Kitabı oku: «Nachhaltigkeit interdisziplinär», sayfa 10
a)Die Untrennbarkeit von Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe
Das bekanntermaßen vage Alltagsverständnis des Nachhaltigkeitsbegriffs erschwert den Konsens auch in der Nachhaltigkeitswissenschaft. Dass sich im Deutschen nachhaltige Entwicklung für sustainable development durchgesetzt hat, mag darüber hinwegtäuschen, dass hier das begrifflich engere englische sustainable (sustain+able) auf ein umgangssprachliches nachhaltig trifft, welches breit für lang anhaltend, andauernd, stark genutzt wird und seine Präzisierung erst im Kontext erhält. Diese Breite fördert die Akzeptanz des Begriffs im Deutschen beträchtlich – bewahrt allerdings auch seine Mehrdeutigkeit. Unzählige Präzisierungsversuche, etwa dauerhafte, umweltgerechte, tragfähige oder zukunftsfähige Entwicklung, zeugen davon. Die Unschärfe der Brundtland-Konzeption von Nachhaltigkeit trägt weiter zur Verwirrung bei. Darüber hinaus, und weit bedeutsamer noch, liegt der ausbleibenden Zielerreichung die Komplexität der globalen Herausforderungen zugrunde (Waddock et al. 2015). Nachhaltigkeitswissenschaftler argumentieren, dass die Welt im Widerstreit zweier gegenläufiger Entwicklungsparadigmen gefangen sei – dem Paradigma von Wachstum und Technologie aus der Prä-Brundtland-Welt und dem Nachhaltigkeitsparadigma der Post-Brundtland-Welt (Sneddon et al. 2006; Ott/Kiteme 2016). Systemwiderstände erhalten dabei das Wachstumsparadigma mit dem business as usual und verhindern das Etablieren des alternativen Nachhaltigkeitsparadigmas. Folge ist eine Kakophonie aus Konzepten, Politiken und Strategien, welche sich überlagern und gegenseitig entkräften. Dennoch – und dies bestätigt die Weltgemeinschaft eindrücklich mit der Agenda 2030 – gibt es keine Alternative zu nachhaltiger Entwicklung. Das transformative Potenzial des Nachhaltigkeitsparadigmas kann allerdings erst freigesetzt werden, wenn Klarheit und Konsens entstehen.
Den Königsweg dazu erschließt die Nachhaltigkeitswissenschaft, indem sie sich auf die im Brundtland-Bericht angelegte Untrennbarkeit von Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit (equity) rückbesinnt. Allgegenwärtig erscheint zwar das Brundtland-Zitat zur Gerechtigkeit im Hinblick auf zukünftige Generationen (intergenerational equity): „[D]evelopment that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ Weitgehend verloren ging jedoch die ebenfalls geforderte Gerechtigkeit innerhalb der jetzigen Generationen (intragenerational equity): „Sustainable development requires meeting the basic needs of all and extending to all the opportunity to satisfy their aspirations for a better life“ (WCED 1987: 2, I/4). Was impliziert diese Art der Gerechtigkeit? Was wären solche Gelegenheiten für ein besseres Leben, die es auszuweiten gilt? Auch hier besteht eine konzeptionelle Unschärfe sowie die Problematik einer Übersetzung ins Deutsche. Denn equity meint mehr als jene Gerechtigkeit, welche im Deutschen die Frage „gerecht in Bezug worauf?“ hervorruft und damit oft auf ein formelles oder informelles Regelwerk verweist. Equity ist hier als ethisches Prinzip – wie im biblischen „vor Gott sind alle Menschen gleich“ (Römer 2,1–16) – oder im Sinne der Menschenrechte zu verstehen. Dass Menschen als verstehende, fähige und handelnde Subjekte, als gleichwertig zu betrachten sind, ist die wesentliche ethisch-emanzipatorische Grundlage einer Nachhaltigkeitswissenschaft. Letztlich folgert daraus, dass allen Menschen nicht allein ihr Anteil an natürlichen und ökonomischen Ressourcen zusteht, sondern ebenfalls eine gleichberechtigte Teilhabe am Entwicklungsprozess – also das Recht auf Mitbestimmung und Mitgestaltung der Zukunft (UNDP 2011). Dieser Anspruch auf gesellschaftliche Inklusion versteht die bestehenden Macht- und Entscheidungsverhältnisse, genauso