Kitabı oku: «Die Kraft des Miteinander», sayfa 4

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Verbindungen in das soziale Netzwerk nach Wiedereingliederungs-Versammlungen

Menschen, die an Wiedereingliederungs-Versammlungen teilnehmen, um jemanden zu unterstützen, der aus dem Gefängnis kommt, bleiben oft miteinander in Verbindung und helfen auch noch Jahre später.

Francis, die ihre Versammlung 2012 hatte, wird weiterhin unterstützt. Im Jahr 2020 brauchten sie und Malia eine neue Unterkunft, und Menschen aus ihrer Versammlung gaben ihnen Hinweise auf Wohnmöglichkeiten. April möchte ebenfalls das Community College besuchen, aber sie schuldet dem College noch ein paar hundert Dollar aus einem früheren Studiendarlehen und kann nicht erneut zum College gehen, bevor es nicht zurückgezahlt ist. Die HFRJ und Unterstützer aus ihrer Versammlung helfen ihr, Wege zu finden, um ihre Schulden zu begleichen, damit sie das College besuchen kann.

Die Verbindungen und Beziehungen im sozialen Netzwerk, auch die wiedergefundenen und neu aufgebauten, können dem Einzelnen noch Jahre nach der Gründung einer Versammlung weiterhelfen.

Forschungsergebnisse zu Wiedereingliederungs-Versammlungen

Die Prozesse solcher Versammlungen sind gut erforscht. Eine unabhängige, quasi-experimentelle Auswertung der Ergebnisse bei Personen, die seit drei oder mehr Jahren aus dem Gefängnis entlassen sind, zeigt, dass sich die Zahl der Wiederholungstaten reduzieren (Walker a. Davidson 2018). Eine Studie darüber, wie sich die Reduzierung der Rückfälle in Kosten und Nutzen niederschlägt, wurde ebenfalls durchgeführt und wird demnächst in einem Artikel veröffentlicht. Es wurde auch untersucht, wie der Prozess Kindern hilft, deren inhaftierte Eltern solche Versammlungen durchführten (Walker, Tarutani a. McKibben 2015). Die Ergebnisse zeigen, dass Kindern, deren Eltern Versammlungen hatten, geholfen wird, sich von dem Leid zu erholen, das sie durch den Verlust eines Elternteils im Gefängnis zu ertragen hatten. Schließlich zeigen neue Forschungsergebnisse, die weiter unten erörtert werden, dass die Versammlungen anderen Angehörigen und Weggefährten (z. B. Eltern, Geschwistern, Tanten, Onkeln usw. sowie Freunden), die daran teilgenommen haben, helfen, sich mit dem Kontaktabbruch zu versöhnen, den sie durch den Verlust eines Freundes oder Verwandten im Gefängnis erlitten haben. Es wurden jedoch keine Forschungsarbeiten darüber gefunden, auf welche Weise restaurative Verfahren oder andere ähnliche Interventionen, wie die hier beschriebene Wiedereingliederungs-Versammlung, den Teilnehmern bei der emotionalen Heilung helfen, die weder Angehörige sind noch die verletzte Person, noch die Person, die Schaden angerichtet hat.

