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Kitabı oku: «Der Held von Garika», sayfa 20
Das junge Mädchen hatte, während es oft die Farbe wechselte, mit gesenkten Augen zugehört.
»Gregor«, sagte sie dann, »lassen Sie uns ein andermal davon sprechen. Führen Sie mich nach Tiflis oder Stauropol! Ich möchte Ihrer Gewissenhaftigkeit, Ihrem Ehrgefühl, nichts verdanken, nicht Ihre Laufbahn gefährden, weil –«
»O Helene!« unterbrach sie der junge Offizier. »Sagen Sie mir nur, ob Sie meiner gedacht haben, ob Sie mich noch lieben! Alles ist glücklich hier. Sollen wir, soll ich allein nicht hoffen?«
»Gregor«, antwortete Helene, »meine Gesinnungen sind dieselben, wie sie es waren, als wir uns trennten. Aber ich möchte nimmer die Ursache sein, dass Sie Ihre Laufbahn opfern – nimmer!«
»Aber, Helene, machen Sie mich glücklich!« rief Gregor. »Sagen Sie mir nichts, als dass Sie mich lieben!« –
Das junge Mädchen wandte sich ab und sagte, während ihre Augen sich mit Tränen füllten:
»Gregor, Sie wussten es damals und Sie wissen es jetzt!«
»Und Sie wollen mein liebes Weib werden, Helene?«
»Ja, aber nur, wenn Sie meinetwegen kein Opfer bringen, nur dann, Gregor!«
»Das stimmt nicht zu Ihren damaligen Worten, wo Sie ein Opfer verlangten!« rief der junge Mann. »Aber gleichviel! Helene, ich bringe kein Opfer mehr! Sie machen mich glücklich! Helene, ich darf Sie meinen Gefährten als meine Braut vorstellen?«
Er schlang den Arm um sie, sie wehrte ihn sanft ab. Aber sie vermochte dem Stürmischen nicht zu widerstehen. Er drückte sie an sein Herz, die süßesten Worte mit einer Bewegung sprechend, aus der die Wonne seines Herzens widerstrahlte. Helene, überwältigt von so viel Freude nach so viel Schmerz, sank auf ein Felsstück und weinte leise, während Gregor ihr unablässig wiederholte, wie glücklich er sei. –
Inzwischen hatte sich alles zum Rückmarsch geordnet. Schon hatten Nina, Sophia und die Kinder auf der Arba wieder Platz genommen, neben der Graf Brazow ritt, und auch der glückliche Mr. Hywell näherte sich mit seiner Tochter, während Gregor und Helene noch immer, alles vergessend, nebeneinandersaßen. Hywell und Mary blickten erstaunt auf die Szene, die sie sich nicht zu erklären vermochten. Die Melodie des Marsches, den das Musikcorps anstimmte, ließ Gregor aufblicken. Er, sah Mr. Hywell und sprang auf.
»Ah!« rief er. »Sie sind es! Sie haben Ihre Tochter wiedergefunden, ich meine Braut!«
»Aber, Herr Graf«, rief Mr. Hywell, »Sie haben uns nichts davon gesagt, dass diese Dame –«
»Weshalb?« rief Gregor lachend. »Wusste ich denn vorher, ob diese stolze Dame mich noch ansehen würde, nachdem ein Tschetschenzenhäuptling ihr den Hof gemacht? Aber sie hat mich nicht vergessen, sie ist ein Meister von Treue!«
»Herr Graf?« fragte Helene, die sich schnell erhoben hatte und ihre Tränen trocknete, voll Verwunderung.
»Nun ja, Helene, nachdem Du den armen Lieutenant, der um Deinetwillen mit Vergnügen Ingenieur werden möchte, wieder zu Gnaden angenommen hast, kann ich Dir wohl etwas mitteilen, was freilich sehr unwesentlich ist, denn es ändert nichts, gar nichts. Ein trauriger Zufall hat es gewollt, dass die Grafen Nordenberg, der Vater und die beiden Söhne, in derselben Woche an derselben Krankheit gestorben sind, und so bin ich – da gar keine Erben weiter vorhanden waren – plötzlich wie im Traume in den Besitz einer Erbschaft gekommen, an die ich gar nicht gedacht hatte. Der Kaiser ist sogar so gnädig gewesen, mir, dem einfachen Edelmann, mit der Erbschaft zugleich den Grafentitel zu verleihen. Ich habe also nicht mehr nötig, die Armee zu verlassen und Ingenieur zu werden, vorausgesetzt, dass Du es nicht ausdrücklich verlangst Aber das ist ja Nebensache! Ich schwöre Dir, dass ich Dich nicht lieber haben könnte, wenn ich auch Ingenieur wäre, und meine Briefe in Stauropol werden Dir zeigen, wie ich schon vor zwei Jahren dachte! Komm und lass uns glücklich sein!«
Und er zog das junge Mädchen, das nicht wusste, wie es so viel Glück begreifen solle, mit sich fort.
