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Kitabı oku: «Der Held von Garika», sayfa 24

Adolf Mützelburg
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III. Der Lohn des Verräters

Daniel Garika wohnte wieder auf Garika.

Es war kein Zweifel, dass man ihn allgemein verachtete. Aber die russische Regierung hatte es für zweckmäßig gehalten, die Versprechen zu halten, die man ihm gemacht und die darin bestanden, dass alles vergessen und verziehen sein solle, wenn er George und die Rädelsführer in die Hände der Regierung liefere. Die dortigen Zustände waren noch so wenig gesichert, die russische Herrschaft war so wenig befestigt, dass man diplomatisch verfahren musste. Die Macht der Russen beruht in der Uneinigkeit, in der Isolierung der einzelnen, in der allmählichen Verknüpfung der Interessen der eingeborenen Fürsten mit dem Interesse Russlands. Genau bekannt mit dem Charakter der dortigen Fürsten, musste die russische Regierung sich sagen, dass es unklug sein würde, Daniel Garika nicht vollständige Verzeihung zu gewähren. Diejenigen Fürsten, die noch auf einstige Wiedergeburt ihres Vaterlandes rechneten, waren jetzt gegen Daniel Garika erbittert, während sie ihm vielleicht verziehen haben würden, wenn Russland ihn verstoßen. Dadurch war Daniel isoliert und musste sich eng an Russland anschließen. Ferner aber würde niemals irgendjemand bei einer ähnlichen Gelegenheit einen ähnlichen Verrat zum Nutzen der russischen Regierung begangen haben, wenn man jetzt nicht dem Fürsten Wort gehalten. Die Regierung musste zeigen, dass sie zu verzeihen, sogar zu belohnen wisse und dass sie eingegangene Verpflichtungen unbedingt halte, dann fand sich gewiss unter den zahlreichen verderbten Adelsgeschlechtern jener Länder immer ein Verräter, der bei einem neuen Aufstande aus dem Untergang der andern Nutzen für sich selber zu ziehen hoffte. Genug, Daniel war in sein Besitztum und in seine Titel wiedereingesetzt. Nur seinen Rang als Milizoffizier hatte er verloren, da das Offizierscorps sich entschieden geweigert, mit ihm in einem und demselben Corps zu dienen.

Ob Daniel Garika in seinem eigenen Innern den Verrat fühlte, ob sein Gewissen ihm Vorwürfe machte das konnte man nicht ahnen. In Tiflis ließ er sich nicht sehen, und auf seinem Schlosse Garika führte er ein lustiges Leben, lustiger als früher. Einige übelberüchtigte Menschen hatten sich seiner bemächtigt, und mit diesen lebte er auf Garika in Saus und Braus. Er war früher ein träger, gleichgültiger Mensch gewesen, der wie eine Pflanze lebte und nicht einmal Leidenschaften besaß. Jetzt zechte, spielte und sang man auf Garika, und mancher Bursche aus dem Städtchen sann heimlich auf Rache für die Schmach, die man seinem Mädchen angetan, das man mit List oder Gewalt nach Garika geführt. Die Diener gehorchten ihm nur noch mit ingrimmigen Mienen und leisen Verwünschungen, die Landleute gingen ihm aus dem Wege. Aber wer ihn nicht grüßte und die Mütze vor ihm bis tief auf die Erde abnahm, musste fürchten, gegeißelt zu werden.

Nach Dari war er nur sehr selten hinübergeritten. Michael Brazow behandelte ihn kalt, wagte aber nicht, allen Umgang mit ihm abzubrechen, da ihm ja von der Regierung verziehen war. Eigentümlich aber war es, dass nicht nur Sophia, sondern auch Nina einen offenen Widerwillen gegen ihn zeigte. Nina konnte George nicht vergessen. So seltsam es scheinen mag, sie liebte diesen Bruder, den sie so selten gesehen, den sie nicht verstand, mit ganzer Seele, obgleich er ein Feind ihres Gatten gewesen. Das Andenken eines Toten ist uns gewöhnlich lieber als die Person des Lebenden, aber dieser Grund war nicht der einzige, aus dem sich Ninas Vorliebe für den Gefallenen erklären ließ. Einmal verehrte sie in ihm auch jetzt noch die höhere, reinere Natur, und dann wurde stets mit einer solchen Achtung von ihm gesprochen, dass sie unwillkürlich Stolz empfinden musste. In der Tat trugen selbst die Russen ihre Verehrung und Bewunderung für George ganz offen zur Schau.

