Kitabı oku: «Das Verständnis von Vulgärlatein in der Frühen Neuzeit vor dem Hintergrund der questione della lingua»

Roger Schöntag
Das Verständnis von Vulgärlatein in der Frühen Neuzeit vor dem Hintergrund der questione della lingua
Eine Untersuchung zur Begriffsgeschichte im Rahmen einer sozio- und varietätenlinguistischen Verortung: Die sprachtheoretische Debatte zur Antike von Leonardo Bruni und Flavio Biondo bis Celso Cittadini (1435–1601)
Unter Berücksichtigung von Dante Alighieri und der mittelalterlichen Sprachphilosophie
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ISSN 0564-7959
ISBN 978-3-8233-9540-9 (Print)
ISBN 978-3-8233-0348-0 (ePub)
Inhalt
Vorwort
1 Einleitung: Thematische Abgrenzung und Untersuchungsziel1.1 Thematik1.2 Korpus und zeitlicher Rahmen1.3 Untersuchungsebenen1.4 Untersuchungsmethode und Untersuchungsziel
2. Forschungsstand
3. Methodik: Zwei Ebenen der Untersuchungsperspektive3.1 Die Anwendung moderner varietätenlinguistischer und soziolinguistischer Modelle3.1.1 Varietätenlinguistische Perspektive3.1.2 Soziolinguistische Perspektive3.1.3 Entwurf eines Beschreibungsrahmens des Varietätenraums3.2 Die Rekontextualisierung: Klassische Hermeneutik und historische Verortung
4. Die Architektur des Lateins4.1 Lingua viva: Latein in der Antike4.1.1 Die Periodisierung4.1.2 Der Varietätenraum4.2 Lingua morta (viva): Latein vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit4.3 Die Darstellung des Lateins und seiner Entwicklung in einem varietätenlinguistischen Modell
5. Ein kurzer Abriß zur Begriffsgeschichte des Vulgärlateins seit Hugo Schuchardt
6. Der Beginn für das Verständnis der Architektur des Lateinischen der Antike in der Frühen Neuzeit6.1 Die Rahmenbedingung: La questione della lingua6.1.1 Die questione vor dem Hintergrund von Renaissance und Humanismus6.1.2 Kurzcharakteristik der questione della lingua: Fragestellungen und Periodisierung6.1.3 Die „Barbarenthese“ im Kontext von generatio, alteratio und corruptio6.1.4 Das Verständnis von Sprache: lingua morta vs. lingua viva6.1.5 Die Sprachauffassung im Mittelalter6.2 Die einzelnen Positionen in der Traktatsliteratur von Dante bis Cittadini6.2.1 Methodische Präliminarien6.2.2 Der unverzichtbare Vorläufer: Dante Alighieri6.2.3 Der Beginn der Diskussion zur antiken Sprachkonstellation (1435)6.2.4 Leon Battista Alberti (Leo Baptista Alberti)6.2.5 Guarino Veronese (Guarinus Veronensis)6.2.6 Poggio Bracciolini (Poggius Florentinus)6.2.7 Francesco Filelfo (Franciscus Philelphus)6.2.8 Lorenzo Valla (Laurentius Vallensis)6.2.9 Weitere Humanisten des 15. Jh. und die Tradierung der Debatte ins 16. Jh.6.2.10 Zwischenfazit: Die prima generazione6.2.11 Pietro Bembo (Petrus Bembus)6.2.12 Baldassare Castiglione (Balthassaris Castillionis)6.2.13 Claudio Tolomei (Claudius Ptolemaeus)6.2.14 Lodovico Castelvetro (Ludovicus Castelvetrus)6.2.15 Benedetto Varchi (Benedictus Varchius)6.2.16 Celso Cittadini (Celsus Cittadinus)6.2.17 Weitere Humanisten des 16. Jahrhunderts6.2.18 Zwischenfazit: Die seconda generazione
7. Ergebnis und Fazit: Die Entwicklung der Debatte und ihre thematischen Schwerpunkte
8. LiteraturPrimärliteraturSekundärliteratur
Vorwort
Die vorliegende Arbeit ist die überarbeitete Version der im Juli 2020 eingereichten und im Juli 2021 an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) angenommenen Habilitationsschrift zur Lehrbefähigung für das Fachgebiet Romanische Philologie, die vom Fakultätsrat mit dem Habilitationspreis der Philosphischen Fakultät ausgezeichnet wurde.
Es sei an dieser Stelle den Mitgliedern des Mentorats sowie den externen Gutachtern für die wertvollen Anregungen und konstruktiven Vorschläge zur Präzisierung von so manchem Einzelaspekt gedankt. Für einige kritische inhaltliche Anmerkungen und vor allem die vielen Etappen des mühevollen Lektorats gilt ganz besonderer Dank Dr. Patricia Czezior.
Erlangen im September 2021
1 Einleitung: Thematische Abgrenzung und Untersuchungsziel
1.1 Thematik
Das im Titel angezeigte Thema vorliegender Arbeit, nämlich die Untersuchung des Verständnisses von Vulgärlatein in der Frühen Neuzeit, ist dahingehend zu präzisieren, daß bei einer Analyse mit dem Fokus ‚Vulgärlatein‘ insofern immer auch die gesamte Sprache Latein in die Betrachtung miteinbezogen werden muß, als Vulgärlatein aus aktueller linguistischer Perspektive ganz prinzipiell einen Teilaspekt der lateinischen Sprache darstellt. Das bis heute bestehende Problem einer einheitlichen Definition von ‚Vulgärlatein‘ gilt erst recht für die hier untersuchte Epoche sprachtheoretischer Reflexion, in der das Konzept dessen, was man ab dem 19. Jh. in der Sprachwissenschaft unter ‚Vulgärlatein‘ versteht (cf. Kap. 5), erst nach und nach an Kontur gewinnt, es also um die Vorgeschichte dieses Konzeptes und linguistischen Begriffes geht. Für diese Zwecke wird ein Begriff von Vulgärlatein zugrundegelegt, der unabhängig von den heutigen zahlreichen Einzeldefinitionen einen Minimalkonsens beinhaltet, und zwar im Sinne einer weitgehend zu rekonstruierenden Basis bzw. Ursprache der romanischen Sprachen, die im Gegensatz zum klassischen Latein auf der gesprochenen Sprache Roms bzw. des römischen Reiches (Westteil) beruht und die in einzelnen schriftlichen Texten zutage tritt (cf. Quellen des Vulgärlateins).
Gegenstand der Untersuchung bilden ausgewählte Texte (v. infra) verschiedener Autoren zur Sprachreflexion im Italien der Frühen Neuzeit. Diese Schriften, die je nach Präferenz des Verfassers auf Italienisch oder Latein abgefaßt wurden, dienen als Basis, um die einzelnen Vorstellungen jener Autoren von dem in der Antike gesprochenen (und geschriebenen) Latein zu rekonstruieren. Im Weiteren soll dann, anhand dieser unterschiedlichen Auffassungen, die Entwicklung bzw. der Wandel des Verständnisses des antiken Lateins und seines Varietätenraumes nachgezeichnet werden. Es handelt sich demnach um den Versuch einer Rekonstruktion eines metasprachlichen Diskurses. Ein wichtiger Aspekt dabei ist ebenfalls der im Untertitel der Arbeit angesprochene begriffsgeschichtliche Teil der Untersuchung, denn im Zuge der Aufarbeitung der eben erläuterten frühneuzeitlichen Diskussion ist es auch möglich und zugleich notwendig, die Entstehung des Begriffes und Konzeptes ‚Vulgärlatein‘ zu skizzieren. Dabei wird auch der antike Ursprung (cf. sermo vulgaris) mitberücksichtigt. Nichtsdestoweniger liegt der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Nachzeichnung der angesprochenen humanistischen Debatte, in deren einzelnen Positionen sich diejenigen Vorstellungen zur Sprachkonstellation der Antike, d.h. vor allem bezüglich des schriftlichen Lateins und seiner mündlichen Varietät(en), abzeichnen, die letztlich Vorboten einer späteren sprachwissenschaftlichen Differenzierung von Latein und Vulgärlatein darstellen.
Den Rahmen für die vorliegende Untersuchung bildet die sogenannte questione della lingua, die Sprachenfrage in Italien, eine Diskussion um die adäquate Literatursprache (d.h. um einen schriftlichen Standard) des Italienischen, die von zahlreichen Gelehrten mit unterschiedlichen Positionen über mehrere Jahrhunderte hinweg intensiv geführt wurde (cf. Kap. 6.1).
Den Höhepunkt dieser intellektuellen Auseinandersetzung kann man im Wesentlichen im 16. Jahrhundert ansetzen, doch reichen einerseits ihre Wurzeln weiter zurück, nämlich in letzter Konsequenz zum Beginn einer umfassenderen literarischen Produktion auf Italienisch (cf. Tre corone) und damit zum potentiellen Konflikt mit der bis dahin dominierenden Schriftsprache Italiens und ganz Europas,1 dem Lateinischen. Ihren Abschluß findet die questione bekanntlich erst im 19. Jahrhundert, als sich schließlich, nicht nur auf der Ebene der theoretischen Diskussion, das in seinen Grundzügen bis heute gültige Modell durchsetzt, sondern mit der Schaffung des italienischen Nationalstaates auch die Voraussetzungen zu einer praktischen Umsetzung gegeben sind, wobei die Herausbildung und schließlich eine weitgehend flächendeckende Verbreitung eines Standarditalienischen im Bereich der mündlichen Kommunikation bis weit ins 20. Jahrhundert dauerte.
Die Sprachenfrage in Italien hat im Laufe der jahrhundertelangen Diskussion zahlreiche Facetten gezeitigt,2 wobei man zwei Kernfragestellungen ausmachen kann: Zum einen gab es zunächst den Konflikt unter den Zeitgenossen, ob es prinzipiell überhaupt möglich ist, im volgare, also der Volkssprache, literarische Werke hervorzubringen, die den gleichen sprachlich-stilistischen, intellektuellen und künstlerischen Stellenwert und Anspruch haben konnten wie die auf Latein abgefaßten. Zum anderen stellte sich gerade in Italien daran anschließend die Frage, welche Varietät des Italienischen man gebrauchen sollte, wenn man denn das Italienische dem Lateinischen als Schriftsprache vorzog.3 Im politisch zersplitterten Italien standen sich einerseits verschiedene diatopische Varietäten und deren scriptae gegenüber, die an verschiedene Machtzentren gekoppelt waren, andererseits gab es mit dem Werk der Tre corone ein übermächtiges literarisches Vorbild, welches in sich wiederum sehr vielfältig war und im 15./16. Jh. bereits archaisch anmutete. Nachdem nach und nach das Italienische als adäquate Sprache für einige literarische Gattungen weitgehend akzeptiert worden war, konzentrierte sich die Diskussion der weiteren Jahrhunderte auf die Frage nach der diatopischen und zeitlichen Verortung einer idealen italienischen Literatursprache.
Für die vorliegende Arbeit ist vor allem der erste Teil der italienischen Sprachenfrage von Relevanz, insofern im Schnittpunkt zwischen Lateinhumanismus und Vulgärhumanismus ein Diskussionsfeld eröffnet wurde, an dem sowohl die Parteigänger des Lateinischen partizipierten, als auch die Befürworter der italienischen Volksprache in der Literatur Anteil hatten: Es handelt sich dabei um die Frage, welche Art von Latein im antiken Rom bzw. im Imperium Romanum gesprochen wurde.
Die Beschäftigung mit dem Latein wurde nicht zuletzt durch den Geist der Renaissance, d.h. das wiedererwachte, verstärkte Interesse an der Antike angeregt. Seit dem 14. Jh. und vor allem im 15. Jh. begann man, zahlreiche Werke lateinischer und griechischer Autoren wiederzuentdecken, indem man sich in den Bibliotheken auf die Suche nach antiken Kodizes machte.4 Schon 1345 entdeckte Francesco Petrarca (1304–1374) in der Bibliothek der Kathedrale von Verona Briefe Ciceros,5 1392 stieß Coluccio Salutati (1331–1406) auf weitere Cicero-Briefe (Epistolae ad familiares) in derselben Stadt und Poggio Bracciolini (1380–1459), einer der Erfolgreichsten bei der Manuskriptsuche, entdeckte auf Reisen durch Deutschland und Frankreich während seiner Zeit als päpstlicher Sekretär auf dem Konstanzer Konzil (1414–1418) nicht nur Cicero-Schriften, sondern in St. Gallen auch eine komplette Fassung von Quintilians Institutio oratoria sowie zahlreiche weitere Texte antiker Autoren (cf. Burckhardt [1860] 2009:150–157; Sandys 1915:166–168). So konnte nicht nur der Kanon der lateinischen (und griechischen) Schriften erweitert werden, sondern durch diese intensive Recherchetätigkeit erfuhr auch die Rezeption klassischer Texte einen nachhaltigen Aufschwung. Insbesondere die in diesem Kontext verstärkte Auseinandersetzung mit Cicero hängt eng mit der ersten Phase der questione della lingua zusammen, in der die Frage nach der idealen lateinischen Literatursprache gestellt wird.
Dabei ist ebenfalls zu berücksichtigen, daß im Zuge der oben genannten verstärkten Rezeption der römischen Texte, insbesondere Ciceros, man auch gleichzeitig die zu dieser Zeit bereits vorliegende Sprachreflexion mitrezipierte.6
Diese intensive Beschäftigung mit den klassischen lateinischen Texten, dem generellen Interesse an der Antike sowie der zentralen Fragestellung des Lateinhumanismus um ein adäquates, zeitgenössisches Latein sind – wie die Untersuchung zeigen wird – die zentralen Voraussetzungen, daß sich bei einigen Gelehrten nach und nach ein Bewußtsein für die Diglossiesituation der eigenen Epoche herausbildete, mit einem Schriftlatein als high variety7 und der italienischen Umgangssprache (meist in starker diatopischer Ausprägung) als low variety. Somit ergab sich parallel und in Verknüpfung mit der lateinischen questione dieses spezifische Interesse und damit auch die daran anknüpfende Auseinandersetzung mit der antiken Sprachsituation.
Die Teilnehmer an dieser Diskussion setzten sich also mit der konkreten Frage auseinander, welche Sprache die Römer wohl einst in ihrem täglichen Umgang sprachen – eben im Gegensatz zu jener, die durch die bekannte Literatur tradiert wurde – und wie diese Sprache des antiken römischen Volkes mit der Volkssprache des zeitgenössischen Italiens zusammenhing. Dadurch eröffnete sich eine Problematik, die wir heute gängigerweise mit der begrifflichen Dichtomie ‚Vulgärlatein‘ vs. ‚klassisches Latein‘ zu erfassen und abzugrenzen suchen. Die humanistischen Gelehrten versuchten, sich nach und nach eine immer präzisere Vorstellung von den sprachlichen Verhältnissen der Antike zu machen, wobei sie prinzipiell auf zwei Methoden zurückgriffen: zum einen auf den Vergleich mit ihrer eigenen Sprachsituation und zum anderen auf die Informationen, die ihnen die antiken Autoren lieferten. Die Argumentationen in dieser Diskussion waren jedoch nicht von einem originären Interesse an der Erforschung dieses Sachverhaltes geprägt, sondern müssen vor dem Hintergrund der Sprachenfrage und den dort vertretenen Positionen in Bezug auf das Verhältnis ’Latein vs. Volkssprache’ bzw. der Streitfrage um die Adäquatheit des Italienischen als Literatursprache gesehen werden.
Thema der vorliegenden Arbeit ist demgemäß ein metasprachlicher Diskurs im Italien der Frühen Neuzeit, der einerseits eng mit der questione della lingua verknüpft ist, andererseits aber seine eigene Dynamik entwickelt. Damit ist das Interesse an der Rekonstruktion dieses frühneuzeitlichen Disputes hier als ein genuin romanistisches zu verstehen, welches jedoch unzweifelhaft im Schnittpunkt auch mit anderen Disziplinen wie der Geschichtswissenschaft, der Latinistik oder ganz allgemein der Philologie im traditionellen Sinne steht.
1.2 Korpus und zeitlicher Rahmen
Die sich oft auch im mündlichen Streitgespräch herauskristallisierenden Positionen sind uns vor allem durch eine reichhaltige Traktatsliteratur überliefert oder in Form von theoretischen Überlegungen in anderen literarischen Werken (z.B. literarischer Brief, humanistischer Dialog, Apologie). Dabei können aufgrund der Vielzahl der Texte, die sich entweder vorrangig mit dieser Thematik beschäftigen oder aus denen sich zumindest diesbezügliche Stellungnahmen herauslesen lassen, nicht alle Eingang in die Analyse finden, sondern es seien hier nur solche berücksichtigt, die einen wesentlichen Beitrag in dieser Diskussion leisten. Die Selektion der Autoren und Texte richtet sich dabei im Wesentlichen nach denen bereits in der Forschung kanonisierten und sowie danach, ob ein Autor bzw. Text maßgeblich in der zeitgenössichen Rezeption ist und/oder inhaltlich das Thema um neue Aspekte bereichert (cf. Kap. 6.2).
Der zeitliche Untersuchungsrahmen ergibt sich aus den maßgeblichen Traktaten, die den Umbruch in der Auffassung des Lateins bzw. der Volkssprache markieren. Aus diesem Grund läßt sich ein Beginn dieses neuen Bewußtseins durch Dante Alighieri (1265–1321) mit seiner Schrift De vulgari eloquentia (1303/4–1307/8) fixieren (cf. Kap. 6.2.1). Diese Abhandlung – obwohl zeitlich sehr viel früher gelegen als die eigentliche Diskussion – ist insofern von zentralem Interesse, als hier einerseits die mittelalterliche Auffassung von Latein als einer unveränderlichen gramatica nochmals synthetisiert wird, aber andererseits Dante hierbei auch der Volkssprache einen wichtigen Stellenwert zuerkennt. Diese wiederum stellt er äußerst differenziert dar und bringt gleichzeitig die Idee der diasystematischen Diversität (Architektur) einer Sprache mit ins Spiel sowie den Gedanken der Wandelbarkeit einer Sprache.
Der tatsächliche Beginn der Diskussion, die um die Frage der antiken Sprachensituation kreist bzw. im Speziellen um die Frage, welche Sprache die Römer gesprochen hatten und wie daraus das Italienische entstehen konnte, ist hingegen durch Leonardo Bruni (1369/70–1444) und Flavio Biondo (1392–1462) markiert (cf. Kap. 6.2.2), die mit einem zunächst mündlich ausgetragenen Disput im Vorzimmer des Papstes letztlich die gesamte questione della lingua wenn nicht eröffneten, dann doch zumeist grundlegend anregten. Zudem werden in den dann bald darauf entstandenen Schriften – Bruni: An vulgus et literati eodem modo per Terentii Tuliique tempora Romae locuti sint (1435); Biondo: De verbis romanae locutionis (1435), Italia illustrata (1448–1458/1474) – zum ersten Mal einige wichtige Positionen dieser Diskussion fixiert, darunter auch das Argument der Korrumpierung des Lateins, die als corruptio-These in der heutigen Forschung geführt wird (cf. Kap. 6.1.1).
Im Folgenden werden dann zwei Perioden dieser Sprachdiskussion um die Antike unterschieden, und zwar mit Humanisten, die hier, in Anlehnung an bereits in der Forschung üblichen,8 aber chronologisch leicht anders verwendeten Begriffe, als prima generazione und als seconda generazione klassifiziert werden. Die erstere bezieht sich auf die Protagonisten des 15. Jhs., zu denen neben den Initiatoren der Debatte, Bruni und Biondo, Leon Battista Alberti (1404–1472), Guarino Veronese (1374–1460), Gian Francesco Poggio Bracciolini (1380–1459), Francesco Filelfo (1398–1481) und Lorenzo Valla (1407–1457) gehören, denen je eigene Kapitel gewidmet sind (cf. Kap. 6.2.4–6.2.8). Diesen folgen in einer kürzeren synoptischen Darstellung einige Autoren, die das vorliegende Thema weniger ausführlich behandeln oder weniger innovative Beiträge in die Debatte miteinbringen und die hier im Gegensatz zu den Protagonisten der Debatte, denen je ein eigenes Kapitel gewidmet ist und die deshalb als auctores maiores klassifiziert werden, als auctores minores benannt werden (cf. Kap. 6.2.9). Die zweite Generation der Gelehrten im 16. Jh. ist durch die maßgeblichen Vertreter Pietro Bembo (1470–1547), Baldassare Castiglione (1478–1529), Claudio Tolomei (ca. 1492–1556), Ludovico Castelvetro (1505–1571), Bendetto Varchi (1503–1565) und Celso Cittadini (1553–1627) repräsentiert. Neben diesen Protagonisten, die durch ihren allgemeinen Wirkungsradius und/oder die neuen Details, die sie zur Diskussion beisteuerten, als solche für eigene Kapitel ausgewählt wurden (cf. Kap. 6.2.11–6.2.16), folgt analog zur Übersicht des 15. Jhs. auch hier eine Zusammenstellung zu auctores minores in der vorliegenden Debatte (cf. Kap. 6.2.17).
Den zeitlichen Schlußpunkt der Untersuchung markiert demzufolge Celso Cittadini, der in seinem Trattato della vera origine (1601) zum ersten Mal nicht nur eine konkrete Vorstellung von der Heterogenität des Latein formuliert, und zwar auch im Wandel der Zeit, sondern der auch versucht, dies anhand von epigraphischen und literarischen Quellen zu belegen. Die Variabilität der Volkssprache ist zu diesem Zeitpunkt längst communis opinio, so daß er der heutigen Vorstellung vom ‚Vulgärlatein‘ in Bezug auf einige Aspekte schon ziemlich nahekommt.
Diese zeitliche Beschränkung ist insofern zu rechtfertigen, als einerseits mit Cittadini die Diskussion um die Sprachsituation in der Antike argumentativ zu einem Abschluß gebracht wurde und andererseits die weitere Geschichte des Begriffs ‚Vulgärlatein‘ Teil der modernen wissenschaftlichen Begriffsgeschichte darstellt, zu der eben jener wieder das Initium bilden würde.9
1.3 Untersuchungsebenen
Zentrales Thema der vorliegenden Untersuchung ist die Vorstellung des Varietätenraumes des antiken Lateins, des Sprachwandels vom Lateinischen (bzw. Vulgärlateinischen) zu den romanischen Sprachen sowie allgemein der Konstellation der antiken Sprachen des römischen Imperiums in der Frühen Neuzeit im Spiegel zeitgenössischer Traktate. Die hier vorgenommen Analyse bedingt deshalb einerseits, daß auf das Latein der Antike Bezug genommen wird, also auf die historische Sprache in ihrer diasystematischen Heterogenität, andererseits auf das zeitgenössische Latein des 15./16. Jh. Da im Zuge der verschiedenen Einzelanalysen vielfache Relationen zwischen Objekt- und Metaebene auftreten, soll diese Beziehungen vorab noch einmal deutlich gemacht werden.
Auf Objektebene ist die Sprache Latein sui generis anzusiedeln sowie ihre historische Entwicklung. Dazu gehören im Einzelnen die Frage nach der diasystematischen Vielfalt des Lateinischen (diatopische, diastratische und diaphasische Variation), nach der Herausbildung einer lateinischen Schriftsprache und deren Entwicklung sowie nach der Entstehung einer klassischen Norm innerhalb dieser Schriftsprache und dem Verhältnis ‚Schriftsprache vs. gesprochene Sprache‘ im Laufe der Jahrhunderte. Darüberhinaus ist dazu auch die Frage nach der Ausdifferenzierung der romanischen Sprachen aus dem gesprochenen Latein hinzuzunehmen.
Auf der Metaebene erscheinen verschiedene als synchron zu begreifende Ausschnitte der Betrachtung. Zentrale Fragestellung ist der Blick auf das antike Latein durch die an dieser Diskussion beteiligten Humanisten (Synchronie ‚Frühe Neuzeit‘, cf. Kap. 6). Diese versuchten, die Architektur des Lateins in der Antike rekonstruieren, und zwar zum einen mit Hilfe des Vergleichs ihrer eigenen Situation in Bezug auf das Verhältnis ‚Latein vs. Volkssprache‘ in Italien und zum anderen vor allem, indem sie Hinweise zur Diversität des Lateinischen und zum antiken Verhältnis ‚Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit‘ bei den überlieferten römischen Autoren nachgingen bzw. als bestimmte Stellen als solche interpretierten. Dies war möglich, da die römischen Autoren selbst sowohl Überlegungen zur Sprache ihrer eigenen Zeit als auch früherer (schriftloser) Zeiten angestellt hatten, also auch versuchten, die Entwicklung der eigenen Sprache vor ihrer Zeit zu verstehen (Synchronie ‚römische Antike‘, cf. Kap. 4).
Wenn also aus heutiger Perspektive, wie in vorliegender Arbeit als Zielsetzung formuliert, die Vorstellung der Humanisten in Bezug auf das antike Latein rekonstruierten werden soll, und zwar mit den hier vorgestellten wissenschaftlichen Methoden anhand des zugrundeliegenden Korpus (cf. Kap. 1.1, 1.2 und 1.4), muß berücksichtigt werden, daß die Untersuchungen der Gelehrten der Frühen Neuzeit zum antiken Latein maßgeblich durch die metasprachlichen Kommentare der römischen Autoren zu deren eigener Zeit, aber auch zu früheren Epochen geprägt sind, wobei es nicht unerheblich ist, auf welches Korpus an Autoren und Texten jene frühneuzeitlichen Sprachtheoretiker sich dann im Einzelnen beziehen.
Im Fokus der Betrachtung stehen hier also synchrone Ausschnitte der Betrachtung (römische Antike, Frühe Neuzeit), und zwar einerseits auf der Metaebene (Sprachreflexion der Humanisten, Sprachreflexion der römischen Autoren) und andererseits auf Objektebene, indem in vorliegender Arbeit versucht werden soll, diese beiden historischen Sprachsituationen (Latein in der Antike, Latein/Italienisch in der Frühen Neuzeit) mit aktuellen wissenschaftlichen Kategorien zu erfassen.
Nicht außer Acht gelassen werden darf dabei jedoch die dazwischenliegende metasprachliche Tradition, also die Kontinuität der Sprachreflexion von der Antike bis zur Frühen Neuzeit, die das Denken und die Vorstellungswelt der untersuchten Humanisten mit beeinflußt hat.
In diesem Sinne ist zudem zu berücksichtigen, daß die ausgewählten synchronen Ausschnitte ebenfalls wieder in sich eine historische Entwicklung der metasprachlichen Betrachtung beinhalten, also natürlich keine absoluten Synchronien bilden, sondern relative, die z.T. sehr unterschiedlich große Zeiträume umfassen (röm. Antike mind. 1000 Jahre, Frühe Neuzeit ca. 200 Jahre). So sei beispielsweise darauf verwiesen, daß Isidor v. Sevilla (560–636 n. Chr.) sich auf Livius (59 v.–17 n. Chr.) bezieht (beide innerhalb der Synchronie ‚römische Antike‘) oder Cittadini (1601) Reflexionen von Dante (1303/4) aufgreift (beide Synchronie ‚Frühe Neuzeit‘), so daß man bei einem Argument, welches Cittadini von Isidor übernimmt, der sich selbst wiederum auf Livius bezieht, eine mehrfache Brechung der Perspektive berücksichtigen muß.
1.4 Untersuchungsmethode und Untersuchungsziel
Um den bereits vorgestellten metasprachlichen Diskurs mit seinen verschiedenen Aspekten, insbesondere in Bezug auf die Erfassung der gesprochene Sprache der römischen Antike und damit die Vorstellungswelt der Frühen Neuzeit in Bezug auf das Latein in seiner Architektur rekonstruieren zu können, werden in der vorliegenden Untersuchung zwei unterschiedliche methodische Verfahren angewandt.
Zum einen soll die zeitgenössische Traktatliteratur mit Hilfe des heutigen Instrumentariums varietäten- und soziolinguistischer Begrifflichkeit analysiert (cf. Kap. 3.1) und somit unter dieser Perspektive untersucht werden, was an Einsichten in die Architektur des Lateinischen und in Bezug auf das Verhältnis von ,Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit‘ bereits vorhanden ist. Dabei werden in diesem Analyseschritt zunächst bewußt bestimmte kontextuelle historische Implikationen weitgehend ausgeblendet, d.h. die heutigen Begrifflichkeiten in gewisser Weise anachronistisch angewendet, um das Verständnis der Sprache bzw. Sprachsituation klarer herausarbeiten zu können. Das gilt beispielsweise für Begriffe wie Varietät, Diasystem (diatopisch, diastratisch, diaphasisch), Diglossie und Ausbau genauso wie für Substrat, Superstrat und Adstrat.
Zum anderen ist es dann wiederum nötig, die einzelnen Traktate auch zu „rekontextualisieren“,10 also in dem entsprechenden zeitgeschichtlichen Diskurs zu verorten, d.h. die Texte ganz traditionell philologisch bzw. hermeneutisch zu interpretieren (cf. Kap. 3.2). Die beiden separat gewonnenen Erkenntnisstränge, die keinesfalls antogonistisch aufzufassen sind, sondern sich produktiv ergänzend, sollen dann wiederum zu einer Gesamtschau zusammengeführt werden. Mit Hilfe dieser Vorgehensweise sollen folgende konkrete Untersuchungsziele erreicht werden:
1 Die Vorstellungen der einzelnen Autoren der Frühen Neuzeit hinsichtlich des Lateins, insbesondere dessen, was heutzutage unter Vulgärlatein zu verstehen ist, sollen herauspräpariert werden (cf. Kap. 6.2), d.h. moderne, innovative einerseits und traditionelle Konzeptionen andererseits deutlich gemacht werden, und zwar durch folgende Verfahren:durch die Gegenüberstellung und Vereinigung der modernen Lesart der Traktate (varietäten- und soziolinguistische Begriffe) mit einer traditionellen, also der Verortung der untersuchten Schriften im Kontext der Zeit (‚Rekontextualisierung‘);durch die Gegenüberstellung des damaligen Kenntnisstandes (Frühe Neuzeit) über das Latein und seine Varietäten mit den heutigen.
2 Die Darstellung des Prozesses des Wandels dieser Sprachvorstellungen über die Antike in dem Zeitraum von Dante bzw. von Leonardo Bruni/Flavio Biondo bis Celso Cittadini bildet den zweiten Fokus dieser Arbeit (cf. Kap. 7).
Da es sich mitunter um Autoren bzw. Schriften handelt, die im Rahmen der questione della lingua durchaus schon Gegenstand von Untersuchungen waren, soll eben genau dieser bisher eher vernachlässigte Aspekt zur Vorstellung über die Sprachsituation der Antike fokussiert werden (nicht die gesamte questione) und gerade auch bei schon des Öfteren diskutierten Positionen sollen kritische Stellen besonders hervorgehoben werden. Dabei erlaubt es die hier dargelegte, doppelte Analyse-Perspektive, das Denken im Spannungsfeld zwischen Mittelalter und Neuzeit adäquat darzustellen sowie Gemeinsamkeiten und Diskrepanzen zwischen frühneuzeitlichem und modernem Wissensstand präzise herauszuarbeiten.
Das Desiderat des hier skizzierten Unterfangens ergibt sich nicht nur aus der bisher fehlenden Begriffsgeschichte zum Vulgärlatein (cf. Kiesler 2006:8), sondern auch aus einer bisher noch nicht in gebotenem Umfang vorliegenden Nachzeichnung dieser spezifischen frühneuzeitlichen Diskussion,11 vor allem nicht unter dem dezidierten Blickwinkel moderner Erkenntnisse der Varietäten- und Soziolinguistik vor dem Hintergrund einer vertieften Forschung zur antiken Sprachsituation und der Entstehung der romanischen Sprachen.
Die Vorgehensweise die gesamte Debatte durch die Behandlung der Positionen der einzelnen Humanisten zu strukturieren, richtet sich zum einen ganz pragmatisch nach der Mehrzahl bisheriger Forschungsarbeiten zu diesem Thema (cf. Kap. 2), zum anderen hat es den Vorteil, daß dadurch die gesamte Denkrichtung einzelner Protagonisten und der Kontext der Entstehung einzelner Ideen zu dieser Debatte deutlicher herausgearbeitet werden können. Um hingegen den Verlauf der Debatte und bestimmte Entwicklungstendenzen sowie die entsprechenden einwirkenden Faktoren aufzeigen zu können, dienen die jeweiligen Zwischenresümees sowie das ausführliche Fazit am Schluß der Arbeit.
2. Forschungsstand
Der vorliegende Überblick über die aktuelle Forschungsliteratur ist an dieser Stelle bewußt selektiv und knapp gehalten, da eine entsprechende Behandlung pro einzelnem Themenkomplex in den verschiedenen theoretischen Kapiteln bereits erfolgt ist. Ausgeklammert werden sollen hier deshalb insbesondere die Forschungsübersichten zu den Fragen der Sozio- und Varietätenlinguistik, da hierzu einzelne Kapitel folgen, in denen die aktuelle Forschungslage kontrovers diskutiert wird (cf. Kap. 3.1.1, 3.1.2), sowie gleichermaßen zum Phänomen der Rekontextualisierung und Hermeneutik (cf. Kap. 3.2).
Es sei deshalb mit einem kurzen Überblick zum Thema der Architektur des Lateinischen begonnen. Eine Einführung in die Geschichte der lateinischen Sprache bieten die Synopsen von Schmidt (1996) im Lexikon der Romanistischen Linguistik (LRL) mit der Genese aus dem Indogermanischen, von Steinbauer (2003) in den Handbüchern zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (HSK) zur Romanischen Sprachgeschichte sowie von Herman (1996) im LRL und von Seidl (2003) im HSK, beide mit einer Aufschlüsselung der Varietäten. Als Handbücher bzw. umfangreiche Darstellung sind Clackson (2011) und Willms (2013) zu nennen, letztere mit expliziter Ausrichtung an Studierende. Hervorzuheben ist das außerordentlich fundierte Werk von Poccetti/Poli/Santini (2005) zur Geschichte und den Varietäten des Lateinischen mit vielen ausführlich diskutierten Einzelaspekten. Ebenfalls in ihrer Materialfülle unverzichtbare Werke sind die von Adams (2003, 2007), der wohl erstmals systematisch die Diatopik des Lateins untersucht sowie die Mehrsprachigkeit der römischen Gesellschaft.
Zu den Ursprüngen des Lateinischen liegt eine Monographie von Baldi (2002) vor, eine wichtige Studie zum Sprachbewußtsein und der (stilistischen) Variation des Lateinischen ist die sehr detaillierte und mit viel Belegmaterial angereicherte Arbeit von Müller (2003). Aus romanistischer Perspektive arbeitet Müller-Lancé (2006), der sowohl die lateinische Sprachgeschichte als auch varietätenlinguistische Differenzierungen berücksichtig. In der Latinistik gilt das Werk von Hofmann (³1951, [11926]) zur Umgangssprache als ein früher Blick auf die Variation des Lateinischen. Diese Perspektive ist zum Teil bis heute prägend und nur langsam finden moderne varietätenlinguistische Einflüsse ihren Weg in die philologisch geprägten Traditionen (cf. Handbücher supra).
Einen Überblick zum mittelalterlichen Latein liefert Stötz (2002) mit seinem fünfbändigen Handbuch zu Wortschatz, Bedeutungswandel, Lautlehre sowie Syntax und Formenlehre, außerdem Berschin (2012), das hingegen gesamtphilologisch konzipiert ist. Eine verdichtete aber komplette Geschichte des Lateinischen liegt mit Kramer (1997) vor, der auch varietätenlinguistische Aspekte miteinfließen läßt. An Grammatiken mit Kapiteln zur Sprachgeschichte und Variation des Lateinischen sind Leumann/Hofmann (1928), Palmer (1990) und Meiser (2010) zu nennen.
Das Vulgärlateinische wird in der Forschung erstmals von Schuchardt (1866–1868) in Bezug auf den Lautwandel thematisiert, im weiteren liegen wichtige Arbeiten von Silva Neto (1957), Vossler (1953), Väänänen (11963, 42002) und Herman (1967) vor, der zahlreiche weitere Tagungen zu diesem Thema initiiert hat.12 In neuerer Zeit sind Forschungskompilationen von Euler (2005) aus indogermanistischer Perspektive und Kiesler (2006) aus romanistischer Perspektive entstanden. Den Übergang zum Romanischen behandeln vor allem Coseriu (1978, 2008), Wright (1982), Iliescu/Slusanski (1991) und ganz aktuell der Beitrag von Reutner (2014) in der Reihe der Manuals of Romance Linguistics (MRL).
Der zweite Teil des Forschungsüberblicks soll nun dem zentralen Untersuchungsgegenstand der humanistischen Debatte im 15. und 16. Jh. gewidmet sein. Die Zahl der Publikationen zu den allgemeinen Themenbereiche ‚Renaissance‘ und ‚Humanismus‘ ist entsprechend der Vielfalt des Spektrums an Fachwissenschaften, die sich damit auseinandersetzen, geradezu unüberschaubar. Für eine Synopse zur hier relevanten begrifflichen und inhaltlichen Abgrenzung sei auf das entsprechende Kapitel verwiesen (cf. 6.1.1) und vorab nur selektiv auf ein paar Grundlagen-Werke. Nach wie vor unverzichtbar und nicht nur wissenschaftsgeschichtlich von Relevanz sind die Darlegungen von Burckhardt (2009, [1860]), dessen Kultur der Renaissance in Italien bis heute immer wieder aufgelegt wird. Wichtige Werke, die ebenfalls dazu beigetragen haben, diesen Untersuchungsbereich, vor allem im Rahmen der Geschichtswissenschaft und Philologie zu konstituieren, liegen mit der zweibändigen Arbeit von Kristeller (1973/1975) sowie mit dem Sammelband und der Monographie von Buck (1969, 1987) vor, des Weiteren zählt dazu auch Baron (1966, 1968) und Burke (1998), der ebenfalls einen umfassenden Blick auf diese europäische Epoche wirft. Als Exempel einer ausgewählten neueren Übersicht seien die Aufsatzsammlung von Wyatt (2014) in der Reihe der Cambridge Companions to Culture genannt sowie die Monographien von Fubini (2003) und von Baker (2015). Erwähnenswert ist auch das aktuelle zweibändige Monumentalwerk zu Philosophie der Epoche von Leinkauf (2017). An spezifischen Lexika seien zum einen die mehrbändige englische Encyclopedia of the Renaissance von Grendler (1999a) genannt, das Handbuch Gelehrtenkultur der Frühen Neuzeit von Jaumann (2004), der 9. Supplementband (Renaissance-Humanismus) des Neuen Pauly von Landfester (2014a) und schließlich, eher kompakt, das Lexikon der Renaissance von Münkler/Münkler (2005).
In Bezug auf das speziellere aber dennoch bereits recht gut untersuchte Thema der questione della lingua in Italien sind neben älteren Werken von Luzzato (1893), Vivaldi (1894–1898), Furnari (1900), Belardinelli (1904), Labande-Jeanroy (1925) und Hall (1942), Mazzacurati (1965) und vor allem Vitale (1984 [11960]) als Referenz zu nennen. Neuere monographische Übersichtsarbeiten wären beispielsweise Bagola (1991) sowie Marazzini (2013, 2018) und Vitale (2006) sowie die Sammelbände von Pozzi (1988) und Belardi (1995) und schließlich die Aufsätze von Grayson (1982), Baldelli (1982) und Marazzini (2016).13 Ebenfalls zu nennen ist zudem die Anthologie mit den wichtigsten Schlüsseltexten von Pozzi (1988) und Scarpa (2012), wobei vor allem die neueren Arbeiten wie die von Marazzini und Scarpa den Begriff der questione sehr weit fassen und bis in die aktuelle Sprachdiskussion ausdehnen.14 Ausgewählte Aspekte der Sprachendiskussion beleuchten zum Beispiel die Arbeiten von Schunck (2003), die den metasprachlichen Diskurs des Sprachwandels diskutiert und hierzu wertvolle Einblicke liefert, sowie Ellena (2011), die insbesondere die Rolle der norditalienischen Varietäten in den Blick nimmt, aber darüberhinaus auch einen wertvollen Leitfaden für diese Epoche mit einem umfangreichen Quelleninventar bietet, oder aber Sabbatino (1995), der speziell die Kontroverse in Neapel beleuchtet. Einen wichtigen Überblick zur Periodisierung der Epoche liefert Koch (1988b), dessen Grundgerüst auch im Vorliegenden als Bezugsrahmen aufgegriffen wird.
Als die wichtigsten Forschungsarbeiten für den Kernbereich vorliegender Arbeit, also die Debatte um die Sprachkonstellation der Antike vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung von Latein- und Vulgärhumanismus, seien folgende angeführt: An chronologisch erster Stelle sei Strauss (1938) genannt, der bereits früh den Zusammenhang zwischen der Frage nach dem Ursprung des Konzeptes Vulgärlatein und der humanistischen Auseinandersetzung herstellt und nach wie vor zu konsultieren ist. Ebenfalls wertvolle Hinweise finden sich bei Klein (1957), der zahlreiche Aspekte der Gelehrten-Diskussion um das aufkommende volgare in der lateindominierten Literatur auf den Punkt bringt und in seiner Präzision in Bezug auf die sprachhistorischen Zusammenhänge unverzichtbar bleibt. Als Übersichtsstudien mit je unterschiedlichen Schwerpunkten in Form von Aufsätzen seien exemplarisch Migliorini (1949), Fubini (1961), Bahner (1983) und Kristeller (1973/1975; 1984) genannt sowie Faithfull (1953) zum spezifischen Aspekt der lingua viva. Einige ausgewählte Humanisten des 15. und 16. Jhs. werden in der knappen Zusammenstellung bei Dionisotti (1968) diskutiert, allerdings im Wesentlichen unter dem Aspekt der questione della lingua.
Die wichtigsten Protagonisten des 15. Jh. in dieser Debatte werden in der fundierten Darstellung von Tavoni (1984) behandelt, der zahlreiche Einzelfragen behandelt sowie wichtige Zusammenhänge zwischen den Konzepten der Humanisten herausarbeitet; zudem finden sich dort Auszüge der jeweils relevanten Primärtexte. Auf Tavoni basiert im Wesentlichen auch das Buch von Marchiò (2008), allerdings mit einem leicht veränderten und erweiterten Inventar der an der Debatte beteiligten Humanisten. Auch hier werden Primärtexte in Auszügen präsentiert, die dann im Wesentlichen inhaltlich zusammengefasst und partiell kommentiert werden, allerdings deutlich weniger tief als bei Tavoni. Äußerst wertvoll und kondensiert erweist sich die Monographie von Mazzocco (1993), der ebenfalls die wichtigsten Teilnehmer und den historischen Kontext behandelt, allerdings ohne Textauszüge wie Tavoni und Marchiò, dafür mit reichlich Zitaten und zahlreichen Belegen, die die Zusammenhänge zwischen den humanistischen Autoren verdeutlichen. Eine kürzere aber dennoch aufs Wesentliche reduzierte Darstellung findet sich in einigen Kapiteln bei Coseriu/Meisterfeld (2003). Hier werden ebenfalls keine vollständigen Primärtexte abgedruckt, sondern es finden sich nur einzelnen Schlüsselzitate, die dann kommentiert und in den sprachhistorischen Zusammenhang gestellt werden. Eine kommentierte Auswahl von Textauszügen allein mit Biondo, Bruni, Poggio und Valla wurde kürzlich auf Französisch von Raffarin (2015) herausgegeben, was eine nützliche Quelle in Bezug auf die Texte darstellt, jedoch als Sekundärliteratur wenig ergiebig ist. Eine sehr umfangreiche Einleitung und ausführliche Anmerkungen zu den abgedruckten Primärtexten samt italienischer Übersetzung bieten schließlich aktuell Marcellino/Ammannati (2015), allerdings rein für die Schlüsseltraktate von Bruni und Biondo. Für das 16. Jahrhundert kann außer auf die allgemeinen Darstellungen zur questione della lingua und zur italienischen Sprachgeschichte15 nur auf Schlemmer (1983a) zurückgegriffen werden, der in seiner Untersuchung allerdings den Fokus auf das Superstrat hat,16 sowie partiell auf Marazzini (1989), der das Sprachbewußtsein vom Humanismus bis zur Romantik untersucht. Vereinzelte Hinweise finden sich auch in der auf Vorlesungen der 1970er Jahre zurückgehenden und erst kürzlich herausgegebenen Sprachwissenschaftsgeschichte von Coseriu (2020). Neuere Aufsätze, die vorliegende Debatte mitberücksichtigen und das 15. und 16. Jh. behandeln, wären Schöntag (2017b) und Eskhult (2018).
Gerade die von italienischen Wissenschaftlern verfassten Arbeiten zu dieser Thematik haben oft eher eine gesamtphilologische Ausrichtung, in dem der hier im Fokus stehende linguistische Aspekt eher beiläufig behandelt wird, d.h. auch, daß Begiffe wie Diglossie oder diastratisch wenn, dann nur beiläufig auftreten und keine durchgehende sozio- oder varietätenlinguistische Verortung der einzelnen Traktate vorgenommen wird. So verwenden beispielsweise Tavoni (1984:XII, XV) und Mazzocco (1993:192, 195, 199) allein den Terminus diglossia, aber keine Begriffe des Diasystems; Marcellino/Ammanati (2015) immerhin neben diglossia (id. 2015:23) auch diastratico (id. 2015:25), während bei Marchiò (2008) mit diesen Begriffen gar nicht operiert wird. Letztlich bieten allerdings auch Schlemmer (1983a) oder Coseriu/Meisterfeld (2003), die sehr wohl einzelne Phänomene diasystematisch benennen, keine systematische varietätenlinguistische Analyse.
Die in der Forschung nachgezeichnete Debatte wird zudem meist auf die Anfangsjahre bzw. maximal auf das 15. Jh. beschränkt (v. supra),17 während hier, aus genannten Gründen (cf. Kap. 1.2) explizit der Zeitraum auf das 16. Jh. bzw. bis Anfang des 17. Jh. ausgedehnt wird (1435–1601) und somit auch mehr Humanisten und ihre Positionen berücksichtigt werden können.
Die Spezialliteratur zu den einzelnen Protagonisten der vorliegend nachgezeichneten Debatte sind den entsprechenden Kapiteln zu entnehmen, ebenso die zahlreichen Einzelstudien zu diversen Teilaspekten des abgehandelten Themas.
3. Methodik: Zwei Ebenen der Untersuchungsperspektive
Wie bereits in der Einleitung angesprochen (cf. Kap. 1.3 Untersuchungsebenen) besteht die methodische Grundlage der vorliegenden Arbeit darin, eine Analyse auf zwei Ebenen vorzunehmen, um das Ziel, nämlich die Erfassung der Vorstellungen über das antike Latein in der Frühen Neuzeit und den Wandel dieses Verständnisses adäquat erschließen zu können (cf. Kap. 1.4 Untersuchungsmethode- und Untersuchungsziel).
Auf der ersten Analyseebene soll dabei versucht werden, die frühneuzeitlichen Texte rein unter dem Blickwinkel moderner varietätenlinguistischer und soziolinguistischer Erkenntnisse und Begrifflichkeiten zu erfassen, um sie dann auf der zweiten Untersuchungsebene wieder zu rekontextualisieren, d.h. sie adäquat im Kontext der Zeit zu verorten. Durch die Gegenüberstellung von moderner, rein varietäten- und soziolinguistischer und traditioneller, gesamtphilologischer, historischer Perspektivierung sollen zum einen methodisch schärfer als bisher die beiden Herangehensweise voneinander getrennt werden und zum anderen sollen durch eben diese Trennung auf der Analyseebene die Ansätze moderner Forschung präziser von den zeitgeschichtlichen Implikationen abgehoben werden.
Im Folgenden sei nun deshalb zunächst ein Abriß zu den theoretischen Grundlagen gegeben, in dem Modelle und Begrifflichkeiten im Sinne eines wissenschaftlichen Instrumentariums reflektiert werden sollen.
3.1 Die Anwendung moderner varietätenlinguistischer und soziolinguistischer Modelle
3.1.1 Varietätenlinguistische Perspektive
Die im vorliegenden Fall gestellte Aufgabe an ein begriffliches Instrumentarium ist die Fähigkeit zu einer möglichst präzisen Erfassung von bestimmten historischen Phänomenen und Konstellationen.
Vorrangig geht es um die Beschreibung der Architektur des Lateins in der Antike sowie um die Situationen seiner Verwendung, auch im Verhältnis zu anderen Sprachen. Darüber hinaus ist es aber auch notwendig, Phasen der Entwicklung des Lateins bis in die Frühe Neuzeit darzustellen sowie den situationsabhängigen Gebrauch von Latein und Italienisch in derselben Epoche. Dabei sollen sowohl die nach heutigen wissenschaftlichen Maßstäben ermittelbaren sprachlichen Phänomene und Situationen der Sprachverwendung beschrieben werden können, als auch deren Wiedergabe aus Sicht der antiken und humanistischen Sprachreflexion.
Zentrale Aspekte sind demnach die Vielfalt und Einheit von Sprachen, situationsbedingter Gebrauch von Sprachen sowie Sprachwandel.
Die beiden hier in Betracht zu ziehenden linguistischen Teildisziplinen Varietätenlinguistik und Soziolinguistik liefern jedoch Modelle, die in ihrer Mehrheit, nicht nur, aber hauptsächlich, für synchron gegenwartsbezogene Phänomene konzipiert sind; nichtsdestoweniger sind sie hier primäre Referenz und sollen hier zunächst weitgehend unabhängig von ihrer Adäquatheit in Bezug auf die anvisierte historische Konstellation untersucht bzw. kritisch hinterfragt werden.
Aus der hier im Vordergrund stehenden romanistischen Perspektive ist das prominenteste Modell zur Beschreibung der Heterogenität einer Sprache das von Coseriu entwickelte System der verschiedenen Dimensionen von Sprachvariation, das sogenannte Diasystem.
Zur adäquaten Erfassung und Beschreibung der Coseriu’schen Theorie gehört zunächst seine grundlegende Unterteilung des Sprachlichen an sich. So differenziert er in Bezug auf die Tätigkeit des Sprechens drei Ebenen, nämlich die universelle Ebene, die historische Ebene und die individuelle (oder aktuelle) Ebene. Was prima facie wie eine Umbenennung der Saussure’schen Konzepte und Begrifflichkeiten langage, langue und parole aussieht (Saussure 1986:23–35), birgt trotz aller unbestreitbarer Referenz an die prägende theoretische Differenzierung des Begründers des Strukturalismus einige Spezifika, die eine direkte In-Bezug-Setzung dieser Begriffspaare nicht zulassen.18 Zunächst einmal liegt der Trichotomie Coserius eine andere Perspektive zugrunde, insofern er durch seine Benennung die jeweilige Zuordnung und die Art der Abstraktion noch deutlicher in den Vordergrund stellt. Zudem weist Coseriu auf bestimmte Charakteristika hin, die der jeweiligen Ebene zugehören, die bei Saussure so nicht in gleicher Weise explizit werden.19 Dazu gehört u.a. die Tatsache, daß der universellen Ebene auch bestimmte sprachliche Phänomene zugeordnet werden können, Sprache also nicht nur eine unbestimmte Abstraktion oder eine reine faculté de langage (Saussure 1986:25) ist,20 oder, daß auf der Ebene der historischen Einzelsprache bestimmte Diskurstraditionen wirksam werden. Hinzu kommt, daß Coseriu dieses Konzept einerseits mit den von Humboldt abgeleiteten Merkmalen der menschlichen Sprache, nämlich ‚Tätigkeit‘ (energeia), ‚Wissen‘ (dynamos) und ‚Produkt‘ (ergon) korreliert (Coseriu 1958)21 und andererseits mit seiner Trichotomie ,System-Norm-Rede‘ (Coseriu 1952), wodurch die Saussure’sche Opposition langue vs. parole ergänzt werden soll.
Auf der Ebene der historischen Einzelsprache, die hier von besonderem Interesse ist, unterscheidet er aufgrund der Tatsache, daß diese für ihn keine Einheit darstellt, wiederum drei verschiedene Ebenen mit bestimmten Charakteristika:
- Unterschiede der geographischen Ausdehnung einer Sprache, d.h. DIATOPISCHE Unterschiede, die Lokaldialekte und Regionalsprachen konstituieren. […]22
- Unterschiede zwischen den sozial-kulturellen Schichten einer Sprache, d.h. DIASTRATISCHE Unterschiede, die sprachliche Ebenen wie Hochsprache, gehobene Umgangssprache, Volkssprache charakterisieren. […]
- Unterschiede zwischen verschiedenen Sprachstilen, d.h. DIAPHASISCHE Unterschiede, die synphasische Ebenen wie gebräuchliche Umgangssprache, feierliche Sprache, familiäre Sprache, Sprache der Männer, Sprache der Frauen, poetische Sprache, Prosasprache usw. voneinander unterscheiden. (Coseriu 1973:38–39)
Eine wichtige Ergänzung dazu sind seine darauffolgenden Erläuterungen, die deutlich machen, daß er sich die einzelnen Ebenen als sich überlagernde vorstellt, so daß verschiedene Merkmale auch in Kombination auftreten können, wie er an dem Verb se dévorer erläutert, welches sowohl als ‚südfranzösisch‘ (diatopische Ebene) als auch als ‚familiär‘ (diaphasische Ebene) charakterisiert werden kann. Dies bringt ihm zum Ergebnis, daß „eine historische Sprache nie ein einziges Sprachsystem“ sein kann, „sondern immer ein DIASYSTEM, eine Summe verschiedener Sprachsysteme, die miteinander koexistieren und sich gegenseitig beeinflussen und überlagern“ (Coseriu 1973:40).23
Eine weitere wichtige Unterscheidung, die er in diesem Kontext trifft, ist die zwischen Architektur und Struktur einer Sprache, wobei er unter Architektur die „inneren Unterschiede“ versteht, also nicht die Oppositionen im Saussure’schen Sinne, sondern die Verschiedenheiten, die sich zwischen den eben ausgeführten Ebenen manifestieren, während die Struktur sich gerade durch die Oppositionen, d.h. durch die Unterschiede auf einer Systemebene, also innerhalb einer funktionellen Sprache, konstituiert (Coseriu 1970:32–34; 1973:40).24
Die in der Romanistik prominenteste Weiterentwicklung dieser diasystematischen Ebenengliederung der Sprache wurde nach einigen Vorarbeiten (z.B. Koch/Oesterreicher 1985; Koch 1985, 1986; Oesterreicher 1988) in einer Untersuchung zum gesprochenen Französischen, Italienischen und Spanischen von Koch/Oesterreicher (11990) präsentiert. Im Zuge weiterer Publikationen (z.B. Koch/Oesterreicher 1994, 2001; Koch 1997, 1999; Oesterreicher 1993, 1995, 1997) und einer überarbeiteten spanischen Übersetzung (1997) sowie einer Neuauflage der ersten Monographie (²2011) ist es inzwischen durchaus usus, vom Modell ,Koch/Oesterreicher‘ zu sprechen, wenn man eine bestimmte Betrachtungsweise in der romanistischen Varietätenlinguistik meint.
