helene fühlte sich ergriffen, auf ein Pferd gesetzt und fortgeführt. Sie wusste sogleich, was mit ihr geschehen und wer sie entführte; Schmerz und Schrecken raubten ihr Sprache und Besinnung. Als sie im Morgengrauen des nächsten Tages die Augen aufschlug, erkannte sie in der Tat Aimar-Eddin neben sich.
Doch sprach er nicht mit ihr. Man ritt fast ohne Unterbrechung bis nach Dargo-Weden, wo Aimar-Eddin seinen Wohnsitz hatte, da er zur unmittelbaren Umgebung Schamyls gehörte. Hier wurde sie in den Harem Schamyls geführt, als Gefangene. Es ist leicht zu begreifen, was nun folgte. Aimar-Eddin, die Frauen des Harems und Schamyl selbst bemühten sich, sie zu überreden, die Gattin des jungen Tschetschenzenführers zu werden, den sie ihr als ein Musterbild von Schönheit, Ritterlichkeit und außerdem als sehr reich schilderten. Sie schienen die Weigerung, bei der Helene beharrte, nicht begreifen zu können und bemitleideten sie fast wegen ihrer Beschränktheit. Aber so viel auch Helene in ihrer zweijährigen Gefangenschaft leiden mochte, sie blieb fest. – ›Sterben, wenn es sein muss, aber nicht die« Gattin eines solchen Mannes werden.‹ Das blieb ihre Antwort. Helene hatte schon am Tage unserer Ankunft von uns gehört und die glühendste Sehnsucht empfunden, endlich einmal wieder mit Frauen, die ihr gleichstanden, sprechen zu können. Unter dem Vorwande, dass sie krank sei, und leider war sie in der Tat durch Kummer und Entbehrungen sehr leidend geworden, bat sie um ein wärmeres Zimmer, und man gewährte ihr ein solches in dem Flügel, in welchem wir wohnten. Auf die Gefahr hin, entdeckt und in einen strengeren Gewahrsam geführt zu werden, hatte sie die erste günstige Gelegenheit benutzt, uns aufzusuchen. Und nun war sie bei uns, zugleich ergriffen von der höchsten Freude über die Gegenwart von mitfühlenden Wesen – und von umso größerem Schmerze über unser gemeinsames Schicksal. Was ich hier auf dem Raume weniger Blätter zusammendränge, nahm in der Form der Erzählung und des wechselseitigen Gesprächs mehrere Stunden, bis über Mitternacht hinaus, in Anspruch. Auch Helene, deren Ungehorsam also nur in der Weigerung bestand, einer Laune Aimar-Eddins und dem ungerechten Zwang Schamyls zu widerstehen, hatte davon gehört, dass wir gegen den Sohn Schamyls ausgewechselt werden sollten und dass man sich auf eine lange Anwesenheit unsererseits vorbereitet habe. Man überlegte, ob es nicht eine andere Rettung gebe. Aber vergebens. An Flucht war nicht zu denken, an eine Befreiung durch die Russen ebenso wenig. Selbst die Vermittlung Georges, auf die ich bisher so viel Gewicht gelegt, erschien mir als wertlos, seit ich wusste, wie wenig Bedeutung Schamyl dem Aufstande der Garikaner beilegte.
Helene verließ uns spät in der Nacht, weinend, wie sie gekommen. Wir alle wünschten, wir möchten uns wiedersehen, und gelobten ihr, nichts von ihrem Besuche zu verraten. Die Tage und Wochen vergingen mir in aufreibender Einsamkeit. Ich besaß nicht das Talent, wie Nina Brazow und auch Sophia, mich für die kleinen häuslichen Intrigen, die in dem Harem Schamyls spielten, zu interessieren, sondern füllte meine Tage damit aus, dass ich schrieb und mich von einigen Dienerinnen in Handarbeiten unterrichten ließ, wie sie auf jenen Bergen verfertigt werden. Nina plauderte viel mit den Sultaninnen, den Frauen Schamyls. Sophia schien von einer verzehrenden Ungeduld nach Freiheit ergriffen zu sein, und ich begreife allerdings, dass ihr Charakter am wenigsten für eine solche Gefangenschaft geeignet war.
