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Die Bibel als nationales Kulturgut: Luthers Meisterwerk und andere Übersetzungen

In der deutschen Erinnerungskultur gilt Martin Luthers Bibelübersetzung als Meilenstein auf dem Weg zu einer einheitlichen Nationalsprache und deutschen Kultur. Einen anschaulichen Eindruck von dieser Position geben die im 19. Jahrhundert entstandenen Lutherdenkmale u.a. in Wittenberg, Eisleben und Eisenach sowie der für das Reformationsjubiläum 2017 produzierte Playmobil-Luther. Sie zeigen den Reformator stets mit ‚seinem‘ Meisterwerk: Der deutschen Bibel. Diese Darstellungen, die den Beitrag von Philipp Melanchthon, Matthäus Aurogallus, Johannes Bugenhagen, Caspar Cruciger, Justus Jonas und Bernhard Ziegler zur 1534 erschienen Vollbibel nur unzureichend ins Bild setzen, bieten einen guten Zugang, sich mit der Entstehung und |96|dem Wandel nationaler Geschichtsbilder (z.B. in der Kaiser-, NS- und DDR-Zeit) zu beschäftigen.[10]

Die an der Entstehung eigenständiger Nationen orientierte Geschichtsschreibung hat auch für andere europäische Länder die Bedeutung ‚nationaler‘ Bibelübersetzungen unterstrichen. Zu nennen sind hier u.a. die französische Bible de Genève (1535), die spanische Reina-Valera-Bibel (1569), die tschechische der Böhmischen Brüder (1579–1593), die italienische Diodati-Bibel (1607) sowie die englische King-James-Version (1611).[11] Bei der Beschäftigung mit Bibelübersetzungen in der schulischen und gemeindlichen Bildungsarbeit dürfen jedoch heute nicht die Standards der neueren Nationalismusforschung aus dem Blick geraten. Diese hat nicht nur die politische und religiöse Instrumentalisierung der Idee der Nation in der Zeit des Nationalismus herausgearbeitet, sondern auch den konstruktivistischen Charakter von Nation und Nationalität nachgewiesen. Die Nation kann heute als eine europäische ‚Erfindung‘ des späten 18. und des 19. Jahrhunderts gelten. Deswegen ist diese kaum dazu geeignet, religiöse und pädagogische Entwicklungen in der Reformation und Frühen Neuzeit zu beschreiben.[12]

Die transnationalen, d.h. die Idee der Nation weder voraussetzenden noch auf sie hinweisenden Transferprozesse im Umfeld der King-James-Bibel belegen zudem die hohe Mobilität von Menschen und Ideen in der europäischen Gelehrtenrepublik:

1 „Viele europäische Humanisten forderten eine Übertragung der Bibel ins Lateinische oder sogar in die Volkssprachen aus dem hebräischen und griechischen Urtext. Nach dem Vorbild von Erasmus und Luther, die diese Forderung für das lateinische bzw. deutsche Neue Testament verwirklicht hatten, faßte William Tyndale (1494?-1536) den Plan zu einer neuen englischen Übersetzung […]

2 Die nächste Etappe in der Geschichte der englischen Bibelübersetzung ist mit dem Namen des vormaligen Augustinermönches Miles Coverdale (1488–1568) verknüpft. Aber wo Tyndale sich seinen eigenen Weg bahnte, verließ sich Coverdale weitgehend auf andere Übersetzungen, vor allem ins Deutsche: Seine Vorlagen, neben der Vulgata und der wörtlichen lateinischen Übertragung des Alten Testaments durch Pagninus, sind vor allem Luther sowie die Zürcher Bibel von Zwingli und Leo Jud, der er sogar bei Abweichungen vom Hebräischen und von der Vulgata folgte. Seine Bibel wurde wohl in Köln gedruckt und in Bogen nach England gebracht, wo sie 1535 erschien. […]

