Kitabı oku: «Nachhaltigkeit interdisziplinär», sayfa 7

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3.Waldwirtschaft/Forstplanung
Roderich von Detten

In als instabil und risikoreich erlebten Zeiten wächst das Bedürfnis nach Sicherheit und Verlässlichkeit. Werden Komplexität und Zukunftsunsicherheit im globalen Maßstab in den verschiedensten räumlichen und zeitlichen Kontexten unter (massen)medialen Bedingungen in zumeist krisenhaften Erzählungen oft als quasi ‚naturgegeben‘ wahrgenommen, so wächst die Sehnsucht nach Gewissheit, Stabilität, Maß und Gleichgewicht, und auch nach Kontrolle ins Unermessliche. Dass also die Vorstellung von „Nachhaltigkeit“ zu einem Leitbild der zweiten Moderne (vgl. Beck 1996) avancieren konnte, mag kaum verwundern.

Wenn mit dem verbreiteten, oft auch inflationären Gebrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs die Mehrdeutigkeit und die Vagheit beklagt werden (vgl. z. B. Brand/Görg 2002: 26 ff.; Grunwald 2004: 327 f.),1 ihm eine „begrenzte Leitbildfähigkeit“ (Brand/Görg 2002: 27 ff. bzw. 74 ff.) attestiert wird und die Nachhaltigkeit ihre Prägnanz und ihr kritisches Potenzial zu verlieren droht, so wird gerne nach dem Original gesucht. Genau an dieser Stelle kommen die Forstwirtschaft bzw. die Forstwissenschaften ins Spiel. Nicht überraschend ist es vor allem der forstliche Fachbereich selbst, der diese Karte allzu bereitwillig spielt und dabei gerne den Bogen von der zum Teil des forstwissenschaftlichen Gründungsmythos gewordenen Nachhaltigkeit nach Carlowitz (1713) zum aktuellen, Forstwirtschaft und Forstwissenschaft verbindenden Leitbegriff spannt und gar zum „ehernen“, also zeitlos gültigen Prinzip hinter dem Ziel einer globalen nachhaltigen Entwicklung erhebt, für das die deutsche Forstwirtschaft Urheber, Pate und Hüter zugleich zu sein beansprucht. In der medialen alltäglichen Wahrnehmung und durchaus auch in Expertendiskursen ist dieses Narrativ nach wie vor weit verbreitet und der Förster ist zum symbolischen Hüter der Langfristigkeit par excellence geworden. Vielleicht wird gerade deshalb im Forstbereich immer wieder das Ziel verfolgt, dem Leitbegriff eine orientierende Funktion zurückzugeben. Dabei geht es meist nicht allein darum, in engen, kontextbezogenen Definitionen eine korrekte Bedeutung festzuschreiben, sondern die Deutungshoheit darüber zu klären.

Der vorliegende Beitrag versucht mit dem Blick auf die beiden Ebenen des Forstfachbereichs – forstliche Praxis und Forstwissenschaften – eine kritische Bestandsaufnahme des Konzepts der Nachhaltigkeit und lotet dabei aus, inwieweit der Gebrauch des Begriffs und seine Funktionen im forstlichen Fachdiskurs paradigmatisch für den allgemeinen Umgang mit dem Konzept stehen. Viele Beobachtungen sind dabei allgemeiner Art – und lassen sich auch für andere Begriffe machen, die sich im Problembereich des langfristigen Umgangs mit natürlichen Ressourcen an der Seite der Nachhaltigkeit etabliert haben. Zum einen wird damit die Ebene der Waldwirtschaft – also die praktische Bewirtschaftung von Waldökosystemen – bedacht, zum andern ist damit stets die für die praktische Waldbewirtschaftung unumgängliche langfristige Forstplanung angesprochen. Zunächst wird der forstliche Kontext beleuchtet, in dem Begriff und Konzept der Nachhaltigkeit wirksam werden konnten, bevor Verwendungsweisen des Nachhaltigkeitskonzeptes aufgezeigt werden. Zum Schluss wird Kritik an der Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs aufgegriffen und erörtert, was das Beispiel eines forstfachlichen Umgangs mit der Nachhaltigkeit für den Nachhaltigkeitsdiskurs insgesamt lehren kann.