Schamyl schenkte uns, so oft er sich in Dargo-Weden befand, seine bis ins Einzelne gehende Aufmerksamkeit: Abgesehen davon, dass er sich oft nach unserm Befinden und unsern Wünschen erkundigen ließ, obwohl dieselben, auch wenn wir sie aussprachen, nicht immer erfüllt wurden, suchte er uns auch durch kleine Handlungen der Menschenfreundlichkeit zu beweisen, dass wir sein Wohlwollen besaßen. Er ließ Ninas Kinder zuweilen zu sich kommen und beschenkte sie mit Bonbons und Konfitüren. Auch schickte er, als er bemerkte, dass der ältere Knabe blass und kränklich aussah, eine Frau, welche in jenen Gegenden die Heilkunst ausübte. In der Tat wurde der Kleine nach wenigen Tagen munter und kräftig. Wie ich hörte, hatte ein Teil der Kur darin bestanden, dass man das Kind eine Nacht lang in die Haut eines frisch geschlachteten Hammels eingeschlagen. Doch in der Hauptsache blieb alles unverändert. Schamyl bestand auf der Auswechselung seines Sohnes und auf fünfzigtausend Rubeln für Nina und Sophia, ja, wir hörten, er habe anfangs noch mehr verlangt und das Volk verlange auch jetzt noch eine größere Summe. Man hatte dort gar keinen Begriff davon, wie schwer es schon ist, fünfzigtausend Rubel in Silber zusammenzubringen. Wir erhielten endlich Briefe. Mit welchem Entzücken ich das Blatt, auf dem ich die Handschrift meines Vaters erkannte, an meine Lippen drückte, kann ich nicht schildern! Die Nachrichten, die wir erhielten, waren freilich im Ganzen nicht sehr tröstlich. Brazow schrieb seiner Frau und Schwester, dass man mit möglichster Eile in der Auswechselung verfahren wolle, dass aber gewiss der Winter darüber herankommen werde. Ähnliches schrieb mir mein Vater, der zugleich an Schamyl die Bitte gerichtet hatte, nach Dargo-Weden kommen zu dürfen, um in meiner Nähe zu sein. Diese letztere Bitte wurde natürlich abgeschlagen. Mit den Briefen zugleich waren Kleider und eine Menge Toilettengegenstände für uns angekommen. Wir schenkten viele von den letztern an die Frauen Schamyls. Doch war Chuanete die einzige, die uns wirkliche Zuneigung bewies. Aminete, die jüngste, kümmerte sich fast gar nicht um uns.
Zaïdete zeigte sich nur dann freundlich, wenn sie glaubte, von uns Vorteil ziehen zu können. Sie war übrigens kränklich. Chuanete dagegen blieb sanft, freundlich und wohlwollend gegen uns. Ich hörte, sie sei die Lieblingsfrau Schamyls und ich fand das sehr begreiflich, denn während Zaïdete von morgens bis abends mit einem großen Schlüsselbunde und in einem unbegreiflichen Negligé durch das Haus rannte und lärmte, war Chuanete stets, und man sah sie auch am frühesten Morgen, die Sauberkeit und Sanftmut selbst. Und überdies war sie viel schöner als Zaïdete. Diese letztere schien uns wirklich quälen zu wollen, wie sie alle andern quälte. Als Chuanete krank war, verbot man uns, in der Galerie spazieren zu gehen, was man uns bis dahin erlaubt hatte. Zaïdete war schuld daran; sie hatte geäußert, wir trügen unheilbringende Gegenstände an uns, die der Kranken schaden würden, wenn wir in ihre Nähe kämen.
Das» wurde noch schlimmer, als Schamyl, nachdem die Ankunft seines Sohnes Kasi-Machmet festlich begangen und sein großer Kriegsrat, dem auch Daniel-Bey; der bekannte Unterfeldherr Schamyls, beiwohnte, gehalten war, Dargo-Weden verließ, um eine Expedition gegen die Russen in eigener Person anzuführen. Wir waren im Anfang des September, und schon fiel zuweilen Schnee. Wir begannen von der Kälte zu leiden, denn unsere Zimmer waren nicht fest zu schließen, das Fenster hatte keine Scheiben, der Kamin füllte, sobald man Feuer anzündete, unser Zimmer mit Dampfwolken, die uns fast erstickten. Dazu kam, dass man uns schlechtere Nahrungsmittel sandte, uns überhaupt vernachlässigte. Das Serail glich während Schamyls Abwesenheit einer Schulstube ohne Lehrer. Alles ging darunter und darüber. Der jüngste Sohn Schamyls, ebenfalls Machmet geheißen, amüsierte sich während der Abwesenheit seines Vaters wie nur irgendein ungezogener Bursche auf einem englischen Landgut. Er lief wie toll auf den Dächern umher, zerbrach Schlösser und Riegel und hielt es für eine ganz besondere Belustigung, brennende Scheite Holz auf den Hof zu werfen. Während er sich an dem Knistern und Funkensprühen ergötzte, fürchteten wir ernstlich, das leichte Holzgebäude könne Feuer fangen. Diese Freude währte jedoch nicht lange.