Eine Viertelstunde später war die Kolonne im Marsch, nach Süden, nach Tiflis zu; und Mr. Hywell saß allein mit seiner Tochter auf der einen Arba, denn Helene hatte ein Pferd bestiegen, das Gregor für sie mitgebracht.
Mr. Hywell hatte bis jetzt noch sehr wenig mit seiner Tochter gesprochen. Die Freude macht stumm, und außerdem gab es ja so vieles zu sprechen, dass beide vielleicht nicht wussten, womit sie beginnen sollten.
»Und wie geht es Mr. Wiedenburg?« fragte Mary endlich. »Du hast mir so wenig von ihm und George geschrieben.«
»Ah, Wiedenburg, ja!« rief der alte Mann. »Welch ein prächtiger Mensch! O wie selten sind solche Leute! Ach, er müsste schon längst in Wien sein, ich weiß es, aber ich kann ihn gar nicht entbehren. Es war mir, als müsste auch die letzte Stütze meines Lebens von mir weichen, wenn er ginge. Nun, ich hoffe, ich kann ihm eines Tages all die Opfer ersetzen, die er mir bringt.«
»So ist er in Tiflis? Oder wo ist er denn?« fragte Mary.
»Nein, er ist jetzt bei George«, antwortete Mr. Hywell. »Seit wir wussten, dass die Auswechselung ihren richtigen Gang nehme, dass keine Gefahr mehr vorhanden sei und dass wir uns nur in Geduld fassen müssten, kam Wiedenburg – wie immer! –auf die ganz richtige Idee, dass es besser sein würde, wenn er zu George ginge. Doch um Dir das zu erklären, mein liebes Herz, muss ich Dir sagen, wie es George geht. Ach – nicht besonders, nicht besonders!«
Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, blickte in die Ferne hinaus und seufzte.
»Ja«, fuhr er dann fort, »ich schrieb Dir wenig über George, weil es mir wenig Freude machte, davon zu schreiben, und weil außerdem unsere Briefe durch die Hände des russischen Kommandos und Schamyls gingen, und da war es denn besser, lieber gar nichts, als ein Wort zu viel zu sagen! Gerade an dem Morgen, an welchem Euch die verwünschten Tschetschenzen aus Dari fortschleppten, griff der Major Ombrazowitsch Garika an und musste mit großem Verlust heimziehen. Die Russen selbst haben eingestanden, dass die Garikaner sich wie Kerntruppen geschlagen. In ihren offiziellen Berichten stand natürlich nichts davon. Nun war George freilich sehr erfreut über diesen Sieg, aber Dein Schicksal drückte ihn doch sehr nieder; er schrieb sich die Schuld davon zu. All mein Zureden half nichts, er wurde düster und missmutig. Allerdings fehlte es auch nicht an andern Gründen, ihn trübe zu stimmen. Mit dem Aufstand wollte es nicht recht vorwärts. Es blieb bei diesem ersten Erfolge. Zum Teil war George auch selbst daran schuld, dass nicht andere georgische und mingrelische Fürsten beitraten. Er sprach zu diesen Leuten in einer Sprache, die sie nicht verstanden – ich meine geistig. Er sprach davon, es sei nötig, hier ein Regiment einzuführen ähnlich dem englischen, den Völkern nicht nur die Unabhängigkeit, sondern auch die Freiheit zu geben. Das verstanden diese Herren, die alle mehr oder weniger von dem Schlage Daniels sind, nicht. Gott weiß es, ich bin der Letzte, George wegen so löblicher Gedanken anzuklagen; aber sie passen doch nicht hierher, und jedenfalls hätte er besser getan, erst dann mit ihnen hervorzutreten, wenn die Russen besiegt und aus dem Lande hinausgeschlagen waren. Die eingeborenen Fürsten misstrauten ihm deshalb, hielten ihn für einen Schwärmer oder gar für einen Betrüger. Sein eigener Bruder verstand ihn nicht und unterstützte ihn nicht in seinen Plänen. Du weißt, dass Daniel Garika nur aus Eifersucht und Missmut ein Feind der Russen geworden. Jetzt, da die Sache sich in die Länge zog, überfiel ihn seine frühere Schwäche. Manche Schwierigkeiten kamen hinzu. Garika konnte die drei bis viertausend Bewaffneten nicht auf die Dauer ernähren. Sollten