Dieses im Laufe der Zeit herausgearbeitete Modell ist durch viele moderne sprachwissenschaftliche Theorien und Konzepte inspiriert, dennoch kann man konstatieren, daß es bestimmte Grundpfeiler theoretischer Vorgänger-Modelle gibt, auf denen es ruht und die im Folgenden skizziert werden sollen.
Eine der für Koch/Oesterreicher fundamentalen Differenzierungen im Hinblick auf ihre Untersuchung zur gesprochenen Sprache ist die auf Söll (11974) zurückgehende Opposition von Konzeption und Medium. Ausgehend von der einfachen Feststellung, daß man Umgangssprache auch schreiben bzw. lesen kann und umgekehrt elaborierte Texte auch vorgelesen werden können und damit hörbar werden, trifft er zunächst die mediale Unterscheidung phonisch vs. graphisch mit dem Hinweis, daß erstere Kommunikationsform die primäre sei,25 um dann noch eine konzeptionelle zwischen schriftlich und mündlich vorzunehmen (cf. Söll 1985:19–20).
Söll, der seine theoretischen Überlegungen zwar prinzipiell allgemein verstanden haben will, aber diese rein anhand des Französischen konzipiert, stellt im Folgenden die sich überlagernden Differenzierungen zwischen code phonique vs. code graphique und code/langue parlé vs. code/langue écrit in einer Matrix dar. Bedingt durch den seit der Normierungsphase des 16./17. Jh. großen Normdruck im Französischen und die dadurch historisch gewachsene große Diskrepanz zwischen konzeptionell gesprochener und konzeptionell geschriebener Sprache, lassen sich die Unterschiede im Modell besonders gut illustrieren.
Koch/Oesterreicher (2011:3) übernehmen von Söll – unter Auslassung zahlreicher weiterer interessanter dort diskutierter Ansätze26 – genau diesem Aspekt und betonen dabei vor allem die absolute Dichotomie der medialen Opposition im Sinne einer Entweder/Oder-Relation und das Kontinuum im Bereich der konzeptionellen Differenzierung von ‚geschrieben‘ vs. ‚gesprochen‘. In der von Koch/Oesterreicher übernommenen Matrix von Söll, die sie je um ein italienisches und spanisches Beispiel ergänzen wird ein grundsätzliches Problem offenbar, nämlich, daß einerseits die Relation von konzeptioneller Mündlichkeit/Schriftlichkeit je Sprache eine andere ist und andererseits die mediale Repräsentation eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.27 So sollte nach Hunnius (2012:38–41) dem Medium, also der Frage nach der medialen Realisierung, grundsätzlich mehr Gewicht beigemessen werden, da die gesprochene Sprache eben nicht kategorisch von der ihr zugehörigen medialen Umsetzung zu trennen ist. Gerade in Bezug auf die neuere Kommunikation und ihre Formen (v. infra E-Mails, Chats, Online-Foren etc.) wird dies auch von Krefeld (2015a) kritisch gesehen und von Massicot (2015:112, 149–150, 190–191) empirisch gestützt, die ebenfalls die größere Abhängigkeit vom Medium hervorhebt.
Ein wesentlicher Verdienst von Koch/Oesterreicher ist es nun, mithilfe der Ergebnisse der bisherigen Forschung zu den je unterschiedlichen Implikationen von gesprochener und geschriebener Sprache sowie, damit zusammenhängend, bestimmten Kommunikationsmustern bzw. Versprachlichungsstrategien,28 ein Modell entwickelt zu haben, welches das von Söll postulierte konzeptionelle Kontinuum in Bezug auf spezifische Faktoren näher erfaßbar machen soll. Um den Grad konzeptioneller Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit einer Äußerung zu bestimmen, schlagen sie zehn Parameter vor, die die Kommunikationsbedingungen einer konkreten Äußerungssituation beschreiben sollen: Grad der Öffentlichkeit, Grad der Vertrautheit (der Kommunikationspartner), Grad der emotionalen Beteiligung, Grad der Situations- und Handlungseinbindung, Referenzbezug (Bestimmung der Sprecher-origo), Grad der physischen Nähe (der Kommunikationspartner), Grad der Kooperation (Mitwirkungsmöglichkeiten), Grad der Dialogizität, Grad der Spontaneität, Grad der Themenfixierung (Koch/Oesterreicher 2011:7). Mit Hilfe dieser Parameter ist nun für sie jede Äußerung innerhalb des von ihnen so genannten Kontinuums zwischen kommunikativer Nähe und kommunikativer Distanz exakt zu verorten.29
Nichtsdestoweniger wurden mit dieser Zusammenstellung wichtige Anhaltspunkte zur Einordnung von Gesprächssituationen geliefert, die dann die beiden Autoren in Korrelation zu bestimmten Versprachlichungsstrategien setzen, dargestellt in der inzwischen bekannten Graphik eines Parallelogramms, in der die mediale Differenzierung der Sprache (graphisch/phonisch) und das konzeptionellen Nähe-Distanz-Kontinuum verknüpft werden. Der Grad von Nähe bzw. Distanz wird dabei durch die genannten Kommunikationsbedingungen determiniert und äußert sich in Form von bestimmten Sprachphänomenen und Versprachlichungsstrategien in einer konkreten Äußerung in einer bestimmten Sprache (cf. Nähesprechen vs. Distanzsprechen). Im Zuge dieser Korrelierung wird auch deutlich, daß es zwischen dem graphischen Code und der Distanzsprache sowie zwischen dem phonische Code und der Nähesprache eine bestimmte Affinität gibt (Koch/Oesterreicher 2011:12). Hierbei sei noch darauf verwiesen, daß die Parameter der Versprachlichungsstrategien – aufgeführt sind nur Art der Kontextpräferenz, hoher/niedriger Planungsgrad, Vorläufigkeit/Endgültigkeit, Aggregation/Integration – noch kürzer als die Kommunikationsbedingungen abgehandelt werden (weitere Erläuterungen u. Parameter in Koch/Oesterreicher 1985:21–23), obwohl angesichts der dort durchgeführten Anwendung auf die drei romanischen Sprachen eigentlich das Gegenteil der Fall sein müßte.30
Indem Koch/Oesterreicher (2011:14) noch auf den Begriff ‚Diskurstradition‘ rekurrieren und diesen ebenfalls zu einem wichtigen Pfeiler ihres Gesamtmodells machen, vervollständigen sie zum einen das Erklärungsmuster, wieso Mündlichkeit anderen Regeln unterworfen ist als Schriftlichkeit, und können zum anderen gleichzeitig argumentieren, inwiefern jedwede Äußerung bestimmten Traditionen und Normen unterworfen ist.31
Das Konzept der Diskurstradition geht prinzipiell auf Coseriu (1980) zurück, doch wurde es auch durch Arbeiten von Schlieben-Lange (1983) und anderen maßgeblich mitgeprägt, bis schließlich Koch (1988) den eigentlichen Begriff ‚Diskurstradition‘ einführte und näher bestimmte. Im Weiteren entstanden dann prägende Arbeiten von Koch (1997), Oesterreicher (1997) sowie Aschenberg/Wilhelm (2003), Wilhelm (2001) und Kabatek (2011) zu diesem wichtigen Konzept, welches auch in vorliegender Arbeit eine tragende Rolle einnehmen wird.
Mit ‚Diskurstradition‘ wird ein wichtiger Aspekt des Coseriu’schen Diasystems charakterisiert, insofern eine historische Einzelsprache von bestimmten Traditionen des Sprechens bzw. Schreibens geprägt ist. Im Zuge seiner Textlinguistik exemplifiziert Coseriu, wie die Produktion von (schriftlichen) Äußerungen nicht nur der Norm einer Sprache unterliegt, sondern auch gewissen historisch gewachsenen Traditionen der Versprachlichung:
Einen Text aufgrund der Kenntnis einer besonderen Texttradition („Sonett“, „Roman“) und aufgrund einer einmaligen Intuition als Gefüge von individuellen Redeakten produzieren. (Coseriu 1994:46)
Im Hinblick auf die Frage nach der Angemessenheit einer Äußerung bzw. eines Diskurses nimmt Koch die Coseriu’sche Frage nach einer spezifischen Norm für einen Diskurs auf und beantwortet diese damit, daß hierbei gewisse Regeln wirksam werden, die zusätzlich zur allgemeinen Sprachnorm einer bestimmten Einzelsprache funktionieren.
Doch orientiert sich die Angemessenheit nicht nur an den idiosynkratischen Parametern des je individuellen Diskurses, sondern auch an den Traditionen, in denen er steht. Dies sind einerseits natürlich die Sprachnormen, und andererseits aber – gewissermaßen querliegend dazu – bestimmte Diskurstraditionen, die offensichtlich als Diskursnormen intersubjektiv gültig sind und den jeweiligen Sinn eines Diskurses mitkonstruieren: Textsorten, Gattungen, Stile etc. (Koch 1988:341–342)
Im Weiteren verweist Koch (1988:342) auf bestimmte Diskursregeln, die zwar auf Sprachregeln basieren, aber nicht unbedingt einzelsprachlich gebunden sind; sie sind konventionell und historisch gewachsen und damit konstitutiv für eine bestimmte Art des Diskurses.
Zu ergänzen ist dazu noch, daß Diskurstraditionen mehr sind als Textsorten, literarische Gattungen oder Stile, denn Diskurstraditionen sind nicht nur auf die Schriftlichkeit beschränkt, im Gegenteil, das gesamte Spektrum menschlicher Äußerungen, im Sinne eines Textes (in weitester Auslegung) bzw. Diskurses ist durch bestimmte historisch gewachsene Traditionen strukturiert. Das schließlich von Wilhelm (2001) synthetisierte Verständnis von Diskurstradition ist zentral für das von Koch/Oesterreicher entworfene Gesamt-Modell, denn einzelsprachliche Phänomene sind prinzipiell immer auch im Kontext ihrer diskurstraditionellen Verankerung zu untersuchen, damit sie varietätenlinguistisch zu verorten sind.
Jeder Text/Diskurs steht in einer bestimmten Diskurstradition, er befolgt die Regeln einer bestimmten Textgattung. So wie der Sprecher für seinen Äußerungsakt eine bestimmte Einzelsprache oder ein einzelsprachliches Register auswählt […], so muß er sich auch für eine bestimmte Diskurstradition […] entscheiden. So wie es keine sprachliche Äußerung ‚außerhalb‘ einer historischen Einzelsprache geben kann […], so kann es auch kein Sprechen ‚außerhalb‘ einer bereits etablierten Diskurstradition geben: Unser Sprechen bedient sich notwendig der Form des Grußes, der Gedichtsammlung, des Telephongesprächs, des Briefes usw. Jede Rede ist einzelsprachlich, und sie ist gattungshaft, diskurstraditionell geprägt (Wilhelm 2001:467).
Im Rahmen ihrer theoretischen Überlegungen, die letztlich darauf abzielen, sprachliche Variation und Varietäten adäquat beschreiben zu können, insbesondere im Bereich der Mündlichkeit, versuchen nun Koch/Oesterreicher aus den bisher beschriebenen Grundpfeiler – d.h. Konzeption/Medium (Söll), Diasystem (Coseriu), Diskurstraditionen (Koch et al.), Nähe/Distanz (Koch/Oesterreicher) – eine Synthese, indem sie die Parameter ,Mündlichkeit/Schriftlichkeit‘ und Nähe/Distanz in das Coseriu’sche Diasystem integrieren und dabei eine vierte Dimension erschaffen (cf. Koch/Oesterreicher 2011:16).
In ihrem System des Varietätenraums gibt es – ganz analog zu Coseriu – die Dimensionen diatopisch, diastratisch, diaphasisch, die als markiert apostrophiert werden und die Dimension der nicht-markierten Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit. Diese neue Ebene ,gesprochen/geschrieben‘ (im konzeptionellen Sinn) verfügt nun über die Pole ‚Nähe‘ vs. ‚Distanz‘ und ist in sich wiederum in zwei Ebenen gegliedert, wobei die erste innerhalb des Nähe-Distanz-Kontinuums auf den universalen Aspekt rekurriert und die zweite auf spezifisch einzelsprachliche Phänomene Bezug nimmt. Die Strukturierung der einzelnen Ebenen des Varietätenraums ergibt sich aus dem von Coseriu entlehnten Konzept der Varietätenkette,32 die in der Interpretation von Koch/Oesterreicher (2011:16) besagt, daß bestimmte sprachliche Phänomene im Zuge einer Veränderung ihrer Funktion innerhalb einer Sprache prinzipiell entlang der Dimensionen diatopisch → diastratisch → diaphasisch → unmarkierte Nähesprache/Distanzsprache aufrücken können, und zwar unidirektional allein in dieser Abfolge (und ggf. auf einer „Teilstrecke“ davon).33
Das unbestreitbare Verdienst des in zahlreichen Publikationen immer wieder mit neuen Nuancen bedachten Modells von Koch/Oesterreicher liegt sicherlich darin, wichtige Aspekte und Bedingungen im komplexen Gefüge von mündlicher und schriftlicher Kommunikation sichtbar und faßbarer gemacht zu haben. Dazu gehört vor allem die konsequente Weiterentwicklung der Söll’schen Dichotomie von Medium vs. Konzeption und die Etablierung des Nähe-Distanz-Kontinuums mit den sie konstituierenden Parametern sowie die Entwicklung des Konzeptes der Diskurstraditionen. Obwohl prinzipiell zunächst zur Erfassung des aktuellen synchronen Varietätenraums einer Sprache konzipiert, eignet sich das Modell auch zur Erfassung von historischen Sprachsituationen.34 Dabei kommt neben den Diskurstraditionen auch den im Rahmen ihrer Theorie entwickelten Begrifflichkeiten zur Kennzeichnung der Transferprozesse eine wichtige Bedeutung zu. So wird strikt zwischen der medialen Verschriftung (phonisch → graphisch) bzw. Verlautlichung (graphisch → phonisch) und der konzeptionellen Verschriftlichung (gesprochen → geschrieben) bzw. Vermündlichung (geschrieben → gesprochen) unterschieden, wobei der konzeptionelle Bereich als Kontinuum zu verstehen ist (cf. Oesterreicher 1993:271–272; Koch/Oesterreicher 1993:587; 2001:587).35
Das Koch/Oesterreicher-Modell mit all den hier geschilderten Facetten ist im weiteren einerseits auf große Akzeptanz gestoßen und wurde immer wieder rezipiert,36 andererseits gab es im Zuge dieser vertieften Auseinandersetzung mit dieser Theorie auch zahlreiche kritische Hinweise auf inhärente Probleme. Kabatek (2003:203–204), Schöntag (2014:512–519) und Krefeld (2015a:265–268) fassen einige der wichtigsten Kritikpunkte zusammen, wobei der Hauptaspekt die Streitfrage ist, ob es zwingend notwendig ist, den unmarkierten Nähe/Distanz-Bereich als eine vierte Dimension zu eröffnen.37 Wie bei Kabatek zurecht vermerkt, gerät dabei die Bedeutung des medialen Aspektes, z.B. bei der Herausbildung einer Distanzsprache in einer Schriftkultur, ins Hintertreffen und vor allem ist es ganz prinzipiell kontrovers, ob diese – diamesischen Unterschiede, wie es Mioni (1983:508–509) ohne die Differenzierung von Konzeption und Medium nennt – nicht Teil der Diaphasik sind.38 In der Kritik stehen auch die Überschneidung von Diaphasik und Diastatik, die Varietätenkette bzw. ihre Unidirektionalität sowie die Vermischung von universalen und einzelsprachlichen Kriterien.39
Merkwürdig allein in der Graphik zum Varietätenraum erscheint m.E. aber auch, daß hier eine wohl eher nicht beabsichtigte Affinität von ‚Nähe‘ und ‚niedrig‘ suggeriert wird, denn im Zuge der Darstellung des Kontinuums innerhalb der einzelnen Ebenen (diatopisch stark/schwach, diastratisch niedrig/hoch, diaphasisch niedrig/hoch) wird explizit die linke Seite des gesamten Spektrums als ‚gesprochene Sprache‘ im weiteren Sinne gefaßt (cf. Koch/Oesterreicher 2011:17). Unzweifelhaft ist es jedoch möglich ein stilistisch als eher ‚hoch‘ einzuordnendes Gespräch/Rede noch dem Bereich der konzeptionellen Mündlichkeit und damit der Nähesprache zuzurechnen – man kann sich durchaus elaboriert ausdrücken (z.B. im Rahmen eines Seminars) und trotzdem sind Merkmale wie Hesitationen, Anakoluthe etc. zu registrieren.
Eine damit verknüpfte Fragestellung ist die der Verankerung der Standard- oder Normvarietät einer Sprache in diesem Modell oder neutraler formuliert die Referenzvarietät.40 Wie Dufter (2018:67–69) zu Recht festestellt ist es nicht unproblematisch, die üblicherweise als diatopisch ,neutral/unmarkiert‘, diastratisch ,höhere Gesellschaftsschicht‘, diaphasisch ‚höheres Register‘ verstandene variété zéro (ibid. 2018:67) eindeutig zu verorten, zumal wenn es sich um nicht-standardisierte Sprachen – das sind die meisten der Welt – oder plurizentrische Sprachen handelt.
Weitere Probleme des Modells ergeben sich vor allem im Bereich der konkreten Anwendung wie am empirischen Teil von Koch/Oesterreicher (2011) selbst deutlich wird.
So beginnt das Kapitel zur Italienischen Nähesprache im weiteren Sinne, in welchem diastratische und diaphasische Merkmale zusammen untersucht werden, mit einer Apologetik:
Dass wir diese Mittelzone im folgenden Abschnitt zusammenfassen, heißt nicht, dass wir den bedeutsamen Unterschied zwischen der diastratischen und der diaphasischen Varietätendimension verwischen wollen. (Koch/Oesterreicher 2011:208)
Dies mag theoretisch glaubhaft und begründet sein, aber die weiteren Ausführungen zu den einzelnen Stilregistern (Diaphasik) und den einzelnen schichtengebundenen Varietäten (Diastratik) zeigen, genauso wie die angesprochenen einzelnen Merkmale, daß die Unterscheidung tatsächlich nicht ohne weiteres aufrechtzuerhalten ist. Exemplifizieren läßt sich das an der Behandlung des italiano popolare, welches sie als eine genuin diastratische Varietät (ibid. 2011:208) bezeichnen, und zwar im Gegensatz zum français populaire, welches strikt diaphasisch wäre. Dann sind sie jedoch gezwungen zu konstatieren, daß es generell im Italienischen keine lautlichen Merkmale gibt, die „genuin diastratisch oder diaphasisch markiert“ (ibid. 2011:2009) wären. Im Bereich der Morphosyntax wiederum gäbe es wiederum „praktisch keine morphosyntaktischen Erscheinungen, die genuin diaphasisch niedrig markiert sind“ (ibid. 2011:210). Zwischenresümee wäre dann, daß in der Lautung aus diastratischer und diaphasischer Perspektive keine Merkmale vorhanden sind (nur sekundäre aus der Diatopik) und in der Morphosyntax nur diastratische, also solche des italiano popolare. Was die Lexik anbelangt, so ist die Diastratik hier im Prinzip auf Gruppensprachen beschränkt (gerghi) (ibid. 2011:211), es sind also keine bzw. kaum Merkmale festzustellen, die dem italiano popolare im Sinne einer schichtenspezifischen Sprache zuzurechnen wären. Aus ihrer eigenen Argumentation, nach der ja prinzipiell Phänomene von der diastratischen Dimension in die diaphasische aufrücken können, wäre an dieser Stelle doch eigentlich die Schlußfolgerung nötig, daß das italiano popolare im Italienischen, offensichtlich auch auf der diaphasischen Ebene funktioniert.41 Zudem wird offensichtlich, daß beide Dimensionen, zumindest für das Italienische, kaum zu trennen sind, sonst gäbe es zahlreichere und salientere Unterscheidungsmerkmale. Weiterhin wird ebenfalls deutlich, daß innerhalb der Diastratik – von Gruppensprachen abgesehen – keine weiteren Schichten des Substandards faßbar sind und in der Diaphasik die verwendeten Begrifflichkeiten kaum zuzuordnen sind, wie sie selbst eingestehen.42
Was die Italienische Nähesprache im engeren Sinne anbelangt, d.h. die Dimension der unmarkierten Mündlichkeit, so konzentrieren sich die herausgefilterten Merkmale im Wesentlichen auf die Morphosyntax (ibid. 2011:213). Gerade bei so manchem der hier aufgelisteten sprachlichen Charakteristika stellt sich jedoch unweigerlich die bereits von zahlreichen Kritikern angesprochene Frage, ob dies nicht doch eher eine Frage des Registers ist. Betrachtet man beispielsweise das System der Demonstrativa, in dem zwischen dem dreistufigen im Schriftlichen und dem zweistufigen im Mündlichen unterschieden wird, so ist zumindest zu bezweifeln, ob das Modell der präskriptiven Norm in konzeptionell und medial schriftlichen Texten noch durchgehalten wird. Über aller Differenzierung schwebt zudem im Italienischen immer die Frage nach der diatopischen Prägung, was eine Einordnung in die Dimensionen der Diastratik/Diaphasik und erst recht in die vierte der Unmarkiertheit erheblich erschwert. Koch/Oesterreicher (2011:213–214) gestehen für die Nähesprache im engeren Sinne ein, daß aufgrund der diatopischen Implikationen für das Italienische hier keine Aussage für den lautlichen Bereich getroffen werden kann, woran sich jedoch unweigerlich die Frage anschließt, wieso dies dann ohne weiteres für andere Bereiche möglich sei.
Damit soll nicht etwa das Modell per se in Frage gestellt werden, sondern lediglich, daß unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Varietätenräume haben, die je auf eine andere Art und Weise funktionieren. Es hat wohl durchaus seine Berechtigung, daß Söll einst seine begrifflichen Unterscheidungen am Französischen entwickelte, da in dieser Sprache der Abstand zwischen gesprochener und geschriebener Sprache enorm groß ist. Dies ist auf die starke Normierungsphase, die das Französische durchlief, zurückzuführen und die noch immer starke Präsenz einer präskriptiven Norm, die wohl auch dazu beitrug, daß sich ein dezidiertes Bewußtsein für Stilregister herausgebildet hat.43 Zudem hat sich das Französische – zumindest in Frankreich – zu einer Sprache mit sehr schwacher diatopischer Ausprägung entwickelt.44 Mit anderen Worten: Wenn eine Sprache in das Koch/Oesterreicher-Modell paßt, dann am ehesten das Französische. Die Konsequenz, die sich daraus ergibt, ist vor allem, daß man das Coseriu-Koch/Oesterreicher-Modell flexibler handhabt und nicht der Versuchung erliegt, alle „Leerstellen“ mit sprachlichen Merkmalen und Kategorien auffüllen zu müssen.
Das Problem der „Enge“ des Modells, und zwar schon des ursprünglichen bei Coseriu, wird genau an der besprochenen Schnittstelle zwischen Diaphasik und Diastratik virulent, wie sich in der umfangreichen Forschung zu varietätenlinguistischen Fragestellungen auf der Basis des Diasystems zeigt.45 Problematisch erscheint vor allem die Frage, wie die diastratische Ebene in modernen Gesellschaften zu verstehen ist, in denen es keine ausgeprägten Schichten mehr gibt, bei denen durch ein entsprechendes Standes- oder Klassenbewußstein auch die Art der sprachlichen Äußerung eben an diese Gesellschaftsschicht (lat. stratum) gebunden ist. Andererseits sind die (post)modernen Gesellschaften nach wie vor in verschiedene Gruppen gegliedert, aber zum Teil eben in anderer Form, wobei stärker als zu früheren Zeiten ein Individuum oft an vielen verschiedenen sozialen (und sprachlichen) Gruppen partizipiert. Letztlich hat es sich in weiten Teilen der Forschung eingebürgert den Begriff ‚diastratisch‘ sowohl für bestimmte an Schichten gebundene Varietäten zu verwenden, als auch im Sinne von Gruppen-, Sonder- und Fachsprachen.46 Das mag unter Umständen vertretbar sein, wenn man eine Gesellschaftsschicht im Sinne einer großen Gruppe interpretiert, aber wirklich schlüssig ist diese Vermengung von Ebenen nicht. Hinzu kommt, daß innerhalb von einzelnen Gruppensprachen – zu bestimmen nach Parametern wie Alter, Geschlecht, Beruf etc. – wiederum eine große Heterogenität festzustellen ist.47
Der Versuch, diese im Zuge weiterer Forschung vermehrt in den Fokus geratenen Bereiche gruppensprachlich bedingter Kommunikation zu klassifizieren, mündete vor allem in der Romanistik in eine Explosion der dia-Begrifflichkeiten. Eine erste Erweiterung erfuhr dabei das Coseriu’sche Dreierschema durch die Auseinandersetzung mit der metalexikographischen Forschung (cf. Hausmann 1977, 1989) und wurde bis hin zu einer extremen Ausprägung bei Schmidt-Radefeldt (1999)48 oder Thun (2000) betrieben. Die Blickweise schwankt letztendlich zwischen einer Gleichberechtigung aller neu konzipierten dia-Ebenen und der Unterordnung aller neuen unter das Dach der Diastratik. In beiden Fälle stößt das zunächst kompakte Modell – das ja auch schon von Anfang an umstritten war – an die Grenzen seiner Belastbarkeit.49
Vergessen wird dabei oft, daß die Qualität der einzelnen Varietäten bzw. Ebenen im Modell sehr heterogen ist und letztlich nur die diatopische Ebene den Anspruch erheben kann, ein vollwertiges in sich geschlossenes Sprachsystem zu sein, wie bereits Coseriu konstatierte (cf. Coseriu 1988:51).
In allen anderen Fällen stellt sich die unweigerlich die Frage: wieviel Variation ist nötig, um von einer Varietät sprechen zu können? Oder anders ausgedrückt: wieviele sprachliche Merkmale, im Sinne der Abweichung von einer Norm, sind nötig,50 damit man sinnvollerweise annehmen kann, daß hierbei eine eigene Varietät vorliegt?51
Die Frage läßt sich nicht so ohne weiteres beantworten, auch deshalb nicht, weil es nicht nur auf die Anzahl der Charakteristika ankommt, die konstitutiv für eine Varietät sein sollen, sondern auch auf die Verankerung einer solchen im Sprecherbewußtsein.52 Unter Umständen reicht ein einziges Merkmal im Sinne eines Schibboleths, wie beispielsweise ein uvularer Vibrant oder Frikativ [ʀ, ʁ], bereits aus, um einen Italophonen regiolektal zu verorten, weil es sich um ein salientes Merkmal einer bestimmten Region handelt (wenn auch nicht ausschließlich)53 – oder eine jede noch so geringe diatopisch markierte Veränderung vom entdialektalisierten Pariser Becken erweist sich bereits als äußerst auffällig.54 Hingegen sind Merkmale, wie sie Endruschat/Schmidt-Radefeldt (2008:222–226) unter dianormativ oder diaplanerisch aufführen, nicht als eigentliche Varietät zu verstehen, sondern Teil der Sprachpolitik oder eines historischen Normierungsprozesses und das, was sie unter diaevaluative Varietät subsumieren, Teil eines Stilregisters, genauso wie unter Umständen Elemente der als diafrequent bezeichneten Dimension.55
Es sei hier tabellarisch noch einmal die Vielfalt der heutzutage existierenden dia-Begriffe zusammengestellt und dabei gleichzeitig die Frage gestellt, wie sinnvoll diese dia-Proliferation sein kann?
| Coseriu (1958) | Koch/Oesterreicher (1990) | Hausmann (1979, 1989) | Schmidt-Radefeldt (1999) | Thun (2000) |
| diatopisch | diatopisch | diatopisch | diatopisch | diatopisch |
| diastratisch | diastratisch | diastratisch | diastratisch | diastratisch |
| diaphasisch | diaphasisch | diaphasisch | diasexuell | diasexuell |
| Nähe-Distanz (diamesisch) | diamedial | diagenerationell | diagenerationell | |
| diaevaluativ | diaphasisch | diaphasisch | ||
| diatextuell | diamedial | dialingual | ||
| diakonnotativ | diakonzeptionell | diatopisch-kinetisch | ||
| dianormativ | diatechnisch | diareferentiell | ||
| diaintegrativ | diasituativ | |||
| diatechnisch | diatextuell | |||
| diafrequent | diaevaluativ | |||
| diachronisch | diafrequentativ | |||
| diaintegrativ | ||||
| dianormativ | ||||
| diaplanerisch |
Abb. 1: Übersicht zu den dia-Begriffen
Für eine Beurteilung der hier dargestellten Begrifflichkeiten, auch im Hinblick auf die geplante Analyse in vorliegender Arbeit stellt sich zunächst die Frage cui bono?
Wenn Hausmann (1979, 1989) anknüpfend an die zu dieser Zeit bereits bestehenden Termini weitere prägt,56 um im Sinne einer lexikographischen Beschreibung die Struktur des in Wörterbüchern dargestellten Lexikons besser zu erfassen zu können, so ist das legitim und sinnvoll, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, daß es sich dabei um einen anderen Beschreibungsrahmen als den von Coseriu intendierten handelt (cf. dazu auch explizit Schöntag 1998/2009:164).57 Das gleiche gilt mutatis mutandis für eine Beschreibung im Zuge der sprachgeographischen Erfassung von Unterschieden, wie sie Thun (2000:4–5) in seiner pluridimensionalen Dialektologie vornimmt.58 Problematisch wird es nur, wenn wie bei Endruschat/Schmidt-Radefeldt (2008) man einerseits weitgehend im ursprünglichen Varietätenmodell von Coseriu bleibt, also auf die Erfassung der Heterogenität der historischen Einzelsprache an sich abzielt, aber dann den Beschreibungsapparat womöglich überdehnt und damit auch den Unterschied von Varianz (bzw. Varianten) und Varietät verwischt.
3.1.2 Soziolinguistische Perspektive
Das Verhältnis von Soziolinguistik und Varietätenlinguistik wird oft als inklusives verstanden, insofern die Betrachtung der Varietäten als Teil einer weiteren Perspektive allgemeiner gesellschaftlicher und individueller Faktoren, die die Art des Sprechens mitbestimmen, gesehen wird. Mitunter werden beide Begriffe auch unterschiedslos verwendet, um die gleiche Disziplin zu bezeichnen, aber in der neueren Forschung werden sie meist als zwei getrennte eigenständige Teilbereiche der Sprachwissenschaft mit unterschiedlichen Schwerpunkten, aber großem Überschneidungsbereich, wahrgenommen (cf. Sinner 2014:9–11).59 Das Verhältnis von Soziolinguistik und Varietäten- sowie Variationslinguistik ist vorwiegend an die Forschungstradition einzelner Fächer und Länder gebunden. Während in der deutschsprachigen romanistischen Wissenschaft, in der Nachfolge Coserius, die Varietätenlinguistik einen betont eigenständigen und prominenten Charakter aufweist, ist in germanistischer Tradition die Differenzierung oft nicht so eindeutig vorgenommen bzw. tendenziell die Varietätenlinguistik (hauptsächlich Dialektologie) oft in die Soziolinguistik inkorporiert (cf. z.B. bei Veith 2002).60
Für vorliegende Untersuchung sind insbesondere diese Schnittstellen und Perspektivenwechsel von Interesse, denn gerade in der Entstehungsphase oben diskutierter Varietätenmodelle waren Erkenntnisse aus Untersuchungen von Belang, die traditionell der Soziolinguistik zugerechnet wurden.
Begrifflichkeiten, die später auch indirekt im Varietätenmodell von Coseriu und Koch/Oesterreicher, aber vor allem im Konzept der Diskurstraditionen eine große Rolle spielen, sind die von Kloss (1952/1978) im Rahmen seiner Betrachtung zur Entwicklung neuer germanischen Kultursprachen geprägten, von denen im vorliegenden Zusammenhang der des ‚sprachlichen Ausbaus‘ als wichtigster Terminus zur Beschreibung einer bestimmten Art von Funktions-, Anwendungs- und Prestigewandel einer Sprache herausragt. Im Zuge seines Versuchs, ‚Sprache‘ und ‚Dialekt‘ voneinander abzugrenzen, führt er anhand von Einzelbeispielen die Begriffe ‚Ausbausprache‘ und ‚Abstandsprache‘ ein:
Manchen Sprachen wird ihr Rang zuerkannt auf Grund der Besonderheit ihrer Substanz, des Sprachkörpers. Ein besonders klares Beispiel bietet in Europa das Baskische, aber für eine verhältnismäßig isoliert dastehende indogermanische Sprache wie Albanisch liegt der Fall kaum minder eindeutig. Baskisch oder Albanisch würden auch als Sprachen bezeichnet werden, wenn in ihnen keine einzige gedruckte oder geschriebene Zeile vorläge. Wir können solche Idiome, die lediglich um ihres Abstandes von allen auch den nächstverwandten anderen Idiomen willen als Sprachen gelten, auch kurzweg als „Abstandsprachen“ bezeichnen.
Wenn hingegen das Slowakische vom Tschechischen, das Weißruthenische vom Russischen, das Katalanische vom Okzitanischen, vielleicht sogar das Letzeburgische vom Deutschen als besondere Sprache unterschieden werden, so liegt der Grund nicht in ihrer linguistischen Sonderstellung, sondern in ihrer soziologischen Verselbständigung, also insbesondere in dem Umfange und Grade ihres Ausbaus zur Kultursprache, so daß man hier auch kurzweg von „Ausbausprachen“ reden kann. (Kloss 1952:17)
In dieser eher impliziten Definition wird auch noch ein anderer Begriff quasi en passant in seinem weiteren Gebrauch in der Linguistik festgeschrieben, nämlich der des ‚Idioms‘, den Kloss zur neutralen Bezeichnung verwendet, solange noch nicht geklärt ist, ob es sich um einen Dialekt oder eine Sprache handelt, und den man heutzutage nützlicherweise als vorklassifikatorischen Terminus auf verschiedene Arten von Varietäten anwenden kann.61
Was den Ausbau von Sprachen betrifft, so trägt Kloss (1952:24–25) wichtige Parameter zusammen, anhand derer man einschätzen kann, wie weit der Ausbaugrad einer bestimmten Sprache oder eines Dialektes (Ausbaudialekt) fortgeschritten ist.62 Der Ausbaugrad selbst wiederum wird in eine Vorphase und fünf weitere Phasen untergliedert, je nachdem wie weit der Anwendungsbereich einer Sprache ist, gemessen hauptsächlich an der Möglichkeit, verschiedene Textsorten zu bedienen und damit einhergehend, wie lexikalisch, morphologisch und syntaktisch elaboriert die Sprache ist (Kloss 1978:52).
Die zunächst auf sechs Merkmale festgesetzten Parameter zur Beurteilung des Ausbaugrades kondensiert er später (cf. Kloss 1987:304) auf vier und entwickelt zudem eine Matrix der Entwicklungsstufen (cf. Kloss 1978:48–49) anhand einer Feingliederung der Sachprosa, die als wichtigster Indikator für den Ausbau anzusehen ist.
Die Ausbau-Kriterien stützen sich dabei auf folgende regelmäßige Anwendungsbereiche des untersuchten Idioms: 1) in Zeitungen, 2) in übersetzten religiösen und weltanschaulichen Schlüsseltexten, 3) in nichtdichterischen Zusprachetexten (Vortragstexte), 4) in Belletristik, Forscherprosa, Gebrauchsprosa (Inserate, Inschriften, Tagebücher, Notizzettel, etc.). Dichtung und andere „hohe“ Literatur gehören als Gradmesser natürlich ebenfalls dazu, sind aber bei Kloss nicht in gleicher Weise in den Vordergrund gerückt, zum einen weil diese bis dato, vor allem von Seiten der Literaturwissenschaft als die einzigen Faktoren für die Einschätzung als Kultursprache angesehen wurden, und zum anderen weil er dezidiert den Wert der Sachprosa über den der Literatur strictu sensu als Indikator stellt.63 Die Sachprosa selbst wiederum splittet er in drei graduell abgestufte Bereiche, nämlich volkstümliche Prosa (V), gehobene Prosa (G) und Forscherprosa (F), sowie in drei themenbezogene Bereiche, gegliedert nach eigenbezogene Themen (E), kulturkundlichen (K) und solchen der Naturwissenschaft und Technologie (N), woraus sich oben erwähnte Matrix als Bemessungsgrundlage ergibt.
Unabhängigkeit von der Tatsache, daß ein Parameter wie „Ausbreitung in Rundfunk und Fernsehen“ der Aktualisierung in Bezug auf die zahlreichen neuen Kommunikationsformen bedürfte und insgesamt sowohl die Bestimmung als auch die Korrelation der einzelnen Kriterien nicht immer unproblematisch sein dürften,64 bleibt das Gesamtkonzept ein äußerst wichtiges Instrument zur Bestimmung von Funktions- und Anwendungsbereichen von Sprachen und deren Positionierung in der Gesellschaft. Dies ist nicht zuletzt daran ersichtlich, daß die Frage nach dem Ausbaugrad einer Sprache wesentlicher Bestandteil des Konzeptes ‚Diskurstradition‘ ist bzw. nach heutigem Verständnis einzelne Diskurstraditionen maßgeblich zum Ausbau einer Sprache beitragen (z.B. Gebrauchsprosa, Belletristik, etc.).65
Der Ausbau einer Sprache korreliert zudem mit dem Prozeß der Standardisierung einer Sprache, wobei „Ausbau und Standardisierung […] weder identisch noch disjunkt“ sind (Ammon 2004:183), denn einerseits haben zwar ausgebaute Varietäten in der Regel auch die Funktion eines Standards, andererseits sind Standardvarietäten bzw. Standardsprachen nicht immer im gleichen Ausbaugrad zu situieren (z.B. Ladinisch vs. Englisch).66
Mit der Standardisierung wiederum in Zusammenhang steht die auf Kloss (1969) zurückgehende Unterscheidung von Korpusausbau und Statusausbau, wobei Status auf die Stellung einer Sprache in der zugehörigen Sprachgemeinschaft referiert, während Korpus auf Struktur und Wortschatz abhebt (cf. Ammon 1991:280).
Der heutzutage in diesem Zusammenhang häufig gebrauchte Terminus Modernisierung wird oft mit unklarer Referenz verwendet, insofern meistens damit – weniger präzise – der Korpusausbau gemeint wird, dies nicht selten aber auch auf den Ausbau als solchen zielt, oder auch Statusfragen damit verknüpft werden, z.B. innerhalb des Bereiches der Fachsprachen oder jene im Verhältnis zur Gemeinsprache (cf. Ammon 1998:222; Ammon 2004:183).
Eine weitere Ergänzung der Kloss’schen Terminologie liefern Koch/Oesterreicher (1994:594), indem sie den Prozeß einer allmählichen Einschränkung des Anwendungsbereiches von bereits voll ausgebauten Nationalsprachen wie dem Niederländischen oder Ungarischen thematisieren, die in der Wissenschaftsprosa zunehmend bzw. fast ausschließlich auf das Englische rekurrieren. Diese rückwärtsgerichtete Entwicklung definiert Oesterreicher im Folgenden als Rückbau einer Sprache, der letztlich auch bis zum Sprachtod reichen kann (cf. Oesterreicher 2004:32 bzw. 2005:100), wobei die Gefahr insbesondere bei bisher erst teilausgebauten Sprachen besteht, worunter er Sprachen versteht, die die letzte Stufe des Ausbaus bei Kloss (1978:52) nicht erreicht haben (5. Phase: Verwendung in Verwaltung, Medien, Forscherprosa).67
Ein weiteres wichtiges Konzept in der Soziolinguistik, welches auf Kloss zurückgeht, ist das der Dachsprache. Den Terminus selbst hat Kloss nicht direkt geprägt, denn ihn interessierten zunächst die Ausnahmefälle, nämlich die Dachlosen Außenmundarten, wie ein Kapitel in der Zweitauflage seiner Monographie auch explizit heißt (Kloss 1978:5). In der ersten Fassung von 1952 trifft er noch die grundlegende Unterscheidung zwischen gehegten und wilden Mundarten, wobei erstere als Bezugsrahmen eine ihr verwandte Kultursprache besitzen, während letztere unter einem „fremden“ Dach existieren.
Da ist zunächst die Unterscheidung zwischen gehegten und wilden Mundarten. Normalerweise wird eine Mundart gesprochen von einer Bevölkerung, die als Schriftsprache die der Mundart linguistisch zugeordnete Kultursprache gebraucht. […] In all diesen Fällen entwickelt sich die Mundart gleichsam im Gehege der ihr linguistisch zugeordneten Schriftsprache. […]
Die Lage einer wilden Mundart ist grundlegend anders. Ihr Sprecher gebraucht eine Schriftsprache, die mit der Mundart linguistisch wenig oder gar nicht verwandt ist. […] Alle solche wilden Mundarten, welche dem hegenden Einfluß der nächstverwandten Kultursprache entzogen sind, pflegen im Laufe der Zeit ein besonderes Gepräge anzunehmen, das von dem der ihr zugehörigen Schriftsprache und der von ihr gehegten Mundarten abweicht. (Kloss 1952:21–22)
Diese dichotomischen Begriffe zur Verdeutlichung der Tatsache, daß die Entwicklung einer Varietät in einem sprachsoziologisch anderen Kontext mit einer anderen Schriftsprache als Referenz anders verläuft als unter „normalen“ Umständen, unter denen verschiedene diatoptische Varietäten als Bezugspunkt eine ausgebaute Standardvarietät gleichen Ursprungs haben, finden in der weiteren Forschung keine Forstsetzung, sondern gerade die nur in der zugehörigen Fußnote als alternativ Benennungen zu „wild“ und „gehegt“ vorgeschlagenen.68
Den eigentlichen Begriff ‚Dachsprache‘ hat dann Goebl mit Verweis auf die ursprüngliche Metaphorik bei Kloss in einer Untersuchung zur normannischen scripta eingeführt,69 zunächst auf Französisch als toiture (Goebl 1975:154), dann auch auf Deutsch – Ironie der Forschungsgeschichte, wieder „nur“ in einer Fußnote (Goebl 1975:154, FN 20).70
Weiterhin im Rahmen dieses Bild des Daches verankert, wurde im Folgenden durch den Begriff der ‚Überdachung‘ bei Goossens (1971:20) noch die Prozeßhaftigkeit bei der Bildung eines Daches hervorgehoben, wie es im Zuge der Entwicklung und des Ausbaus von Varietäten zu Standard- bzw. Hochsprachen zu beobachten ist bzw. das daraus resultierende Ergebnis.71
Es ist wiederum Goossens, der die beiden Konzepte Diasystem und Dachsprache – und hier sei auf eine wichtige Schnittstelle von varietätenlinguistischer und soziolinguistischer Perspektive hingewiesen – in Zusammenhang bringt und auf konkrete Sprachkonstellationen appliziert.72 Im Weiteren sind es u.a. Wissenschaftler wie Kramer (z.B. 1980, 1984) und Muljačić (z.B. 1984, 1989), die die Dachmetaphorik in ihrer ganzen Breite verwenden und das Kloss’sche System auf vielfältige Szenarien anzuwenden versuchen.73
Es gibt aber sicherlich Fälle, wo die Konzeption des ‚Daches‘ an ihre Grenzen stößt, sei es aufgrund des nicht geklärten Status der einzelnen Idiome (z.B. Aromunisch im Verhältnis zu Dakorumänisch, Gaskognisch) oder unklarer sprachsoziologischer Zuordnungen (z.B. Subvarietäten des Ladinischen).
Ein anderer Bereich, der mit den von Kloss angesprochen Sprachkonstellationen in Zusammenhang steht und der auch für die in dieser Arbeit einzunehmende Perspektive auf eine komplexe historische Situation – sowohl in Bezug auf die Antike, als auch die Renaissance – grundlegende Bedeutung hat, ist der der Mehrsprachigkeit. Prinzipiell ist es üblich zumindest zwischen individueller Zwei- oder Mehrsprachigkeit (Bilingualität, Multilingualität) und sozialer Zwei- oder Mehrsprachigkeit (Bilingualismus, Polylingualismus) zu unterscheiden.74
In einer differenzierteren Sichtweise unterscheidet Lüdi (1996:234) vier Arten der Mehrsprachigkeit, und zwar 1) individuelle, 2) territoriale, 3) soziale und 4) institutionelle. Unter territorialer Mehrsprachigkeit versteht er dabei das Nebeneinander verschiedener Sprachen in einem bestimmten Gebiet und führt als Beispiel die Koexistenz von Niederländisch und Französisch in Brüssel an. Die soziale Mehrsprachigkeit liegt dann vor, wenn mehrere Sprachen mit unterschiedlichen Funktionen in einer Gesellschaft in Gebrauch sind, also eine di- oder polyglossische Situation vorliegt, und institutionelle Mehrsprachigkeit findet sich in nationalen oder internationalen Verwaltungseinheiten wieder, wie beispielsweise der Europäischen Union.
Eine entscheidende Frage, unabhängig von der Anzahl der Arten von Mehrsprachigkeit ist, welche Kriterien dieser zugrundeliegen, d.h. ab wann ist ein Individuum oder eine Gesellschaft mehrsprachig und wie ist die Sprachkompetenz in den jeweiligen Sprachen? Lüdi plädiert dabei für eine weite Auslegung des Begriffes, der sich hier anzuschließen ist, da dies der Realität zahlreicher Gesellschaften am ehesten entspricht.
Gegenüber diesen ‚engen‘ Mehrsprachigkeitsdefinitionen,75 welche sich am idealen bilingualen Sprecher/Hörer als an einem theoretischen Konstrukt orientieren, hat sich heute in der Regel eine ‚weite‘ Definition durchgesetzt. Danach ist mehrsprachig, wer sich irgendwann in seinem Leben im Alltag regelmäßig zweier oder mehrerer Sprachvarietäten bedient und auch von der einen in die anderen wechseln kann, wenn dies die Umstände erforderlich machen, aber unabhängig von der Symmetrie der Sprachkompetenz, von den Erwerbsmodalitäten und von der Distanz zwischen den beteiligten Sprachen […]. (Lüdi 1996:234)
Ausgehend von der Tatsache, daß sowohl für die zeitgenössischen Gesellschaften, als auch – und dies wird nicht selten idealisiert – für die historischen Gesellschaften, eine wie auch immer geartete Mehrsprachigkeit (unter Einschluß der Varietäten) den Normalfall darstellt,76 erweist sich diese hier weitgefaßte Auslegung des Begriffes gerade auch für vorliegende Untersuchung als brauchbar und sinnvoll.
Eine spezifische Betrachtung innerhalb der Mehrsprachigkeitsforschung verdient der Begriff der ‚Diglossie‘, der allgemein als eine funktionale Zweisprachigkeit verstanden wird und schon 1885 erstmals von zwei Gräzisten (Emmanuil Roidis, Jean Psichari) verwendet wurde (cf. Kremnitz 1996:246), aber dann erst 1928 Eingang in eine Publikation von Jean (Iannis) Psichari auf Französisch fand, die die Grundlage für seine weitere Verbreitung schuf.
La diglossie – le fait pour la Grèce d’avoir deux langues – ne consiste pas seulement dans l’usage d’un double vocabulaire, qui veut qu’on appelle le pain de deux noms différents: artos, quand on est un homme instruit, psomi, quand on est peuple; la diglossie porte sur le système grammatical tout entier. Il y a deux façons de prononcer; en un mot, il y a deux langues, la langue parlée et la langue écrite, comme qui dirait l’arabe vulgaire et l’arabe littéral. (Psichari 1928:66)
Psichari (1928:65) bezieht sich hierbei auf die beiden Varietäten des Griechischen, nämlich Katharevousa, die im 19. Jahrhundert geschaffene, an das altgriechische angelehnte Bildungssprache, und das Dimotiki, die Umgangssprache des Landes. Dabei erfaßt er zweifelsfrei, wie obiges Zitat deutlich macht, daß es sich um zwei unterschiedliche Varietäten handelt. Ohne daß er explizit von Funktionsteilung der Varietäten spricht, legt er aber durch seine Darstellung den Grundstein für die späteren Auffassungen von Diglossie, mit der Einschränkung, daß bei ihm noch eine wertende Konnotation mitschwingt.77
Den Ausgangspunkt für die moderne Forschung bilden schließlich die Übernahme des Begriffs ‚Diglossie‘ durch Ferguson (1959) und seine weiteren Ausführungen, welche Sprachkonstellationen er darunter zu verstehen gedenkt. Er verwendet den Terminus zunächst mit Verweis auf den Kontext der Standardisierungsprozesse, wie sie bei Kloss geschildert sind, und bringt dann die Mehrsprachigkeit ins Spiel, indem er als Untersuchungsgegenstand folgendes angibt: „[…] standardization, where two varieties of a language exist side by side throughout the community, with each having a definite role to play“ (Ferguson 1959:325). Diesen Tatbestand der Funktionsdifferenzierung der beiden Varietäten bezeichnet er dann als ‚Diglossie‘.78 Neben der funktionalen Differenzierung der beiden Varietäten in einer Sprachgemeinschaft ist das unterschiedliche Prestige ein entscheidender Faktor. Ausgehend von diesem Kriterium bezeichnet er daher die angesehenere Varietät, die dann meist auch die besser ausgebaute und standardisierte ist,79 als high variety (H) und die weniger prestigereiche, die in der Regel hauptsächlich die Alltagskommunikation abdeckt, als low variety (L) bzw. insofern es sich um mehrere handelt als low varieties.
For convenience of reference the superposed variety in diglossia will be called the H (‚high‘) variety or simply H, and the regional dialects will be called L (‚low‘) varieties or, collectively, simply L. (Ferguson 1959:327)
Die Beispiele, die er dazu aufführt, sind zum einen die schon bei Psichari gegebenen, also Griechisch (Katharevousa vs. Dimotiki) und Arabisch (klassisches Arabisch vs. regionale, arabische Umgangssprache) sowie die Sprachsituation in der Schweiz mit Standarddeutsch und Schwyzerdeutsch und auf Haiti, wo neben dem français (standard) das créole haïtien gesprochen wird.80
Für die Abgrenzung von einer „normalen“ Sprachgemeinschaft, die über einen ausgebauten Standard und dazugehörige Dialekte verfügt (standard-with-dialects) führt Ferguson (1959:338) drei Merkmale auf:
1 Es gibt eine nennenswerte Anzahl von kulturell wichtigen Schlüsseltexten, wobei diese Literatur in einer Varietät verfaßt wurde, die der Varietät, die die meisten sprechen, nahesteht,
2 Literalität ist in dieser Gesellschaft auf eine kleine Elite beschränkt,
3 es ist eine gewisse Zeit vergangen (ein paar Jahrhunderte), bis die in 1) und 2) geschilderte Konstellation eingetreten ist.
Die aus diesen Merkmalen erwachsende Diglossie-Situation kann durchaus stabil sein und muß auch nicht als „Problem“ empfunden werden, dennoch ist es möglich, daß unter bestimmten Voraussetzungen (cf. Ferguson 1959:338) eine Entwicklung in Richtung auf ein standard-with-dialects-Verhältnis in Gang kommt.
