Kitabı oku: «Die Kraft des Miteinander», sayfa 5
Die Koordinatorin eines Familienrats beginnt ihre Arbeit
Im Rahmen der Vorbereitungsphase verabredet sich die Koordinatorin mit der Mutter (siehe Abb. 1). »Die Kinder sollten auch dabei sein, wenn es möglich ist«, empfiehlt sie am Telefon. Sie wird von der Mutter an der Wohnungstür begrüßt. Eine stattliche brünette Frau mit modernem Kurzhaarschnitt, gemütlichem Outfit und rotlackierten Fingernägeln. Mit einem Lächeln lässt sie die Koordinatorin in ihre Wohnung treten: »Kommen Sie herein.« Diese folgt der Mutter durch den engen Flur in das Wohnzimmer. Neben einer alten Zweier- und einer Dreisitzer-Couch findet ein großer PC-Tisch mit einem 17-Zoll-Bildschirm Platz. Davor sitzt der neue Ehemann, dreht sich auf einem Bürostuhl um und lächelt freundlich: »Guten Tag, ich bin der Mann von Frau Özgür.« Er streckt der Koordinatorin eine Hand entgegen, während die andere Hand hastig seine Zigarette zum Mund führt, um gierig daran zu ziehen. Er scheint etwas nervös zu sein.
Gegenüber der größeren Couch befindet sich ein riesiger Fernseher. Stumm flimmert eine der aktuellen Nachmittagssoaps über den Bildschirm. Die Luft ist getränkt von frischem Zigarettenrauch und die Geräuschkulisse erinnert, dank dem PC aus den 1990ern, an einen Heizungskeller. Die Wohnung könnte etwas Weiß vertragen – Tapeten und Gardinen haben die Farbe des Nikotins angenommen. Die Mutter ruft nach den Kindern und prompt stehen Yunus (8), Adam (12) und Ali (16), der Älteste, im Wohnzimmer und nehmen nach einem »Hallo!« auf dem Boden Platz. Ein Smalltalk beginnt, wie es dem Paar denn die Woche so erging. Die Koordinatorin versucht das Gespräch auf den Familienrat zu lenken: »Die Mitarbeiterin vom Jugendamt berichtete Ihnen ja schon vom Familienrat und sie teilte mir mit, dass Sie dafür bereit wären?« Frau Özgür erwidert: »Glauben Sie mir, wir tun alles, um den Vater loszuwerden.« Sie lacht verlegen: »Der Vater ist ja auch gar nicht das Problem. Eher die neue Partnerin. Seitdem er mit ihr zusammenlebt, hetzt sie ihn gegen uns auf. Andauernd beschwert er sich, dass die Kinder nicht gepflegt genug wären. Oder sie zu viel Fernsehen schauen. Wir sind zu allem bereit, damit das aufhört. Obwohl ich nicht so recht daran glaube, dass das was ändern könnte.«
Das Jugendamt möchte den Familienrat vor allem für den Vater und so fährt die Koordinatorin fort: »Nun gut. Für einen Versuch wären Sie doch bereit, oder?« Die Mutter nickt und versichert, dass es ja vor allem um die Kinder gehe. Auch die Kinder werden gefragt. Yunus und Adam sind mittlerweile mit dem Handy beschäftigt, der Älteste antwortet für alle drei: »Also wir sind bei allem dabei, sodass Mama und Papa nicht mehr so viel streiten.« Die Koordinatorin erklärt, wie die Vorbereitung auf den Familienrat ablaufen wird. »Wir könnten heute schon eine Netzwerkkarte erstellen. Da Sie ja insgesamt fünf Personen sind, würde ich vorschlagen, dass ich heute mit Ihnen, Frau Özgür, und Ihrem Mann die Netzwerkkarte mache, und ich vereinbare einen zweiten Termin mit Ihren Kindern, wäre das in Ordnung?«. Die Mutter zögert: »Okay, aber das sollte bitte nicht länger als eine Stunde dauern.« Die Kinder ergreifen die Chance und ziehen sich in ihre Räume zurück. Auch aus den Kinderzimmern dröhnen die Ventilatoren weiterer Computer.