Sie tadelten seine Absichten, seine Pläne, aber sie ließen seiner Tapferkeit seiner Uneigennützigkeit vollkommene Anerkennung widerfahren, wenigstens diejenigen unter ihnen, die überhaupt noch imstande waren, etwas Edles anzuerkennen. So bildete sich in Ninas Herzen ein stiller Kultus für den Gestorbenen, dessen Bild rein und glänzend in ihrer Erinnerung fortlebte. Sobald Daniel sich in Dari zeigte, zog sie sich auf ihr Zimmer zurück und ließ sich nicht sehen. – Dasselbe war mit Sophia der Fall. Auch sie sprach mit Wärme und inniger Teilnahme von George und seinem uneigennützigen edlen Herzen. Sie nannte ihn den einzigen Mann, der ihr den Glauben eingeflößt habe, dass in dem georgischen Blute noch wirklich etwas Großes und Edles lebe. Oft sprachen die beiden Frauen zusammen von George und Mary, diesen beiden Gestalten, die so verschieden waren von allen denen, die sie früher gesehen und jetzt sahen. Hätten sie mit ihnen zusammenleben sollen, so würde sich gewiss manche Gelegenheit zu Zwistigkeiten und Reibungen geboten haben, aber jetzt, da George tot und Mary fern war, schwebten sie ihnen als verklärte Wesen in ungetrübter Reinheit vor. Ja, es schien fast, als seien Sophia und Nina seit jener Zeit ernster geworden und bemühten sich, so viel es ihnen möglich sei, jenen beiden nachzueifern.

Der Major war seit dem vergangenen Jahre nicht in Dari erschienen. Er·kämpfte jetzt gegen die Türken aber es hieß, er werde bald zurückkehren, um ein Kommando gegen die Tschetschenzen zu übernehmen. Auch Daniel hatte ihn seit jenem Tage nicht gesehen, an welchem die letzten Hundert Georges vernichtet wurden.

Es war ein schöner Maitag, und wieder ritt Daniel durch das blühende Paradies von Garika nach Dari.

Er schien in sehr lustiger oder wenigstens in aufgeregter Stimmung zu sein. Zuweilen lachte er laut vor sich hin, ließ sein Pferd tanzen und schnippte mit den Fingern in die Luft. Er musste viel getrunken und zugleich eine sehr angenehme Nachricht erhalten haben. Das war in der Tat der Fall. Am vergangenen Tage war von Tiflis aus ein Gast bei ihm zum Besuch eingetroffen, der Bruder eines seiner jetzigen Freunde, der in Tiflis bald als ein Spieler und Abenteurer erkannt worden war und es deshalb vorgezogen hatte, einige Wochen in dem einsamen Dari zu verleben. Von diesem hatte Daniel einige Nachrichten über das frühere Leben des Majors Ombrazowitsch erhalten, und diese Nachrichten wollte er jetzt nach Dari tragen und womöglich der Comtesse Sophia selbst mitteilen.

Er hatte sich so eingerichtet, dass er in Dari zu einer Zeit eintreffen musste, in welcher, wie er wusste, der Graf mit seiner Frau und Schwester bei schönem Wetter den Kaffee in einer der Lauben der untern Terrasse zu nehmen pflegte. Da er wusste, dass Sophia und Nina ihn gewöhnlich zu vermeiden suchten, so wählte er seinen Weg so, dass er nicht bemerkt werden konnte, und gelangte in der Tat ungesehen auf den Schlosshof.

Man sagte ihm, dass Brazow und die Damen sich in jener Laube befanden, und er ging dorthin. Sein Erscheinen rief eine sichtliche Verstimmung hervor. Vielleicht hatten die drei soeben über irgendeinen Gegenstand vertraulich geplaudert, und das Erscheinen Daniels unterbrach sie in unangenehmer Weise. Die triumphierende Miene Daniels musste ihnen auffallen und in gewissem Grade ihre Neugierde erregen. Dennoch stand Sophia auf und wollte gehen.

»Haben Sie lange nichts von Ombrazowitsch gehört?« fragte Daniel den Grafen.

»Nein, von ihm selber nicht«, antwortete dieser. »Doch schrieb mir ein Bekannter, er werde in diesen Tagen von der türkischen Grenze zurückkehren, um sich an den Operationen gegen Schamyl zu beteiligen.«

»Interessiert es Sie, etwas über den Major zu erfahren?« fragte Daniel, mehr zu Sophia als zu Brazow gewendet.

Niemand antwortete.

»Ich meine nicht über seine Gegenwart«, fuhr Daniel fort, »sondern über seine Vergangenheit.«

»Ich weiß nicht, was Ombrazowitsch für eine Vergangenheit gehabt haben könnte«, sagte Brazow kurz.

