Kitabı oku: «Deutsche Geschichte», sayfa 18

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Die Juden und der Wucher

Im zwei­ten Buch Mo­sis heißt es: »Wenn du Geld leihst mei­nem Vol­ke, das arm ist bei dir, sollst du ihm nicht zu Scha­den brin­gen und kei­nen Wu­cher auf ihm trei­ben.« Und im drit­ten Bu­che: »Wenn dein Bru­der ver­armt und ne­ben dir ab­nimmt, so sollst du ihn auf­neh­men als einen Fremd­ling oder Gast, dass er lebe ne­ben dir. Und sollst nicht Wu­cher von ihm neh­men noch Über­satz, son­dern sollst dich vor dei­nem Gott fürch­ten, auf dass dein Bru­der ne­ben dir le­ben kön­ne. Denn du sollst ihm dein Geld nicht auf Wu­cher tun noch dei­ne Spei­se auf Über­satz.« Schließ­lich im fünf­ten Bu­che Mo­sis: »Du sollst an dei­nem Bru­der nicht wu­chern, we­der mit Geld noch mit Spei­se noch mit al­lem, da­mit man wu­chern kann.« Mehr aber noch als auf die Stel­len im mo­sa­i­schen Ge­setz be­rie­fen sich die Päps­te beim Zins­ver­bot auf den 15. Psalm, der auf die Fra­ge: »Herr, wer wird woh­nen in dei­ner Hüt­te, und wer wird blei­ben auf dei­nem hei­li­gen Ber­ge?« im letz­ten Ver­se ant­wor­tet: »Wer sein Geld nicht auf Wu­cher gibt und nimmt nicht Ge­schen­ke über dem Un­schul­di­gen.«

Man weiß, dass alle Völ­ker auf frü­her Stu­fe, wel­che sich noch als eine ein­zi­ge Fa­mi­lie be­trach­ten, de­ren Glie­der eins für das an­de­re auf Tod und Le­ben ein­ste­hen müs­sen, den Zins ver­bie­ten. Was die Wu­cher­ver­bo­te der Bi­bel aus­zeich­net ge­gen­über de­nen an­de­rer Stäm­me und Völ­ker ist die ste­te Be­zie­hung auf die Er­ha­ben­heit Got­tes, der sei­nem Vol­ke die Lie­be des Bru­ders als vor­nehms­tes Ge­bot emp­fiehlt. Wie alle Leh­ren und Vor­schrif­ten des Bu­ches der Bü­cher sind auch die­se nicht aus der Er­fah­rung oder der Be­trach­tung des Nut­zens, son­dern aus ei­ner über­mensch­li­chen Quel­le ab­ge­lei­tet, die alle in den Zu­sam­men­hang ei­ner über­mensch­li­chen Idee bringt und ih­nen das Ge­prä­ge der Ewig­keit und All­gül­tig­keit ver­leiht. Es war nur na­tür­lich, dass die ers­ten Chris­ten­ge­mein­den das Wu­cher­ver­bot des Al­ten Te­sta­men­tes über­nah­men und dass sie es in ih­rem klei­nen Krei­se und ih­ren ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen durch­füh­ren konn­ten. Man sah in dem Ent­leh­ner einen Be­dürf­ti­gen, des­sen Not­la­ge der bes­ser­ge­stell­te Lei­her in un­sitt­li­cher­wei­se aus­genützt hät­te, wenn er sich et­was über die ge­lie­he­ne Sum­me oder die ge­lie­he­nen Le­bens­mit­tel hin­aus hät­te zu­rück­ge­ben las­sen. Von der­sel­ben Voraus­set­zung gin­gen die Kir­chen­vä­ter aus; wie die Kir­che über­haupt den Schutz der Ar­men und Schwa­chen als ih­ren haupt­säch­li­chen Be­ruf auf­fass­te, so woll­ten sie sie auch in die­ser Be­zie­hung vor Aus­beu­tung be­wah­ren. Als wis­sen­schaft­li­chen Un­ter­bau des bib­li­schen Ge­bo­tes nah­men sie den Grund­satz an, den Ari­sto­te­les ver­tre­ten hat­te, dass das Geld un­frucht­bar sei. Als Karl der Gro­ße das Zins­ver­bot aus den Ge­set­zes­samm­lun­gen der Päps­te in sei­ne Ge­set­ze hin­über­nahm, wa­ren die Ver­hält­nis­se im Reich noch ein­fach; doch wur­den be­reits Geld­ge­schäf­te ge­macht, und zwar ge­ra­de von Sei­ten der Geist­li­chen, ge­gen die das Zins­ver­bot sich haupt­säch­lich rich­te­te; erst spä­ter wur­de es auch auf die Lai­en be­zo­gen.