Bis heute haben die HFRJ 168 Wiedereingliederungs-Versammlungen ermöglicht, an denen insgesamt 749 Personen teilgenommen haben. Umfragen unter den Teilnehmern zeigen, dass 748 Personen den Prozess als positiv bewerteten, während eine Person berichtete, der Prozess sei »gemischt« oder »neutral« gewesen. Zusätzlich haben weitere 87 Familienmitglieder/Bezugspersonen, die nicht persönlich an einer Versammlung teilnehmen konnten, vor der Versammlung telefonisch oder per E-Mail Informationen an einen Moderator weitergegeben. Die Vermittler verwenden eine lösungsfokussierte Sprache, wenn sie mit den Kontaktpersonen am Telefon sprechen, z. B. wenn sie Fragen stellen wie: »Wie haben Sie es geschafft, trotz der Entbehrungen zurechtzukommen?« Die nahestehenden Personen, die nicht persönlich an einer Versammlung teilnehmen können, nehmen insofern indirekt daran teil, indem während des Treffens ihre Gedanken und Gefühle so weitergegeben werden, wie sie dem Vermittler vorher beschrieben wurden. Was ihnen an der inhaftierten Person gefällt und wie sie durch ihr früheres Verhalten verletzt wurden, wie diese ihnen durch die Inhaftierung verloren ging, das alles wird auf einen Zettel geschrieben, der auf einen leeren Stuhl gelegt wird, um den fehlenden Menschen aus dem sozialen Netzwerk während der Versammlung zu symbolisieren. Wenn dann nach und nach jedes Thema, das den Gruppenmitgliedern wichtig ist, an die Reihe kommt, werden ihre Kommentare während der Sitzung laut vorgelesen. Es ist hier auch notiert, was die Person ihrer Meinung nach tun könnte, um das erfahrene Leid wiedergutzumachen. Auch abwesenden Gruppen- bzw. Familienmitgliedern die Möglichkeit zu geben, über ihr Leiden zu sprechen, ist von Vorteil (Walker a. Goldstein 2019). Von den 87 befragten Gruppenmitgliedern, die in diesem indirekten Verfahren Auskünfte zur Verfügung stellten, fanden es alle bis auf eines hilfreich.

Wie Wiedereingliederungs-Versammlungen der psychischen Gesundheit nahestehender Menschen aus dem sozialen Netzwerk helfen

Diese Studie untersuchte den Heilungsprozess der Menschen aus dem sozialen Netzwerk einer inhaftierten Person, die an deren Wiedereingliederungs-Versammlung teilnahmen. Die Bedürfnisse der Familienmitglieder, wie die der Kinder inhaftierter Eltern, werden von der Justiz oder der Gemeinschaft nur selten, wenn überhaupt, mit Blick auf eine mögliche Unterstützung in Betracht gezogen. Die einfache Tatsache, dass jemand für diesen Wiedereingliederungs-Prozess auf die engeren Freunde und Angehörigen zugeht und sie einlädt, sich an den Versammlungen zu beteiligen, zeigt jedoch, dass die Gemeinschaft sich um sie kümmert und sie wertschätzt.

Ziel der Forschungsarbeit war es, noch mehr zu verstehen, wie die restaurative Praxis der Wiedereingliederungs-Versammlungen geliebten Menschen helfen könnte, das Wiedererleben schmerzhafter Erinnerungen zu reduzieren (Vergebung) und nach der Teilnahme an einer solchen Versammlung die Zukunft wieder positiver zu sehen (Zukunftsoptimismus). Die Definition des hier erforschten Heilungsprozesses beinhaltet »die Fähigkeit zur Vergebung, die einfach bedeutet, dass kein Wunsch nach einer anderen Vergangenheit mehr besteht [und] zunehmend Optimismus für die Zukunft aufkommt« (Walker, Tarutani a. McKibben 2015, S. 21; Übers. d. Ü.).

Als »nahestehende Menschen aus dem sozialen Netzwerk« definierte die Studie Geschwister, Eltern und andere, die emotional mit der inhaftierten Person verbunden sind (Walker, Sakari a. Brady 2006). Die Daten für die Studie wurden in telefonischen Interviews erhoben. Untersucht wurden Versammlungen, die zwischen den Jahren 2014 und 2019 durchgeführt wurden. 66 Personen, die lesbare Telefonnummern zur Verfügung gestellt hatten, wurden in den Fallakten gefunden und angerufen. Insgesamt 26 Personen wurden schließlich für diese Untersuchung kontaktiert und befragt.

Bei den Telefongesprächen wurde ein halbstrukturierter Interviewleitfaden verwendet. Dieser Fragenkatalog wurde vor Beginn des Interviews erstellt. Die Struktur des Interviews und die Reihenfolge der Themen konnten während des Gesprächs je nach Logik und Denkweise des Befragten variieren. Die Verwendung eines Gesprächsleitfadens birgt das Risiko, dass er künstlich wirkt. Es ist wichtig, dass der Forscher das Interview so natürlich wie möglich führt (Decorte e. Zaitch 2018), was hier auch versucht wurde.