»Ich habe darüber merkwürdige Aufschlüsse erhalten«, sagte Daniel. »Erinnern Sie sich jenes Tages, Comtesse, an dem ich die Schlange zertrat, die Ombrazowitsch abgerichtet hatte und mit der er so allerliebste Kunststücke aufführte? Ich sagte Ihnen doch damals schon, dass ich wüsste, die Schlange sei abgerichtet.«

Sophia antwortete auch jetzt nicht. Sie blieb stehen, halb abgewandt, und schien zu erwarten, was folgen werde. Denn ein gewisses Interesse musste der Major immer noch für sie haben.

»Der Major ist, wie ich erfahren habe, der Sohn eines ukrainischen Kosaken«, sagte Daniel. »Er ist nicht der Sohn eines Hetmans, wie er selbst zuweilen angegeben, sondern eines ganz einfachen Kosaken. Er war aber als Kind schon schlau wie ein Fuchs, und seine Klugheit lenkte die Aufmerksamkeit des Gutsbesitzers auf ihn, der ihn eine Zeit lang mit seinen Kindern zugleich unterrichten ließ. Das währte bis zum zwölften Jahre. Dann fand es sich, dass einige Gegenstände aus dem Schlosse – natürlich nur Kleinigkeiten – in die Tasche des jungen Kameraden der Kinder des Schlossherrn gewandert waren. Man ließ ihn peitschen und jagte ihn aus dem Haus.«

»Unmöglich!« warf Brazow dazwischen. »Man würde etwas davon erfahren haben.«

»Von seinem zwölften Jahre an hielt er sich bei einer Gauklerbande auf«, fuhr Daniel fort, »und zog mit dieser durch die meisten Länder Europas. Daher mögen seine Sprachkenntnisse stammen; jedenfalls datieren von damals her die Geschicklichkeiten, die er sich in vielen Dingen erworben, von denen wir einfachen Menschenkinder natürlich keine Ahnung haben. Dann gelang es ihm, die Protektion einer hochstehenden Dame zu erlangen, und er trat in ein Dragonerregiment als Freiwilliger und avancierte sehr schnell zum Fähnrich und Lieutenant. Ob nun indessen etwas von seiner Vergangenheit verlautete oder ob sonst irgendeine kleine Unannehmlichkeit dazwischenkam, genug, Ombrazowitsch erhielt einen beliebig langen Urlaub und ging nach Afrika, um sich dort, wie es hieß, im Bergkrieg auszubilden. Er diente auch dort einige Jahre in einer von den Fremdenlegionen, musste aber, wie es hieß; auch dort seinen Abschied nehmen, und zwar sehr schnell, da man ihm den Vorwurf machte, bei der Verteilung von Beutestücken seine Kameraden übervorteilt zu haben. Nach Russland zurückgekehrt, trat er wieder in sein Regiment ein. Doch musste etwas über seinen Aufenthalt in Algier ruchbar geworden sein; man flüsterte über ihn. Um alle Bedenken niederzuschlagen, warf sich Ombrazowitsch in die Arme einer alten, wegen ihrer Galanterien berühmten und sehr einflussreichen Dame. Er wurde zum Premierlieutenant ernannt und man schwieg über ihn. Doch hielt er es für besser, nicht länger in seiner Garnison zu bleiben. Er benutzte die erste beste Gelegenheit, um sich hierher, nach dem Kaukasus, zu einem Dragonerregiment versetzen zu lassen. Hier ist man weniger unterrichtet und hält alles für Gold, was glänzt. Dies ist ein kurzer Abriss der Lebensgeschichte des Majors, den ich, wenn ich Lust hätte und wenn die Damen nicht zugegen wären, mit einer Reihe kleiner und höchst amüsanter Nebenabenteuer ausschmücken könnte.«

Dabei lachte er und ließ seine Blicke triumphierend und spöttisch auf Sophia ruhen, welche dieselben mit vollkommener Kälte und Verachtung erwiderte.

»Woher haben Sie denn diese allerdings seltsamen Nachrichten?« fragte Brazow.

»Von einem Bekannten, der, wie ich glaube, gut unterrichtet ist«, antwortete Daniel. –

In diesem Augenblicke näherte sich ein Diener und überreichte eine Karte, indem er sagte, dass der Herr Major seine Aufwartung zu machen wünsche und dass derselbe gesagt, er befinde sich auf der Durchreise.

»Es ist der Major Ombrazowitsch«, sagte Brazow etwas überrascht. »Sollen wir ihn annehmen?«

»Ich halte es für notwendig, da er doch weiß, dass wir uns hier im Freien befinden, und da er uns wahrscheinlich schon vorher bemerkt hat«, sagte Sophia.