Nach vierzehn Tagen kehrte Schamyl zurück, und der kleine Eulenspiegel wanderte zuerst ins das Gefängnis des Serails und dann nach einem benachbarten Orte, wo seine Erziehung unter strengerer Obhut fortgesetzt werden sollte. Übrigens änderte die Rückkehr Schamyls unsere Leiden nicht sogleich. Schamyl, dessen Expedition wahrscheinlich nicht glücklich ausgefallen war, zog sich in seine Wohnung zurück und blieb, wenigstens für uns, unsichtbar. Als sich jedoch bald darauf unter den Sultaninnen ein Streit über ein Stück Atlas entspann, das wir für Aminete bestimmt hatten und des Zaïdete dieser nicht zu gönnen schien und den Töchtern Schamyls zuwenden wollte, mischte sich auch Schamyl wieder in die Angelegenheiten des Harems. Er nahm das Stück Atlas fürs Erste an sich, hatte aber bei der Gelegenheit einen Blick auf unsere Wohnung geworfen und den kläglichen Zustand derselben erkannt. Er befahl, uns Glasfenster zu geben, sah selbst nach, ob sein Befehl befolgt sei und untersuchte bei dieser Gelegenheit auch den Küchentopf, der für uns am Feuer stand. Er entdeckte in demselben nichts als einige Hülsenfrüchte, die in bräunlichem Wasser schwammen. Er wurde zornig gegen Zaïdete, die uns zu dieser magern Kost verdammt hatte, und sandte Zucker, Tee, Reis und Butter. Auch wenn wir nicht wussten, dass Schamyl abwesend sei, konnten wir es sogleich daran bemerken; dass Zaïdete uns auf eine schmalere Kost setzte.
So nahte der Winter heran, der entsetzlich, vielleicht unerträglich geworden wäre, wenn nicht Graf Brazow seiner Frau und seiner Schwester und mein Vater mir wärmere Kleidungsstücke und Bücher geschickt hätten. Inzwischen gingen die Unterhandlungen fort. Ja, eines Tages, als wir uns nach der Ursache des freudigen Lärms erkundigten, der das ganze Serail erfüllte, erfuhren wir, dass Schamyl die Nachricht empfangen habe, sein Sohn befinde sich schon auf dem Wege nach Stauropol, da der Zar in die Auslieferung desselben eingewilligt habe. Von diesem Tage an durften wir uns freier bewegen und blieben von nun an teils durch die Briefe, die wir erhielten, teils durch die Mitteilungen, die uns die wieder genesene Chuanete machte, stets von dem Gange der Unterhandlungen unterrichtet. Denn in dem Serail Schamyls ging es nicht anders zu als in jedem, abend- oder morgenländischen Palaste, und wenn die Frauen Schamyls auch vielleicht keinen direkten Einfluss auf die Entschlüsse des Imam hatten, so wussten sie doch stets, was geschah, und kannten die Gründe seiner Entschlüsse. Chuanete teilte uns mit, dass Schamyl mit Sehnsucht der Auslieferung seines Sohnes entgegensehe und deshalb gern bereit sei, unser Lösegeld geringer anzusetzen, dass aber das Volk, dessen Wünsche er beachten müsse, auf einer sehr großen Summe bestehe, ja, dass man von einer Million spreche. Schamyl verfiel, um seine Pläne zu fördern, auf ein Mittel, würdig eines so klugen Mannes. Er ließ die Weisung an seinen berühmten Eremiten ergehen, in Dargo-Weden zu predigen, und wahrscheinlich auf den Rat Schamyls wählte der fromme Mann die Mäßigkeit und die Verachtung irdischer Güter zum Thema seiner Predigten. Dies wirkte auf das Volk. Zugleich schrieben die russischen Beamten oder Offiziere, die; mit der Auswechselung beauftragt waren, dass sie die ganze Unterhandlung abbrechen würden, wenn man eine höhere Summe als fünfzigtausend Rubel beanspruche. Dies fruchtete. Die Unterhandlungen nahmen einen schnellen Fortgang, denn das Volk übertrug nun die ganze Angelegenheit dem Gutdünken des Imam. Doch hatten wir noch einige schlimme Tage zu bestehen.