Abb. 1: Schritte zur Durchführung des Familienrats (Roth u. Früchtel 2017, S. 27)
Die Vorbereitungsphase beginnt mit der Netzwerkarbeit
Die Koordinatorin holt ein großes Blatt Papier heraus: »Dann lassen Sie uns gleich loslegen.« Sie setzt ihre Routine fort: »Ich würde nun gern mit Ihnen einmal aufschreiben, wer bei Ihnen im Netzwerk denn alles so vorhanden ist. Es geht noch nicht darum, wer dann auch tatsächlich dabei sein wird. Es geht nur darum, wer grundsätzlich alles zur Verfügung steht.« Die Mutter beugt sich nach vorn, greift nach dem Stift und schreibt ihre Kinder, ihren Lebensgefährten und einen guten Freund des Lebensgefährten auf. »Das sind eigentlich alle, die ich dabeihaben möchte.« Die Koordinatorin setzt nach: »Es geht wie gesagt nicht darum, wer tatsächlich eingeladen werden soll, sondern wer alles so vorhanden ist in Ihrer Umgebung. Wissen Sie, manchmal vergisst man ja Personen, die im Nachhinein wichtig gewesen wären. Schreiben Sie auch gerne Bezugspersonen von Ihren Kindern auf.« Die Mutter zögert und listet mit erklärenden Beschreibungen der einzelnen Beziehungen weitere Personen auf. »Aber wie ich schon sagte: Die, die ich zu Beginn aufgeschrieben habe, die will ich dabeihaben.« Die Koordinatorin schaut auf das Blatt und überlegt, wie sie die Oma als wichtige Bezugsperson aller Kinder ansprechen soll. »Und Ihre Mutter wollen Sie wirklich nicht dabeihaben?« Frau Özgür fällt der Koordinatorin direkt ins Wort: »Nein, alle, bloß nicht meine Mutter. Sie haben ja keine Ahnung, wie das enden würde! Dann bin ich nicht mit dabei!«
»Frau Özgür, könnten Sie sich denn vorstellen, dass Ihre Mutter zumindest einen Brief für den Familienrat schreibt?« Die dreifache Mutter hat keine Einwände. Die Koordinatorin notiert sich das, fährt in der Planung fort und klärt Ort und Zeit mit der Familie ab. »Also, ich möchte nicht, dass das hier stattfindet. Das muss schon an einem neutralen Platz sein. Wir könnten das doch in der Moschee, hier um die Ecke machen, oder Salman?« Frau Özgür beugt sich nach vorn, um ihren Mann anzuschauen. »Ja, wir können mal fragen.« Die Koordinatorin bietet Unterstützung an für den Fall, dass es dort nicht möglich sein könnte. Auch die kulinarische Versorgung wird besprochen. »Ich mache das Lieblingsessen meines Ex-Mannes! Da bin ich aber auf das Gesicht seiner Lebensgefährtin gespannt!« Frau Özgür lacht und wirft dabei ihren Kopf in den Nacken.
Der »unwillige Vater«
Beim ersten Versuch der Kontaktaufnahme und der anfänglichen Begrüßung legt Herr Özgür auf: »Jugendamt? Nein, danke!« Die Koordinatorin schreibt einen Brief, in dem sie das Anliegen mit dem Familienrat erläutert. Auch einen Flyer und einen Internet-Link zu einem Kurzfilm über das Vorgehen legt sie bei.