Den stren­gen, von der Kir­che fest­ge­setz­ten Stand­punkt durch­zu­füh­ren war mög­lich, so­lan­ge die Chris­ten eine klei­ne, ab­seits im Dun­kel le­ben­de Sek­te wa­ren; es wur­de schwie­ri­ger im Maße, als das Chris­ten­tum die herr­schen­de Re­li­gi­on ge­wor­den war, als in den Städ­ten Han­del und Ge­wer­be zu blü­hen an­fin­gen und sich nicht nur mehr Rei­che und Arme im pri­va­ten Ver­hält­nis ge­gen­über­stan­den, son­dern Men­schen ver­schie­dens­ter Le­bens­be­din­gun­gen, die um ihre Nah­rung kämpf­ten. Trotz­dem blieb die Kir­che da­bei, al­les als Wu­cher zu be­zeich­nen, was der Gläu­bi­ger au­ßer der ge­lie­he­nen Sa­che oder dem ge­lie­he­nen Ka­pi­tal vom Schuld­ner emp­fan­ge. Papst Ur­ban III. er­klär­te so­gar Kauf­han­del und Wu­cher für gleich­be­deu­tend, weil der Kauf­mann teu­rer ver­kauft, als er ein­ge­kauft hat, über­haupt auf Ge­winn hofft. Die Stren­ge der Wu­cher­ge­set­ze wur­de nur durch ei­ni­ge Aus­nah­men ein we­nig ge­mil­dert: der Kauf­mann soll­te die Trans­port­kos­ten in An­wen­dung brin­gen dür­fen, und der Gläu­bi­ger konn­te durch eine Ver­gü­tung ent­schä­digt wer­den, wenn der Ter­min der Rück­ga­be des ge­lie­he­nen Gel­des ver­säumt wur­de. Man un­ter­schied das dammum emer­gens, den ent­ste­hen­den Scha­den, und das lu­krum cess­ans, den ent­gan­ge­nen Ge­winn, als Be­din­gun­gen ei­ner Ent­schä­di­gung. Bei vor­her­ge­hen­der Ver­stän­di­gung zwi­schen Gläu­bi­ger und Schuld­ner ließ sich auf die­se Wei­se das Ge­setz bis zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de um­ge­hen. Üb­ri­gens aber be­stand das Zins­ver­bot, von Fried­rich I. und Fried­rich II. über­nom­men, in al­ler Stren­ge fort. Lai­en wur­den we­gen Wu­chers ex­kom­mu­ni­ziert, eben­so Fürs­ten, die Wu­che­rer in ih­rem Ge­biet dul­de­ten, Kle­ri­ker, die Wu­che­rer be­stat­te­ten, streng be­straft. Da am Ende des 13. Jahr­hun­derts die päpst­li­chen De­kre­ta­len in Deutsch­land Ein­gang fan­den, und da auf den Uni­ver­si­tä­ten zu­erst mehr das ka­no­ni­sche als das rö­mi­sche Recht stu­diert wur­de, ver­brei­te­te sich die kirch­li­che Auf­fas­sung eher mehr als we­ni­ger. Der Sach­sen­spie­gel al­ler­dings, nach dem sich das nörd­li­che Deutsch­land rich­te­te, kann­te das Zins­ver­bot nicht. Nach alt­ger­ma­ni­schem Recht muss­te der Schuld­ner dem Gläu­bi­ger sei­ne Schuld ab­die­nen; er ver­fiel ent­we­der auf Zeit oder le­bens­läng­lich in Schuld­knecht­schaft. Al­lein die säch­si­sche Rechts­mei­nung wur­de in den spä­ter dem Sach­sen­spie­gel bei­ge­füg­ten Glos­sen zu­guns­ten der kirch­li­chen zu­rück­ge­stellt; auch drang der Schwa­ben­spie­gel, der von vorn­her­ein das ka­no­ni­sche Recht ver­trat, all­mäh­lich nach dem Nor­den vor.

Dem kirch­li­chen Ge­setz stan­den die Ge­set­ze des wirt­schaft­li­chen Ver­kehrs mit sol­cher Ge­walt­sam­keit ent­ge­gen, den Kle­rus selbst in den Strom hin­ein­rei­ßend, dass, wenn nicht eine Lö­sung des Wi­der­spruchs, doch ein Aus­weg ge­fun­den wer­den muss­te; er fand sich dar­in, dass die Hand­ha­bung der Geld­ge­schäf­te den Ju­den über­tra­gen wur­de, die dem christ­li­chen Ge­setz nicht un­ter­stan­den. Eine ge­wis­se Nei­gung und Be­ga­bung der Ju­den für das Geld­ge­schäft kam die­ser Re­ge­lung ent­ge­gen, die aber, wenn nicht her­vor­ge­bracht, doch da­durch un­ter­stützt wur­de, dass sie auf das Woh­nen in den Städ­ten und Er­werb durch Han­del an­ge­wie­sen wa­ren. Im ver­mehr­ten Sach­sen­spie­gel heißt es, von Got­tes Recht sol­le kein Jude Wu­cher neh­men, doch sei ihre Ord­nung an­ders als bei den Chris­ten, weil sie hier­zu­lan­de nichts Ei­ge­nes ha­ben könn­ten, dar­um sei­en sie von Kai­sern und Kö­ni­gen be­gna­det, dass sie son­der­li­ches Recht hät­ten. Sie müss­ten wu­chern, weil sie erb­lich Land und Bo­den nicht ha­ben dürf­ten und weil die Hand­wer­ker sie nicht in ihre Zünf­te ein­lie­ßen. Man sag­te auch ge­ra­de­zu, Ju­den müss­ten wu­chern, weil die Chris­ten es nicht dürf­ten.