3 1537 veröffentlichte John Rogers unter dem Pseudonym Thomas Matthews eine Neubearbeitung der Tyndale/Coverdale-Bibel, in der nur OrMan, und zwar nach |97|dem französischen Text Olivétans, von ihm selbst übersetzt war; er fügte außerdem theologische Zusammenfassungen nach der französischen Übersetzung von Faber Stapulensis und zahlreiche Randbemerkungen nach Tyndale, Luther, Bucer, Erasmus, Pellikan u.a. bei. […]

4 Zu der Gruppe englischer Protestanten, die vor dem gegenreformatorischen Kurs der Maria Tudor nach Genf geflohen waren, gehörten auch einige tüchtige Gelehrte, die sich angesichts des Vorbilds der französischen Genfer Bibel und der ebendort vorgenommenen italienischen und spanischen Revisionen zu einer durchgreifenden Überarbeitung der englischen Bibel entschlossen. Sie begannen mit den Psalmen (1557 und 1559) und dem Neuen Testament (1557); die Vollbibel erschien 1560 in Genf. […]

5 Am Ende der Regierungszeit von Elisabeth I. (1603) gab es eine deutliche Unzufriedenheit über die Vielfalt der umlaufenden Übersetzungen. Jakob I. stimmte auf einer Konferenz, die sowohl von den Führern der Puritaner als auch von den Bischöfen besucht wurde, dem puritanischen Vorschlag zu, eine neue Übersetzung in engster Anlehnung an den hebräischen und griechischen Urtext anzufertigen […] Die so entstandene King James Version (oder Authorized Version) erschien 1611.“[13]

Die neuere Religions- und Bildungsforschung ist mit ihrem Interesse an grenzüberschreitenden Medien, Akteuren und Netzwerken auch für die Gegenwart aufschlussreich. Als Beispiel sei die illustrierte Kinderbibel Selina Hastings‘ genannt, die ins Deutsche übersetzt in zehn Auflagen erschienen ist. Die auf 146 Doppelseiten dargebotenen Geschichten (AT: 80, NT: 66) bieten einen „Mix aus bibelnaher Paraphrase und Sachbuch“, wobei die Autorin eine Versöhnung des biblischen Weltbilds mit neuzeitlichem Denken anstrebt; dies wird u.a. an der Illustration der Schöpfungserzählung deutlich, die den Verlauf der Evolution mit den sieben Schöpfungstagen gleichsetzt.[14] Hingewiesen sei auch auf „Herders Kinderbibel“, die in 10 Bänden erschienen ist und mit den durchgehend farbigen Bildern zu den erfolgreichsten Kinderbibeln in Deutschland gehört.[15] Die mit Transfers einhergehenden sprachlichen, aber auch visuellen Übersetzungsprozesse sind bisher nur in Ansätzen untersucht worden.

Bezogen auf den transatlantischen Transfer religiöser Ideen und Praktiken hat sich die Transferrichtung im 20. Jahrhundert gleichsam umgedreht: Wanderten mit den Bibeln und Katechismen der europäischen Siedler und Immigranten auch vielfältige Ideen und Praktiken religiöser Erziehung von Europa nach Amerika, finden sich heute – zumindest im deutschen Buchsortiment – zunehmend Übersetzungen US|98|-amerikanischer Bilder- und Kinderbibeln.[16] Diese prägen mit ihrer Bildästhetik, aber auch ihren moralischen Implikationen die religiöse Vorstellungswelt von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Die Ausstrahlungskraft US-amerikanischer Kultur in Literatur, Film und Musik ist damit auch im Bereich der Kinderbibelproduktion erkennbar.