Das von Ferguson (1959) mit den hier kurz skizzierten Grundprinzipien erarbeitete Konzept der ‚Diglossie‘ bildete das Referenzmodell für die weitere Forschung zu diesem Thema. Durch die Anwendung auf verschiedenen Sprach- und Varietätenkonstellationen ergaben sich dabei Adaptionen und Veränderungen, die dem ursprünglichen Gedanken nicht mehr ganz entsprachen. So appliziert beispielsweise Gumperz (1962, 1964, 1971) das Diglossie-Konzept auf den Gebrauch von Varietäten, die zwar unterschiedliche Funktionen innerhalb einer Sprachgemeinschaft haben, aber nicht mehr nur wie bei Ferguson rein diatopischer Natur sind und zudem bei den Sprechern nicht mehr als unterschiedliche Idiome wahrgenommen werden.81
Die prominenteste Modifizierung des Diglossie-Modells ist zweifellos die von Fishman (1967), dessen wichtigste Neuerung darin besteht, daß er die Notwendigkeit der Verwandschaft der beiden im Fokus stehenden Varietäten ablehnt. Bei dieser Auffassung, die er nicht expliziert, die aber durch die Beispiele deutlich werden, lehnt er sich an die Erweiterung von Gumperz an.82 Fishman versucht auch dahingehend eine weitere Differenzierung von mehrsprachigen Sprachgemeinschaften vorzunehmen, indem er eine Matrix entwirft, die folgende Fälle von koexistierenden Varietäten und Sprachen aufweist: 1) both diglossia and bilingualism, 2) diglossia without bilingualism 3) bilingualism without diglossia, 4) neither diglossia, nor bilingualism (Fishman 1967:30). Der erste Fall wird dabei u.a. an der Konstellation Spanisch und Guaraní in Paraguay exemplifiziert, insofern fast das ganze Land zweisprachig ist, aber die beiden Idiome funktional verschieden sind. Das prestigereiche Spanisch sei dabei für die Landbevölkerung Bildungssprache, während die Guaraní-Sprecher, die vom Land in die hispanophone Stadt gezogen sind, ihr ursprüngliche Sprache weiterhin zur in-group-Kommunikation verwenden (cf. Fishman 1967:31).83 Das zweite Szenario wäre beispielsweise die Situation in weiten Teilen Europas vor dem 1. Weltkrieg, als die H-Varietät der Elite das Französische war (cf. Fishman 1967:33). Zur Konstellation von ‚Bilingualismus ohne Diglossie‘ nennt Ferguson kein Beispiel, beschreibt allgemein historische Situationen wie die der modernen Industriegesellschaften, in denen durch Zuwanderung verschiedene Arten von Zweisprachigkeit auftreten, die aber bald zugunsten der Mehrheitssprache aufgegeben wird, so daß hier eher ein Transitionsstadium vorläge (cf. Fishman 1967:35). Die letzte Konstellation beschreibt den seltenen Fall einer isolierten Sprachgemeinschaft (ohne Sprachkontakt), welche im Lichte einer historischen Betrachtung meist nicht Bestand haben kann (cf. Fishman 1967:36–37).
Es bleibt diesbezüglich festzuhalten, daß das Schema von Ferguson bei der Anwendung auf zahlreiche Situationen verschiedener Sprachgemeinschaften, aktuelle wie historische, gewisser Differenzierungen bedarf, da die Konstellationen in ihrer Charakteristik zum Teil erheblich voneinander abweichen. Dennoch ist auch zu konstatieren, daß die Matrix von Fishman zum einen eine „Verwässerung“ des ursprünglichen Diglossiebegriffs nach sich zieht und zum anderen seine Unterscheidung nicht ganz widerspruchsfrei ist.84
Auch Kloss (1976:315–316) greift die wichtig gewordene Unterscheidung von Diglossie vs. Bilingualismus auf, und versucht dabei die Aporie zwischen der Auffassung von Ferguson und Fishman dahingehend zu lösen, daß er von ‚Binnendiglossie‘ (engl. in-diglossia) und ‚Außendiglossie‘ (engl. out-diglossia) spricht, indem er unter ersterer die Diglossie von verwandten Varietäten versteht und unter letzterer, die von unverwandten. Zudem weist er auf den Fall der Triglossie hin, wobei er einwendet, daß hier wiederum wie in der Konstellation in Luxembourg in der Regel verschiedene Diglossie-Situationen zugrundeliegen würden, denn zwischen Letzeburgisch und Schriftdeutsch bestehe ein binnendiglossisches Verhältnis, zwischen Letzeburgisch und Französisch hingegen ein außendiglossisches (Kloss 1976:322).
Der Begriff ‚Diglossie‘, durch den ein wichtiger soziolinguistischer Aspekt in die Forschung zu bilingualen Gesellschaften eingebracht wurde, hat im Folgenden Eingang in weitere Betrachtungen und Modelle gefunden, auf die hier nicht im Einzelnen eingegangen werden kann (cf. dazu Kremnitz 1996:249–254), die aber allgemein die Notwendigkeit unterstreichen, den Kerngedanken ‚Funktionsdifferenzierung‘ zu beachten, was auch für die in vorliegender Betrachtung zu behandelnden Sprachkonstellationen wichtig ist.
Generell sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß bei einer Erweiterung und Modifizierung des ursprünglichen Konzeptes von Ferguson die Gefahr besteht, den Grundgedanken durch ein Zuviel an Nuancierungen zu schwächen und es womöglich ratsamer ist, auf die einzelne Nuancen dann in den konkreten Anwendungsfällen einzugehen, ohne unbedingt jeden anders gearteten Kasus zum Modell zu erheben.
Eng verknüpft mit dem Bereich der Mehrsprachigkeit und der Diglossie ist ein weiteres wichtiges Konzept der Soziolinguistik, nämlich das der ‚Domäne‘. Die Tatsache, daß bestimmte Varietäten oder Sprachen in je unterschiedlichen Bereichen des täglichen Lebens angewendet werden, war schon länger eine Grunderkenntnis der Mehrsprachigkeitsforschung, bis sie schließlich von Fishman (1964) mit dem Begriff domain belegt wurde.
That languages (or language variants) sometimes replace each other, among some speakers, particularly in certain types or domains of language behavior, under some conditions of intergroup contact, has long aroused curiosity and comment. (Fishman 1964:32)
Dabei beruft sich Fishman (1964:37, FN 11) auf verschiedene ältere Vorarbeiten bekannter Kollegen der amerikanischen Forschung zu variation und sociolinguistics (z.B. Haugen, Weinreich), aber auch auf eine vergleichsweise sehr frühe Untersuchung von Schmidt-Rohr (1932), der in seinem Kapitel zur Mehrsprachigkeit Überlegungen zum wechselnden Gebrauch von (deutscher) Hochsprache und dazugehörigem oder fremdem Dialekt anstellt. In der darauffolgenden Tabelle, in der er u.a. auf die Sprachsituationen in der Schweiz, Südtirol und Belgien abhebt, gibt er dann folgende Bereiche der Sprachverwendung an, wobei der Schule eine besondere Stellung zukommt:85 Familie, Spielplatz, Straße, Schule, Kirche, Literatur, Zeitung, Heer, Gericht, Verwaltung.86
Dies gemahnt deutlich an die im Gefolge von Fishman (1965:72–75)87 schließlich bei Cooper (1969:196) kanonisch geworden Domänen home (family), neighbourhood, church, school, work sphere.88
In diesem Verständnis, d.h. der Abhängigkeit der Wahl einer bestimmten Varietät oder Sprache von Faktoren, die sich letztlich auf Situationen, Themen und Orte der Sprachverwendung gründen, ist auch folgende Definition im Handbuch Soziolinguistik zu sehen, die die aktuelle Forschungsauffassung adäquat widergibt:
Domänen (engl. domains) des Sprachgebrauchs oder der Sprachwahl sind definiert als abstrakte Konstrukte, die durch zueinander passende Orte, Rollenbeziehungen und Themen bestimmt sind […]; sie bestimmen die Wahl einer Sprache oder einer Variante in einer mehrsprachigen Sprachgemeinschaft mit. Beispiele für Domänen sind Familie, Nachbarschaft, Arbeitsplatz, Kirche und staatliche Verwaltung. Art und Anzahl der Domänen können je nach Sprachgemeinschaft und Kultur variieren. (Werlen 1996:335)
Neben der weitgehend unumstrittenen Kerndefinition sei hier die Aufmerksamkeit vor allem auf die letzte Bemerkung zur möglichen Variation der Domänen gerichtet. Es erscheint grundlegend, daß zur adäquaten Beschreibung des Gebrauchs einer Sprache der jeweilige gesellschaftliche Kontext richtig erfaßt wird, d.h. daß a priori der Frage nachzugehen ist, welche Bereiche innerhalb einer Gesellschaft dominant und konstitutiv sind. Dabei werden Adaptionen der immer wieder genannten Grunddomänen nötig sein, und zwar im Hinblick sowohl auf aktuelle, als auch historische Konstellationen sowie solchen, die nicht den hier zugrundegelegten westlichen Gesellschaftsformen entsprechen.
Dementsprechend könnte eine Zusammenstellung von Domänen der Sprachverwendung für moderne europäische Industriegesellschaften und ihren Entsprechungen folgendermaßen aussehen: Familie, Nachbarschaft bzw. Freundes- und Bekanntenkreis, Arbeitsplatz, Kirche bzw. religiöse Gemeinschaft, Schule, Universität bzw. Ausbildungsstätte, Militär, (staatliche) Verwaltung, Freizeit.89
Wichtige Grundlagen der Soziolinguistik, die auch Auswirkungen auf die Varietätenlinguistik und ihre Betrachtungsweise hatten, wurden durch die Studien von Labov (z.B. 1966, 1972, 2010) geschaffen. Labov, ein Schüler Weinreichs (1953), ergänzte dessen eher theoretische Analysen zur Mehrsprachigkeitsforschung sowie die traditionelle Dialektologie europäischer Provenienz um außersprachliche, soziale Faktoren, denen er eine besondere Stellung beimaß.
But linguistic theory can no more ignore the social behavior of speakers of a language than chemical theory can ignore the observed properties of the elements. (Labov 1972:259)
Was die Abhängigkeit von soziokulturellen Variablen anbelangt, so stützt sich Labov auf die Arbeiten Bernsteins,90 der ab Ende der 1950er Jahre die social class als maßgeblichen Faktor in die Forschung einbringt, ohne daß er allerdings dessen sozialen Determinismus zu übernimmt.91
Labov wendete sich mit dem von ihm vorsichtig formulierten social behaviour als Parameter explizit gegen die bis dahin vor allem (aber nicht nur) in der amerikanischen Forschung vorherrschende Tendenz, linguistische Theorien und Modelle auf reine Introspektion des Wissenschaftlers zu gründen.92
Er betrieb demgemäß Feldstudien, wie auch schon europäische Linguisten, allerdings mit dem Fokus auf dem Sprachbenutzer und dessen gesellschaftlichem Hintergrund, der zur Erklärung bestimmter sprachlicher Phänomene bzw. deren Verbreitung diente. Bekannt wurde vor allem seine Untersuchung zur Aussprache des r-Lautes in New York, dessen verschiedenen Varianten (in unterschiedlicher lautlicher Umgebung) Rückschlüsse auf die soziale Stratifikation zuließen, da die verschiedenen Aussprachevarianten an einen je unterschiedlichen Grad von Prestige geknüpft sind (Labov 1966:63–89). Mit diesem Schwerpunkt auf einzelnen Sprachphänomenen, in Korrelation mit der gesellschaftlichen Verankerung der Sprecher,93 begründete er die Variationslinguistik amerikanischer Prägung, die im Folgenden maßgeblichen Einfluß auf die europäische Sozio- und Varietätenlinguistik nahm.
In der Tradition Labovs stehen auch große Teile der germanistischen Forschung, aus der heraus letztendlich wichtige Impulse zur Soziolinguistik und Varietätenlinguistik entstanden, die dann auch für die romanistische Perspektive, insbesondere die varietätenlinguistische, d.h. vor allem in Bezug auf die Erweiterung und Präzisierung des Diasystems von Bedeutung sind (cf. z.B. Hammarström 1967; Nabrings 1981).
Zum Abschluß des selektiven Überblicks zu einigen wichtigen Positionen und Grundkonzepten der Soziolinguistik, und zwar vor allem solchen, die in Zusammenhang mit denen der Varietätenlinguistik stehen und die im Folgenden von Belang sein werden,94 sei auf die Arbeiten von Berruto (z.B. 1987, 2003, 2008) verwiesen.95 Hier schließt sich der Kreis insofern, als Berruto unter dem label der sociolinguistica innovative Erklärungsansätze zur Strukturierung des Varietätenraumes bietet. Berruto (1987:21) entwirft ein Modell des Varietätenraumes, das zwar einerseits nur die Architektur des Italienischen abbilden soll (l’italiano contemporaneo), andererseits implizit doch einen allgemeinverbindlicheren Anspruch erhebt. Im Gegensatz zu Coseriu bzw. Koch/Oesterreicher ordnet er dabei die verschiedenen Dimensionen nicht übereinander an, sondern stellt die unmarkierte Standardvarietät (italiano standard/neo-standard) ins Zentrum seines Schaubildes, welche von diametralen Achsen der anderen Varietäten (diastratico, diafasico, diamesico) durchkreuzt wird. Dabei wird die diatopische Dimension völlig ausgeklammert,96 hinzu kommt jedoch die diamesische nach Mioni, die bei Koch/Oesterreicher als unmarkierte Mündlichkeit/Schriftlichkeit inkorporiert ist (cf. supra). Über den Status der Diamesik ist sich Berruto jedoch selbst unsicher:
Il riconoscimento dell’autonomia della dimensione diamesica non è del tutto chiarito in sede teorica. Indubbiamente, uso scritto e uso parlato rappresentano due grandi classi di situazioni d’impiego della lingua: e questo è un buon argomento per ritenere la diamesìa una sottocategoria della diafasìa. D’altra parte, è anche vero che l’opposizione scritto-parlato taglia trasversalmente la diafasìa e le altre dimensioni, e non è riconducibile completamente all’opposizione formale-informale. (Berruto 1987:22)
Im Gegensatz zu dieser Aussage stellt Berruto (1987:21) jedoch die diamesische Dimension in seiner Graphik als autonome Achse innerhalb der Architektur der Sprache dar. In einem späteren Modell (cf. Berruto 2008:11) verwirklicht er dann seine offensichtliche Präferenz zur Sicht der Diamesik als Teilmenge der Diaphasik, allerdings unter Beibehaltung seines alten Schaubildes (cf. Berruto 2008:12).97
Ohne die Gesamtkonzeption der Gliederung des Varietätenraumes bei Berruto en detail besprechen zu können, sei aber hervorgehoben, daß die Idee einer zentralen Position des Standards etwas für sich hat, weil die Standardvarietät tatsächlich auch die Referenzvarietät für alle anderen Varietäten darstellt und damit auch im Bewußtsein der Sprecher eine zentrale Stellung einnimmt. Wichtig in diesem Zusammenhang ist bei Berruto (1987:22) auch der Hinweis, daß der Standard nicht im centro geometrico des Modells zu lokalisieren sei, sondern leicht in Richtung des „quadrante scritto, formale, alto“ verschoben ist.98 Ein grundlegendes Problem bei Berruto ist die als a parte konzipierte Diatopik, was zwar der schon bei Coseriu festgestellten Tatsache Rechnung trägt, daß allein der Dialekt ein komplett eigenständiges Sprachsystem ist (v. supra), während die anderen Varietäten sich nur durch ein gewisses Maß an markierten Elementen vom Standard unterscheiden (cf. Krefeld 2020:241), aber dadurch fehlt die bei Coseriu und Koch/Oesterreicher hervorgehobene wichtige Interdependenz der diatopischen Ebene mit der diastratischen und diaphasischen (und diamesischen).99 Dies vermittelt gerade für das Italienische, das im Gegensatz zum Französischen sehr stark durch die Variation im Raum geprägt ist, trotz der impliziten Berücksichtigung (cf. italiano regionale popolare), ein schiefes Bild.100 Merkwürdig erscheint auch die Zuordnung der Technik- und Wissenschaftssprache (italiano technico-scientifico) sowie der Verwaltungssprache (italiano burocratico) zur diaphasischen Ebene, die in anderen Modellen meist als Gruppensprachen und nicht als reines Stilregister gesehen werden. Unabhängig von der Frage der Adäquatheit des Achsenmodelles fehlt hierbei weitgehend – und das kann man mutatis mutandis durchaus analog zum Modell Koch/Oesterreicher sehen – eine dezidierte Ausarbeitung (bei Berruto wäre das zunächst nur für das Italienische zu leisten) der einzelnen Varietäten, ihrer Bezeichnungen und ihrer Merkmale sowie deren Zuordnung. Daß Berruto (1987:26) unter impliziter Berufung auf das sogenannte Ockhamʼsche Rasiermesser (entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem), welches er lapidar als allgemeines saggio principio vorstellt (cf. auch Kap. 6.1.5), seine neun Beispielvarietäten auf nur vier oder fünf reduzieren möchte,101 ist gerade in diesem Falle wohl kaum im Sinne des Ökonomieprinzips des großen Scholastikers, sondern hier bestünde sehr wohl eine gewisse necessitas, Entitäten und Erklärungen folgen zu lassen.102
Eine weitere bedenkenswerte Neuerung bei Berruto ist seine im Zuge der Rezeption der Modelle von Fishman, Ferguson und Kloss konzipierte Erweiterung der verschiedenen Formen von Mehrsprachigkeit und deren Interaktion in verschiedenen Sprachgemeinschaften. Auch hier bezieht sich Berruto in erster Linie auf die Situation in Italien und entwirft eine Matrix mit folgenden Kategorien: bilinguismo sociale, diglossia, dilalia, bidialettismo (Berruto 2003:206). Um diese Konzepte voneinander abzugrenzen, legt er 13 Faktoren zugrunde, die ihm als Kriterien dienen, um zu bestimmen, wie eine spezifische Art von Zusammenspiel von mehreren Dialekten oder Sprachen in einer Gesellschaft funktional miteinander interagieren (Berruto 2003:205). Diese Faktoren bestehen im Wesentlichen aus Merkmalen, die er aus den Arbeiten jener drei oben genannten Forscher übernimmt und dann versucht weiter zu differenzieren (z.B. Prestige, Abstand- und Ausbausprachen, Kontinuum zwischen Varietäten, Standardisierung, literarische Tradition, etc.). Neu sind dabei die Begriffe ‚Dilalie‘ und ‚Bidialektismus‘ (bzw. ‚Polydialektismus‘), die ein Kontinuum an Kategorien zum sozialen Bilingualismus und zur Diglossie schaffen sollen.103
Im Prinzip liegt hier eine abgeschwächte Diglossie-Situation vor, insofern zwar eine grundsätzliche Funktionsteilung vorliegt, die L-variety hier jedoch mit ausreichend Prestige behaftet ist, so daß sie ebenfalls in zahlreichen Kommunikationssituationen vertreten ist. Als Beispiel führt er das Plattdeutsche oder Bairische in Bezug auf das Hochdeutsche an sowie pauschal die Situationen der Romania. Letztlich handelt es sich dabei um nichts anderes als eine Konstellation von einem Dialekt mit Prestige (in seinem Verbreitungsgebiet) vs. Hochsprache. Angesicht der Tatsache, daß es einerseits auch zahlreiche Konstellationen gibt, in denen der Dialekt dezidiert als abwertend betrachtet wird – und hier irrt m.E. Erachtens Berruto z.B. in Bezug auf die Situation in Frankreich (Stichwort: patois) – und andererseits es Forscher gibt, die eine Konstellation Basilekt vs. Hochsprache als Diglossie bezeichnen (und damit diesen Begriff aushöhlen), scheint die Idee einer begrifflichen Fassung einer solchen Situation nicht verkehrt. Unglücklich hingegen erscheint der bidialettismo bzw. polidialettismo, insofern er nach Berrutos (2003:209, FN 98) eigenen Angaben nichts anderes ist als standard-with-dialect, also die Tatsache, daß Sprecher neben dem Standard über verschiedene varietà regionali e sociali verfügen. Hier wäre es womöglich geschickter, diese Kategorie dezidiert auf solche Fälle einzuengen, in denen tatsächlich zwei (oder mehrere) diatopische Varietäten zur Verfügung stehen – vorstellbar z.B. in Südtirol mit einer südbairische Varietät und einem dem Trentinischen nahestehenden Regiolekt.
Die in den letzten beiden Kapiteln angestellten Überlegungen zu einigen wichtigen Begrifflichkeiten, Konzepten und Modellen der Varietäten- und Soziolinguistik hatten zum Ziel, einige begriffliche Grundlagen für vorliegende Untersuchung zu erörtern und einen kurzen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu liefern.
3.1.3 Entwurf eines Beschreibungsrahmens des Varietätenraums
In einem Modell des Varietätenraums für vorliegende Untersuchung soll als Grundgerüst weiterhin auf das Diasystem rekurriert werden und trotz einiger nicht von der Hand zu weisender Vorteile (z.B. Zentrum vs. Peripherie) der graphischen Umsetzung bei Berruto (1987) soll die Darstellung bei Koch/Oesterreicher (2011) als Vorbild dienen. Nicht berücksichtigt werden soll hingen die vierte Dimension – zumindest nicht als eigene Ebene, da es berechtigte Zweifel gibt, ob die an sich wertvolle Konzeption des Nähe-Distanz-Kontinuums Teil des Diasystems sein sollte (cf. supra). Hinzu kommt die dort getroffene Unterscheidung von universaler und einzelsprachlicher Ebene, die anhand der gelieferten empirischer Daten kaum aufrecht zu erhalten ist.104 Die in die Nähe-Distanz-Dimension bei Koch/Oesterreicher inkorporierte Unterscheidung von Söll (1974) in Bezug auf Konzeption vs. Medium soll ebenfalls einen Platz in einem neuen Gesamtmodell erhalten, jedoch außerhalb der eigentlichen Varietätendimensionen. Dabei soll berücksichtigt werden, daß dem Medium, also der Frage nach der medialen Realisierung, mehr Gewicht beigemessen werden sollte (cf. Hunnius 2012:38–41; Massicot 2015:190–191), und die gesprochene Sprache eben nicht kategorisch von der ihr zugehörigen medialen Umsetzung zu trennen ist.
Vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Verquickung sozio- und varietätenlinguistischer Ansätze soll das hier neu konzipierte bzw. modifizierte Modell des Varietätenraumes die Frage der Selektion einer Varietät mitberücksichtigen. Trotz des Einbezugs dieses Aspektes sei betont, daß dabei nicht die Darstellung eines ganzheitlichen Kommunikationsmodelles (mit Rückkopplung Sprecher, Hörer, etc.) anvisiert wird, sondern lediglich die Sprechsituation eine adäquate Einbettung finden soll.
Damit soll einerseits der bekannten, grundlegenden Fragestellung der Soziolinguistik von Fishman (1965), nämlich, wer spricht welche Sprache mit wem und wann (who speaks what language to whom and when,) Rechnung getragen werden und zum anderen die schon bei Halliday (1978) konstatierte Wahlmöglichkeit des Sprechers aus verschiedenen Varietäten berücksichtigt werden.105 Diese Wahl wiederum ist abhängig vom situationellen Kommunikationskontext. Wie wichtig dieser situationelle Kontext ist, darauf verweist bereits Malinowski, bevor jener im Zuge des pragmatic turn größere Geltung gewinnt.106
Der bei Malinowski noch im Sinne eines determinierenden Faktors für die Semantik einer Äußerung verstandene situationelle Kontext wird bei Halliday erweitert und zu einem allgemeinen context of situation, der, wie er sehr treffend beschreibt, verantwortlich ist für die Selektion des jeweiligen Sprachregisters.
All language functions in contexts of situation, and is relatable to those contexts. The question is not what peculiarities of vocabulary, or grammar or pronunciation, can be directly accounted for by reference to the situation. It is which kinds of situational factor determine which kinds of selection in the linguistic system. (Halliday 1978:32)
Die Wahl einer Varietät – und in der Regel verfügt jeder Sprecher über mehrere Varietäten – so sei postuliert, hängt von der spezifischen Situation ab, und das gilt eben nicht nur für die diaphasische Dimension (bzw. registers bei Halliday), die Nabrings (1981:140) auch treffend diasituative Dimension nennt, sondern eben in Bezug auf alle Varietäten, und im Falle einer Mehrsprachigkeit auch in Bezug auf die Wahl der adäquaten Sprache in einer bestimmten Kommunikationssituation. Auch wenn vielleicht nicht so intendiert, so suggeriert doch ein Modell, wie das von Koch/Oesterreicher (2011) oder auch Berruto (1987), daß die Situation nur in der Diaphasik zum Tragen kommt und dies entspricht wohl nicht der Kommunikationsrealität. Halliday macht das etwas polemisch deutlich, wenn er die Situation zur conditio sine qua non einer Kommunikation erhebt.
We do not in fact, first decide what we want to say, independently of the setting, and then dress it up in a garb that is appropriate to it in the context, as some writers on language and language events seem to assume. (Halliday 1978:33)
Daraus folgt, daß der Situation eine weitaus prominentere Stellung innerhalb eines Modells gebührt als bisher verwirklicht und als der a priori determinierende Faktor anzusehen ist. Dieser Tatsache sei in folgendem Modell zu ‚Diasystem und Sprechsituation‘ Rechnung getragen:

Abb. 2: Diasystem und Sprechsituation
Den determinierenden Faktoren der Sprach- und Varietätenwahl liegen u.a. die Erkenntnisse von Nabrings (1981:140–144) zugrunde, die – allerdings allein für die diasituative Dimension – folgende Parameter festgelegt hat: Gesprächspartner, Medium, Ort der Kommunikation, Thema. Dies sind eindeutig Faktoren, die nicht auf einer Stufe mit den im Modell Koch/Oesterreicher (2011:13) aufgelisteten Kommunikationsbedingungen stehen können, die ja nach deren Konzept „nur“ den Grad der Nähe bzw. Distanz beeinflussen, sondern einen prominenteren Status einnehmen sollten.107 Wie wichtig der oder die Gesprächspartner bei einer Kommunikation im Allgemeinen und in Bezug auf die Wahl der adäquaten Varietät sind, wird schon bei Behagel deutlich.108 Aus den Ausführungen Behagels geht aber auch der wie bei Nabrings und auch sonst nicht selten als sous-entendu verstandene Sprecher bzw. Produzent der Äußerung als wichtiger Determinant der Kommunikation hervor. Dies bestätigt auch – um hier einmal den größtmöglichsten zeitlichen Sprung machen – die Untersuchung von Massicot (2014), die als wichtige Faktoren neben dem Thema und dem Medium die Sprecheridentität aufführt. Die Tatsache, daß auch das Kommunikationsziel ein beeinflussender Faktor bei der Wahl der Varietät sein kann, läßt sich aus den bekannten Kommunikationsmodellen bei Bühler (1934:28) und Jakobson (1979:88) ableiten. Dies sei dahingehend interpretiert, daß nicht allein das Gegenüber ausschlaggebendes Kriterium ist, sondern unter Umständen eben auch relevant für das, was der Sprecher erreichen möchte, welche Varietät die dafür angemessene ist.
Determinierend sind außerdem die gewählte oder vorgegebene Diskurstradition sowie der soziale und situative Kommunikationskontext (cf. field, tenor, mode) im Sinne Hallidays (cf. Martin/Williams 2004:121) (v. supra).109 Diese Parameter beeinflussen alle Selektionsvorgänge entscheidend mit.
Die erste Selektion, die dann getroffen wird, und zwar aufgrund der determinierenden Faktoren der Sprechsituation, ist die bezüglich des Mediums. Damit soll hervorgehoben werden, daß das Medium hier nicht irgendein Teilaspekt des Diasystems ist, sondern diesem sozusagen vorgeschaltet, denn zuerst wählt der Sprecher das Medium (code phonique oder code graphique), sofern es nicht durch eine Kommunikationssituation vorgegeben ist, dann die Sprache und die Varietät. Die Versprachlichung der konzeptionellen Nähe bzw. Distanz, ist dabei als sekundär einzustufen, d.h. sie erfolgt unter den Bedingungen der Kommunikationssituation. Eine diamesische Ebene überlagert sozusagen alle weiteren Varietätendimensionen, insofern es sowohl bezüglich des Standards eine mündliche und schriftliche (medial und konzpetionell) Ebene gibt als auch bezüglich aller weiteren Non-Standard-Ebenen, also der Dialekte, Situolekte, Soziolekte etc. (z.B. mündlich vs. schriftlicher Dialektgebrauch).
In Kommunikationssituationen, die mehr oder weniger das Medium vorgeben, also z.B. bei einem Telefongespräch, einem Vortrag oder ein Bewerbungsschreiben, liegt hier natürlich keine Wahl mehr im eigentliche Sinne vor, doch es bleibt zunächst die Situation (z.B. Wunsch/Pflicht, jmd. zurückzurufen, einen Vortrag zu halten; Notwendigkeit sich zu bewerben), die das Medium determiniert und womöglich auch die Varietät (z.B. das Stilregister für ein Bewerbungsschreiben qua Diskurstradition).
Falls es sich nun um eine Kommunikationssituation handelt, bei der nicht bereits eine Sprache bereits a priori feststeht, und in der der Sprecher über mehrere Sprachen verfügt – und dies muß nicht nur im Sinne eines bilingualen Sprechers zu verstehen sein –, aus denen er wählen kann (L1, L2, L3 – Lx), unabhängig von der Kompetenz in der jeweiligen Sprache, dann wäre diese Selektion vom Sprecher vor der Frage nach einer bestimmten Varietät einer Sprache zu treffen. Erst im Folgenden stellt sich für ihn die Wahl, sofern seine Kompetenz in der bestimmten Sprache dies überhaupt zuläßt, ob er sich im unmarkierten Standard verständigt oder sich für eine wie auch immer markierte Varietät entscheidet. Dies kann jedoch durch Medium oder Diskurstradition auch bereits vorgegeben sein (z.B. in der Schriftsprache eher kein Dialekt, je nach Textsorte ein bestimmtes Stilregister).110
Die determinierende Sprechsituation ist dabei immer die gleiche, also die Ausgangssituation (cf. determinierende Faktoren), denn die im Modell dargestellten Abfolgen von Selektionen sind in Wirklichkeit Entscheidungen, die der Sprecher aufgrund der einen gegebenen Situation innerhalb eines gesamten Entscheidungsprozesses zur in dieser Kommunikationssituation adäquaten Art des Sprechens trifft.111
Wichtig erscheint im Folgenden noch einmal zu betonen, daß die Situation, in der sich ein Sprecher befindet – und dies soll bei obigem Modell deutlich werden – nicht nur die Wahl des Stilregisters, also die diaphasische Ebene determiniert, sondern im gleichen Maße die Frage bestimmt, ob ein Dialekt oder Soziolekt etc. in der nämlichen Situation adäquat ist oder eben nicht. Ändert sich die Sprechsituation insgesamt oder auch nur einzelne Komponenten dieser Situation, so wird unter Umständen wieder aufs Neue nachjustiert.
Die Anordnung der determinierenden Faktoren für die Varietätenwahl in obigem Modell ist nicht zufällig, sondern folgt der Rangfolge einer postulierten Dominanz, d.h. der wichtigste Faktor ist der der Situation (formell vs. informell, offiziell vs. privat, etc.), gefolgt vom Gesprächspartner (mit Parametern wie bekannt vs. unbekannt, Dialektsprecher vs. Standardsprecher, etc.) und dem Ort der Kommunikation (in Abgrenzung zur Situation rein regional zur verstehen). In nicht so eindeutiger Hierarchisierung stehen folgen schließlich noch die Faktoren Thema (des Gesprächs), der Sprecher selbst (individuelle Disposition) und das Kommunikationsziel. Die Faktoren sind dabei in Bezug auf ihre Prominenz in einer bestimmten Kommunikationssituation als interagierend und interdependent anzusehen.
Was nun die Erfassung des Varietätenraumes mit Hilfe des Diasystems anbelangt, so muß man wohl mit bestimmten Aporien leben. Dazu gehört zum einen die, aufgrund der in der sprachlichen Realität engen Verquickung dieser beiden Aspekte, oft unscharfe oder gar unmögliche Trennung von diaphasischer und diastratischer Dimension112 sowie die Frage, welche Bereiche unter die Diastratik fallen, da ja letztendlich fast alle sprachliche Variation an größere oder kleinere soziale Gruppen gebunden ist (schichtenspezifisches Sprechen, altersspezifisches, berufsspezifisches, etc.). Die diatopische Ebene bleibt zudem eine besondere, da es sich hierbei um historisch gewachsene (Regional-)Sprachen handelt, die einst, in Epochen vor der Herausbildung und Verbreitung einer nationalen Standardsprache, in sich geschlossene vollständige Sprachsysteme bildeten113 (mit entsprechender Variationsbreite auf allen Dia-Ebenen) und für alle Sprecher, bzw. noch lange für viele, das einzige Kommunikationsidiom darstellten. So kann auch heute noch die diatopische Ebene für manche Sprecher die Basis der mündlichen Verständigung bilden und ist situationsbedingt nicht zwingend auf gleiche Weise auszublenden bzw. abrufbar wie Varietäten der Diastratik oder der Diaphasik.
Für vorliegendes Modell wurde aus diesen Gründen neben der unstrittigen diatopischen Ebene, weiterhin die Unterscheidung von diastratischer und diaphasischer Ebene beibehalten, allerdings mit der Einschränkung, daß anstelle von ‚diastratisch‘ hier der Begriff ‚diasozial‘ bevorzugt wird.114 Dies sei damit begründet, daß aufgrund seiner etymologischen Herleitung sowie aufgrund seiner häufigen Verwendung im Kontext mit schichtenspezifischem Sprechen dieser Terminus eine zu geringe Extension suggeriert, insofern das in den modernen Gesellschaften – und nicht nur dort – dominierende gruppenspezifische Sprechen hier als sekundäres und nicht primäres Verständnis konnotiert wird. Mit ‚diasozial‘ ist demnach also ganz allgemein und neutral das an eine spezifische soziale Gruppe gebundene Sprechen gemeint – und dies kann natürlich auch ein schichtenspezifisches sein. Deshalb soll im weiteren der Begriff ‚diastratisch‘ rein auf die Varietäten in Abhängigkeit von sozialen Schichten und Klassen appliziert werden. Für das gruppenspezifische Sprechen hingegen sei in Anlehnung an die homogene griechische Prägung der anderen Begriffe ‚diakoinonisch‘ (zu griech. κοινωνία ‚Gesellschaft, Gemeinschaft‘ bzw. κοινός ‚Teilnehmer, Genosse‘) vorgeschlagen. Beide Begriffe sollen demnach Teilbereiche der diasozialen Dimensionen konstituieren. Alternativ müsste man zur Verdeutlichung von ‚diastratisch im weiteren Sinne‘ (also schichten- und gruppenspezifisch) und ‚diastratisch im engeren Sinne‘ (also nur schichtenspezifisch) sprechen, wobei dann trotzdem eine terminologische Lücke für die rein gruppensprachlichen Varietäten bliebe.
Die grundsätzliche Frage, ob es legitim ist, über das Coseriu’sche Dreier-Schema hinaus weitere dia-Dimensionen anzunehmen, sei dahingehend salomonisch beantwortet, daß dies davon abhängt, ob man weitere Varietäten identifizieren kann. Das Problem sei also auf die bereits gestellte Problematik (v. supra), wieviel Variation ist nötig, um von einer Varietät zu sprechen, verlagert. Das extreme Beispiel einer Proliferation von dia-Ebenen war das Modell von Schmidt-Radefeldt, der quasi 1:1 die metalexikographische dia-Kategorisierung (wie z.B. bei Hausmann 1979) auf die Beschreibung des Varietätenraumes übertragen hat. Wo ist hier also eine Grenze zu ziehen bzw. gibt es eine?
Das Grundkriterium ist dabei m.E. nicht die Frage nach der Anzahl der sprachlichen Varianten, die nötig sind, um eine eigenständige Varietät zu postulieren, sondern, ob es eine soziale Gruppe gibt, der eine oder mehrere Varianten klar attribuiert werden kann.
Es sei also definiert, daß man von einer Varietät sprechen kann (und nicht nur allgemein von sprachlicher Variation), wenn ein oder mehrere zusammenhängende, spezifische (markierte) Varianten eindeutig und stabil (über einer längeren Zeitraum) einer bestimmten abgrenzbaren sozialen Gruppe von Sprechern zuzuordnen sind oder eindeutig und stabil in einer bestimmten Sprechsituation zum Tragen kommen. Eine Varietät ist dabei immer als ein Teilsystem einer bestimmten Sprache zu verstehen, die durch einen mehrdimensionalen Varietätenraum konstituiert ist.115
In diesem Sinne ist es zwar nach wie vor der Normalfall, daß eine bestimmte Anzahl von spezifischen sprachlichen Varianten eine Varietät ausmacht, im äußersten Fall kann aber eben auch ein Merkmal konstitutiv sein.116 So wäre dies der Fall der r-Ausprache in den Untersuchungen Labovs (1966), wo allein durch diese Abweichung von der Norm eine soziale Gruppe identifiziert werden kann (hier diastratisch bzw. diasozial zu verstehen) oder die norditalienischen Aussprache des r-Lautes (uvular), die eine diatopische Zuordnung erlaubt. Aus diesem Grunde sind Bezeichnungen wie ‚diafrequent‘ oder ‚diaplanerisch‘ unpassend, da hier zwar auf eine bestimmte Art der Variation innerhalb einer Sprache abgehoben wird, aber die Tatsache, daß bestimmte Lexeme, die allgemein häufiger oder seltener gebraucht werden, oder eben solche, die durch bestimmte Normierungsversuche in die Sprache gelangen, nicht einer bestimmten sozialen Gruppe zugeordnet werden können.117 Auf diese Weise kann auch die Existenz einer diatechnischen, diasexuellen sowie diagenerationellen Ebene begründet werden, d.h. als Varietäten einer bestimmten sozialen Gruppe. Dabei ist zu beachten, daß alle drei Ebenen prinzipiell auch als Subebenen der diastratischen bzw. diasozialen (genauer: diakoinonischen) Ebene gesehen werden könnten. Aber gerade der Bereich der Fachsprachen nimmt sowohl in der sprachlichen Realität der heutigen Gesellschaft als auch in der sprachwissenschaftlichen Forschung einen sehr breiten Raum ein, so daß eine eigene Ebene durchaus vertretbar erscheint.118 Die beiden weiteren Ebenen (diasexuell und diagenerationell) sind hingegen womöglich nicht in jeder Sprachgemeinschaft klar abgrenzbar oder identifizierbar; sofern dies jedoch möglich ist und ausreichend Merkmale ermittelbar sind, sind sie als eigenständige Varietätenebenen etablierbar.
Schließlich soll in vorliegendem Modell auch der Erkenntnis der vorherigen beiden Kapitel zur Genese und Interaktion sozio- und varietätenlinguistischer Ansätze Rechnung getragen werden, und zwar dahingehend, daß die aus der anglistischen (variationslinguistischen) und germanistischen (soziolinguistischen) Tradition stammenden Begrifflichkeiten der Lekte konsequenter als bisher, den dia-Begrifflichkeiten gegenübergestellt werden.119
Löffler (11985, ²1994:86) entwickelt dazu ein diversifiziertes Modell, in dem er „Großbereiche des Sprechens“ (Lekte) annimt, die sich überlagern, und zwar in Form von Mediolekten (nach Medium), Funktiolekten (nach Funktion), Dialekte (nach arealer Verteilung), Soziolekten (nach sozialer Gruppe), Sexolekten/Genderlekten (nach Geschlecht), Situolekten (nach Situation/Interaktionstyp) und Idiolekten (nach Individuum). Das Modell macht zweifellos die Vielfalt der Arten des Sprechens deutlich, über die ein Individuum verfügen kann, jedoch fehlt eine gewisse Systematik.120
Auf der Ebene der Diatopik, gibt es nun neben dem traditionellen Dialekt-Begriff, der im Verständnis Coserius zunächst vor allem primäre Dialekte bezeichnet und terminologischer Ausgangspunkt aller weiteren Lekte ist, den sehr nützlichen Begriff des Regiolektes. Hiermit wird üblicherweise auf die bei Coseriu als tertiärer Dialekt bezeichnete Varietät referiert, die zwischen Standardvarietät und primärem Dialekt angesiedelt ist. Dabei ist der Begriff des Regiolektes hier sehr viel eindeutiger und transparenter als die Coseriu’sche Denomination. Was die Abgrenzung groß- vs. kleinräumig angeht, kann man entsprechend dem in der strukturellen Areallinguistik üblichen bottom-to-top-Konzept zwischen den Gradationsstufen Standardlekt – Dialekt – Regiolekt – Lokolekt unterscheiden (cf. Ebneter 1989:872).121 Mit Urbanolekt (cf. Dittmar 1997:193) wird hingegen eher eine spezifische diatopische Situation von Metropolen oder größeren städtischen Zentren beschrieben.122
Was die Ebene der Diaphasik angeht, so ist festzustellen, daß die bisherigen Begrifflichkeiten eher schwankend sind, und zwar insofern als hier von Stilregistern, Stilen, Registern oder Sprachregistern gesprochen wird, so daß mit Situolekt (cf. Dittmar 1997:206) eine gewisse Einheitlichkeit möglich wäre, zumal auch dieser Begriff relativ transparent ist.
Die inzwischen recht übliche Bezeichnung Soziolekt (cf. Dittmar 1997:189) im Bereich der diastratischen Ebene, erscheint eine recht gute Lösung, um gleichermaßen neutral sowohl gruppenspezifisches als auch schichtenspezifisches Sprechen zu umreißen.123 Hinzu kommt, daß man hier eine sehr transparente begriffliche Parallele zu diasozial ziehen kann. Das gleiche Argument wäre bezüglich des Technolekts vorzubringen, mit der Ergänzung und Präzisierung, daß hierbei nicht allein auf Sprachvariation im Bereich der Technik abgehoben wird, sondern jegliches berufs- und wissenschaftsspezifisches Sprechen miteinbezogen werden soll.
Bei dem noch neueren Feld der diagenerationellen Differenzierung sind auch die Begrifflichkeiten noch recht schwankend und zum Teil wenig etabliert. Am ehesten untersucht ist in der Regel die Jugendsprache, die beispielsweise bei Michel (2011:194) als Juventulekt bezeichnet wird; eher selten zum Tragen kommt die Sprache der älteren Generation, die mitunter als Gerontolekt (cf. Dittmar 1997:229–231) oder Gerolekt (Veith 2005:173) benannt wird. Diesbezüglich sollte man eine gewisse Konsequenz und Kohärenz in Bezug auf die Bezeichnungen einführen, weshalb hier der Vorschlag sowohl eines neutralen Hyperonyms notwendig erscheint, als auch einer homogenen griechischen Denomination. Aus diesem Grund sollte man sinnvollerweise von Helikialekten (zu griech. ʿηλικία ‚Lebensalter‘), also altersbedingten Sprachunterschieden sprechen, die man in Gerontolekte (griech. γέρων ‚alter Mann‘, ‚alt‘) und Neotolekte (zu griech. νεότης ‚Jugend‘) differenzieren könnte.124
Analog zu diesem Vorschlag wären auch die Begrifflichkeiten im Bereich der diasexuellen Ebene zu gestalten, so daß hier neben dem bereits etablierten, neutralen Sexolekt (cf. Dittmar 1997:228–229) zwischen Androlekt (zu griech. ʾανδρός ‚Mann‘) und Gynaikolekt (zu griech. γυναικός ‚Frau‘) unterschieden werden sollte.125
Unabhängig von den einzelnen Begrifflichkeiten und ihrer etymologischen Transparenz und Adäquatheit, geht es vor allem darum, mit der Koppelung des Spektrums der Lekte-Denominationen den Termini, die mit der Konzeption des Diasystems einhergehen, ein Begriffsinventar zur Seite zu stellen, das die Variation im Varietätenraum einer Sprache so präzise wie möglich zu erfassen hilft.126 Ziel ist es ja letztlich, die Architektur einer Sprache so exakt wie möglich in der gesamten Bandbreiten ihrer Heterogenität beschreiben zu können, dabei die Kategorisierung aber nur so weit zu treiben, als den einzelnen Kategorien dann auch ihnen attribuierbare sprachliche Realitäten gegenüberstehen, die – soweit möglich – klar voneinander abgrenzbar sind.
Mit vorliegendem Modell soll also versucht werden, die Gesamtheit des Varietätenraumes zu erfassen, um auf diese Weise das Verständnis für die sprachliche Realität zu schärfen. Ein Anliegen des Modells war es dabei, deutlich zu machen, daß auch bei einer Darstellung mit dem Fokus auf den Varietäten, die Sprechsituation, d.h. die konstitutiven Faktoren bei der Wahl einer Varietät mehr Raum einnehmen müßten bzw. vielmehr ohne diese zusätzliche Perspektive die Beschreibung defizitär bleibt. Dies bedeutet auch, daß sowohl dem Sprecher als auch dem Hörer sowie der sozialen Gruppe mehr Gewicht in der Betrachtung einer varietätenlinguistischen Untersuchung zukommen müßte.
Diese Überlegungen zu Sprechsituation gelten in erster Linie für zeitgenössische synchrone Kommunikationssituationen, da nur in diesen die Determiniertheit des Sprechers (und Hörers) adäquat eingeschätzt werden kann. Für eine historische Kommunikationssituation, bei der man auf rein schriftliche Dokumente angewiesen ist, fällt der erste Bereich (‚schriftlich/mündlich‘) der Selektion in obigem Modell weg. Es bleiben dennoch determinierende Faktoren bei der Sprach- und Varietätenwahl, vor allem die Diskurstraditionen, allerdings sind manche Faktoren ungleich schwerer zu ermitteln. Die vorgeschlagene Erweiterung bzw. Präzisierung des Varietätenraumes mit Rückgriff auf die verschiedenen Terminologien der dia- und der lekte-Begriffe ist hingegen prinzipiell auch in einem historischen Kontext anwendbar. In der vorliegenden Untersuchung soll daher dieses Begriffssystem auch bei der Beschreibung des Lateinischen verwendet werden (cf. Kap. 4).127 Wie ausdifferenziert dies dabei möglich ist, hängt grundsätzlich von der Dokumentationslage bezüglich der einzelnen sprachlichen Phänomene ab.
Was den metasprachlichen Diskurs des 15. und 16. Jh. anbelangt (cf. Kap. 6), so wird diese hier vorgestellte Begriffssystem nicht vollständig zum Tragen kommen können. Dies liegt vor allem darin begründet, daß die Beschreibung des antiken Lateins durch die Humanisten nicht mit gleicher Präzision geleistet werden konnte, wie das heutzutage möglich ist. Die Möglichkeiten, die von den damaligen Gelehrten beschriebenen Phänomene des antiken Lateins im Sinne einer modernen Interpretation in einer sozio- und varietätenlinguistische Terminologie darzustellen, sind daher begrenzt und nur vereinzelt wird es sich anbieten, begrifflich weiter zu differenzieren. In diesem Teil wird deshalb im Wesentlichen auf „traditionelle“ Begrifflichkeiten wie ‚diatopisch‘, ‚diastratisch‘, ‚diaphasisch‘ etc. rekurriert.
3.2 Die Rekontextualisierung: Klassische Hermeneutik und historische Verortung
Die methodische Vorgehensweise zur Analyse der frühneuzeitlichen Traktate, die sich mit der Frage nach der Art des Lateins in der Antike auseinandersetzen, soll in vorliegender Arbeit zwei Facetten umfassen (cf. Kap. 1.4). In den vorherigen Kapiteln wurde dazu das Inventar der aktuellen varietätenlinguistischen und soziolinguistischen Begrifflichkeiten vorgestellt und diskutiert, mit deren Hilfe die zu untersuchenden Texte aus einem modernen sprachwissenschaftlichen Blickwinkel heraus analysiert werden, zum Teil unter bewußter Ausblendung zeitgenössischer Implikationen der jeweiligen Epoche (cf. Kap. 3.1.1–3.1.3).
In vorliegendem Kapitel soll hingegen die zweite Perspektive näher dargelegt werden, die dazu dient, die zuvor durch die Applikation moderner Termini und Konzepte entkontextualisierten Traktate dann in ihrem geistesgeschichtlichen Zusammenhang zu rekontextualisieren. Ziel ist es also, im Rahmen einer traditionellen philologischen Analyse die literarischen, geschichtlichen und philosophischen Bezüge, die den einzelnen Texten immanent sind, in Bezug auf die hier relevante Fragestellung adäquat herauszuarbeiten. Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, daß nur eine möglichst exakte Verortung eines Textes in seinem geistes- und ideengeschichtlichen Kontext die Möglichkeit eröffnet, die im vorliegenden Fall angestrebte Nachzeichnung einer sich verändernden Vorstellung über das Latein der Antike angemessen zu erfassen. Die Kontrastierung mit der modernen sprachwissenschaftlichen Perspektive dient dabei der Schärfung des Blicks auf die untersuchte Fragestellung, so daß auf diese Weise die Ursprünge und frühen Ansätze aktueller sprachgeschichtlicher Erkenntnisse besser herauspräpariert werden können.
Im Rahmen dieser zweiten Sichtweise auf die hier zu untersuchenden Traktate, in der wie eben dargelegt der Text in seinen historischen Bedeutungszusammenhang eingebettet werden soll, sind die Verfahren der Hermeneutik ein wesentlicher Bestandteil. Dabei sei Hermeneutik ganz allgemein als „Theorie und Methodik […] des Verstehens, Interpretierens und Anwendens von Texten“ (Zabka 2007:313) verstanden.
Ziel der Erkenntnis ist es, einen kohärenten Bedeutungszusammenhang des Interpretationsgegenstands zu bestimmen oder das Fehlen eines solchen Zusammenhangs kohärent zu erklären. […]
Als eine Theorie und Methodik des historischen Fremdverstehens zielt die Hermeneutik auf die Rekonstruktion jener Bedeutungen, die einem Text im Kontext seiner Entstehung zukamen. (Zabka 2007:313)
In dieser Definition des hermeneutischen Grundgedankens ist für vorliegende Zielsetzung vor allem der zweite Teil relevant, insofern das Anliegen der Untersuchung die Rekonstruktion einer geistesgeschichtlichen Entwicklung darstellt, die anhand ausgewählter frühneuzeitlicher Traktate sichtbar gemacht werden soll.
Im Folgenden seien einige Aspekte traditioneller Modelle und Konzepte der Hermeneutik, die für das hier angestrebte Vorgehen von Relevanz sind, herausgegriffen und vorgestellt.128 Der Ausgangspunkt der modernen Textanalyse- und interpretation ist der heutigen communis opinio folgend die Hermeneutik Friedrich Schleiermachers (1768–1834), die in Bezug auf die zuvor von der hermeneutica sacra und der hermeneutica profana geprägten Zweiteilung der theologischen und juristischen Perspektive einen Neuanfang markierte.129 Dabei war der Ansatz Schleiermachers insofern neu, als er das Verstehen an sich sowie die Auslegung als Dreh- und Angelpunkte eines Textverständnisses formulierte und problematisierte (cf. Geisenhanslüke 2004:44; Rusterholz 2005a:113).130
Für die hier vorzunehmende Textanalyse bedeutet dies, daß die Kunst des Verstehens darin liegt, die zur Verfügung stehenden Schriftzeugnisse hinsichtlich ihrer sprachlichen Eigenart, ihrer Zielsetzung und ihrer geistesgeschichtlichen Verankerung entsprechend einzuordnen und nur vor diesem Hintergrund vorsichtige Schlüsse über das darin ausgedrückte Denken zu ziehen bzw. die dahinterstehenden Ideen und Vorstellungswelten zu rekonstruieren.
Ein weiterer wichtiger Aspekt hinsichtlich des vorliegenden Anliegens findet sich in den Schriften Wilhelm Diltheys (1833–1911). Die von Dilthey entwickelte Hermeneutik basiert zunächst auf den theoretischen Ausführungen Schleiermachers, geht aber darüber hinaus. Er erweitert beispielweise die „Kunst des Verstehens“ zu einer allgemeinen Erkenntnistheorie, zu einer „methodischen Auseinandersetzung mit Gegenständen der Kultur“ (Rusterholz 2005a:119). In Bezug auf schriftliche Äußerungen, die ein Teil davon sind, präzisiert er seine Vorstellung eines methodisch angelegten Erkenntnisprozesses als „kunstmäßige[s] Verstehen von dauernd fixierten Lebensäußerungen“, welches er wiederum als „Auslegung oder Interpretation“ (Dilthey 1990:319) benannt haben möchte. Diese schriftlich fixierten Äußerungen, vornehmlich in Form von Literatur (aber nicht nur), sind Ausdruck des menschlichen Seins und Schaffens; der Zugang erfolgt dabei über die Sprache.131
Es soll nun eine letzte Anleihe bei der „klassischen“ Hermeneutik vorgenommen und diesbezüglich einige Überlegungen aus den Schriften Hans-Georg Gadamers (1900–2002) dargelegt werden. Gadamers Blick auf das Verstehen von Texten bzw. von Äußerungen im Allgemeinen ist von einem auf Martin Heidegger (1889–1976) zurückgehenden Wahrheitsanspruch geprägt, d.h. Anliegen ist es, „eine Erfahrung von Wahrheit auszumachen, die speziell in der Kunst zutage tritt“ (Geisenhanslüke 2004:54), um so die Geisteswissenschaften im Vergleich mit den Naturwissenschaften entsprechend aufzuwerten. Schlüssel für das Verstehen ist dabei wiederum die Sprache, wobei es ihm vorrangig nicht rein um das Verstehen geht, sondern um Verständigung.132 Basis ist deshalb in erster Linie die lebendige Rede, die schriftlichen Erzeugnisse müssen deshalb sozusagen erst wieder zum Sprechen gebracht werden, denn die „Urszene des Verstehens ist das Gespräch“ (Watzka 2014:213). Zentraler Punkt der Hermeneutik Gadamers ist der Aspekt der Historizität im Verstehen (cf. Gander 2011:93).133 Dabei ist hervorzuheben, daß die von ihm angesprochenen Horizonte nicht im eigentlichen Sinne verschmelzen, sondern daß es unter Berücksichtigung von Traditionsprozessen darum geht, einen Gegenwartshorizont von anderen historischen Horizonten zu isolieren. Dieser kann jedoch nicht für sich bestehen, sondern nur im Kontext der anderen bzw. aller, die es als Rezipient immer wieder neu zu bestimmen gilt (cf. Rusterholz 2005a:126).134
Aus den bisher angeführten Ausführungen Schleiermachers, Diltheys und Gadamers sind deshalb folgende hier zentrale Elemente herauszugreifen: Ausgangspunkt der Untersuchung bilden schriftliche Zeugnisse, die wiederum Gedankengänge ihrer Autoren widerspiegeln. Um nun wie für vorliegende Untersuchung erstrebt, die Vorstellungswelt einer vergangenen Zeit zu rekonstruieren, ist es nötig, bei der Untersuchung der zur Verfügung stehenden Texte die historischen Implikationen der Epoche zu berücksichtigen und bei der Interpretation und Auslegung die Schlüsselfunktion der Sprache dahingehend in Betracht zu ziehen, daß die Diskrepanz zwischen je unterschiedlich versprachlichtem Text und daraus ableitbaren Gedankengängen bzw. erschließbaren Vorstellungen und Konzepten berücksichtigt wird. Dies bedeutet letztendlich vor allem Vorsicht bei den interpretatorischen Schlußfolgerungen aus dem vorhandenen Textmaterial obwalten zu lassen und dabei alle zeitgeschichtlichen Implikationen möglichst adäquat einzubeziehen.