Schamyl war wieder abwesend; wir wussten, dass man kämpfte, denn natürlich unterbrach unsere persönliche Angelegenheit den Gang der kriegerischen Ereignisse nicht.
Das Gefecht näherte sich Dargo-Weden so sehr, dass wir deutlich den Donner der Kanonen hören konnten.
Auch belehrten uns einige Worte Chuanetes, dass Schamyl bereits Vorkehrungen für den Fall eines ungünstigen Ausgangs des Kampfes getroffen habe. Seine Frauen, Kinder und die Dienerschaft sollten dann nach einem noch mehr entlegenen und gesicherten Ort gebracht werden. Zaïdete zeigte auch bei dieser Gelegenheit wieder ihren Hass gegen uns. ›Täuscht Euch nicht!‹ sagte sie. ›Wenn die Russen kämen, Euch zu befreien, so würden sie nur Eure Leichen finden!‹ Und wir fürchteten, sie möge Recht haben: Indes ging diese Gefahr, sowie die eines Erdbebens, das uns heftig erschreckte, vorüber. Der Kampf entfernte sich. Doch wurden einige Verwundete nach Dargo-Weden gebracht. Unter ihnen befand sich Aimar-Eddin. Er starb einen Tag später, nachdem er, wie Chuanete uns mitteilte, den Muriden, die ihn in seinen letzten Stunden umgaben, gesagt, sie möchten Schamyl bitten, dass er nun Helenen die Freiheit schenke.
Ich erwähne bei dieser Gelegenheit, dass sowohl Nina und Sophia als auch ich uns in unsern Briefen dringend für die Unglückliche verwandt hatten. Doch war die Vorsicht von uns gebraucht worden, Brazow und meinen Vater zu bitten, sie möchten tun, als ob sie nicht durch uns, sondern durch andere die Nachricht von dem traurigen Schicksal der Gräfin erhalten hätten. Wir hatten übrigens Helene nur noch einmal wiedergesehen, da sie in ein anderes Gebäude geführt worden war.«
Das letzte Blatt aus dem Tagebuche Marys, datiert vom März 1855, enthält folgende Worte: »Schamyl ist soeben bei uns gewesen. Er meldet uns, dass in diesem Augenblick die Auslösungssummen für uns bereits gezahlt und dass wir in wenigen Tagen mit den Unsrigen vereint sein würden. Er war sehr froh. Aber wir, wir weinten vor Freude! Ich werde meinen Vater wiedersehen, alles Leid ist vergessen!«
Dritter Teil
I. Das Wiedersehen
Es war an einem schönen Märzmorgen des Jahres 1855, als ein großer Zug, den man auf den ersten Blick für einen kriegerischen hätte halten können, sich die Abhänge hoher Berge nach einem Tal hinabbewegte. Ungefähr fünftausend Tschetschenzen begleiteten Schamyl, der, umgeben von seinen zahlreichen Muriden, mit seinen Söhnen Kasi-Machmet und Machmet-Kabi in ihrer Mitte ritt, das Gesicht ernst, ruhig, das Auge aufmerksam, sogar zuweilen besorgt in die Ferne gerichtet.
Ungefähr fünfhundert Schritte hinter ihm sah man einige schwerfällige Wagen mit vier Rädern, sogenannte Arbas, wie man sie in dieser Art nie zuvor auf diesen Bergen gesehen, nicht nach dem dortigen Gebrauch mit Ochsen, sondern mit Pferden bespannt. Auf dem ersten derselben saßen Nina Brazow mit ihren Kindern und Sophia, auf dem zweiten Mary Hywell und die Gräfin Helene, auf dem dritten die Dienerinnen Ninas und Marys. Obwohl es für die Frauen unmöglich war, die dichten Reihen der Reiter mit ihren Blicken zu durchdringen, so waren doch aller Augen unverwandt vorwärts gerichtet, als hofften sie jeden Augenblick, die Wolken der Reiter sich teilen und diejenigen, nach denen sie sich so heiß sehnten, erscheinen zu sehen. Aller Wangen, obwohl bleich von dem langen Kummer und den vielen Entbehrungen, waren doch jetzt gerötet. Nina weinte leise; Sophias Züge waren ernst und gedankenvoll; Helene und Mary hatten die Hände ineinander verschlungen.