»Was wir soeben gehört, kann uns doch nicht abhalten, höflich zu sein, so wenig mir sonst daran liegt, den Major wiederzusehen. Jene Erzählung kann wahr, kann aber auch nur Verleumdung sein. Wir werden es ja bald erfahren.« –

»Comtesse!« rief Daniel aufbrausend. »Eine Verleumdung –«

»Nun ja, wie leicht ist das möglich!« antwortete Sophia kurz. »Ich sage ja nicht, dass sie von Ihnen herrührt, und weiß nicht einmal, ob Sie dieselbe gegen den Major selbst vertreten wollen. Es wird vieles gelogen in der Welt. Es wäre lächerlich, alles von vornherein und ohne Beweise zu glauben.«

Daniel biss sich wütend auf die Lippen. Der Graf hatte bereits dem Diener gesagt, dass der Major der Gesellschaft angenehm sei. Man erwartete ihn schweigend.

Er erschien in seiner Interimsuniform. Er hielt sich gut und stattlich, und mit seinem gebräunten Gesicht war er eine echte Soldatenfigur. Er verneigte sich tief gegen die Damen, sehr höflich gegen Brazow, beachtete aber Daniel fast gar nicht, bat um Entschuldigung, wenn er störe, und sagte, dass er von der Grenze komme, auf dem Wege nach Tiflis sei und auch dieses bald verlassen werde, um nach dem Norden zu gehen.

Das Gespräch, an welchem sich Nina, Sophia und Daniel gar nicht beteiligten, drehte sich um die kriegerischen Ereignisse an der türkischen Grenze und vor Sebastopol.– Natürlich wurde Georges keine Erwähnung getan. War doch der Major selbst an dem letzten Angriff auf das kleine Corps beteiligt gewesen.

Während des Gesprächs blickte der Major sehr oft auf Sophia. Er schien in ihren Blicken lesen zu wollen, wie sie gegen ihn gesinnt sei. Aber das war unmöglich.

Sophia blickte ernst und gleichgültig, scheinbar teilnahmslos vor sich hin und erhob nur selten das Auge. Der Major musste überhaupt bemerken, dass Sophia ernster geworden war oder es wenigstens scheinen wollte. Es lag etwas auf ihrem Gesicht, was er früher nicht bemerkt, ein bitterer, verächtlicher Zug und zugleich etwas Lebensmüdes. Sie hatte Erfahrungen gemacht, sie hatte einsehen gelernt, dass die Männer, die sich ihr zuwendeten, nicht diejenigen seien, die ihr der Liebe wert schienen.

Zufällig erwähnte der Major bei Gelegenheit der Schilderung eines Gefechts mit den türkischen Baschi-Boschuks auch der Beduinen in Algier und verglich diese verschiedenen Truppen miteinander.

»Sie haben eine stürmische Vergangenheit gehabt, Herr Major«, sagte Sophia, sich zum ersten Male an dem Gespräch beteiligend. »Sie haben sich von einem Bauernsohn zum Major emporgeschwungen.«

»Wer sagt das?« fragte Ombrazowitsch befremdet. »Meine Geburt ist allerdings keine hohe. Mein Vater war einfacher Anführer eines Kosakencorps. Aber ein Bauernsohn oder, was dasselbe wäre, der Sohn eines Leibeigenen bin ich nicht. Woher haben Sie diese Nachricht?«

»Prinz Daniel hat uns soeben interessante Mitteilungen über Ihr Leben gemacht«, sagte Sophia

»Aber, Sophia«, rief Brazow, »das gehört nicht hierher!«

»Warum nicht?« fragte Sophia. »Prinz Daniel hat uns weder Diskretion empfohlen, noch schien er überhaupt dieselbe verlangen zu wollen. Ich glaube, ich irre mich nicht, Prinz!«

Daniel war leicht erblasst. Er antwortete jedoch scheinbar ruhig:

»In der Tat, ich glaube meine Mitteilungen vertreten zu können.«

»So darf ich dieselben erfahren, hoffe ich!« sagte der Major, sich in seinen Gartenstuhl zurücklehnend. »Wenn sie aber so unrichtig sind wie jene erste, so bin ich sehr begierig, den Urheber kennenzulernen.«

Daniel erzählte etwas stockend und zuweilen einen Ausdruck mäßigend, aber er wiederholte im Allgemeinen, was er vorher berichtet. Der Major lauschte aufmerksam, aber scheinbar sehr ruhig.

»Und wer hat Ihnen diese Mitteilungen gemacht?« fragte er dann mit einem spöttischen Lächeln

»Ein Herr Lorzinsky«, antwortete Daniel.