Der Briefkontakt scheint geholfen zu haben. Herr Özgür ruft die Koordinatorin an: »Was genau wollen Sie denn?« Die Koordinatorin wiegt fast jedes Wort ab, bevor sie es ausspricht. »Es geht um Ihre Kinder. Sie werden nicht ernst genommen und die zuständige Kollegin im Jugendamt möchte das jetzt ändern. Sie möchte Sie ernst nehmen. Mit Ihrer Meinung und Ihrer Sorge, die Sie in Bezug auf Ihre Kinder haben. Und deshalb hat sie mich beauftragt, mit Ihnen einen Familienrat zu koordinieren.« Der Vater wirkt resigniert. »Ach wissen Sie, so oft haben wir schon, also meine Frau und ich, versucht, mit der Mutter der Kinder zu reden. Vergeblich. So oft haben wir die Missstände benannt und dass es so nicht weitergehen kann. Wissen Sie, das sind meine Kinder, und auch wenn sie leider nicht bei mir leben, möchte ich gehört werden. Das ist nicht in Ordnung.«
Die Koordinatorin zeigt Verständnis und versucht deutlich zu machen, dass der Familienrat ihm den Rahmen geben würde, den er jetzt bräuchte, um gehört und in seiner Rolle anerkannt zu werden. »Und inwiefern ist das anders als sonst? Der Mitarbeiterin im Jugendamt traue ich gar nicht mehr über den Weg. Sie nimmt ja meine Briefe nicht ernst und ignoriert sämtliche E-Mails oder Anrufe!« Die Koordinatorin versucht abzulenken und geht wieder auf den Punkt der Ernsthaftigkeit ein: »Der Familienrat ist für Sie die Chance, alle Ihre Sorgen zu platzieren und dafür Gehör zu finden. Sie sollen den Raum bekommen, den Sie so dringend als sorgender Vater benötigen. Kinder leiden ja auch darunter, wenn ihre Eltern so dermaßen zerstritten sind. Das sieht die Mitarbeiterin im Jugendamt ganz genauso und möchte Sie als Vater ernst nehmen.«
Der Vater setzt mit etlichen Berichten aus der Vergangenheit fort. Die Koordinatorin versucht immer wieder deutlich zu machen, dass im Rahmen des Familienrates das Hier und Jetzt angepackt und verändert werden kann. Es vergeht noch eine halbe Stunde, ehe der Vater zögerlich fragt: »Wie genau wird das denn ablaufen, bei so einem Familienrat?« Die Koordinatorin erklärt, dass es damit beginnt, wen er als Vater, wen die Mutter und wen die Kinder als wichtige Personen des Familienrates ansehen. Sie werden zu einem bestimmten Termin eingeladen an einem Ort, an dem sich die gesamte Familie wohlfühlt. »Zu Beginn wird die Mitarbeiterin des Jugendamtes noch mit dabei sein sowie mögliche weitere Fachkräfte, die Sie als Familie gerne dabeihaben möchten. Und nachdem das Jugendamt seine Sorge vorgetragen hat und auch Sie als Familie sagen, welche Sorgen Sie gerne bearbeiten möchten, verlassen die Fachkräfte und ich als Koordinatorin den Raum. Und dann überlegen Sie als Familie mit Ihrem Netzwerk, wie Sie das gemeinsam bewältigen können, und stellen einen Plan auf.« Der Vater bleibt skeptisch und meldet zurück, dass er und seine neue Frau sich Gedanken darüber machen und in der kommenden Woche sich noch einmal telefonisch bei der Koordinatorin melden. »Und wenn wir das machen – wie sollen wir denn nach Norddeutschland kommen? Sie wissen ja, wir leben in Österreich. Und die Großmutter der Kinder würde ich dabeihaben wollen. Sie ist ja auch wichtig für die Kinder.« Die Koordinatorin versichert, dass sie die Kosten dafür übernehmen würde. Und in Bezug auf die gewünschte Teilnahme der Großmutter versichert die Koordinatorin, es zumindest noch einmal mit Frau Özgür zu thematisieren.
In der darauffolgenden Woche meldet der Vater an, für einen Familienrat bereit zu sein. »Aber nur, wenn auch meine Frau kommen kann. Und die Oma der Kinder.« Die Koordinatorin entgegnet: »In Ordnung, ich werde das mit der Mutter besprechen und dann schauen wir, wann das stattfinden kann.« Der Vater erklärt sich einverstanden.
