Kitabı oku: «Nachhaltigkeit interdisziplinär», sayfa 9

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3.4Forschungsliteratur
Zur Einführung empfohlene Literatur

Detten, R. v.: Einer für alles? Zur Karriere und zum Missbrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs, in: Sächsische Carlowitz-Gesellschaft (Hg.): Die Erfindung der Nachhaltigkeit. Leben, Werk und Wirkung des Hans Carl von Carlowitz. München 2013, 111–126.

Höltermann, A./Oesten, G.: Forstliche Nachhaltigkeit, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hg.): Der deutsche Wald, 1/2001, 39–45.

Karafyllis, N. C.: „Nur soviel einschlagen, wie nachwächst“. Die Nachhaltigkeitsidee und das Gesicht des deutschen Waldes im Wechselspiel zwischen Forstwissenschaft und Nationalökonomie, in: Technikgeschichte, 69, 4, 2002, 247–273.

Peters, W./Wiebecke C.: Die Nachhaltigkeit als Grundsatz der Forstwirtschaft, in: Forstarchiv, 54, 5, 1983, 172 ff.

Zitierte Literatur

Beck, U.: Das Zeitalter der Nebenfolgen und die Politisierung der Moderne, in: Beck, U./Giddens, A./Lash, S (Hg.): Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Frankfurt a. M. 1996, 19–112.

Blühdorn, I.: Sustaining the Unsustainable. Symbolic Politics and the Politics of Simulation, in: Environmental Politics, 16, 2, 2007.

Brand, U./Görg, C.: Nachhaltige Globalisierung? Sustainable Development als Kitt des neoliberalen Scherbenhaufens, in: Brand, U./Görg, C. (Hg.): Mythen globalen Umweltmanagements. Münster 2002, 12–47.

Brünig, E. F. /Mayer, H.: Waldbauliche Terminologie: Fachwörter der forstlichen Produktion. Wien 1980.

Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Themenheft Nachhaltigkeit. Aus Politik und Zeitgeschichte. APuZ, 31–32/2014; online siehe http://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/188680/nachhaltigkeit, Zugriff: 01.03.2019.

Christen, M.: Nachhaltigkeit als Gerechtigkeit? Eine Betrachtung der gerechtigkeitstheoretischen Grundlagen der Nachhaltigkeitsidee anhand des Greifswalder Ansatzes. Vortrag am XXI. Deutschen Kongress für Philosophie zu Lebenswelt und Wissenschaft, Essen 15.–19. September 2008. https://edoc.unibas.ch/13779/, Zugriff 26.02.2019.

DFWR (Hg.): 300 Jahre Nachhaltigkeit. Forstwirtschaft in Deutschland. 2013. https://www.forstwirt-schaft-in-deutschland.de/nachhaltigkeit/kampagne-300-jahre-nachhaltigkeit/, Zugriff: 28.02.2019.

Detten, R. v.: Waldbau im Bilderwald – Zur Bedeutung des metaphorischen Sprachgebrauchs für das forstliche Handeln. Remagen-Oberwinter 2001.

Detten, R. v./Hanewinkel, M.: Strategies of Handling Risk and Uncertainty in Forest Management in Central Europe, in: Current Forestry Reports, 2017, doi: 10.1007/s40725-017-0050-7.

Detten, R. v./Oesten, G.: Nachhaltige Waldwirtschaft – ein Modell für nachhaltige Entwicklung? Sustainable Forest Management – A Model of Sustainable Development?, in: Natur und Landschaft 88, 2, 2013, 52–57.

Dittrich, K.: Realistische Zielstrukturen forstlicher Betriebsklassen auf der Grundlage langfristiger Waldentwicklung. Ein Beitrag zur Objektivierung der Nachhaltregelung, Diss. TU Dresden,1986.

Ernst, C.: Den Wald entwickeln. Ein Politik- und Konfliktfeld in Hunsrück und Eifel im 18. Jahrhundert. München 2000.

Grewe, B.-S.: Wald, in: Institut für Europäische Geschichte (Hg.): Europäische Geschichte Online, Mainz 2011. http://ieg-ego.eu/de/threads/hintergruende/natur-und-umwelt/bernd-stefan-grewe-wald/?searchterm=wald&set_language=de, Zugriff: 01.03.2019.