Die Über­nah­me der Geld­ge­schäf­te durch die Ju­den hat­te für Ju­den und Chris­ten ver­häng­nis­vol­le Fol­gen. In­dem die Ju­den zu Gläu­bi­gern, die Chris­ten zu Schuld­nern wur­den, ent­stand ein ge­spann­tes Ver­hält­nis mit der Nei­gung zu ge­walt­sa­men Ent­la­dun­gen. Wäh­rend der Glau­bens­hass ei­gent­lich nur von der Kir­che aus­ging, be­traf der Schuld­ner­hass fast alle Krei­se des Vol­kes, und der letz­te­re war viel grim­mi­ger, weil er auf der Not des Aus­ge­press­ten zu sei­nem Drän­ger be­ruh­te. Die Kla­ge der Chris­ten, dass die Ju­den hohe Wu­cher­zin­sen for­der­ten und sie da­durch er­drück­ten, war nicht un­be­rech­tigt. Es war üb­lich, Geld auf kur­ze Frist und zu er­staun­lich ho­hen Zin­sen aus­zu­lei­hen. Die Höhe des Zins­fu­ßes be­trug im Jah­re sech­zig und sieb­zig Pro­zent; in Ös­ter­reich stieg der Zins in­fol­ge be­son­de­rer Ver­hält­nis­se auf 174, so­gar auf 304 Pro­zent im Jahr. Wenn nun aber die Ju­den ge­le­gent­lich auch über den ge­setz­lich er­laub­ten Zins hin­aus ihre Schuld­ner aus­press­ten, so wa­ren sie dazu fast ge­zwun­gen durch die For­de­run­gen, die an sie selbst ge­stellt wur­den. Je spär­li­cher die re­gel­mä­ßi­gen Ein­künf­te der Kai­ser wur­den, de­sto mehr nütz­ten sie die Quel­len aus, die ih­nen zur Ver­fü­gung stan­den, und das wa­ren au­ßer den Ab­ga­ben der Reichs­städ­te die der Ju­den, die für die Ge­wäh­rung des kai­ser­li­chen Schut­zes ge­wis­se Zah­lun­gen zu leis­ten hat­ten. Zu den re­gel­mä­ßi­gen Leis­tun­gen ka­men au­ßer­ge­wöhn­li­che, wenn sich eine Ge­le­gen­heit bot. Wa­ren die Ju­de­ner­träg­nis­se vom Kai­ser den Fürs­ten oder Städ­ten über­tra­gen, die An­sprü­che an sie hat­ten, so wur­den sie von die­sen aus­ge­so­gen. Je mehr die Ju­den zu zah­len hat­ten, je mehr sie selbst aus­ge­beu­tet wur­den, de­sto mehr muss­ten sie ihre Schuld­ner aus­beu­ten: es war ein häss­li­cher, un­heil­vol­ler Kreis­lauf. Bei dem un­ge­heu­ren Geld­be­dürf­nis und Geld­man­gel des Mit­tel­al­ters, her­vor­ge­ru­fen durch die stei­gen­den An­sprü­che auf der einen und den noch un­ent­wi­ckel­ten Ver­kehr auf der an­de­ren Sei­te, wa­ren alle Stän­de den Ju­den ver­schul­det: die Kai­ser, die Päps­te, der hohe und nie­de­re Adel, die Hand­wer­ker. Wenn die Ver­schul­dung einen be­stimm­ten Grad er­reicht hat­te, so such­ten die Schuld­ner sich aus der Sch­lin­ge, die sie er­würg­te, ge­walt­sam zu be­frei­en.

Es leuch­tet ein, dass Hoch­ge­stell­te eher die Mög­lich­keit hat­ten, sich Ein­nah­me­quel­len zu ver­schaf­fen oder den An­sprü­chen der Gläu­bi­ger sich zu ent­zie­hen, als das nie­de­re Volk. Daraus er­klärt es sich, dass dies die ge­rech­te Hand­ha­bung des Ju­den­schut­zes durch Kai­ser, Fürs­ten und Stadt­rä­te so be­ur­teil­te, als wä­ren sie von den Ju­den be­sto­chen. Sie wa­ren es, in­so­fern sie auf die ho­hen Ge­büh­ren, die sie von den Ju­den er­ziel­ten, nicht ver­zich­ten woll­ten; trotz­dem ge­sch­ah es auch aus Bil­dung, Ein­sicht und Pf­licht­ge­fühl, dass sie bei Ju­den­ver­fol­gun­gen durch den Pö­bel hin­dernd und stra­fend ein­schrit­ten. In die­ser er­hitz­ten Stim­mung ver­schärf­te sich teils der Glau­bens­hass, teils wur­de er Vor­wand. Oh­ne­hin nahm im 13. Jahr­hun­dert der Fa­na­tis­mus der Ku­rie zu, so­wohl in Be­zug auf die Ket­zer als auf die Ju­den. In­no­cenz III. er­ließ ein Ge­setz, das den Ju­den eine be­stimm­te Tracht vor­schrieb, die sie kennt­lich und zu­gleich lä­cher­lich mach­te. Die spit­zen gel­ben Hüte ga­ben sie dem Hohn der Gas­se preis.

Die Ju­den­ver­fol­gun­gen des 14. Jahr­hun­derts wühl­ten auf, was an bes­tia­li­schen Trie­ben in den Un­tie­fen des deut­schen Vol­kes sich ver­barg, und of­fen­bar­ten den He­ro­is­mus, des­sen die Ju­den fä­hig wa­ren. So pflegt die ewi­ge Ge­rech­tig­keit Ge­winn und Ver­lust zwi­schen Ver­fol­gern und Ver­folg­ten zu ver­tei­len. Die Ein­sicht, dass die Deut­schen in Be­zug auf das Geld­ge­schäft oft schlech­ter als die Ju­den han­del­ten, ohne die­sel­ben Ent­schul­di­gun­gen zu ha­ben, mach­te nie­man­den in sei­ner Wut wan­kend. Der Mönch von Win­ter­thur, der um die Mit­te des 14. Jahr­hun­derts die Ge­schich­te sei­ner Zeit nie­der­schrieb, er­zählt ein­mal, in Lin­dau sei bei den meis­ten Men­schen Got­tes­furcht und Nächs­ten­lie­be so ver­schwun­den, dass sie ge­gen das aus­drück­li­che ka­no­ni­sche Ge­bot, ver­wor­fe­ner als die Ju­den, ho­hen Zins ver­lang­ten. Sie wä­ren in der Ge­wis­sen­lo­sig­keit so ver­här­tet, dass sie den Mi­no­ri­ten Schuld gä­ben, weil sie, wie sie be­haup­te­ten, ih­nen bei der Beich­te kei­ne Sün­de dar­aus mach­ten. Da sei ein wohl­ha­ben­der Jude ge­kom­men, habe um Auf­nah­me ge­be­ten und ver­spro­chen, ge­gen ge­rin­gen Zins wö­chent­lich Geld aus­zu­lei­hen. Die Bür­ger hät­ten sich ge­freut, und der Rat habe be­schlos­sen, dass Chris­ten künf­tig­hin kei­nen Wu­cher trei­ben dürf­ten. Der­sel­be Mönch er­zählt, dass in Über­lin­gen Un­wil­le ge­gen die Ju­den ent­stan­den sei, weil sie einen Kna­ben er­mor­det hät­ten. Das Volk von Über­lin­gen wünsch­te nun die Ju­den zu ver­nich­ten, ohne dass Kai­ser Lud­wig, von dem man wuss­te, dass er die Ju­den schütz­te, die Stadt be­straf­te; man glaub­te das zu er­rei­chen, in­dem man die Ju­den über­re­de­te, zu ih­rem Schutz in ein ho­hes stei­ner­nes Haus zu flüch­ten. Nach­dem sie das ge­tan hat­ten und alle dar­in ein­ge­schlos­sen wa­ren, zün­de­te man das Haus un­ten an. Da sie nicht her­aus­konn­ten, flo­hen die Be­tro­ge­nen im­mer hö­her hin­auf, bis sie zu­letzt auf dem Dach er­schie­nen. In ih­rem Zorn und ih­rer Verzweif­lung war­fen sie Stei­ne und Bal­ken auf die Volks­men­ge, die sich gaf­fend un­ten an­ge­sam­melt hat­te. Dann ver­san­ken sie un­ter Ge­sän­gen in das in eine Flam­men­py­ra­mi­de ver­wan­del­te Haus.