Die Organisation des Familienrats wird von einer unabhängigen Koordination durchgeführt, um durch die Trennung von »Wächteramt« und Organisation/Moderation des Hilfeplanprozesses annähernde Neutralität zu erreichen. Alle Teilnehmenden werden über Ziel und Ablauf des Verfahrens sowie ihre Rechte und die Bedeutsamkeit ihres Mitwirkens für eine die lebensweltliche Autonomie sichernde Lösung des Problems aufgeklärt. Die Koordination orientiert das Setting des Familienrats (Sprache, Ort, Termin, Rituale, Verpflegung) an der familiären Kultur. Fachkräfte haben im Familienrat eine rahmengebende Funktion. Das Kindeswohl zu gewährleisten ist auch hier ihre Kernaufgabe, allerdings bestimmen sie nicht, auf welche Weise dies zu erfolgen hat. Die Koordination unterstützt die Jugendamtssozialarbeiterin in der Formulierung einer gelungenen Sorgeklärung (z. B. Sicherheit eines Kindes in der Familie), die Anlass und Gegenstand der Lösungsüberlegungen sein soll. Zudem überlegt die Koordination gemeinsam mit den Betroffenen, welche weiteren Fachkräfte anwesend sein müssen, um als »Informanten« dem familiären Netzwerk Sachinformationen zur Verfügung zu stellen, die für eine tragfähige Lösung berücksichtigt werden sollten. Der Rat findet in den Räumlichkeiten einer Moschee statt. »Das ist neutral. Ich will ihn nicht hier zu Hause haben«, sagte die Mutter.
Der Familienratstag
Die Jugendamtsmitarbeiterin, die Kinder, Frau Özgür und ihr Mann und ein guter Freund von Ali kommen zusammen. »Er soll so ein bisschen die Moderatorenrolle übernehmen. Der macht das wirklich gut!«, erklärt Frau Özgür. Außerdem ist der Imam der Moschee mit dabei. »Er kennt mich und Herrn Özgür wie auch die Kinder, seitdem wir klein waren!«, sagt die Mutter.
Herr Özgür bringt Tee und Kaffee mit. Es herrscht eine angespannte Stimmung. Die Koordinatorin eröffnet die Runde und weist auf die einzige Grundregel des Familienrats hin, die gerade in dieser Familie sehr wichtig ist: »Es wird nicht über Vergangenes geredet.« Das bedeutet nicht, dass man nicht von vergangenen Ereignissen auf Zukünftiges schließen könne, aber die Regel ist wichtig, um sich nicht in alte Konflikte zu verstricken. Die Teilnehmenden sind still und warten. Die Koordinatorin muss sie direkt ansprechen. Es scheint ein merkwürdiger Unwille in der Luft zu hängen, das Gespräch zu beginnen. Die Jugendamtsmitarbeiterin nutzt eine stille Pause, um ihre Sorge mitzuteilen. »Liebe Familie Özgür, es freut mich wirklich, dass Sie sich bereit erklärt haben, hier heute zusammenzukommen. Das spricht für Sie und Ihren Willen, eine Regelung für Ihre Kinder zu finden! Ich habe grundsätzlich keine Sorge. Jedoch hoffe ich, dass Sie die heutige Chance nutzen, um Ihre Kommunikation untereinander neu auszurichten und eine Lösung zu finden, um in Bezug auf Ihre Kinder sich angemessen austauschen zu können. Sie haben als Familie schon so viel erreicht. Und Herr Özgür, ich habe Sie immer als sorgenden Vater erlebt, so wie Sie, Frau Özgür, als sorgende Mutter. Ich bin gespannt, auf was Sie sich heute einigen können.«
Die Familie schließt mit ihren Sorgen an, die die Koordinatorin auf dem aufgehängten Flipchartpapier festhält. Auch die Kinder trauen sich, ihre Sorge mitzuteilen. »Wenn wir bei dir sind, Papa, dann müssen wir immer so still am Esstisch sein. Und ihr streitet euch so oft mit Ali, wegen seiner Kleidung. Da will ich dann immer nach Hause«, erzählt Yunus. Weder er noch sein jüngerer Bruder spielen wie sonst auf ihrem Handy.