Grunwald, A.: Die gesellschaftliche Wahrnehmung von Nachhaltigkeitsproblemen und die Rolle der Wissenschaften, in: Ipsen, D./Schmidt, J. C. (Hg.): Dynamiken von Nachhaltigkeit. Marburg 2004: 313–341.

Grunwald, A./Kopfmüller, J.: Nachhaltigkeit. Frankfurt a. M. 2006.

Hasel, K./Schwartz, E.: Forstgeschichte. Ein Grundriss für Studium und Praxis. Remagen 2002.

Höltermann, A./Oesten, G.: Forstliche Nachhaltigkeit, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hg.): Der deutsche Wald, 1/2001, 39–45.

Hölzl, Richard: Historicizing Sustainability. German Scientific Forestry in the Eighteenth and Nineteenth Centuries, in: Science as Culture, 19, 4, 2010, 431–460.

Karafyllis, N. C.: „Nur soviel einschlagen, wie nachwächst“. Die Nachhaltigkeitsidee und das Gesicht des deutschen Waldes im Wechselspiel zwischen Forstwissenschaft und Nationalökonomie, in: Technikgeschichte, 69, 4, 2002, 247–273.

Küster, H.: Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart. München 1998.

Luhmann, N.: The Future Cannot Begin: Temporal Structures in Modern Society. In: Social Research, 43, 1976, 130–152.

Mantel, K.: Wald und Forst in der Geschichte. Ein Lehr- und Handbuch, Alfeld/Hannover 1990.

Oesten, G./Roeder, A.: Management von Forstbetrieben: Bd. 1: Grundlagen, Betriebspolitik. Professur für Forstökonomie und Forstplanung, Universität Freiburg im Breisgau 2012. https://www.ife.uni-freiburg.de/lehre/lehrbuch, Zugriff: 01.03.2019.

Ott, K./Döring, R.: Theorie und Praxis starker Nachhaltigkeit. Marburg 2004.

Peters, W.: Die Nachhaltigkeit als Grundsatz der Forstwirtschaft. Dissertation. Hamburg 1984.

Peters, W./Wiebecke C.: Die Nachhaltigkeit als Grundsatz der Forstwirtschaft, in: Forstarchiv, 54, 5, 1983, 172 ff.

Radkau, J.: Zur angeblichen Energiekrise des 18. Jahrhunderts: Revisionistische Betrachtungen über die „Holznot“, in: Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 73, 1986, 1–37.

Radkau, J.: Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt. München 2000.

Radkau, J.: Wachstum oder Niedergang: Ein Grundgesetz der Geschichte?, in: Seidl, I./Zahrnt, A. (Hg.): Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft. Ökologie und Wirtschaftsforschung, 87. Marburg 2010.

Schanz, H.: Forstliche Nachhaltigkeit aus der Sicht von Forstleuten in der Bundesrepublik Deutschland. Arbeitspapier 19–94, Institut für Forstökonomie der Universität Freiburg. Freiburg 1994.

Schanz, H.: Forstliche Nachhaltigkeit. Sozialwissenschaftliche Analyse der Begriffsinhalte und -funktionen. Schriften aus dem Institut für Forstökonomie, 4. Freiburg 1996.

Seefried, E.: Rethinking Progress. On the Origin of the Modern Sustainability Discourse, 1970–2000, in: Journal of Modern European History/Zeitschrift für moderne europäische Geschichte/Revue d’histoire européenne contemporaine, 13, 3, Politics and Time from the 1960s to the 1980s, 2015, 377–400.

Star, S. L./Griesemer, J. R.: Institutional Ecology – „Translations“ and Boundary Objects. Amateurs and Professionals in Berkeley’s Museum of Vertebrate Zoology, 1907–39, in: Social Studies of Science, 19, 1989, 387–420.

Steinsiek, P.-M.: Nachhaltigkeit auf Zeit. Waldschutz im Westharz vor 1800. Münster 1999.