»Bah, ein bekannter Abenteurer, Spieler und Betrüger«, sagte der Major verächtlich. »Ich muss mich aufs Höchste wundern, dass Sie die Mitteilungen eines solchen Menschen öffentlich und gerade hier wiederholen. Wenn ich nicht irre, so sagten Sie, Sie wollten dieselben vertreten?«

»Ja, ich tue es!« rief Daniel. »Und ich werde sie beweisen!«

»So sind Sie ein Lügner«, rief der Major sich erhebend, »und nur die Gegenwart der Damen hält mich ab, Ihnen meine Meinung in derberen Worten zu sagen. Genug, Sie sind ein Lügner, Herr Graf, haben Sie die Güte, das Nähere zu verabreden.– Adieu,« meine Damen! Sie werden mich nicht eher wiedersehen, als bis dieser Schimpf von mir abgewaschen ist!«

Und sich verneigend trat er zurück und ging dem Schlosse zu.

Daniel warf sich in seinen Gartenstuhl mit seiner Miene, als ob er einen großen Triumph errungen. Aber in seinen Blicken lag doch etwas Unsicheres. Ganz so wohl, wie er scheinen wollte, schien ihm nicht zumute zu sein.

Michael Brazow ging mit auf den Rücken gelegten Armen auf und ab. Sophias Gesicht zeigte nicht mehr allein Verachtung, sondern auch Spott, ja fast Schadenfreude. Es war allerdings ein Triumph für sie, Daniel in diese Lage versetzt zu haben. Nina beschäftigte sich ruhig mit ihrer Handarbeit. Wenn irgendetwas dafür zeugte, wie vollständig die schwesterliche Liebe für Daniel aus ihrem Herzen entwichen sei, so war es diese Gleichgültigkeit. Auch Nina musste wissen, dass es sich hier um Leben und Tod handelte. Aber sie arbeitete ruhig weiter, als sei nichts geschehen.

»Nun, Prinz, wie wollen wir die Sache arrangieren?« fragte Brazow, vor Daniel stehenbleibend.

»Ganz nach Ihrem Belieben«, antwortete Daniel, sich den Schnurrbart streichend. –

»Nach meinem Belieben? Mir beliebt nicht«, rief Brazow fast heftig. »Man hat nichts als Unannehmlichkeiten mit Ihnen! Ich wünschte, diese Affäre wäre nicht hier passiert, hier in meinem Hause. Das Geschrei davon wird bis nach Petersburg dringen!«

»So danken Sie dafür der Comtesse, die so gütig war, den Major zu unterrichten!« sagte Daniel.

Nichts hätte Sophia gehindert, die Terrasse zu verlassen, aber sie tat es nicht. Gerade jetzt schien sie entschlossen, zu bleiben, um zu sehen, wie Daniel sich benehmen werde. Ihr Blick war mit unbeschreiblicher Kühle, mit der verächtlichsten Gleichgültigkeit auf Daniel gerichtet, der sich unter diesem Blicke geistig wand und auch körperlich unruhig hin und her rückte.

»Bitte um Verzeihung!« sagte sie ruhig. »Was ein Mann spricht, muss er vertreten können! Und dass ich wissen wollte, was der Major auf Ihre Beschuldigungen zu erwidern habe, ist ganz natürlich, da ich weiß, dass er den Gedanken, mich zu heiraten, immer noch nicht aufgegeben hat.«

»Ah!« rief Daniel, sich in seinem Stuhl halb aufrichtend. »Dieser Elende!«

Auch Brazow schien überrascht und sah seine Schwester forschend an.

»Ist das wahr, Sophia?« fragte er. »Ich glaubte, davon sei nie mehr die Rede gewesen!«

»Zwischen mir und dem Major nicht«, antwortete die Comtesse, »aber er hat zu einer meiner Freundinnen in Tiflis geäußert, dass er seine Bewerbung um mich erneuern werde, sobald der Krieg zu Ende sei. Ich scheine ihm zwar zu zürnen, doch hoffe er, mich von der Grundlosigkeit meiner Antipathie zu überzeugen. Ich führe dies hier nur an, um mein Benehmen zu erklären. Der Wunsch, den Charakter und die Vergangenheit eines Mannes, der unsere Hand begehrt, kennenzulernen, scheint mir sehr natürlich!«

»Gleichviel, es ist einmal geschehen«, sagte Brazow missmutig. »Es gibt nur zwei Wege, diese Angelegenheit zu beendigen. Entweder Sie verlangen Beweise von jenem Lorzinsky und werfen, wenn er sie Ihnen nicht geben kann, die ganze Angelegenheit auf ihn zurück und bitten Ombrazowitsch um Verzeihung –«

»Niemals!« rief Daniel mit einem wütenden Zucken der Lippen. »Ich hasse ihn wie den Tod!«

»Oder Sie schlagen sich mit ihm«, fuhr Brazow fort, »und zwar in jeder Art und Weise, wie der Major es verlangt, denn er ist auf eine schwere, fast unerhörte Weise von Ihnen beleidigt.«

»Wir schlagen uns oder schießen uns, was er will, natürlich –, mir alles gleich!« sagte Daniel.