Der Imam kommt zu Wort und führt nach einem Bittgebet grundlegende religiöse Ansichten von Familiengemeinschaft und Freiheiten der Familienmitglieder aus: »Familie ist ein hohes Gut im Islam, genauso wie die freie Entfaltung des Einzelnen. Die Familie gilt als Grundstein der Gesellschaft, gleichzeitig bleibt die Würde des Menschen als oberstes Scharia-Prinzip davon unberührt. Was heute passiert, war schon tief in der religiösen Lebenspraxis unseres Propheten Muhamad – Friede und Segen seien auf ihm – verankert. In jeglicher Krisensituation galt schon immer die Anwendung des grundlegenden Schura-Prinzips: Alle Menschen, die zur Lösung des Problems beitragen, werden in die Entscheidungsfindung miteinbezogen. Ihr seid eine liebende Familie und ich wünsche mir für euch, dass ihr euer Problem lösen könnt.«
Die erste Phase – die Informationsphase – ist abgeschlossen und die Koordinatorin bittet die Mitarbeiterin des Jugendamtes und den Imam zu gehen. »Wenn Sie nicht weiterkommen, ich bin draußen im Foyer und warte. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen!«, verabschiedet sich die Koordinatorin von der Familie. Die Familie benötigt anderthalb Stunden und dann stellt der Vater den Plan der Familie und der Koordination noch einmal zusammenfassend vor.8
Es gibt genaue Absprachen zu den einzelnen Kommunikationswegen. Beide Partner versuchen, in einem angemessenen Ton miteinander zu sprechen. Ali darf sich so anziehen, wie er möchte, ohne dass der Vater oder seine neue Frau darüber mit ihm diskutieren. Vor allem geht es um die Gesprächsabläufe zwischen den Ehepartnern. »Also, wenn jemand von uns irgendwie sauer auf den anderen ist, gibt es ein Redeverbot, das über drei Tage dauert. Außerdem wird mich meine Ex-Frau über alle wichtigen Dinge auf dem Laufenden halten. Gerade, was die Schule betrifft. Dafür haben wir uns darauf geeinigt, dass ich maximal einmal in der Woche anrufe. Außerdem werde ich aufhören, das Jugendamt zu kontaktieren.«
Es klingt vielversprechend. Beim Abschied wendet sich die Mutter noch einmal an die Koordinatorin. Der Vater und seine Lebensgefährtin sind schon losgefahren, um ihren Zug nach Hause zu bekommen. Die Kinder warten draußen vor der Tür. Nach drei Monaten telefoniert die Koordinatorin zwecks Evaluation mit dem zuständigen Jugendamt der Familie, um festzustellen, dass der Familienrat die Beantragung des alleinigen Sorgerechts von Frau Özgür abwenden konnte.
Nach drei Monaten telefoniert die Koordinatorin zwecks Evaluation mit dem zuständigen Jugendamt der Familie, um festzustellen, dass der Familienrat die Beantragung des alleinigen Sorgerechts von Frau Özgür abwenden konnte.
Die Informationsphase als Rahmen für die exklusive Familienzeit
In der Informationsphase des Familienrats stellen sich die Teilnehmenden vor, die Koordination prüft, ob mit allen Beteiligten eine Absprache über die Aufgabe des Treffens besteht. Die eingeladenen Fachkräfte berichten ihren fallbezogenen Kenntnisstand und referieren Wissenswertes zum Problem, ohne dabei Lösungswege anzusprechen. Die Informationsphase endet mit der Sorgeerklärung des Jugendamtes sowie einer Auftragsformulierung an die Teilnehmenden: »Machen Sie einen Plan, wie …!« Schließlich verlassen alle Fachkräfte den Raum.