3.1Konzepte und Diskurse der Nachhaltigkeit in der Waldwirtschaft
Nachhaltigkeitsanspruch und forstliche Entscheidungsprobleme

Dass im Jahre 2013 das 300-jährige Erscheinen der Sylvicultura oeconomica von Hans Carl von Carlowitz in Deutschland im Rahmen eines großangelegten bundesweiten Aktionsprogramms in einer bis dato unvergleichlichen Weise gefeiert wurde (vgl. DFWR 2013), ist in mindestens zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Dabei wird deutlich, in welchem Maße der Nachhaltigkeitsbegriff im 21. Jahrhundert erstens zum Gründungs-narrativ der Marke „Forstwirtschaft aus deutschen Landen“ gehört und zweitens als symbolische Klammer über eine mindestens 300-jährige Geschichte herhalten muss (Slogan: „Wir sind nachhaltig – und das seit 300 Jahren“), welche die unterschiedlichsten Ziele, Strategien, Bewirtschaftungskonzepte und mithin alle erfolgreichen und auch weniger erfolgreichen Wege der Waldbewirtschaftung umgreift. Beide Tatsachen verweisen auf eine zentrale Funktion der Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs in den Forstwissenschaften und in der Forstwirtschaft: Er ist zunächst Platzhalter für eine unüberschaubare Fülle an diversen, oft widersprüchlichen Wahrnehmungen, Bewertungen, Strategien und Handlungen, wenn es um den langfristigen Umgang mit Wäldern geht. Dabei wird er nach innen zum einigenden Band eines ganzen Fachbereichs und hier im Rahmen des Feierjahres gleichzeitig zum „Original“ erklärt, das als Reaktion auf die inhaltliche Ausweitung und den inflationären Gebrauch eben auch der Abgrenzung nach außen dient.

Die forstliche Nachhaltigkeit ist nicht allein mit Blick auf ihre identitätsstiftende Bedeutung zu verstehen, sondern muss vor dem Hintergrund der Entscheidungsprobleme bzw. Erkenntnisprobleme gesehen werden, die sich in Forstwirtschaft bzw. Forstwissenschaften stellen. Dass die Bewirtschaftung von Wäldern durch eine spezifische Komplexität charakterisiert werden kann, ist vielfach beschrieben worden und hat in erster Linie mit der Langfristigkeit forstlicher Entscheidungen zu tun: zentrale Entscheidungen wie die Wahl von Baumarten oder Baumartenzusammensetzungen oder der sog. „Umtriebszeit“ (des Nutzungsalters von Baumbeständen) sowie die Entscheidung für die geeigneten waldbaulichen Strategien (Ernteverfahren, Verfahren der Durchforstung oder der sog. „Verjüngung“ von Wäldern) sind eng an natürliche Gesetzmäßigkeiten und durch die Umwelt gegebene Voraussetzungen geknüpft. Das langsame Wachstum von Bäumen, die in unseren Breiten (und abhängig von natürlichen Voraussetzungen wie menschlichen Zielsetzungen) frühestens im Alter von 60 Jahren, zumeist aber deutlich später (nicht selten nach bis zu 150 Jahren) geerntet werden, bedingt eine Weitsicht, die kaum durch das Wissen über die natürlichen Wachstumsbedingungen in diesem in der Zukunft liegenden Zeitraum gedeckt ist – ganz abgesehen vom Wandel der Eigentümerzielsetzungen und den Veränderungen im gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen oder technologischen Kontext, die sich im Laufe dieser Dekaden ergeben.

Die Komplexität, die sich mit Blick auf die Wälder der Zukunft als Resultat des Zusammenspiels von natürlichen und sozialen Faktoren ergibt, ist groß – und je weiter der forstliche Entscheider in die Zukunft blickt, umso unschärfer das Bild und umso lauter das Rauschen. Forstwirtschaft ist der Versuch, Wälder langfristig zielgerichtet zu steuern – unter Bedingungen, die eine präzise Langfriststeuerung unmöglich machen. Wenn generell gilt, dass bei komplexen Entscheidungsproblemen die Voraussetzungen dafür fehlen, optimale Entscheidungen zu definieren, so fehlen mit Blick auf die Langfristigkeit der Forstwirtschaft zudem die Voraussetzungen für streng rationales Handeln, wo beim Zusammenspiel von natürlichen und sozialen Faktoren neben im engeren Sinne sachliche auch politische und moralische sowie affektive, d. h. emotionale Entscheidungskriterien treten.