»Aber machen Sie Ihr Testament!« sagte Sophia ruhig. »Der Major ist ein geübter Schütze!«

»Wünschen Sie meinen Tod?« rief Daniel mit einem staunenden Blick.

»So wenig wie den dieses Wurms!« sagte sie und schnellte einen Wurm, der dicht vor ihrem Fuße über den Sand kroch, mit der Spitze des Fußes fort.

Daniel erhob sich, bleich wie der Kalk an der Terrassenwand, vor der er saß.

»Graf!« rief er, »dulden Sie eine solche Beleidigung Ihres Schwagers in Ihrem Hause?«

»Aber, mein Gott, machen Sie das mit Sophia ab!« antwortete Brazow fast verächtlich. »Ich kann meiner Schwester nicht verbieten, Ihnen auf Ihre Fragen zu antworten. Nun also, Sie sind von Ombrazowitsch ein Lügner genannt worden, und es scheint, als wollten Sie weder den Beweis der Wahrheit Ihrer Behauptungen führen, noch auch über die Unrichtigkeit derselben Kenntnis einziehen. Was soll ich dem Major von Ihrer Seite melden?«

»Dass ich ihm den Lügner mit einer Pistolenkugel zurückgeben will«, erwiderte Daniel. »Die Zeit mag er selbst bestimmen. Darf ich Sie bitten, mir zum Sekundanten zu dienen?«

»Ich bedauere, Ihre Bitte abschlagen zu müssen«, antwortete Graf Brazow. »Der Major wird meiner mehr bedürfen als Sie, da es ihm schwerfallen dürfte, hier in der Nachbarschaft einen Sekundanten zu finden.«

»So nehme ich Lorzinsky!« sagte Daniel, sich auf die Lippen beißend.

»Mir recht, wenn der Major ihn nicht ablehnt«, sagte Brazow kühl.

Ein Diener näherte sich und überreichte dem Grafen ein offenes Blatt Papier, auf welchem folgende Worte in französischer Sprache standen:

»Herr Graf! Meine dienstlichen Verhältnisse machen es mir zur unabweislichen Pflicht, noch heute eine Beendigung der Ehrensache herbeizuführen, die zwischen mir und dem Prinzen Daniel Garika entstanden ist. Ich muss morgen in Tiflis sein, oder wenn ich falle, muss die Nachricht meines Todes dort eintreffen. Entweder das Duell findet heute Nachmittag statt, oder es wird aufgeschoben. Natürlich wünsche ich das Erstere, und der Prinz wird sich nicht weigern, für seine unverschämte Beleidigung noch heute einzustehen. Darf ich Sie bitten, mir bis dahin Gastfreundschaft in Ihrem Schlosse zu gewähren und mir zu sekundieren? Sie erzeigen diese Ehre keinem Unwürdigen. Ich bin bereit, Ihnen, wenn ich überlebe, den Nachweis zu liefern, dass die Behauptungen des Prinzen Lügen sind. Ich bin usw.

Paul Ombrazowitsch.«

Der Graf reichte Daniel das Blatt, der es aufmerksam las und dann sagte:

»Ich habe nicht nötig, ein Testament zu machen. Wollen Sie einen Diener nach Garika schicken, um meine Pistolen holen und Lorzinsky sagen zu lassen, dass er herüberkomme?«

»Es ist mir nicht angenehm, diesen Mann hier zu sehen«, antwortete Brazow. »Aber es wird das erste und letzte Mal sein. Ich werde mit dem Major sprechen!«

Er stand auf. Nina erhob sich und sagte:

»Ich gehe mit Dir!«

Sie nahm seinen Arm und warf Sophia einen fragenden Blick zu. Wider Erwarten schloss sich Sophia den beiden nicht an, im Gegenteil, sie nahm ein Buch vom Tische und begann zu lesen. So blieb sie also mit Daniel allein zurück.