Ketzer

Ket­zer wa­ren ein­zel­ne, die es bes­ser wis­sen woll­ten, und Völ­ker, die als Son­der­we­sen ihre be­son­de­re Be­zie­hung zu Gott und den gött­li­chen Din­gen zum Aus­druck brin­gen woll­ten.

Das Chris­ten­tum ist kei­ne Re­li­gi­on wie die üb­ri­gen. Es ist der Glau­be, in dem sich die Mensch­heit vollen­det, es be­zeich­net den Au­gen­blick, wo sie, in Chris­tus, mit Gott eins wird, wo sie in Chris­tus ih­res gött­li­chen Ur­sprungs und Zie­les in­ne­wird. Der Gott­mensch ist die Wahr­heit, der Weg und das Le­ben. Was die­se Re­li­gi­on lehrt und spen­det, ist, so voll von Über­sinn­lich­keit sie auch sein mag, doch nichts der Mensch­heit We­sens­frem­des, son­dern eine Ent­fal­tung, ein Er­strah­len­las­sen des Mensch­heits­ge­dan­kens. Eine Re­li­gi­on, die über sie hin­aus­gehn kann, ist so we­nig denk­bar wie ein Zu­rück­gehn auf das Hei­den­tum, das im Chris­ten­tum mün­de­te, in ihm ent­hal­ten ist; die ein­mal christ­lich ge­wor­de­ne Mensch­heit kann, wenn sie nicht christ­lich bleibt, nur zer­fal­len, ver­wil­dern und in ei­nem ent­göt­ter­ten und na­tur­fer­nen Zu­stand ihr Da­sein weiter­schlep­pen. In­ner­halb des Chris­ten­tums aber sind un­zäh­li­ge Be­son­der­hei­ten der Auf­fas­sung mög­lich ent­spre­chend den un­zäh­li­gen Völ­kern und ein­zel­nen in­ner­halb der Mensch­heit. Die Kir­che er­fass­te ihre Auf­ga­be, die Wel­tre­li­gi­on zu ver­kün­den, den großen Ge­dan­ken, die gan­ze Mensch­heit, zu­nächst we­nigs­tens das Abend­land, in ei­nem Glau­ben zu ver­ei­nen, mit Ernst und Klug­heit. Es schi­en selbst­ver­ständ­lich und auch leicht, so­lan­ge das Chris­ten­tum im Kamp­fe ge­gen den rö­misch-heid­nischen Staat alle sei­ne Kräf­te im Na­men des Er­lö­sers zu­sam­men­fass­te; kaum aber war es herr­schend ge­wor­den, als die un­end­li­che Man­nig­fal­tig­keit der Men­schen die Sch­licht­heit des Be­kennt­nis­ses durch­brach und über den großen Sym­bo­len und Wor­ten des Herrn der ein­zel­ne ein ver­wi­ckel­tes Ge­dan­ken­ge­bäu­de auf­türm­te. So wie je­der Mensch un­ter Mil­lio­nen sein ei­ge­nes Ant­litz trägt, das ihn von al­len an­de­ren un­ter­schei­det, sein ei­ge­nes Schick­sal er­lebt, das kei­nem an­de­ren gleicht, so ge­hen auch sei­ne Ge­dan­ken ei­ge­ne Wege, und un­über­wind­lich ist die Lust ei­nes je­den, die Welt mit ei­ge­nen Au­gen zu be­trach­ten und ihre Rät­sel mit ei­ge­nem Scharf­sinn zu durch­drin­gen. Die­sem Dran­ge nach ei­ge­ner Er­kennt­nis steht der kind­li­che Hang ge­gen­über, sich den An­schau­un­gen der Vä­ter, dem Zeug­nis Ehr­wür­di­ger an­zu­schlie­ßen, und das un­mit­tel­ba­re Ein­strö­men der großen Geis­ter in die gött­li­chen Of­fen­ba­run­gen der Vor­zeit. Wäre das nicht, die geis­ti­ge Welt der Men­schen und da­mit die Welt über­haupt wäre längst zer­fal­len. Den­noch grei­fen die auf­lö­sen­den Kräf­te so zahl­reich und so kräf­tig an, dass au­ßer­or­dent­li­che Ge­walt am Werk sein muss, um ih­nen den sinn­voll ge­stal­te­ten Kos­mos zu ent­rei­ßen. Als die Ju­den in der Wüs­te das Gol­de­ne Kalb an­be­te­ten, er­schlug Mo­ses drei­tau­send Mann; da das wan­dern­de Volk durch kein an­de­res Band zu­sam­men­ge­hal­ten wur­de, als durch den Glau­ben an sei­nen Gott, zog er es vor, einen Teil zu op­fern, um das Gan­ze zu er­hal­ten. Das Ge­bot »Die Zau­be­rer sollst du nicht le­ben las­sen«, das spä­ter die Auf­schrift über ei­ner düs­te­ren Pe­ri­ode der abend­län­di­schen Ge­schich­te wur­de, will die An­wen­dung ma­gi­scher Mit­tel zur Er­rei­chung ei­nes Zweckes durch­aus, auch mit den schärfs­ten Mit­teln aus­schlie­ßen. Im­mer bran­de­te un­ter­ir­disch ein ti­ta­ni­scher Strom ge­gen die herr­schen­de Ord­nung, die auf un­an­tast­ba­ren Grund­wahr­hei­ten be­ruht.