Dieser konsequente Rückzug der Experten ist eines der Hauptcharakteristika des Familienrats und macht klar, wer die Verantwortung für die Entscheidungsfindung hat. Er symbolisiert Vertrauen in die Kompetenz der Familiengruppe. Im Familienrat werden Problemursachen und Problemlösungen den Familien, Verwandtschaften, Netzwerken und Mitbürgern des Umfeldes zugeschrieben. Die relationale Herangehensweise bedingt die Erweiterung auf einen weiten Kreis von Beteiligten. Die Informationsgebenden (Fachkräfte) werden am Familienratstag dabei klar von den Betroffenen (Familiengruppe) getrennt. Damit werden deren unterschiedliche Funktionen für die Teilnehmenden deutlicher und die in der Familiengruppe vorhandenen Ressourcen besser genutzt. Das Erleben von Selbstwirksamkeit der Familie wird dadurch befördert und ihre Partizipation an der Hilfeplanung verwirklicht. Die Koordination sowie die eingeladenen Fachkräfte schaffen den Rahmen für exklusive Familienzeit, enthalten sich aber bei der Lösungssuche. Das erfordert koordinatorisches Handlungsgeschick, um ein der Familie entsprechendes Setting zu ermöglichen, in deren Kontext essenzielle Informationen aus der Fachwelt ebenso wichtig sind wie herausragende, die Entscheidungen beeinflussende Personen aus dem Netzwerk der Familie. Die Planung der Hilfe findet also schon in der Vorbereitungsphase statt, wenn die Koordination gemeinsam mit der Familie den Familienratstag plant. So hantiert in der Vorbereitungsphase die Koordination entschlossen mit potenziellen Möglichkeiten aus der Ressourcen- und Informationswelt, um die für die Familie geeignete Grundlage eines individuell passenden Hilfeplans zu schaffen, den die Familiengruppe selbstwirksam mitbestimmt.
Der Familienrat als handlungsmethodisches Paradigma zur Würdigung und Nutzbarmachung von Familien- und Netzwerkbeziehungen
Der Familienrat ist kein Entscheidungsfindungsprozess, an dem Betroffene beteiligt werden. Der Familienrat beteiligt Fachkräfte. Die Wirkmächtigkeit der Familie ist bei der Lösungssuche vollwertig gegeben und wird nicht durch Expertenratschläge verzerrt. Der Familienrat im Sinne des neuseeländischen Verfahrens versteht sich nicht als ein weiteres Instrument von vielen, sondern als zentrale Norm professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit des Landes. Die Bewältigung der Krise bleibt in der Verantwortung der Beteiligten und liegt damit nicht in der Gestaltungshoheit der Fachkräfte. Der eigentliche Familienrat gliedert sich in drei Phasen – Informationsphase, exklusive Familienzeit und Aushandlungsphase, die hier nur kurz skizziert wurden (genauere methodische Ausführungen in Roth u. Früchtel 2017 und Früchtel, Budde u. Cyprian 2013). In Deutschland findet der Familienrat in Jugendhilfe und Jugendgerichtshilfe Anwendung. In Europa ist der Familienrat in Großbritannien, Irland, Schweden, Norwegen und den Niederlanden verbreitet, wird aber auch in Belgien, Polen, Russland, Österreich und in der Schweiz genutzt. Als gesetzlich vorgeschriebenes Verfahren existiert der Familienrat neben Neuseeland auch in Irland und einigen Provinzen Kanadas und Australiens. Eine rechtliche Verankerung auf der Ebene von Verwaltungsvorschriften findet sich zudem in Österreich (im Jugendstrafrecht), Großbritannien und Norwegen. In den beiden zuletzt genannten Ländern wird der Familienrat auch in der Gesundheitshilfe, Behindertenhilfe, Sozialpsychiatrie, Altenhilfe und in Schulen als Hilfeplanungs-, Unterstützungs-, Mediations- oder Entscheidungsverfahren eingesetzt. Der Familienrat im Sinne des neuseeländischen Verfahrens versteht sich nicht als ein weiteres Instrument von vielen, sondern als Prämisse für professionelles Handeln. So eröffnet sich ein neuer Handlungsspielraum professioneller Expertise, die hier näher betrachtet wird.