Dieser warf ihr, während sie las oder zu lesen schien, unruhige Blicke zu, in denen sich Befremden und Ungewissheit aussprachen. Auch ihn musste es überraschen, dass Sophia, die ihn sonst immer mied, jetzt gerade in seiner Nähe blieb. Endlich stand er auf, tat einige Schritte, stand in einiger Entfernung von Sophia still und sagte mit unsicherer Stimme:

»Comtesse, darf ich Ihnen einige Worte sagen, die vielleicht meine letzten sein werden?«

Sophia ließ ihre Hände und das Buch in den Schoß sinken, antwortete aber nicht.

»Meine letzten, Comtesse!« wiederholte Daniel betonend.

»Ich wünsche es!« sagte Sophia mit verächtlicher Kälte.

»Sie wünschen es? Was wünschen Sie? Dass es meine letzten Worte sein mögen?« fragte Daniel.

»Nun ja, ich sollte meinen, das Leben müsste Ihnen selbst zur Last sein!« antwortete die Comtesse.

Daniel stand, als habe er nicht recht gehört, und starrte sie an. Offenbar war er bemüht, dem Gedankengange Sophias zu folgen. Aber wenn er sie auch verstand, so durfte er es nicht zugeben. Und vielleicht verstand er sie wirklich nicht, denn ihm erschien alles, was·er in dem letzten Jahre getan, sehr natürlich.

»Sie haben Recht, Comtesse, in gewissem Sinne ist mir das Leben eine Last«, sagte er. »Ich sehe mehr und mehr ein, dass der liebste meiner Wünsche niemals in Erfüllung gehen wird, Sophia. Sie haben in der Tat nicht recht an mir gehandelt. Ohne Sie wäre alles anders gekommen. Ich hätte mich nicht zu jener törichten Erhebung verleiten lassen, ich hätte die Anwartschaft auf Ihre Hand behalten; ich habe ja seitdem erfahren, dass Sie an jener nächtlichen Szene mit dem Major unschuldig waren.«

»Die Anwartschaft auf meine Hand?« fragte Sophia mit unbeschreiblicher Verachtung. »Sie scheinen Ihre Gedanken verloren zu haben. Verzeihen Sie mir, wenn ich mich etwas stark ausdrücke, aber es scheint mir, als sei Ihr Verstand umwölkt. Wann und wo habe ich Ihnen je Hoffnungen gemacht?« –

Einen Augenblick schien es, als wolle Daniel aufbrausen. Dann aber ergriff ihn etwas wie Rührung oder vielleicht Kleinmütigkeit. Seine Miene wurde sanfter, sein Blick bittend.

»Sophia«, sagte er, »Sie sind so hart gegen mich, und in wenigen Stunden lebe ich nicht mehr!«

»Was kümmert mich das?« antwortete sie trotzig. »Sind Sie es nicht selbst, der sein Leben um einer Verleumdung willen aufs Spiel setzt? Verlangen Sie Mitleid, Sie?«

»Und weshalb ich nicht?« fragte er, betroffen von dem unsäglich höhnischen Ausdruck ihrer Miene.

»Sie sollten glücklich sein bei dem Gedanken, einen schnellen Tod von einer Kugel sterben zu können«, sagte Sophia. »Wahrlich, dieser Tod ist zu gut für Sie.«

»Sophia«, rief Daniel mit bleichen, zitternden Lippen, »Sie sind furchtbar, Sie hassen mich!«

»Hassen? Nein, das Gefühl des Hasses ist noch etwas Edles im Vergleich mit dem, was ich für Sie empfinde. Daniel, diese Unterredung wird die letzte sein, die jemals zwischen mir und Ihnen stattfindet. Ob Sie nun lebend oder tot den Kampfplatz verlassen, der Sie erwartet, wir werden nie mehr miteinander sprechen. Deshalb will ich Ihnen meine wahre Meinung sagen. Ja, es gab eine Zeit, in der ich schwach genug war, selbst mit Ihnen zu kokettieren; ich verabscheue diese Zeit, ich verwünsche sie! Aber damals kannte ich Ihren ganzen elenden Charakter noch nicht. Es gab Augenblicke, in denen ich glaubte, es schlummere noch etwas Edleres in Ihnen. Jetzt weiß ich, dass Ihr Herz schlechter ist als das des elendesten Verbrechers. Selbst der Verbrecher hält seinen Genossen Treue, Sie haben den eigenen Bruder, den eigenen Waffengefährten verraten!«

»Es war nicht mein Bruder!« rief Daniel wild.