wie die Hoheit der Wissenschaft in der Deutung der Welt, als strukturelle Ursachen von Armut und Ausgrenzung (Standing/Taylor 2007). Er verbindet zentrale Entwicklungskonzepte – wie justice, participation, empowerment, gender mainstreaming, partnership, legitimacy, accountability, responsibility, decentralisation, aber auch action research. Sie alle verlangen emanzipatorische – deliberative und demokratischere – Interaktionen zwischen Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft sowie ein entsprechend wertegeleitetes Wissenschaftsverständnis (Sarkki et al. 2015; Isgren et al. 2017). In dieser interdisziplinären Zusammenarbeit sollen Akteure gemeinsam wirksame, gerechte Regelwerke und Institutionen für eine nachhaltige Entwicklung schaffen (Cornell et al. 2013; Berg/Lidskog 2018). Die enge Verknüpfung von Entwicklung und Gerechtigkeit ist Grundlage einer starken Konzeptionalisierung von Nachhaltigkeit als Systemänderung, im Gegensatz zu einer schwachen Nachhaltigkeit, welche wie bisher den Schwerpunkt auf Verbesserung und Korrektur im bestehenden System legt, ohne das Wachstumsparadigma in Frage zu stellen (Sneddon et al. 2006; Michelsen/Adomßent 2014; vgl. Kap. 14/Meireis im vorliegenden Kompendium). Dass gesellschaftlicher Ausgleich und deliberative gesamtgesellschaftliche Prozesse in einer von Ungerechtigkeit geprägten Welt nicht einfach zu schaffen sind, schmälert deren Notwendigkeit nicht.
b)Die Untrennbarkeit von Gouvernanz und Dynamik
Was bedeutet Gouvernanz im Kontext der Nachhaltigkeit? Ganz allgemein beschreibt Gouvernanz das Regelsystem, welches sich aus der Weise zusammensetzt, wie Individuen, öffentliche und private Institutionen gemeinsame Angelegenheiten organisieren. In diesem Sinne ist Gouvernanz neutral, sagt also wenig über das Objekt oder die Qualität des Regierens oder Verwaltens. Spezifischere Wertung erhält Gouvernanz im Versuch, eine Verbesserung der Regelwerke in konkreten Kontexten zu erreichen, beispielsweise good governance in Bezug auf staatliche Regierungsführung, global governance in Bezug auf die Koordination von Umweltpolitik zwischen den Ländern oder corporate governance in Bezug auf die Geschäftsführung von Unternehmen. Das umfassendste Konzept wäre jedoch die Nachhaltigkeitsgouvernanz, welche auch globale öffentliche Güter einbezieht (common goods) und normativ auf die oben dargelegte starke Konzeptionalisierung von Nachhaltigkeit setzt. In dieselbe Richtung gehen earth system governance (Biermann et al. 2012) und planetary governance (Raworth 2017).
Die Wortkombination Nachhaltigkeitsgouvernanz erscheint im Deutschen noch selten – ganz im Gegensatz zum Englischen, wo sich sustainability governance seit zwei Dekaden zunehmend behauptet. Einen etymologischen Hintergrund bildet das lateinische gubernare (lenken, steuern, regieren). Davon leiten sich im Englischen neben governance (die Art zu lenken) auch government (die Regierung) und to govern (die Art, wie regiert wird) ab, welche im Deutschen auch keine eigene Form gefunden haben. Im Deutschen sind zwei Ableitungen gebräuchlich: der Gouverneur als der Statthalter, Befehlshaber (englisch: governor) und die Gouvernante als die Erzieherin (englisch: governess). Unabhängig von der Sprache ist in Analogie zur gesellschaftlichen Hierarchie das ‚starke‘ eingreifende und kontrollierende Regieren der dominante Begriffsinhalt, wohingegen dass eher ‚schwache‘ Lenken der weiblichen, untergeordneten Sphäre zugeordnet wird. Gleichermaßen ist im Deutschen das Wort Management (Leitung, Führung), welches im Bereich der Ressourcenverwaltung häufig anstelle von Gouvernanz gebraucht wird, eher technisch-bürokratisch besetzt, wohingegen das englische Verb manage die Bedeutungsoffenheit des Lateinischen (bearbeiten, handhaben: von manus: Hand und agere: handeln) beibehalten hat.