Das Interview begann mit einer kleinen Einführung, bei der sich der Forscher vorstellte sowie über den Forschungsansatz und den Schutz der Privatsphäre des Befragten sprach. Als Nächstes las die Forscherin eine Erklärung zu den Themen vor. Zum einen ging es um Vergebung, definiert als die Fähigkeit, schmerzhafte Erinnerungen loszulassen, nachdem jemand an einer Wiedereingliederungs-Versammlung teilgenommen hat. Jeder Befragte wählte eine von fünf möglichen Antworten, um seine Meinung wiederzugeben. Die Antwort wurde verwendet, um die Einstellung der Befragten zum Prozess zu messen. Jeder der 26 Forschungsteilnehmer beantwortete die Fragen, indem er zwischen »stimme stark zu«, »stimme zu«, »keine Meinung«, »stimme nicht zu« oder »stimme gar nicht zu« wählte. Wenn der Befragte »stimme zu« wählte, wurde die nächste Frage gestellt: »Können Sie mir sagen, wie die Versammlung Ihnen geholfen hat, verletzende Erinnerungen loszulassen?« Wenn der Interviewte die Frage ohne Stellungnahme oder mit »stimme nicht zu« beantwortete, wurde er gefragt: »Können Sie mir sagen, wie die Versammlung Ihnen geholfen haben könnte, verletzende Erinnerungen loszulassen?«

Das zweite Thema des Telefoninterviews betraf den Zukunftsoptimismus. Für diese Studie wurde dieser wie erwähnt als die Fähigkeit definiert, zuversichtlicher in die Zukunft zu blicken. Auch hier wählte jede Person ihre Antworten aus: »stimme stark zu«, »stimme zu«, »keine Meinung«, »stimme nicht zu« oder »stimme gar nicht zu«. Danach folgte der Aussage eine offene Frage. Wenn der Befragte sich positiv geäußert hatte, lautete diese: »Können Sie mir sagen, wie die Versammlung Ihnen geholfen hat, positiv in die Zukunft zu blicken?« Wenn der Befragte die Frage ohne Positionierung oder ablehnend beantwortet hatte, wurde die Frage gestellt: »Können Sie mir sagen, wie die Versammlung Ihnen geholfen haben könnte, positiv in die Zukunft zu blicken?«

Die Antworten auf die erste Frage »Wie hat Ihnen die Wiedereingliederungs-Versammlung geholfen, schmerzhafte Erinnerungen loszulassen?«:

73 % der insgesamt 26 Befragten (19 Personen) in dieser Studie gaben an, dass sie es jetzt schafften, weniger über schmerzhafte Erinnerungen nachzudenken. 12 % (3 Personen) stimmten dieser Aussage nicht zu und waren nicht in der Lage, weniger an schmerzhafte Erinnerungen zu denken, nachdem sie an der Versammlung teilgenommen hatten.

Die Antworten auf die zweite Frage »Wie hat die Wiedereingliederungs-Versammlung nahestehenden Menschen aus dem sozialen Netzwerk geholfen, positiver in die Zukunft zu blicken?«:

84 % der 26 Befragten in dieser Studie (21 Personen) stimmten zu, dass sie nach der Teilnahme an der Versammlung positiver in die Zukunft blicken konnten. 8 % der Befragten (2 Personen) stimmten dem nicht zu und sagten, dass sie nach ihrer Teilnahme an der Versammlung nicht optimistisch in die Zukunft blicken können.

Das Interview gab den Befragten auch die Gelegenheit, mit eigenen Worten zu sagen, wie die Versammlung ihnen geholfen hatte oder hätte helfen können, positiver in die Zukunft zu blicken. Nach der Analyse der Antworten auf diese Frage wurde das Konzept des Zukunftsoptimismus in drei Dimensionen unterteilt: Kommunikation, Zukunftsorientierung und Perspektivenwechsel.

Kommunikation

Vier Befragte sprachen über die Fähigkeit, ihre Gefühle auf sichere Art und Weise auszudrücken, und wie wichtig es sei, positiver in die Zukunft zu blicken.