die Truppen nicht auseinandergehen, so musste man sie in den Kampf, womöglich zum Siege führen. George unternahm deshalb einen abenteuerlichen Zug, der mit der Eroberung von Tiflis enden sollte. Die Truppen stießen auf eine starke russische Truppenabteilung, die nach dem Süden marschierte, konnten natürlich nicht Stand halten und flohen in die Wälder. Nur ungefähr tausend fanden sich wie der in Garika zusammen. Schamyl ließ auch nichts von sich hören, an den Grenzen wurden die Türken zurückgedrängt, genug, George sah leider ein, dass, wenn nicht bald Hilfe kam, sein kleines Häuflein noch mehr zusammenschrumpfen werde. Er korrespondierte mit den Engländern, Franzosen und Türken, aber diese konnten ihm nur Hoffnungen und Versprechungen, keine Truppen senden. Die Russen machten inzwischen gar keinen Angriff. Sie brauchten ihre Truppen anderwärts und gingen von dem ganz richtigen Grundsatz aus, dass sich Georges Schar in der Untätigkeit am ersten ruinieren werde. Ich selbst war inzwischen nach Tiflis übergesiedelt, da ich einsah, dass ich nur von dort aus Deine Befreiung mit dem richtigen Nachdruck betreiben könne. Wiedenburg war abwechselnd bei mir und George. Die Russen, unsere ganz außergewöhnliche Lage erkennend, legten uns keine Schwierigkeiten in den Weg. Man muss es ihnen lassen, dass sie alles tun, sich Freunde zu machen und sich die Leute nicht ohne Grund zu verfeinden. Ich habe nicht über sie zu klagen. So kam der Herbst. Im Oktober hatte man ein Corps disponibel und sandte es gegen Garika. Der Major Ombrazowitsch, seiner damaligen Niederlage eingedenk, erbat sich das Kommando und erhielt es. Ich glaube, es waren ungefähr zweitausend Mann. Die Niederlage Georges war vorauszusehen; ich schrieb ihm, obgleich es eigentlich unrecht war, schleunigst einen Brief, um ihn von der Gefahr zu benachrichtigen und zur Flucht aufzufordern. Natürlich befolgte er meinen Rat nicht. Der Major griff an und nach einem zweistündigen Kampfe, der sehr heftig gewesen sein soll, da Alia Wassi das kleine Garika in eine starke Festung umgewandelt, war der Major Herr von Garika. Doch entkamen George, Daniel, die beiden Wassi, Johnny und einige Hunderte von den Garikanern. Sie zogen sich nach Westen, und dort hausen sie noch jetzt, unbelästigt von den Russen, die gar nicht die Absicht haben, zwecklos ihre Truppen zu opfern, aber auch ohne irgendeine Aussicht, den Russen Schaden zuzufügen. Denn die westlichen Völkerschaften haben keine Lust, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. So liegen die Dinge, mein Kind. Georges Pläne sind so gut wie gescheitert und werden im besten Falle nur dann wieder aufgenommen werden können, wenn die türkischen oder alliierten Heere Georgien betreten. Doch das liegt, wenn es überhaupt geschieht, im weiten Felde. Ich habe Briefe aus Sinope, von Wiedenburgs Oheim, der mir versichert, die Engländer und Franzosen würden Frieden schließen. sobald sie Sebastopol genommen, an dessen Zerstörung ihnen mehr läge als an der Erhaltung des türkischen Reichs. Ich glaube leider, dass er Recht hat. Ich weiß ja längst, dass unsere Politiker es nicht mit Russland verderben wollen, und des halb glaubte ich von Anfang an nicht ernstlich an den Krieg. Die Russen glaubten es auch nicht und sind sehr wütend auf uns, weil wir wenigstens in etwas Ernst gemacht haben. Genug, unser armer George hat von dieser Seite viel weniger zu erwarten, als er einst hoffte. Hauptsächlich aber schaden ihm seine Zivilisationsideen. Der einzige, der ihn versteht, ist Alia Wassi. Das ist überhaupt ein ganzer Kerl – ein echter Volkstribun. Hätte George nur hundert Leute wie den und David, so würde ich seine Sache auch heute noch nicht