Die oben genannten zentralen Entscheidungen bei der Bewirtschaftung von Wäldern sind dabei niemals solche, die sich auf eine bestimmte Funktion von Wäldern (also z. B. die Holzproduktion oder ihre Bedeutung für den Naturschutz, die Wasserqualität etc.) bezieht: Vielmehr betrifft jede Nutzungsentscheidung zugleich Schutz- oder Erholungsfunktionen von Wäldern und umgekehrt. Jede Entscheidung zur Nutzung eines Baumes etwa ist zugleich die Entscheidung darüber, welche Wuchsbedingungen nach seiner Entnahme fortan herrschen, und es gehört zu den Notwendigkeiten bei der Waldbewirtschaftung, dass jedwede Nutzung des „Naturvermögens“ („Forstliche Produktion“) der Tatsache Rechnung trägt, dass die Gesundheit und Produktivität des gesamten Ökosystems („Reproduktion“) erhalten bleiben. Andernfalls drohen – und diese Tatsache stellt neben der Langfristigkeit das zweite zentrale Charakteristikum der Forstwirtschaft dar – irreversible, durch keinerlei künstliche Reparaturen auszugleichende Schädigungen. Dies ist auch der Grund dafür, dass Waldbesitz zumindest in Mitteleuropa mannigfaltigen und für Außenstehende oft schwer zu verstehenden Eigentumsbeschränkungen (z. B. Kahlschlagsverbote) unterliegt. In den relativ engen, dicht besiedelten Staaten Mitteleuropas sind Wälder flächenmäßig noch immer sehr bedeutsam, die klassischen Waldfunktionen („Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion“) werden gesellschaftlich sehr stark nachgefragt, und die hohen gesellschaftlichen Ansprüche, denen sich die Bewirtschaftung von Wäldern stellen muss, heben diese in vielerlei Hinsicht in den Rang von öffentlichen Gütern.

Der Nachhaltigkeitsbegriff und seine Verwendung in Geschichte und Gegenwart müssen vor genau dieser Folie betrachtet werden, und wenn Forstleute mit ihrer Urheberschaft des „Nachhaltigkeitsprinzips“ zugleich den Anspruch verbinden, komplexe Waldökosysteme auch tatsächlich langfristig steuern zu können (Schanz 1994), wird gerne auf ertragreiche und vielfältige Wälder, eine leistungsstarke Forstwirtschaft und international gesehen hohe Bewirtschaftungsstandards verwiesen.

Was davon allerdings das Ergebnis langfristiger Bewirtschaftungsstrategien und gezielter sog. „Produktionsprogramme“ ist, bleibt in der Regel unklar. Bei genauerem Blick wird deutlich, dass der jeweils aktuelle Zustand von Wäldern im Einzelfall keineswegs das Endprodukt Jahrzehnte übergreifender Planung und konsistenter Umsetzung von Langfriststrategien ist. Genauso entscheidend tragen Kalamitäten, Stoffein- und -austräge, Standortveränderungen, das Marktgeschehen, der Wandel von Bewirtschaftungszielen und -moden, veränderte klimatische Verhältnisse, gewandelte gesellschaftliche Ansprüche an Wälder und Waldbewirtschaftung, neue Gesetze etc. zur Gestalt unserer Wälder bei. Was oft als Ergebnis nachhaltiger Forstwirtschaft deklariert wird, ist eine Mischung von Geplantem und Unvorhergesehenem, Erwartetem und Zufälligem, und die Forstgeschichte lässt sich als fortwährende Aktualisierung einer Grunderfahrung lesen: Es kam (und kommt) anders, als gedacht. Dieser Befund ergibt sich dabei sowohl, wenn man die Geschichte der Wälder in Mitteleuropa gleichermaßen auf der Makroebene liest,2 als auch dann, wenn man sich tiefer in die Geschichte einzelner Forstbetriebe bzw. Waldungen vertieft und hier Anspruch und Wirklichkeit, Planung und reale Entwicklungen einander gegenüberstellt: „Trotz periodischer Betriebsregelungen der Forsteinrichtung und intensiver Bewirtschaftung des Waldes ist es im Verlaufe von über eineinhalb Jahrhunderten in keinem Falle gelungen, eine stabile Waldentwicklung in Richtung auf die angestrebten IDEAL-Strukturen zu gewährleisten“ (Dittrich 1986: 137) – so resümiert etwa eine Studie aus der Mitte der 1980er Jahre, die Anspruch und Wirklichkeit forstlicher Planung und Realität in einer historischen Längsschnittstudie einander gegenüberstellt.