Befragter 13 beschreibt es wie folgt:

»Unsere Gefühle auszudrücken, miteinander zu sprechen, hat mir ein besseres Gefühl gegeben, wie alles jetzt läuft. Es ist immer noch eine traurige Situation, aber das Gespräch hat mir wirklich geholfen, optimistischer zu sein.«

Zwei Befragte kamen mit viel Ärger in die Versammlung und wollten nicht über die Situation sprechen. Nachdem sie an der Versammlung teilgenommen hatten, kamen viele ihrer zuvor unausgesprochenen Gefühle zum Vorschein, und dies habe ihnen geholfen haben, optimistischer in die Zukunft zu blicken. Sie beschreiben es wie folgt:

Befragter 21:

»Ich bin mit viel Wut in die Versammlung gegangen. Während der Versammlung erzählten mir alle, wie sie sich fühlten. Das half mir, positiver in die Zukunft zu blicken.«

Befragter 6:

»Vieles musste herauskommen, ich wollte es nicht, aber es ist herausgekommen. Das war eine gute Sache.«

Fokus auf die Zukunft

Einige Befragte waren hoffnungsvoll, nachdem sie an der Wiedereingliederungs-Versammlung teilgenommen hatten. Schlechtes war in ihren Augen zwar geschehen, aber nach der Teilnahme an der Versammlung wurden die Dinge besser. Im folgenden Kommentar spricht eine Befragte über die Veränderung, die sie sehen konnte, und darüber, wie hoffnungsvoll sie war, nachdem sie an der Versammlung teilgenommen hatte.

Befragte 7:

»Ich konnte die Veränderung in X sehen. Während der Versammlung haben wir viel miteinander gesprochen. Ich sah die Veränderung in ihrer Körpersprache. X machte sich ausgezeichnet, ich war wirklich hoffnungsvoll. Die Versammlung half mir zu sehen, wo jeder stand.«

Vier Befragte sprachen darüber, wie die Versammlung sie lehrte, den gegenwärtigen Moment zu schätzen. Sie sprachen über die Fähigkeit, positiver in die Zukunft zu blicken, indem sie in der Gegenwart lebten und sich vorwärtsbewegten. Andere beschrieben dies wie folgt:

Befragter 1:

»Die Versammlung hat mich gelehrt, dass man die Dinge im Moment schätzen muss, das, was man im Moment hat. Man kann die Vergangenheit nicht ändern und man muss nach vorne schauen.«

Befragter 4:

»Die Versammlung hat mir gezeigt, wie ich die Vergangenheit loslassen kann. Er hat mir gezeigt, dass ich nicht an der Vergangenheit festhalten sollte. Ich betrachte diesen Menschen jetzt positiver.«

Wechselnde Perspektiven

Einige Teilnehmer glauben, dass die Versammlung ihnen geholfen hat, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Befragter 18 reflektierte über seine veränderten Perspektiven, nachdem er an der Versammlung teilgenommen hatte:

Befragter 18:

»Nun, wir leben immer im Augenblick. Die Versammlung hat mich gelehrt, dass die Vergangenheit dich zu dem macht, was du jetzt bist. Sie gab mir verschiedene Perspektiven.«

Befragter 19 beschreibt im folgenden Kommentar, dass sich nicht die Vergangenheit, sondern dass sich seine Sicht auf die inhaftierte Person durch die Versammlung verändert hat.

Befragter 19:

»Es ist schwer zu erklären, aber die Versammlung gab mir eine andere Sicht auf X.«