Bibeldidaktik und transnationale Forschung: Unterrichtsideen und Desiderate

Die transnationale Religions- und Bildungsforschung bietet vielfältige Zugänge, die globale Dimension des christlichen Glaubens zu analysieren und bibeldidaktisch zu erschließen. Der mehrdeutige Begriff der Transnationalität bezieht sich dabei auf drei Forschungsfragen: Zum Ersten geht es um den grenzüberschreitenden Transfer von Büchern, Ideen und Praktiken von einem Ort an einen anderen (Transfergeschichte und Kulturtransferforschung). Indem Schülerinnen und Schüler beispielsweise Übersetzungsorte und Reisewege der Bibel (z.B. mit einer Stationsarbeit) kennenlernen und in eine Weltkarte eintragen, entdecken sie nicht nur die globale Dimension des christlichen Glaubens. Die Beschäftigung mit dem Thema eröffnet auch einen Zugang zu den vielfältigen Formen der Mobilität, Migration und Mission in der Bibel selbst (z.B. Pilgerreisen zum Jerusalemer Tempel, Exodus, Missionsreisen des Paulus etc.).

Zum Zweiten geht es darum, den klassischen Referenzrahmen der europäischen Geschichtsschreibung – die Nation – zu „trans“zendieren und nach anderen Formen politischer, ethnischer oder religiöser Zusammengehörigkeit zu fragen (Postcolonial Studies, Nationalismusforschung und Ideologiekritik). Indem Schülerinnen und Schüler beispielsweise die Darstellungen Jesu in illustrierten Missionsbibeln für Afrika miteinander vergleichen, entdecken sie nicht nur koloniale Ambitionen im Umfeld der Mission, nationale Selbst- und Fremdbilder sowie deren in- und exkludierende Funktion. Der Vergleich von Bibelillustrationen kann auch zu einer hermeneutisch sensiblen Lektüre der Bibeltexte anleiten: Was erfahren wir dort über das Aussehen Jesu? Was ist den biblischen Autoren wichtig? Und was den späteren Illustratoren?[17]

Und zum Dritten geht es darum, die Unterrichtenden für die vielfältigen Prozesse des Übersetzens im Bildungsbereich zu sensibilisieren: Denn verstehen und verstanden werden ist eine unverzichtbare Voraussetzung für alle Bildungsprozesse. Obwohl |99|diese Voraussetzung oft durch Übersetzungen hergestellt wird, hat sich die Religionspädagogik bislang kaum mit den Rahmenbedingungen, Akteuren, Medien, Inhalten, Zielen und Methoden des Übersetzens selbst beschäftigt (Translation Studies).[18] Der Beschäftigung mit diesem Thema kommt entgegen, dass in den exegetischen und systematischen Fächern der Theologie, aber auch in den Islamwissenschaften und in der Judaistik umfangreiche Studien zu den Prozessen und Problemen des Übersetzens religiöser Texte aus einem Kontext in einen anderen vorliegen.

Leseempfehlung

Bottigheimer, Ruth B.: The Bible for children. From the age of Gutenberg to the present, New Haven 1996.

Elliott, Scott S./Boer, Roland: Ideology, culture, and translation, Atlanta 2012.

Fischer, Alexander (Hg.): 200 Jahre Bibeln aus Stuttgart. Württembergische Bibelanstalt und Deutsche Bibelgesellschaft (1812–2012), Stuttgart 2012 [Bibeln mit Illustrationen 51–55, Bibeln für die Mission 56–61 und Kinder-und Jugendbibeln 71–76]

Gundert, Wilhelm: Bibelübersetzungen/IV. Bibelübersetzungen in europäische Sprachen vom 17. Jh. bis zur Gegenwart, in: Theologische Realenzyklopädie VI (1980), 266–299.

Gundert, Wilhelm: Geschichte der deutschen Bibelgesellschaften im 19. Jahrhundert, Bielefeld 1987.

Keuchen, Marion: Bild-Konzeptionen in Bilder- und Kinderbibeln. Zwei Bände, Göttingen 2016.

Werner, Eberhard (Hg.): Bibelübersetzung als Wissenschaft – aktuelle Fragestellungen und Perspektiven: Beiträge zum „Forum Bibelübersetzung“ aus den Jahren 2005–2011, Stuttgart 2012.