Dabei aber tritt ein für die Forstwirtschaft zentraler, die Waldbewirtschaftung grundierender Widerspruch zutage: Der Anspruch, Wälder langfristig zielgerichtet und plangemäß steuern zu können („Nachhaltigkeitsstrategie“), ist nur schwer mit der Tatsache der Komplexität, der Zukunftsunsicherheit und dem mangelnden Wissen in Einklang zu bringen.

Wie sich zeigt, sind es Zäsuren oder einschneidende Erfahrungen wie die des Klimawandels, die bei Forstleuten das Bewusstsein dafür schärfen, wie sich Wälder (und mit ihnen die Waldbewirtschaftung) in nicht vorauszusehender Weise ändern, dass stets Zukunftswissen fehlt und etabliertes Erfahrungswissen permanent entwertet wird. Der im Klimawandel wahrgenommene „Ausnahmezustand“, als den forstliche Praktikerinnen und Praktiker die Situation von Handlungsnotwendigkeit angesichts von Unwissen und Ignoranz beschreiben, ist der Normalfall.

Zu konstatieren ist also einerseits das vor allem in der Langfristperspektive nicht aufzulösende Problem der Entscheidung unter Unsicherheit und Ignoranz. Andererseits lässt sich mit Blick auf Gegenwart und Geschichte von Forstwirtschaft und Forstwissenschaften eine ungebrochene Popularität des Nachhaltigkeitsbegriffs feststellen – und beide Tatsachen hängen miteinander zusammen.

Konzepte und Begriffsgeschichte der forstlichen Nachhaltigkeit

Kern aller Nachhaltigkeits-Leitbilder ist das ethische Prinzip des Erhalts von Ressourcen zum Wohle jetziger und nachfolgender Generationen, um eine generationenübergreifende Nutzung zu ermöglichen. Wenn der Umwelthistoriker Joachim Radkau dieses Prinzip als selbstverständliche Norm der alten Bauernschaft bezeichnet (2000) und mit Blick auf den Nachhaltigkeitsbegriff gar von einer „meist metaphorische(n) Übertragung einer in dieser Abstraktheit recht banalen bäuerlich forstwirtschaftlichen Erhaltungsregel“ (Vogt 2013) gesprochen wurde, so ist damit die Selbstverständlichkeit einer zukunftsorientierten Ressourcennutzung gemeint, wie man diese aus Fischerei, Zeidlerei und Jagd, aus dem Waldfeldbau, der Waldweide und auch dem Ackerbau kennt und wie sie vor allem auch einer autarken Versorgung von Gemeinschaften z. B. in Klöstern dient. Frühe Beispiele für Nutzungsregelungen und -beschränkungen, die der im oben genannten Sinne verstandenen Nachhaltigkeit avant la lettre dienen, sind in der Forstgeschichte schon für das frühe Mittelalter zur Zeit Karls des Großen beschrieben worden (Mantel 1990: 61 f.). In rechtlich kodifizierter Form wird Nachhaltigkeit als Rechts-, Ordnungs- und auch Machtkonzept erkennbar. Bereits hier kann sich der Blick dafür schärfen, dass die Frage nach dem Verständnis von Nachhaltigkeit nicht von der Frage zu trennen ist, in wessen Dienst eine Regelung oder ein Anspruch auf Nachhaltigkeit erhoben wird.