An diesem Punkt trifft die Hermeneutik, die nicht selten literarische Texte im Fokus hat, also Texte mit einem ästhetischen Anspruch und einer entsprechenden, dezidierten Wirkungsabsicht, auch auf die Geschichtswissenschaft, die ebenfalls an der Auslegung von Schriftzeugnissen interessiert ist.135 Historiographische Texte dienen zwar dazu, historische Ereignisse und Abläufe entsprechend der Wahrheit darzustellen (Simon 1996:277), so der grundsätzliche Anspruch, nichtsdestoweniger ist es auch möglich, diese als literarische Erzeugnisse im weiteren Sinne (d.h. Schriftzeugnisse mit spezifischen Inszenierungsstrategien und Kommunikationsabsichten) mit hermeneutischen Methoden zu beleuchten oder wie es Simon (1996:277) prägnant formuliert: „Historiographie ist Literatur, also der Literaturgeschichte und -kritik zugänglich […].“136 Die Wechselwirkung zwischen literaturwissenschaftlichen hermeneutischen Methoden und der Perspektive des Historikers besteht demnach darin, daß der zu untersuchende Text einerseits als sprachliches und damit in sensu largo literarisches Produkt zu sehen ist, und andererseits als ein geistesgeschichtliches, welches in einen entsprechenden Diskurs eingebunden ist, der wiederum den Zugang zu historischen Fakten ermöglicht (soweit objektivierbar).137
Dies ist für vorliegende Untersuchung insofern relevant, da aus den Traktaten des Korpus, die ja mit je unterschiedlichen Zielsetzungen (literaturtheoretische, historiographische, sprachtheoretische, etc.) konzipiert wurden und keine literarischen Produkte im engsten Sinne sind, der jeweilige Kenntnisstand in der Debatte um das antike Latein herausgelesen werden soll, d.h. als historische Fakten eines Diskurses zu rekonstruieren ist.
Anschließend an diese kursorischen Ausführungen zur Hermeneutik, die in erster Linie dem Traditionsstrang der traditionell verstandenen Philologie zuzurechnen ist, aber auch in anderen Disziplinen gewinnbringend Anwendung findet,138 sollen nun die disiecta membra der Literatur- und Sprachwissenschaft wieder zusammengeführt werden und zusätzlich Aspekte der Nützlichkeit dieser Vorgehensweise auch für die linguistische Analyse herausgestellt werden.139
Auf bestimmte Konvergenzen beider Fachdisziplinen hat auch Leo Spitzer (1887–1960) hingewiesen, der sich in seinen Schriften oft sowohl mit literaturwissenschaftlichen und sprachwissenschaftlichen Fragestellungen beschäftigt hat als auch mit solchen der schwer einzuordnenden Stilistik. In seinem erstmals auf Englisch erschienen Buch Linguistics and Literary History (1948) gibt er in seinem einleitenden Aufsatz einige wichtige, eher praxisorientierte Leitgedanken zum Umgang mit literarischen Texten.
Warum behaupte ich so nachdrücklich, daß es unmöglich ist, dem Leser eine schrittweise Anleitung zum Verständnis eines Kunstwerks an die Hand zu geben? In erster Linie, weil der erste Schritt, von dem alles abhängen kann, nie im Vorhinein geplant werden kann: er muß schon stattgefunden haben. (Spitzer 1969:31)
Im Weiteren präzisiert Spitzer (1969:31) diesen ersten Schritt, der darin bestehen sollte, daß man über ein bestimmtes Detail eine Erkenntnis gewinnt, sodann diese mit dem gesamten literarischen (Kunst)Werk in Relation setzt, dazu eine Theorie konzipiert und aus dieser Konstellation heraus eine bestimmte Fragestellung an den Text heranträgt. Voraussetzung ist dabei nicht nur eine gewisse Erfahrung, Begabung und ein methodisches Vorgehen, sondern auch ein wiederholtes Lesen. Die Untersuchung eines Textes ist dabei von einer gewissen Zirkularität geprägt, denn erst wenn für einen bereits einen Zugang besteht, kann man weiteren bzw. tieferen Zugang erlangen, was er tautologisch dahingehend synthetisiert, „daß Lesen wirklich bedeutet, gelesen zu haben, und daß Verstehen bedeutet, verstanden zu haben“ (Spitzer 1969:32).140
Ein anderer wichtiger Hinweis Spitzers in Bezug auf das hermeneutische Vorgehen ist in der Mahnung zur Vorsicht bei der Analyse verschiedener Kunstwerke zu sehen, da die Verschlüsselung durch die Sprache eine je spezifische darstellt.
Der Grund dafür, daß der Schlüssel zum Verständnis nicht mechanisch von einem Kunstwerk auf das andere übertragen werden kann, liegt in der künstlerischen Ausdrucksweise selbst. (Spitzer 1969:33)
Dieser Gedanke ist insofern von Belang, als bei einer Analyse jeder Text und vor allem Texte verschiedener Produzenten immer wieder auf die Art ihrer Zugänglichkeit hin befragt werden müssen oder konkreter ausgedrückt: Ist die applizierte Methode in vorliegendem Fall noch valide oder womöglich zu variieren?
Spitzers Ausführungen sind dabei unabhängig davon zu sehen, ob die Frage einen eher literaturwissenschaftlichen oder sprachwissenschaftlichen Hintergrund hat, und somit für vorliegende Untersuchung in jedem Fall von Relevanz. Die Erarbeitung einer Fragestellung, die nicht ohne vorheriges Sich-Auseinander-Setzen mit dem schriftlichen, künstlerischen Produkt – dazu zählt auch ein Traktat – möglich ist, soll hier genauso Beachtung finden wie die Berücksichtigung der sprachlichen (bzw. stilistischen) Implikationen der je einzelnen Texte, die unter Umständen eine andere Herangehensweise erfordern könnten.
Zuletzt sei nun auf den bereits mehrfach formulierten (cf. Kap. 1) zentralen Aspekt der hier geplanten analytischen Methode eingegangen, nämlich auf die Rekontextualisierung. Diesen Terminus verwendet Oesterreicher (1998:21–22) mit Rückgriff auf Fleischman (1990:37) als Schlüsselbegriff,141 um auf die Bedeutung der notwendigen Rekonstruktion des Kommunikationsraumes (bzw. des Produktions- und Rezeptionskontextes), in dem ein historischer Text einst funktionierte, hinzuweisen. Seine Herangehensweise ist vor dem Hintergrund des von ihm mitentwickelten Konzeptes von Nähe-Distanz zu sehen (cf. Koch/Oesterreicher 2011), so daß für ihn die zentrale Frage zunächst lautet, welche Kommunikationsbedingungen bei einem bestimmten Text anzusetzen sind (cf. Kap. 3.1.1). Jeder Diskurs und jeder Text ist eingebettet in einen bestimmten Handlungszusammenhang mit wiederum spezifischen Kommunikationsbedingungen wie ‚Grad der Öffentlichkeit‘, ‚Grad der Vertrautheit der Partner‘, ‚Grad der emotionalen Beteiligung‘ und ’physischen Nähe der Kommunikationspartner‘, ‚Grad der Kooperation‘, ‚Grad der Dialogizität‘142 oder ‚Grad der Themenfixierung‘.143 Während (mündliche) Nähediskurse im Allgemeinen stark von einer außersprachlichen Situations- und Handlungseinbettung gekennzeichnet sind, so daß deren Bedeutung nur unter Kenntnis dieses Kotextes rekonstruierbar ist, sind (schriftliche) Distanzdiskurse prinzipiell mit expliziteren Referenzbezügen ausgestattet. Handelt es sich jedoch um Schriftprodukte, deren Entstehungszeit nicht mehr ohne weiteres mit den aktuellen Parametern bestimmt werden kann, so kann sich die adäquate Einordnung – insbesondere von literarischen Texten, aber auch von juristischen, historiographischen, theologischen und anderen komplexen Gebrauchstexten – deutlich schwieriger gestalten.144 Dies liegt unter anderem daran, daß vor allem bei historisch weiter zurückliegenden Kommunikationssituationen, in denen einst ein bestimmter Text eingebettet war, die Beleglage für die Zeit womöglich lückenhaft ist – sicherlich jedoch in irgendeiner Weise defizitär. Ganz prinzipiell ist es jedoch auch der Tatsache geschuldet, daß es bei schriftlich niedergelegten Diskursen immer zu einer, wie es Oesterreicher (1998:22) nennt, „raum-zeitliche[n] Entkoppelung der Kommunikationssituation“ kommt oder, wie es Ehlich (2010:542) ausdrückt, zu einer „zerdehnten Sprechsituation“. Aus dieser Konstellation heraus plädiert Oesterreicher für eine umso größere Notwendigkeit, diachrone Schriftzeugnisse in ihre ursprüngliche Kommunikationssituation zu rekontextualisieren:
Die texthermeneutische Frage stellt sich jedoch insofern verschärft, als sich unter Umständen keine oder nur unvollständige oder einfach zu wenig historische Informationen zum jeweiligen kommunikativen Geschehen beibringen lassen. Trotzdem sind diese Texte grundsätzlich daraufhin zu befragen, wie sich ihre uns vorliegende schriftlich fixierte Form zu einem originären kommunikativen Geschehen verhält, das in der Regel zumindest in seiner Grundstruktur rekonstruiert werden kann. Den allgemein hermeneutisch zu konzipierenden Prozeß dieser Rekonstruktion der verschiedenen semiotischen Bezüge der Texte durch den Betrachter bezeichne ich im folgenden als Rekontextualisierung, die teilweise auch als eine Re-Inszenierung von Texten verstanden werden kann. (Oesterreicher 1998:22–23)
Im Zuge dieses hermeneutischen Vorgehens sind sowohl Implikationen, die aus der jeweiligen diskurstraditionellen Verankerung eines Textes resultieren, zu berücksichtigen, als auch solche, die sich durch den Verschriftungs- und Verschriftlichungsprozeß ergeben.145 Ziel ist es dabei, letztendlich die „Verluste“ des kommunikativen Rahmens einer historischen Konstellation soweit als möglich auszugleichen und die einstige „diskursive Einbettung“ wiederherzustellen (Oesterreicher 1998:24).146
Im Zuge seiner Überlegungen zur Problematik historischer Schrifterzeugnisse führt Oesterreicher (1998:26–27) noch einen weiteren Begriff ein, nämlich den der Textzentrierung. Darunter versteht er einen „schriftkulturelle[n] Prozeß, bei dem die ‚Ausblendung‘ der mit Diskursen ursprünglich verbundenen Vielfalt semiotischer Ausdrucksmodalitäten sich historisch sukzessive fixieren und diskurstraditionell festschreiben kann“ (Oesterreicher 1988:26). Dabei geht es vor allem um die beispielsweise in der mittelalterlichen Dichtung sichtbar werdenden Verfahren bei der Herausbildung von schriftlichen Diskurstraditionen, die zum Teil auf mündlichen Vorläufern basieren. In diesem Prozeß der Neukonstituierung treten bestimmte semiotische Verfahren eines Nähediskurses in den Hintergrund, während andererseits Textualitätsanteile zunehmen (Oesterreicher 1998:27).
Ohne prinzipiell diesen Prozeß und die damit verbundenen Veränderungen in der Kommunikation in Abrede stellen zu wollen, erscheint doch der wesentlichere Aspekt dieser beiden, die Oesterreicher (1998:27) „wohlunterschieden“ wissen möchte, derjenige der Rekontextualisierung zu sein. Aus diesem Grund soll dieses Prinzip, welches wichtige hermeneutische Verfahren impliziert, auch in vorliegender Untersuchung zentraler Bestandteil sein und als „Gegengewicht“ zu einer rein nach modernen linguistischen Termini ausgerichteten Textinterpretation (cf. Kap. 3.1) fungieren.
Im Rahmen der in der einleitenden Zielsetzung beschriebenen Methodik des Vorgehens in Bezug auf die Analyse der frühneuzeitlichen Texte (cf. Kap. 1.4) bildet die Herangehensweise mittels aktueller varietätenlinguistischer und soziolinguistischer Begrifflichkeiten, deren Grundlagen bereits erläutert wurden (cf. Kap. 3.1), den Fokus vorliegender Untersuchung. Eine rein auf dieser Methode fußende Analyse würde jedoch Gefahr laufen, voreilige oder ganz allgemein zu kurz greifende Ergebnisse zu folgern, vor allem im Hinblick auf eine womöglich überinterpretierte Modernität – im Sinne eines aktuellen linguistischen Verständnisses – der untersuchten Texte. Daher ist die hier vorgestellte Rekontextualisierung, im Sinne einer adäquaten zeitgeschichtlichen Verortung – und diese impliziert allgemein historische Epochenbezüge genauso wie spezifisch literarische –, unabdingbar, um eine geistesgeschichtliche Entwicklung, wie hier geplant, nachzuzeichnen. Diese Rekontextualisierung, wie sie von Oesterreicher (1998) im Hinblick auf eine sprachwissenschaftliche Nutzbarkeit hin konzipiert wurde, ist dabei nicht denkbar ohne die Tradition der klassischen Hermeneutik, spricht er doch selbst von der „Hermeneutik der Rekontextualisierung“ (Oesterreicher 1998:21).147
Unabhängig von den bei Oesterreicher nur kursorisch angesprochenen Bezügen zu dieser Disziplin, schien es daher notwendig, einige entscheidende Aspekte der hermeneutischen Analyse aufzugreifen. Dabei ging es nicht darum, sich dezidiert einem der großen Klassiker (Schleiermacher et al.) anzuschließen, sondern Überlegungen herauszustellen, die ganz konkreten Nutzen für die vorliegende diachrone Konstellation der Textinterpretation haben und als methodische Grundpfeiler fungieren können.
Die Arbeit mit Texten einer vergangenen Epoche zwingt einen somit unter Beachtung grundlegender hermeneutischer Prinzipien dazu, Relationen wie Vorstellungen bzw. Denkprozesse, Schriftzeugnisse, sprachliche Realisierung und zeitgenössischen Diskurs nur mit äußerster Vorsicht in Bezug zueinander zu setzen bzw. immer wieder neu zu überdenken und zu hinterfragen. Dieser Versuch einer Verankerung und Verortung der Korpustexte soll aus diesem Grund den zweiten methodischen Pfeiler vorliegender Untersuchung bilden und unter dem Schlagwort der Rekontextualisierung figurieren.
Das konkrete Vorgehen im Einzelnen ist dabei natürlich abhängig von der Art des Textes, seiner Strukturierung, seiner Intentionalität und seiner Bedeutung innerhalb des Diskurses. Ganz allgemein besteht das Ziel darin, jeden Text des Korpus in seinem zeitgeschichtlichen Kontext adäquat zu verorten. Bei dieser Vorgehensweise, die eine exakte Lektüre und eine umsichtige, aber dennoch dezidierte Interpretation beinhaltet, sollen die vorgestellten hermeneutischen Verfahren eine methodisch wichtige Grundlage bilden. Es geht letztendlich darum, den gegebenen Text so zu interpretieren, daß alle für die vorliegende Fragestellung relevanten Bezüge aufgedeckt werden, d.h. das untersuchte Traktat ist daraufhin zu bestimmen, welchen Platz es in der geschilderten Debatte um das Latein der Antike einnimmt, in welcher Relation es zu den anderen an diesem Disput involvierten Texten (und Autoren) steht, welche historische gesellschaftspolitische Implikationen hierbei zum Tragen kommen, welche grundlegende Zielsetzung bzw. Intentionalität ermittelt werden kann, im Rahmen welcher Diskurstradition es verfaßt wurde bzw. welche Textsorte oder Textgattung vorliegt und welche Versprachlichungsstrategien damit verbunden sind bzw. welcher stilistische Duktus damit einhergeht. Dies sei nur beispielhaft dafür angeführt, was es zu beachten gilt, wenn es darum geht, die Aufgabe der Rekontextualisierung durchzuführen. Dabei soll allerdings nicht eine Analyse der aufgezeigten Aspekte in vollem Umfang angestrebt, also z.B. alle intra- und intertextuellen Bezüge aufgezeigt werden, sondern nur solche die für die Beantwortung der vorliegenden Fragestellung von Relevanz sind und die dabei helfen, den untersuchten Text in seiner Entstehungszeit und seinen historischen Kommunikationsraum angemessen einzuordnen und ihn damit so zu verstehen, wie er intendiert wurde.
4. Die Architektur des Lateins
Nachdem im vorherigen Kapitel zur Methodik der Vorgehensweise die beiden Untersuchungsebenen für die vorliegende Analyse der frühneuzeitlichen Traktatliteratur vorgestellt wurden (cf. Kap. 3) und dabei im Rahmen der varietäten- und soziolinguistischen Theorie auch ein Entwurf für ein allgemein applizierbares diasystematisches Beschreibungsmodell ausgearbeitet wurde (Kap. 3.1.3), soll nun im Folgenden eine Bestandsaufnahme der Architektur des Lateins geleistet werden. Es handelt sich demnach um den Versuch, die Varietätenvielfalt des Lateins in der Antike aus moderner linguistischer Perspektive so adäquat wie möglich zu erfassen und zu beschreiben.
Der Fokus sei dabei auf das Latein der Antike gerichtet, also aus soziolinguistischer Perspektive auf seine Entwicklung bezüglich des Ausbaus als lingua viva und sein Verhältnis zu den Kontaktsprachen (Diglossie, Mehrsprachigkeit) sowie aus varietätenlinguistischer Perspektive auf seine Architektur. Dabei liegt der Schwerpunkt nicht wie in der Literaturgeschichte auf der Zeit des Klassischen und Nachklassischen Lateins, sondern auf der Entstehungsphase, in der die Herausbildung von bestimmten schriftsprachlichen Diskurstraditionen und der damit zusammenhängende erste Ausbau der Sprache stattfindet (cf. Kap. 4.1).148
Weieterhin soll aber auch ein Ausblick gegeben werden auf die weitere Geschichte – d.h. in erster Linie externe – des Lateinischen im Mittelalter, seinen Übergang von einer lebendigen Sprache zu einer immer weiter erstarrenden, d.h. seine Transformation von einer lingua viva in eine lingua morta viva bzw. später in eine lingua morta (cf. Kap. 4.2).149
Im Rahmen dieses Versuches, die aktuellen sprachwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Frage der Differenziertheit des Lateins auf verschiedenen diasystematischen Ebenen zu synthetisieren, soll schließlich zur Verdeutlichung der zuvor entworfene Beschreibungsrahmen, der auf der Basis der Modelle von Coseriu und Koch/Oesterreicher beruht (cf. Kap. 3.1.3), auf die Situation des antiken Lateins angewandt werden (cf. Kap. 4.3).
4.1 Lingua viva: Latein in der Antike
Die lateinische Sprache ist Teil des italischen Sprachzweigs der indogermanischen Sprachfamilie, der sich weiter in eine latino-faliskische und eine osko-umbrische (sabellische) Untergruppe aufgliedern läßt. Die Sprachen der Italiker, die im Zuge der sukzessiven Landnahme der Indoeuropäer den geographischen Raum der italienischen Halbinsel besiedelten und die bereits bestehenden altmediterranen Sprachen und Kulturen marginalisierten, differenzierten sich vermutlich zwischen dem 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. aus (cf. Haarmann 2010:65), werden aber erst durch ihre ersten schriftlichen Zeugnisse wirklich faßbar und kategorisierbar: Das Venetische ist ab dem 6. Jh. v. Chr. in Inschriften dokumentiert,150 das Oskische ab dem 3. Jh. v. Chr, das Umbrische ab dem 3.–2. Jh. v. Chr, das Südpikenische ab dem 6. Jh. v. Chr., das Faliskische ebenso wie das Latein in gleicher Weise ab dem 6. Jh. v. Chr. (cf. Meier-Brügger 2002:32–34; E 427–430).151 Alle weiteren italischen Sprachen und Varietäten bleiben (weitgehend) schriftlos.152
Das Lateinische hat zu Beginn seiner für uns faßbaren Sprachgeschichte eine äußerst begrenzte Reichweite, fungiert es doch im Wesentlichen allein als Muttersprache einer relativ kleinen Sprechergruppe, den Latinern (lat. Latini), die den Namen der ihnen zugehörigen Landschaft Latium tragen,153 doch diese nur zu einem Teil besiedeln. Im Süden sind sie begrenzt durch die Rutiler (lat. Rutili), Volsker (lat. Volsci) und Aurunker (lat. Aurunci), dahinter im Südosten durch die Samniten (lat. Samnites), im Osten durch die Sabiner (lat. Sabini), Äquer (lat. Aequi), Marser (lat. Marsi) und Herniker (lat. Hernici), im Norden durch die Falisker (lat. Falisci) und vor allem die Etrusker (lat. Etrusci, Tusci), die militärisch wie kulturell in Mittelitalien dominierend waren (8.–4. Jh. v. Chr.) und bei der Stadtwerdung von Rom (etrusk. Ruma) einen entscheidenden Anteil hatten.154
Im Zentrum des Interesses soll hier jedoch nicht die Diskussion um die Anfänge des Lateinischen oder die Datierung einer Ausgliederung aus dem Indogermanischen stehen, sondern es soll damit vielmehr auf die ungeheure Dynamik des Lateinischen verwiesen werden, welches sich von einer begrenzten Lokalvarietät weniger Sprecher zu einer vollausgebauten Schriftsprache entwickelt hat, zu einer Herrschaftssprache, die im Laufe ihrer Geschichte zahlreiche andere Sprachen und Varietäten überdacht hat und nach der koiné des Griechischen zur wichtigsten lingua franca des sogenannten klassischen Altertums wurde. Neben der Entwicklung hinsichtlich ihres Ausbaugrades und der Zunahme der Sprecher – sowohl der native speakers als auch solcher, die es als Verkehrssprache verwendeten – sei auch auf den Zeitraum des Aufstiegs verwiesen. Dabei deckt sich die sprachliche Entwicklungszeitspanne weitgehend mit der politischen, ganz nach dem Diktum Nebrijas (2011:3) „que siempre la lengua fue compañera del imperio“:
Fundiert man das mythische Gründungsdatum Roms (753 v. Chr.) archäologisch, so bekommt man ein ab urbe condita, welches ca. im 8./7. Jh. v. Chr. anzusetzen ist;155 die Expansion beginnt ab dem 5. Jh. v. Chr. und ist bis ins 3./2. Jh. v. Chr. zunächst auf Italien beschränkt, bevor dann vor allem auf Herrschaftsgebiete rund um das spätere mare nostrum ausgegriffen wird. Die größte Ausdehnung erreicht das Imperium Romanum in den Jahren 115–117 n. Chr. unter Trajan (Nerva Traianus Augustus, 98–117 n. Chr.), der durch weitreichende Eroberungen die Provinzen Dacia (106), Arabia (106), Armenia (114–117), Mesoptomia (115–117) und Assyria (115–117) einrichten konnte.156 Wichtige Etappen bzgl. sozio-politischer Veränderungen sind im Folgenden vor allem die Reichsreform (Tetrarchie, Dominat) unter Diokletian (Marcus Aurelius Gaius Valerius Diocletianus, 284–305 n. Chr.) und Konstantin (Flavius Valerius Aurelius Constantinus, 306–337 n. Chr.) sowie die Reichsteilung nach Theodosius (Flavius Theodosius, 379–395 n. Chr.) im Jahre 395 n. Chr. mit je entsprechender neuer Provinzialordnung. Sein formales Ende findet das weströmische, lateinisch geprägte Reich, welches ab dem 3./4. Jh. n. Chr. der beginnenden Völkerwanderung und zunehmenden innenpolitischen Wirren ausgesetzt ist, schließlich im Jahre 476 n. Chr. mit der Abdankung des letzten Kaisers Romulus Augustulus (475–476 n. Chr.).
Die sprachliche Parallele besteht darin, daß die ersten schriftlichen Zeugnisse bereits kurze Zeit nach der Stadtgründung auftreten (7./6. Jh. v. Chr.), erste längere Inschriften ab dem 5./4. Jh. v. Chr., literarische Texte ab dem 3. Jh. v. Chr. und das Latein seinen vermutlich größten Ausbaugrad in der klassischen und nachklassischen Periode der lateinischen Literatur erreichte (ca. 1. Jh. v. Chr.-2. Jh. n. Chr.). Der Prozeß der Romanisierung und Latinisierung, also die kulturelle und sprachliche Durchdringung der eroberten Gesellschaften, der in Italien selbst bis ins 1. Jh. v. Chr. dauerte,157 intensivierte sich in den anderen Provinzen oft erst ab dem 2./3. Jh. und war in manchen Regionen hingegen erst gegen Ende des Imperium abgeschlossen ist (3.–5. Jh.).158
Hiermit soll deutlich gemacht werden, daß man der internen Variabilität und der sprachgeschichtlichen Entwicklung des Lateins der Antike nicht gerecht würde, es als eine synchrone Einheit darzustellen – dies wäre höchstens in Bezug auf das klassische Latein denkbar, welches sich innerhalb einer relativ kurzen Periode zu einer Norm- und Standardsprache entwickelte (ca. 100 Jahre).159 Das Lateinische umfaßt schließlich eine Zeitspanne von wenigstens 1200 Jahren, in der sich die Sprache sowohl in Bezug auf ihre Natur (Struktur, Lexikon, Stratifikation) als auch hinsichtlich ihres Platzes in der Gesellschaft maßgeblich gewandelt hat.
4.1.1 Die Periodisierung
Bevor nun die hier zentrale Frage nach den Varietätendimensionen des Lateins aufgegriffen wird, sei zuvor noch kurz ein Überblick über die Periodisierung der Sprache in historischer Zeit gegeben und damit auch gleichzeitig die historische Dimension des Lateinischen hervorgehoben. Die verschiedenen Epochen der lateinischen Sprachgeschichte seien mit geringen Abweichungen im Wesentlichen nach dem verbreiteten Periodisierungsmodell von Meiser (2010:2, § 2) dargestellt (cf. Steinbauer 2003:509–514; Michel 2005:183–184; Müller-Lancé 2006; 21–45; Willms 2013:223), welches zwar vor allem auf syntaktischen und stilistischen Veränderungen basiert (cf. Willms 2013:223), sich damit aber auch mit den traditionellen literarischen Epochen in Einklang befindet, so daß hier kanoniserte Periodisierung mit einigen linguistischen Fakten untermauert wird. Bei anderen mehr oder weniger stark davon abweichenden Modellen ist meist insbesondere die Periode des klassischen Lateins zeitlich divergierend verortet, d.h. über das augusteische Zeitalter hinaus bis ins 3./4. Jh. n. Chr. (cf. Weiss 2009:23) oder gar bis um 400 n. Chr. (cf. Dietrich/Geckeler 2007:130 bzw. Coseriu 1987:264) ausgedehnt.
Die Frage, ab wann das Spätlatein einerseits in das Romanische und andererseits ins Mittellatein überging, ist wiederum eher Gegenstand einer anderen Diskussion, die vornehmlich die Romanistik und Vulgärlateinforschung beschäftigt (cf. Kap. 4.2).
4.1.1.1 Frühlatein
Die erste Phase der lateinischen Sprachgeschichte wird meistens als ‚Frühlatein‘160 bezeichnet und umfaßt die Zeit von den ersten schriftlichen Zeugnissen bis zum Beginn der literarischen Textproduktion, woraus sich eine Datierung vom ca. 7./6. Jh. – 240 v. Chr. ergibt. Voraussetzung für die Verschriftung des Lateins war die Übernahme der Alphabetschrift von den Etruskern, deren Schriftsystem wiederum auf ein westgriechisches zurückgeht, nämlich das euböisch-chalkidische (cf. Aigner-Foresti 2003:18; Haarmann 2004:66). Die Übernahme des etruskischen Alphabets durch die Römer und dessen Weiterentwicklung auch unter direktem griechischen Einfluß (cf. Brekle 1994:185) zu einem eigenen lateinischen Alphabet, welches der zu verschriftenden Sprache möglichst gerecht wird, ist dabei eine kaum zu unterschätzende Kulturleistung für die westliche Welt, wenn man aus einer ex post-Perspektive die heutige Verbreitung dieser Alphabetschrift und die damit geschaffene Literatur und ihre Verwendung bei Gebrauchstexten betrachtet.
Die ersten Inschriften sind oft in scriptio continua, links- oder rechtsläufig, verfaßt – manche auch boustrophedon – und zeugen von einer Entstehungsphase vor der orthographischen Normierung, d.h. z.B. Verwendung von Buchstaben wie z oder k und Schriftzeichen, die eher als griechisch oder etruskisch zu klassifizieren sind (cf. Poccetti/Poli/Santini 2005:191–192; Brekle 1994:185). Zu den wichtigsten frühen Dokumenten in lateinischer Sprache werden mit stark schwankender Datierung üblicherweise die folgenden gerechnet: die Manios-Spange (Fibula Praenestina, 7. Jh. v. Chr.),161 die Duenos-Inschrift (2. Viertel 6. Jh. v. Chr.) auf einem Drillingsgefäß, der Lapis Satricanus (6. Jh. v. Chr.), die Altarbasis von Tibur (6. Jh. v. Chr.), die Madonetta von Lavinium (Bronzeplatte, 6. Jh. v. Chr.), das Gefäß von Ardea (2. Hälfte 6. Jh. v. Chr.), der Lapis Niger (ca. 1. Viertel 6. Jh. v. Chr.),162 die Cista Ficoroni (cista aus Bronze, 315 v. Chr.) und das Scipionenelogium (Grabinschrift der Scipionen, Ende 3. Jh. v. Chr.) (Schmidt 1996:3; Meiser 2010:2–9, § 2–5).163
Ein wichtiges, aber nicht unproblematisches Zeugnis des Frühlateins ist das Zwölftafelgesetz (Leges duodecim tabularum), der erste längere zusammenhängende Text des Lateinischen. Ursprünglich auf Bronzetafeln festgehalten, die auf der Rednerbühne (rostra) vor dem Senatsgebäude (curia) am Forum Romanum aufgestellt waren, wurden sie womöglich im Zuge der Gallierkatastrophe (dies ater von 387 o. 390 v. Chr.) zerstört. Die uns überlieferten Textpassagen (Paraphrase oder Zitat), wie sie beispielsweise in Werken Ciceros (Marcus Tullius Cicero, 106–43 v. Chr.; De re publica, De legibus) und anderen Autoren zu finden sind, wurden partiell „modernisiert“, d.h. dem jeweiligen Sprachstand angepaßt, wodurch sie als Referenz für die Frühzeit nur eingeschränkten Wert haben (cf. Palmer 1990:67; Steinbauer 2003:511).
Ebenfalls nur indirekt überliefert sind die rituellen Gesänge der carmina salinaria und des carmen arvale. Letzteres ist ein altes Kultlied, welches die Priesterkooperation der fratres Arvales zu Ehren des Kultes der Dea Dia am 2. Festtag sang bzw. aufführte (Tanz mit Dreischritt). Überliefert ist es dank des Brauches der Bruderschaft (12 Mitglieder), Acta zu führen, so daß es in einer Inschrift auf Marmor aus dem Jahre 218 v. Chr. erhalten ist, die wahrscheinlich aber eine Kopie einer älteren Vorlage darstellt; die Sprache ist so archaisch, daß sie in historischer Zeit bereits nicht mehr verstanden wurde (cf. Kleiner Pauly IV:1511). In gleicher Weise unverständlich, auch den Priestern selbst, waren die carmina salinaria (cf. Quintilian, Inst. orat. I, 6, 40; 2001 I:180), die von den salii zu Ehren des Mars und Quirinus gesungen wurden und nur in verschiedenen späteren Fragmenten erhalten sind (cf. z.B. Varro, De ling. lat. VII, 26, 27; 1958 I:292–294).164
Das für uns in Dokumenten faßbare Latein der Frühzeit und die Umstände seiner Entstehung sind vor dem Hintergrund der kulturellen Vielfalt und des Austausches innerhalb der italienischen Halbinsel bzw. kleinräumiger gesehen am Unterlauf des Tibers zu betrachten. Hier entsteht eine pluriethnische Gesellschaft, bestehend aus zu dieser Zeit autochthonen Elementen wie der faliskischen Kultur, der sabinischen, etruskischen und schließlich der latinischen sowie aus kolonialen wie der griechischen und phönizischen Kultur. In diesem Umfeld entsteht und formt sich die lateinische Sprache im Sprachkontakt mit ihren Nachbarn, bevor sie sich zur koiné Italiens und der westlichen Welt entwickelt:
Die ‚Herausbildung‘ des Lateins der Stadt Rom (so wie parallel dazu der verschiedenen lokalen Varietäten des Lateins außerhalb Roms) schon in archaischer Zeit ist daher das Ergebnis eines sprachlich-kulturellen Pluralismus […]. (Poccetti/Poli/Santini 2005:65)
Diese Durchdringung der einzelnen Kultur- und Sprachgemeinschaften zeigt sich beispielsweise daran, daß man sowohl etruskische Inschriften auf latinischem Gebiet gefunden hat (in Roma, Praeneste, Satricum), als auch lateinische (Tita Vendia-Vase in Caere) und altitalische (Setums-Krater in Tolfa) auf etruskischem Territorium sowie griechische (Gabii) und phönizische (Caere-Pyrgi) in beiden Regionen.165 Weitere Indizien für die Kohabitation der Kulturen sind z.B. die etruskische tessera hospitalis aus Rom (6. Jh. v. Chr.) sowie im Bereich der Anthroponomastik die sabinischen und etruskischen Namen (sab. Titus Tatius, Numa Pompilius; etrusk. Tarquinius, Servius Tullius) der stadtrömischen Geschichte (cf. Poccetti/Poli/Santini 2005:64–68). Die wie Meier-Brügger (2002:32, E426) es formuliert „kulturelle Koine“ unter Beteiligung der Etrusker, Latiner, Falisker und Sabeller ist dadurch charakterisiert, daß es sich um plurilinguale Gesellschaften handelt, Mehrsprachigkeit war also der Normalfall und nicht die Ausnahme.166
Poccetti/Poli/Santini (2005:66) gehen demgemäß davon aus, daß in Rom sowohl eine sabinische167 Varietät gesprochen wurde als auch eine etruskische Varietät. Dies ist vor dem Hintergrund der „Homogenisierung“ der wichtigsten Sprachräume Mittelitaliens zu sehen (mit entsprechenden Konvergenzen), dem des Etruskischen, dem des Latinischen und dem des Sabinischen (Oskischen) sowie in Zusammenhang mit den damit verbundenen gemeinsamen Akkulturationsprozessen, wie z.B. der Alphabetisierung (ibid.:76).
Dabei besteht insofern ein wichtiger Unterschied zwischen den beteiligten Kontaktsprachen, als aufgrund der engen Verwandtschaft die gegenseitigen Interferenzen zwischen dem Sabinischen und Lateinischen recht groß waren und im Zuge der Expansion des Lateinischen das Sabinische wie auch das Faliskische Teil des lateinischen Diasystems wurden. Die sich herausbildende Standardsprache selegiert dabei aus allen Varietäten dieses erweiterten Sprachsystems. Das Etruskische hingegen, dessen Andersartigkeit auch im Sprachbewußtsein der Latiner verankert war, hatte in Rom noch längere Zeit den Status einer wichtigen Prestigesprache bis ins 4. Jh. v. Chr., dokumentiert bei Livius (IX, 36), der davon berichtet, daß der Nachwuchs der Oberschicht in den etruskischen litterae unterwiesen wird (cf. Poccetti/Poli/Santini 2005:67).
Versucht man die Sprachsituation im Rom der Frühzeit im Lichte des sozio-linguistischen Modells von Ferguson (1959) und Fishman (1967) zu erfassen, so ergeben sich mehrere low-varieties mit dem wohl mehrheitlich verwendeten Latein sowie weiteren italischen Sprachen (Faliskisch, Sabinisch bevor sie vom Latein absorbiert wurden) und einem „umgangssprachlichen Etruskisch“, während auf der Seite der high-varieties wohl vor allem zwei Sprachen zu verorten sind, nämlich Etruskisch als lokale Distanzsprache in Etrurien sowie Griechisch als quasi omnipräsente Adstratsprache und Distanzsprache von „internationaler“ Reichweite mit einem übergeordneten Prestige. Hinzu kommt nun an dieser Bruchstelle der Sprachgeschichte das nun nach und nach verschriftete Latein, welches sich aber wohl letztlich erst mit Beginn der literarischen Periode (Altlatein) und einer konzeptionell elaborierten Verschriftlichung den Status einer vollgültigen Distanz- und Prestigesprache erarbeiten kann.
Betrachtet man nun die Frage nach dem Ausbaugrad des Lateins im Zuge der Konzeption von Kloss (1978, 1987), so ist zu konstatieren, daß sich das Latein, was die Schriftlichkeit anbelangt, zunächst nur in wenigen Diskurstraditionen bewegt, dort aber bereits einen beachtlichen Grad an sprachlicher Elaboriertheit aufweist. Steinbauer (1996:510–511), der das komplexe Bedingungssatzgefüge der Duenos-Inschrift analysiert,168 charakterisiert diese Tatsache sogar als „verblüffend“ und erklärt den scheinbar ebenfalls ex nihilo entstandenen komplexen juristischen Text des Zwölftafelgesetzes aus einer „vorhistorischen“ Fähigkeit,169 derartige Rechtsinhalte adäquat auszudrücken.
Bei genauerer Betrachtung läßt sich jedoch relativ klar nachzeichnen, daß die ersten Schriftprodukte des Lateinischen im Rahmen von verschiedenen bereits etablierten Diskurstraditionen entstanden sind, es sich dabei jedoch um eine Verschiebung der Sprache und/oder von der Mündlichkeit zur konzeptionellen Schriftlichkeit vollzogen hat.
Die wichtigsten Diskurstraditionen werden dabei von der im östlichen Mittelmeer und Vorderen Orient dominierenden griechischen Kultur übernommen, und zwar bereits vor der Zeit des Hellenismus, in der griechische Staaten politische Großmächte wurden. Es scheint wohl kein Zufall, daß der Beginn der griechischen Kolonisation (ab ca. 750 v. Chr.) mit dem Beginn der Schriftlichkeit in Italien zusammenfällt, denn der daraus entstehende Kultur- und Sprachkontakt ist in dieser Hinsicht entscheidend. Im Bewußtsein der Römer sind die Griechen nicht nur Nachbarn in der Magna Graecia (Μεγάλη ʾΕλλάς),170 sondern übergeordnete Referenzkultur mit dem Zentrum in Griechenland selbst; aber auch die Griechen selbst vereinnahmen Rom als πόλις ʾΕλληνίς (Herakleides Pontikos, Fr. 102) und sehen die Völker Italiens als Teil ihres Kosmos.
Die Übernahme von Diskurstraditionen durch die Römer bzw. Latiner sei dabei zunächst anhand von zwei Beispielen der frühesten Schriftlichkeit illustriert: So zeitigt ein Tonkrug (Ende 7. Jh. v. Chr.) aus der latinischen Stadt Gabii die lateinische Inschrift salvetod Tita (‚zum Wohl/auf das Wohl von Tita‘), was im Zuge eines convivium wohl als an eine Frau gerichtetes Hochzeitsgeschenk zu interpretieren ist. Der Brauch des wohlmeinenden Grußes auf einem Trinkgefäß ist auch durch ähnliche griechische Funde in Lavinium und Rom dokumentiert, wobei die Aufschrift hier χαῖρε (‚seid gegrüßt‘) lautet. Auch wenn hier die Diskurstradition in ihrer konkreten sprachlichen Realisierung nur aus ein bis zwei Lexemen besteht, ist sie doch als eine solche anzusehen, da hier eine gewisse nicht zufällige Formelhaftigkeit im Sinne einer Wiedergebrauchsrede dokumentiert ist.
Auch im Text der Inschrift des Duenos-Gefäßes, eines der ältesten Dokumente des Lateinischen, finden sich sprachliche Elemente, die auf eine griechische Vorlage deuten, und zwar gemahnt einerseits das duenos (lat. bonus) an die griechische Formel171 καλός καὶ ἀγαθός und die Zweigliedrigkeit der Konstruktion mit duenos …duenoi entspricht Verschriftungen auf griechischen Gefäßen mit καλός …καλῷ, und andererseits ist auch die Schlußformel ne med malos tatod an eine ähnliche apotropäische bei griechischen Funden angelehnt (zu den Exempla cf. Poccetti/Poli/Santini 2005:97–98).
Bezüglich des ersten längeren und bereits elaborierten Text, des Zwölftafelgesetzes, verweist die römische Tradition der Entstehung selbst explizit darauf, daß man sich bei der Konzeption von Gesetzestexten verschiedener griechischer poleis hat inspirieren lassen, insbesondere von denen Solons in Athen, zu welchem Zweck vom Senat eine Zehnmännerkollegium (decemviri) ausgesandt wurde. Auch sprachlicher Einfluß wie die lexikalischen Entlehnungen dolus (δόλος) oder poena (ποινή) sowie syntaktische Übereinstimmungen dokumentieren das diskurstraditionelle Vorbildmodell im griechischen Kulturraum.
Da es sich bei den genannten Beispielen, auch denen aus den frühen Inschriften, keinesfalls um zufällige sprachliche Übereinstimmungen handelt, sondern um tragende Versprachlichungsstrategien bestimmter Kommunikationsformen (cf. die Exempla supra), ist es hier durchaus legitim, von der Übernahme von Diskurstraditionen zu sprechen. Der dafür notwendige Kultur- und Sprachkontakt im Sinne einer Prämisse für die Tradierung von Diskurstraditionen läßt sich insofern belegen, als das Griechische nicht nur an sich früher verschriftet (und verschriftlicht) wurde, sondern auch in Latium die griechischen Schriftzeugnisse vor den lateinischen nachweisbar sind, so z.B. in Gabii (1. Hälfte 8. Jh. v. Chr.) und auch in Rom selbst (7. Jh. v. Chr.), aber auch rein sprachlich gesehen an den Gräzismen, die schon in der ersten lateinischen Dokumenten auftreten (cf. Poccetti/Poli/Santini 2005:98–99).172
Ein anderer Entstehungsstrang der frühen lateinischen Zeugnisse ist auf italische bzw. italisch-etruskische Diskurstraditionen zurückzuführen. Für den Bereich des Rechts, der erstmals in den genannten 12 leges seinen Niederschlag fand, ist eine von Rechtsformeln- und -verfahren bestimmte mündliche Diskurstradition zu konstatieren, die lateinischen bzw. italischen Ursprung hat. Dies ist u.a. an der Etymologie und Verwendungsweise einzelner Fachtermini ersichtlich. Das mündliche Element der lateinischen Rechtsprechung schwingt in Lexemen und Ausdrücken wie ius dicere, testamentum nuncupare, provocatio, appellatio oder advocatus mit sowie in solchen, die die Gestik zum Gegenstand haben, wie z.B. manu missio. Diese „versteckte“ Mündlichkeit läßt auf eine Rechtstradition mit festgelegten Verfahren und sprachlichen Formeln schließen, die bereits vor der Schriftlichkeit existiert haben, dann aber in den Verschriftlichungsprozeß miteingeflossen sind (cf. Poccetti/Poli/Santini 2005:205–206).
Eine weitere Art der diskurstraditionellen origo der lateinischen Schriftlichkeit ist im religiös-rituellen Bereich der italischen Kultur zu verorten, und zwar im carmen. Diese Art des Gebets besteht üblicherweise aus einem rezitativ-rhythmischen Gesang, der mit einer Prozession oder Tanzdarbietung einhergeht. Auch hier liegen die Wurzeln in der Mündlichkeit, wobei hier von einer „distanzsprachlichen, elaborierten Mündlichkeit“ (Koch/Oesterreicher 1985:31) auszugehen ist,173 die einerseits fortgeführt wird, andererseits aber auch der schriftlichen Fixierung unterliegen kann (cf. carmen Arvale, carmina salinaria, carmen von Livius Andronicus an Iuno regina, v. infra) (cf. Gärtner 1990:101; Poccetti/Poli/Santini 2005:215–217).174
Ebenfalls im religiösen Bereich anzusiedeln ist der im etruskischen, samnitischen und römischen Umfeld anzutreffende Brauch der libri lintei (nicht erhalten), listenartige Zusammenstellungen der Amtspersonen sowie weitere kurze Ausführungen, die die Grundlage der späteren Annalistik bildeten. Die tabulae Iguvinae (6.–1. Jh. v. Chr.)175 enthalten Sühne- und Reinigungsformeln, stehen also auch in einem Kontext einer etruskisch-italischen Diskurstradition bezüglich religiöser, ritualisierter Texte, die zunächst mündlich (z.B. pompa funebris), später schriftlich konzeptionalisiert wurden (zu den Exempla cf. Poccetti/Poli/Santini 2005:219; Albrecht 2012 I:314–315).176
Resümiert man nun noch einmal die Frage nach dem Ausbau des Frühlateins, so ist festzustellen, daß die ersten Zeugnisse zum einen nur bestimmte Bereiche mit spezifischen Textsorten abdecken (Jus: Gesetztestexte; Religion: Weihegeschenke, Grabinschriften, Kultlieder), andererseits dort aber partiell bereits einen gewissen Grad an Elaboriertheit erreicht haben, der sich auf der Übernahme von schon vorhandenen Diskurstraditionen gründet, und zwar mündlichen wie schriftlichen, etruskisch-italischen und auch griechischen.
Charakteristisch für die Frühzeit ist also parallel zu den Prozessen die Koch/Oesterreicher (2011:136) in Anlehnung an Kloss für die romanischen Sprachen herausgearbeitet haben, die Erarbeitung erster Distanzdiskurstraditionen im Rahmen eines extensiven Ausbaus der Sprache und dem damit verbundenen intensiven Ausbau, d.h. der Erweiterung der Ausdrucksmittel. Bezüglich des Ausbaugrades ist zunächst noch von einem insgesamt eher niedrigen auszugehen, auch wenn bereits gewisse Ansätze sprachlicher Elaboriertheit in bestimmten Kontexten auftreten. In Anlehnung an die bei Krefeld (1988:749–750) beschriebene „Vorausbaustufe“ und die bei Kloss (1987:304) für die deutschen Varietäten beschriebenen Phasen muß man das Lateinische dieser Epoche entsprechend der Art der auftretenden Schriftlichkeit zwischen zunächst Vorausbau und dann erster Ausbauphase situieren.
4.1.1.2 Altlatein
Der Beginn der zweite Periode, die des Altlateins (240 v. Chr-80 v. Chr.), wird durch die Konfrontation mit der auf literarischem Gebiet bis dahin dominierenden griechischen Kultur markiert, und zwar insofern für das „Epochenjahr“ (Albrecht 2012 I:45) 240 v. Chr. anläßlich der ludi Romani die erste Aufführung eines Dramas in lateinischer Sprache nachgewiesen ist, welches auf einer griechischen Vorlage beruhte, die durch den ersten namentlich bekannten lateinischen Dichter Livius (Livius Andronicus, 3./2. Jh. v. Chr.) umgearbeitet wurde.
Vermutlich als griechischer Kriegsgefangener im Zuge des Krieges gegen Tarent nach Rom verschleppt, wirkte Livius zunächst als grammaticus, hatte somit im Haus seines Herrn die Aufgabe, die griechischen Literatur zu übersetzen und zu erläutern (interpretari) sowie vorzutragen (praelegere). Als Dichter schuf er unter anderem eine lateinische Adaption der homerischen Odyssee (Odusia), das wohl erste römische Epos, wobei er die griechischen Hexameter in das Versmaß des Saturnier übertrug, dazu Tragödien – vor allem Cothurnatae, aber auch Palliatae – (z.B. Danae, Equos Troianus, Achilles, Aegisthus) und zumindest eine Komödie (Gladiolus) sowie ein nicht erhaltenes carmen (207 v. Chr.) zu Ehren der Iuno Regina.
Hervorzuheben ist in diesem Kontext, daß die Aufführung des Theaterstückes (fabula) in lateinischer Sprache auf eine staatliche Anordnung eines römischen Magistrats (Ädil) zurückgeht. Hintergrund ist die Tatsache, daß Rom als aufstrebende Herrschaftsmacht nach dem Gewinn des 1. Punischen Krieges (264–241 v. Chr.) und der Einrichtung der ersten Provinzen (Sicilia, 241 v. Chr; Corsica et Sardinia, 238 v. Chr.) als neuer politischer Machtfaktor beargwöhnt wurde und man den Römern vor allem von Seiten der hellenistischen Staatenwelt kulturelle Rückständigkeit vorwarf (cf. Baier 2010:7–11).177
Diesen Vorwurf zu entkräften war Teil einer Staatspolitik, die damit auch gleichzeitig sprachpolitische Implikationen hatte. Modell und Maßstab mußte dabei das Griechische sein, zum einen um die Gleichwertigkeit nachzuweisen, zum anderen weil keine andere Sprache in diesem Kulturraum ein vergleichbares Spektrum an literarischen Gattungen und Diskurstraditionen bot und damit auch die entsprechende sprachliche Elaboriertheit bzw. den hohen Grad an Ausbau.
Die römische Literatur ist demgemäß von der griechischen inspiriert, wobei – wie Baier (2010:8) hervorhebt – die römische Originalität jedoch nicht der modernen Vorstellung einer absoluten Neuschöpfung verpflichtet ist, sondern unter dem Leitgedanken einer interpretatio Romana funktioniert. Hierbei gelten die Prinzipien der imitatio (‚Nachahmung‘) und aemulatio (‚wettbewerbsmäßige Nacheiferung‘), d.h. der zugrundeliegende Gedanke besteht darin, es dem Vorbild gleichzutun bzw. es eventuell sogar zu übertreffen.178
Übersetzungen bzw. mehr oder weniger freie Übertragungen spielen zu Beginn der Verschriftlichungsphase bzw. in der literarischen Frühphase einer Sprache ganz typischerweise eine wichtige Rolle, geht es doch meist darum, die in einer Modellsprache bereits abgefaßten Texte mit etablierten Diskurstraditionen zu übernehmen und den eigenen sprachlichen Ausbau mit Hilfe eben dieser Prestige-Sprache voranzutreiben, wobei dies sowohl bewußt im Sinne einer Sprachpolitik geschehen kann als auch eher unbewußt mangels Alternativen bzw. vor dem Hintergrund des in diesem Kulturraum einzig funktionierenden und anerkannten Modells.
Man vergleiche dazu beispielsweise auch ähnliche Prozesse bei der Herausbildung von literarischen Diskurstraditionen in den romanischen Sprachen. Man spricht auch von „vertikaler“ Übersetzung, im Mittelalter und der Frühen Neuzeit als descensus verstanden, d.h. vom Lateinischen (und später Griechischen) in die jeweiligen Volkssprachen. In Bezug auf das Italienische spricht man von volgarizzamento, d.h. die Übersetzung bzw. Übertragung lateinischer Texte (wissenschaftliche, sakrale, literarische) in die italienische Volkssprache (volgare), im Spanischen von romanceamiento, d.h. von einer Übersetzung ins romance (hispánico) und im Französischen von vulgarisation (cf. Giovanardi 2006:2198–2199; Endruschat/Schäfer-Prieß/Schöntag 2006:1416–1419; Albrecht/Plack 2018:43).
In diesem Sinne der oben angesprochenen imitatio ist auch die Nachdichtung der Römer in Bezug auf die griechische Tragödie zu werten und die Charakterisierung Ciceros („non verba sed vim“, Ac. post. I, 10) ein schönes Dokument für diesen Prozeß sowie der reflektierten Selbstwahrnehmung.
Als weitere frühe Vertreter der lateinischen Literatur sind der Dichter Naevius (Gnaeus Naevius, 3. Jh.-nach 204 v. Chr.), dessen Werk – Komödien (z.B. Tarentilla, Hariolus), Tragödien (z.B. Lycurgus), Praetextae (Clastidium/Marcellus, Romulus/Lupus) und ein Epos (Bellum Poenicum) – allerdings nur in wenigen Fragmenten überliefert ist, sowie die Komödiendichter Plautus (Titus Maccius Plautus, ca. 250–184 v. Chr.) und Terenz (Publius Terentius Afer, ca. 195/185–159 v. Chr.) zu nennen. Von beiden letzteren sind zahlreiche Theaterstücke erhalten (von Plautus 21: z.B. Aulularia, Bacchides, Stichus, Mercator, Amphitruo, Miles Gloriosus (tragicocomoedia), Asinaria, Menaechmi; von Terenz 6: Hecyra, Andria, Adelphoi, Phormio, Eunuchus, Heautontimorumenos), die zudem eine wichtige Quelle des zeitgenössischen Lateins darstellen, da sie gattungsbedingt auch viele Elemente eines niedrigen Registers enthalten und sie somit im Spiegel einer fingierten Mündlichkeit vorsichtige Rückschlüsse auf die mutmaßlich gesprochenen Varietäten der Zeit zulassen. Während Plautus und Terenz die römische Komödie in griechischem Gewand pflegten, die Palliata (fabula palliata), transponierten ihre Epigonen Titinius179 (2. Jh. v. Chr.) und Afranius (Lucius Afranius, 2./1. Jh. v. Chr.) die Handlung ins römische Milieu und schufen die Togata (fabula togata) (cf. Poccetti/Poli/Santini 2005:309–310; Baier 2010:47–54).