Schlussfolgerungen

Inhaftierte Menschen stammen im Allgemeinen aus benachteiligten Familien bzw. schwierigen sozialen Umfeldern. Es ist für sie von entscheidender Bedeutung, Wege zu finden, um mit ihren Angehörigen, ihren Freunden und dem sonstigen sozialen Umfeld in Kontakt zu treten, die ihnen positive Unterstützung bieten können, damit sie von Drogenmissbrauch und Kriminalität Abstand nehmen (Maruna 2005). Die Wiedereingliederungs-Versammlungen geben Einzelpersonen die Möglichkeit, diese unterstützenden Verbindungen und Beziehungen zu entwickeln. April erhielt durch die Hilfe, die ihr von den Unterstützern in ihrer Versammlung angeboten wurde, ein vollständiges drittes Gebiss. Ihr Leben wäre ganz anders verlaufen, wenn sie das Gebiss nicht hätte. Damit ist sie in der Lage, im Einzelhandel zu arbeiten und in der Gesellschaft positiver zu wirken. Einzelne können, insbesondere wenn sie aus benachteiligten Umfeldern oder aus dem Gefängnis kommen, ihre Bedürfnisse nicht alleine abdecken. Sie brauchen Unterstützung und Beziehungen zu Menschen, die ihnen helfen können, grundlegende Veränderungen herbeizuführen. Die Wiedereingliederungs-Versammlungen unterstützen, wie die in diesem Beitrag berichtete Forschung zeigt, die nahestehenden Menschen aus dem sozialen Netzwerk auch dabei, das Leid zu überwinden, das der Verlust des ins Gefängnis gekommenen Menschen verursacht hat. Die Wiedereingliederungs-Versammlung ist eine Intervention, die auf verschiedenen Ebenen zum Aufbau einer Gemeinschaft beitragen kann. Sicherlich werden diese Treffen nicht alle Menschen verändern, aber sie sind eine tragfähige Alternative zum »Fallmanagement« und zu anderen gebräuchlichen Strategien, die derzeit zur Rehabilitation eingesetzt werden. Der Wiedereingliederungs-Planungsprozess sollte also breiter angelegt und weiter erforscht werden.

1Aus dem Englischen von Johannes Hampel.

2Der im Englischen gebräuchliche Begriff »Restorative Justice« wird meist auch im Deutschen verwendet. Es finden sich aber auch Bezeichnungen wie »Restaurative Justiz«, ausgleichende Gerechtigkeit oder auch restaurative bzw. Wiedergutmachungs-Verfahren (Anm. d. Hrsg.).

3Als Fallmanager wird die zuständige Person eines Amtes bezeichnet, die z. B. bei der Arbeitsvermittlung oder auch anderen Bedarfen wie Schulden, Wohnungssuche etc. hilft.

4Das Bezirksgericht der Vereinigten Staaten für den Bezirk Hawaii nutzt die Wiedereingliederungs-Versammlungen seit 2015, und für viele am Programm beteiligte Personen werden die Treffen bereits vor ihrer Verurteilung und Inhaftierung initiiert (Walker a. Kobayashi 2020).

5Indigene Menschen auf der ganzen Welt haben »Talking Circles« (Isaacs 1999) und auch im Westen wurden bis zur Eroberung durch die Normannen (Van Ness a. Strong 2002) Verfahren angewandt, die wiedergutmachenden Charakter hatten. Die moderne »Restorative Justice«, um die es in diesem Beitrag geht, begann sich im Westen in den 1950er-Jahren zu entwickeln mit dem Werk von Albert Eglash in den USA, in den 1970erJahren Nile Christie in Norwegen und in den 1980er-Jahren Howard Zehr (Walker, Rodgers a. Umbreit 2018).

3Der Familienrat und die Wiederherstellung von Familienidentität – Ein Vermächtnis der Maori für kultursensible Praxis und gemeinschaftliche Krisenbewältigung

Erzsébet Roth

Herr und Frau Özgür sind seit Jahren zerstritten. Sie haben drei gemeinsame Kinder, die bei Frau Özgür leben. Beide sind mittlerweile mit neuen Partnern liiert. Doch die Streitigkeiten nehmen kein Ende. Das Hilfesystem ist dabei aktiv mit eingebunden. Die Kollegin im Jugendamt erhält regelmäßige Beschwerdeanrufe des leiblichen Vaters: »Sie sollten mal überraschend zu Hause auftauchen. Was meinen Sie, wie es da zugeht. Es ist ja sonnenklar, sobald Sie sich anmelden, wird die Wohnung aufgeräumt, die Kinder hübsch angezogen und das ›Wir-sind-eine-gute-Familie-Gesicht‹ aufgesetzt. Gehen Sie mal überraschend hin, dann sehen Sie mal selbst die Zustände, die dort herrschen.«