Ansätze eines systematischen Nachhaltigkeitsdenkens im nördlichen Europa, in Frankreich, England und Deutschland lassen sich bereits für das 16. Jahrhundert nachweisen, wie der britische Umwelthistoriker Paul Warde (2011) dargestellt hat. Das Ziel einer dauerhaften, rentablen und rechtlich gesicherten Rohstoffversorgung sowie des Schutzes von Flächen – auch im größeren räumlichen (bis hin zum nationalen) und zeitlichen (intergenerationalen) Maßstab – wurde von der jeweiligen Grundherrschaft in den Bereichen von Land- und Forstwirtschaft zur Sicherung des Flottenbaus, der Holzversorgung für den Hof, v. a. aber auch zur Sicherung regelmäßiger Einkünfte verfolgt. Nicht zufällig bekommt der Begriff der Nachhaltigkeit im holzfressenden Berg- und Hüttenwesen und in der Folge dann auch im sich professionell entwickelnden Wald- und Forstwesen eine prägende Bedeutung, als die Aufgabe, große Holzmengen bedarfsgerecht zur Verfügung zu stellen und die Ansprüche von größeren Staatsgebilden zu befriedigen, zu einer komplexen ökonomischen Aufgabe wird (vgl. Radkau 2000: 177 ff.). Vor dem Hintergrund des ökonomischen Zieles der Ersparnis von Holzvermögen (Höltermann/Oesten 2001: 40) dient die Verwendung des Begriffes der Nachhaltigkeit dazu, vor zerstörerischem Verbrauch, vor Übernutzung oder Raubbau zu warnen. Die Nachhaltigkeit ist als zuallererst ökonomischer Begriff, damit aber zugleich „ein Terminus der Regulierung von oben, ein Kampfbegriff privilegierter Waldnutzer gegen Konkurrenten“ (Radkau 2010).

Als mittelalterlicher Rechtsbegriff meint „nachhalten“ bereits im 13. Jahrhundert so viel wie „etwas freihalten, aufbewahren“ oder „schonen“ und wird auch in Formen wie „mit gutem Nachhalt“ verwendet. Synonyme und sinnverwandte Begriffe sind „kontinuierlich“, „beständig“, „pfleglich“, „immerwährend“, „dauernd“, „bleibend“, „perpetuierlich“ oder „erhaltend“, und diese Begriffe finden sich dann auch in der berühmt gewordenen Sylvicultura oeconomica. Die Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht von 1713, welche gemeinhin als „Geburtsort“ der forstlichen Nachhaltigkeit angesehen wird. Autor ist der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645–1714), Leiter des Oberbergamts in Sachsen und als Kameralist mit der Verwaltung der Holzversorgung des sächsischen Berg- und Hüttenwesens betraut – eines Bereiches, der zu den größten Holzverbrauchern jener Zeit zählte (Radkau 2010: 38). Im Rahmen des Kompendiums zum praktischen Wissen über die Waldbewirtschaftung, als das die Sylvicultura oeconomica verstanden werden muss, ist der Begriff Teil einer streng ökonomischen Denkungsart und man würde aus heutiger Perspektive urteilen, dass er damit einer staatswirtschaftlichen „Orientierung auf qualitatives Wachstum“ diente.

Als Synonym der gängigeren und darum allzu häufig verwendeten Begriffe „pfleglich“ und „beständig“ steht die Nachhaltigkeitsforderung im Dienste der Sicherung der ökonomischen Bedeutung des Waldes für den Bergbau und des Bewusstseins für die relative Endlichkeit der Ressource Holz. Sie wird gespeist aus der Erfahrung mit zeitgenössischen Walddevastierungen in Sachsen (und anderswo), die eine wesentliche Triebkraft für die Bemühungen von Carlowitz sind, die Bewirtschaftung der Wälder in langfristig geordnete Bahnen zu lenken. Zentrale Eckpfeiler dieser Ressourcenpolitik im Dienste von staatlichem und sozialem Forstschritt sind eine rechtliche Verregelung und v. a. die bürokratische Verwaltung und Planbarkeit unter Vermeidung unkontrollierbarer Risiken.