verloren geben. Aber was Alia gut macht, verdirbt Daniel, der seinem Bruder geradezu entgegenarbeitet und, davon bin ich überzeugt, sich seiner entledigen möchte. Ich habe nun Wiedenburg gebeten, zu George zu reisen, ihm das Vergebliche seiner Pläne vorzustellen und ihn zu bitten, mit uns, seinem Bruder, den beiden Wassi und wer sonst folgen will, dieses Land zur See zu verlassen. Die Truppen sollen sich zu den Türken durchschlagen oder sich nach der Krim übersetzen lassen. Für ein Schiff will ich schon sorgen. Es ist übrigens selbst dies nicht einmal nötig, denn die Russen würden ihnen verzeihen. Sie sind zu klug, sich diese Länder zu entvölkern, und wissen recht gut, dass das Volk friedlich ist, wenn ihm die Führer fehlen. Sie haben allen, außer George und Daniel, den beiden Wassi und einigen andern Häuptern, Verzeihung zugesichert, und in Garika ist, soviel ich weiß, niemand bestraft worden, den man nicht mit den Waffen in der Hand gefangen. So ist die Lage der Dinge, mein liebes, mir wiedergegebenes Kind! Ob George sich bewegen lassen wird, uns zu begleiten – ich weiß es nicht. Wie dem aber auch sein mag, wir verlassen, sobald, Du Dich dazu fähig fühlst, Tiflis, reisen nach Poti, warten dort, bis ein englisches Schiff uns aufnimmt, und fahren nach Konstantinopel. Ich bleibe nicht eine Stunde länger, als ich muss und Dir angenehm ist, in diesem Lande. Und Wiedenburg muss uns begleiten. Auch sein Leben schwebt hier in Gefahr und darf nicht geopfert werden. Sollte George sterben, was Gott verhüten wird, so weiß er, wofür er fällt. Er hat es gewollt, er hat um einen großen Preis gerungen, wenn auch unglücklich. Aber Wiedenburg erfüllt hier keinen andern Zweck als den des teilnehmenden Freundes. Nun, ich hoffe, beide zu retten. In Kutais denke ich George heimlich zu sehen. Dann nehme ich ihn mit mir und müsste es mit Gewalt sein. Hier ist doch jede Hoffnung verloren!«
In solcher Weise schilderte Hywell seiner Tochter die Vorfälle der Zwischenzeit und gab ihr dann auf ihre Fragen Auskunft über die Einzelheiten. Auch Mary gestand, dass sie eine unendliche Sehnsucht nach der Heimat habe, obwohl die Gegenwart des Vaters ihr die Heimat in ihrem besten und schönsten Teil ersetzte. Und da sie keine Ermüdung und keine Schwäche fühlte, so beschlossen sie, Tiflis, sobald es irgend möglich sei, zu verlassen.
Die Reise nach Tiflis währte mehrere Tage. Vorher schon verließen Brazow und seine Familie den Zug,·um sich nach Dari zu begeben,·das der Graf inzwischen wieder in Stand gesetzt hatte. Für die Gräfin Helene fand ihr Bräutigam ein Asyl in der Wohnung eines hohen Beamten. Der jungen Dame, die vor wenigen Tagen noch in den kalten und einsamen Zimmern des Serails geseufzt hatte, standen jetzt alle Türen offen, lächelte die ganze Welt.
Es war ein herzlicher Abschied, den Mary und Helene voneinander nahmen. Gemeinsame Leiden schlingen ja so bald ein Freundschaftsband um jugendliche Herzen! Und überdies hatte Helene erfahren, dass Mr. Hywell sich auf die dringenden Bitten Marys fast noch mehr um sie bemüht hatte als Graf Brazow.
»Sie sind durch den Empfang, der Ihnen an jenem Tage in dem Tale, das mir unvergesslich bleiben wird, zuteilwurde, reichlich für alle Leiden entschädigt worden«, sagte Mary, als sie Abschied nahm. »Ich zweifle nicht daran, dass Ihr Leben nun ein einziger süßer Friede sein wird. Und ich glaube, erst nach solchen Leiden empfindet man die Freuden umso tiefer und inniger!«
»Ja, das fühle ich!« rief Helene. »Es ist mir, als wäre ich aus der Unterwelt an das Licht des Tages emporgestiegen. Und Sie, Mary – erwartet Sie niemand, wie Gregor mich erwartet hat?«
Mary senkte errötend die Augen und schüttelte leicht den Kopf.