Vogt, M.: Konzept Nachhaltigkeit, in: Schmidt, U. E. (Hg.): Nachhaltigkeit im Wandel. 300 Jahre nachhaltige Ressourcenbewirtschaftung? – Anspruch und Wirklichkeit. Tagungsband zur Konferenz „Nachhaltigkeit im Wandel“ März 2013. Remagen-Oberwinter 2013, 46–68.

Warde, P.: The Invention of Sustainability. Modern Intellectual History, 8, 2011, 153–170.

Weick, K. E.: Sensemaking in Organizations, Foundations for Organizational Science. London 1995.

Wolf, S./Detten, R. v.: Eine spontane Ordnung der Wälder? Die Grenzen einer „Ökonomie der Preise“ als Modell der nachhaltigen Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen, in: ORDO – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, 67. Berlin 2016, 161–189.

Zürcher, U.: Die Idee der Nachhaltigkeit unter spezieller Berücksichtigung der Gesichtspunkte der Forsteinrichtung. Mitteilungen der Schweizerischen Anstalt für das Forstliche Versuchswesen 41/42 (1965/1966), 4, 1965, 88 ff.

1Der Ruf nach „Konkretisierung“ einer vielfach zur Leerformel gewordenen Leitvorstellung zieht sich auch durch alle maßgeblichen Nachhaltigkeitsveröffentlichungen der letzten Jahrzehnte – stellvertretend sei das der „Nachhaltigkeit“ gewidmete Themenheft der Bundeszentrale für politische Bildung von 2014 genannt.

2Vgl. Küster 1998, Mantel 1990, Hasel und Schwarz 2002 oder, kurz und knapp, Grewe 2011.

3Zur forstlichen Begriffsgeschichte siehe Peters 1984: 4 ff., Schanz 1996: 18–57 oder Höltermann und Oesten 2001: 40 ff.

4Einen Überblick geben z. B. Zürcher 1965, Brünig und Mayer 1980.

5Davon zeugen z. B. sämtliche Internetauftritte der deutschen Landesforstverwaltungen.

6Der Begriff wird in Analogie zum von Star und Griesemer (1989) geprägten Begriff des „Grenzobjekts“ (boundary object) verwendet und meint solche Begriffe, die als „Schnittstelle“ oder gemeinsame Bezugspunkte von verschiedenen Akteuren oder Akteursgruppen fungieren, welche den Begriff aber unterschiedlich verstehen bzw. verwenden.

7Zu den verschiedenen „Krisen“ einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung im 19. Jahrhundert, z. B. der „Fichtenreinbestandswirtschaft in Sachsen“, der „Buchenhochwaldwirtschaft“ oder den „Rückschlägen beim Anbau fremdländischer Baumarten“, siehe Heyder 1986.

8Gemeint ist also das Problem, dass sich das, was sich tatsächlich ereignen wird (die zukünftige Gegenwart), nur im Modus der „gegenwärtigen Zukunft“, d. h. aktuellen Vorstellungen von zukünftigen Zuständen denken und kommunizieren lässt. Siehe Luhmann 1976.

9Siehe dazu beispielhaft den Nachhaltigkeitsbericht der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg aus dem Jahr 2014 (https://mlr.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-mlr/intern/dateien/PDFs/Wald/Nachhaltigkeitsbericht.pdf, Zugriff: 28.02.2019).

10„Die Nachhaltigkeitsidee ist, wenn sie bemüht wird, stets ein Kind der Krise […]“, so Karafyllis 2002: 251.

11Zum Topos der Holznot und zur Interpretation der in der Forstgeschichte zahlreichen Holznot-Debatten siehe v. a. Radkau 1986, Steinsiek 1999 oder Ernst 2000.

12Als Grund dafür ist hier auch zu berücksichtigen, dass die Zeitskalen, in denen politisch-gesellschaftliche Probleme einerseits, langfristige Probleme der Waldbewirtschaftung andererseits koordiniert werden müssen, sich nur schwer synchronisieren lassen.

13Siehe hierzu pointiert Brand und Görg 2002 oder Blühdorn 2007.

14Mehr dazu: Wolf und Detten 2016 sowie Detten und Hanewinkel 2017.