»Mann!« rief Sophia und ihre Augen blitzten, »Mann, erheben Sie Ihre Hand und schwören Sie im Namen Gottes, des Allwissenden, dass Sie glauben, es sei nicht Ihr Bruder gewesen! Ja, da stehen Sie, bleich wie ein Verbrecher! Nun, warum fügen Sie nicht den Meineid zum Verrat? Warum schwören Sie nicht? Weil Sie nicht können, weil Sie nicht einmal den Mut des Verbrechers haben, weil Sie feig sind!«

»Unerhört! Unerhört!« murmelte Daniel, außer sich vor Wut und Schrecken. »Wenn Sie ein Mann wären –«

»Nun, und wenn ich das wäre?« rief Sophia: »Was wollen Sie? Vielleicht würden Sie in einem Augenblicke halber Raserei mich zum Zweikampf fordern, um zu zittern, wenn ich Ihnen gegenüberstände. Denn zittern werden Sie auch vor Ombrazowitsch! Die Natur hatte Ihnen ein Quäntchen Mut verliehen, das letzte Erbteil eines edlen Vaters! Auch das ist dahin! Ihr Gewissen wird Sie niederdrücken. Sie wissen fest, dass Sie mit einem Verbrechen auf der Brust sterben, dass Sie mit schwerer Schuld beladen diese Welt verlassen, und deshalb liegt das dunkle Grab furchtbar vor Ihnen. Für Sie gibt es keine Hoffnung. Entweder alles ist aus mit dem Tode, und dann verlieren Sie den Lohn Ihres Verrats, oder es ist nicht aus, und dann erwartet Sie jenseits die blutige Gestalt des Bruders, den Sie gemordet haben. Ich sage Ihnen, Sie werden zittern, wenn Ombrazowitsch Ihnen gegenübersteht!«

»Sie sind ein Teufel! rief Daniel, das Gesicht verzerrt von Entsetzen. »Und Ihretwegen tat ich alles! Ihretwegen verriet ich George. Ich hoffte noch immer auf Sie!«

»Entweder ich muss: sehr schlecht gewesen sein, oder Ihre Verachtung alles Ehrgefühls übersteigt alle Grenzen, dass Sie eine solche Hoffnung hegen konnten!« sagte Sophia düster. »Ja, ich war schlecht, ich war leichtsinnig, ich weiß es, aber nicht so schlecht, dass Sie hätten glauben dürfen, ich würde einem allgemein verachteten Menschen meine Hand reichen! Und Sie – Sie wagen es, über Ombrazowitsch zu spotten? Wenn er alles getan hätte, dessen Sie ihn beschuldigen, er wäre immer noch ein Ehrenmann im Vergleich mit Ihnen! Seine Fehler ließen sich vielleicht durch die Verhältnisse, durch die Not erklären und entschuldigen. Aber was Sie getan, findet seine Erklärung nur in einer gemeinen Seele. Ombrazowitsch, darauf schwöre ich, hätte den eigenen Bruder nie verraten!«

»O tausendmal!« rief Daniel, schäumend vor Wut. »Sie lieben ihn, den Schurken!«

»Lieben? Nein, ich – doch wozu soll ich Ihnen Rechenschaft geben über mein Herz!« sagte Sophia. »Was ich getan, geht nur mich an. Ich werde es büßen.«

Sie erhob sich. Daniel stand mit aufeinander gepressten Lippen, in sprachloser Wut.

»Sie wissen jetzt, weshalb ich zurückgeblieben bin bei Ihnen, den ich sonst immer mied«, sagte Sophia. »Ehe Sie dieses Leben verlassen, wollte ich Ihnen wenigstens kundtun, wie man über Sie denkt. Denn wie ich denken alle; selbst Nina wurde nicht bewegt von dem Gedanken an Ihren Tod. Und wenn Sie überleben, nun, so wissen Sie genug, um mir nie wieder zu nahen. Nie werde ich wieder ein Wort an Sie richten. Aber solange ich lebe, werde ich mich schämen, dass ein Mann wie Sie auch jetzt noch Liebe von mir erwarten konnte!«

Es war vielleicht gut, dass in diesem Augenblick ein Diener auf der Terrasse erschien. Daniel, bis ins Innerste seines eitlen Herzens verletzt, wäre zu einem Angriff auf Sophia fähig gewesen. Jetzt sank er, unfähig, seiner namenlosen Wut Worte zu geben, mit einem dumpfen Schrei in einen Stuhl. Ohne ihm noch einen Blick zuzuwenden, ging Sophia langsam nach dem Schlosse. Als sie durch den Korridor im Erdgeschoss ging, öffnete sich eine Tür und der Graf und der Major traten aus derselben. Ombrazowitsch verbeugte sich tief und schien durch diese Verbeugung und dadurch, dass er einen Schritt auf sie zutrat, andeuten zu wollen, dass er mit Sophia zu sprechen wünsche. Sie stand still.

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10 aralık 2019
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546 s. 27 illüstrasyon
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