Es ist diese Bandbreite im Verständnis von Gouvernanz, welche sich in der Inkohärenz der Entwicklungsansätze widerspiegelt. Geprägt von den jeweiligen Denktraditionen aus den Natur-, Human- und Sozialwissenschaften vertreten die Entwicklungsakteure ein eher technisch-reparierendes Eingreifen, ohne das Wachstumsparadigma in Frage zu stellen, oder einen eher offenen, prozesshaft-gestalterischen Zugang mit dem Ziel, über demokratischere Formen der Wissensproduktion eine Wissensgesellschaft aufzubauen, Politiken zu integrieren, Wege aus der Nicht-Nachhaltigkeit zu identifizieren und schließlich die Nachhaltigkeitstransformation zu erreichen (WBGU 2011; Scoones 2018). Der oben diskutierte Gegensatz von starker und schwacher Nachhaltigkeit wirkt also auch im Umgang mit Gouvernanz. Dabei vertreten Nachhaltigkeitswissenschaftler eine emanzipatorische, starke Nachhaltigkeit, ergänzt durch eine weiche beziehungsweise adaptive Form der Gouvernanz, welche der Komplexität, Unsicherheit und Dynamik von Entwicklung entspricht (Leach et al. 2013). Sie verlassen den Elfenbeinturm und stellen sich in den Dienst der gleichberechtigten Zusammenarbeit von Wissenschaft und Zivilgesellschaft. In einem adaptiven, reflexiven, iterativen Vorgehen sollen deren Vertreter neues Wissen schaffen und tragfähige Regelwerke und Institutionen erarbeiten, überprüfen und kontinuierlich wechselnden Bedingungen anpassen. Gouvernanz wird so zu einer Form der Navigation, ein Steuern durch die Unbeständigkeit einer sich ständig ändernden Welt, mit dem Ziel, Nachhaltigkeit zu stützen (Stöckli et al. 2012; Sarkki et al. 2015). Diese Nachhaltigkeit in der Praxis bezeichnet Gergen (2014) treffend als future forming practice – das Formulieren und Gestalten einer erwünschten Zukunft. Hier sind alle gesellschaftlichen Akteure gefordert. Gerade in Fragen, wohin wir steuern sollen, welche Maßnahmen wir ergreifen, welches Risiko wir dabei tragen wollen, sind politische Entscheidungen unumgänglich. Deliberative Prozesse erhöhen deren Reichweite, Legitimität, Robustheit und Effektivität (Dryzek/Stevenson 2011). Im Folgenden wenden wir uns der Praxis solcher zukunftsbildenden Prozesse zu.