4.Nachhaltigkeitswissenschaft/Nachhaltigkeitsgouvernanz
Cordula Ott

Seit der Umweltkonferenz in Stockholm 1972 versuchen die Vereinten Nationen, den Umgang des Menschen mit dem Planeten Erde auf eine nachhaltige Basis zu stellen. Seither sind zunehmend konsistentere Umweltabkommen und Maßnahmen entstanden, doch die Erfolge blieben bescheiden. Regelmäßig zeigen globale und regionale Assessments, dass die Degradierung und Zerstörung der natürlichen Ressourcen und Ökosysteme in erschreckendem Maße voranschreitet. Und sie zeigen, wie dies einhergeht mit einer rapiden Umgestaltung der sozialen Welt. Trotz aller ökonomischen und sozialen Errungenschaften: Der Graben zwischen arm und reich vertieft sich weltweit. Dazu kommen Disparitäten in weiteren zentralen Bereichen: Der Zugang zu natürlichen und sozialen Ressourcen, zu Wissen und Mitsprache, zu Handelsflüssen, Zentren und Dienstleistungen, all das entscheidet, wie weit Menschen arm, ausgegrenzt und ausgeliefert bleiben oder ein ‚gutes Leben‘ führen und ihr Entwicklungspotenzial entfalten können (UNDP 2011). Vor diesem Hintergrund offenbart sich die tiefe Bedeutung von „leave no one behind“, der Kernbotschaft in Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, welche die Vereinten Nationen als übergeordneten Referenzrahmen für alle nationalen und internationalen Entwicklungsund Umweltbemühungen zwischen 2015 und 2030 gesetzt haben (UN 2015). Das Ziel, niemanden zurückzulassen, heißt nicht allein, Armut, Hunger und Umweltzerstörung zu beenden. Es bedingt zudem eine gerechte Teilhabe und Mitbestimmung aller am gesellschaftlichen Entwicklungsprozess.

Es ist diese Vision einer gesamtgesellschaftlichen Integration, welche die Agenda 2030 auszeichnet. Gemeinsam sollen Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft die vorherrschend destruktive Mensch-Umwelt-Beziehung auf eine neue – nachhaltige – Stufe heben, indem sie eine gerechte Entwicklung innerhalb der planetarischen Grenzen sichern (Raworth 2017). Nachhaltigkeit soll aus dem gesellschaftlichen Ausgleich in den fünf entscheidenden Dimensionen Menschen, Planet, Wohlstand, Frieden und Partnerschaft (im anglophonen Diskurs die „5 Ps“: People, Planet, Prosperity, Peace and Partnership) erwachsen. Umgesetzt wird die Agenda 2030 über ein kohärentes Set aus 17 Nachhaltigkeitszielen (den Sustainable Development Goals, kurz SDGs) und 169 Unterzielen. Es soll Länder wie Institutionen darin unterstützen, ökologische, ökonomische und soziale Anliegen zu verknüpfen sowie alle Subsysteme und Politikbereiche gesellschaftlicher Organisation nachhaltig zu organisieren und aufeinander abzustimmen (Biermann et al. 2017). Indem Pfadabhängigkeiten aufgelöst werden, welche etwa unsere Nahrungs-, Verkehrs- oder Gesundheitssysteme an den Verbrauch nicht-erneuerbarer Ressourcen binden, soll dies insbesondere den Umbau der Wirtschaft und die dringliche Energiewende ermöglichen (Fischedick/Grunwald 2017). Transformation unserer Welt als Obertitel der Agenda 2030 bedeutet also nichts weniger als eine Revolution, einen ‚Wandel zweiter Ordnung‘ (disruptive change), einen ‚logischen Sprung‘, bei welchem das bestehende, als nicht-nachhaltig erkannte Mensch-Umwelt-System einem völlig neuen nachhaltigen System weicht (Messner/Nakicenovic 2017). Solche Brüche in der globalen Entwicklung hat es in der Vergangenheit öfters gegeben, beispielsweise die neolithische oder die industrielle Revolution. Heute jedoch gilt es, einen Bruch mit einer Systemnutzung, welche die sozialen und planetarischen Grenzen überschreitet, aktiv herbeizuführen – gerade eben, um den drohenden spontanen ökologischen Kollaps zu vermeiden.