Regelmäßig schreibt Herr Özgür dem Jugendamt Briefe, in denen er die aktuelle Situation der Kinder anprangert. Nach einem Kennenlernen und einer Bedarfsfeststellung handelt das Jugendamt. Doch die Briefe und Anrufe setzen sich fort. Mit Anwalt wurde auch schon gedroht. Die zuständige Jugendamtskollegin möchte dem entgegenwirken – mit einem Familienrat: »Wissen Sie«, berichtet sie in einem Telefonat der für den Familienrat beauftragten Koordinatorin, »die Streitigkeiten sind wohl schon zum Beziehungsmuster geworden. Am Anfang haben wir den Vater auch ernst genommen und haben tatsächlich Handlungsbedarf gesehen, aber mittlerweile haben sich die Kinder und die Mutter so gut entwickelt, dass die Anrufe und Briefe keine Rechtfertigung mehr haben. Ich nehme an, dass ein Familienrat vor allem dem Vater das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden. Er lebt jedoch mittlerweile in Österreich. Für den Familienrat müsste er in die Heimatstadt seiner Kinder kommen.« Die Koordinatorin versichert, zumindest in einem Telefongespräch zu versuchen, Herrn Özgür von einer Teilnahme zu überzeugen.

Der Familienrat entspricht im englischen Sprachraum der Bezeichnung »Family Group Conferencing« (FGC). Er ist ein Hilfeplanungsverfahren, das in Neuseeland entwickelt wurde und mittlerweile weltweit verbreitet ist. Die grundlegende Philosophie des Familienrats besteht darin, dass die Familie und ihre Gemeinschaft selbst über die Souveränität verfügen, ihre eigene Hilfe zu entwerfen. Vor 1989 waren Kinder, die aus Maori-Familien stammten im Vergleich zu Nicht-Maori-Kindern häufiger in Kinderheimen und Gerichtsverfahren wiederzufinden. Beteiligte Pädagoginnen und Pädagogen sowie Richterinnen und Richter waren vor allem aus Europa zugewandert oder hatten einen europäischen Migrationshintergrund. Im Rahmen einer umfassenden Bürgerrechtsinitiative in Neuseeland wurden Veränderungen im Kinder- und Jugendhilfesystem vehement eingefordert, eben weil eine »kulturelle Invasion« der europäischen Familienwerte und Verwaltungsnormen erkannt wurde. Um für das Wohl und die Sicherheit eines Kindes zu sorgen, das besondere Unterstützung brauchte, kannte die traditionelle Gemeinschaft der Maori die Idee des mātua whāngai.6 Kinder, die auf Hilfe angewiesen waren, wurden im Kreis der erweiterten Familie versorgt. Der Familienrat hat in einer die ganze Familie einbeziehenden Whānau Conference 7, die die Maori in solchen Fällen durchführen, seine traditionellen Wurzeln. Erklärtes Ziel einer Empfehlung des Bürgerrechtskomitees war es, Prinzipien des mātua whāngai in das soziale System zu integrieren und somit den Fokus wieder mehr auf die kindliche Entwicklung und Erziehung mit Unterstützung seines familiären Umfeldes zu setzen (Ministerial Advisory Committee on a Maori Perspective for the Department of Social Welfare 1988).

Die Orientierung an dieser Tradition für eine bedarfsorientierte Reform des Hilfesystems dient hier als herausragendes Beispiel für eine realisierbare Kooperation zwischen Regierungsbehörden und einer bestehenden, lebensweltlichen Gemeinschaft. 1988 wurde vom Department of Social Welfare unter Berücksichtigung des Sachverständigenberichts der Expertenkommission das Modell des mātua whāngai in Form des Family Group Conferencing gesetzlich verankert (Ministerial Advisory Committee 1988). Außerdem wurde durch das Festhalten des Ablaufs, der Durchführung und der Rolle der Koordination eines Familienrats im vorliegenden Gesetz das Hilfesystem dazu verpflichtet, im Falle des Kinderschutzes und in der Jugendgerichtshilfe den Kreis der Betroffenen zu erweitern und in die Lösungsfindung miteinzubeziehen.

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