So ging der Zug abwärts in das Tal, das sich hier bereits mit dem Grün des Frühlings zu bekleiden begann. Plötzlich wurde Halt gemacht. Die Reihen der Reiter wichen nach beiden Seiten zurück, sodass Schamyl mit seinen Muriden den vordersten Platz einnahm.
Die Arbas der Frauen fuhren bis in seine Nähe.
Sobald diese Wagen die Höhe eines kleinen Hügels erreicht hatten, sahen die Frauen unten im Tal auf der gegenüberliegenden Seite eines kleinen Flusses Waffen blinken und bemerkten ein nicht unbedeutendes russisches Truppencorps, das soeben Halt machte und sich in einer langen Reihe aufstellte. Noch war es unmöglich, irgendeinen einzelnen in dieser Ferne zu erkennen, aber von einem gemeinsamen Gefühl ergriffen, erhoben sich Nina, Sophia und Mary und wehten mit ihren Tüchern. Täuschten sie sich oder war es Wirklichkeit, es schien, als wehe auch da unten im Tal etwas Helles. Marys Augen hafteten wie verklärt auf der Ferne. Sie blieb aufrecht während der ganzen folgenden Szene. Die Gräfin Helene saß stillschweigend, das Antlitz in die Hände gedrückt. Sie schien zu weinen.
Schamyl stieg vom Pferde und lagerte sich auf einer kleinen Erhöhung auf dem Rasen. Einer seiner Begleiter hielt einen schwarzen Schirm über ihn zum Schutz gegen die blendende Sonne. Daniel-Bey hatte sich zu ihm gestellt. Von Zeit zu Zeit erhob sich Schamyl, um durch ein Fernrohr zu blicken, das vor ihm auf der Erde aufgepflanzt war.
Es währte nicht lange, so sah man von den Russen eine kleine Schar sich trennen, und als sie näherkam, erkannte man, dass es die Wagen seien, welche das Geld trugen, begleitet von einigen Reitern in russischer Uniform. Einer von den letzteren sprengte den andern voraus. Es war ein Armenier, der die Unterhandlungen als bevollmächtigter Dolmetscher geleitet und sich durch seine Geschicklichkeit die besondere Gunst Schamyls erworben hatte. Sobald er nahe genug gekommen war, stieg er vom Pferde, übergab dasselbe einem der Begleiter Schamyls, der ihm zu diesem Zwecke entgegengeeilt war, und näherte sich Schamyl, der ihn mit einem Lächeln, aber trotzdem mit einem gewissen Misstrauen empfing.
»Ich danke Dir«, sagte Schamyl. »Es freut mich, dass Du zu mir kommst. Du siehst, ich bin selbst gekommen, weniger um meinen Sohn zu empfangen, was unsern Gebräuchen nicht angemessen wäre, als um diese edlen Gefangenen zu begleiten, denen ich, um mein ganzes Wohlwollen zu zeigen, die Gefangene von Stauropol hinzugefügt habe. Auch will ich darüber wachen, dass nicht irgendein trauriger Zwischenfall die Auswechselung störe. Kein Naib soll die Grenze überschreiten. Wo große Männer sich befinden, muss Ruhe, Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Kannst Du mir Deinerseits die Versicherung geben, dass ich keinen Verrat der Russen zu fürchten habe?«
»Gewiss nicht!« antwortete der Armenier. »Du kannst vollkommen sicher sein!«
»Befindet sich mein Sohn wohl?«
»Gott sei Dank, ja!«
»Man sagt, er spreche unsere Sprache nicht mehr?« fügte Schamyl fragend hinzu.
»Er lebt seit so vielen Jahren in Russland, dass er sie vergessen hat. Aber tadle ihn nicht deshalb, Imam; er wird sie in kurzer Zeit wieder vollkommen innehaben!«
»Also Du gelobst mir, dass meine Person ganz sicher ist?« fragte Schamyl.