Wie kann diese Nachhaltigkeitstransformation gelingen? Wie kann die geforderte Zusammenarbeit von Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft erfolgreich organisiert werden? Welche Institutionen, Verhaltensweisen, Regelwerke und Prozesse gewährleisten eine kohärente, gesellschaftlich ausgleichende und nicht-ausbeuterische Mensch-Umwelt-Beziehung? Wie lässt sich eine legitime und effektive Nachhaltigkeitsgouvernanz über alle organisatorischen Ebenen und geographischen Räume hinweg schaffen? Mit solchen Fragen befasst sich die Nachhaltigkeitswissenschaft – eine Neuerscheinung in den akademischen Disziplinen (Clark 2007; Spangenberg 2011). Ihre Vertreter argumentieren, dass sich die Wissenschaft als Subsystem selbst transformieren muss, wenn sie Nachhaltigkeit stützen will (Lubchenco et al. 2015). Denn in der Interaktion zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft – der transdisziplinären Interaktion – verliert die Wissenschaft die Deutungshoheit über die Welt und ihren Vorrang als Zubringer von Wahrheiten für politische Entscheidungen. Deshalb suchen Nachhaltigkeitswissenschaftler neue Rollen und Wege, um die Nachhaltigkeitstransformation nicht nur über disziplinäre und interdisziplinäre Wissensproduktion zu stützen, sondern – als transformative Wissenschaft – das gesamtgesellschaftliche Mitbestimmen und Mitgestalten einer nachhaltigen Zukunft zu fördern und effektiv zu machen (WBGU 2011). Im Folgenden werden Eckpunkte dieser Nachhaltigkeitswissenschaft skizziert, wie sie sich heute abzeichnet.

4.1Konzepte und Genese einer Nachhaltigkeitswissenschaft

Die Nachhaltigkeitswissenschaft (sustainability science) selbst ist noch jung. Allerdings ist sie in Grundzügen bereits in der Nachhaltigkeitsdebatte der 1970er und 1980er Jahre erkennbar, als sich kritische Strömungen aus den Sozial- und Humanwissenschaften mit sozialen Bewegungen in den Ländern des ‚globalen Südens‘ zu verbinden und demokratischere Formen der Wissensgenerierung und Entwicklungsgestaltung einzufordern begannen. Stellvertretend sei auf Jane Lubchenco verwiesen, welche an der Jahrtausendwende die Wissenschaft zu einem neuen Vertrag mit der Gesellschaft aufrief, um die Probleme des 21. Jahrhunderts verantwortlich und effektiv anzugehen: „[…] I invite you to participate vigorously in exploring the relationship between science and society and in considering a new Social Contract for Science as we enter the Century of the Environment“ (Lubchenco 1998: 496). Nachhaltigkeitsorientierte Vertreter aus unterschiedlichsten Disziplinen haben diese Forderung als Verpflichtung aufgenommen, haben sich vernetzt und untersuchen, wie die Wissenschaft zu Nachhaltigkeit beitragen kann, bzw. welche Wissenschaft es für Nachhaltigkeit braucht. Sie haben seither das Profil einer Nachhaltigkeitswissenschaft herausgearbeitet und deren Eigenständigkeit unter den Wissenschaften ausgewiesen (Kates et al. 2001; Clark 2007; Lubchenco 2015). Nachhaltigkeitswissenschaft verstehen sie als Schirm, unter welchem epistemologische und praktische Diversität gepflegt, doch kontinuierlich das Gemeinsame, der Kern, gesucht wird in Bezug auf die Frage, wie Wissenschaft der Nachhaltigkeit dienen kann (Farley 2014; Krohn et al. 2017). Folgerichtig sind Netzwerke, Verknüpfungsstellen und experimentelle Laboratorien im Schnittbereich der Disziplinen, der Wissenschaft, Politik und Gesellschaft wesentlich. In diesen kann sich die Nachhaltigkeitswissenschaft einerseits als Disziplin verstetigen, andererseits disziplin- und gesellschaftsverbindend wirken. Im Kontext der Schweiz gelang es solchen Netzwerken recht früh, aus einer Nischenposition heraus die universitäre und entwicklungspolitische Landschaft über die Grenze hinaus mitzuprägen und Grundlagenarbeiten zu transdisziplinärer Wissensproduktion zu schaffen, welche in der heutigen Nachhaltigkeitswissenschaft breit rezipiert sind (Vilsmaier/Lang 2014; Ott/Kiteme 2016). Impulsgebend war hier der Personenkreis um die Gründung der SAGUF 1972 (Schweizerische Akademische Gesellschaft für Umweltforschung und Ökologie, Bern). Aus diesem Netzwerk hervorgegangen sind etwa die IKAÖ (Interfakultäre Koordinationsstelle für Allgemeine Ökologie, Bern 1988–2013), das heutige CDE (Interdisziplinäres Zentrum für Entwicklung und Umwelt der Universität Bern) im Jahr 1989, die KFPE (Kommission für Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern) und das td-net (Network for Transdisciplinary Research) der Akademien der Wissenschaften Schweiz im Jahr 1994 bzw. 2000 sowie das neuere USYS Tdlab der ETH Zürich. Viele globale inter- und transdisziplinäre Netzwerke sammeln sich heute unter dem Schirm des globalen Future-Earth- Programms. Verwiesen sei insbesondere auf das Earth System Governance Project, welches aus dem International Human Dimensions Programme on Global Environmental Change (IHDP, 1996–2014) (Ehlers 2016) hervorgegangen ist und das wohl größte sozialwissenschaftliche Netzwerk im Bereich Umweltgouvernanz darstellt.