Wootton, Richard William Frederick: Bibelübersetzungen/V. Bibelübersetzungen in außereuropäische Sprachen, in: Theologische Realenzyklopädie VI (1980), 299–311.

Fußnoten

1

Gottfried Adam, „Thumb Bible“/„Daumenbibel“. Zu einem übersehenen Genre von Biblische Geschichten-Büchern, in: Thomas Schlag/Robert Schelander (Hg.), Moral und Ethik in Kinderbibeln. Kinderbibelforschung in historischer und religionspädagogischer Perspektive, Göttingen 2011, 175–204.

2

Christine Reents, Die Bibel als Schul- und Hausbuch für Kinder. Werkanalyse und Wirkungsgeschichte einer frühen Schul- und Kinderbibel im evangelischen Raum: Johann Hübner, Zweymal zwey und funffzig auserlesene biblische Historien, der Jugend zum Besten abgefasst …; Leipzig 1714 bis Leipzig 1874 und Schwelm 1902, Göttingen 1984.

3

Johann Hübner, Zweymal zwey und funfzig auserlesene biblische Historien aus dem Alten und Neuen Testamente. Der Jugend zum Besten abgefasset, nebst einer Vorrede des Autors, Harrisburg 1826, 345–359.

4

Johann Hübner, Hubner’s Historys of the Bible Translated = Traduction Des Histoires De La Bible = Die Biblischen Historien, Hamburg 1765.

5

Ruth B. Bottigheimer, Gott in Kinderbibeln. Der veränderliche Charakter Gottes, in: Gottfried Adam/Rainer Lachmann (Hg.), Kinder- und Schulbibeln. Probleme ihrer Erforschung, Göttingen 1999, 90–102, hier 94.

6

Arthur C. Repp, Sr., Luther’s catechism comes to America. Theological effects on the issues of the Small catechism prepared in or for America prior to 1850, Metuchen, N.J. [Philadelphia] 1982.

7

Vgl. Thomas Schlag, Medien der Mission und Bildung. Die Entwicklung eines transnationalen Bildungsprogramms am Beispiel der Basler Mission im 19. Jahrhundert, in: David Käbisch/Johannes Wischmeyer (Hg.), Transnationale Dimensionen religiöser Bildung (erscheint 2018).

8

Vgl. Karolin Wetjen, Religionspädagogische Resonanzen und die Mission. „Christianity Making“ im missionarischen Bildungsraum am Ende des 19. Jahrhunderts, in: David Käbisch/Michael Wermke (Hg.), Transnationale Grenzgänge und Kulturkontakte. Historische Fallbeispiele in religionspädagogischer Perspektive, Leipzig 2017, 23–38.

9

Zum Beispiel www.bibleserver.com, www.bibel-online.net oder www.die-bibel.de.

10

Vgl. dazu David Käbisch/Jens Palkowitsch/Johannes Träger/Ulrike Witten, Luthers Meisterwerk – Eine Bibelübersetzung macht Karriere: Bausteine für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe I, Göttingen 2015.

11

Vgl. dazu die Länderdarstellungen im Artikel Bibelübersetzungen, in: Theologische Realenzyklopädie VI (1980), 161–311, insbesondere 284f. (Bible de Genève), 287f. (Reina-Valera-Bibel), 264 (Böhmische Brüder), 285f. (Diodati-Bibel) und 251 (King-James-Version).

12

Vgl. David Käbisch/Johannes Wischmeyer, Transnationale Dimensionen religiöser Bildung. Methodik und Forschungsstand, in: David Käbisch/Johannes Wischmeyer (Hg.), Transnationale Dimensionen religiöser Bildung (erscheint 2018).

13

Basil Hall, Bibelübersetzungen/III. Mittelalterliche und reformationszeitliche Bibelübersetzungen/2. Übersetzungen ins Englische, in: Theologische Realenzyklopädie VI (1980), 247–251, hier 248–251.