»Es, gibt wohl einen, den ich im Grunde meines Herzens lieb habe«, sagte sie leise, »aber ich fürchte, er liebt mich nicht!«
»O törichte Furcht!« rief Helene. »Welcher Mann sollte Mary Hywell nicht lieben! Nun, Mary – glauben Sie dem Rat einer treuen Freundin! – seien Sie nicht zu streng, zu vorsichtig. Viele Männer wagen nur dann zu sprechen, wenn sie des Erfolgs sicher sind –, und müssen wir das nicht verzeihen? Wenn Sie wissen, dass Sie geliebt werden, so verzögern Sie Ihr Glück nicht durch Kälte! O Sie wissen nicht, wie süß es ist, vor aller Welt seine Liebe bekennen zu dürfen! Heimliche Liebe ist nur dann kein Elend, wenn sie noch hoffen darf! Ich weiß, was ich empfand, als ich Gregor für immer von mir getrennt glaubte!«
II. Die letzten Hundert
Gimneti ist ein kleines Dorf, hoch aus den Felsen eines der Gebirgszüge, die sich südlich vom Kaukasus nach dem Rion hinabziehen. Es ist fast unzugänglich. Wenigstens muss auch der Wanderer in ruhigen Zeiten die Wege kennen, um hinauf zu gelangen auf die kleine Ebene, auf welcher die Hütten von Gimneti einer ärmlichen Bevölkerung Schutz gewähren. Einer bewaffneten Schar würde es ganz unmöglich sein, die Felsenhänge zu erklimmen, wenn sie von einigen entschlossenen Männern verteidigt werden.
Diesen Ort, den Alia Wassi früher einmal kennengelernt, hatte er zum Zufluchtsort bestimmt, und dort lagerte jetzt schon seit Monaten die kleine Schar, die sich der Führung der beiden Brüder und Alia Wassis anvertraut hatte und die jetzt auf kaum zweihundert Mann zusammengeschmolzen war. Die Leidendes Winters waren jetzt überstanden, denn der Frühlingshauch schwebte hinauf auch auf die rauen Berge. Aber ihre Spuren waren noch nicht verwischt. Bleich, abgezehrt und zerlumpt, fröstelnd, mehr vor Schwäche als vor Kälte, lagerten die Garikaner auf den Felsen oder unter den Hütten von Baumzweigen, die sie sich errichtet, denn die wenigen Hütten von Gimneti hatten nur dem kleinsten Teil der Schar ein kärgliches Obdach gewähren können. Jeder einzelne war ein Bild des Jammers, nicht nur des körperlichen, sondern auch des geistigen, denn Entmutigung, Zweifel, vielleicht auch Reue nagten an den Herzen.
Selbst Johnny, der ewig gleichgültige und frische Johnny, war nicht mehr der alte. Seinen Anzug zwar hatte er wunderbarerweise in bestem Zustande erhalten und sein schwarzlackierter Hut glänzte noch, als wäre er soeben aus einem bewährten Londoner Magazin gekommen. Aber Johnny selbst war magerer geworden, sein Auge war trüber, sein Bart grauer und seine Haltung hatte etwas Gebücktes, das man früher nie an ihm bemerkt. So ging er jetzt langsam am Rande eines steilen Abhangs auf und ab, um sich zu wärmen, und pfiff trübselig die Melodie eines englischen schwermütigen Schifferliedchens, die ihm seit zwanzig Jahren vielleicht nicht in den Sinn gekommen war, die aber hier plötzlich wieder auftauchte. Es war ein harter Winter für Johnny gewesen. Wenig zu essen und noch weniger zu trinken; denn der Wein des Landes, sonst berühmt, mundete ihm nicht; viel Kälte, aber, was noch schlimmer war, überall düstere Gesichter und vor allem das bleiche Gesicht seines lieben jungen Herrn!
Da erschien es, dieses bleiche Gesicht. George trat aus einer der ärmlichen Hütten, in halb fränkischem, halb orientalischem Anzuge. Er ging aufrecht und leicht.
Man sah es, dass er niemand zeigen wollte, wie viel auf ihm laste. Aber es bedurfte nur eines einzigen Blicks in sein Antlitz, in die tiefliegenden Augen und den unsicheren Blick, um zu wissen, dass das Herz dieses jungen Mannes noch viel mehr gealtert war als sein Gesicht.