Prägend für die frühe lateinische Literatur und damit auch wichtige Protagonisten im Prozeß des Sprachausbaus sind Ennius (Quintus Ennius, 239–169 v. Chr.),180 der, fragmentarisch überliefert, zwanzig Tragödien (z.B. Eumenides, Achilles, Andromacha aechmalotis, Iphigenia, Medea exul), Satiren (Saturae), zwei Prätextae (Sabinae, Ambracia) und ein Geschichtsepos (Annales) hinterlassen hat, sowie Cato d.Ä. (Marcus Porcius Cato Censorius, 234–149 v. Chr.), bekannt als prägender Staatsmann, Historiker (Origines) und Verfasser einer Abhandlung zur Landwirtschaft (De agri cultura) (Baier 2010:40–43, 119).
Insbesondere Cato ist hierzu als wegweisend zu betrachten, insofern er als Begründer der römischen Prosaliteratur gilt und bereits zahlreiche Textgattungen bedient, und zwar neben der Rhetorik und Geschichtsschreibung eine Reihe weiterer fachwissenschaftlicher Subdisziplinen erstmals auf Latein behandelt (cf. Fuhrmann 1999:100–102).
In die altlateinische Periode fallen auch noch einige Inschriften, die normalerweise im Zuge der ersten schriftlichen Zeugnisse genannt werden (cf. z.B. Meiser 2010:5, § 4), die aber aufgrund ihrer Sprachlichkeit nicht mehr zum Frühlatein zu rechnen sind, so z.B. der Senatus Consultum de Bacchanalibus (Bronzetafel, 186 v. Chr.), der im Zuge des sog. Bacchanalienskandals entstand.
Betrachtet man nun die sprachliche Situation in Rom und auf der italienischen Halbinsel in dieser Epoche, so ist ein tiefgreifender Wandel festzustellen. Zu Beginn der altlateinischen Zeit war die Eroberung bis zur Grenze des Po zwar abgeschlossen, doch eine tiefgreifende Romanisierung und damit einhergehende Latinisierung setzte erst in den folgenden Jahrhunderten ein. Aus dem Stadtstaat Rom wird dabei kein Flächenstaat, aber eine polis mit einem ausgedehnten Territorium, welches zunächst Italien und seine Inseln umfaßt, bis zu Beginn des 1. Jh. v. Chr. dann schließlich auch weitere Mittelmeerregionen in Ost und West vereinnahmt (Gallia Cisalpina, 222–197 v. Chr.; Hispania citerior, Hispania ulterior, 197 v. Chr; Macedonia, Illyricum, 168 v. Chr.; Achaia, Asia Minor, 146 v. Chr.; Gallia Narbonensis, 121 v. Chr.). Diese politische Expansion bleibt nicht ohne Auswirkung auf Sprache und Gesellschaft. Aus dem Stadtdialekt einer Kleinstadt in Latium wird eine internationale Verkehrssprache und es wird nach und nach die Muttersprache zahlreicher bis dato anderssprachiger Ethnien. Die Akkulturation und Latinisierung vollzieht sich in den verschiedenen Regionen unterschiedlich schnell, auch abhängig vom Grad der Verwandtschaft der jeweils betroffenen Sprache sowie von ihrem Prestige und der reinen Anzahl der Sprecher.
So ist das am nächsten verwandte Faliskische relativ bald ausgestorben (ca. 2.–1. Jh. v. Chr.) bzw. nicht mehr vom Latein zu differenzieren.181 Auch das kaum dokumentierte Sabinische, welches in Rom und vor den Toren Roms gesprochen wurde und maßgeblichen Einfluß ausübte, hörte vermutlich im 2.–1. Jh. v. Chr. auf zu existieren bzw. wurde zunehmend latinisiert (cf. Poccetti/Poli/Santini 2005:67).182 Ähnlich erging es anderen angrenzenden Völkern wie den Volskern, Äquern oder Aurunkern. Für diese Nachbarn kann man eine Phase des Bilingualismus postulieren, der zumindest teilweise diglossischen Charakter hatte, insofern Latein mit zunehmenden Prestige als high-variety funktionierte.
Ein wenig anders gelagert ist die Situation für das Oskische, welches ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Kultursprache war (z.B. Atellane, v. infra). So sind Inschriften aus Pompeji und Herculaneum belegt, woraus man eine Vitalität der Sprache zumindestens bis ins 1. Jh. n. Chr. postulieren kann. Von Ennius ist überliefert, daß er Oskisch, Latein und Griechisch sprach (cf. Knobloch 1996:25).183 In Süditalien waren dabei alle drei Idiome beheimatet und damit auch Sprachen des täglichen Gebrauchs, wobei schriftsprachlich Griechisch zusätzlich als high-variety einzustufen ist, und zwar deshalb, weil sie als Sprache des Handels, der Kultur sowie allgemein als meist verbreitete Schriftsprache fungierte.
Eine Kultursprache war auch das Etruskische, welches in der Frühphase Roms aufgrund seiner politischen und kulturellen Dominanz ein wichtiges Element in der römischen Kultur wurde und auch sprachlich vielfältige Spuren (Lexikon, Akzentsetzung) im Lateinischen hinterlassen hat (cf. Knobloch 1996:27). Nichtsdestoweniger wurde das Etruskische durch das Lateinische abgelöst, in Resten existierte es wohl bis ins 1. Jh. n. Chr. (cf. Willms 2013:212) – letzte Inschriften ca. 1. Jh. v. Chr. (cf. Haarmann 2004:66) –, so daß eine relativ lange Phase der Zweisprachigkeit anzusetzen ist.184 Das Etruskische weist zwar nachweislich einige Entlehnungen aus dem Griechischen auf und die Übernahme der Schrift deutet auf eine zumindest in der Oberschicht verbreitete Kenntnis des Griechischen; es scheint aber zweifelhaft, ob die gleiche Art der Diglossie wie für die Kontaktkonstellation Latein-Griechisch anzusetzen ist.185
Die anderen Sprachen Italiens wie das Keltische, das Umbrische, das Messapische oder das Venetische sterben wohl im 1. Jh. v. Chr. aus. Auch für diese Substratsprachen ist eine gewisse Phase des Bilingualismus anzunehmen, bis sich der Sprachwechsel zum Latein vollzogen hat; wie dieser im Detail verlaufen ist, läßt sich mangels Belegen jedoch nur schwer nachvollziehen.
Dabei besteht ein prinzipieller Unterschied zwischen den italischen Substratsprachen und den vorindogermanischen Substraten. Insbesondere das nah verwandte Faliskisch, aber auch die relativ nah verwandten Sprachen Oskisch, Umbrisch oder Sabinisch wurden in den Varietätenraum des Lateinischen integriert, d.h. dialektisiert. Inwieweit das auf entfernter verwandte indogermanische Sprachen wie Keltisch, Venetisch oder Messapisch zutreffen würde, sei dahingestellt (cf. Krefeld 2003:558).186 Sicherlich nicht möglich ist diese Form der sprachlichen Vereinnahmung beim Etruskischen, Ligurischen oder anderen altmediterranen Sprachen.
Die Phase des Altlateins ist auch die Periode, in der das Latein nach und nach zur high-variety wird, zumindest für weite Teile der Bevölkerung Italiens. Dieser Status ist zunächst vor allem auf die politische Expansion zurückzuführen und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Dominanz der römischen Verwaltung und Kultur.
Im Bereich der Schriftlichkeit mußte sich das Latein erst nach und nach den Status einer Ausbau- und Literatursprache erarbeiten und war in der Anfangsphase stark vom übermächtigen griechischen Vorbild abhängig. Erst allmählich zeitigte der Ausbau des Lateinischen Wirkung und das Lateinische konnte sich zumindest partiell emanzipieren, brachte eigene Diskurstraditionen hervor bzw. deckte zunehmend verschiedene Bereiche der distanzsprachlichen Kommunikation (schriftlich wie mündlich) ab.
Am Beginn der lateinischen Literatur im engeren Sinne stand der Wille, sich aus staats- und kulturpolitischer Räson zu positionieren, und so griff man auf das prestigereichste Vorbild zurück und dies war zu jener Zeit die griechische Literatur. Was die Textgattung anbelangt, so wählte man zunächst das Genus mit der höchsten Dignität, nämlich das Epos, und formte es nach eigenen Zwecken um (v. supra Livius Andronicus). Die nicht viel minder geschätzte Tragödie wurde nach dem gleichen Prinzip vereinnahmt (v. supra Livius Andronicus, Naevius, Ennius), findet jedoch insbesondere in der Form der Prätexta (fabula praetexta), in der die eigene römische Historie thematisiert wird, ihre eigene Ausprägung. Die Gattung der Komödie (cf. Caecilius Statius (†168), Plautus, Terenz) hingegen speist sich aus verschiedenen Vorläufern. Neben der klassischen griechischen Komödie (z.B. Aristophanes) und vor allem der Neuen Komödie, der Néa (cf. Menander, Μένανδρος, 342/341–290 v. Chr.), die in ihrer spezifisch römischen Ausformung, aber mit griechischem Bezug, zur Palliata führte, standen der aus der dorischen Volksposse entstandene sizilische Mimus mit Stegreifscherzen (paígnia) Pate sowie in Unteritalien die Phylakenposse (Götterburlesken, Mythentravestien) und die oskische Atellane (fabula Atellana, cf. Atella bei Neapel). Aus diesen komödiantischen Elementen sowie aus Spottliedern bei Triumphzügen (carmina triumphalia) aus heimischen Scherz- und Scheltreden (iocularia fundere), aus obszönen falisikischen Wechselgesängen (fescennina, cf. Fescennium in Etrurien), die ebenfalls zur Entstehung der Komödie, teilweise auch des Dramas beitrugen, begründet sich aber auch die bei den Römern hochgeschätzte Satire (satura), wie sie in der Frühzeit Lucilius (Gaius Lucilius, 180/157–103/102 v. Chr.) vertritt (cf. Baier 2010:37–39, 45–47).
Hebt man nun diese Anfänge römischer Literaturproduktion auf die diskurstraditionelle Ebene, so ist deutlich nachzuvollziehen, wie das Lateinische in für diese Sprache neue Diskurstraditionen vordringt, diese besetzt und dabei variiert bzw. auch neue ausbildet (z.B. Satire, Palliata). Neben den dominierenden griechischen Diskurstraditionen tragen dabei auch indigen latinische, faliskische, oskische und womöglich auch etruskische187 dazu bei (v. supra), daß bestimmte römische Genera entstehen und das Lateinische dort wie auch in den bereits für andere Sprachen etablierten seinen Platz findet. Durch die Übernahme dieser Diskurstraditionen und die steigende Textproduktion im Rahmen derselben wird zweifelsohne auch der sprachliche Ausbau vorangetrieben, da es gilt, neue Formen und Inhalte zu versprachlichen.188
Eine weitere Diskurstradition, in der das Lateinische Fuß faßt, ist die der Geschichtsschreibung. Hierbei sind im Wesentlichen zwei Entstehungsstränge auszumachen, und zwar einerseits die ca. ab dem 4. Jh. in Rom übliche Praxis, daß der pontifex maximus die wichtigsten Ereignisse (z.B. Amtsinhaber, Prodigien, Getreidepreis, Mond- u. Sonnenfinsternis) jahreschronologisch aufzeichnen ließ und auf Tafeln in der regia ausstellte sowie andererseits die bereits in vielen Facetten etablierte griechischen Historiographie. Aus der Tradition der Annales entstand somit die annalistische Geschichtsschreibung, deren Werke nach Amtsjahren der einzelnen Konsuln von Beginn der Stadtgründung bis zur Abfassungszeit geordnet war (cf. Ogilivie 1983:18–19; Brodersen/Zimmermann 2000:33). Die Umsetzung der römischen Chronologie – gesammelt als 80 Bücher in den Annales Maximi bis 133 v. Chr. – in ein Geschichtswerk wurde jedoch zu Beginn auf Griechisch geleistet, um einen größeren Leserkreis zu erreichen, so beim ersten Annalisten Fabius Pictor (Quintus Fabius Pictor, ca. 254–201 v. Chr.) in seinem Werk Rhomaíon Práxeis. Erst danach setzt sich in der sogenannten Älteren Annalistik das Lateinische durch und wird wie bei C. Hemina (Lucius Cassius Hemina, 2. Jh. v. Chr., Annales), Cn. Gellius (Gnaeus Gellius, 2. Jh. v. Chr.), Calpurnius Piso (Lucius Calpurnius Piso Frugi, 2. Jh. Chr.), Asellio (Sempronius Asellio), Coelius Antipater (Lucius Coelius Antipater, ca. 180–120 v. Chr., Bellum Punicum) oder C. Sisenna (Lucius Cornelius Sisenna, 118–67 v. Chr., Historiae) zur Sprache der Historiographie. Eine andere Art von Geschichtsschreibung wird das erste Mal auf Latein von Cato d.Ä. praktiziert (cf. brevitas Catonis), der mit seinen Origines an die hellenistische Textgattung der Gründungssage (κτίσεις) anknüpft (cf. Flach 1985:56–79; Baier 2010:81–84; Albrecht 2012 I:307). Mit dem Vorrücken in diese neuen diskurstraditionellen Bereiche wird auch ein wesentlicher Beitrag zum Ausbau der lateinischen Prosa erbracht, insofern die Variationsbreite und Anzahl der auf Latein verfaßten Texte zunimmt.189
Dies gilt auch für einen Bereich, den man heutzutage der wissenschaftlichen Literatur zuordnen würde. Während die ersten Textgattungen Epos und Tragödie in Versen gedichtet wurden, ist mit De agri cultura Catos das erste vollständige in Prosa verfaßte Werk überliefert und damit ein Grundstein für weitere Schriften und die wachsende Elaboriertheit der Sprache gelegt.
Der Ausbau des Lateinischen wurde in der altlateinischen Epoche auch in Bezug auf die mündliche Distanzsprache vorangetrieben. Hierbei ist insbesondere der in der römischen res publica wichtige Bereich der Rhetorik zu nennen.190
Im 2. Jh. v. Chr., als Rom auch vermehrt ins östliche Mittelmeer ausgriff, ergab sich allgemein eine vermehrte Rezeption griechischer Literatur, Philosophie und weiterer Wissenschaftsbereiche. Die Rhetorik, traditionell in der philosophischen Kontroverse zwischen den einzelnen Schulen (Stoa, Akademie, Peripatos) verortet, fand durch griechische Lehrer in der römischen Oberschicht Verbreitung, in der Griechisch alltägliche Bildungssprache war.191 Dabei ist die Rhetorik zwischen der Auseinandersetzung um den logos und der in der ars grammatica fixierten richtigen Sprechweise (recte loqui) bzw. der ‚korrekten‘ Sprache (latinitas bzw. ̔Ελληισμός) anzusiedeln (cf. Baier 2010:105; Poccetti/Poli/Santini 2005:389–390).192 Im römischen Kontext erreicht die Rhetorik dann vor allem im öffentlichen Leben der republikanischen Institutionen einen wichtigen Stellenwert und wurde ein geradezu konstitutiver Bestandteil der res publica.193 Bestimmte herausrragende Redner (cf. z.B. Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus minor, 185–129 v. Chr.; Tiberius Sempronius Gracchus, 162–133 v. Chr.; Gaius Sempronius Gracchus, 153–121 v. Chr.) genossen daher ein hohes Prestige in der Gesellschaft (cf. Albrecht 2012 I:413–414).194 Die schriftliche Niederlegung der auf diese Weise neu ausgeformten Diskurstradition der öffentlichen Rede beginnt erst im Übergang zur folgenden Epoche (cf. Rhetorica ad Herennium, Cicero), genauso wie die der sich daran anschließenden Grammatik (cf. Varro).
Insgesamt ist demzufolge für die Periode der altlateinischen Sprachgeschichte eine wichtiger Wendepunkt dahingehend festzustellen, daß der Ausbau des Lateinischen maßgeblich vorangetrieben wurde. Durch die Übernahme von Diskurstraditionen aus dem griechisch-hellenistischen Raum, aber auch aus dem italischen Kontext sowie aufgrund von deren Weiterentwicklung rückt das Latein in dieser Epoche in immer mehr Bereiche der mündlichen, aber vor allem schriftlichen Kommunikation vor und wird zu einer vollfunktionsfähigen Distanzsprache. Der maximale Ausbaugrad wird zwar erst in der nächsten Phase erreicht, doch sind bereits zahlreiche Grundsteine gelegt. Der Aufstieg des Lateinischen zur überregionalen und dann internationalen Prestigesprache bedingt auf der anderen Seite auch einen Rückgang zahlreicher einheimischer Sprachen, so daß die Latinisierung der italienischen Halbinsel im 1. Jh. v. Chr. weitestgehend vollzogen ist. Aus der einstigen Vielsprachigkeit bleibt für nicht wenige Teile der Bevölkerung Einsprachigkeit übrig, für die Oberschicht Diglossie mit dem Griechischen.
4.1.1.3 Klassisches und Nachklassisches Latein
In der Literaturgeschichte wird nicht selten der Beginn der Epoche des Klassischen Lateins mit der ersten Rede Cicero präzise im Jahre 81/80 v. Chr. verortet und man folgt dann der stark wertenden Feingliederung in „goldene“ (80 v. Chr.-14 n. Chr.) und „silberne“ (14–117 n. Chr.) Latinität (cf. Meiser 2010:2, § 2) nach Maßgabe einer traditionell verankerten Beurteilung der Qualität der literarischen Produktion. Sprachwissenschaftlich gesehen ist es eher sinnvoll, den Beginn dieser Periode, die auch sprachliche Neuerungen zeitigt, gröber ins 1. Jh. v. Chr. zu datieren.
Müller-Lancé (2006:32) datiert die Epoche des „nachklassischen Lateins“ analog zu Meiser (2010:2; § 2), der diese Zeit jedoch „archaisierende Periode“ nennt und ebenso exakt vom Tode Trajans (117 n. Chr.) bis zum Tode Marc Aurels (180 n. Chr.) andauern läßt. In Anlehnung an die Datierung von Steinbauer (2003:513), der diese Zeit durch eine an vorciceronianische Vorbilder anknüpfende Literatur zwischen 120–200 n. Chr. verortet, sei hier diesem folgend, gröber ein Ende an der Wende vom 2. zum 3. Jh. n. Chr. postuliert. Klassisches und Nachklassisches Latein seien hier zusammengefaßt, da es einerseits in der nachklassischen Zeit keine signifikanten sprachlichen Änderungen im Vergleich zur klassischen Epoche gab und andererseits aus der hier fokussierten Perspektive von Ausbau, Diskurstraditionen und Sprachkonstellationen kein wirklicher Paradigmenwechsel zu verzeichnen ist.
Es ist in diesem Rahmen weder möglich, noch notwendig den Umfang und die Breite der Literatur dieser Periode zu behandeln, sondern es soll sinnvollerweise auf die wesentlichen Neuerungen in Bezug auf die diskurstraditionelle Perspektive eingegangen werden sowie den damit einhergehenden sprachlichen Ausbau, der zu dieser Zeit weitestgehend vollendet wird. Das bereits in altlateinischer Zeit wichtige Modell der griechischen Textgattungen und Diskurstraditionen erfüllt diese Funktion auch weiterhin und zeitigt in der römischen Literatur neue Formen. Dabei sind die Griechen nicht nur Vorbild, sondern gleichzeitig Maßstab des zu Erreichenden, an dem sich die Römer in einer Art kulturellen ἀγών abarbeiten und dies ist nicht nur objektiv als Prozeß zu konstatieren, sondern durchaus Teil der römischen Selbstreflexion wie bei Quintilian (Marcus Fabius Quintilianus, ca. 35–96 n. Chr.) dokumentiert:
Elegia quoque Graecos prorocamus, cuius mihi tersus atque elegans maxime videtur auctor Tibullus. Sunt qui Propertium malint. Ovidius utroque lascivior, sicut durior Gallus. (Quintilian, Inst. orat., X, 1, 93; 2001 IV:302)
Tatsächlich wird erst in klassischer Zeit der ganze Bereich der Lyrik vom Lateinischen erschlossen, der zuvor nur ansatzweise in religiösen carmina vertreten war.195
Eine Textgattung, die bei den Griechen schon im 7. v. Chr. mit Mimnermos von Kolophon bzw. Smyrna (Μίμνερμος, 6. Jh. v. Chr.) den ersten Vertreter zeitigte und bis in den Hellenismus gepflegt wurde, in der Kallimachos von Kyrene (Καλλίμαχος ὁ Κυρηναῖος, ca. 310–249 v. Chr.) mit seinen mythologischen Ursprungsgedichten, den αἰτία, hervorsticht, ist die der Elegie, die sich formal durch das elegische Distichon (alternierende Hexameter und Pentameter) abgrenzt und inhaltlich durch mythologische Themen, allgemeine Reflexionen, Spott, Klage, Erotik oder persönliche Anliegen charakterisiert ist (cf. Burdorf/Fasbender/Moennighoff 2007:183–184). Im römischen Bereich wird die Form übernommen und inhaltlich oft Mythologisches mit Autobiographischem kombiniert, wie es uns in dem ersten elegischen Gedicht des Neoterikers Catull (Gaius Valerius Catullus, 84–54 v. Chr.), der Allius-Elegie (carmen, Nr. 68) entgegentritt. Neben Catull bedienen sich dieser Gedichtform mit thematischer Variation vor allem Gallus (Gaius Cornelius Gallus, 70/69–27/26 v. Chr.), Tibull (Albius Tibullus, ca. 50–19 v. Chr., Corpus Tibullianum), Properz (Sextus Propertius ca. 47–15 v. Chr., Monóbiblos) und Ovid (Publius Ovidius Naso, 43 v. Chr.-17 n. Chr., Ars amatoria,196 Remedia amoris, Tristia, Epistulae ex Ponto), die auch insgesamt zu den maßgeblichen Vertretern der römischen Lyrik gehören (cf. Baier 2010:59–77).
Indem er in seinen Heroides die literarische Gattung des Briefes und die lyrische Form der Elegie miteinander verschmilzt sowie zusätzlich Elemente der Rhetorik miteinfließen läßt (Ethopoiie bzw. sermocinatio), beschreitet Ovid ganz selbstbewußt (ars 3, 346) neue Pfade in seinem Schaffen und der römischen Literatur (cf. Baier 2010:71).
Weitere Arten der Lyrik in lateinischer Sprache sind dem wie Ovid und Properz zum Kreis des Maecenas (Gaius Cilnius Maecenas, ca. 70–8 v. Chr.) gehörenden Horaz (Quintus Horatius Flaccus, 65–8 v. Chr.) zu verdanken, einem der wichtigsten Dichter der augusteischen Ära.197 Nach dem Vorbild der griechischen Dichtung des Archilochos (Ἀρχίλοχος, ca. 680–645 v. Chr.) führt er durch seine Iambi die Textgattung der Epoden198 – Distichon mit einem langen und einem kurzen Vers – erstmals in die lateinische Literatur ein. Seine Innovation ist ihm dabei durchaus bewußt (epist. I, 9, 19–25), genauso wie die erstmalige interpretatio Romana der Ode in den carmina, bei der er sich an berühmte Vorläufer wie Pindar (Πίνδαρος, 518–440 v. Chr.) oder Alkaios (Ἀλκαῖος, ca. 630–580 v. Chr.) anlehnt (cf. alkäische Dichtung) (cf. Baier 2010:72–77).199
Eine andere lyrische Textgattung, die in dieser Epoche Eingang in die römische Literatur findet, ist das Epigramm, welches seinen Ursprung in Inschriften hat (v. supra. z.B. Grabinschrift der Scipionen), literarisch jedoch traditionell auf Simonides von Keos (Σιμωνίδης, 557/556–468/467 v. Chr.) zurückgeführt wird und auf Latein erstmals von Catull gepflegt wird, dann aber vor allem bei Martial in seinem Epigrámmaton liber (Liber spectaculorum) variantenreich zur Geltung gebracht wird. In dieser Kurzform, die ursprünglich als elegisches Distichon realisiert wird, bei Martial aber auch metrisch variieren kann,200 wird auf eine Pointe abgezielt, die alle Bereiche der conditio humana mal spöttisch, mal kritisch geistreich auf den Punkt bringt (cf. Burdorf/Fasbender/Moennighoff 2007:194–195; Albrecht 2012 I:281–282).
Nach dem Vorbild der eidýllia (aus dem Corpus Theocriteum) des sizilianischen Dichters Theokrit (Θεόκριτος, 1. Hälfte 3. Jh. v. Chr.) bringt der in Bezug auf seine Nachwirkung womöglich bedeutendste Dichter der römischen Antike, Vergil (Publius Vergilius Maro, 70–19 v. Chr.), in seinen in Hexameter gedichteten Bucolica (Eclogae) die bukolische Lyrik in die römische Literatur. Ein Epigone Vergils in späterer Zeit ist beispielsweise Calpurnius Siculus (Titus Calpurnius Siculus, 1. Jh. n. Chr.) mit den von ihm verfaßten Eklogen, wobei bei ihm teilweise Hirtenpoesie und Herrscherpanegyrik vermischt werden (cf. Kleine Pauly 1964 I:1026).
Eine lyrische Sammlung mit Gedichten zu verschiedenen Anlässen und in unterschiedlicher Form stellen die Silvae des Statius (Publius Papinius Statius, 40/50–95 n. Chr.) dar. Die auch als „Gelegenheitsgedichte“ apostrophierten Verse thematisieren öffentliche (Panegyrikon) wie private Anlässe (Hochzeit, Trauer, Trost, Geburtstag) oder enthalten Kunst- und Baubeschreibungen (Ekphrasis) (cf. Baier 2010:77–78).
An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Poesie ist das Lehrgedicht anzusiedeln, welches zwar mit den Ἒργα καὶ Ἡμέραι Hesiods (Ἡσίοδος, ca. *700 v. Chr.) einen fernen Vorläufer hat, aber erst im Hellenismus seine eigentliche Form findet, die dann vor allem durch Lukrez (Titus Lucretius Carus, 96–53 v. Chr.) in seinem sechs Bücher umfassenden Werk De rerum natura erstmals in lateinischer Sprache ausgearbeitet wurde (in Hexametern). Ähnlich wie Horaz ist sich Lukrez bewußt, daß er mit seinem physikalischen Lehrgedicht, in dem er auch zum Vermittler epikureischer Philosophie in Rom wird, neue Wege beschreitet, ganz im Sinne der neoterischen Bewegung (I, 926–927). Dabei weist er explizit auf die sprachliche Armut des Lateins hin, welches im Vergleich zum Griechischen eigentlich noch nicht ausgebaut genug ist, um ein derartiges Unterfangen möglich zu machen – insofern ist es also eine Pionierleistung. Unzweifelhaft an Hesiod knüpft die Georgica Vergils an, in der der Dichter seine Sicht des idealen Lebens in moralischer Hinsicht (labor improbus) und ganz konkret in Bezug auf das gelobte Landleben (Ackerbau, Baum- und Weinkultur, Viehzucht, Bienenhaltung) in hexametrischer Form ausbreitet (cf. Baier 2010:27–36).
Eine Mischung aus klassischem griechischem Epos, der Kurzform des Epyllion und der des Lehrgedichtes sind die Werke Ovids. In seinen Metamorphoses greift er sowohl auf die Tradition der ätiologischen Dichtung zurück (v. supra) als auch auf die der Verwandlungssagen wie in den Ἑτεροιούμενα Nikanders von Kolophon (Νίκανδρος ὁ Κολοφώνιος, 3./2. Jh. v. Chr.), während er in den Fasti die Ereignisse des römischen Festtagkalenders literarisch überhöht (cf. Burdorf/Fasbender/Moennighoff 2007:194–195; Baier 2010:34–35).
Neu in der Klassischen Periode ist außer dem Aufkommen der verschiedenen Formen der Lyrik auch die Textgattung des Romans201 bzw. der längeren, komplexen Prosaerzählung, die in dieser Zeit erstmals in lateinischer Sprache auftritt. Romanhafte Vorstufen sind in der Ἀνάβασις Xenophons (Ξενοφῶν, ca. 430–350 v. Chr.) oder den Berichten des Ktesias (Κτησίας, ca. um 400 v. Chr.), der Περσικά oder der Ἰνδικά, zu sehen, doch erst in hellenistischer Zeit bildet sich diese Erzählgattung im griechischen Raum vollständig heraus, so beispielsweise bei Iambulos (Ἰαμβοῦλος, 3. Jh. v. Chr.) oder Chariton von Aphrodisias (Χαρίτων Ἀφροδισεύς, 1./2. Jh. n. Chr.). Römische Adaptionen gibt es nur wenige, doch haben sie allesamt eine nicht unbedeutende Nachwirkung entfaltet. Dabei sind vor allem aus sprachlicher Sicht als wichtige Quelle substandardlichen Lateins die Satyricon libri des Petron (Gaius/Titus Petronius Arbiter, †66 n. Chr.) zu nennen, und zwar insbesondere der dort enthaltene Part des Gastmahl des Trimalchio (cena Trimalchionis). Hier knüpft der Autor explizit an seine hellenistischen Vorläufer an, insofern er einerseits griechische Reiseromane parodiert und andererseits formal an die Menippeische Satire anknüpft, indem er sowohl Vers als auch Prosapassagen verwendet (prosimetrum). Ebenfalls in die Reihe der romanhaften Darstellungen gehört der Eselsroman (Metamorphoseon libri XI) des Apuleius (ca. 125–170 n. Chr.), der in sich wiederum verschiedene Elemente anderer Gattungen wie die des Märchens (Amor und Psyche) oder der Milesischen Novelle enthält sowie Aspekte der platonischen Philosophie. Anknüpfend an den populären Stoff der Eroberungsfeldzüge Alexander d. Großen (336–323 v. Chr.) verfaßte Curtius Rufus (Quintus Curtius Rufus, 1. Jh. v. Chr.) eine Alexandergeschichte (Historiae Alexandri Magni Macedonis), basierend u.a. auf den sogenannten Alexanderhistorikern Ptolemaios (Πτολεμαῖος, 366–283 v. Chr.) und Kleitarch (Κλείταρχος, 4. Jh. v. Chr.), mit teilweise moralisierendem Unterton – Alexander als Gegenbild römischer Tugenden, der getrieben von Affekten und mit Maßlosigkeit agiert (cf. Baier 2010:96–101).
Eine andere neue Textgattung, die in der klassischen Zeit erstmals für das Lateinische erschlossen wird und damit das Spektrum des diskurstraditionellen Ausbaus vergrößert, ist der Brief, nicht so sehr als Gebrauchstext, sondern vielmehr als literarische, für die öffentliche Rezeption bestimmte Form.202 Auch hier gibt es griechische Vorbilder wie die Lehrbriefe Epikurs (Ἐπίκουρος, 342/341–271/270 v. Chr.) als spezifische Ausformung der Gattung, an die Seneca (Lucius Annaeus Seneca, ca. 1–65 n. Chr.) mit seinen Epistulae morales ad Lucilium anknüpft. Frühester römischer Gebrauch ist jedoch bei Cornelia, der Mutter der berühmten Volksstribunen Tiberius und Gaius Gracchus bezeugt (Quint. I, 1, 6). Die wichtigsten Korpora von Briefen, die literarisch über die Antike hinausgewirkt haben, sind diejenigen von Cicero (Ad familiares, Ad Atticum, Ad Quintum fratrem) und von Plinius d.J. (Gaius Plinius Secundus, 61/62–112/113 n. Chr.), die auch sprachlich insofern bemerkenswert sind, als die ciceronischen mitunter stilistisch stark von seinem sonstigen elaborierten Duktus abweichen und als Quelle für vulgärlateinische Phänomene gelten, während die Episteln des Plinius eine elaborierte Kunstform in verschiedenster Ausprägung darstellen (Ekphrasis, Essay, Panegyrikon) und als einzige die Forderungen nach der brevitas und der Monothematizität weitgehend einlösen. Während diese beiden Autoren die Briefe in Prosa abfaßten, waren die Epistulae des Horaz, in denen auch die Ars poetica enthalten ist, in hexametrischen Versen abgefaßt und demnach ab ovo für die Publikation bestimmt (cf. Baier 2010:101–104; Albrecht 2012 I:430–435).
Die römische Literatur wird hierbei um eine neue Gattung bereichert, indem auf verschiedene Spielarten einer Textsorte zurückgegriffen wird (Privatbrief, Lehrbrief, öffentlicher Brief, essayistischer Brief etc.), der partiell zwar in der griechischen Literatur (und auch in anderen Kulturkreisen) bereits vorgegeben ist. Von den Römern wurde sie aber weiter ausdifferenziert und zu einem festen neu interpretierten Bestandteil der literarischen Ausdrucksmöglichkeiten wurde, wobei aus diskurstraditioneller Perspektive das Lateinische in einen weiteren Bereich vorrückt, der Ausbau der Sprache durch die neuen Arten der Versprachlichung vorangetrieben wird.
Die bereits in altlateinischer Zeit sich herausbildende Tradition der Rhetorik bzw. der öffentlichen Rede bei den Römern wurde in der klassischen Periode nun auch schriftlich fixiert, und zwar sowohl in Form von Lehrbüchern bzw. Anleitungen zur richtigen Anwendung rhetorischer Ausdrucksmittel und Verhaltensweisen als auch durch konkret gehaltene oder zu haltende Reden. Diesbezüglich ist vor allem Cicero zu nennen, der nach der ersten – ihm nur zugeschriebenen – Rhetorik Auctor ad Herennium die Werke De oratore, Brutus und Orator verfaßte. An konkreten Reden seien auswahlweise nur Pro Sexto Roscio Amerino, Divinatio in Q. Caecilium, Pro Marcello, Pro Ligario und Pro rege Deiotaro, genannt. Wegweisend im Bereich der Rhetorik ist außerdem Quintilian, der mit seiner Institutio oratoria ebenfalls einen erheblichen Einfluß auf spätere Grammatikwerke ausübte (v. infra Varro et al.). (cf. Baier 2010:107–114).
Eine Textgattung, die bei den Römern nicht zur Literatur sensu strictu gehörte, die Fabel, wurde von Phaedrus (Φαῖδρος, 1. Jh. n. Chr.), einem Freigelassenen griechischer Herkunft, erstmals in lateinischer Sprache etabliert. Vorbild für die von Phaedrus im der Komödie nahestehenden altertümlichen Versmaß des Senaren nachgedichteten, sich durch ihre brevitas auszeichnenden Tierparabeln mit gesellschaftskritischen Unterton und bisweilen moralisierender Tendenz (cf. Promythien, Epimythien) sind die Fabeln von Äsop (Αἴσωπος, 6. Jh. v. Chr.) (cf. Baier 2010:79–80). Im Zuge der aemulatio entfernt sich Phaedrus dabei zunehmend von seinem Modellautor und übernimmt nach und nach weniger Motive und programmatische Schlußfolgerungen (cf. Kleine Pauly 1964 I:199). Auch wenn innerhalb der römischen Literatur die Rezeption eher verhalten ist und eine Nachwirkung erst in neuzeitlichem europäischen Kontext einsetzt (La Fontaine, Lessing), ist die Erweiterung der lateinischen Prosa um ein weiteres Genre sprachwissenschaftlich insofern von Bedeutung, als hier neue diskurstraditionelle Bereiche mit bestimmten Versprachlichungsstrategien (d.h. unterschiedlichen stilistischen Mitteln) erschlossen werden (cf. Baier 2010:79–80).
Es sei an dieser Stelle dezidiert darauf verwiesen, daß alle bisher aufgezählten Textgattungen in der römischen Literatur bisher nicht zum Tragen kamen, also neue Formen und Inhalte mit der lateinischen Sprache ausgedrückt wurden.
In der Periode des klassischen Lateins wurden aber auch in Ansätzen bereits existierende Textgattungen weiter ausgebaut. Dies gilt beispielsweise für das Epos als die literarische Form mit dem größten Prestige, welches durch die Aeneis von Vergil ihren unbestreitbaren Höhepunkt erfuhr. Aus einer ex post Perspektive läßt sich konstatieren, daß der größte römische Dichter den größten griechischen zum Vorbild nahm. Ganz im Sinne der interpretatio Romana gibt Vergil den Römern ein Identifikationswerk in geschliffenen Hexametern mit Elementen der Ilias (Ἰλιάς) und Odysee (Ὀδύσσεια) von Homer ( Ὅμηρος, ca. 7./8. Jh. v. Chr.). In der Nachfolge von Vergil dichten Lukan (Marcus Annaeus Lucanus, 39–65 n. Chr.), der neben kleineren Dichtungen (Iliaca, Orpheus, Silvae), das Epos Pharsalia (bellum civile) über den Bürgerkrieg schreibt, unter anderem Silius Italicus (Tiberius Catius Asconius Silius Italicus, ca. 25–100 n. Chr., Punica) und Statius, der mit seiner Thebais antithetisch an die Aeneis anknüpft (cf. Baier 2010:17–27).
Die Satire, die bereits in altlateinischer Zeit von Lucilius gepflegt wurde (v. supra), erfährt mit den saturae des Horaz ihre sprachliche und literarische Vollendung. Auch wenn er auf ein römisches Vorbild zurückgreifen kann, bleibt der Rekurs auf die griechische Tradition bestehen – so knüpft er beispielsweise an die kynische Diatribe im Stile des Bion von Borythenes (Βίων Βορυσθενίτης, ca. 335–252 v. Chr.) an. Satirendichtung betreiben im Folgenden auch Persius Flaccus (Aulus Persius Flaccus, 34–62 n. Chr.) und Juvenal (Decimus Iunius Iuvenalis, ca. 67–127 n. Chr.), wobei insbesondere letzterem nicht zuletzt durch einige bonmots (z.B. panem et circenses, 10, 81; mens sana in corpore sano, 10, 356; difficile est satiram non scribere, I, 30) eine nicht unerhebliche Nachwirkung beschieden war. Eine dezidierte Anknüpfung an die Menippeische Satire, mit der sich schon Varro (Marcus Terentius Varro, 116–27 v. Chr.) beschäftigt hat (De compositione saturarum), findet sich dann bei Seneca (d.J.) in seiner Apocolocyntosis Divi Claudii. Auch wenn die Textgattung der Satire keine „Erfindung“ der Römer war, bekam sie in der lateinischen Sprache und Literaturtradition doch eine ganz eigene Ausformung und Prägung, so daß Quintilian sie schließlich pointiert ganz vereinnahmen kann: „Satura quidem tota nostra est […]“ (Inst. orat. X, 1, 93; 2001 IV:302) (cf. Burdorf/Fasbender/Moennighoff 2007:677–679; Baier 2010:56–58).
In den Bereichen, die man im weiten Sinne der Wissenschaft zuordnen kann und die in der Periode des Altalteins bereits Werke in lateinischer Sprache gezeitigt haben, ist für die Epoche des Klassischen Lateins ein weiterer intensiver Ausbau dieser Diskurstraditionen zu konstatieren.
So erlebt die Geschichtsschreibung eine Blüte mit zentralen Autoren wie Sallust (Gaius Sallustius Crispus, 86–35 v. Chr., Bellum Catilinae, Bellum Iugurthinum, Historiae) Livius (Titus Livius, 64/59 v. Chr.-12/17 n. Chr., Ab urbe condita libri), Tacitus (Publius Cornelius Tacitus, ca. 56–120 n. Chr., Annales, Historiae) und Sueton (Cornelius Suetonius Tranquillus, ca. 70–140 n. Chr., De vita Caesarum, De viris illustribus). Letzterer steht hierbei zwischen Historiographie und biographischer Literatur.203 Neue, sozusagen römische Wege beschreitet hierbei Caesar (Gaius Iulius Caesar, 100–44 v. Chr.), der mit seinen commentarii eine ganz eigene Art von Hybridwerk zwischen militärischem Bericht, historischer Darstellung und autobiographischer204 Rechtfertigung schafft, auch mit einem sehr eigenen spezifischen sprachlichen Duktus (cf. Baier 2010:93–94).
Die Rechtsprechung zeitigt wichtige Werke von Autoren wie Gaius (ca. 120–180 n. Chr.) mit seinen Institutiones oder Papinian (Aemilius Papinianus, 142–212 n. Chr.) mit den Quaestiones, um nur eine Auswahl zu nennen (cf. Albrecht 2012 II:1294). Gerade in diesem Wissenschaftsbereich, der eng an eine Praxis geknüpft ist, beginnt in der Kaiserzeit eine Diskurstradition sich vollständig zu konstituieren, die dann über die Spätantike eine enorme Nachwirkung in Europa erlebt.
Im Bereich der Philosophie sind vor allem Cicero mit zahlreichen Schriften (Hortensius, Academici libri, De finibus bonorum et malorum, De officiis, Tusculanae Disputationes), auch zur Religion (De natura deorum, De divinatione), und Seneca (Dialogi, Ad Marciam de consolatione, De vita beata, De providentia, De beneficiis) zu nennen (cf. Baier 2010:85–92, 111–116). Ein Universalgelehrter war Varro, der als Diskurstradition die Grammatikographie neu für die lateinische Sprache erschloß (De lingua latina). In den von ihm postulierten Kategorien blieb er eng angelehnt an die erste Grammatik des europäischen Kulturkreises von Dionysios Thrax (Διονύσιος ὁ Θρᾷξ, ca. 180/170–90 v. Chr., Τέχνη γραμματική). Einen neuen Wissenschaftsbereich erschloß Vitruv (Marcus Vitrvius Pollio, 1. Jh. v. Chr.) mit seinem Opus De architectura, welches vor allem in der Renaissance ein breite Rezeption (und Umsetzung) erfuhr. Die Naturwissenschaft erlebt in der Naturalis historia des älteren Plinius (Gaius Plinius Secundus, 23/24–79 n. Chr.) eine umfangreiche Darstellung zahlreicher Subdisziplinen in lateinischer Sprache (cf. Baier 2010:120–122).205
Aus soziolinguistischem Blickwinkel ist die Frage nach dem Ausbau der Sprache hier zentral und damit eng zusammenhängend nach dem Vorrücken in verschiedene diskurstraditionelle Bereiche. Literarische Textgattungen sind wie andere Textsorten auch (z.B. Gebrauchstexte), Teil des Spektrums der schriftlichen Diskurstraditionen und damit ein Indikator für den sprachlichen Ausbau. In diesem Sinne ist das Erschließen von neuen diskurstraditionellen Bereichen für das Lateinische (cf. zahlreiche lyrische Formen, fachwissenschaftliche Teilgebiete), indem vor allem auf bereits existierende griechische Modelle rekurriert wurde, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer vollausgebauten Sprache. Dieser Status ist am Ende der klassischen bzw. nachklassischen Zeit für das Lateinische erreicht.
Die Unterscheidung „klassische Phase“ und „nachklassische Phase“ wird aus sprachwissenschaftlicher Perspektive hier fallengelassen und – wie bereits eingangs festgelegt (v. supra) – unter dem Aspekt des Ausbaus insgesamt sozusagen als „Hochphase der literarischen Produktion“ klassifiziert.
Rekapituliert man die in dieser wohl produktivsten und innovativsten Epoche entstandene Literatur – und dies ist hier der wichtigste Indikator, da der mündliche Bereich genauso wie der der Gebrauchstexte nur schwer erschließbar bzw. wenig dokumentiert ist –, so zeigt sich, daß für das Lateinische zahlreiche neue Textgattungen erschlossen wurden, diese innovativ verändert und ausgebaut wurden sowie auch neue entstanden. Unabhängig von dem literarischen Gewinn steht hier in erster Linie der sprachliche im Vordergrund, denn durch die Auseinandersetzung mit neuen Formen und Inhalten ergeben sich fast zwangsläufig Innovationen auf den verschiedensten sprachlichen Ebenen (Lexikon, Semantik, Syntax, Stilistik). Die Sprache durchläuft einen Ausbauprozeß durch die Herausforderung, die durch literarische Gattungen gestellt werden, aber auch bei der Versprachlichung von Inhalten, die an bestimmte Textsorten geknüpft sind (z.B. fachwissenschaftliche) steigt der Grad der Elaboriertheit und der Grad des Ausbaus mit der dadurch „erzwungenen“ Erweiterung der Ausdrucksmittel.206
Was nun die sprachliche Situation im römischen Reich vom 1. Jh. v. Chr. bis zum 2. Jh. n. Chr. anbelangt, so ist diese wiederum in enger Abhängigkeit zur Expansion des Imperiums einerseits und zum Grad der Romanisierung andererseits zu sehen.
Auch diese Tatsache hat wiederum Rückwirkung auf den Ausbaugrad, da das Lateinische in zahlreiche Domänen vorrückt: „Das einheitliche Recht, der Handel, die politisch-militärische Organisation der römischen Herrschaft, die fortgeschrittene Kultur, die einheitliche Literatur: all das führte zur Erweiterung der gesellschaftlichen Funktionen des Lateinischen“ (Irmscher 1986:84).
Mit den zunehmenden Eroberungen, durch die ausgetragenen Konflikte mit den im Mittelmeerraum noch verbliebenen Staatengefüge (Seleukidenreich, Ptomeläerreich etc.) sowie mit verschiedenen Ethnien am Rande des Reiches, wächst das römische Reich ab dem 1. Jh. v. Chr., insbesondere ab Augustus und der frühen Kaiserzeit stetig und geradezu exponentiell, so daß bald seine größte Ausdehnung erreicht wird (115–117 n. Chr., v. supra). Durch die Einrichtung von immer neuen Provinzen und der Stationierung von Truppenkontingenten (legiones) sowie der gezielten Kolonialisierung soll eine Konsolidierung der eroberten Regionen erreicht werden. Die systematische Erschließung durch Neugründung von Städten (civitates, municipia, coloniae), dem Anlegen eines ausgedehnten Straßennetzes und damit der Schaffung von Handels- und Verkehrsverbindungen (cf. itineraria) sowie die Errichtung einer einheitlichen zivilen und militärischen Verwaltungsstruktur (cf. mil.: proconsules, propraetores; ziv.: decuriones) fördert im Folgenden die Romanisierung.
Die lateinische Sprache setzt sich dabei in den meisten eroberten Provinzen nach und nach durch, nicht gleichmäßig und zeitlich abhängig zum einen vom Eroberungszeitpunkt und vom womöglich fortgesetzten Widerstand der Bevölkerung, zum anderen von der vorgefundenen Infrastruktur und Art der Zivilisation. Generell gilt, daß die Latinisierung zuerst in den städtischen Zentren griff und sich von dort auf das Land ausbreitete und ganz prinzipiell urban geprägte Kulturkreise sich schneller akkulturierten und sprachlich assimilierten (cf. z.B. Iberer) als solche, die zur Migration neigen oder zumindest wenig feste Infrastruktur aufweisen. Wie bereits erwähnt (v. supra) dürfte die Latinisierung der italienischen Halbinsel im 1. Jh. v. Chr. im Wesentlich abgeschlossen sein – bis auf einige griechische Sprachinseln in Süditalien und Sizilien. Fuhrmann (1999:19–20) datiert die Latinisierung der Iberischen Halbinsel auf das 1. Jh. n. Chr. und begründet die tiefgreifende sprachliche Assimilation mit dem Auftreten von lateinischen Schriftstellern wie Seneca oder Lukan. Hierbei ist allerdings einzuwenden, daß dies nicht ausschließt, daß die nördlichen Regionen wie das Baskenland oder Kantabrien zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht vollständig romanisiert und latinisiert waren bzw. nie wurden. Für Gallien und Nordafrika setzt er das 2. Jh. als Richtwert für eine weitgehend vollständige Latinisierung an, während für Britannien und den Donauraum die Durchdringung mit der lateinischen Sprache auch in den folgenden Jahrhunderten nicht in gleichem Maße flächendeckend und tiefgreifend war.
Der Osten blieb weiterhin griechischsprachig und das Lateinische tat sich als Amtssprache schwer, auch wenn es durchaus bezeugte Bemühungen von Seiten der Griechen gab, das Lateinische zu erlernen (cf. Adams 2003:15).
Durch die massive Expansionspolitik in dieser Epoche wurde das Latein als Sprache der Eroberer in zahlreiche neue Regionen getragen, wirkte aber auch über die politischen Grenzen hinaus und wurde so zur Weltsprache in Rahmen der damaligen Welt (cf. röm. Anspruch der Herrschaft über den orbis terrarum).
Für die Bevölkerung in den neu eroberten Gebieten ergab sich somit entweder ein zum Teil dauerhafter Bilingualismus bzw. eine Diglossie-Situation in den Regionen, die weniger latinisiert waren oder es vollzog sich über eine mehr oder weniger lange Phase der Mehrsprachigkeit ein Sprachwechsel hin zum Lateinischen.
Fuhrmann (1999:19) postuliert dabei einen eher abrupten, schnellen Sprachwechsel ohne eine größere Übergangsphase. Dies wäre aber womöglich en detail zu betrachten, da auch hier die Frage nach sozialer Stratifikation, urbaner oder ruraler Struktur u.ä. Kriterien eine Rolle spielen könnten.
Für die Elite Roms und des römischen Reiches ist prinzipiell weiterhin eine Diglossie-Situation mit dem Griechischen anzusetzen. Während Fuhrmann (1999:345) allerdings mit einem gewissen Rückgang des Philhellenismus in der nachklassischen Phase des Archaismus rechnet, sieht Kramer (1997:146) eine „ausgeprägte Zweisprachigkeit“ gebildeter Kreise bis ca. 250 n. Chr., was auch an der Übernahme fremder Strukturen, d.h. vor allem im Bereich der Syntax, aber auch auf lautlicher, morphologischer und semantischer Ebene ersichtlich sei.
Insgesamt ist dennoch zu konstatieren, daß das römische Reich in dieser Epoche nicht nur ein Vielvölkerstaat wurde (mehr denn je zuvor), sondern auch ein Vielsprachenstaat, in dem Bilingualismus und Mehrsprachigkeit durchaus gängig waren, nicht zuletzt auch bedingt durch die relativ hohe Mobilität bzw. Migration innerhalb des Imperiums. Als high-variety fungierte dabei einerseits das Latein, das inzwischen sowohl durch seine politisch-gesellschaftliche Stellung als auch durch seine nun reichhaltige Literatur zur unzweifelhaften Prestigesprache aufgestiegen war und in dieser Epoche einen Standardisierungsprozeß durchlief,207 andererseits auch das Griechische als „alte“ Kultursprache, aber auch als nach wie vor gültige Verkehrssprache im östlichen Teil des Imperiums
4.1.1.4 Spätlatein
Die Frage, ab wann die Epoche des Spätlateins anzusetzen ist, hängt eng mit der unterschiedlich gehandhabten Begrenzung des Klassischen bzw. vor allem des Nachklassischen Lateins zusammen (v. supra), während ihr unscharfes Ende in erster Linie mit der Herausbildung der Romanischen Sprachen verknüpft ist. Müller-Lancé (2006:34) verweist deshalb mit Recht auf den Charakter einer Übergangsepoche. Es sei aus der dort gegebenen, relativ exakten Datierung (ca. 180–650 n. Chr.) und der ebenfalls präzisen, aber leicht verschobenen bei Steinbauer (2003:513), nämlich ca. 200–600 n. Chr, hier eine etwas fließenderen Grenze angenommen, d.h. ein Zeitraum vom 2./3. Jh. – 5./6. Jh. postuliert. Das etwas frühere Ende sei damit begründet, daß mit dem Fehlen der Reichseinheit spätestens ab dem 7. Jh. geistes- und kulturgeschichtlich genauso wie politisch eine andere Ära beginnt. Der Beginn der spätlateinischen Epoche fällt mit dem von Berschin (2012:94) charakterisierten „dunklen III. Jahrhundert“ zusammen, in dem nicht viel von der lateinischen Kultur überliefert ist, aber sich ein Wandel in Schrift, Sprache und Literatur vollzog.
Aus der soziolinguistischen Sicht des sprachlichen Ausbaus ist für die spätlateinische Phase vor allem die neu aufkommende christliche Literatur von Relevanz, die sich in vielen Facetten zeigt. Ohne in vollem Umfang auf alle Schriftsteller und Genres eingehen zu können, seien hier an erster Stelle die lateinischen Kirchenväter (patres ecclesiae) genannt, und zwar die kanonischen großen vier: Ambrosius (Aurelius Ambrosius, 339/340–397 n. Chr.), Hieronymus (Sophronius Eusebius Hieronymus, 345/348–420 n. Chr.), Augustinus (Aurelius Augustinus, 354–430 n. Chr.) und Gregor d. Große (Gregorius, 540–604 n. Chr.).