Die Haltung professioneller Fachkräfte und die Erkenntnis, dass Familien am ehesten Pläne umsetzen, die sie selbst entwickelt haben oder an denen sie aktiv beteiligt waren, zeichnen das Verfahren wesentlich aus. Praktizierende Sozialarbeitende wie auch Bürgerkoordinatoren9 berichten davon, dass die Familie und das Netzwerk zügig ihre Rollenzuschreibungen während des Familienrats begreifen, jedoch vereinzelt Experten schwer von Lösungsvorschlägen loslassen können. Ist das jedoch erst einmal überwunden und die Konzentration der Fachkräfte auf die Informationsphase fokussiert, eröffnet sich eine professionelle Dimension, die im Kontext sozialarbeiterischen Handelns nicht nur ungewohnt erscheint, sondern grundlegende Wirkmechanismen pädagogischen und auch therapeutischen Handelns freisetzt. Die Radikalität, der Familie die Hoheit im Entscheidungsfindungsprozess und zur Gestaltung der Hilfeplanung zu übergeben, impliziert die Konzentration der Fachkräfte auf ihr eigentliches Handwerk: Welche konkreten technischen Schritte liegen tatsächlich und greifbar in den Händen von Fachkräften, um ihre Adressaten zu erreichen? Welche Informationen, welches Wissen zeichnet Professionalität in diesem Kontext aus, dass die Familie für ihre exklusive Findungszeit ohne Anwesenheit von Experten sein kann?
So versteht sich der Auftrag der Koordination vor allem im Vollzug der Netzwerkarbeit, die sich an einem Paradigma orientiert, das die professionelle Praxis immer auch im Kontext der Beziehungen aller Beteiligten miteinander gestaltet (siehe hierzu vertiefend: Früchtel, Strassner u. Schwarzloos 2016). Jedes Gespräch im Rahmen der Vorbereitungsphase mit den Adressaten konzentriert sich darauf, wer aus dem eigenen Netzwerk dabei sein muss, womöglich aufgespürt oder sichtbarer gemacht werden muss und welche Rolle er/sie übernehmen kann (z. B. eine Moderation während der exklusiven Familienzeit).
Der Fokus professioneller Aufmerksamkeit konzentriert sich hier also vor allem auf die Findung und Förderung von vorhandenen Ressourcen, wobei die Gestaltung geeigneter systemweltlicher Hilfen im Rahmen des Familienrats von der Familie bestimmt wird. Der erste unmittelbare Indikator für professionelles Handeln zeichnet sich somit in der Haltung gegenüber den Hilfe suchenden Adressaten aus, den Menschen als Individuum zu begreifen, das in sein soziales Umfeld eingebettet und in seinem Erleben und Handeln darauf bezogen ist. Es ist anzuerkennen, dass ein entsprechendes Menschenbild die Grundlage für Interventionen ist, die die Adressaten von Hilfen erleben. Wird davon ausgegangen, dass der Mensch lediglich an sich selbst und in seinem individualistischen Wesen etwas verändern muss, um seine Krise zu bewältigen, werden auch die Methoden professionellen Handelns hiernach ausgerichtet.10 Geht man davon aus, dass der Mensch in vielfältigen Beziehungen zu seinem Umfeld nicht nur lebt, sondern auch in Krisen gerät, liegt die Annahme nahe, dass relationale Interventionen aus eben diesen Krisen auch wieder heraushelfen.
Dem Verfahren eines Familienrats liegt die Überzeugung zugrunde, dass ohne die Berücksichtigung der Netzwerke von Individuen, ohne Berücksichtigung ihrer Lebenswelt, nicht langfristig und nachhaltig geholfen werden kann. Jede Krise und die im Rahmen eines Familienrats getroffenen Entscheidungen sind immer auch Ausdruck eines sozialen Ereignisses, in dem vieles sichtbar und veränderbar wird. So wird im Bewusstsein dieser Chance die Geschicklichkeit der Koordination beim Verfügbarmachen von Informationen und Wissen, die dem Familienrat und damit der betroffenen Familie zugänglich ist, zum zweiten zentralen Aspekt professionellen Handelns im Verfahren. Welches Wissen (und nicht Ratschläge) muss ich als Koordination in Gestalt weiterer Expertinnen der Familiengruppe zur Seite stellen, womit der geeignete Hilfeplan angereichert werden kann?