»Ich bürge Dir dafür«, antwortete der Armenier. »Die Russen achten Dich und kennen die Gesetze der Ehre.«
»Und wie steht es mit der Belagerung von Sebastopol? Hat man neue Nachrichten?«
»Nein. Man schlägt sich tapfer auf beiden Seiten!«
»Wie«, sagte Schamyl, »drei Zaren können eine Festung nicht in sechs Monaten erobern? Dann muss ich stolz darauf sein, dass ich den Russen so viele Jahre lang widerstanden habe. Es ist wahr, ich verdanke das den Wäldern meiner Tschetschenia und den Abgründen meines Daghestan.«
»Willst Du Deinen Kriegern den Befehl geben, Imam, keine Freudenschüsse abzufeuern?« sagte der Armenier. »Es könnte missverstanden werden und zu Unglück Veranlassung geben.«
»Gut; aber dann müssen die Russen dieselbe Vorsicht beobachten!« sagte Schamyl.
»Das werden sie tun, denn seit dem Tode unseres Kaisers tragen wir Trauer, und jedes Zeichen der Freude ist untersagt.«
»Wie!« rief Schamyl. »Euer Kaiser ist tot?«
Und er schwieg mehrere Minuten lang.
»Ihr tut recht, Trauer zu tragen«, fuhr er dann fort. »Übrigens muss der Sohn eines solchen Kaisers seinem Vater gleichen. Ist derselbe Alexander, der vor kurzem den Kaukasus besucht hat, sein Nachfolger?«
Der Armenier bejahte. Schamyl blieb noch eine Zeit lang in Nachdenken versunken.
»Und ist das Lösegeld bezahlt?« fragte er dann. »Sind das die Wagen, die es bringen?« –
»Ja, Imam, alles ist in Ordnung. Dein Zahlmeister wird Dir sagen, dass kein Irrtum stattgefunden.«
»Wohlan!« rief Schamyl. »So reite zurück mit meinen Söhnen und fünfunddreißig von meinen Kriegern, bis auf tausend Schritt von dem Bach. Eine gleiche Zahl von Russen« soll dort meinen Sohn und die Geldwagen übergeben. Dann sind die Gefangenen frei. Mein Dank für Deine guten Dienste wird Dir nicht fehlen!«
Der Armenier entfernte sich, nicht ohne den gefangenen Frauen, die in großer Spannung dieser Unterredung mit den Augen gefolgt waren, ein ermunterndes Zeichen gegeben zu haben. Er sprengte in das Tal hinab und zu den Russen. Gleich darauf trennte sich von diesen eine Reiterschar und in demselben Augenblick, in welchem die Söhne Schamyls mit ihren fünfunddreißig Reitern auf der bezeichneten Stelle hielten, trafen auch die Russen mit Djemmal-Eddin dort ein.
Schamyl, der alles genau mit seinen Blicken verfolgte, gab ein Zeichen, grüßte die Gefangenen mit der Hand, und die Wagen rollten den Abhang hinab, dem Flusse zu.
Wenige Minuten später lag Mary Hywell in den Armen ihres Vaters, der ihre Stirn mit seinen Freudentränen netzte und sie dann sprachlos zur Seite führte, um den russischen Reitern, die sich näherten, Raum zu machen.
Zugleich hallte die Luft von dem Jubelruf wider, mit welchem ungefähr hundert Tschetschenzen, die trotz des Befehls Schamyls das Tal hinabgeeilt waren, den Sohn des Imam begrüßten. Viele küssten ihm die Hände. Djemmal-Eddin, ein junger Mann von nicht viel über zwanzig Jahren, von schlanker Gestalt und mit einem gutmütigen Gesicht, schien freudig bewegt. Jetzt erschien auch Kadjio, der Intendant, mit einem Paket und sagte dem jungen Manne, dass sein Vater ihn nicht in russischer Uniform, sondern in der Tracht der Kaukasier sehen möchte. Ohne sich zu besinnen, sprang Djemmal-Eddin hinter ein knospendes Gebüsch, warf die Oberkleider seiner Lieutenantsuniform ab und erschien gleich darauf im tscherkessischen Anzuge. Ein anderer Diener brachte ihm ein prächtiges Pferd; Djemmal-Eddin schwang sich leicht hinauf und ritt seinem Vater entgegen, der ihn stehend erwartete. Zehn Schritte vor ihm sprang der Sohn auf die Erde und warf sich in die Arme seines Vaters. Schamyl weinte. Dann wandte er sich zu den Umstehenden und sagte:
»Ich danke Gott, der mir meinen Sohn erhalten, dem Kaiser, der mir ihn wiedergegeben, den Verwandten der Gefangenen, die dazu beigetragen, ihn mir zu senden, und Dir« – er deutete aus den armenischen Dolmetscher, der hinzugekommen war – »der Du mir so gute Dienste geleistet!«
In diesem Augenblick bemerkte er einige russische Offiziere und Kadetten, die neben dem Armenier standen, und fragte, wer sie seien. Der Armenier antwortete, es seien Ordonnanzen, die der General, welcher das russische Detachement kommandiere, gesendet, um ihm seinen Sohn vorzustellen.