Chronologisch sollen zunächst aber einige andere wichtige Vertreter aus der Reihe der Kirchenlehrer genannt sein, die den Ausbau der religiösen Fachliteratur maßgeblich vorangetrieben haben. Dabei ist sicherlich an erster Stelle Tertullian (Quintus Septimus Florens Tertullianus, ca. 150/170–220 n. Chr.) zu nennen, von dem ein umfangreiches und vielfältiges Schrifttum überliefert ist. Dabei kann man das Gesamtwerk in apologetische Schriften (z.B. Ad nationes, Apologeticum, De Testimonio animae, Adversos Iudeos), in praktisch-asketische Schriften (z.B. Ad martyras, De spectaculis, De baptismo) und in dogmatisch-polemische Schriften (z.B. De praescriptione haereticorum, Adversos Praxean) gliedern. Seine literarischen Modelle sind zum einen bei den zeitgenössischen christlichen griechischen Autoren zu suchen, aber auch in der klassischen Philosophie (Platon, Stoa). Ein prägendes Moment ist dabei auch die Auseinandersetzung mit aktuellen Strömungen wie dem aufkommenden Gnostizismus. Dabei legt Tertullian nicht nur die Grundlage für eine facettenreiche religiöse Literatur des Lateinischen im Allgemeinen, sondern schafft mit seiner Art der Apologetik (werbend und verteidigend zugleich) ein neues Subgenre, welches so zuvor weder in der lateinischen noch in der griechischen Tradition existierte (cf. Albrecht 2012 II:1315–1324).
Ein wahrscheinlich etwas jüngerer Zeitgenosse Tertullians ist Minucius Felix (2./3. Jh. n. Chr.), von dem nur die Schrift Octavius überliefert ist.208 In dieser dialogisch gestalteten erstmaligen Auseinandersetzung mit den paganen Überzeugungen aus christlicher Perspektive werden Vorbilder wie Homer, Platon, Cicero, Seneca oder Vergil sichtbar (cf. Albrecht 2012 II:1337–1340).
Als ein weiterer nicht unbedeutender Vertreter aus dem Kreis der frühen Kirchenlehrer ist Cyprian (Thascius Caecilius Cyprianus, ca. 200/210–258 n. Chr.) zu nennen, der im Zuge der Profilierung der frühen katholischen Lehre sowohl wichtige Bekehrungsschriften (z.B. Ad Donatum, Ad Detrianum, De ecclesiae catholicae unitate) wie auch die Gattung der Erbauungsschriften (z.B. De habitu virginum, De dominica oratione) hervorgebracht hat (cf. Albrecht 2012 II:1348–1351).
Ebenfalls zu den Großen und Einflußreichen gehört Laktanz (Lucius Caecilius Firmianus Lactantius, ca. 250–320), der in seinen Divinae institutiones Elemente aus der juristischen Tradition mit solchen aus der Rhetorik verbindet. Neben weiteren wichtigen apologetischen Schriften wie De opificio Dei, De ira Dei oder De mortibus persecutorum – wobei vor allem letzteren eine größere Nachwirkung beschieden war, nicht zuletzt als Geschichtsquelle – soll er auch weltliche Schriften verfaßt haben, die allerdings nicht erhalten sind (Symposium, Itinerarium, Grammaticus) (cf. Albrecht 2012 II:1370–1371).
Was die sogenannten großen Kirchväter anbelangt, so ist zunächst Ambrosius zu nennen, der ein vielseitiges Œuvre hinterlassen hat, bestehend aus moralisch-asketischen Schriften (De officiis ministorum, Exhortatio virginitatis, De Tobia), dogmatischen Schriften (De fide, De spiritu sacto, De incarnationis dominicae sacramento), einer politischen Flugschrift (Contra Auxentium de basilicis tradendis), Trauerreden, Hymnen und einer verlorenen philosophischen Abhandlung (De philosophia). Dabei war auch bei ihm, wie im Falle anderer Kirchenlehrer, der griechische Einfluß durch seine klassische Vorbildung gegeben. Er hat unzweifelhaft Philosophen wie Plotin (Πλωτῖνος, 205–270 n. Chr.) oder Porphyrios (Πορφύριος, ca. 233–305 n. Chr.) genauso rezipiert wie römische kanonische Autoren (z.B. Cicero, Vergil) (cf. Albrecht 2012 II:1402–1406).
Hieronymus ist vor allem wegen seiner Bibelübersetzung in die Geschichte eingegangen, der Vulgata.209 Dabei ist bemerkenswert, daß er nicht nur selbsverständlicherweise Griechisch konnte, sondern auch Kenntnisse des Hebräischen hatte, um eine bessere Übertragung bzw. Exegese leisten zu können. Seine schriftstellerische Tätigkeit umfaßte auch weitere Übersetzungen (vor allem exegetischer Predigten), Kommentare zu biblischen Büchern, Briefe, Predigten sowie Streitschriften (z.B. Adversos Rufinum, Contra Pelegianos), Hagiographien und eine christliche Literaturgeschichte (De viris illustribus) nach griechischem Vorbild (cf. Albrecht 2012 II:1415–1417).
Der wirkungsmächtigste Kirchenvater war wohl Augustinus mit einem umfangreichen Gesamt-Opus, darunter philosophische Schriften (Soliloquiorum libri duo, De magistro, De immortalitate animae), philosophisch-rhetorische (De grammatica, De doctrina christiana), apologetische (De divinatione daemonum, De civitate Dei), dogmatische (De fide et symbolo, De agone Christiano, De trinitate libri XV), dogmatisch-polemische (De libro arbitro) und hermeneutische (De doctrina christiana), von denen viele für die christlichen Theologie fundamental wurden. Die breiteste Rezeption erfuhr er aber wohl mit seiner autobiographischen Schrift, den Confessiones. Augustinus bedient sich in seinen Einzelwerken der gesamten Bandbreite griechisch-lateinischer Literatur, die zu seiner Zeit gängig war (cf. Albrecht 2012 II:1431–1436).
Gregor d. Große (Gregorius, ca. 540–604 n. Chr.) schließlich, Papst (590–604 n. Chr.), verfaßte anhand eines Bibelkommentars eine Moraltheologie (Moralia in Job), zahlreiche Homilien, Pastoralen (Regula pastoralis) und hinterließ ein umfangreiches Korpus an Briefen. Insbesondere seine Heiligenlegenden in Form von Dialogen (Dialogi) wurden in den folgenden Jahrhunderten häufig rezipiert (cf. Heim 2001:147).
Der Wissenschaftsbereich der Historiographie wird durch Historiker wie Ammian (Ammianus Marcellinus, 330–395 n. Chr.) mit seinen an Tacitus anknüpfenden in annalistischer Tradition stehenden Res gestae oder Jordanes (6. Jh.) mit seiner Gotengeschichte (Getica) und einer Weltchronik (De summa temporum vel origine actibusque gentis Romanorum) weiter gepflegt (Kleine Pauly 1967 II:1439).210 In der Philosophie sei vor allem auf Boethius (Anicius Manlius Severinus Boethius, ca. 480–525 n. Chr.) verwiesen, der durch seine Consolatio philosophiae breite Nachwirkung erfuhr, aber auch durch seine Übersetzungen, Kommentare und weiteren Schriften zu anderen Fachbereichen wirkte (z.B. Logik: De categoria syllogismis, Mathematik: Institutio arithmetica) (cf. Albrecht 2012 II:1470–1475). Die Grammatikschreibung zeitigt mit den Werken Donats (Aelius Donatus, ca. 310–380 n. Chr., Ars grammatica) und Priscians (Priscianus Caesariensis, 5./6. Jh., Institutio de arte grammaticae) in dieser spätlateinischen Phase die wichtigsten Inspirationsquellen der folgenden Jahrhunderte (cf. Brodersen/Zimmermann 2000:145, 492).
Die schöne Literatur wird ebenfalls weiterhin gepflegt, wenn auch nicht mehr in gleichem Umfang und vor allem nicht mehr mit gleichem Rezeptionsgrad wie zuvor. Exemplarisch soll hier in erster Linie der Dichter Ausonius (Decimus Magnus Ausonius, ca. 310–393/394) genannt werden, dem mit Werken wie der Mosella, Bissula oder dem Ordo urbium nobilium ein gewisser Nachruhm beschieden war. Gerade mit letzterem, bei dem er Elemente des griechischen Epigramms und der descriptiones verbindet, schafft er einen neuen Gedichttypus, genauso wie mit seiner commemoratio, dem Weih- oder Gedenkgedicht, welches eine Mischung aus laudatio und Epikedeion darstellt (cf. Albrecht 2012 II:1129–1131). Erwähnt sei auch noch der Dichter Prudentius (Aurelius Prudentius, 348–405 n. Chr.), insofern sich in seinem Werk christliche Inhalte mit antiken Traditionen verbinden, wie beispielsweise in dem Lehrgedicht Psychomachia, in dem in Hexametern christliche Allegorien und Tugendvorstellungen mit Bezügen auf Vergils Aeneis ausgearbeitet wurden. In Contra Symmachum setzt er sich mit dem restaurativ-paganen Dichterkreis um Symmachus (Quintus Aurelius Symmachus, ca. 340–402 n. Chr.) auseinander,211 während in anderen Werken rein christliche Themen dominieren (Peristephanon, Apotheosis, Kathemerinon) (cf. Brodersen/Zimmermann 2000:497).
Aus der Sicht des sprachlichen Ausbaus ist zu konstatieren, daß sich in der spätlateinischen Phase am Zustand des Lateins im Sinne einer vollausgebauten Sprache nichts Wesentliches ändert. Die meisten Diskurstraditionen wurden weiter gepflegt, mitunter nicht in gleichem Umfang, aber dafür kamen durch neue Themenbereiche, und zwar in erster Linie solche mit christlichem Bezug, neue Arten von Textgattungen auf, wie z.B. Hagiographien, Predigten, dogmatische oder apologetische Schriften, die es zumindest in dieser Form zuvor im Lateinischen noch nicht gegeben hatte (v. supra). Der ganze Fachbereich der Theologie im weitesten Sinne erfuhr somit einen Ausbau, der vor allem mit zahlreichen Entlehnungen aus dem Griechischen einherging. Eine gewisse variatio ist aber durchaus auch bei etablierten Textgattungen festzustellen (cf. z.B. Lyrik des Ausonius), so daß sich vereinzelt neue Subgenres herausbildeten. Ein „Niedergang“, wie er aus der traditionellen, wertenden Perspektive der Klassischen Philologie meist festgestellt wurde, ist aus sozio-linguistischer Sicht, also in Form eines Rückbaus der Sprache, sicherlich nicht festzustellen, da ja nicht nur weiterhin die bereits kanonische Literatur tradiert und rezipiert wird, sondern eben neue Bereiche oder Subbereiche für das Lateinische erschlossen werden.
In Hinsicht auf die sprachliche Situation ist für die Spätantike mit einer weiterhin zunehmenden Romanisierung und Latinisierung zu rechnen, vor allem in den Regionen des Imperium Romanum, die erst später erobert wurden, sowie solchen die infrastrukturell eher entlegen waren oder sozio-strukturell divergierend. So schließen beispielsweise Berschin/Felixberger/Goebl (2006:162) aus einer Passage bei Hieronymus, daß gegen Ende des 4. Jh. in Trier an der Mosel (römische Randzone, aber auch Kaiserresidenz) noch Keltisch gesprochen wurde, immerhin über 400 Jahre nach der Eroberung Nordgalliens. Für die Iberische Halbinsel, die wie Gallien insgesamt als bereits tiefgreifend romanisiert gelten kann, vermutet Curchin (1991: 179–181, 190–192), daß sich im Siedlungsgebiet der Kantabrer (lat. Cantabrii) bedingt durch die dort vorherrschenden Gentilverbände und die fehlende urbane Struktur, die Romanisierung partiell bis ins 5. Jh. hingezogen habe, womöglich vollständig erst nach dem Zusammenbruch des Imperiums erfolgt sei. Trotz gewisser Einzelfälle und Randzonen wie Britannien oder Dakien mit geringerem Grad an Romanisierung und Latinisierung ist insgesamt für das Imperium im Laufe der Jahrhunderte von einer starken sprachlichen und kulturellen Assimilation von weiten Teilen der Bevölkerung auszugehen, nicht zuletzt auch durch die von Caracalla (Caesar Marcus Aurelius Antoninus Augustus, 188–217 n. Chr., Ks. ab 211) erlassene Constitutio Antoniniana (212 n. Chr.), mit der allen Reichsbewohnern das uneingeschränkte Bürgerrecht verliehen wurde. Das römische Reich blieb zwar ein Raum der Mehrsprachigkeit, nicht zuletzt weil in der Spätphase größere Kontingente von Völkern mit verschiedenen germanischsprachigen Idiomen innerhalb der Reichsgrenzen angesiedelt wurden bzw. dorthin vordrangen, was entgegen dem gängigen Modell von Dietrich/Geckeler (2007:172) eine Gleichzeitigkeit von Sub- und Superstratsprachen ergeben konnte.212 Auf der anderen Seite nahm durch die zunehmende Latinisierung auch die Zahl der Personen, die muttersprachlich nur eine lateinische Varietät zur Verfügung hatten, deutlich zu. Wie man exemplarisch an den christlichen Kirchenlehrern sieht, blieb das Griechische dabei Bildungssprache für die römische Elite im gesamten Imperium,213 die sich somit weiterhin in einer Art Diglossie-Situation befanden, wobei das Schriftlatein allerdings nun endgültig auch den Rang einer high-variety in allen Bereichen innehatte.
Durch die Verbreitung und Etablierung des Lateins in zahlreichen Regionen Europas und rund ums Mittelmeer (mare nostrum) entsteht einerseits eine allgemeine gesprochene lateinische Sprache, die man in Anlehnung an die griechische Konstellation als koiné bezeichnen kann, und andererseits isoliert sich ein vorwiegend schriftlich gebrauchtes Latein, welches als Bildungssprache morphologisch erstarrt und in seiner Grammatik konserviert ist (cf. latinitas perennis). Das nachmalig als „klassisch“ apostrophierte Latein entsteht, indem das Latein ausgewählter Autoren einer bestimmten historischen Epoche kanonisiert wird und dem natürlichen sprachlichen Erneuerungszyklus enthoben wird (cf. Poccetti/Poli/Santini 2005:325–326).
4.1.2 Der Varietätenraum
Bei einer Beschreibung des Varietätenraumes des Lateinischen als lebendige Sprache ergibt sich zunächst einmal, wie aus oben ausgeführter Periodisierung hervorgeht, die Problematik, daß sich das Latein im Laufe seiner über tausendjährigen Sprachgeschichte nicht nur bezüglich einzelner sprachlicher Merkmale verändert hat, sondern durch seine Expansionskraft auch seine Verbreitung in den verschiedenen Regionen der Welt sowie damit einhergehend die Zahl seiner Benutzer enorm gestiegen ist. Dies wiederum bedingt einen erheblichen Zuwachs an sprachlicher Beeinflussung durch Substrat- und Adstratsprachen, die im Latein ihre Spuren hinterlassen haben. Durch diese im Laufe der Zeit sich stark verändernden Konstellationen ist es notwendig, daß auch eine historische Komponente bei der Erfassung der Architektur des Lateinischen Berücksichtigung findet.
Traditionell wird in der Klassischen Philologie der sprachlichen Variation relativ wenig Raum gegeben bzw. spielt allenfalls im Rahmen von stilistischen Betrachtungen eine Rolle. Die Frage nach der Existenz verschiedener Varietäten scheint hierbei eher untergeordnet und wird meist ohne größere Diskussion um eine eventuell mögliche linguistische Verortung abgehandelt, was nicht nur an der für das Lateinische als nicht mehr lebendige Sprache nicht immer einfachen Belegsituation zusammenhängt.
Exemplarisch für die traditionelle Sicht und die ältere Forschung sei hier auf Leumann/Hoffmann (1928) verwiesen, die die komplette Variation inklusive diachroner Implikationen in einem einzigen Kapitel abhandeln (ibid.: 9–11), und zwar unter dem Titel Vulgärlatein und Romanisch, Umgangssprache, Schriftsprache. Hierbei sind bereits mit den Termini ‚Umgangssprache‘ und ‚Vulgärlatein‘ die beiden wichtigsten Varietäten jenseits der standardisierten Schriftsprache in der traditionellen Betrachtung angesprochen. Diese finden sich genauso in der modernen Forschung: In dem Überblick bei Irmscher (1986:84–85), bei Reichenkron (1965)214 wie auch in der aktuellen Einführung zur Klassischen Philologie von Willms (2013:230, 239). Dies bedeutet auch, daß die komplette diasystematische Variation im Wesentlichen an einem Begriff aus der Germanistik, der eigentlich Verhältnisse des Deutschen wiedergibt, aufgehängt ist (‚Umgangssprache‘)215 sowie an einem Terminus, der in der Forschung mit den unterschiedlichsten Konzepten aufgeladen wurde (‚Vulgärlatein‘).216 An diese Tradition der Bezeichnung und Kategorisierung knüpft auch der Klassische Philologe und Romanist Kramer (1997) an, der fast alle Varietäten in dem Kapitel Die lateinische Umgangssprache behandelt (ibid.: 156–162), dort allerdings den Begriff, unter dem der größte Teil der Variation fällt, dann kritisch beleuchtet. Ein anderen Ansatz hat Müller (2001), der von den lateinischen Bezeichnungen (sermo rusticus, sermo agrestis, sermo plebeius etc.) ausgeht und deren Verwendungsweisen bei den antiken Autoren analysiert, um daraus abzuleiten, welches Sprachbewußtsein im Hinblick auf Varietäten in der Antike herrschte.
Im Folgenden soll jedoch versucht werden, die Variation im Lateinischen, soweit sie erfaßbar ist, mit Hilfe des Diasystems strukturiert darzustellen wie es in ersten Ansätzen bereits von Herman (1996), Müller-Lancé (2006:45–58), Koch (2010:188–189), Reutner (2014:199–203) oder Lüdtke (2019:450–453) geleistet wurde.
4.1.2.1 Die diatopische Ebene
Da die Verbreitung der lateinischen Sprache sich im Laufe der Jahrhunderte erheblich verändert hat, d.h. ein regional sehr begrenztes Idiom entwickelte sich zur wichtigsten Sprache in großen Teilen Europas und darüber hinaus, ist auch eine Betrachtung der diatopischen Gliederung des Lateins nicht ohne eine diachrone Perspektive möglich (v. supra).217
Die indogermanischen Proto-Latiner, Träger der lateinischen Sprache, die ab dem 10 Jh. v. Chr. in Teilen der Region Latium seßhaft wurden und dort Streusiedlungen errichteten (präurbane Phase), die sich bis zum 6. Jh. v. Chr. teilweise zu kleineren urbanen Zentren entwickelten, gliederten sich ursprünglich in politisch gleichberechtigte populi in autonomen Gemeinden. Die sich in diesem Zeitraum konstituierende cultura laziale bildete mit ihren Ansiedlungen und Sakralverbänden eine lose Gemeinschaft. Mit dem Wandel zur Urbanität ab dem 6. Jh. v. Chr. und der Gründung des Latinischen Städtebundes (nomen Latinum bzw. nomen Latium) gewinnt die Gesellschaftsstruktur in Latium Kontur. Es ist anzunehmen, daß die einzelnen gentes dieser Region Träger von Idiomen mit sprachlichen Eigenheiten waren, die sich voneinander abgrenzten (cf. Palmer 1990:62; Neue Pauly 1999 VI:1165–1169; Aigner-Foresti 2003:19–20).
Appliziert man nun die auf sozio-politisch, historischen Merkmalen beruhende Unterkategorisierung der dialektalen Ebene nach Coseriu (v. supra), so kann man mit Müller-Lancé (2006:45) diese Varietäten der Latini als primäre Dialekte des Lateinischen deklarieren. Der Dialekt der Stadt Rom war dabei zunächst nur einer unter vielen. Erst mit der beginnenden regionalen Expansion Roms und den Auseinandersetzungen mit den latinischen Nachbarn (Latinerkriege) ab dem frühen 5. Jh. v. Chr., die mit der Auflösung des Latinerbundes (338 v. Chr.) endeten, gewinnt das stadtrömische Latein an Prestige gegenüber den anderen verwandten Varietäten der Region.
Angesichts der bescheidenen Quellenlage für die Frühzeit, für die nur wenige, laut Palmer (1990:65) „nichtssagende Fragmente“ zur Verfügung stehen, ist es schwierig, den sprachlichen Abstand zwischen den einzelnen Varietäten festzustellen. Im Gegensatz zu Seidl (2003:522), der die dialektalen Unterschiede im frühen Latium als eher gering einstuft,218 postuliert Müller-Lancé (2006:47), daß der Dialekt der Stadt Rom „stark“ von denen seiner Nachbarn abwich. Allerdings zieht er zum Vergleich als erstes Beispiel eine Inschrift aus Falerii heran, die üblicherweise als faliskisch eingeordnet wird (cf. Meiser 2010:9–10, § 6.1) und nicht als lateinisch. Hinzu kommt, daß er diese frühfaliskische Inschrift aus dem 4. Jh. v. Chr. dem klassischen Latein und nicht dem Altlatein gegenüberstellt, doch selbst zur altlateinische Periode wäre eine noch nicht unerhebliche zeitliche Diskrepanz zu konstatieren.219 Das faliskische Original lautet: foied uino pipafo cra carefo – foied uino pafo cra carefo (cf. Baldi 2002:125). Dies würde im Altlatein die Entsprechung hodie vinom bibabo, cras carebo (cf. Quiles 2009:63) haben und im klassischen Latein hodiē vīnum bibam, crās carēbō (cf. Baldi 2002:125), also übersetzt ‚heute will ich Wein trinken, morgen werde ich es mir versagen‘ (Müller-Lancé 2006:47). Immerhin ist aber auf diese Weise der Abstand vom nah verwandten Faliskischen zum Lateinischen zumindest nährungsweise erkennbar. So ist intervokalisch faliskisch f bzw. lateinisch b aus indgerm. bh > b (lat.) bzw. > f (falisk.) zu erklären (cf. carefo vs. carebo), im Faliskischen ist der Verlust der Auslautkonsonanten (cf. uino vs. vinom; cra vs. cras) sichtbar220 und im Lateinischen die Weiterentwicklung zu h, also indogerm. gh > f > h (cf. foied vs. hodie). Morphologisch ist die Futurbildung mit f im Faliskischen auffällig wie in carefo und pipafo (Palmer 1990:62–63; Quiles 2009:63).
Das zweite Beispiel, um den großen Abstand der latinischen Varietäten aufzuzeigen, ist von Müller-Lancé (2006:47), der hier Palmer (1990:63–64) folgt, ebenfalls nicht optimal gewählt, da die Echtheit der Fibula praenestina als umstritten gilt (v. supra). Geht man jedoch von einer authentischen Inschrift aus, zeigen sich an dem Wortlaut Manios : med : vhe : vhaked : Numasioi (klat. Manius mē fēcit Numerio, dt. ‚Manius hat mich für Numerius gemacht‘) einige Eigenheiten der Varietät von Praeneste.221 Dazu gehört die Endung der 3. Person Singular auf –d, die Dativendung -oi und das reduplizierte Perfekt (cf. vhe vhaked), in der sich auch die Verwandtschaft zum Oskischen zeigt (cf. osk. fefakid, fefacust). Palmer (1990:64–65) gibt im Folgenden noch weitere sprachliche Phänomene der frülateinischen Inschriften an, die in Lautung und Morphologie vom späteren standardisierten Latein abweichen, wie z.B. die Entwicklung von d > r vor Labial, was eventuell lat. arbiter als Dialektwort identifizierbar machen würde, außerdem häufige Synkope unbetonter Vokale (z.B. dedront vs. klat. dedērunt) oder die Bewahrung des Nominativ Plural auf –ās (z.B. matronas vs. klat. mātrōnae).
Aufgrund der Tatsache, daß das Lateinische erst ab dem 3. Jh. v. Chr. in längeren Texten faßbar wird, ist ein Vergleich für die Frühzeit schwierig. Es kann allerdings wie anhand der Beispiele ersichtlich, festgehalten werden, daß es eine diatopische Differenzierung gab, über den Grad der Abweichungen insgesamt Aussagen zu treffen bleibt problematisch, genauso wie das Verhältnis zum nahverwandten Faliskischen – also ist hier der Abstand tatsächlich deutlich größer als zu den Dialekten Latiums bzw. um wieviel größer? Ausgehend von der festgestellten Variation ist jedoch festzuhalten, daß der zu Beginn recht kleine geographische Raum – Müller-Lancé (2006:45) spricht von einer Nord-Süd-Ausdehnung von ca. 50 km – in noch kleinere sprachliche Varietäten gegliedert ist. Bei den primären Dialekten des Lateins handelt es sich nach gängigem Verständnis eher um Mundarten (frz. parlers locaux, cf. Müller 1975:109), also areal sehr begrenzte diatopische Varietäten (cf. Sinner 2014:92; v. supra), d.h. kleine urbane Zentren mit dem zugehörigen Umland. Rekurrieren wir auf die Fundorte der frühen Inschriften sowie auf die Städte des Latinerbundes, die die einzelnen populi repräsentieren, so können wir für das Lateinische die Mundarten des Römischen, Pränestinischen, Lanuvinischen, Tiburinischen, Tusculanischen, Satricanischen, Aricianischen, etc. postulieren.
Mit dem Ausgreifen Roms auf seine latinischen Nachbarn beginnt das Lateinische, die anderen Varietäten zu überdachen, zunächst nur aufgrund seiner politischen Vormachtstellung im mündlichen Bereich, später auch im schriftlichen. In Bezug auf die Schriftsprache stand das Latein, außer natürlich mit dem Griechischen und Etruskischen, anfänglich auch in Konkurrenz mit dem Faliskischen, Oskischen, Umbrischen oder Volskischen (nur wenige Inschriften, cf. Meier-Brügger 2002:34, E 429).
Bei der Frage nach der Herausbildung des stadtrömischen Dialekts, der uns zu einem späteren Zeitpunkt in der schriftlichen, standardisierten Form des Klassischen Lateins gegenübertritt, zieht Müller-Lancé (2006:48) die Parallele zur Herausbildung des Französischen aus dem Franzischen von Paris bzw. der Île-de-France.222 Es ist jedoch passender den Befund von Poccetti/Poli/Santini (2005:65) zugrundezulegen, die für Praeneste analog zu Rom von einem Latein mit dreifacher Wurzel sprechen, nämlich einer latinischen, einer etruskischen und einer italischen, welches zusätzlich von griechischen und phönizischen Einflüssen überlagert wird, so scheint es vielmehr so, daß Rom wie auch andere zentrale Orte in Latium ganz allgemein in einem viel größeren Raum kultureller Schnittstellen lagen.223 Der Beitrag der latinischen Nachbarvarietäten zur Formung des stadtrömischen Lateins war sicherlich gegeben,224 ist aber schwierig einzuschätzen. Eindeutig hingegen ist, daß diese Varietäten die lateinischen koiné beeinflußt haben, die sich in der Folgezeit durch die Expansion Roms herausgebildet hat.
Durch das Ausgreifen Roms auf die benachbarten Regionen und die im Folgenden sich in mehreren Etappen vollziehende Eroberung der gesamten italienischen Halbinsel sowie schlußendlich die Beherrschung des gesamten orbis entwickelten sich nach erfolgter Romanisierung und Latinisierung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Westteil des Reiches sekundäre Dialekte des Lateinischen, welches weit über seinen autochthonen Entstehungsraum hinausgetragen wurde. Dabei erscheint es wichtig, neben der von Müller-Lancé (2006:48–49) vorgenommenen arealen Unterscheidung von sekundären Dialekten innerhalb und außerhalb Italiens – was aufgrund einer gewissen Sprachbund-Dynamik durchaus gerechtfertigt ist225 – auch den sprachlichen bzw. typologischen Abstand zwischen den Kontaktsprachen als Kriterium der Differenzierung anzusetzen. Benachbarte nicht verwandte oder nur weitläufig verwandte Sprachen wie das Etruskische oder das Griechische hatten einen gewichtigen Einfluß auf die Herausbildung des Lateinischen, die nahverwandten italischen Sprachen hingegen unterlagen einer „progressiven Assimilation“ (Poccetti/Poli/Santini 2005:89) und teilten nicht wenige Konvergenzphänomene mit dem Lateinischen mit zunehmender unidirektionaler Beeinflußung seitens der prestigeträchtigeren Sprache Roms.
Während also die nicht direkt verwandten, durch einen größeren sprachlichen Abstand gekennzeichneten Sprachen im Laufe des Latinisierungsprozesses eine Marginalisierung erfahren, die die Sprecher zum Sprachwechsel bewegt, so daß diese Sprachen schließlich untergehen und als Substrate wirken, unterliegen die italischen Nachbaridiome zwar prinzipiell dem selben Prozeß, jedoch mit der Nuance, daß sie zuvor vom Lateinischen dialektalisiert werden. Im Zuge der Überdachung durch die lateinische koiné – mündlich wie schriftlich – werden Sprachen wie das Sabinische, Faliskische, Volskische, Samnitische in den Status von Dialekten zurückgedrängt, d.h. wie die meisten Dialekte, nur noch im mündlichen Nähebereich gebraucht.
Poccetti/Poli/Santini (2005:89) sprechen diesbezüglich von einer langen Phase der Diglossie, die bereits recht früh beginnt, also vor der systematischen Romanisierung nach dem Bundesgenossenkrieg (91–89 v. Chr.), was beispielsweise aus der Bitte der Einwohner von Cumae hervorgeht, die im Jahre 180 v. Chr. den römischen Senat darum ersuchen, offiziell das Lateinische übernehmen zu dürfen (cf. Livius XLI, 42). Das autochthone Idiom wird somit schriftlich wie mündlich in die Domänen der privaten Kommunikation und der lokalen religiösen Traditionen verwiesen.226
Nach ihrem Untergang und ihrer Substratisierung, die womöglich aufgrund der zahlreichen Konvergenzen – bedingt durch die genetische Verwandtschaft und durch den sehr engen Sprachkontakt – in anderer, eventuell gradueller Form ablief als beispielsweise bei einem abrupten Sprachwechsel Etruskisch-Lateinisch, trugen die italischen Sprachen wesentlich zur Entstehung von sekundären Dialekten des Lateinischen bei.
Im Zuge der Verbreitung des Lateinischen, welches ab dem 2. Jh. v. Chr. und vor allem ab der Zeitenwende vermehrt in außeritalische Regionen vordringt und schließlich weitestgehend flächendeckende Verwendung in großen Teilen Westeuropas und Nordafrikas findet, ist zu berücksichtigen, daß hierbei nicht nur stadtrömisches Latein exportiert wird, sondern durch viele italische Kolonisten auch deren bereits bestehende sekundäre Varietäten des Lateins.227
Man müßte demgemäß von verschiedenen Schichten sekundärer Dialekte ausgehen, denn die diatopische Differenzierung des Lateinischen in Italien ist früher anzusetzen als diejenige in den entfernteren Provinzen, die zunächst noch nicht romanisiert waren. Die dortigen sekundären diatopischen Varietäten konnten deshalb Elemente aus primären und sekundären Dialekten Italiens enthalten, also z.B. sprachliche Charakteristika des ursprünglichen Latein von Praeneste, des Faliskischen, Oskischen, Etruskischen oder Griechischen.228
Dieser zentrifugalen Verbreitung sprachlicher Eigenheiten aus Italien mit dem unbestrittenen Zentrum Rom sind Migrationsbewegungen verschiedenster Art (Legionen, Kolonisten, Händler, Sklaven, etc.) gegenüberzustellen, die in gewisser Weise quer dazu wirkten. Das stadtrömische Latein – mündlich wie schriftlich – war zwar Bezugspunkt und Referenzgröße, doch die Mobilität im späteren kaiserzeitlichen Reich war nicht unidirektional von der Mitte zur Peripherie. Sprachlich hatte dies zur Folge, daß ein gewisser Ausgleichseffekt entstand, der eine starke Diatopisierung – die bei der Größe des Imperiums ja denkbar gewesen wäre – solange verhinderte, bis das Westreich unterging, die politische und administrative Klammer den Zusammenhalt nicht mehr gewährleistete.229
Es scheint relativ zweifelsfrei, daß es in der Spätzeit des römischen Reiches eine diatopische Differenzierung gegeben hatte,230 die Frage, wie stark diese war, ist jedoch schwer zu beantworten, da die Überlieferung rein aus schriftlichen Quellen besteht, bei denen trotz gelegentlich faßbarer Unterschiede letztlich eine möglicherweise zugrundeliegende Differenzierung im Mündlichen durch die mehr oder weniger am Standard ausgerichtete Verschriftung verdeckt wird.
Seidl (2003:522, 524) geht davon aus, daß die dialektale Differenzierung in der Spätzeit des Imperiums zunahm und sich nicht nur, aber vor allem auf lexikalischer Ebene äußerte. Die diatopische Diversifizierung ist dabei einerseits auf die verschiedenen Substratsprachen in den einzelnen Provinzen bzw. Regionen des Reiches zurückzuführen, andererseits auch auf die sprachinhärente Eigendynamik der Diversifizierung.231 Ausgleichend und unifikatorisch hingegen wirkte die Strahlkraft des stadtrömischen Lateins, die urbanitas als high-variety-Modell, welches jedoch im Zuge des Auflösungsprozesses der Völkerwanderungszeit den Prozeß der weiteren Diatopisierung nicht mehr aufhalten konnte (v. supra auch die Dezentralisierung seit Diokletian und die Reichsteilung unter Theodosius). Die germanischen Superstratvölker wirkten insofern doppelt, als sie zum Einen dafür sorgten, daß das römische Reich sich destabilisierte und dann auflöste, was die sprachliche Einheit der Latinophonie zerstörte und andererseits, indem sie selbst das Latein als Sprache adaptierten und damit modifizierten (Superstratwirkung).
Folgt man der Coseriu’schen Terminologie auf der diatopischen Ebene, so gibt es neben den primären und sekundären auch die tertiären Dialekte, oder in germanistischer Tradition, auch Regiolekte (v. supra). Im Gegensatz zu den bei Müller-Lancé (2006:49) nur aus der Konfrontation mit sekundären Dialekten entstandenen regionalen Varietäten, die sich in der Überlieferung als „Akzente“ von Griechen, Kelten oder Nordafrikanern manifestieren, muß man auch hier diachron diversifizieren sowie unterschiedliche Arten der tertiären Dialekte in Betracht ziehen. Dies bedeutet, daß man in einer Frühphase der römischen Geschichte auch tertiäre diatopische Varietäten aus der Konfrontation sowohl mit primären Dialekten des Lateinischen, als auch mit verwandten und unverwandten Nachbaridiomen (z.B. Faliskisch, Etruskisch) postulieren muß, auch wenn dies nicht explizit belegt ist. Zu unterscheiden sind zusätzlich prinzipiell tertiäre Dialekte, deren Basis ein primärer oder sekundärer Dialekt ist oder zumindest eine nah verwandte Sprache, so daß es hier ein Kontinuum an mehr oder weniger zahlreichen sprachlichen Charakteristika geben kann oder, ob die Basis eine wenig bzw. unverwandte Sprache ist, wo eben kein Kontinuum möglich ist (z.B. beim Keltischen, Griechischen oder Etruskischen).
Voraussetzung für die Entstehung eines tertiären Dialekts ist eine entsprechend verbreitete Standardsprache. Dies kann für das römische Reich natürlich nicht in gleicher Weise wie bei modernen normierten Sprachen angenommen werden, doch läßt sich wohl eine gewisse Verbreitung auch in den urbanen Zentren der verschiedenen Provinzen annehmen, in denen eine Oberschicht Träger einer Standard- und Normsprache war und somit zumindest einer gewissen Grad an Verbreitung gewährleistete.
Bei den überlieferten Fällen, in denen die Zeitgenossen eine diatopisch markierte Aussprache festgestellt haben, wäre grundsätzlich natürlich zunächst der Frage nachzugehen, ob es sich hierbei tatsächlich um einen lateinischen Dialekt handelt, also um einen primären oder sekundären oder, ob „nur“ eine regionale Färbung im Sinne eines regiolektalen Merkmals vorliegt.
Betrachtet man nun den vielleicht berühmtesten Fall, nämlich der des aus Hispanien stammenden Kaisers Hadrian (Traianus Hadrianus Augustus, 117–138 n. Chr.), dem in der Historia Augusta eine ländliche Aussprache nachgesagt wird (agrestius pronuntians),232 so ist davon auszugehen, daß es sich hierbei um einen Sprecher aus der provinzialen Oberschicht handelt, mit entsprechendem Bildungshintergrund und einem Bewußtsein für die high-variety des stadtrömischen Lateins. Insofern ist es kaum wahrscheinlich, daß Hadrian tatsächlich Dialektsprecher war – auch unter der Prämisse einer vielleicht nicht allzu starken diatopischen Differenzierung des Lateins zu dieser Zeit –, sondern das eine oder andere regiolektale Merkmal in seiner Aussprache aufwies.
Man kann also letztendlich davon ausgehen, daß das Latein alle Ebenen einer diatopischen Variation aufwies.233 Auch die Römer selbst waren sich dieser Variation bewußt und unterschieden prinzipiell zwischen dem mit hohem Prestige behafteten sermo urbanus, in dem das Ideal der urbanitas, des stadtrömischen Lebens und Sprechens anklingt, welches sich mit elegantia und proprietas auf diaphasischer Ebene kreuzt, und dem sermo rusticus oder auch sermo agrestis, der Redeweise des Umlandes oder der Provinzen, die entsprechend negativ konnotiert war. Sekundär ist das ‚ländliche Sprechen‘ deshalb immer auch diastratisch-diaphasisch als niedrig angesehen worden (cf. Müller-Lancé 2006:52; Reutner 2014:201–202). Lüdtke wiederum sieht die Diatopik des Lateinischen durch die zeitgenössische Kennzeichnung der peregrinitas widergespiegelt, was aber womöglich nur einen Teil der regionalen Abweichungen umfaßt.
Nach der Ausbreitung des Lateinischen in den Provinzen konnen die diatopischen Unterschiede im Ganzen mit peregrinitas benannt werden. […] Der griechische Arzt Galen benennt im 2. nachchristlichen Jahrhundert einen zwei Sprachen sprechenden Mann mit dem Ausdruck diglossos ‚zweisprachig‘. Das ist eine umfassendere Charakterisierung als die römische, die die Situation der Zweisprachigkeit nur als Art und Weise begreift, wie die Nicht-Lateiner Lateinisch sprechen, eben als peregrinitas. (Lüdtke 2019:451)
Die Tatsache, daß das Lateinische als lebendige Sprache, die sich über ein größeres Territorium erstreckte, eine diatopische Differenzierung aufwies, ergibt es letztlich auch daraus, daß sich aus dieser Konstellation die romanischen Sprachen entwickelt haben, die nichts anderes als regionale Varietäten des Lateins sind, die sich im Laufe der Zeit zum Teil relativ weit von ihrer Ursprungssprache entfernt haben. Die bisher strittige Frage ist dabei, zu welchem Zeitpunkt diese Ausdifferenzierung stattgefunden hat bzw. ob es regionale Variation bereits in entsprechender Ausprägung vor der frühromanischen Phase gegeben hat.234
So steht prinzipiell die auch in der traditionellen Klassischen Philologie vertretene These von einer grundsätzlichen Einheitlichkeit des Lateins, die bei Väänänen (1983:481, 490) als thèse unitaire apostrophiert wird, der Ansicht der thèse différentielle (ibid.) gegenüber, die besagt, daß das Latein seit der Kaiserzeit regional variiert oder zumindest deutlich vor 600 n. Chr., wobei dann wiederum die Meinungen zu ‚früher Variation‘ auch von der Auffassung abhängen, was unter ‚Vulgärlatein‘ zu verstehen ist bzw. welche zeitliche Periode dies betrifft (cf. Reutner 2014:201).
Tatsächlich ist die Art der diatopischen Variation – die zweifellos immer Überschneidung mit der diastratischen und diaphasischen aufweist – komplex, wie bereits dargelegt, und wie Adams (2007), der diachronisch geschichtet und nach Regionen gegliedert, zahlreiche Belege zur diatopischen Variation zusammengetragen hat, deutlich zum Ausdruck bringt:
The metalinguistic evidence presented in this book makes nonsense of the unitarian thesis, and the differential thesis as formulated by Väänänen just quoted is itself not satisfactory, because the regional diversity of the language can be traced back at least to 200 BC and was not a new development of the Empire. That is not to say that the Romance languages were in any sense being foreshadowed already in 200 (though we will see some continuities […]). The patterns of local diversity in 200 were not the same as those to be found a millennium or more later, but the essential point is that the language always showed regional as well as social, educational and stylistic variations. The nature of the diversity was not static but went on changing. (Adams 2007:684)
Mit anderen Worten, Latein präsentierte sich von je her als diasystematisch differenzierte Sprache. Dabei ist jedoch in Rechnung zu stellen, daß durch die besondere historische Konstellation der extremen Expansion – die, wie von Seidl (2003:521) errechnet, ursprünglich ein Territorium von weniger als 2500 km² im 5. Jh. v. Chr. abdeckte, welches auf ca. 3 Mio km² in der Kaiserzeit anwuchs – sowie die über tausendjährige Geschichte (soweit faßbar und hier im Fokus) die lateinische Sprache in ihrer Architektur einem starken Wandel unterworfen war, nicht zuletzt auch durch die zahlreichen Sprachkontaktsituationen, Migrationen und den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen.
4.1.2.2 Die diastratische Ebene
Die lateinische Sprache unterlag, wie bereits angedeutet, auch der Variation auf diastratischer Ebene, was sowohl aus metasprachlichen Zeugnissen der Antike als auch an einigen wenigen sprachlichen Charakteristika festgemacht werden kann. Versucht man nun die Diastratik systematisch zu erfassen, so ist zunächst einmal das schichtenspezifische vom gruppenspezifischen Sprechen zu unterscheiden (zur Kritik v. supra), denn im Gegensatz zu den modernen Gesellschaften kann man für die Gesellschaftssituation der römischen Antike durchaus von ausgeprägten Schichten und dem zugehörigen Klassenbewußtsein ausgehen.235
Müller-Lancé (2006:53) geht von einer dreigeteilten Gesellschaft aus, die sich aus rechtelosen Sklaven (servi), den Freigelassenen (liberti) und den freien Bürgern (cives Romani) konstituierte, wobei letztere sich wiederum aus Plebejern und Patrizier zusammensetzten. Plebejer (plebeii, cf. plebs ‚Volk‘) und Patrizier (patricii) waren oft in einem Klientelverhältnis (clientela) gebunden, insofern eine patrizische Familie (gens) ihre politische Macht und gesellschaftliche Stellung durch die Bindung von Gruppen von Plebejern (und anderen Patriziern) zu festigen suchte.
Dies ist allerdings eine Vereinfachung der gesellschaftlichen Realität, die höchstens auf die Zeit der res publica anwendbar ist (plebs vs. nobiles), denn in der Kaiserzeit mit dem Wachsen des Imperiums verändern sich auch die gesellschaftlichen Strukturen. Doch auch schon in der wachsenden Republik differenzierte sich die anfängliche Dichotomie der Frühzeit zwischen Plebejern und Patriziern weiter aus, was zum einen mit der gesellschaftlichen Differenzierung und zum anderen mit den sich ändernden Rechtsverhältnissen zu tun hat – beide Aspekte sind prinzipiell zu trennen.
Die rechtliche Position der Sklaven blieb zwar während der Dauer des Imperiums grundsätzlich die gleiche, sie wurden als Eigentum (res) behandelt und unterlagen der potestas ihres Herrn, doch ihre soziale Stellung und Herkunft konnte dabei erheblich variieren. Auch wenn das Gros womöglich der Unterschicht zuzurechnen war, so ist beispielsweise davon auszugehen, daß die zahlreichen Sklaven, die der familia Caesaris angehörten und in der Verwaltung arbeiteten, teilweise wirtschaftliche Großbetriebe leiteten, als Ärzte oder in der Finanzverwaltung tätig waren, womöglich über Untersklaven (vicarii) geboten, auch über einen entsprechenden Bildungshintergrund verfügten (cf. Christ 2002:351–356). Aus ihrem rein rechtlichen Status, der sich durch Freilassung ja auch ändern konnte, ist deshalb per se noch kein Rückschluß auf ihre Sprache – falls sie überhaupt native speakers des Lateins waren – in diastratischer Hinsicht möglich.
Die Tatsache, daß die Gesellschaftsstruktur durchlässig war, zeigt sich an den Freigelassenen, deren Zahl bereits in der späten Republik hoch war, aber im Prinzipat nochmals anstieg. Die ehemaligen Sklaven wurden nach ihrer manumissio jedoch keine Vollbürger,236 da sie ihrem patronus weiterhin zu obsequium (Bewahrung des Respekt- und Treueverhältnis) und officium (z.B. konkrete operae im Haus bzw. Betrieb) verpflichtet blieben. Ähnlich wie bei den Sklaven sagt die rechtliche Stellung zunächst nichts über den Bildungshintergrund und die ehemalige soziale Schicht vor der Versklavung aus – falls jemand nicht im Sklavenstatus geboren wurde. Nicht wenige jedoch nutzten ihre Freilassung und versuchten, sozial aufzusteigen, zumal ihre Nachkommen dann als Freigeborene (ingenui) römische Vollbürger sein konnten, und standen dabei unter erheblichem Legitimationsdruck, was sie wie bei Juvenal (Saturae I, 26) oder Petron (Satyricon c.71) zum Gegenstand der Satire werden ließ. Hier wird dann der typische Aufstieg vom untersten plebs zum reichen homo novus auch mit den entsprechenden sprachlichen Defiziten parodiert (cf. Christ 2002:367–373).
Die römischen Bürger waren in ihrer Struktur ebenfalls nicht homogen, gab es doch schon in der späten Republik eine zunehmende Differenzierung der gesellschaftlichen Schichten, da die Bürger der nichtaristokratischen Klasse sich nicht mehr nur aus Kleinbauern, Kleinhandwerkern und Kleinhändlern wie in der Frühzeit zusammensetzten. Man unterschied auf dieser Ebene zwischen der plebs urbana und der plebs rustica, was aber nur einen Teil der Realität abbildete, denn einerseits veränderte sich die Wirtschaft und andererseits, mit der Ausdehnung des Bürgerrechtes auf die Bundesgenossen und andere Gruppen, differenzierte sich die Teilhabe an der res publica. Cives Romani wurden nämlich nicht nur die Bewohner Italiens, sondern auch regionale Führungseliten, ehemalige nicht-römische Legionäre, Kolonisten und Angehörige der Municipalaristokratie. Einen eigenen Stand konstituierten im römischen Staat die Senatoren (senatores) sowie die Ritter (equites), auch sie gehörten aber rechtlich zu den Cives Romani, bildeten jedoch aus soziologischer Perspektive die Oberschicht in Rom und belegten entsprechend einem mehr oder weniger bindenden cursus honorum die wichtigsten Ämter im Staat (cf. Christ 2002:378–385).
Den Großteil der Bewohner des römischen Reiches in der Kaiserzeit bildeten jedoch die nichtrömischen, aber freien Provinzbewohner (peregrini), zumindest bis sie 212 n. Chr. durch die Constitutio Antoniniana ebenfalls das römische Bürgerrecht erhielten. Ihre rechtliche Stellung hing (zuvor) auch davon ab, ob sie unter Umständen Bewohner eines römischen municipiums waren, einer colonia Civium Romanorum, einer colonia Latina bzw. eines municipium Latinum, einer civitas foederata (mit foedus aequum oder foedus iniquum), einer civitas sine foedere, einer civitas libera, einer civitas stipendiaria, einer civitas immunis, einer civitas sine suffragio oder einer civitas optimo iure. Das römische Recht bot verschiedene Facetten von gruppen- und personenspezifischen Rechtstellungen, was jedoch nicht immer mit Ansehen, Reichtum und Macht einherging, welche durchaus auch quer dazu verteilt sein konnten (z.B. reiche peregrine Händler in einer Stadt). Eine eigene Oberschicht bildete innerhalb einer Stadt die Munizipalaristokratie, die den ordo decurionum bildete und unter Aufbringung der notwendigen summa honoriaria die Ämter bekleidete (cf. Neue Pauly 1997 II:1224–1225, III:76–84; Christ 2002:373–374, 385–387).
Die Gesellschaftsstruktur im Imperium Romanum ist somit reichlich komplex, erst recht, wenn man die notwendige diachrone Perspektive hinzunimmt und nicht wie Müller-Lancé (2006:54) nur die Zeit der späten Republik betrachtet. Führt man sich die diversifizierte Gesellschaft des römischen Reiches und ihre inhärente Dynamik vor Augen,237 die zudem je nach Region variieren kann (urbane Zentren vs. entlegene rural geprägte Provinzen), so dürfte es wahrscheinlich sei, daß auch die Sprache entsprechend diastratisch ausdifferenziert war. Das Problem, warum nicht nur bei Müller-Lancé (2006), sondern auch bei Reutner (2014) und anderen meist „nur“ die Unterscheidung zwischen sermo plebeius und sermo vulgaris als Substandardvarietäten gegenüber dem sermo urbanus getroffen wird, ist vor allem die dünne Beleglage und reduzierte metasprachliche Dokumentation.
Neben der schichtenspezifischen Diastratik ist auch die gruppenspezifische Diastratik in Betracht zu ziehen, die in der lateinischen Sprache ebenfalls auszumachen war.
La société romaine était dotée d’une vaste gamme de métiers hautement diversifies. Il est naturel que chacun d’entre eux ait dispose d’un technolecte spécifique. (Seidl 2003:525).
Entsprechend der gesellschaftlichen Diversifikation und der Charakteristik bestimmter Gruppen kann man mit Seidl (2003:525) davon ausgehen, daß sich eigene Soziolekte für die unterschiedlichsten (Fach-)Bereiche der Kommunikation wie der Religion, der Landwirtschaft, der Verwaltung, der Rechtsprechung, dem Militärwesen, der Medizin oder der Architektur herausgebildet haben.
Müller-Lancé (2006:53) nennt zwei gruppensprachliche Bereiche, die nicht nur durch spezifische Lexik zu ermitteln sind, sondern die bereits die Zeitgenossen erfaßt und mit entsprechender metasprachlicher Begrifflichkeit gekennzeichnet haben. Dies ist einerseits die Soldatensprache (sermo castrensis bzw. sermo militaris) und andererseits die Sprache der frühen Christen. Beide sind nicht unbedingt schichtenspezifisch, da an diesen Gruppensprachen Personen bzw. Sprecher verschiedenster sozialer Herkunft partizipieren. Den für die christlichen Schriften typischen sermo humilis sieht Müller-Lancé (2006:58) eher diaphasisch als diastratisch.
Aus der Sicht der traditionellen Rhetorik (cf. Cicero, Quintilian) ist dem sicherlich beizupflichten; begreift man jedoch diesen Stil, der sich durch eine Syntax mit vorwiegend parataktischem Satzbau und zahlreichen Gräzismen (sowie einigen Hebraismen) auszeichnet, gerade ab der Spätantike als etwas typisch Christliches, so ist der gruppensprachliche Charakter doch ebenfalls recht deutlich. In diesem Kontext referiert dann sermo humilis zwar vorwiegend auf die medial schriftlichen Texte, könnte aber in einem modernen Verständnis durchaus auch auf die Mündlichkeit angewandt werden, z.B. bei Predigten. Löst man also den Begriff aus seiner frühen Interpretation der rhetorischen Stilebenen und legt man den Schwerpunkt auf die augustinischen Neubelegung (v. infra), so kann man ihn durchaus sinnvoll zur Kennzeichnung diastratischer Gegebenheiten verwenden, ohne der antiken Auffassung entgegenzustehen.238
In Bezug auf die Soldatensprache sind einige Ergänzungen zur Struktur der römischen Armee sinnvoll. Diese war prinzipiell den freien römischen Bürgern vorbehalten, Sklaven und Freigelassene wurden nur im Krisenfall mitherangezogen. Attraktiv war der Militärdienst vor allem als Möglichkeit des sozialen Aufstiegs, auch für Römer, aber in erster Linie für die Provinzialen, die dadurch am Ende der Dienstzeit, die in der Kaiserzeit zwischen 16 und 26 Jahren schwankte (je nach Dienstgrad und Bereich), das Bürgerrecht erwerben konnten. Aus diesem Grund waren Zwangsrekrutierungen eher selten und die im Prinzipat fortbestehende Wehrpflicht aus Zeiten der Republik wurde oft nicht eingefordert, da die Legion ausreichend Sold und Perspektiven bot. Der privilegierte Stand der Senatoren (ordo senatorius) und der der Ritter (ordo equester) besetzten in der Regel die Offiziersämter in der Armee und wechselten häufig, zumindest in den höchsten Rangstufen, d.h. bei den Tribunen (tribuni) und Legionskommandanten (legati). Kontinuität und Verbundenheit mit der Truppe gewährleisteten der meist dem Ritterstand zugehörige Lagerkommandant (praefectus castrorum) sowie die einzelnen Zenturionen (centuriones) und deren ranghöchster, der primus pilus. Es gab in der römischen Armee nicht nur eine vertikale Schichtung nach Dienstgraden, sondern auch eine horizontale nach militärischen Einheiten. So war die überkommene traditionelle Grundeinheit der römischen Wehr die aus Fußsoldaten bestehende Legion (legio), deren 4000–5000 Mann in Kohorten (cohortes), Manipel (manipuli) und Zenturien (centuriae) gegliedert waren. Sie bestand zunächst meist aus Angehörigen der plebs rustica, später dann auch zunehmend aus Provinzialen. Ab der Kaiserzeit wurde das Heer (exercitus) durch Hilfstruppenverbände (auxilia) verstärkt, die mitunter komplett aus ethnisch geschlossenen Einheiten bestanden, mit denen ein Klientelvertrag bestand, die im Laufe der Zeit dann aber durch andere Soldaten ergänzt wurden und nur noch den Namen beibehielten (z.B. cohors II Raetorum).239 Weiterhin gab es Reitereinheiten verschiedener Stärke (ala quingenaria, ala miliaria), gegliedert in turmae sowie gemischte Kavallerie- und Infanterieeinheiten (cohortes equitatae). In der Spätzeit etablierten sich am Limes zudem sogenannte Benfiziarierstationen mit Soldaten (beneficiarii) in Vertrauensstellung und eher polizeidienstlicher Funktion. Nicht den gleichen Stellenwert wie der Dienst in der Legion hatte der in der römischen Flotte, die im Wesentlichen aus Trieren bestand. Neben den Ruderern und Matrosen, die meist aus Provinzialen bestand, gab es die Decksoldaten, einen Kapitän (trierarchus) pro Schiff sowie den Kommandantenn (nauarchos), der über eine Flotilleneinheit (classis) gebot und zunächst oft ein qualifizierter Freigelassene war, später jedoch meist aus dem Ritterstand kam. Die Seestreitkräfte hatten demgemäß eine andere soziale Stratifikation als die Legion. Nicht zu vergessen ist auch, daß die römische Armee auch zahlreiche zivile Dienste verrichtete wie Landvermessung und Baumaßnahmen jeglicher Art (Wasserleitungen, Tunnel, Häfen, Lager), für die technische Spezialisten zur Planung und Ausführung nötig waren (cf. Christ 2002:410–423).