In­ner­halb der christ­li­chen Kir­che wur­de in den ers­ten Jahr­hun­der­ten die Grund­la­ge des Glau­bens nicht an­ge­grif­fen; wohl aber tauch­ten all­mäh­lich ver­schie­de­ne Auf­fas­sun­gen über die ein­zel­nen Punk­te des Be­kennt­nis­ses und die dar­aus zu zie­hen­den Fol­ge­run­gen auf, wie etwa über das We­sen der Drei­ei­nig­keit, über das Abend­mahl, über die Gna­den­wahl, über die Au­fer­ste­hung. Den von­ein­an­der ab­wei­chen­den Mei­nun­gen ge­gen­über sah sich die Kir­che ge­nö­tigt, eine Auf­fas­sung als die rich­ti­ge, eine an­de­re als un­rich­tig zu be­zeich­nen, was un­ter Zu­zie­hung der füh­ren­den Män­ner auf all­ge­mei­nen Ver­samm­lun­gen ge­sch­ah. So wur­den aus Mys­te­ri­en, die den Ein­gang zu den Ab­grün­den des Über­sinn­li­chen be­zeich­ne­ten, die die ah­nungs­vol­le See­le an­be­tend er­fass­te, Dog­men, un­an­fecht­ba­re, er­lern­ba­re Sät­ze. Aus dem Flie­ßen­den wur­de et­was Star­res, das mit sei­nem An­spruch auf un­fehl­ba­re Rich­tig­keit den Zwei­fel des wi­der­spruchs­lüs­ter­nen Men­schen umso mehr her­aus­for­der­te. Nicht als ob die Kir­che dem Vol­ke die Mys­te­ri­en in ih­rer ein­drucks­vol­len Bild­lich­keit vor­ent­hal­ten hät­te. Durch Un­ter­richt und Pre­digt wur­de die Kennt­nis der bib­li­schen Ge­schich­te ver­brei­tet, und von den Wän­den der Kir­che konn­te das Volk die große Tra­gö­die vom Sün­den­fall und der Er­lö­sung der Mensch­heit ab­le­sen. Papst Gre­gor hat­te sich ge­gen die Ab­schaf­fung der Bil­der aus­ge­spro­chen, weil das des Le­sens un­kun­di­ge Volk sich durch das An­schau­en der Bil­der die Heils­ge­schich­te ein­prä­gen kön­ne. An den Por­ta­len der Dome emp­fin­gen den Ein­tre­ten­den die Pro­phe­ten und Apos­tel, die klu­gen und die tö­rich­ten Jung­frau­en, der Wel­ten­rich­ter; aus den halb­dunklen Ge­wöl­ben glüh­ten im ver­trau­ten Um­riss die wun­der­ba­ren Ta­ten Got­tes her­vor und die ge­heim­nis­vol­len Berüh­run­gen des mensch­li­chen Da­seins mit dem gött­li­chen: die Ver­kün­di­gung des En­gels, die Ge­burt im Stal­le, die Au­fer­we­ckung des La­za­rus, der Tod des Got­tes am Kreuz. Von die­sen Bil­dern aber, so­fern sich nicht durch den täg­li­chen An­blick ihre Be­deu­tung ab­stumpf­te, führ­te nie­mand den Ge­dan­ken wei­ter. Pre­dig­ten wur­den wohl im All­ge­mei­nen re­gel­mä­ßig und reich­lich ge­hal­ten, aber sie be­schränk­ten sich auf lee­re For­meln und spitz­fin­di­ge Al­le­go­ri­en. Wenn ei­ner aus der Men­ge rege ge­nug war, um sich ei­ge­ne Ge­dan­ken­gän­ge zu gra­ben, ver­sperr­ten ihm die Dog­men wie ei­ser­ne Vor­hän­ge des­po­tisch starr den Weg. Im­mer bran­det die Ei­gen­art und der Frei­heits­wil­le des In­di­vi­du­ums ge­gen die Fes­seln, die der Wil­le zum Gan­zen ihm an­legt, wenn sie sei­nen Geist zu er­sti­cken be­gin­nen. Die heid­nischen Ger­ma­nen öff­ne­ten sich im All­ge­mei­nen dem christ­li­chen Ge­dan­ken leicht, weil sich der Über­gang von der got­t­er­füll­ten Na­tur zu Gott leicht voll­zie­hen kann. An­de­rer­seits ließ die Kir­che das Heid­nische, so­weit das mög­lich war, ohne das We­sent­li­che zu zer­stö­ren, in sich ein­flie­ßen, voll Weis­heit be­den­kend, dass die Welt­kir­che wohl al­les Men­sch­li­che bil­den, aber nichts Men­sch­li­ches ver­leug­nen soll. Nach­dem aber ein­mal die Chris­tia­ni­sie­rung voll­zo­gen war, mach­te sich die Ver­schie­den­heit der ein­zel­nen und der Völ­ker­schaf­ten gel­tend, letz­te­res im sel­ben Maße wie die Ei­gen­art der Na­ti­on sich aus­wirk­te. Wie weit und elas­tisch die Kir­che ih­ren Um­fang auch ge­zo­gen hat­te, die Be­son­der­heit der Ger­ma­nen mach­te sich doch all­mäh­lich gel­tend und streb­te nach ei­nem ger­ma­ni­sier­ten Chris­ten­tum hin. Be­rech­tig­tes und Un­be­rech­tig­tes poch­te an die Pfor­ten Roms.