Kern des Diskurses sind die Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung, welche sich heute im gesamtgesellschaftlichen Gestalten der Nachhaltigkeitstransformation bündeln (UN 2015). Neu als Forschungsgegenstand erscheinen Art und Qualität der Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sowie ein daraus abzuleitendes neues Wissenschaftsverständnis. In Abgrenzung zur traditionellen akademischen Wissensproduktion wird jene im Schnittbereich Wissenschaft und Gesellschaft auch als „Modus2-Wissensproduktion“ (Mode2-knowledge production, teils auch post-normal science) bezeichnet (Nowotny et al. 2001). In der Nachhaltigkeitswissenschaft, wie sie hier diskutiert wird, ist die einfachere Bezeichnung „transdisziplinäre Wissensproduktion“ häufiger, welche bereits im Namen auf die gesellschaftsübergreifende Ko-Produktion von Wissen hinweist. Wo der Begriff einer Modus2-Wissensproduktion erhalten blieb, wird er meist synonym mit Transdisziplinarität verwendet. In der Innovationsforschung im Bereich Science, Technology and Innovation (STI) hat sich der Modus2 unter Verbindung von Systemtheorie, Wissen und Innovation auch zu Konzepten einer Modus3-Wissensproduktion erweitert – wie Tiple-Helix-Innovationssysteme (Universität – Industrie – Regierung) (Etzkowitz/Leydesdorff 2000) oder Quadrupel-Helix-Innovationssysteme (plus Zivilgesellschaft) (Carayannis et al. 2016). Ebenfalls hat die Innovationsforschung die Verantwortlichkeit der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft in Konzepte zu Responsible Research and Innovation (RRI) gefasst (Owen et al. 2013). Es sind diese Betonung der gesellschaftlichen Verantwortung und die akteur- und systemübergreifende Herangehensweise, welche die unterschiedlichen Denkschulen zusammenbringen und das Wesen der heutigen Nachhaltigkeitswissenschaft prägen. Trotzdem bleiben nachhaltigkeitsorientierte Ansätze der Innovations- und Transitionsforschung wie auch der Earth System Science oft mehr im herkömmlichen Wissenschaftsverständnis oder in Referenzsystemen der Auftraggeber verhaftet und sind damit mehr im Randbereich der hier dargelegten Nachhaltigkeitswissenschaft zu verorten (Spangenberg 2011; Ott 2017). Denn für die sustainability science community bildet Nachhaltigkeit das bestimmende Referenzsystem. Ihr Konsens darüber, was das heißen soll, festigt sich entlang folgender Prinzipien:

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