4.2Transdisziplinäre Praxis
Der Integrationsanspruch der Nachhaltigkeitswissenschaft trifft die herkömmliche Wissenschaft im Kern: Wenn Wissen gesamtgesellschaftlich zu generieren ist und alle gesellschaftlichen Akteure als Träger von gleichgestellten Wissenssystemen gelten, bleibt die wissenschaftliche Deutungshoheit der Welt, bleibt auch die Vormachtstellung des disziplinären und interdisziplinären Wissens in politischen Entscheidungen nicht länger haltbar. Dies nährt die teils heftig geführte Debatte um das Verständnis von Expertise, um die Wertfreiheit von Wahrheit und Fakten (Fakt-Wert-Dichotomie, englisch fact-value split), um das (Selbst-)Verständnis und die Aufgabe der Wissenschaft in der Gesellschaft oder um die Einbettung disziplinärer Wissenschaft in transdisziplinäre Prozesse. Welcher Konsens dazu zeigt sich hier? Es sind im Wesentlichen Verschiebungen im Verständnis, in der Produktion und im Umgang mit Wissen, die sich für die Praxis der Nachhaltigkeitsforschung in drei Bereichen zusammenfassen lassen:
a)Von wissenschaftlicher Expertise zur Integration außerwissenschaftlicher Wissenssysteme
Vertreter von Nachhaltigkeit setzen auf die Integration von gesellschaftlichen Akteuren und ihren Wissensbeständen. Die Koproduktion von Wissen ist gleichzeitig Basis zur Verbindung von Fakten und Werten. Orientierung bietet ein breit rezipiertes Modell, welches im deutschsprachigen Raum schon früh Verbreitung fand (ProClim 1997; Vilsmaier/Lang 2014). Es bewährt sich in der Praxis, da es trotz seiner Einfachheit eine starke Strukturierungskraft hat. Im Wesentlichen werden darin drei Wissenstypen unterschieden, welche es im zukunftsbildenden Prozess gemeinsam zu generieren gilt (Pohl et al. 2008; Stelzer et al. 2018): Systemwissen, Zielwissen und Transformationswissen. Das Systemwissen ist das Wissen der Akteure über den Ist-Zustand unserer Welt. Hier kann die Wissenschaft sehr viel disziplinäres und interdisziplinäres Wissen beisteuern, ist doch die Analyse der Welt ihre eigentliche Domäne. Im Umweltprozess der Vereinten Nationen lag und liegt es oft in ihrer Hand, zentrale Degradierungsund Zerstörungsprozesse offenzulegen und ein Handeln anzustoßen. Dennoch wäre es falsch anzunehmen, dass allein die Wissenschaft Systemwissen generieren oder eine konkrete Zusammenarbeit auslösen kann, denn alle Akteure haben Wissen, haben Perzeptionen und Deutungen über die Welt. Es gilt, von den unterschiedlichen Blickwinkeln aus gemeinsam die Problemstellung festzuhalten – also den unerwünschten, weil nicht-nachhaltigen Ist-Zustand, den man verändern will. Analog umfasst das Zielwissen die gemeinsam festgelegte Vision oder eine konkrete Option einer nachhaltigen Zukunft. Transformationswissen schließlich umfasst das Wissen über die Bandbreite an Möglichkeiten, welche uns dem Ziel näherbringen könnten. Daraus wird die Wahl von Strategien und Maßnahmen – und damit auch des zu tragenden Risikos – gemeinsam getroffen und laufend überprüft. Diese Dreigliederung lässt sich heute in vielen Ansätzen politischer Entscheidungsfindung erkennen. Beispiele einer gesamtgesellschaftlichen Zusammenarbeit finden sich etwa in der Auseinandersetzung um die Atomenergie oder in der Abfederung sozialer Folgen aus dem Kohleausstieg in Europa (Wehnert et al. 2017). Es sind deliberative Prozesse, in welchen sich die Akteure annähern und gleichberechtigt und verantwortlich Vorteile und Risiken von Maßnahmen bewerten sowie die Kontrolle über den Prozess wahrnehmen (Dryzek/Stevenson 2011). Dieses kollektive Handeln verlangt von allen Akteuren aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft ein Umdenken und die Übernahme neuer Rollen. Transformative Forschung wird denn auch als sozialer Lernprozess umschrieben (Cornell et al. 2013; Berg/Lidskog 2018).