Be­wun­derns­wert der Rö­mer­geist, der das ge­wal­ti­ge Ge­bäu­de der Kir­che er­rich­te­te, be­wun­derns­wert aber auch der ger­ma­ni­sche Geist, dem es nicht Ge­nü­ge gab, der es mit sei­ner ei­ge­nen Fröm­mig­keit er­fül­len woll­te. An den Ge­gen­sät­zen ent­brennt das Feu­er der Ge­schich­te. Si­cher­lich nicht alle, die sich der Kir­che wi­der­setz­ten, wur­den dazu von ei­nem schöp­fe­risch gläu­bi­gen, frucht­bar zwei­feln­den Drang be­wo­gen. Vie­le nah­men An­stoß an der welt­li­chen Herr­schaft, dem welt­li­chen We­sen der Kir­che. Es war leicht, der Ar­mut des Herrn, der nicht hat­te, wo­hin er sein Haupt le­gen konn­te, den welt­li­chen Pomp der Kir­chen­fürs­ten mit dem Papst an der Spit­ze ent­ge­gen­zu­set­zen und da­mit den gan­zen Cha­rak­ter der Kir­che zu ver­wer­fen. Si­cher­lich war das kei­ne Nach­fol­ge Chris­ti; aber es war ein über dem Gra­be Chris­ti auf­ge­rich­te­tes Reich, das wach­sen und einst die Welt be­herr­schen soll­te, alle Stu­fen und Sphä­ren des Le­bens der Völ­ker um­fas­send. Wäre ohne ein sol­ches macht­vol­les Reich das Wort Chris­ti er­hal­ten wor­den? Wie be­rech­tigt auch der­ar­ti­ge An­grif­fe ein­zel­ner wa­ren, wie etwa ei­nes Ar­nold von Bre­s­cia, sie konn­ten zu­nächst die herr­schen­de Kir­che nicht er­schüt­tern. An­de­re schei­nen von dem weit­ver­brei­te­ten Hang be­seelt ge­we­sen zu sein, sich durch ir­gend­wel­che Ab­son­der­lich­kei­ten her­vor­zu­tun, wie jene Ket­zer, die Hein­rich III. un­ter all­ge­mei­ner Zu­stim­mung auf­hän­gen ließ, die den Fleisch­ge­nuss ver­war­fen. Über­haupt war das nie­de­re Volk mehr für ge­walt­sa­mes Ver­fah­ren ge­gen Ket­zer als der Kle­rus, ob­wohl die Ket­zer meist aus den un­te­ren Volks­schich­ten stamm­ten. Der Kle­rus ging ohne Un­ter­su­chung und ge­naue Fest­stel­lung hä­re­ti­scher Irr­tü­mer nicht vor, wäh­rend der Pö­bel be­reit­wil­lig um­brach­te oder Hin­rich­tung for­der­te. Hun­dert Jah­re spä­ter tra­ten in Köln Ket­zer auf, die im Ge­gen­satz zur ka­tho­li­schen Pries­ter­schaft, de­ren be­que­me Welt­lich­keit sie als un­christ­lich ver­ur­teil­ten, arm leb­ten. Der hohe Kle­rus war ih­nen ge­gen­über zur Mil­de ge­neigt, er­laub­te ih­rem Bi­schof so­gar, mit ei­nem Geist­li­chen zu dis­pu­tie­ren; da­ge­gen ver­lang­te das auf­ge­brach­te Volk, dass die üb­li­che Stra­fe des Feu­er­to­des ge­gen sie an­ge­wen­det wer­de. Der Mut, mit dem sie, ih­rer Über­zeu­gung ge­treu, in den Tod gin­gen, er­reg­te Be­wun­de­rung. Ein Bür­ger bat ein schö­nes Mäd­chen frei; aber als sie den Füh­rer der Ket­zer in den Flam­men zu­sam­men­bre­chen sah, ver­hüll­te sie das Ge­sicht und warf sich über ihn, um mit ihm zu ster­ben. Eine neue Wel­le von Ket­ze­rei er­hob sich am Ende des 12. Jahr­hun­derts im Ge­fol­ge des Pe­trus Wal­dus, ei­nes Bür­gers von Lyon, der be­son­ders in der Lom­bar­dei, aber auch in Deutsch­land viel An­hän­ger hat­te. Die Wal­den­ser wa­ren die ers­ten Ket­zer, die dem Dog­men­lehr­ge­bäu­de der Kir­che mit Be­wusst­sein die Bi­bel ent­ge­gen­stell­ten. Deut­sche