Die Nachhaltigkeitsvorstellungen entwickeln sich im Rahmen einer staatlich bzw. herrschaftlich organisierten Forstwirtschaft, und es ist entscheidend, den Paradigmenwechsel in der Waldwirtschaft vom Prinzip der Erfüllung grundlegender Bedürfnisse („Nothdurft“) der lokalen Bevölkerung hin zur effektiven Sicherstellung von Wohlstand eines bestimmten politischen Territoriums (im Sinne einer Rechtsund Wirtschaftseinheit) wahrzunehmen (Hölzl 2010). Im Zuge dieses Wandels des Ordnungsrahmens, der sämtliche Waldungen betrifft, spielt der Begriff der Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle auch im Rahmen der zugleich stattfindenden Professio-nalisierung bzw. „Verwissenschaftlichung“ der Waldbewirtschaftung, der eine ganz neue Expertokratie professioneller und zugleich mit hoheitlichen und polizeilichen Aufgaben betrauter Staatsbeamter schafft. Beginnend im 18. Jahrhundert, spätestens dann Mitte des 19. Jahrhunderts zeigt sich flächendeckend die Bedeutung der „wissenschaftlichen“ Waldbewirtschaftung für Nachhaltigkeitsvorstellungen – und umgekehrt: der Nachhaltigkeitsidee für die professionelle Gestaltung und Kontrolle herrschaftlicher Waldungen.

Die Geschichte der Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffes in der Forst- und Holzwirtschaft, die im 18. Jahrhundert beginnt, ist durch eine große Vielfalt und auch Vieldeutigkeit gekennzeichnet und weist keinen einheitlichen Bedeutungskern bzw. Begriffsinhalt und -umfang auf.3 Es wandeln sich bis zum heutigen Tag die Inhalte und Vorstellungen darüber, was als nachhaltige Waldwirtschaft zu verstehen ist und welche Forderungen an zukunftsfähiges Handeln daraus abzuleiten sind. Im Laufe der Zeit ist in unterschiedlichen Taxonomien und Terminologien4 zwischen der Nachhaltigkeit „der Holzerzeugung“, „der Holzerträge“, „der Erhaltung der Waldfläche“, „des Holzertragsvermögens“, „der Gelderträge“, „der Waldfunktionen“, „der landeskulturellen Leistungen“ oder „sämtlicher Wirkungen des Waldes“ unterschieden worden – grundsätzlich variieren dabei sowohl die räumlichen Bezugseinheiten und betrachteten Zeiträume als auch die zu erhaltende bzw. in der Zukunft bereitzustellende Leistung (z. B. der Holzertrag oder der Geldertrag). Ideengeschichtliche Studien, die sich mit den in forstlichen Bewirtschaftungskonzepten implizit enthaltenen Ideal- und Leitvorstellungen von Wald- und Forstwirtschaft befassen, können jedoch zeigen, dass hinter den unterschiedlichen Nachhaltigkeitsdefinitionen jeweils gänzlich verschiedenartige, tief verwurzelte Wertvorstellungen und Ziele stehen: Dies wird besonders gut an der jeweils eigenen Metaphorik der Konzepte erkennbar (z. B. organismische vs. architektonische Waldbilder; Pflege- vs. Lenkungsvorstellungen etc.), die sich zwar allesamt auf Nachhaltigkeit als zentrales Bewirtschaftungsprinzip beziehen, hinsichtlich zentraler Leitvorstellungen über Wesen und Charakteristik von Wald, Aufgaben und Strategien der Waldbewirtschaftung sowie dem Selbstverständnis der organisierten Forstwirtschaft aber deutlich unterscheiden (Detten 2001). Die Pluralität der unterschiedlichen forstlichen Nachhaltigkeitsbegriffe bezieht sich dabei nicht nur auf die Bestimmungskriterien und Indikatoren, sondern bereits auf die Rahmung, d. h. die Wahrnehmung und Beschreibung des Bewirtschaftungs- oder Entscheidungsproblems, zu dessen Lösung das Kriterium der Nachhaltigkeit herangezogen wird.

Auf den gleichen Sachverhalt verweisen Studien, die exemplarisch gezeigt haben, dass auch zum gleichen historischen Zeitpunkt innerhalb eher homogener Berufsgruppen (Forstbeamte) die Bedeutungsinhalte der Nachhaltigkeitsvorstellungen mit individuell unterschiedlichen Naturverständnissen („myths of nature“) bzw. Werthaltungen gekoppelt sind, die im Hintergrund wirksam werden, aber für Wahrnehmung und Entscheidungsverhalten relevant sind (Schanz 1994, 1996).

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710 s. 17 illüstrasyon
ISBN:
9783846352274
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