Als sein Auge über die weite Felsenlandschaft schweifte, die sich malerisch und wild dem Auge auf allen Seiten eröffnete, erkannte er Johnny, der ruhig und als ob er seinen jungen Herrn nicht bemerkt hätte, seinen Spaziergang fortsetzte. Er ging auf Johnny zu, die Garikaner grüßend, die sich ehrerbietig, wenn auch matt erhoben, um seinen Gruß zu erwidern, denn sie liebten ihn. Er hatte alles mit ihnen geteilt, Brot, Wasser und Wein, er hatte gehungert, wenn er irgendwo eine Klage neben sich hörte, er hatte die Wachen bezogen, wie jeder gewöhnliche Garikaner, und er hatte in allen Fällen ein Wort des Trostes, der Ermutigung, des Mitleids für jeden gehabt. Sie wussten, dass er seine Decke ablegen, seinen Rock ausziehen werde, um denjenigen zu wärmen, den er neben sich über Kälte klagen höre, und sie wussten auch, dass ihr Unglück an seinem Herzen schwerer nage als an jedem andern.
Als Johnny sah, dass George auf ihn zukam, stand er still.
»Etwas kühl, Mr. George«, rief er, sich die Hände reibend. »Die Sonne meint’s gut, aber hier oben ist der Wind noch etwas scharf. Na, es wird ja mit jedem Tage mehr Sommer.«
»Wir haben kein inneres Feuer mehr, alter Freund!« sagte George, mit einem Lächeln, das den, Ausdruck seiner Züge noch trauriger machte. »Ich wollte Dir nur sagen, Johnny, dass Mr. Wiedenburg und ich Briefe aus Tiflis erhalten haben. Miss Mary ist glücklich und wohlbehalten mit ihrem Vater wiedervereinigt!«
»Gott sei Dank!« rief Johnny mit der wahrsten Freude. »Hurra! Das ist Land! So hat mich seit Monaten keine Nachricht erquickt! Nun, sehen, Sie, Sir, es kann alles wieder gut werden!«
»Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie sehr auch mich diese Nachricht erfreut hat«, sagte George, »denn Du weißt, dass ich mich mit Recht für den Urheber dieses Unglücks hielt. Nun, Mary ist mit ihrem Vater vereint. Sie werden in der nächsten Zeit, vielleicht in wenigen Tagen, auf ihrer Reise nach dem Schwarzen Meere, Kutais oder sonst einen Ort in der Nähe passieren. Ich möchte sie wohl noch einmal wiedersehen, ja, ich gestehe es, es würde mich unendlich glücklich machen, noch einmal Mr. Hywells treues Antlitz und Miss Marys anmutiges Lächeln zu schauen. Aber ich weiß doch kaum, ob ich es wagen darf. Ich fürchte, die Russen werden dazwischenkommen; obgleich«, fügte er hinzu, und der schmerzlich-sehnsüchtige Ausdruck seiner Züge wich einem kalten, gleichgültigen Lächeln, »obgleich mir das jetzt auch einerlei wäre, denn früher oder später fangen sie mich doch!«
»Reden Sie doch nicht solch Zeug, Sir!« rief Johnny fast heftig. »Ist das Land nicht so gut wie frei, sind die Wege nicht offen, ist das Meer nicht weit und sind Alt-Englands Schiffe nicht an der Küste? Ich will verdammt sein, wenn Mr. Hywell Ihnen nicht schreibt, dass Sie mit ihm reisen sollen, und wenn das nicht ein verdammt gescheiter Gedanke ist.«
»Mr. Hywell schreibt das allerdings!« sagte George mit einem stillen Lächeln. »Aber Du weißt ja, Johnny, dass ich es nicht annehmen kann. Ich bleibe bei denen, mit denen mich mein Schicksal verbunden hat. Dagegen wirst Du, alter Freund, mit Mr. Hywell zurückreisen. Du hast Dich lange genug in der Welt meinetwegen herumgetrieben.«
»Ich bleibe bei denen, mit denen mich mein Schicksal und Mr. Hywells Befehl verbunden hat!« antwortete Johnny fest.
»Sei kein Tor, lieber alter Freund!« bat George. »Es ist hier nichts mehr für Dich zu tun, nichts mehr für mich zu sorgen. Die Dinge gehen ihren Gang, man muss sie abwarten.«
»Nun, und was denken Sie denn zu tun, Sir?« fragte Johnny. »Wollen Sie hier oben in diesem Krähennest abwarten, bis Sie vor Hunger und Langeweile sterben? Seien Sie aufrichtig, Mr. George!«
»Ich bin es, Johnny, gegen Dich immer!« rief George.