»Ich danke ihnen«, sagte Schamyl. »Ich hatte eine andere Meinung von den Russen. Ich beurteile sie heute besser.«
Die russischen Offiziere fragten Djemmal-Eddin, ob es ihnen nicht erlaubt sei, Abschied von ihm zu nehmen.
»Welche Frage!« rief der junge Mann, und er umarmte sie mit allen Zeichen lebhafter Anhänglichkeit. Schamyls Augen füllten sich von neuem mit Tränen, und vielleicht um den Eindruck zu schwächen, den diese Szene möglicherweise auf die Krieger der Berge machen konnte, sagte er:
»Diese jungen Leute waren ohne Zweifel Waffengefährten!«
Denn dem Kaukasier ist die Freundschaft unter Kriegern selbst verschiedener Stämme heilig. Darauf grüßte er die Offiziere höflich und befahl Kasi-Machmet, sie an der Spitze von hundert Reitern zurückzugeleiten. Er selbst stieg mit Djemmal-Eddin zu Pferde, um den Rückzug anzutreten.3 –
Aber während nun die russischen Truppen sich zum Rückmarsch ordneten und Graf Brazow seine Frau und seine Kinder herzte und Mr. Hywell und Mary noch immer mehr mit Blicken und Tränen als mit Worten zueinander sprachen, hatte sich, von allen ungeahnt, noch eine andere Szene des Wiedersehens entwickelt.
Helene war von dem Wagen gestiegen und stand unbeachtet von allen, bleich, die Augen zur Erde gesenkt, einsam inmitten all der Freude, vielleicht vergessen von der Welt, der sie wiedergegeben worden.
Da näherte sich ihr leise ein junger Offizier, dessen nicht schöne, aber männlich angenehme Züge den Ausdruck einer großen Erregung trugen, und sagte, nachdem er einen Moment gezögert, als ob ihm der Atem fehle, mit bewegter Stimme:
»Helene!«
Das junge Mädchen fuhr zusammen und ihr Gesicht, von glühendem Purpur übergossen, drückte freudiges Erstaunen und zugleich jene Verwirrung aus, von der jedes unschuldige weibliche Wesen ergriffen wird, wenn der Zufall ihr wider ihren Willen die Äußerung ihres innersten Gefühls entreißt.
»Also Sie sind es wirklich, Comtesse?« sagte der junge Offizier. »Sie sind uns wiedergegeben. Wollen Sie mir die Hand nicht reichen, nachdem wir uns so lange nicht gesehen haben?«
Die Purpurröte, nur für Momente verschwindend, blieb auf ihren Wangen.
»Sie sind der erste Freund, dem ich wieder begegnet«, sagte sie dann und reichte ihm die Hand.
Der junge Offizier behielt sie in der seinigen, und da sie fühlen mochte, dass er im Begriff stand, ihr mehr zu sagen als gewöhnliche Worte der Begrüßung, und da sie ihre Verwirrung noch nicht bemeistern konnte, so entzog sie ihm dieselbe nicht.