b)Von wissenschaftlichem Output zu gesellschaftlicher Prozessgestaltung
Da Linearität und kausaler Zusammenhang in der Komplexität und Dynamik des Wandels nur schwer auszumachen oder gar herzustellen sind, prägen Unplanbarkeit, Veränderung und Überraschung den Prozess (Leach et al. 2013). Der zwangsläufig experimentelle Charakter transdisziplinärer Arbeit verlangt ein ständiges Überprüfen und Anpassen der getroffenen Entscheidungen, ein Navigieren in Richtung der entworfenen nachhaltigen Zukunft (Pohl et al. 2008; Krohn et al. 2017). In der Nachhaltigkeitspraxis verschiebt sich deshalb der Fokus vom üblichen Input-Output-Planungsansatz auf einen iterativen Prozess. Die Prozesshaftigkeit verlangt und erlaubt gleichzeitig das gemeinsame Generieren eines adäquaten reflexiven und adaptiven Instrumentariums. Die Akteure gestalten den Prozess, indem sie laufend disziplinäre, inter- und transdisziplinäre Elemente in einer Weise kombinieren, korrigieren und erweitern, welche sie als sinnvoll erachten. Es handelt sich nicht nur um eine Koproduktion von Wissen, sondern eine Bewertung und Weiterführung dieses Wissens innerhalb der gemeinsamen Zielsetzung. Was Faktum, was Beweis ist, erhält so seine Bedeutung im jeweiligen Kontext, und nur in Bezug auf seine Weiterverwendung. Durch das Einfließen von unterschiedlichen Weltbildern, Werten, Interessen, ist das geschaffene und umgesetzte Wissen immer bewertet. Die Auseinandersetzung um die Wertfreiheit von wissenschaftlichem Wissen – beziehungsweise die Dichotomie von Fakten und Werten, der fact-value split – wird damit hinfällig. Woran aber lässt sich dann Erfolg messen? Vorgefasste Management- und Planungstools (Log Frames), wie sie mehrheitlich in Wirtschaft, Forschung und in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zur Anwendung kommen, können den iterativen Prozess wenig fassen. Unabhängig davon, ob eine konkrete Zusammenarbeit auf globaler Ebene oder in einem lokalen Kontext stattfinden soll: Ein Bewertungs- und Beobachtungssystem (Monitoring und Evaluation), welches die normativen Setzungen aller Akteure integriert und damit angepasst, flexibel und legitimiert ist, muss jeweils gemeinsam entwickelt werden. In der transdisziplinären Praxis bewährt sich eine Erweiterung von Standardelementen, wie man sie aus der Planung kennt, mit reflexiven und selbstreflexiven Schritten (Ott/Kiteme 2016). Ein solch reflexives und adaptives Monitoring- und Evaluationssystem dient als Navigationsinstrument, indem es den Prozess einerseits innerhalb der festgelegten Eckwerte hält, andererseits aber die notwendige Flexibilität gegenüber neu auftauchenden Anforderungen und Möglichkeiten erlaubt (Stöckli et al. 2012). Es lässt sich in überschaubaren Kontexten leichter bewerkstelligen, ist jedoch ungemein schwieriger in globalen Prozessen – wie beispielsweise in den Klimaverhandlungen, wo die Monopolstellung des disziplinären Wissens kaum gebrochen ist. In Bezug auf die globale Agenda 2030 entstehen dennoch vielversprechende Ansätze, etwa indem die Wissenschaft Indikatorensysteme zum Messen von Nachhaltigkeit einbringt, welche gesellschaftlich verhandelt und weiterentwickelt werden. Ein Beispiel ist das Sustainable Governance Indicators Project der Bertelsmann-Stiftung, eine Plattform von Wissenschaftlern und Praktikern mit dem Ziel, die Nachhaltigkeitsgouvernanz von EU- und OECD-Ländern zu messen. In der Schweiz ist das nationale Indikatorensystem MONET eine entscheidende Grundlage für den Dialog 2030 für nachhaltige Entwicklung, die Schweizer Plattform, welche Akteure aus Verwaltung, Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Forschung zur Diskussion und zum Handeln zusammenbringt.