»Nein, nicht immer«, antwortete Johnny, seinem jungen Herrn fest ins Auge blickend, »obwohl ich recht gut weiß, dass Sie es nicht böse meinen. Antworten Sie mir aufrichtig! Glauben Sie, dass Sie Ihren Zweck noch erreichen, dass Sie die Russen zum Lande hinausjagen und Ihren Bruder zum König machen können? Was, nebenbei gesagt, der grüßte Unsinn ist, denn Ihr Bruder ist mir ebenso widerwärtig, wie ich Ihnen von Herzen gut bin! Antworten Sie mir, Mr. George!«
»Nun, Johnny weshalb sollte ich denn jede Hoffnung aufgegeben haben?« fragte George und versuchte zu lächeln. »Das Kriegsglück ist treulos. Zuerst siegten wir, dann die Russen. Nun ist die Reihe zu siegen wieder an uns. Die Türken werden vorrücken, sobald sie sich organisiert und gute Generale erhalten haben. Sebastopol ist in diesem Augenblick vielleicht schon eingenommen. Dann rücken die Verbündeten in Russland ein und die Russen müssen noch mehr Truppen als jetzt aus den kaukasischen Ländern herausziehen. Unser Glücksstern wird noch leuchten. Im Kriege muss man nie verzweifeln, solange man noch einen Arm und eine Muskete hat. Vielleicht sind wir in drei Monaten in Tiflis!«
»Mr. George«, sagte Johnny, kurz den Kopf schüttelnd, »alles, was Sie mir da sagen, ist recht gut, und ich weiß auch, dass Sie nicht so Unrecht haben. Mancher General hat sich in einer schlimmern Lage befunden als Sie. Aber wenn Sie mir trotzdem Ihre innersten Gedanken mitteilen wollten, wenn Sie, was ich eben meine, wirklich aufrichtig wären, so würden Sie anders sprechen! Denn Sie, Sir, wissen so gut wie ich, dass Sie hier nicht hergehören und dass hier alles vergeblich ist, auch wenn die Russen aus dem Lande geschlagen würden, vergeblich für Sie! Denn Sie gehören hier nicht her, so wenig wie ich und Mr. Wiedenburg. Der alte Weißkopf, der Wassi, das ist der einzige, dem ich’s an den Augen ansehe, dass er Sie versteht, und auch er hofft nichts mehr. Lachen Sie nicht über mich, Mr. George, ich habe auch meine Augen, und wenn ich die Sprache des Mundes nicht verstehe, so verstehe ich die Sprache der Augen und der Mienen. Die Männer hierzulande sind Ihnen zugetan, bis auf Ihren Bruder, den nehme ich aus, der liebt überhaupt keinen Menschen! Jeder würde für Sie durchs Feuer gehen, aber das alles reicht nicht aus! Ihr Bruder Daniel, so wenig ihn die Leute auch leiden können, ist in den Augen der Männer dieses Landes doch mehr König als Sie. Man versteht Sie nicht, das ist es! Man liebt und ehrt Sie, weil jeder, der Sie kennt, Sie lieben muss, aber man versteht Sie nicht! Sie wollen die Leute glücklich machen, aber sie verstehen nichts von diesem Glück! Mr. George, der alte Johnny wird Ihnen einen Rat geben. Überlegen Sie bei sich selbst, ob Sie der Mann sind, zehn einflussreichen Männern dieselben Versprechungen zu machen und sie alle nachher darum zu betrügen, ob Sie zehntausend Menschen auf dem Schlachtfelde opfern können, um nachher fünfzigtausend mit Füßen zu treten, genug, ob Sie betrügen, versprechen, lügen, tyrannisieren können! Glauben Sie, dass Sie der Mann dazu sind, dann vorwärts! Dann versprechen Sie den Türken dies, den Engländern das, den Eingeborenen etwas anderes und Schamyl noch etwas anderes, dann verschaffen Sie sich Geld und Truppen, lassen dem, der Ihnen widerspricht, vor der Fronte der Armee den Kopf abschlagen, verhöhnen den, der Sie an ein gegebenes Versprechen erinnert, genug, dann sind Sie ein Politiker und können hoffen, hier Erfolge zu erringen, vorausgesetzt, dass die Engländer, Franzosen und Türken überhaupt Lust haben, hier ein tüchtiges Reich sich bilden zu lassen. Denn, Sir, so macht man hier Rebellion! Aber das könnten Sie nicht! Sie können kämpfen, aber nicht intrigieren, und deshalb passen Sie nicht hierher. Die armen Leute, die Eingeborenen. sind gut, aus denen lässt sich alles machen, aber mit denen allein kommen Sie nicht durch, Sie müssen die Häupter für sich haben, und mit denen können Sie sich nicht verständigen, weil Sie kein Intrigant sind. So ist es, Sir!«
Georges Miene, die anfangs lächelnd gewesen, war, wurde ernster und ernster. Jetzt senkte er den Kopf und sagte leise:
»Du hast in manchem Recht, Johnny! Aber was soll aus diesem Lande werden, wenn sich nicht ein uneigennütziger Mann findet, der außer der Unabhängigkeit des Landes auch das Wohl des Volkes will?«
»Darum handelt es sich jetzt gar nicht, Sir!« rief Johnny. »Ich habe oft genug mit Mr. Wiedenburg darüber gesprochen, und der meint auch, das sei Sache der Zukunft. Es wäre wohl einmal möglich, dass sich hier den Mann fände, der einen glücklichen Moment benutzte, Hunderttausende gegen die Russen vereinte und sie mit Hilfe der Bergvölker aus dem Lande schlüge. Wenn dann das Land erst unabhängig sei, so werde sich das Weitere schon finden. Aber er sagt, wie ich: Sie sind nicht der Mann dazu und werden es auch nicht, wenn Sie auch nach Amerika oder sonst wohin gingen, wo man Staaten gründet. Sie wären ganz da am Platz, wo ein Volk Sie verstehen kann, aber hier würden Sie stets als ein Fremder, ein Schwärmer, von den Mächtigen mit Misstrauen betrachtet werden, und das niedere Volk allein ist zu unselbstständig, um Sie zu stützen. Sehen Sie das ein, Mr. George?«
»Und wenn ich dies oder etwas Ähnliches einsehe, Johnny?« fragte George.