Über­set­zun­gen ein­zel­ner Tei­le der Bi­bel gab es da­mals schon; sie wa­ren aber, wie alle Bü­cher, nur den Geist­li­chen be­kannt. Es gab kein Ver­bot der Bi­bel von Sei­ten der Kir­che; aber es mach­te sich fühl­bar, dass die Bi­bel zwar als Hei­li­ges Buch der Chris­ten galt, aber nur des­halb, weil die Kir­che sie als sol­ches an­er­kann­te. Die Kir­che be­trach­te­te sich als un­mit­tel­bar von Gott ge­stif­tet, als In­ha­be­rin der Wahr­heit und der Macht von Gott be­ru­fen, die Völ­ker zu leh­ren. Die Mei­nung, dass es eine Quel­le gött­li­cher Of­fen­ba­rung gebe, die ei­nem je­den mit Um­ge­hung der Kir­che zu­gäng­lich sei, war neu und un­er­hört. Aus der Hei­li­gen Schrift hauch­te das Wort Got­tes den Hö­rer un­mit­tel­bar an. Der Deut­sche ver­nahm es wie das Rau­schen sei­ner Wäl­der und sei­ner Mee­re, einen wun­der­ba­ren Ge­sang voll ge­ahn­ter Be­deu­tung. Hier han­del­te es sich nicht um Ge­bets­for­meln, Fas­ten, Zehn­ten, son­dern um sitt­li­che Ge­bo­te, die im Her­zen wi­der­klan­gen, um Ein­sich­ten, die als gol­de­ne Frucht vom Baum des Le­bens fie­len. Man fühl­te den Un­ter­schied zwi­schen Men­schen­wort und Got­tes­wort und fühl­te sich mit dem Got­tes­wort frei und un­be­sieg­bar. Das Men­schen­wort, ob man es ver­stand oder nicht ver­stand, reiz­te zum Wi­der­spruch, das Got­tes­wort in sei­nem un­er­gründ­li­chen Dun­kel riss hin, er­schüt­ter­te, über­zeug­te. Die­je­ni­gen Wal­den­ser, die nicht le­sen konn­ten, wuss­ten große Stücke aus der deut­schen Bi­bel aus­wen­dig; die Schön­heit der Lie­der, die sie san­gen, fiel auch den Geg­nern auf. Die Mu­sik ver­band sich mit dem re­li­gi­ösen Auf­schwung und drang auch in die Kir­che ein; meis­tens wur­de der Got­tes­dienst mit ei­nem ge­mein­sam ge­sun­ge­nen deut­schen Lie­de be­en­digt. Das nie­de­re Volk, von dem man so we­nig ver­nimmt, tritt in die­ser ers­ten großen Ket­zer­be­we­gung aus sei­nen müh­sal­vol­len Hüt­ten her­vor: hin­ge­bungs­voll, red­li­chen Sin­nes, be­reit den gött­li­chen Ge­bo­ten zu fol­gen und da­für zu ster­ben, viel­leicht zu­wei­len ge­ho­ben in der stol­zen Zu­ver­sicht, dass Gott die Ar­men und Ver­ach­te­ten zu Jün­gern der Voll­kom­men­heit er­wählt habe. Von dem Propst Hein­rich Min­ne­ke von Gos­lar, dem vie­le Non­nen an­hin­gen, und der auf ei­ner Synode als Hä­re­ti­ker ver­ur­teilt und dann ver­brannt wur­de, weiß man nichts Nä­he­res. Si­cher­lich gab es ne­ben auf­rich­ti­ger Fröm­mig­keit man­cher­lei un­or­dent­li­che, ab­ge­schmack­te und auch un­sau­be­re Schwär­me­rei. Es gab Ket­zer, die Ma­te­rie für sünd­haft er­klär­ten und des­halb für je­der­mann über­trie­be­ne As­ke­se ver­lang­ten, an­de­re, die, weil sie glaub­ten, ohne pries­ter­li­che Ver­mitt­lung mit Gott eins und hei­lig wer­den zu kön­nen, sich al­les, auch jede Aus­schwei­fung er­laub­ten. Gute und Böse, Ge­schei­te und Dum­me schlos­sen sich der Be­we­gung an, und es wäre nicht zu ver­wun­dern, wenn die Fa­na­ti­ker und die To­ren in der Über­zahl ge­we­sen wä­ren.