»Helene«, sagte der junge Mann, »nach Ihrem Verschwinden haben der Oberst und Ihre Freunde – und ich denke, ich gehöre zu ihnen – alle möglichen Nachforschungen angestellt. Wir zweifelten nicht daran, dass Aimar-Eddin Sie entführt habe, aber alle Anfragen bei Schamyl blieben unbeantwortet. Wir mussten uns entschließen, Sie aufzugeben. Erst durch die Briefe der Gräfin Brazow und der jungen Engländerin erfuhren wir, dass Sie in Dargo-Weden gefangen seien und dass Sie« – seine Stimme zitterte bei diesen Worten – »nicht nur den Anforderungen Aimar-Eddins widerstanden, sondern dadurch Ihr Unglück noch vergrößert hatten. Ich schrieb an Schamyl und – doch, das gehört nicht hierher. Er verweigerte Ihre Auslieferung, weil Aimar-Eddin noch lebte. Er hat sich zu derselben erst entschlossen, seit dieser Mann tot ist und weil er mit Recht erwarten darf, dass man ihm Dank für seine Großmut wissen wird. Die Zwischenzeit war zu kurz, um den Herrn Obersten zu benachrichtigen, dass er Sie hier empfange; aber damit doch irgendjemand zugegen sei, der Ihnen ein freundliches Wort sagen könne, nahm ich Urlaub von meinem Corps – es wurde mir unter den jetzigen Umständen nicht leicht – und wohnte dieser Auswechselung bei. Zugleich, Comtesse, stelle ich Ihnen alle meine Dienste zur Verfügung. Bestimmen Sie, was Sie zu tun gedenken. Ich werde es ausführen.«
»In der Tat, Gregor«, antwortete Helene, schnell und unruhig atmend, »es erfreut mich, irgendjemand zu sehen, der einst teil an meinem Schicksal nahm; ich danke Ihnen. Ich stand sehr einsam, bis Sie kamen. Es ist ein trauriges Gefühl, die Gefangenschaft mit der Verlassenheit zu vertauschen. Denn ich wusste ja nicht einmal, ob der Oberst noch lebe. Miss Hywell, die junge Engländerin, hat mir erlaubt, so lange bei ihr zu wohnen, bis —«
»Helene«, unterbrach der junge Offizier sie schnell, »lassen Sie mich noch einige Worte sprechen! Wir schieden – nicht im Frieden. Sie wussten, dass ich Sie liebte, und ich durfte hoffen, dass meine Neigung erwidert werde. Ich war arm – ich glaubte Sie nicht den Gefahren einer armseligen Ehe aussetzen zu dürfen. Ich deutete Ihnen dies an. Ihre Antwort, wenn ich sie recht verstand, wollte mir sagen, dass ein Mann unter allen Umständen danach trachten müsse, ein geliebtes Wesen sein zu nennen, umso mehr, wenn er wisse, dass er mit einer Aufopferung, die zu allem fähig sei, wiedergeliebt werde. Habe ich Sie damals recht verstanden, Helene?«
Sie blickte ihn groß, fragend, unruhig an, antwortete dann aber fest und klar:
»Ja, und so denke ich noch jetzt!«
»Sie haben Recht gehabt, Helene«, fuhr Gregor fort. »Ich habe, als ich von Ihnen getrennt war und. älter wurde, eingesehen, dass nichts in der Welt geeigneter sein kann, die trüben Gedanken der Entbehrung zu verscheuchen, als die Gegenwart eines geliebten Weibes, vorausgesetzt, dass die Wünsche beider auf das Einfache gerichtet sind, dass sie sich treu lieben und dass sie mit festem Mute vorwärts streben. Nicht, als ob nicht auch dann noch das Unglück ein solches Paar verfolgen könne, aber es wird und muss sich leichter gemeinsam ertragen lassen. Ich habe eingesehen, dass es oft eine Grausamkeit sein kann, die Ehe an den Besitz eines bestimmten Einkommens zu knüpfen. Der feste Wille und das Vorwärtsstreben eines Mannes müssen genügen; an Gott ist es dann, zu segnen oder Entbehrungen zu schicken. Als ich dies eingesehen hatte, war ich entschlossen, aus der Armee zu scheiden und mich als Ingenieur in Odessa niederzulassen. Ich schrieb in diesem Sinne an Sie und an den Obersten und bat Sie, falls Sie willens seien, auf mein Anerbieten einzugehen und meine Zukunft zu teilen, um Ihre Hand. Sie werden diese Briefe in Stauropol vorfinden; sie kamen zu spät. Sie waren bereits verschwunden. Helene, wenn ich dies jetzt sage, so geschieht es wahrlich nicht, um Ihrer Erregung und dem Gefühl der Verlassenheit, das Sie hier beschleichen musste, ein Geständnis zu entlocken, sondern nur, um Ihnen meine Gesinnung mitzuteilen, wie ich sie in jenen Briefen schon vor zwei Jahren ausgesprochen. Ich bin auch jetzt bereit, das Versprechen meiner Briefe wahr zu machen, obwohl man mir meinen Abschied jetzt als Feigheit auslegen könnte, und obwohl« – fügte er mit einem Lächeln hinzu –»ich vielleicht jetzt nicht mehr genötigt bin, Ingenieur zu werden.«