Die römische Armee spiegelt insofern ein Stück weit die komplexe Gesellschaftsstruktur wider, mit verschiedenen sozialen Schichtungen und Gruppierungen, Römern, Provinzialen und foederierten Fremden, war aber dahingehend etwas Besonderes, als sie eine Einheit bildeten mit starker Integrationskraft, ohne deshalb die Pluralität ihrer Partizipanten völlig zu homogenisieren.240
Es ist insofern deshalb wohl anzunehmen, daß die Soldatensprache eine Gruppensprache (cf. diakoinonisch, Kap. 3.1.3) war, an der prinzipiell alle sozialen Schichten partizipierten und dies vor allem anhand einer spezifischen Lexik deutlich wurde, darüberhinaus ist aber zu differenzieren, welchen gesellschaftlichen Status einzelne Subgruppen innerhalb des Militärs innehatten. Dies gilt vor allem bezüglich der höhergestellten Offiziere gegenüber der Masse der Legionäre oder der Hilfstruppen, aber auch innerhalb der einzelnen Einheiten konnten Unterschiede bestehen, wie Müller (2001) dies exemplarisch verdeutlicht:
Der sermo castrensis beispielsweise verband Caesar mit dem einfachen Soldaten der Auxiliartruppe, freilich bei großem Abstand zwischen der hochspezialisierten militärischen Fachdiktion des einen und der banalen kriegshandwerklichen Redeweise des anderen; überlagert wurde jedoch die punktuelle Gemeinsamkeit von der Zugehörigkeit des Aristokraten zum diastratischen Sprachniveau des sermo urbanus und der des unfreien miles zu einer günstigenfalls dem niederen sermo vulgaris zurechenbaren Ausdrucksebene. Das Beispiel macht überdies klar, daß auch Fachsprachen je nach Spezialisierungsgrad der Sprecher in sich gestuft waren (Müller 2001:275).
Bei Müller (2001:274) wird die Soldatensprache aufgrund der spezifischen Begrifflichkeit als Technolekt klassifiziert. Sicherlich sind die militärtechnische Fachtermini prägend, allerdings scheint es aber wohl eher so, daß mit sermo castrensis vor allem auf den Soldatenjargon in der mündlichen Alltagskommunikation abgehoben wird.
Weitere gruppensprachliche Differenzierungen sind die nach Alter sowie diejenige nach Geschlecht. Diese Tatsache, daß es solche diasystematisch erfaßbare Ausdruckweisen im Lateinischen gegeben haben muß, zeigen konkrete Hinweise bei Terenz und metasprachliche Kommentare von Cicero (De orat. III, 45 (12); 2007:330),241 die Rückschlüsse auf ein bestimmtes sprachliches Verhalten bei Frauen zulassen.242 Was das altersspezifische Sprechen anbelangt, so gibt es schon seit langem Studien zur Kindersprache, seit neuerer Zeit auch zur Seniorensprache und anderen Altersgruppen (cf. Müller 2001:275; Willms 2013:230).243
Insgesamt ist demgemäß davon auszugehen, daß das Lateinische als eine Sprache, die von zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen in den verschiedensten Regionen mit unterschiedlich tradierten Gesellschaftsstrukturen gesprochen wurde, im Hinblick auf die diastratische Ebene nicht viel weniger ausdifferenziert war als heutige internationale Standardsprachen. Nicht wenige dieser gruppensprachlichen Merkmale wurden bereits von den Zeitgenossen identifiziert und metasprachlich kommentiert bzw. terminologisch kategorisiert (v. supra). Gerade letzteres gilt zwar nicht für alle gruppensprachlichen Bereiche, dennoch ist deren Existenz mehr als wahrscheinlich.
4.1.2.3 Die diaphasische Ebene
Im Zuge der Betrachtung der Diaphasik geht Müller-Lancé (2006:55–57) auch der Frage nach, inwieweit hier die diamesische Dimension zu berücksichtigen wäre, und diskutiert die Anwendbarkeit der Kategorien von Söll (1985), also Konzeption und Medium, sowie die von Koch/Oesterreicher (2011), d.h. Nähe und Distanz. Dabei kommt er zu dem Schluß, daß dies womöglich schwierig einzuschätzen sei, ob allein ein reiner Medienwechsel wie im Französischen schon nachweisliche Auswirkungen auf die Versprachlichung habe oder ob im Lateinischen nicht immer auch die Ebene der Stilregister eine Rolle spielen würde (Müller-Lancé 2006:57). Entsprechend den in vorliegender Arbeit bereits dargelegten kritischen Überlegungen zur Möglichkeit der Integration der Söll’schen Kategorien in das System von Koch/Oesterreicher (v. supra) und der Tatsache, daß wir zwar einige Hinweise auf die Aussprachegewohnheiten der Römer haben, dies aber bei weitem nicht ausreicht, um voll umfänglich die medial und konzeptionell gesprochene Sprache zu charakterisieren, erscheint es sinnvoller, die diamesische Ebene als eigene Dimension im Coseriu’schen Diasystem auszuklammern. In Bezug auf historische Sprachformen ist es zwar unter Umständen erlaubt, aus einer überlieferten Schriftlichkeit vorsichtige Rückschlüsse auf eventuelle mündliche Realisierungen zu ziehen, die Rekonstruktion der kompletten Ebene der Mündlichkeit bleibt aber hoch spekulativ.
Konzentriert man sich auf die sprachlichen Register innerhalb der diaphasischen Ebene,244 so ist für eine erste Orientierung und Kategorisierung die Perspektive der traditionellen Rhetorik hilfreich. Diese unterscheidet prinzipiell drei Ausdrucksweisen bzw. Stilarten (genera dicendi), und zwar den niederen Stil (genus subtile oder genus humile), den mittleren Stil (genus mediocre) und den hohen Stil (genus sublime oder genus grande). Diese drei Arten der Redeweise werden dabei den entsprechenden Absichten der Kommunikation zugeordnet, wobei für die Belehrung (docere) das genus humile geeignet sei, für die Unterhaltung (delectare) das genus mediocre und für die Rührung (movere) das genus grande (cf. Burdorf/Fasbender/Moennighoff 2007:273). Diese kanonisierte Form der Unterscheidung von Sprachregistern in Anwendung je nach Kommunikationssituation gibt dennoch Hinweise auf Stilebenen bzw. diaphasische Register, über die innerhalb der lateinischen Sprache die Sprecher verfügen konnten.245 Hinzu kommt der bereits in der Rhetorica ad Herennium belegte Begriff des cotidianus sermo (4, 14, 2) oder der consuetudo cotidiana (4, 17, 22) und des sermo vulgaris (4, 69) sowie der bei Cicero verwendete Terminus des sermo familiaris (Cic. Caecina orat. 52, 2), der jedoch keine wesentliche Fortsetzung findet. Des Weiteren ist für den Superstandard, also die sehr gehobene Sprache, der auch diatopisch markierte Begriff des sermo urbanus in Betracht zu ziehen sowie der mit einer Konnotation von Norm und Korrektheit versehener Begriff des sermo latinus. Angesichts dieser metasprachlichen Zeugnisse von Bezeichnungen für verschiedene stilistisch bedingte Sprechweisen, die aufgrund der dominanten Stellung der Rhetorik viel zahlreicher sind als diatopische oder diastratische Markierungen, stellt sich nun die Frage, inwieweit hiermit gesellschaftliche Realitäten abgebildet werden und wenn ja welche.
Um Aussagen über verschiedene Ebenen der gehobenen oder niederen Sprechweise treffen zu können, sei zunächst der unmarkierte Gebrauch definiert. Müller (2001:209–213), der die fragliche Begrifflichkeit in der Rhetorica ad Herennium, bei Cicero, Horaz und Quintilian untersucht, sieht in dem bei Cicero und anderen späteren Autoren (nicht Quintilian) verwendeten sermo usitatus (Cicero, Brut. 259 (74); 1990:196) eine Bezeichnung für eine Standardvarietät bzw. den allgemeinen Sprachgebrauch. Damit einher gehen die Begriffe usus und consuetudo, die nicht selten weitgehend deckungsgleich246 verwendet werden und in der ein oder anderen Form bei den meisten Rhetorikern bzw. in sprachtheoretischen Betrachtungen vorkommen. Insbesondere bei Quintilian wird dabei deutlich, daß auch die Norm sich am Gebrauch ausrichtet, der als solcher durchaus positiv konnotiert ist (cf. Müller 2001:211–212). Ebenfalls zur Bezeichnung eines allgemein üblichen Sprachgebrauchs wurde der Begriff des sermo communis verwendet. Während bei Varro mit communis vor dem Hintergrund einer consuetudo recta vs. einer consuetudo depravata bzw. mala auf den Sprachgebrauch des maßgeblichen Teils der Bevölkerung bzw. der periti referiert wird und dieser somit eher als gehoben zu charakterisieren ist, stuft Cicero die consuetudo communis als usuellen Standard unterhalb des Ideals des sermo urbanus ein. Quintilian, der wohl erstmals diese Ebene als sermo communis bezeichnet, zielt ähnlich wie Varro auf eine Sprechweise der eruditi. In der Spätantike bei den christlichen Autoren umfaßt diese Bezeichnung jedoch den Sprachgebrauch des gesamten Volkes (cf. Müller 2001:215–217).
Eine diaphasisch neutrale, unmarkierte Redeweise zu definieren, ist auch für lebende Sprachen nicht immer ganz einfach. Geht man jedoch davon aus, daß im Lateinischen ähnlich wie in seinen heutigen Nachfolgesprachen sich der stilistisch unmarkierte Standard prinzipiell am Sprachgebrauch der oberen Gesellschaftsschicht in eher informeller Situation orientiert – schriftlich tendenziell höher verortet als mündlich (cf. Koch/Oesterreicher supra) –, so dürfte dies mit der antiken Interpretation des sermo communis recht adäquat umrissen sein, der mit dem sermo usitatus korreliert, mit dem jedoch mehr der normative Aspekt im Vordergrund steht. Die Tatsache, daß am sermo communis in einer späteren Zeit eine breitere Bevölkerungsschicht partizipiert, ist womöglich den gesellschaftlichen Veränderungen geschuldet, die zwar keine Abschaffung von Eliten bedingte, aber womöglich ein Partizipieren breiterer Bevölkerungsschichten an der römischen (Stadt-)Kultur:
Die Romanisierung des Reichs und die als deren Konsequenz anzusehende Übertragung des römischen Bürgerrechts an immer mehr und schließlich fast alle Reichsbewohner führte zu einer starken Homogenisierung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Überall im Reich wurde nun als Muttersprache lateinisch bzw. griechisch gesprochen; der Götterhimmel war seiner Mannigfaltigkeit und Gebrochenheit in jedem Landstrich gleich oder ähnlich; das Bild der Städte wurde uniformer, ebenso die benutzten Gerätschaften, die Festlichkeiten und die Bibliotheken. (Bleicken 1994:45)
Durch diese Homogenisierung der Gesellschaftsschichten ergibt sich auf sprachlicher Seite eine weniger deutliche Trennung von Diaphasik und Diastratik.
Versucht man sich von dieser Ausgangsbasis den Substandardregistern zu nähern, so sind in der antiken Literatur Begriffe wie sermo cotidianus, sermo familiaris, sermo humilis und sermo vulgaris in Betracht zu ziehen bzw. potentiell zu hierarchisieren.
In der Rhetorica ad Herennium werden Bezeichnungen wie cotidiana locutio, cotidianus sermo oder consuetudo cotidiana verwendet, bei Cicero unter anderem sermo cotidianus, usus cotidianus und consuetudo sermonis cotidiani und bei Quintilian, der ebenfalls terminologisch variiert, wird der alltägliche Sprachgebrauch präferentiell mit cotidianus sermo charakterisiert. Müller (2001:167–178), der die Verwendung der Begrifflichkeiten vergleichend analysiert, kommt zu dem Schluß, daß es sich hierbei um ein Register handelt, welches unterhalb des Standards auf der ersten Stufe des Substandards anzusiedeln ist. Die Einschätzungen der einzelnen Rhetoriker sind dabei, wie Müller darlegt, nicht völlig kohärent. Der Anonymus der ersten Rhetorica sieht vor dem Hintergrund seiner Stilanalyse das niedrigste genus in zumindest partieller Korrelation mit der Alltagssprache, charakterisiert beispielsweise durch Wörter, die bei der Mehrzahl der Sprecher frequent sind, also der consuetudo cotidiana entsprechen. Cicero betont zudem die notwendige Aktualität der Lexeme, d.h. sein cotidianus sermo soll vor allem den zeitgenössischen Sprachgebrauch widerspiegeln und hat u.a. die Funktion innerhalb der öffentlichen Gerichtsrede Tatbestände und Sachverhalte klar und deutlich zum Ausdruck zu bringen. Er sieht dieses Stilregister aber auch als angemessen für die Textgattung des Briefes (Epistulae ad familiares, 9, 21). Quintilian betont hingegen, daß die alltägliche Redeweise nicht ausreiche, rhetorische Zwecke zu erfüllen. Gemeinsamkeiten bezüglich der Charakterisierung eines sermo cotidianus sind auch unter Einbeziehung späterer metasprachlicher Zeugnisse darin zu sehen, daß es um einen schlichten Stil geht, ohne ornatus, mit einer knappen Satzgestaltung und gängigem Wortschatz, so daß eine allgemeine Verständlichkeit gewährleistet wird.
In ähnlicher Funktion wie sermo cotidianus wird von Cicero der Terminus sermo familiaris eingeführt, allerdings mit Betonung auf dem engen Kontakt zwischen den Kommunikationspartnern in Anlehnung an lat. familia, die römische Hausgemeinschaft. Im Weiteren bleibt die Verwendung dieses Begriffs jedoch marginal, dabei aber weiterhin mit der Konnotation der Nähe und Vertrautheit belegt (cf. Müller 2001:179–182).247
Der sermo humilis erscheint als mehr oder weniger fest umrissenes Konzept erstmals bei Cicero, der allerdings im Rahmen seiner rhetorischen Abhandlungen (Orator, De oratore, Brutus) in seinen Bezeichnungen nicht konsequent ist. Eindeutig handelt es sich dabei in Variation mit Beschreibungen wie tenuis, subtilis oder calidus um die Charakterisierung der untersten Stilebene der genera dicendi bzw. figurae orationis. In diesem Kontext ist der sermo humilis nicht unbedingt negativ konnotiert, hat er doch seinen festen Platz im Gefüge der Stilarten und ihren je spezifischen Anwendungen. Die davon unabhängige Verwendung von humilis bezeichnet hingegen eine niedrige und ärmliche Redeweise. Letztere Bedeutung übernimmt im Wesentlichen auch Quintilian, der im Gegenzug humilis nicht als Teil der drei Sitilregister sieht (genus subtile, genus medium, genus grande) und damit den Antagonismus von Cicero vermeidet. Eine dezidierte Aufwertung des sermo humilis ist seit Augustinus zu verzeichnen, der in Anlehnung an Cicero zwar ebenfalls drei Stilarten entwirft (submisse, temperate, granditer), jedoch deren Anwendung nicht abhängig vom darzustellenden Stoff macht. Ihm geht es allein um die Vermittlung der doctrina christiana, eine Abstufung ist nicht nötig, was die Regeln der Rhetorik und des situationsbedingten Sprechens völlig neu definierte.
Für das Lateinische der christlichen Autoren hat Augustinus damit die aptum-Regel der Rhetorik und Poetik außer Kraft gesetzt. Statt des Gebots, das Stilniveau dem Gewicht des Stoffes und dem Rang der zur Sprache kommenden Person anzupassen, ging seine Lehre zur Forderung über, das Sprachniveau allein im Hinblick auf den beabsichtigten Publikumseffekt zu bestimmen und zu variieren. Das stilästhetische Prinzip hatte hinter dem stilpragmatischen, also hörer- und leserorientierten, zurückzutreten. Für die Gesamtarchitektur der lateinischen Sprache ergab sich eine folgenreiche Neubewertung. Der bis dahin selbstverständliche Prioritätsanspruch des gehobenen Lateins über die einfacheren Varietäten war fortan in der christlichen Welt aufgehoben. (Müller 2001:113)248
Diese Neuorientierung hängt auch damit zusammen, daß die Sprache der Bibel nicht den üblichen gattungsbedingten Registern gehorchte. Vor diesem Hintergrund erfährt der sermo humilis eine Aufwertung im Sinne eines klaren unprätentiösen Stils, der von jedem verstanden wird und damit den obersten Zweck der christlichen Autoren, den der Verständlichkeit, am ehesten erfüllt (cf. Müller 2001:97–104, 111–116).
Die aus heutiger Sicht wohl prominenteste Stilmarkierung ist der sermo vulgaris. Müller-Lancé (2006:58) führt diese Ebene jedoch nicht als solche an, sondern behandelt diese diaphasisch-diastratische Einordnung unter einem Sonderkapitel zum Vulgärlatein. Für eine Charakterisierung der Architektur der lateinischen Sprache soll aber hier genau nicht eine Vermischung mit der Problematik dieses modernen, daraus abgeleiteten Begriffs stattfinden, sondern der Fokus soll auf der antiken Sprachsituation liegen mit – soweit möglich – zeitgenössischer Terminologie, um andere Implikationen zu vermeiden (zur Problematik ‚Vulgärlatein‘ v. infra).
Bereits bei Plautus sind laut Müller (2001:118–120) die frühesten Belege zu vulgatus zu verzeichnen und schon dort ist die Konnotation der als volgata verba bezeichneten Lexeme negativ, und zwar in dem Sinne von zwar verbreitet, aber unspezifiziert niederen Ursprunges (cf. dt. gemein). In der Rhetorica ad Herennium, in der erstmals die Wendung vulgaris sermo zu finden ist (4, 69), wird damit die allgemeine Sprache, die der breiten Masse, von derjenigen der Redner und Dichter abgegrenzt. Bei Cicero schließlich häufen sich verschiedene Kennzeichnungen in Zusammenhang mit vulgaris, so beispielsweise vox vulgaris, oratio vulgaris, vulgaris sermo, verbum vulgi oder vulgare orationis genus. Semantisch wird dabei meist auf das Allgemeine, Verbreitete, Übliche referiert, d.h. vielleicht nicht wertneutral, aber akzeptabel, während mit vulgaritas eindeutig nicht hinnehmbares niedriges Sprachniveau thematisiert wird – Cicero bleibt hier gewissermaßen ambig. Quintilian folgt ihm hier weitgehend, so daß vulgaris im Rahmen der rhetorischen Notwendigkeiten durchaus auch positiv konnotiert sein kann. Erst ab Gellius beginnt eine überwiegend negative Verwendung der von vulgus abgeleiteten Begriffe, wobei zunehmend die ursprünglich eindeutig diaphasische Bezeichnung eine diastratische Dimension bekommt und in die Nähe des sermo plebeius gerückt wird, was auch mit den in der späten Kaiserzeit sich verändernden gesellschaftlichen und sprachlichen Bedingungen zusammenhängt,249 so daß nur noch zwischen normiertem Standard im Sinne einer latinitas und dem nicht-konformen Sprechen unterschieden wurde (cf. Müller 2001:155–160).
Das Konzept der latinitas im Sinne einer überprüfbaren Sprachrichtlinie ist bei Varro, überliefert durch Diomedes (fragm. gramm. I, 439, 17; GLK 1857 I:439), näher erläutert, und zwar mit den Kriterien natura, analogia, consuetudo und auctoritas und auch bei Quintilian (Inst. orat. I, 6, 1; 2001 I:160–184), der als Kriterien ratio (analogia u. etymologia), vetustas, auctoritas und consuetudo zugrunde legt (cf. Siebenborn 1976:53). Das sich ab dem 2. Jh. v. Chr. konstituierende Sprachideal der latinitas, beruhend auf einem Kanon von auctores, den classici, grenzt sich gegenüber diatopischen Varietäten (cf. sermo rusticus, agrestis) und diastratisch niedrig markierten Varietäten ab (cf. sermo vulgaris, cotidianus, familiaris, plebeius) und ist gleichzeitig gekoppelt an ein gesellschaftlich als vorbildlich angesehenes Verhalten (cf. recte vivere) und Denken (cf. recte sentiendi et cogitandi), was sich letztlich auch auf die Bereiche der Philosophie (cf. vere loqui), der Rhetorik (cf. bene loqui) und der Grammtik (cf. correcte loqui) ausdehnt; d.h. Teil eines gesamtgesellschaftlichen Ideals ist (cf. Poccetti/Poli/Santini 2005:401–403).
Im Bereich der Stilregister oberhalb des Standards sind aus der antiken metaprachlichen Reflexion im Wesentlichen zwei Markierungen überliefert, und zwar die des sermo urbanus sowie die des sermo latinus mit den jeweils dahinterstehenden Konzepten der urbanitas und der latinitas. Beides sind keine diaphasischen Einordnungen sui generis, sondern je anderer Provenienz. Die Bezeichnung sermo urbanus ist erstmals bei Livius belegt, und zwar im Sinne der diatopischen Abgrenzung gegenüber rusticus, d.h. es wird auf das stadtrömische Leben, der damit zusammenhängenden Kultur und der entsprechenden sprachlichen Ausdrucksweise abgehoben (cf. die urbs ‚Stadt‘ schlechthin: Rom). Dies bedeutet auch, daß diese Kennzeichnung von Anbeginn neben einer rein lokalen Komponente eine dezidiert positive Konnotation hatte, und zwar im Sinne eines gehobenen Registers. Bei Cicero gewinnt letzterer Aspekt zunehmend an Gewicht, wobei er beispielsweise vage von einem urbanitas color spricht, ohne dies an sprachlichen Einzelelementen festzumachen; es sei jedoch ähnlich dem des ἀττικισμὸς im Griechischen. Quintilian schließlich schärft hier das Verständnis, indem er die Redeweise nicht nur mit der stadtrömischen Bevölkerung in Verbindung bringt, sondern auch mit entsprechender Bildung der Sprecher, so daß der sermo urbanus zumindest in partieller Korrelation mit der conversatio doctorum steht. Eine ursprüngliche diatopische Markierung verschiebt sich hier demgemäß zu einer diastratisch-diaphasischen, ohne die lokale Komponente ganz zu verlieren, denn im Laufe der Zeit überträgt sich das Konzept der urbanitas von Rom auch auf die Metropolen der Provinz, wobei die Abgrenzung zur Sprechweise auf dem Land (rusticus) erhalten bleibt.250 Stilistisch wird mit dem sermo urbanus somit letztendlich das gute, (haupt)städtische Sprechen ausgedrückt, welches sich von der mit sermo latinus gekennzeichneten Redeweise dadurch unterscheidet, daß bei letzterer eher die regelkonforme Korrektheit im Vordergrund steht und bei der als urban gekennzeichneten Redeweise, die damit verbundene Eleganz und Kultiviertheit zum Ausdruck gebracht wird (cf. Müller 2001:219–230; Lüdtke 2019:450–452).
Es stellt sich nun die Frage, wie diese vornehmlich im Zuge der antiken Rhetoriktheorien entstandenen Begrifflichkeiten zu bewerten sind. Dabei ist prinzipiell zu berücksichtigen, daß die Verfasser der Rhetoriken oder andere Autoren, die metasprachliche Betrachtungen anstellten, weniger die Beschreibung der sprachlichen Wirklichkeit zum Ziel ihrer Abhandlungen hatten, sondern die jeweilige Sprechweise auf ihre Funktionalität hin für öffentliche Reden untersuchten. Nichtsdestoweniger ist darin in gewissem Grad ein Spiegelbild tatsächlicher diaphasischer Ebenen zu erkennen. Allerdings stellt sich wie bei der Beschreibung moderner, lebender Sprachen auch das grundsätzliche Problem der Abgrenzung von diaphasischer und diastratischer Ebene, da diese eng zusammenhängen. Zusätzlich kommt angesichts der Ausdehnung des römischen Reiches der diatopische Aspekt zum Tragen. Auch dies ist grundsätzlich nicht anders als bei aktuellen, diversifizierten Sprachen, allerdings mit dem Unterschied, daß die Standardsprache aufgrund geringerer Verbreitung von Schulbildung, niedrigerer Alphabetisierungsrate und dem Fehlen der modernen Medien als Katalysator von Standardisierungsprozessen weniger präsent war als heutzutage bei den großen Nationalsprachen. Es bleibt als Parallele zu heute aber auch die Schwierigkeit der Bestimmung der Anzahl der diaphasischen Ebenen, die oft nicht scharf getrennt voneinander sind. Versucht man nun die Ergebnisse aus der metasprachlichen Analyse von Müller (2001) auf eine mögliche Sprachrealität anzuwenden, so scheint es neben einem Standard, der als sermo usitatus oder communis gekennzeichnet ist, zumindest zwei Substandardregister gegeben zu haben, d.h. einerseits den sermo familiaris oder sermo cotidianus und andererseits niedrig markierter den sermo humilis oder sermo vulgaris. Im Bereich des Superstandard ist mit sermo urbanus oder sermo latinus der gehobene Sprachgebrauch anzusetzen. Es ist wahrscheinlich, daß sich auch der schriftliche und der mündliche Gebrauch nochmal unterschieden, ganz nach dem von Koch/Oesterreicher (2011:12) formulierten Diktum der jeweiligen Affinitäten von phonischem Code zu Nähesprache und graphischem zu Distanzsprache (v. supra).
4.2 Lingua morta (viva): Latein vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit
Die Frage wann die Epoche des Mittellateins beginnt und damit auch die Phase, in der Latein – zumindest aus heutiger Sicht – nicht mehr als lebende Sprache wahrgenommen wird, ist untrennbar mit der Entstehungsgeschichte der romanischen Sprachen verbunden. Dabei ist die Frage nach einem mehr oder weniger präzise datierbaren Ablösezeitpunkt prinzipiell nicht wirklich sinnvoll gestellt, wie Kramer (1997) unmißverständlich deutlich macht:
Eine scharfe Grenze zwischen spätantikem und frühmittelalterlichem Latein läßt sich natürlich nicht ziehen. Die Frage, wann die spätlateinische zur frühromanischen Umgangssprache wurde, mit anderen Worten, wann man aufhörte lateinisch, und wann man anfing, romanisch zu sprechen, ist in dieser Form falsch gestellt. Beide Sprachformen folgen bruchlos aufeinander, und man kann nur sagen, daß die romanischen Charakteristika in dem Maße zunehmen, wie die lateinischen Wesensmerkmale abnehmen […]. (Kramer 1997:151–152)
Steinbauer (2003:514) benennt als Richtwert die Zeit um 600 n. Chr., in der die gesprochene Sprache sich so weit von der Schrift- und Literatursprache entfernt habe, daß man von einer Diglossiesituation ausgehen muß, die schließlich im 9. Jh. in eine Verschriftung und Verschriftlichung einzelner Volkssprachen auf dem Boden des ehemaligen römischen Reiches mündet. Auch Müller-Lancé (2006:40), der den Zeitraum ähnlich faßt (650 n. Chr. bzw. 6./7. Jh.), sieht aus linguistischer Sicht gravierende Veränderungen, die eine neue Epoche in der Sprachgeschichte rechtfertigen. Reutner (2014:200) folgt ihm in dieser Datierung, genauso wie in der Gesamtperiodisierung. Meiser (1998:2) hingegen datiert das Ende der spätlateinischen Phase auf Ende des 7. Jh. n. Chr. Paradigmatische Autoren an dieser Epochenschwelle wie Gregor v. Tours (540–594 n. Chr.) oder Isidor v. Sevilla (560–636 n. Chr.) ordnet Müller-Lancé (2006:37) aus linguistischer Sicht noch dem Spätlatein zu, wobei er doch bereits recht deutliche Abweichungen von der klassischen Morphologie und Syntax konzediert. Berschin (2012:106) hingegen sieht die Sprache von Gregor nur noch in euphemistischem Sinne dem niedrigen Stil zugehörig, da sie in Wahrheit voller Barbarismen und Solözismen sei. Wichtiger aber ist seine Beobachtung, daß im Spätlatein der sprachgeographische Schwerpunkt der Literaturproduktion in Nordafrika lag (christl. Autoren 2.–6. Jh.), während er sich dann nach Norden und spezieller nach England und vor allem nach Irland verschob, also in wenig bzw. gar nicht romanisierte Regionen Europas, wo eine insular-lateinische Literatur entstand (cf. Berschin 2012:105).
Unabhängig von der jeweiligen Einschätzung des sprachlichen Befundes scheint es jedoch aus kultureller Perspektive in jedem Fall sinnvoller die genannten Autoren, auch wenn sie partiell noch im Bildungshorizont der Antike verankert sind, doch der neuen Epoche zuzuweisen.
Im Zuge vorliegender Zielsetzung und des anvisierten Schwerpunktes, die Architektur des Lateins zu untersuchen, soll hier im weiteren nicht auf umfangreiche mittellateinische Literatur und die in diesem Kontext neu erschlossenen Diskurstraditionen eingegangen werden, genausowenig wie auf die innerlateinischen Sprachentwicklungen. Von zentralem Interesse ist vielmehr die Frage nach der Erstarrung des Lateins, dem metaphorischen Tod und der Diversifikation innerhalb dieser „toten“ Sprache.251
Es gibt allerdings Phasen und Strömungen in der Geschichte der lateinischen Sprache, die dazu beitrugen, daß sich das Latein als „Kunstsprache“ etablierte und nach und nach von seiner volkssprachlichen Basis entfernte. Dies beginnt aber bereits in der Antike mit der engen Verknüpfung von Grammatik, Rhetorik und literarischer Schriftproduktion. Es hängt auch mit dem literarischen Ideal der imitatio zusammen, den stilistischen Vorgaben, die eine lexikalische und syntaktische Selektion zur Folge hatten, und vor allem mit der Reduktion des Lateins auf eine einzelne Varietät, die auf ihre Funktion als Logik-, Rhetorik- und Literatursprache reduziert wurde und in der schulischen Tradition kanonisiert und isoliert wurde.252 Dazu trugen sicherlich auch die Strömungen bei, die die lateinische Sprache auf genau diesen Aspekt reduzieren wollten und eine Bewahrung eines normativen Modells anstrebten, wie innerhalb der Karolingischen Renaissance, der ottonischen Renaissance, der Renaissance des 12. Jahrhunderts und der humanistischen Renaissance (cf. Berschin/Berschin 1987:18; Graphik).253 Andererseits blieb das Lateinische während des gesamten Mittelalters und auch noch in der Frühen Neuzeit insofern eine sehr lebendige Sprache, als sie in vielen Bereichen die alternativlose Schriftsprache blieb, damit unweigerlich flexibel sein mußte, sich neuen Themen und Gegebenheiten anzupassen hatte, aber auch in der Mündlichkeit als Sprache der Diplomaten, Gelehrten und der Kirche ungebrochene Vitalität erlebte. Dabei stand sie auch immer im Austausch und im Spannungsfeld der jeweiligen Volkssprachen, auch der nicht-romanischen:
Die geschichtlichen Phasen, in denen das Latein steril zu werden scheint, sind gerade diejenigen, in denen sich Spannungen zwischen den beiden Ebenen und vielseitige Aspekte am deutlichsten zeigen. Vitalität und Autonomie des mittelalterlichen Lateins und des Lateins der Humanisten (oder vielmehr der Varietäten des Lateins des Mittelalters und des Humanismus) sind gerade in der Dualität einer Sprache des Geistes, der Schule und der Kirche, aber auch der internationalen Kommunikation, in der sich klassische Modelle und christliche Vorbilder […] vermischen, und einer breiten Skala von Ausprägungen im Raum, in der Zeit und in den persönlichen Erfahrungen zu finden. (Poccetti/Santini/Poli 2005:13)
Die Zeitgenossen jedenfalls erlebten das Lateinische jedenfalls nicht als tote Sprache, sondern als gelebte Sprache, die in ihrer Vielfalt wesentlich zur Herausbildung der europäischen Literatur beitrug (cf. Curtius 1993:34–40) bzw. zu Beginn zur Genese der volkssprachlichen Schriftlichkeit an sich, die ohne die lateinische Vorlage kaum denkbar gewesen wäre.
Die [mittelalterlichen] Menschen selber nahmen die große Zäsur zwischen der Antike und ihrer eigenen Zeit, die unser von der Renaissance vermitteltes Geschichtsbild so entschieden prägt, vermutlich nicht in gleich starkem Maße wahr. (Stotz 2002:23)
Einen Bruch zur Spätantike gibt es insofern, als nach Lüdtke (2005:22) irgendwann die „Staffettenkontinuität“ verloren geht, d.h. die mündliche Tradierung von Generation zu Generation abbricht. Dies ist insofern zu präzisieren, als dies ja nur auf eine bestimmte Varietät des Lateins zutrifft, die meisten Varietäten münden in die romanischen Sprachen, bleiben also erhalten. Stotz (2002:25) beschreibt treffend die Rückbindung, die die Bildungsschicht der Antike viva voce an den Rest der Bevölkerung hatte und wie das von ihnen produzierte Schrifttum entsprechende Verbreitung fand. Dabei handelte es sich selbst noch in der Spätantike um einen „Kreis rhetorisch-literarisch Gebildeter“, während im frühen Mittelalter nur noch eine „kastenartige Trägerschicht der Sprache“ (ibid.:25) bestand.254 Diese konnte zwar noch Sprachelemente der normierten Schriftsprache mehr oder weniger beurteilen, aber nicht mehr spontan aufgrund ihrer muttersprachlichen Sprachkompetenz, sondern nur noch durch angelerntes Sprachwissen und den Vergleich der literarischen Autoritäten. Lüdtke (2005:23) bringt zusätzlich den Aspekt der Institutionalisierung ins Spiel, d.h. der bewußten Festlegung und kanonisierten Tradierung dieser selegierten Varietät und schlußendlich die mehr oder weniger willkürliche Setzung einer bestimmten Aussprache, die eine ältere Sprachstufe widerspiegelt.
Nichtsdestoweniger bewahrte sich die lateinische Sprache gerade durch ihre Wechselwirkung mit den einzelnen Volkssprachen, auf die sie zum Teil maßgeblichen Einfluß hatte, auch eine Variationsbreite in vielerlei Hinsicht. In ihrer mündlichen Ausprägung unterlag sie zweifelsohne einer diatopischen Variation, regionale Unterschiede waren aber auch in der Schriftlichkeit nicht auszuschließen (Schreibschulen) und diaphasisch deckte sie zahlreiche Stilregister ab, entsprechend des allumfassenden Gebrauchs, der nur langsam durch die nach und nach in einzelne Domänen vordringenden jeweiligen Volkssprachen beschnitten wurde.
Bei den durchaus gegebenen regionalen Unterschieden handelt es sich, wie Stotz (2002:87) anmerkt, nicht um Dialekte im eigentlichen Sinn, sondern um Unterschiede, die zwar durchaus auch von sprachlichen Elementen bestimmt wurden, aber letztlich vor allem in einem kulturellen und sprachsoziologischem Rahmen zu beschreiben sind.
Poccetti/Santini/Poli (2005:13–14) zeigen auf, wie erst in der nachhumanistischen Ära das Lateinische soweit erstarrte, daß die Metapher von der „toten“ Sprache zumindest ein Stück weit zutreffend ist. Das Gefühl der mangelnden Lebendigkeit des Lateins erkannten zwar bereits die Gelehrten der Renaissance, doch waren es gerade diese eruditi, die eine ungeheure Produktivität und Innovation in der von ihnen totgesagten Sprache an den Tag legten.255
4.3 Die Darstellung des Lateins und seiner Entwicklung in einem varietätenlinguistischen Modell
Beschäftigt man sich im Rahmen der Klassischen Philologie mit der lateinischen Sprache, so ist der Fokus aller Betrachtung in der Regel auf dem für diese Fachdisziplin namengebenden Klassischen Latein ausgerichtet. Nichtsdestoweniger gab es auch von jeher in bescheidenem Umfang Studien zum nicht normierten Latein. Hierbei wird üblicherweise, wie auch in der aktuellen Einführung von Willms (2013), jegliche Variation im Latein unter zwei Begrifflichkeiten subsumiert, nämlich Vulgärlatein und lateinische Umgangssprache. Zu letzterem Terminus gibt Willms eine in mehrfacher Weise interessante Stellungnahme ab:
Die lat. Umgangssprache ist eine sprachhistorisch-begriffliche Schöpfung Johann Baptist Hofmanns. Er hatte bei der Definition dieses Terminus und seiner Abgrenzung von anderen Varietäten des Lateinischen keine glückliche Hand, doch bleiben beide sachlich sinnvoll und in modifizierter Form praktikabel. Willms (2013:239)
Es ist bezeichnend, daß Willms hier zwar berechtigte Kritik übt, aber andererseits in seiner aktuellen Einführung genau diese Terminologie beibehält. Auch bezüglich des Umfangs der Ausführungen zum lateinischen Substandard, wird dieser ganz traditionell marginalisiert. Vor allem sei hier dezidiert widersprochen, daß der Begriff weiterhin praktikabel sei, denn es handelt sich dabei um einen Terminus zur Bezeichnung sprachlicher Verhältnisse im Deutschen, ob deren Adäquatheit man schon diesbezüglich in Zweifel ziehen kann, eine Übertragung auf die Situation des Lateins der Antike, erscheint dabei problematisch, zumal hierunter die verschiedenster sprachlichen Ebenen gefaßt werden.
Nicht unproblematisch ist auch die Definition der Umgangssprache, die Hofmann zugrundelegt, setzt er diese doch mit dem sermo familiaris gleich und sieht sie als „die lebendige mündliche Redeweise der Gebildeten“ (Leumann/Hofmann 1928:10). Wie bereits dargelegt (v. supra) ist die Zuordnung zu dem vorwiegend bei Cicero gebrauchten Terminus nicht so einfach. Innerhalb der Umgangssprache wiederum erkennt er mehrere Abstufungen wie die gewählte Sprache der Konversation, den familiären Stil und den niedrigen Stil, während die Vulgärsprache einfach mit noch niedriger verankert wird. Trotz fehlender Differenzierung von diatopischer, diastratischer und diaphasischer Ebene hält sich diese Dreiteilung Schriftsprache (bzw. enger gefaßt Literatursprache) vs. Umgangssprache vs. Vulgärlatein hartnäckig, nicht nur in der Klassischen Philologie (cf. Palmer 1990, Meiser 2010, Willms 2013).256
In der Romanistik dagegen wird diese Trichotomie meist zu einer Dichotomie weiter verkürzt, indem eine Opposition Klassisches Latein vs. Vulgärlatein formuliert wird (cf. z.B. Rohlfs 1951, Vossler 1954, Silva Neto 1957, Herman 1967, Väänänen 11963/42002, Coseriu 2008). Exemplarisch sei dabei auf Herman (1996) verwiesen, der relativ klar die diasystematische Vielfalt der lateinischen Sprache erkennt und definiert, in seiner weiteren Beschreibung dann jedoch in alte Muster verfällt:
[…] en effet les Anciens eux-mêmes étaient conscients de l’existence d’usages que nous appellerions dialectaux ou socio-culturels […], et la recherche relative au latin connaît depuis toujours une longue nomenclature de variétés conformes à différents paramètres, sans même parler des étapes chronologiques s’échelonnant au cours de la longue histoire de la langue. (Herman 1996:45)
In seiner folgenden Abhandlung der variationsbedingten Unterschiede im Lateinischen faßt er trotz dieser Erkenntnis jegliche substandardliche Abweichung unter ‚Vulgärlatein‘.
Aus Sicht der Romanistik, die in einer diachronen Perspektive bestrebt ist die Ursprünge der romanischen Sprachen zu ergründen, ist diese Arbeitshypothese, auch im Sinne der im 19. Jh. formulierten genetischen Verwandtschaft der Sprachen, bei der eine Sprachfamilie durch eine gemeinsame Ursprache definiert wurde, durchaus legitim und praxisnah. In dieser Hinsicht ist es ausreichend jegliche Abweichung vom standardisierten Latein unter einen Begriff zu fassen, welche Sprachrealität auch immer damit verbunden ist (zur Diskussion v. infra).
Soll hingegen die lateinische Sprache als lebendige, sich wandelnde Sprache beschrieben und möglichst präzise in ihrer Vielfalt erfaßt werden, so ist diese Unterscheidung zu grobkörnig. Aus diesem Grund sei hier der Versuch unternommen, auf Basis der analysierten Begrifflichkeiten und der bisherigen Systematisierung der variationsbedingten Heterogenität des Lateins (siehe dazu das Modell zur Sprachen- bzw. Varietätenwahl in Kap. 3.1.3) eine diasystematische Auffächerung darzustellen.257 Soweit möglich sei dabei auf die antiken Termini rekurriert, diese aber, wenn nötig, um weitere ergänzt.258
| Diasystem des Lateinischen | |||
| diatopische Ebene | Dialekte | Regiolekte (tertiäre Dialekte) | Urbanolekte |
| primäre Dialekte: (sermo rusticus/agrestis) Römisch Praenestinisch Lanuvinisch Tiburinisch Tusculanisch Satricanisch Aricianisch etc. | Varietäten der Provinzen: (sermo rusticus/agrestis) Italia Belgica Lugdunensis Narbonensis Aquitania Tarraconensis Lusitania Baetica Britannia Raetia Noricum Mauretania Africa etc. | Varietäten der Städte: (sermo urbanus) Roma Mediolanum Mogontiacum Lugdunum Tarraco Augusta Treverorum Nemausus Narbo Olisipo etc. | |
| sekundäre Dialekte: (sermo rusticus/agrestis) in Italien: mit oskischem mit umbrischem mit griechischem mit keltischem, etc. Einfluß außerhalb Italiens: mit iberischem mit germanischem mit lusitanischem etc. Einfluß | |||
| Soziolekte | |||
| diastratische Ebene | schichtenspezifisch | sermo urbanus sermo usitatus/sermo communis sermo plebeius/sermo vulgaris | |
| Situolekte | |||
| diaphasische Ebene | Superstandard Standard Substandard | sermo urbanus/sermo latinus sermo usitatus/sermo communis sermo familiaris/sermo cotidianus sermo humilis/sermo vulgaris | |
| Technolekte | |||
| diatechnisch | gruppenspezifisch (sermo technicus) | sermo philosphicus sermo medicus sermo religiosus sermo architectonicus sermo argrarius etc. | |
| Helikialekte | |||
| diagenerationell | altersspezifisch | Gerontolekt (Sprache der Senioren) | Neotolekt (Sprache der Kinder und Jugendlichen) |
| Sexolekte | |||
| diasexuell | geschlechtsspezifisch | Androlekt (Sprache der Männer) | Gynaikolekt (Sprache der Frauen) |
Abb. 3: Das Diasystem des Lateinischen
Diese hier präsentierte Idee einer Architektur des Lateinischen als lebende Sprache in der Antike ist natürlich insofern defizitär, als die diachronische Entwicklung und die sich daraus ergebenden Verschiebungen bzw. Nuancierungen – wie oben beschrieben – nicht abgebildet sind. Es bleibt weiterhin in vielerlei Hinsicht hypothetisch, da wir aus der historischen Konstellation heraus rein auf schriftsprachliche Zeugnisse angewiesen sind, die nicht nur die Frage nach der Mündlichkeit schwer beantwortbar machen, sondern jede Art der diasystematischen Variation nur fragmentarisch hinter der weitgehend standardisierte Schriftlichkeit sichtbar werden lassen. Insofern beruht das obige Schema zwar durchaus auf Studien und Belegmaterial, welches vorsichtige Rückschlüsse auf eine bestimmte Varietät zulassen, sie vollständig zu erfassen ist jedoch nicht möglich. Es sollte dabei jedoch im Anschluß an die neuere Forschung deutlich werden, daß das Lateinische der Antike eine vollausdifferenzierte Sprache war, deren Heterogenität sich eben nicht wie bisher üblich auf zwei oder drei Begriffe reduzieren läßt.
5. Ein kurzer Abriß zur Begriffsgeschichte des Vulgärlateins seit Hugo Schuchardt
Bei einer Darstellung, die der Frage nachgeht, wie ein tiefergehendes Verständnis für das Latein der Antike entstanden ist und wie Sprachentwicklung in das Bewußtsein der Gelehrten rückte, ist es unumgänglich den zentralen Begriff des Vulgärlateins zu betrachten. Dieser Terminus ist insofern entscheidend, als hierin zum Ausdruck kommt, daß es noch eine andere Form des Lateins gab, die nicht den gleichen Grad an Normiertheit und Invariabilität aufwies wie die Schriftsprache im Allgemeinen bzw. das sogenannte Klassische Latein im Besonderen. Dieser Unterschied wird bereits bei den antiken Autoren greifbar, die wie im vorherigen Kapitel deutlich wurde, verschiedene Arten des Lateins unterschieden, wie auch immer die jeweilige diasystematische Abgrenzung gedacht war.
Wenn man sich nun – wie hier vorgesehen – mit den Vorstellungswelten der Frühen Neuzeit und deren Begrifflichkeiten auseinandersetzt, so ist es für ein präzises Erfassen der damaligen Erkenntnisse durchaus sinnvoll, sich mit den Kerntermini auch im modernen Verständnis zu beschäftigen bzw. sich ihrer Problematik zu vergegenwärtigen. Dies wurde bereits für die varietäten- und soziolinguistischen Begriffe geleistet (cf. Kap 3.1), gilt aber umso mehr für den äußerst umstrittenen Begriff ‚Vulgärlatein‘ (frz. latin vulgaire, it. latino volgare).
Die moderne sprachwissenschaftliche Forschung beginnt nach allgemeinem Verständnis in der Romanistik mit Friedrich Diez, der in diesem Kontext von ‚Volksmundart‘, ‚volksmäßigen Latein‘ und schließlich von ‚Volkslatein‘ spricht.259
Für den entscheidenden Anstoß in der Forschung zu diesem Thema und in Bezug auf die Verbreitung des Begriffes sorgte hingegen Hugo Schuchardt mit seinem mehrbändigen Werk Der Vokalismus des Vulgärlateins (1866–1868). Bereits kurz zuvor gab es in Wien an der Akademie der Wissenschaften eine Ausschreibung für die beste Darstellung des Vulgärlateins (1860) (cf. Kiesler 2006:9). Der Begriff geht also auch im Deutschen nicht auf Schuchardt zurück, doch kann er, vor allem was die romanistische Forschung anbelangt, als Anfangspunkt für eine intensive und vor allem systematische Beschäftigung mit diesem Sujet gesehen werden.
Abgeleitet ist der Begriff ‚Vulgärlatein‘ (wie auch ‚Volkslatein‘) von vulgaris sermo, der bereits in der anonymen Rhetorica ad Herennium (IV, 56 (69) belegt ist, aber vor allem bei Cicero (Acad. I, 5) in der Bedeutung ‚Sprache des Volkes‘ bzw. ‚Umgangssprache‘ in erster Linie im Zuge einer rhetorischen Klassifizierung von Sprachstilen häufig verwendet wurde.
Omnes rationes honestandae studiose collegimus elocutionis: in quibus, Herenni, si te diligentius exercueris, et gravitatem et dignitatem et suavitatem habere in dicundo poteris, ut oratorie plane loquaris, ne nuda atque inornata inventio vulgari sermone efferatur. (Rhet. ad Her. IV, 56 (69); 1994:316–318)
[…] didicisti enim non posse nos Amalfinii aut Rabirii similes esse, qui nulla arte adhibita de rebus ante oculos positis vulgari sermone disputant, […]. (Cicero, Acad. I, 5; 1990:272)260
Bei Kiesler (2006:7) wird im Zuge eines Abrisses zur Begriffsgeschichte mit Verweis auf Geckeler/Dietrich (2003)261 eine Übernahme des deutschen Begriffes ‚Vulgärlatein‘ bei Schuchardt aus der französischen Wissenschaftstradition gemutmaßt, mit dem zusätzlichen Hinweis auf einen Erstbeleg im Trésor de la langue française von 1524 (ohne weitere Angaben) sowie eine weitere vorsichtige Mutmaßung mit Verweis auf den begriffsgeschichtlichen Überblick bei Ettmayer (1916:231) zu einer terminologischen Filiation ‚Italienisch – Französisch – Deutsch‘.
Diese These läßt sich problemlos erhärten, wenn man sich einerseits die allgemeine Begriffsgeschichte von lat. (lingua) vulgaris im Sinne von ‚Volksprache‘ vor Augen führt, die von Brunetto Latini (ca. 1220–1294; Li livres dou tresor, ca. 1265: vulgar parleure) über Dante Alighieri (1265–1321; De vulgari eloquentia, 1302–1305: vulgaris locutio; Convivio, 1306: volgare) und Joachim du Bellay (1522–1560; Deffence et Illustration de la Langue Francoyse, 1549: vulgaument) zu Johann Gottfried Herder (1744–1803; Ideen zur Geschichte und Kritik der Poesie und der bildenden Künste, 1794–196: Vulgar- und Pöbelsprache) führt (cf. Ueding 2009:1245–1246) und andererseits die in vorliegender Arbeit (cf. infra) untersuchte Diskussion um die Sprache der römischen Antike, in der der Begriff seit Flavio Biondo (1392–1463; De verbis romanae locutionis, 1435) in diesem Sinne Verwendung findet (hier noch auf Latein: vulgare) und schließlich nach einer Reihe weiterer Debatten über eineinhalb Jahrhunderte bei Celso Cittadini (1553–1627; Trattato della vera origine, 1601: latino volgare) präzisere Form gewinnt. Ergänzt man dies durch die Angabe im TLF, hinter der sich die Schrift Le Blazon des Hérétiques (1524) von Pierre Gringore (1475–1539) verbirgt,262 sowie durch einige Meilensteine in der französischen Forschungsdiskussion der folgenden Jahrhunderte wie Pierre-Nicolas Bonamy (1694–1770; Mémoire sur l’introduction de la langue Latine dans les Gaules, sous la domination Romains, 1751)263 und Claude Fauriel (1772–1844; Histoire de la poésie provençale, 1846),264 so schließt sich der Kreis. Grundlage der Verbreitung des Begriffs ist also der enge Kulturaustausch zwischen Italien und Frankreich in der Frühen Neuzeit und schließlich die Übernahme ins Deutsche zu Zeiten des Höhepunktes französischer Dominanz im 17. und 18. Jahrhundert.265
Schuchardt greift also bereits auf eine lange Tradition der Beschäftigung mit dem Vulgärlatein zurück und kann dabei vor dem Hintergrund der neu entstandenen Sprachwissenschaft strictu sensu Begriff und Konzept noch einmal präzisieren und letztlich auch terminologisch im Rahmen einer eigenen Wissenschaft institutionalisieren.
Da die Sprachwissenschaft im Allgemeinen und speziell die lateinische Sprachwissenschaft in den letzten Jahrzehnten einen so bedeutenden Aufschwung genommen hat, so muss es befremden, dass bis jetzt dem Vulgärlatein noch keine eingehende Berücksichtigung zu Theil geworden ist. Es verdient eine solche mit vollstem Rechte. Den Sprachforscher beschäftigt das Werden der Sprache. Ihm bietet daher das ‚gute Latein‘, welches in Folge litterarischer Evolutionen auch aus dem Strome der Sprachentwicklung abgesondert hat und erstarrt ist, ein weit geringeres Interesse, als das ‚schlechte Latein‘, welches sich zu jenem verhält, wie Vielheit zur Einheit und Bewegtes zu Unbewegtem. Das klassische Latein ist durch das Vulgärlatein auf der einen Seite mit den altitalischen, auf der anderen mit den romanischen Sprachen verbunden, sodass wir den Gang des Idioms, welches innerhalb der Mauern Roms seinen Ursitz hatte, ununterbrochen durch mehr als zwei Jahrtausende hin verfolgen können, ein Fall, dem sich wenige ähnliche an die Seite stellen lassen. Ferner sind die rustiken Sprachformen nicht unwichtig als Kriterien sowohl bei der Bestimmung der Zeit von schriftlichen Denkmälern, als bei der Herstellung von Autorentexten aus verderbten Handschriften. (Schuchardt 1866:VII)
Die Aufgabe266 ist – abgesehen von dem äusseren Umstande, dass eine Vereinigung eingehender lateinischer und romanischer Sprachstudien der Tradition zuwiderläuft – allerdings eine sehr schwierige, da der Ausdruck ‚Vulgärlatein‘ strenggenommen nicht eine einzige Sprache, sondern eine Summe von Sprachstufen und Dialekten von der Zeit der ersten römischen bis zur Zeit der ersten wirklich romanischen Schriftdenkmäler bedeutet. Den meisten Zweifeln und Verlegenheiten ist man bei Begründung der Lautlehre ausgesetzt, wo es gilt, die gesprochenen Formen aus ihren schriftlichen Darstellungen richtig zu eruiren und sie bei ihrer oft sich widersprechenden Mannichfaltigkeit richtig zu ordnen. (Schuchardt 1866:IX-X)
Wenn Schuchardt hier moniert, daß das Vulgärlatein bisher noch „keine eingehende Berücksichtigung“ gefunden hätte, dann bezieht sich dies vor allem auf die systematische Auseinandersetzung mit dem, was er darunter versteht. Es gibt jedoch auch eine Forschungstradition der Latinisten, die von Winkelmann (1833) über Rebling (1873) zu Hofmann (1926) reicht,267 in der ein Großteil des nicht-klassischen Lateins unter dem Begriff ‚Umgangssprache‘ abgehandelt wird. Dabei werden ebenfalls Phänomene untersucht und diskutiert, die sich mit denen überschneiden, die bei den Romanisten unter ‚Vulgärlatein‘ figurieren, dennoch sind beide Ansätze nicht deckungsgleich. Für die romanistische Forschung ist die Frage nach der Basis bzw. dem Ursprung der romanischen Sprachen von eminenter Bedeutung sowie die damit verbundene diachrone Perspektive, während die Latinisten tendenziell eher synchron die verschiedenen Arten des Lateins im Blick haben.