»Nun, Sir, dann müssen Sie sich sagen, dass Sie hier überflüssig sind!« rief der treue Diener. »Und dann müssen Sie Ihr und so vieler Leben retten, als möglich ist. Es ist eine Kleinigkeit für Sie, ihren Bruder und die beiden Wassi, zu entkommen und Mr. Hywell zu begleiten. Mögen Sie dann mit Ihren Gefährten nach England gehen oder sich sonst irgendwo am Kriege gegen Russland beteiligen, das geht mich nichts an. Aber fort müssen Sie! Den Garikanern haben die Russen Verzeihung zugesichert, wenn sie zurückkehren und sie werden Wort halten, denn sie brauchen Soldaten und Steuerzahler. Die Russen wissen recht gut, dass der Leib tot ist, wenn man den Kopf herunterschlägt. Also nehmen Sie Mr. Hywells Anerbieten an. Wir reisen zusammen? Topp?«
Und er streckte mit einem herzlich bittenden Lächeln George die Hand hin.
»Ich kann nicht, Johnny, ich kann nicht«, antwortete dieser traurig. »Ich kann mich nicht fortschleichen wie ein Dieb in der Nacht, nachdem um meinetwillen Tausende unglücklich geworden sind. Johnny, Du musst das einsehen! Ich könnte die Schande einer solchen Flucht nicht überleben!«
»Aber, Sir«, rief Johnny, »dann hätten schon hundert Könige und Feldherrn sich die Hälse abschneiden müssen! Wie viele haben Kriege begonnen, die unglücklich endeten! Ihre Absicht war gut, die Garikaner sind freiwillig zu Ihnen getreten oder eigentlich zu Ihrem Bruder, der Ausgang war traurig, nun, wo ist Ihre Schuld? Kein Mensch wird es Ihnen verargen, wenn Sie fliehen. Jeder wird sich freuen, wenn Sie entkommen. Und wenn einige von Ihren Garikanern sich fürchten, zurückzukehren nach Garika, nun, so begleiten sie uns. Und wären es hundert, was schadet das? Ein englisches Schiff wird sie schon aufnehmen und nach Sinope oder der Krim bringen, wo sie in türkische Dienste treten können. Also vorwärts, einen Entschluss gefasst, Sir!«
»Die einzige Möglichkeit wäre in der Tat, dass diese treuen Männer mich begleiteten!« sagte George in tiefem Nachsinnen. »Das Land ist fast frei von Russen, wir könnten die Küste glücklich erreichen. Aber nein, nein! Ich will nicht! Ich bin gekommen, um zu siegen oder zu sterben, und so will ich denn sterben!«
»Das sagt jeder junge General!« rief Johnny. »Hätte sich jeder nach der ersten Niederlage eine Kugel, durch den Kopf schießen wollen, so hätte er später kein berühmter General und Sieger werden können! Nein; Mr. George, ermannen Sie sich! Lassen Sie sich nicht niederdrücken vom Unglück! Überlegen Sie schnell und benachrichtigen Sie Mr. Hywell! Am besten, wenn wir nach der Küste herausziehen und ihn dort treffen. Aber Eile ist nötig«, fügte er leise hinzu, »sonst fürchte ich Verrat!«