14

Christine Reents/Christoph Melchior, Die Geschichte der Kinder- und Schulbibel. Evangelisch – katholisch – jüdisch, Göttingen 2011, 500, mit Bezug auf Selina Hastings/Eric Thomas/und Amy Burch [Illustrator], Maria Bühler [Übersetzerin], Illustrierte Bibel für Kinder, Augsburg 1994 (Original: The children’s Bible. Dorling Kindersley London 1994).

15

Hamish F.G. Swanston/Emile D. Probst/Doreen Ramsay u.a., Herders Kinderbibel. Zehn Bände, Freiburg etc. 1966–68. Dazu Reents/Melchior, Die Geschichte, 548–550.

16

Als Beispiele seien genannt Sheri Dunham Haan/Samuel J. Butcher [Illustration]/Walther Esther [Übersetzung], Bibelgeschichten, Zwei Bände, Asslar 1992 [US-amerikan. Original: Michigan 1969]. Mary Hollingsworth/ Stephanie Mc. Fetridge Britt [Illustration]/Sieglinde Denzel/Susanne Naumann [Übersetzung], Die kleine Bibel für mich…, Stuttgart-Neuhausen 1993 [US-amerikan. Original: Irving 1991]. V[ictor] Gilbert Beers/Carole Boerke [Illustration]/Wolfgang Neumeister [Übertragung], Bibel für Kleinkinder, Sprockhövel 2005 [US-amerikan. Original: The Toddler’s Bible, Colorado 1992]. Sally Lloyd-Jones/Jago [Illustration]. Die Gott hat dich lieb Bibel, Asslar 2009 [US-amerikan. Original: The Jesus Storybook Bible, Michigan 2007).

17

Anregungen dazu finden sich u.a. bei Jeremy Punt, The Other in South African Children’s Bibles: Politics and (Biblical) Systems of Otherness, in: Caroline Vander Stichele/Hugh S. Pyper (ed.), Text, image, and otherness in children’s Bibles. What is in the picture?, Atlanta 2012, 73–97.

18

Dazu ausführlich David Käbisch, Religionspädagogik und Translation Studies. Zur Bedeutung des Übersetzens für die Theorie und Praxis religiöser Bildung, in: Andrea Schulte (Hg.), Sprache – Kommunikation – Religionsunterricht. Gegenwärtige Herausforderungen religiöser Sprachbildung und Kommunikation über Religion im Religionsunterricht, Leipzig (erscheint 2018).

[Zum Inhalt]

|101|2. Im Fokus: Inhalte (Texte und Themen)
|103|Der Kanon im Kanon

Sabine Pemsel-Maier

Wer mit der Bibel arbeitet, steht vor einem Grunddilemma: „Die Bibel vermittelt ein Gefühl permanenter Überforderung: Sie ist zu dick, zu disparat, in vielem fremd (Sprache, Bilder, Konzepte) – einfach zu groß! Sie zwingt zu bedenklichen Strategien, mit diesem Problem (…) fertig zu werden: Eine ‚Lösung‘ ist der Verzicht auf die Bibel zugunsten eines kleinen Sets von biblischen Texten, die problemlos ‚funktionieren‘ (…)“.[1] Die faktische Reduzierung des großen biblischen auf einen begrenzten „religionspädagogisch funktionierenden“ Kanon, in dem der sozialkritisch-eingängig erscheinende Amos den Vorzug vor Hosea, Evangelientexte vor dem Corpus Paulinum, die Synoptiker vor Johannes erhalten, erscheint auf den ersten Blick als einfacher Ausweg. Auf den zweiten Blick ist sie in höchstem Maße begründungspflichtig: Was wird aus welchen Gründen aufgenommen, was aussortiert?