Die Päps­te sa­hen mit Ent­rüs­tung Fein­de den fest­ge­füg­ten Bau der Kir­che un­ter­wüh­len. Es war der Bau, der die eu­ro­päi­sche Welt über­wölb­te, in ih­ren Au­gen eins mit dem Kos­mos. Durch die Sa­kra­men­te band sie den sterb­li­chen Men­schen an die un­s­terb­li­che Gott­heit, hielt sie ihn ein­ge­schal­tet im Um­schwung der Sphä­ren. Riss das Band, so stürz­te er wie ein er­lö­schen­des Licht in das Nichts. Dass ein un­mit­tel­ba­res Band gött­li­cher Strö­mun­gen er­wähl­te Geis­ter zu ei­ner un­sicht­ba­ren Kir­che zu­sam­men­fas­sen kön­ne, kam für die kirch­li­che Auf­fas­sung nicht in Be­tracht. Ne­ben dem selbst­süch­ti­gen Ge­fühl ei­ner Macht, die sich im Ge­nuss ih­rer Herr­schaft be­droht sieht, mö­gen sol­che Be­trach­tun­gen Papst Lu­ci­us III. be­wegt ha­ben, als er den Be­schluss fass­te, die Ket­zer aus­zu­rot­ten, und Fried­rich I. auf­for­der­te, sich mit sei­nen Macht­mit­teln der Kir­che zur Ver­fü­gung zu stel­len. Der Kai­ser war dazu durch­aus be­reit. Es wird ihn kaum ein Zwei­fel an­ge­wan­delt ha­ben, ob das, was die Ket­zer lehr­ten, ver­dam­mens­wert sei: weil sie sich ge­gen die Kir­che auf­lehn­ten, wa­ren sie Re­bel­len und muss­te er, als Schutz­herr der Kir­che, sie stra­fen. Schon vor hun­dert Jah­ren hat­te Ger­hoh von Rei­cher­sperg ge­sagt: hae­re­ti­cum esse cons­tat qui a Ro­ma­na ec­cle­sia dis­cor­dat – Ket­zer ist, wer von der Rö­mi­schen Kir­che ab­weicht. Auch Fried­rich II., ob­wohl er selbst der Ket­ze­rei ver­däch­tigt wur­de, er­klär­te sich mit sei­nem großen Geg­ner Gre­gor IX. ein­ver­stan­den, als die­ser im Jah­re 1231 ein neu­es Ge­setz zur Aus­rot­tung der Ket­zer er­ließ. Das Neue und Be­denk­li­che die­ses Ge­set­zes war, dass künf­tig nicht nur der of­fen­ba­re, ge­wis­ser­ma­ßen an­grei­fen­de Ket­zer zu ver­ur­tei­len war, son­dern dass der Ket­ze­rei nach­ge­spürt wer­den soll­te, wo­durch die ge­mei­nen In­stink­te der Men­schen, ins­be­son­de­re die An­ge­be­rei, auf­ge­regt wur­den. Mit die­ser pein­li­chen Auf­ga­be be­trau­te der Papst den neu­ge­grün­de­ten Or­den der Do­mi­ni­ka­ner, der sich we­gen sei­ner ge­lehr­ten Bil­dung dazu zu eig­nen schi­en. Die Zahl der hä­re­ti­schen Irr­tü­mer, die sie aus­tüf­tel­ten, über­stieg si­cher­lich oft die Zahl der Heils­wahr­hei­ten, die den Be­schul­dig­ten selbst be­kannt wa­ren. Das Jahr des neu­en Ge­set­zer­las­ses war das Jahr, in wel­chem die hei­li­ge Eli­sa­beth starb. Ob der Tod der jun­gen Fürs­tin das düs­te­re Ge­müt ih­res Beicht­va­ters trüb­te? Kon­rad von Mar­burg über­nahm die sei­nem Or­den zu­ge­wie­se­ne Auf­ga­be mit ei­nem Ei­fer, als be­rei­te es ihm eine schreck­li­che Ge­nug­tu­ung, Men­schen dem Feu­er­to­de zu über­lie­fern. Wie eine Krank­heit fraß der Ver­dacht der Ket­ze­rei um sich; selbst Geist­li­chen kam Kon­rads Vor­ge­hen wie ein blin­des Wü­ten vor. Ein bis­her un­be­kann­tes Grau­en be­schlich die Men­schen. Vi­el­leicht hät­te die Ver­fol­gung sich un­ge­hemmt aus­brei­ten kön­nen, wenn sie sich auf die un­te­ren Volks­klas­sen be­schränkt hät­te; aber ge­mäß ei­ner aus­drück­li­chen Be­stim­mung des Paps­tes griff sie ge­ra­de die Hoch­ge­stell­ten an. Das reiz­ba­re Ehr­ge­fühl des ho­hen Adels em­pör­te sich ge­gen die Ver­ge­wal­ti­gung durch ein geist­li­ches Ge­richt. Graf Hein­rich von Sayn wur­de we­gen Ket­ze­rei an­ge­klagt und er­schi­en auf ei­ner großen Kir­chen­ver­samm­lung in Mainz, bei der Kö­nig Hein­rich, Fried­richs II. Sohn, an­we­send war. So­wohl er wie der Erz­bi­schof von Mainz miss­bil­lig­ten das Ver­hal­ten Kon­rads; der Erz­bi­schof hat­te ihn so­gar er­mahnt, sich zu mä­ßi­gen, aber ohne et­was aus­zu­rich­ten. So viel be­wirk­te der Erz­bi­schof, dass dem Gra­fen von Sayn eine Frist ge­ge­ben wur­de, um sich zu recht­fer­ti­gen; die Ge­fahr blieb trotz­dem groß, denn das In­qui­si­ti­ons­ver­fah­ren war so ein­ge­rich­tet, dass es sehr schwer war, die ein­mal an­ge­zwei­fel­te Recht­gläu­big­keit zu er­wei­sen. Am 30. Juli 1233 wur­de Kon­rad von Mar­burg er­mor­det; man schrieb die Tat all­ge­mein dem Gra­fen von Sayn zu. Er leb­te noch 14 Jah­re, ohne des­we­gen an­ge­grif­fen zu wer­den; sei­ne Wit­we mach­te spä­ter große Schen­kun­gen zum Heil für sei­ne und ihre sün­di­gen See­len. Bei­nah gleich­zei­tig wur­de in Straß­burg der Do­mi­ni­ka­ner­mönch Dro­so, der durch sein Auf­spü­ren von Ket­zern die Stadt be­un­ru­hig­te, von Hein­rich von Müln­stein, ei­nem, der sich be­droht fühl­te, er­mor­det. Jo­han­nes Guld­ein, ei­ner der an­ge­se­hens­ten Straß­bur­ger Bür­ger, war im Jah­re 1230 ver­brannt wor­den. Nicht nur der Papst, son­dern auch der Kai­ser war ent­rüs­tet über die Mord­ta­ten; es war ei­ner der Vor­wür­fe, die Fried­rich ge­gen sei­nen Sohn er­hob, dass er die Ket­zer­ver­fol­gung nicht un­ter­stützt habe. Trotz­dem ist an­zu­neh­men, dass die Kai­ser die­se Pf­licht ih­res Am­tes nur wie eine her­kömm­li­che For­mel zu­wei­len zu be­to­nen für nö­tig hiel­ten; denn wenn sie sich mit ei­ge­nem Wil­len da­für ein­ge­setzt hät­ten, wür­de die In­qui­si­ti­on sich mehr aus­ge­brei­tet und fest­ge­setzt ha­ben, als tat­säch­lich ge­sch­ah. Al­ler­dings, wenn auch die schar­fe Ver­fol­gung, wie sie Kon­rad von Mar­burg ein­ge­lei­tet hat­te, sich nicht er­neu­er­te, so wur­den doch die Ket­zer­ge­set­ze wei­ter­hin an­ge­wen­det, und dass von Zeit zu Zeit die Flam­men einen Irr­gläu­bi­gen ver­zehr­ten, war nichts Auf­fal­len­des.

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Hacim:
1861 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783962817725
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