c)Vom Silodenken zu Schnittstellen und Plattformen der gesellschaftlichen Interaktion
Austausch kann nur dort stattfinden, wo Menschen real oder virtuell zusammenkommen. Unter dem neuen Paradigma der Zusammenarbeit und Partnerschaft der Agenda 2030 entstehen viele neue Schnittstellen zwischen den Institutionen der Wissenschaft, der Politik und Verwaltung, der Unternehmen und weiteren formellen wie informellen Körperschaften. Die Zivilbevölkerung bringt eigene Ideen in den Dialog ein und wird in der globalen Umweltgouvernanz fordernder und gewichtiger. In Städten und Regionen schaffen Bürger- und Basisbewegungen Orte des Experimentierens und vernetzen sich mit der lokalen oder regionalen Verwaltung. Auch Wissenschaftler engagieren sich in diesen sogenannten Multi-stakeholder-Prozessen und in kollaborativen, inter- und transdisziplinären oder transformativen Plattformen und Laboratorien (Schneidewind et al. 2016; Fazey et al. 2018; Stelzer et al. 2018) und festigen lokale bis internationale Netzwerke zu Nachhaltigkeit (Gupta et al. 2012; Scoones et al. 2018). Nicht zufällig loten sie das science-policy interface konzeptionell wie praktisch aus. In dieser Arbeit an den Schnittstellen lässt sich die neue beziehungsweise zusätzliche Aufgabe der Wissenschaft ableiten: Es geht um wissenschaftliche wie gesellschaftliche Integration und Inklusion als Mediator und knowledge broker (Pohl et al. 2008; Fazey et al. 2018). Hierzu greifen Wissenschaftler auf den oben besprochenen Fundus an demokratischen, emanzipatorischen Entwicklungskonzepten und Praktiken einer deliberativen Interaktion zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zurück. Denn damit Akteure im Aufbau von geeigneten Institutionen und Lösungswegen tatsächlich mit entscheiden können, braucht es möglichst ausgeglichene Machtstrukturen und deliberative Kapazitäten (Dryzek/Stevenson 2011; Berg/Lidskog 2018). Capacity development zu nachhaltiger Entwicklung ist allerdings nicht nur integrativer Bestandteil der transdisziplinären Zusammenarbeit. In den Bildungsinstitutionen entstehen bereits Curricula und Förderinstrumente zur Ausbildung einer neuen Generation von Nachhaltigkeitswissenschaftlern (Schneidewind et al. 2016).
Insgesamt ist transformative Forschung also ein wertegeleitetes Arbeiten mit dem Zweck, die Zieldimensionen Ökologie, Gesellschaft und Wirtschaft gesamtgesellschaftlich auf allen Ebenen zu integrieren und dabei wirksame, legitimierte, gerechte Regelwerke für eine nachhaltige Entwicklung zu schaffen. Und dennoch: Transformative Forschung räumt die disziplinäre und interdisziplinäre Wissenschaft keinesfalls aus. Das Erarbeiten von wissenschaftlichem Wissen, Fakten und Beweisen bleibt ihre ureigene Aufgabe. Ob in der Politikberatung, in Multi-stakeholder-Prozessen oder in der Forschung – das Kombinieren von unterschiedlichsten Wissensbeständen verlangt und erlaubt es der Wissenschaft weiterhin, disziplinäres und technisches Knowhow einzubringen, Risiken offenzulegen und robuste Szenarien einer gemeinsamen Bewertung vorzulegen. Ebenso braucht es die vertiefte wissenschaftliche Analyse der globalen Vernetzungen und Wechselwirkungen, der Machtverhältnisse, Waren- und Finanzströme. Es braucht die lokalen bis globalen Umweltdatenbanken und Observatorien als vernetzte und öffentlich zugängliche Drehscheiben von Umweltwissen. Und es braucht exakte disziplinäre und interdisziplinäre Wissenschaftler als Vertreter der ökologischen Dimension, welche in den gesellschaftlichen Ansprüchen oder den Dringlichkeiten in den Entwicklungsländern leicht unterzugehen droht. Der Beitrag spezifisch wissenschaftlicher Leistungen zu einer kohärenten, effektiven und gerechten globalen Nachhaltigkeitsgouvernanz misst sich allerdings daran, wieweit diese öffentlich zugänglich und in den gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen integriert sind (Ott 2017). Dazu braucht es wiederum die Reflexionsebene der Transformationsforschung: die wissenschaftlich-disziplinäre Analyse der Transformationsprozesse selbst.