Der Kanon der Lehr- und Bildungspläne

Nachweisen lässt sich ein Kanon im Kanon für die aktuell gültigen evangelischen und katholischen Lehr- und Bildungspläne.[2] Inhaltliche Unterschiede zwischen den Konfessionen sind trotz unterschiedlichem Kanonumfang marginal; auf evangelischer Seite erscheinen die biblischen Themen etwas stärker akzentuiert. Es gibt einen durchgehenden alt- und neutestamentlichen Grundbestand – Schöpfung und Exodus, Abraham und Mose, Auszüge aus Väter- und Prophetenerzählungen, Geburt Jesu, Gleichnisse, Wunder, Passion, Auferstehung – mit altersspezifischer Zuordnung: Auszüge aus den Paulusbriefen oder dem Johannesevangelium bleiben dem Gymnasium und besonders der Oberstufe vorbehalten, während die Primarstufe Erzählungen aus dem AT und dem Leben |104|Jesu bevorzugt;[3] umgekehrt bedeutet dies, dass das theologische Potenzial des Buches Jona oder der Josefserzählung nicht voll ausgeschöpft wird. Die in der Sek I gebräuchlichen Texte unterscheiden sich in den verschiedenen Schularten kaum. Insgesamt besteht für die Weisheitsliteratur fast durchgehend Fehlanzeige; kleine Ganzschriften wie Tobit begegnen selten; der Schatz der Psalmen wird oft reduziert auf Ps 23 und Ps 104. Quer zu diesen Tendenzen stehen länder- und kulturspezifische Besonderheiten, wie das Buch Ruth im interreligiösen Hamburger Kontext, sowie lehrplanspezifische Merkmale – Thüringen etwa listet minutiös eine Vielzahl von Psalmen auf. Wo kompetenzorientierte Bildungspläne mit ihrer Zurückhaltung gegenüber zu zahlreichen Vorgaben die inhaltsorientierten Lehrpläne abgelöst haben und den Lehrkräften die Auswahl der Texte entsprechend der jeweiligen Unterrichtssituation überlassen, lässt sich das Vorkommen respektive Fehlen bestimmter Texte ohnehin nicht mehr eindeutig bestimmen – wenn in Bremen Mt 5–7 nicht explizit aufgeführt wird, heißt dies nicht, dass die Botschaft der Bergpredigt zwangsläufig ignoriert wird.

Kanonbildung in Kinder-, Jugend- und Schulbibeln

Einen eigenen Textkanon bieten notwendigerweise auch Kinder-, Jugend- und Schulbibeln. Bei den herkömmlichen Kinderbibeln sind „fast durchgängige Lücke (…) Propheten, Psalmen, Briefe des Paulus. Manche Stoffe erscheinen übergewichtig, etwa die Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel“.[4] Andererseits hat sich in den letzten Jahren ein größerer Reichtum an Textsorten durchgesetzt: „Es gibt nun vermehrt Psalmen, Prophetentexte (neben dem klassischen Jona), Gebete und Hymnen, Weisheitssprüche …; und im NT ist zunehmend mehr Platz für die Apostelgeschichte, sogar vereinzelt für Briefe, und es überraschen (sehr) kurze Fassungen der Johannes-Apokalypse“.[5] Die wenigen existierenden Jugendbibeln[6] verfolgen ähnliche Tendenzen; u.a. achten sie, wie etliche der neueren Kinderbibeln auch, auf eine angemessene Präsenz von Frauen und Mädchen. Eine Untersuchung zu den verschiedenen zugelassenen Schulbibeln fehlt.

|105|Der subjektive Kanon

Eine nicht zu gering zu veranschlagende Rolle spielt schließlich der subjektive Kanon: Texte, die Lehrpersonen oder Pfarrerinnen und Pfarrer aus verschiedenen Gründen besonders wertschätzen, dominieren gegenüber solchen, die ihnen unzugänglich und fremd bleiben, sei es aufgrund ihrer lebensgeschichtlichen Situation, sei es aufgrund mangelnder Fähigkeit, die betreffenden Texte zu erschließen. Die subjektive Auswahl kann unbewusst und unreflektiert, aber auch gezielt nach ungeschriebenen Kriterien geschehen. Die Vorgaben der Lehr- und Bildungspläne und der tatsächliche Unterricht können darum in der Praxis weit auseinanderklaffen.

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