Von den auf Schuchardt folgenden Generationen von Romanisten und Wissenschaftlern anderer Fachdisziplinen, die sich der weiteren Untersuchung des Vulgärlateins gewidmet haben, sollen hier im vorliegenden Rahmen nur selektiv einige wenige mit ihren Werken genannt werden; für eine ausführlichere Zusammenstellung sei auf die einschlägigen forschungsgeschichtlichen Synopsen verwiesen (cf. z.B. Reichenkron 1965:1–4; Herman 2003; Kiesler 2006:3–13). Neben den bereits erwähnten latinistischen Arbeiten, von denen vor allem Hofmann mit seiner Lateinischen Umgangssprache (1926) hervorsticht, da dieses Œuvre mehrfach neu aufgelegt und in weitere Sprachen übersetzt wurde (Spanisch, Italienisch), aber auch seinen Widerhall in der einschlägigen Grammatik von Leumann/Hofmann (1928) findet, sind folgende monographische Meilensteine der vulgärlateinischen Forschung zu nennen: Grandgent (1907), An Introduction to Vulgar Latin; Muller (1929), A Chronology of Vulgar Latin; Battisti (1949), Avviamento allo studio del latino volgare; Voßler (1953), Einführung ins Vulgärlatein; Coseriu (1954), El llamado ‚latin vulgar‘ y las primeras diferenciaciones romances;268 Silva Neto (1957), História do latim vulgar; Löfstedt (1959), Late Latin; Väänänen (11963, 42002), Introduction au latin vulgaire; Sofer (1963), Zur Problematik des Vulgärlateins; Herman (1967), Le latin vulgaire.269
Hinzu kommen Sammlungen mit Belegstellen bzw. wichtigen vulgärlateinischen Texten wie beispielsweise Rohlfs (1951), Sermo vulgaris latinus, Iliescu/Slusanski (1991), Du latin aux langues romanes oder Kramer (1976), Literarische Quellen zur Aussprache des Vulgärlateins und Kramer (2007), Vulgärlateinische Alltagsdokumente, aber auch spezifische Grammatiken wie Maurer (1959), Gramática do latim vulgar oder Reichenkron (1965), Historische latein-altromanische Grammatik.270 Weiterhin sind Darstellungen, die sich auf den Übergang vom Lateinischen zum Romanischen spezialisiert haben, zu erwähnen, wie z.B. Stefenelli (1992), Das Schicksal des lateinischen Wortschatzes in den romanischen Sprachen, Herman (1990), Du latin aux langues romanes, Zamboni (2000), Dell’italiano. Dinamiche e tipologie della transizione dal latino, Euler (2005), Vom Vulgärlatein zu den romanischen Einzelsprachen, Herman (2006), Du latin aux langues romanes II, Coseriu (2008), Latein-Romanisch oder schließlich Wright (1982), Late Latin and early Romance in Spain and Carolingian France, der mit seiner These zum Wechsel zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der spätlateinischen und frühromanischen Phase für Aufsehen sorgte.
Die aktuelle Forschung äußert sich vor allem in zahlreichen, verstreut publizierten Aufsätzen, wofür stellvertretend hier jedoch die wichtigen Sammelbände zu den Tagungen des Vulgär- und Spätlateins (latin vulgaire – latin tardif) angeführt seien: Herman (1987), Calboli (1990), Iliescu/Marxgut (1992), Callebat (1995), Petersmann/Kettemann (1999), Solin/Leiwo/Halla-Aho (2003), Arias Abellán (2006), Wright (2008), Biville (2012), Molinelli/Cuzzolin/Fedriani (2014). Die aktuelle Forschung aus Sicht der Romanistik spiegelt sich vor allem in den einschlägigen Artikeln des Lexikons der Romanistischen Linguistik, des Handbuchs zur Geschichte der romanischen Sprachen und den neu erscheinenden Manuals of Romance Linguistics.271
Durch die zunehmende Beschäftigung mit dem Sujet ‚Vulgärlatein‘ ergab sich auch eine Aufsplitterung des Begriffsinhaltes, so daß man sich heutzutage einer Vielzahl von Interpretationen gegenübersieht, was darunter genau zu verstehen sei. Auch wenn Kernelemente der Definition von Schuchardt bestehen bleiben, so ist die Frage, welcher Sprachzustand zu welcher Zeit damit bezeichnet werden soll, relativ umstritten, so daß sich hinter der Begriffsverwendung in einer aktuellen Publikation tendenziell immer zahlreiche Forschungsmeinungen verbergen können und der gemeinsame Nenner einer communis opinio sich denkbar klein ausnimmt, was nicht ganz unproblematisch im Sinne einer für alle praktikablen Begrifflichkeit ist.
Es seien im Folgenden nun einige voneinander abweichende Positionen herausgegriffen, um diese Diskrepanz deutlich werden zu lassen:
Das Vulgärlatein ist das gesprochene Latein. Es könnte auch Romanisch heißen. Die einzelnen rom. Sprachen sind nicht die Töchter des Vlt., sondern selbst Vlt., d.h. seine Spielart. Sie sind das Latein von heute. […]
Vlt. hat es zu allen Zeiten gegeben. Auch ist das Vlt. nicht ohne weiteres als die Sprache der niederen Klassen anzusehen und das Schriftlatein nicht ohne weiteres als die Sprache der Gebildeten. Im täglichen Verkehr haben sich zweifellos auch die Gebildeten nicht in kunstvollen Perioden ausgedrückt. Freilich mag die Sprache der Gebildeten nicht ganz dieselbe gewesen sein wie die des niederen Volkes. Zwischen dem höchsten und kunstmäßigsten Latein und dem rohesten Vulgärlatein gab es eine Masse von Mittelstufen – wie es deren auch heute gibt. […]
Der größte Teil der gesprochenen lat. Alltagsrede ist verhallt, für immer verhallt und verschollen. Man muß sich die Quellen für die Kenntnis des Vlt. erst mühsam zusammensuchen. (Voßler 1922:48–49; Hervorhebungen im Original)
Für Voßler ist ‚Vulgärlatein‘ demgemäß gleichzusetzen mit der gesprochenen Sprache, und zwar vor allem auch in konzeptioneller Hinsicht. Diese ist dabei zeitlich nicht limitiert bzw. an eine bestimmte Sprachstufe gebunden, also nicht etwa auf die spätlateinische Phase beschränkt, wie er eigens betont (cf. Voßler 1922:49). Er sieht das Vulgärlateinische als diastratisch nicht strikt an eine Sprecherschicht gebunden und betont das diaphasisch-diastratische Kontinuum. Mit der begrifflichen direkten Gleichsetzung von Vulgärlatein und Romanisch (cf. Zitat supra) ist implizit auch die diatopische Variation des Vulgärlateins postuliert. Das konzeptionell und gesprochene Latein ist schließlich nur in Ausnahmen in medial schriftlichen Kontexten zu finden, und zwar „aus dem einfachen Grunde, weil man sich in der Schrift immer oder meistens eines grammatisch und stilistisch gereinigten, eines mehr oder weniger klassischen Lateins bediente“ (Voßler 1922:49).
Ebenfalls den Aspekt der Mündlichkeit betont Battisti (1949) in seiner Definition, grenzt die Epoche, in der das Vulgärlatein sich äußert, jedoch relativ deutlich ein:
Intendiamo con questa voce non una fase dialettale, ma la lingua normalmente parlata nel mondo latino dalla maggioranza della classe media nei due ultimi secoli della repubblica e nell’impero […]. (Battisti 1949:23)
Battisti verankert demgemäß das Vulgärlatein zwischen ca. 200 v. Chr. (die letzten zwei Jahrhunderte der römischen Republik) und 476 n. Chr. (Ende des römischen Kaiserreiches im Westen). Auffallend ist weiterhin die eindeutige diastratische Verankerung des Vulgärlateins, welches er als Sprache der classe media, also der Mittelschicht festmacht.272
Eine Definition mit einer anderen Schwerpunktsetzung findet sich bei Väänänen (2002), der auch eine deutlich divergierende zeitliche Eingrenzung vornimmt:
Le latin vulgaire au contraire, tel que nous le concevons, comprend les états successifs depuis la fixation du latin commun, à l’issue de la période archaïque, jusqu’à la veille des premières consignations par écrit de textes en langue romane; il n’exclut ni les variations sociales, ni même régionales. (Väänänen 2002:6)
Wichtig in dieser Bestimmung des Vulgärlateins ist zum einen die Betonung der Variationsbreite, und zwar wie schon bei Voßler nicht nur in Bezug auf die Diastratik, sondern auch hinsichtlich der Diatopik, und zum anderen die chronologische Verortung. Der Beginn des Vulgärlateins hängt mit der sich etablierenden Schriftsprache bzw. deren Kodifizierung zusammen, so daß man Väänänen hier so interpretieren kann, daß dies mit der ersten literarischen Produktion ab 240 v. Chr. zusammenfällt (cf. Kap. 4). Das Ende setzt er mit dem Aufkommen der ersten romanischen Texte gleich, so daß dies ins 9. Jh. zu datieren wäre (cf. Straßburger Eide 842). Dies ist – wie im weiteren noch zu sehen sein wird – eine chronologisch sehr weite Fassung der Epoche, in welcher das Vulgärlatein greifbar ist, insbesondere hinsichtlich des zeitlichen Endpunktes.273
Eine etwas anders gelagerte Bestimmung dessen, was unter ‚Vulgärlatein‘ zu verstehen sei, bietet Herman (1967), dessen Kerndefinition folgendermaßen lautet:
Compte tenu de ces considérations, nous appelons latin vulgaire la langue parlée des couches peu influencées ou non influencées par l’enseignement scolaire et par les modèles littéraires. (Herman 1967:16; Hervorhebungen im Original)
Dies wird ergänzt durch drei weitere Spezifizierungen, deren grundlegende Aussagen die folgenden sind:
Notre définition ne comporte aucune limitation chronologique. En effet, le latin vulgaire étant la langue parlée des gens peu influencées par la tradition littéraire, on est en droit de parler de latin vulgaire à partir du moment où une tradition littéraire existe, c’est-à dire au moins depuis le dernier siècle de la République. […] Quant au point chronologique final, il coïncide nécessairement avec l’extinction du latin, langue vivante […].
Le latin vulgaire étant, par définition, une des variantes parlées du latin, il est en principe impossible de parler de texte vulgaire […].
Il doit être entendu d’emblée que le latin vulgaire était constitué d’un ensemble de faits complexes et mouvants: le latin vulgaire évoluait dans le temps et l’usage vulgaire du 1er siècle de notre ère différait très certainement de celui du Ve; il y avait dans la latinité vulgaire des variations locales; […] enfin le latin vulgaire comportait lui-même, sans doute, divers „styles“, divers argots de métiers […]. (Herman 1967:16–17; Hervorhebungen im Original)
Hierbei wird von Herman vor allem der Aspekt der gesprochenen Sprache betont und gerade in Punkt 2 der Ergänzungen verweist er nochmal darauf, daß es sich dabei nicht nur um einen konzeptionellen Aspekt handelt, sondern auch um einen medialen (cf. supra: „impossible de parler de textes (sic!) vulgaires“). Ein gewisser Widerspruch besteht in der relativ eindeutigen Verankerung des Vulgärlateins in diastratischer Hinsicht (cf. couches peu influencées) und der andererseits allgemein postulierten diasystematischen Vielfalt, die diaphasische Variation umfaßt (cf. divers „styles“), aber auch diatopische (cf. des variations locales) sowie gruppenspezifische diastratische (cf. divers argots de métiers). Der zeitliche Rahmen innerhalb dessen man laut Herman von Vulgärlatein sprechen könne, erstreckt sich für ihn vom 1. Jh. n. Chr. bis zum 5. Jh. n. Chr. Die chronologische Verortung ist hierbei also deutlich enger gesteckt als bei Voßler oder Väänänen, insofern er den Beginn mit den Inschriften von Pompeij und dem Werk Petrons ansetzt, was gleichzeitig in die Zeit der Kodifizierung des Klassischen Lateins im engsten Sinne fällt bzw. bereits in die Spätzeit dieser Periode. Das Ende wiederum bleibt definitorisch vage, insofern er diese Zeitspanne zunächst durch „l’extinction du latin, langue vivante“ (Herman 1967:16) umreißt, dann aber etwas konkreter ins 5. Jh. verlegt, und damit in die Zeit des Untergangs des Imperium Romanum (476 n. Chr.). Ein neues und wichtiges Element bei Herman ist das Hervorheben der Entwicklung des Vulgärlateins und seine Veränderlichkeit im Laufe der Jahrhunderte.
Coseriu (1954, 1978, 2008) wiederum folgt zwar Herman hinsichtlich der diasystematischen Vielfalt des Lateins, geht aber bezüglich der Terminologie und der Chronologie eigene Wege. Dabei resümiert er zunächst systematisch die „klassischen“ Probleme in der Bestimmung des Vulgärlateins, die wie folgt synthetisiert werden können:
1 Wie ist das Verhältnis zwischen Vulgärlatein und dem klassischen Latein bzw. dem Gesamtlatein?Ist das Vulgärlatein eine eigene, vom klassischen Latein abzugrenzende Sprache?Wenn es keine eigene Sprache ist, wie war dann das Verhältnis dieser spezifischen Form des Lateins zum Gesamtlatein?
2 Welcher Epoche ist das Vulgärlatein zuzurechnen bzw. ist es zeitlich überhaupt begrenzt?274
3 Welcher Art ist die Charakteristik des Vulgärlateins – war es eine eher homogene oder eine heterogene Sprache?275
4 Wie ist die Forschungsdiskrepanz zwischen Latinisten und Romanisten zu bewerten?Das Vulgärlatein besteht auch aus anderen Formen, die nicht im engen, latinistischen Sinne als ‚vulgär‘ zu charakterisieren sind.276Es gibt auch Formen im Vulgärlatein, die mit denen des klassischen Lateins übereinstimmen bzw. bei denen es keine Notwendigkeit der Differenzierung gibt.277Es gibt auch Formen, die man dem Vulgärlatein zurechnet, die nicht in Texten überliefert sind, die man aber aus den romanischen Sprachen rekonstruieren kann.278
Innerhalb dieser von Coseriu (2008:108–110) aufgeworfenen Problemstellungen sind einige, die sich in der heutigen Forschung überholt haben bzw. marginalisiert sind (z.B. Problem der Konnotation von ‚vulgär‘), andere hingegen bleiben weiterhin virulent (z.B. Frage nach dem Verhältnis Vulgärlatein vs. Gesamtlatein und die zeitl. Verortung). Coseriu verweist außerdem auf das Problem der Protosprache und der Rekonstruktion, denn für die Romanistik wird das Vulgärlatein als Vorläufer (Ursprache) der einzelnen romanischen Sprachen gesehen und analog zur Tradition der Indogermanistik arbeitet man auch hier mit rekonstruierten Einzelformen (neben den zahlreichen belegten). Er löst dieses und die oben angeführten Probleme schließlich in streng strukturalistischer Manier und postuliert das Vulgärlatein und das klassische Latein als zwei getrennte, „funktionelle Sprachen“ (Coseriu 2008:111), die innerhalb des Systems einer historischen Sprache existieren. Weiterhin versucht er dabei, latinistische und romanistische Positionen zu verschmelzen und entwickelt eine Chronologie, in der er das Gesamtlatein in fünf Perioden einteilt und jeweils der Entwicklung des Schriftlateins diejenige des mündlichen Sprachgebrauchs gegenüberstellt: Archaisches Latein vs. Latein ohne feste Norm, Literarisches Latein vs. Lateinische Umgangssprache, Klassisches Latein vs. Vulgärlatein, Spätlatein vs. Vorromanische Phase, Mittelalterliches Latein vs. Romanische Sprachen (cf. Coseriu 2008:127).279 Dabei stellt er apodiktisch fest: „Es gab kein Vulgärlatein als solches vor der Existenz des klassischen Lateins“ (Coseriu 2008:119). Andererseits wird in seinen Ausführungen doch deutlich, daß es vulgärlateinische Elemente auch in anderen Epochen der lateinischen Sprachgeschichte gab – er benennt sie eben nur nicht so. Er versteht damit das Vulgärlatein dann doch vorwiegend aus romanistischer Sicht als Protoform der romanischen Sprachen und setzt den zugehörigen Zeitraum zwischen 100 n. Chr. – 400 n. Chr. an, bei gleichzeitiger – nicht gängiger – Verortung des klassischen Lateins in eben dieser Epoche.280 Mit der Umgangssprache quasi als Vorläufer des Vulgärlateins in älterer Zeit zollt er offenbar der latinistischen Tradition Tribut, engt aber auch diesen Begriff damit deutlich ein. Coseriu erliegt hier womöglich einer Übersystematisierung, auch in Bezug auf die Chronologie, die er zuvor noch großzügiger handhabte und die Hauptperiode der vulgärlateinischen Elemente in die Zeit zwischen 200 v. Chr. – 600 n. Chr. verortet (cf. Coseriu 1978:268).281
Die inhaltliche Bestimmung dessen, was unter ‚Vulgärlatein‘ zu verstehen ist, bleibt in der Forschung umstritten, manchmal nur in Bezug auf bestimmte Details, mitunter geht es aber auch um grundsätzliche Vorstellungen, die voneinander abweichen. Bereits 1937 konstatiert Furman Sas leicht resigniert, angesichts der von ihm gezählten 19 existierenden Begriffe in der damaligen Forschung, um „non classical language spoken or written“ zu charakterisieren, daß zwar ‚Vulgärlatein‘ nicht einheitlich verwendet werde, weitere terminologische Neuschöpfungen jedoch nur zur weiterer Verwirrung beitragen (Furman Sas 1937:491).282
An dieser Lage hat sich bis heute grundsätzlich nichts geändert, außer daß – horribile dictu – noch einige Definitionen mehr hinzugekommen sind.
Möglichst vielen Einzelbestimmungen Spielraum einräumend, versucht Stefenelli (2003) eine definitorische Annährung an die Kernelemente, auf die man sich heute vielleicht – zumindest in der Romanistik – verständigen kann:
Angesichts der diasystematischen und diachronischen Vielschichtigkeit bzw. Variation des Sprechlateins versteht sich ‚Vulgärlatein‘ hierbei heute in der Regel als komplexer Sammelbegriff für verschiedene v.a. diastratische (soziokulturell), diatopisch (geographisch) und diachronisch differenzierte Varietäten der mündlich konzipierten Spontansprache (Stefenelli 2003:530)
Diese Umschreibung klammert freilich fast alle wichtigen Streitfragen aus und ist daher eher als ein kleinster gemeinsamer Nenner inhaltlicher Bestimmung zu begreifen.
Lüdtke (2019) definiert Vulgärlatein vor allem als Abweichung vom klassischen Latein, das er wie folgt definiert:
Das klassische Latein ist innerhalb der historischen Sprache Lateinisch eine geschriebene und gesprochene urbane Sprache. Wenn nun wenig Schreibgeübte und wenig Gebildete aus anderen Schichten als der Oberschicht in Rom und in romfernen Regionen des Imperiums schreiben, gelten die Abweichungen von der urbanen Tradition als Vulgärlatein. (Lüdtke 2019:442)283
Dabei weist er zusätzlich daraufhin, daß auch die nicht urbanen Varietäten von weniger gebildeten Personen wie Soldaten geschrieben wurden, so daß eine schlichte Dichotomie, in der das klassische Latein mit Schriftlichkeit und Vulgärlatein mit Mündlichkeit gleichgesetzt wird, nicht greift (cf. Lüdtke 2019:442–443).
Selbst wenn man nun inhaltliche Differenzen und Nuancen großzügig beiseite läßt und sich auf wenige konstituierende Aspekte konzentriert, bleibt die Frage der adäquaten Bezeichnung für diese Art des Lateins ebenfalls im Raume stehen. Durchforstet man die einschlägige Forschungsliteratur, so begegnet einem als roter Faden ein nicht enden wollendes Lamento über den Begriff ‚Vulgärlatein‘, der gleichsam gottgegeben wie unausrottbar scheint und menetekelhaft von weiterem terminologischen Unglück kündet oder die Wissenschaft zu beeinträchtigen scheint, wie die wenigen Exzerpte deutlich machen:
The present use of the term „Vulgar Latin“ is so vague that we find it used now to refer to the language of Plautus, now to the language of the royal charts of the 8th century, now to the language of Gregory of Tours, now to a theoretically constructed language which exists only in the minds of certain scholars. (Furman Sas 1937:491)
Il termine latino volgare, è ormai così radicato nei nostri studi, da non poter essere estirpato, quindi lo subiamo, prendendo nota della sua inadeguatezza ed imprecisione. (Battisti 1949:23)
Não foi fácil problema estabelecer, rigorosamente, o conceito de latim vulgar. Durante muito tempo lavrou imensa confusão, em prejuízo dos métodos e do progreso da Romanística. (Silva Neto 1957:11)
Sanctionné par un usage centenaire pour désigner les divers faits latins qui ne s’accordent pas avec les norms classiques, le terme de latin vulgaire a les avantages et les inconvénients d’un terme consacré. (Väänänen 2002:3)
Couramment employée, en philologie latine et en linguistique romane, l’expression „latin vulgaire“ n’en constitue pas moins un des termes techniques les plus discutés de nos disciplines. (Herman 1967:9)
Den vorgeschlagenen Alternativen bzw. korrespondierenden Ausdrücken wie ‚lateinische Umgangssprache‘,284 ‚Sprechlatein‘ (frz. latin parlée, it. latino parlato), Spontanlatein,285 latin commun (it. latino comune)286 oder latino borghese287 haftet allerdings nicht selten eine ähnliche Problematik an – geschweige denn den heutzutage nicht mehr gebräuchlichen wie ‚Volkslatein‘ oder ‚Plattlatein‘,288 so daß man nolens volens wieder zum ungeliebten ‚Vulgärlatein‘ zurückzufinden scheint und sich dabei tendenziell terminologisch möglichst wenig festlegt, um nicht immer über die oben aufgeführten Grundsatzfragestellungen zu stolpern.289
Dies führt schließlich dazu, daß auch in der aktuellen Forschung einerseits die Klage nach dem vertrauten, aber scheinbar unpassenden Begriff nicht aufhört, man sich aber auch nicht durchringen kann ihn abzuschaffen:
Obwohl es sich um einen nicht sehr glücklich gewählten Ausdruck handelt, ist der Terminus Vulgärlatein in der Romanistik stark verankert. Es scheint den Romanisten bis heute schwer zu fallen, sich von ihm zu trennen und sich für die Bezeichnung gesprochenes Latein zu entscheiden. (Pirazzini 2013:13–14)
Dies fällt natürlich u.a. deshalb so schwer, weil ‚gesprochenes Latein‘ eben nicht exakt das Gleiche beschreibt, was der ein oder andere Linguist mit ‚Vulgärlatein‘ ausdrücken möchte.
Wenig glücklich erscheint auch eine Gliederung des Lateins, in der versucht wird, partieller Gradation zwischen literarischem Latein und Vulgärlatein zu etablieren, wie es in einer aktuellen Studie Nedeljković (2015) auf Basis von Banniard (1992) und Chahoud (2010) referiert:
En résumé, ces considérations aboutissent à deux dichotomies indépendantes, l’une concernant les registres plus ou moins formels, l’autre le sociolecte haut ou bas. Leur croisement donne naissance à trois – et non pas quatre – variété linguistiques : 1° le „haut formel “, qui est le latin littéraire, 2° le „haut informel “, qui est le latin familier, et 3° le latin vulgaire, qui a l’air informel, puisqu’il ressemble bien plus au familier qu’au littéraire, mais qui, à proprement parler, n’est point susceptible de gradation sur l’axe de formalité. (Nedeljković 2015:4)
Die Verschränkung von diaphasischer und diastratischer Ebene sowie die Nichtbeachtung der Diskrepanz zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit läßt diese Unterteilung wenig systematisch erscheinen. Eine ergänzende, chronologische Unterteilung seitens Chahouds, die das Vulgärlatein als rein postaugusteisches Phänomen charakterisiert und dabei negativ bewertet, läßt die komplette Systematik als „absurd“ erscheinen, wie Nedeljković (2015:5) zurecht anmerkt, ohne jedoch selbst eine adäquate Alternative anzubieten.
Eine Möglichkeit, die zumindest implizit in einigen anderen, neueren Publikationen zum Latein und seiner Geschichte anklingt,290 aber nie wirklich dezidiert verfolgt wurde, wäre eine Aufsplittung der Begriffe für eine rein diachrone romanistische Forschung einerseits und eine synchrone-diachrone Forschung zum Latein andererseits, ohne dabei die alte Sezession in latinistische und romanistische Tradition wiederaufleben zu lassen.
In diesem Sinne sei hier auch im Interesse der vorliegenden Arbeit eine Definition des Vulgärlateins versucht, die ausschließlich als terminologisches Konstrukt zur Erfassung der Ursprache bzw. Protosprache der einzelnen romanischen Idiome heranzuziehen wäre – mit inhaltlich weitgehendem Bezug auf Voßler (1922) und unter Berücksichtigung weitere wichtiger Aspekte, wie sie u.a. bei Herman (1967) oder Coseriu (2008) zur Geltung kommen:291
Vulgärlatein ist das gesprochene Latein der Antike, welches für uns nicht in einem homogenen Korpus von Texten erschließbar ist, sondern nur in Reflexen einzelner, vorwiegend substandardlich markierter Merkmale und Phänomene des geschriebenen Lateins aller Epochen, von den ersten Schriftzeugnissen des Lateinischen bis zum Beginn romanischer Schriftlichkeit, wobei die vulgärlateinischen Elemente tendenziell in einer späteren Phase zunehmen, natürlich in Abhängigkeit von der Textsorte. Aufgrund der Konvergenzen zwischen der gesprochenen und der geschriebenen Sprache, die beide innerhalb des gleichen Diasystems verortet sind, ist das gut dokumentierte und als Referenzgröße am besten greifbare, sogenannte Klassische Latein in Bezug auf zahlreiche Merkmale aller sprachlichen Ebenen übereinstimmend mit dem Vulgärlateinischen, so daß letzteres vor allem durch seine Abweichungen von der normierten Sprache faßbar wird, alle weiteren Erscheinungen der Mündlichkeit sind zu rekonstruieren.
Der Terminus ‚Vulgärlatein‘ könnte deshalb prinzipiell durch den Begriff ‚Sprechlatein‘ ersetzt werden, doch ist ersterer zu bevorzugen, und zwar nicht nur ob seiner langen Tradition in der Wissenschaft, sondern weil dadurch auch das Problem der Faßbarkeit und Überlieferung deutlicher zum Ausdruck kommt und ‚Sprechlatein‘ oder ‚gesprochenes Latein‘ für die abstrakte diasystematische bzw. diamediale Betrachtung reserviert werden kann.
Unter diesen Voraussetzungen erfüllt das Konstrukt ‚Vulgärlatein‘ eine angemessene Funktion, indem es hilft die zentrale Fragestellung der diachronen romanistischen Forschung zu beantworten, nämlich die nach dem Ursprung der einzelnen romanischen Varietäten und Sprachen. Eine in einem romanischen Idiom auftretenden erbwörtliche Form kann somit kategorisch auf eine vulgärlateinische Basis zurückgeführt werden; diese kann mit einer klassisch lateinischen Form korrespondieren oder auch nicht, kann in einem antiken oder frühmittelalterlichen Text belegt sein – aus welcher Epoche auch immer – oder aber rekonstruiert werden.
Für eine synchrone Betrachtung des Lateins der Antike hingegen aus Perspektive der Latinistik, wie sie in Kap. 4 vorliegender Arbeit vorgenommen wurde, bei der eben nicht die Weiterentwicklung zu den romanischen Sprachen im Vordergrund steht, sondern die Erfassung der diasystematischen Schichtung des Lateins – natürlich auch in Bezug auf seine Entwicklung innerhalb dieses als synchron gesetzten Zeitrahmens –, ist der Begriff des Vulgärlateins hingegen wenig dienlich. In diesem Kontext erscheint es vielmehr adäquat, darauf zu verzichten und stattdessen mit den Termini der Varietätenlinguistik zu operieren (diatopische, diastratische, diaphasische Varietäten des Lateins), um die Architektur der Sprache zu erfassen. Dies erscheint umso wichtiger, als damit auch deutlich wird, daß das Latein als einst lebende Sprache die gleiche diasystematische Variationsbreite aufweist wie eine moderne Sprache und keineswegs von zwei Systemen, einem vulgärlateinischen und einem des klassischen Lateins auszugehen ist, wie einst suggeriert wurde (zu dieser reductio ad unum bzgl. des Urromanischen bzw. Protoromanischen cf. Vàrvaro 1977:149).292
Si deve insomma considerare la lingua di Roma e dell’Impero come un vero e proprio diasistema contenente varietà diatopiche (geografiche ed areali), diastratiche (sociali) e diafasiche (attinenti ai diversi registri espressivi e di stile) oltre che ovviamente diamesiche (legate all’uso di mezzi espressivi diversi: in sostanza scritto ~ parlato) e non ultimo diachroniche o relative alla variabilità lungo l’asse temporale: in altre parole, un insieme (relativeamente) ordinato nel quale stratificazione, varietà e variabilità debbono necessariamente adeguarsi ai principi naturali ed universali che le determinano. (Zamboni 2000:71–72)
Der Übergang vom Lateinischen ins Romanische bzw. die einzelen sich ausdifferenzierenden romanischen Sprachen ist demgemäß ein schrittweiser Prozeß, währenddessen ein komplexes heterogenes Sprachsystem, nämlich das des Lateinischen, sich durch die verschiedensten Einflußfaktoren verändert (interne Sprachwandelprozesse, Sprachkontakte, Migrationen, Veränderung des Sprachraumes und der Sprechergemeinschaften)293 und neue Relationen zu den sich nach und nach abspalteten Teilsysteme aufbaut (Kontinuität und Diskontinuität), so daß am Ende eine Diglossie-Situation mit einem idealisierten mittelalterlichen Latein der Scholastiker bzw. später der Humanisten und den romanischen Sprachen mit sich vom Schriftlatein emanzipierenden Literatursprachen steht (cf. Zamboni 2000:80–81).
Für vorliegende Arbeit wirft diese Synopse der neueren vulgärlateinischen Begriffsgeschichte, die eng an die Entstehung der Sprachwissenschaft gebunden ist und in der die terminologische Variationsbreite sowie das Ringen um eine adäquate Beschreibung des Lateins, aber vor allem der romanischen Ur- und Protosprache deutlich wird, die Frage auf, inwiefern diese Annährungsversuche an die sprachliche Realität sich von denen der frühneuzeitlichen Betrachtungen unterscheiden. Dies kann im Kern bereits a priori damit beantwortet werden, daß die neuere Forschung von einer dezidiert linguistischen Sichtweise geprägt ist, während die humanistischen Untersuchungen meist andere Zielsetzungen haben und die Sprachbetrachtung zu diesem Thema oft nur als ancilla einer anderen Debatte fungiert; zudem sich diese Diskussionen hinsichtlich der Linguistik in einem vorwissenschaftlichen Raum abspielen. Es bleibt dennoch zu klären, inwieweit einzelne Grundgedanken dessen, was unter ‚Vulgärlatein‘ zu verstehen ist, in dieser Vorphase der Sprachwissenschaftsgeschichte bereits zu Tage treten bzw. nach und nach Gestalt annehmen, sich verfestigen und welche Aspekte tatsächlich erst mit der Etablierung einer Forschung in der Tradition von Diez und Schuchardt erschließbar werden.
6. Der Beginn für das Verständnis der Architektur des Lateinischen der Antike in der Frühen Neuzeit
6.1 Die Rahmenbedingung: La questione della lingua
Die vorliegende Untersuchung zur Entstehung eines grundsätzlichen Verständnisses über die Sprachsituation der römischen Antike, d.h. die Überwindung der mittelalterlichen Vorstellung (cf. Kap. 6.1.5) von der statischen und überzeitlich gültigen Distribution der Sprachen sowie der Invariabilität von Sprachen an sich bzw. des Lateins insbesondere, ist eng verzahnt mit der in Italien über mehrere Jahrhunderte geführten Debatte zur Frage nach der adäquaten (Literatur-) Sprache, der sogenannten questione della lingua. Diese Sprachenfrage zeitigte verschiedene Aspekte, die je nach Epoche unterschiedlich virulent waren. Welche Teildebatten nun genau zur questione zu rechnen sind und über welchen Zeitraum sich diese letztendlich erstreckte, ist Bestandteil umfangreicher sprachwissenschaftlicher Forschungsdiskussion. Im Folgenden soll es jedoch nicht um die hinlänglich in allen Facetten untersuchte questione im eigentlichen Sinne gehen, sondern allein darum, die hier im Fokus stehende Fragestellung in den Rahmen des allgemeinen geistesgeschichtlichen Kontext der Zeit und dieser weitgefächerten Gelehrtendiskussion in einzuordnen.
6.1.1 Die questione vor dem Hintergrund von Renaissance und Humanismus
Bevor nun einige Aspekte der italienspezifischen Sprachenfrage (it. questione della lingua) erläutert werden, um die vorliegende Fragestellung adäquat zu verorten, sei zunächst der allgemeine geistesgeschichtliche Hintergrund des hier untersuchten Zeitraumes abgesteckt.
Zentrale Begriffe, die in vorliegender Arbeit eine tragende Rolle spielen, um das intellektuelle Klima und die historischen Implikationen dieser Epoche zu charakterisieren, sind ‚Renaissance‘, ‚Humanismus‘ und ‚Frühe Neuzeit‘. Nicht selten werden diese Termini quasi-synonym gebraucht, um eine bestimmte Geisteshaltung jener Zeit zum Ausdruck zu bringen. Dabei sind sie keineswegs deckungsgleich, betonen sie doch verschiedene Aspekte einer Strömung bzw. einer historischen Konstellation, die im Folgenden herauszustellen sind.
Die scheinbare Austauschbarkeit dieser Schlüsselbegriffe rührt auch daher, daß sie als Epochenbezeichnungen äußerst facettenreich und schwer zu fassen sind, wie schon Jacob Burckhardt bzgl. der ‚Renaissance‘ feststellte:
Die ‚Renaissance‘ wäre nicht die hohe weltgeschichtliche Notwendigkeit gewesen, die sie war, wenn man so leicht von ihr abstrahieren könnte. (Burckhardt 2009:137)294
Mit ‚Renaissance‘ wird heutzutage tout court eine Kulturepoche bezeichnet, d.h. die Kunst und Literatur ist das konstituierende Element. In diesem Sinn definiert auch Schreiner (1995:710–711) im Lexikon des Mittelalters den Begriff, der auf ein von verschiedenen Bezeichnungen der Gelehrten des 14. und 15. Jh. zurückgeht, um eine Lebens- und Wachstumsmetaphorik zu versprachlichen, d.h. neben rinascere wurden auch revivere, risuscitare, reflorescere verwendet. Dabei sollten das Wiederaufleben der Künste und Wissenschaften und die bewußte Hinwendung zur Antike sowie, damit einhergehend, die Erneuerung der Latinität zum Ausdruck gebracht werden. Mit der entsprechenden Bedeutung verwendet Giorgio Vasari (1511–1574) in seinen Vite (1550) erstmals diese Metapher als Substantiv (rinascità) und das französische renaissance schließlich der Naturforscher Pierre Belon (1517–1564) in seinen Observations von 1553. Mit der heutigen Implikation, die eine Beschreibung einer bestimmten Geistesströmung und eines dezidierten Kunstideals einer Umbruchszeit beinhaltet, wird der Begriff jedoch erst sehr viel später aufgeladen, und zwar vor allem durch die prägenden Schriften Jean Michelets (Histoire de France, 1855) und insbesondere Jacob Burkhardts (Die Cultur der Renaissance in Italien, 1860):
Als Kulturbegriff im allgemeinen Sinne erst seit Mitte des 19. Jh. in Gebrauch […], bezeichnet R[enaissance] seitdem in der Regel jene Epoche der europäischen Kunst- und Kulturgesch[ichte], die sich zeitl[ich] gesehen vom 14. Jh. bzw. Anfang des 15. Jh. bis zur Mitte des 16. Jh. erstreckt und deren Ursprungsland und fast ausschließl[iches] Verbreitungsgebiet während der hier interessierenden, bis ca. 1490 reichenden Periode der Früh-R[enaissance] Italien war. (Schreiner 1995:710)
Diese hier gegebene, interessensbedingte Begrenzung im Lexikon des Mittelalters zur Frührenaissance ist insofern zu ergänzen, als die Renaissance bald über Italien hinaus wirkte und ihre Rezeption meist zeitlich versetzt in Korrelation zur räumlichen Distanz erfolgte. Von Florenz und Oberitalien wirkte sie vor allem nach Frankreich,295 aber auch nach England und Deutschland, eher eingeschränkt auf andere mitteleuropäische Regionen und die Iberische Halbinsel (Münkler/Münkler 2005:341).
Wichtige historische und geistesgeschichtliche Veränderungen, die für die Epoche der Renaissance konstitutive Elemente bilden, sind zum einen neben dem Auftreten neuer Adelsdynastien das Erstarken des Bürgertums in den ober- und mittelitalienischen Städten, das durch wirtschaftliche Prosperität, bedingt durch die zunehmende Bedeutung der Geldwirtschaft, ein politisches und ethisches Selbstbewußtsein ausprägte, welches sich unter anderem in der Forderung nach größerem Mitspracherecht und der Ausbildung einer standesbezogenen virtù äußerte. Zum anderen ist die Zeit der beginnenden Erneuerungsbewegung des 14.–16. Jh. geprägt von der Hinwendung zum Individuum, zur Weltlichkeit und dem Diesseits mit all seinen Erscheinungsformen; in den Wissenschaften verbinden sich dabei die Anerkennung einer ratio naturae,296 die Beobachtungen der realen Welt sowie die lebenspraktischen Aspekte der Wissenschaften mit einer erstarkenden Modellbildung des theoretischen Wissens der Antike in Kunst, Architektur, Literatur und Philosophie (Schreiner 1995:710–711).
Die Renaissance kann demnach als eine weitgespannte Bewegung charakterisiert werden, die in Korrelation mit bestimmten historischen Konstellationen, vor allem in Italien, einen Umbruch im Denken markierte und in den verschiedensten künstlerischen Ausdrucksformen ihre Wirkung entfaltete, zunächst in ihrem Entstehungsraum, dann weit darüber hinaus.
Der Humanismus, zeitlich und ideengeschichtlich eng verknüpft mit der Renaissance, ist laut Schweikle (1990:208–209) ebenfalls eine Epochenbezeichnung, aber vor allem die „erste gesamteuropäische Bildungsbewegung zwischen Mittelalter und Neuzeit (14.–16. Jh.), erwachsen aus der Wiederentdeckung, Pflege und Nachahmung der klass[ischen] lat[einischen] und griech[ischen] Sprache und Literatur.“ Der Begriff ‚Humanismus‘ wurde erst im 19. Jh. geprägt,297 die Bezeichnung ‚Humanist‘ (it. umanista) ist hingegen zeitgenössisch,298 wird sie doch ab dem ausgehenden 14. Jh. für einen (universitären) Gelehrten, einen vir humanus et doctissimus gebraucht, der sich den studia humanitatis (auch: studia humanitas) verschrieben hat, die im Rahmen der septem artes liberales eine Neuorientierung darstellten.299 Dabei ergab sich im trivium aus einer ursprünglich dominanten Beschäftigung mit der Logik und Dialektik eine verstärkte Hinwendung zur Rhetorik und Grammatik, d.h. das oft sehr abstrakte, scholastische Analysieren und Argumentieren (cf. Kap. 6.1.5) trat vor dem Hintergrund der Aufwertung der Antike und des Lateins als Literatur- und Verkehrssprache und der damit verbundenen Wissensvermittlung zugunsten der konkreteren rhetorischen und grammatischen Studien zurück (cf. Münkler/Münkler 2005:153; Schweikle 1990:209). Auch der Begriff des Humanismus unterliegt wie derjenige der Renaissance der Gefahr einer womöglich zu breiten Anwendung, einer Generalisierung, die ihn semantisch aushöhlt oder zumindest stark reduziert, so daß, wie Kristeller (1973:15) kritisch vermerkt, „nahezu jegliches Anliegen, das menschliche Werte zum Gegenstand hat, ‚humanistisch‘ genannt“ wird. Für vorliegende Arbeit, in der ja als eines der Hauptziele die Rekontextualisierung von zeitgenössischen Schriften und dem dort ausgedrückten Denken formuliert ist, soll jedoch der Begriff ‚Humanismus‘ – analog zu dem der ‚Renaissance‘ – nicht in diesem modernen allgemeinsprachlichen Sinn des Humanistischen Verwendung finden, sondern strikt an die historischen Implikationen dieser Umbruchsepoche gebunden sein – ganz in Konkordanz mit der Forderung Kristellers:
Wenn wir die Philosophie der Renaissance oder irgendeiner anderen Epoche verstehen wollen, müssen wir versuchen, nicht nur die Interpretation des authentischen Denkens dieses betreffenden Zeitraumes von der Wertbestimmung und Beurteilung seiner Leistungen zu trennen, sondern auch die ursprüngliche Bedeutung zurückgewinnen, in der jene Epoche bestimmte Kategorien und Klassifizierungen verwendete, mit denen wir entweder nicht mehr vertraut sind oder die verschiedene Nebenbedeutungen angenommen haben. (Kristeller 1973:16)
Vor diesem Hintergrund sei deshalb nochmal betont, daß der Humanismus in seinem historischen Verständnis an die besagte Epoche gebunden300 eine kulturelle und geistesgeschichtliche Erneuerungsbewegung darstellt, die jedoch mitnichten alle Bereiche des Geistesleben jener Zeit erfaßte, sondern sich im Kern auf die erwähnten studia humanitatis beschränkte. Dies bedeutet auch, daß universitäre Fächer wie Mathematik, Astronomie, Medizin, Jurisprudenz und Theologie explizit ausgenommen waren und auch im Bereich der Philosophie blieben Logik, Naturphilosophie und Metaphysik weitestgehend den traditionellen Methoden verbunden; allein die Ethik war Gegenstand humanistischer Studien, die ansonsten von der Beschäftigung mit der Literatur (und ihrer Sprache) geprägt waren (cf. Kristeller 1973:17–18).
Allgemein lehnten die humanistischen Gelehrten die Spekulation über die Natur, wie sie in der Physik oder Naturphilosophie betrieben wurde, als sinnloses Unterfangen ab, genauso wie die scholastischen Spitzfindigkeiten in der Logik, da für sie die konkreten Fragen des Lebens, der Lebensgestaltung und die möglichen Leitbilder (recte vivere), also Themen der Moralphilosophie, im Vordergrund standen (cf. Buck 1984:15).
Der Humanismus kann somit als Bildungsreform der Renaissance verstanden werden, geboren aus dem Wunsch einer Erneuerung des tradierten Wissens, dessen Ausdruck die studia humanitatis sind.
Insofern sich die ‚studia humanitas‘ als eine Bildungsreform verstanden, gingen sie von der Überzeugung aus, daß die aus dem Mittelalter überlieferte Bildung überholt sei und durch eine neue ersetzt werden müsse. Von Petrarca angefangen kritisierten die Humanisten den zeitgenössischen Wissenschaftsbetrieb, vor allem den Rückgang des Studiums der Grammatik und Rhetorik mit der daraus resultierenden Entartung des Lateins, sowie das Ausufern der sich in einem unfruchtbaren Spiel mit Definitionen, Distinktionen und Syllogismen erschöpfenden Dialektik, die nicht nur im Trivium vorherrschte, sondern auch innerhalb der Philosophie der Ethik in den Hintergrund gedrängt wurde. (Buck 1984:14)
Die Hinwendung zur Antike, zu ihrer Literatur, zu dem dort gepflegten Stil (der klassischen Autoren) und nicht zuletzt durch die auf diese Weise vermittelten Moralvorstellungen geht zu einem wesentlichen Anteil auf Petrarca zurück.301 In seiner Dichterkrönung zum poeta laureatus (8. April 1341), die gleichzeitig eine theoretische Lehrberechtigung für die artes liberales enthält, wird die Begeisterung für antike Literatur (Sprache, Form, Motivik) und Studieninhalte (studia humanitatis) gleichermaßen zum Ausdruck gebracht. Als systematisches Bildungsziel mit einem konkreten Programm werden die humanistischen Studien jedoch erst von Coluccio Salutati (1331–1406) formuliert, der darin die Verwirklichung von virtus und doctrina sieht. Dies beinhaltet gleichzeitig eine bewußte Abkehr von den im (spät)mittelalterlichen Schulbetrieb dominierenden octo auctores morales hin zu den Studien nach dem Leitbild der ciceronianischen humanitas, den bonae artes, in denen ein nach neuen Kriterien geschultes, moralisch agierendes Individuum ausgebildet werden sollte (cf. Buck 1984:11–15).
Die studia humanitatis wurden schließlich in fünf kanonische Fächer gefaßt, wie sie bei Tommaso Parentucelli (Nikolaus V., 1447–1455) überliefert sind: Grammatik, Rhetorik, Poetik, Geschichte,302 Moralphilosophie. Die beherrschende Sprache war zunächst das Lateinische, das die Grundlage jedweden Studiums bildete,303 später kamen jedoch auch das Griechische und seine Literatur als fachliche Bereicherung hinzu (cf. Buck 1987:163).304
In Florenz wurden erstmals auf Einladung von Coluccio Salutati und Niccolò Niccoli im Jahre 1397 Vorlesungen von Manuel Chrysoloras (1353–1415) gehalten, die von einer Anzahl wichtiger italienischer Gelehrter, darunter Bruni, begeistert aufgenommen wurden. Chrysoloras, der auch im Folgenden noch zahlreiche Schüler hatte, die auf seine Anregung hin z.T. auch nach Konstantinopel gingen (z.B. Guarino Veronese), fungierte dabei – so könnte man postulieren – durch seine Vermittlung des Griechischen und des byzantinischen Kulturschatzes als „Katalysator“ für die humanistische Bewegung.
Ein wichtiger Part innerhalb der humanistischen Erneuerungsbewegung war die Reform des Lateins. Vorbild sollte der Sprachgebrauch der „klassischen“ antiken Autoren sein (nicht unbedingt das Ideal der antiken Grammatiker), wobei in erster Linie Cicero hierbei als Maßstab diente (sowie Quintilian), später dann zunehmend Tacitus. Zu diesem Zweck wurden auch neue Lehrbücher und Grammatiken verfaßt, wie beispielsweise die Elegantiae Lorenzo Vallas (1407–1457), der ganz konkret eine restitutio linguae latinae fordert (cf. Buck 1984:16; Münkler/Münkler 2004:164–165).
Ein weiterer wichtiger Aspekt dieses Paradigmenwechsels des 14./15. Jh., der eng mit dem gesteigerten Interesse an der Antike zusammenhängt, ist die Begeisterung für Bücher und Handschriften. Auch hier spielt Petrarca eine wichtige Vorreiterrolle. Das Buch wird für ihn gleichsam zum Lebensbegleiter. Die tiefe Verbundenheit mit den antiken Autoren, mit denen er im Geiste vertrauliches Zwiegespräch hält, bringt ihn dazu, seinen „Freunden“ und Vorbildern Briefe zu schreiben.305 So finden wir in den Familiares Episteln, die an Cicero, Seneca, Varro, Quintilian, Livius, Pollio oder Homer adressiert sind. Petrarca stellt nicht nur eine Liste mit seinen Lieblingsbüchern zusammen (libri mei peculiares), sondern kommentiert auch einzelne Schriften und setzt sie in bewußte Korrelation zu Ereignissen aus seinem eigenen Leben. (cf. Buck 1987:138–141).
Diese tiefe Wertschätzung für die alten Autoren in Zusammenhang mit dem erwachenden Interesse am Historischen führt schließlich dazu, daß sich die Humanisten auf die Suche nach Originalausgaben bzw. alten Handschriften ihrer geliebten Werke machen und die europäischen Archive und Klosterbibliotheken durchforsten: Petrarca findet in Lüttich zwei in Vergessenheit geratene Reden Ciceros (1333) und ein Manuskript mit Ciceros Briefen (Epistolae ad familiares) in Verona (1345), Coluccio Salutati entdeckt weitere Cicero-Briefe (v. supra Kap. 1.1), Niccolò Niccoli (1365–1437) läßt aus den Klöstern Corvey und Monte Cassino das historische Œuvre des Tacitus zusammentragen und Poggio Bracciolini (1380–1459) erwirbt bei seinen Reisen rund um das Konstanzer Konzil (1414–1418) neben weiteren Reden Ciceros und zahlreichen Manuskripten unterschiedlichster Autoren (Silius Italicus, Lukrez, Manlius, Ammianus Marcellinus, Valerius Flaccus, Statius, Petron, etc.) in St. Gallen die bisher nur fragmentarisch bekannte Rhetorik Quintilians (Institutio oratoria). Dies bildet letztendlich den Auftakt für eine umfangreiche Recherche nach alten Handschriften und möglichst originalgetreuen Ausgaben (cf. Walther 2007:671–672). Zu den sogenannten „Bücherjägern“ (engl. book-hunters) gehörten außer den bereits Genannten auch Gelehrte wie Leonardo Bruni (1370–1444), Guarino Veronese (1374–1460), Giovanni Aurispa (1376–1459) oder Palla Strozzi (1373–1462) (cf. Niederkorn-Bruck 2012:106–107; Frank 2014:217–218).
Ein weiterer Folgeeffekt der Liebe zum Buch und zu den Schriften der alten Autoren ist die Entstehung von zahlreichen Bibliotheken, zunächst vor allem Privatsammlungen, die erst später in öffentliche Bibliotheken umgewandelt werden bzw. deren Bestand dort Eingang findet. Auch hier spielte wiederum Petrarca eine wichtige Rolle, und zwar insofern er seine Bibliophilie zum Ausdruck brachte – „Che anzi nei libri c’è un fascino particolare“ (Petrarca, Fam. III, 18; 1978:109).306 Die Privatsammlungen der Humanisten waren – soweit rekonstruierbar – zum Teil beträchtlich: Die Bibliothek Coluccio Salutatis wird auf ca. 800 Bände geschätzt, diejenige von Niccolò Niccoli soll ca. 600–800 Bücher umfaßt haben, Giovanni Pico della Mirandola (1469–1533) brachte es auf 1160 und Willibald Pirckheimer (1470–1530) sogar auf 2100. Eine der ersten halb-öffentlichen Bibliotheken war die von Oddo Colonna (Martin V., 1417–1431) im Jahre 1417 begründete Biblioteca Vaticana, in deren Archiv 1455 immerhin schon 1200 Bände aufgenommen waren (cf. Buck 1987:142–143).307
Dies sind nur einige sehr selektive Aspekte des Humanismus, und zwar solche, die im Hinblick auf die vorliegende Fragestellung von Relevanz sind, denn das Interesse an Historischem und Philologischem der Humanisten bildet den Nährboden für die daraus entstehenden sprachtheoretischen Fragestellungen.
Als letztes sei noch auf die Datierungs- und Strukturierungsproblematik von Renaissance und Humanismus verwiesen. Im Supplementband des Kleinen Pauly zur Rezeption der Antike in eben jener Zeit arbeitet Landfester mit dem Doppelbegriff des ,Renaissance-Humanismus‘, wobei er den Terminus der ‚Renaissance‘ als Epochenbegriff auffaßt und ‚Humanismus‘ als Kulturbegriff. Renaissance ist für ihn damit die erste Phase der Frühen Neuzeit im westeuropäischen Kulturkreis, einer Epoche, die durch eine neue aus politischer Sicht plurale Ordnung anstelle der mittelalterlichen Universalmonarchie gekennzeichnet ist, in der sich die humanistische Kulturbewegung entfaltet. Diese umfaßt zahlreiche Bereiche der Kultur und löst die von christlichen Dogmen bestimmte Weltanschauung des Mittelalters ab, durch eben ihr Leitbild der humanitas. In diesem Sinne läßt Landfester den Renaissance-Humanismus im 14. Jh. beginnen, symbolisch mit Petrarcas Dichterkrönung (1341), und setzt ihr Ende mit der beginnenden Konfessionalisierung ab der zweiten Hälfte des 16. Jh. an. So wie sich die Bewegung aus den engen, theologisch bestimmten Lehrpfaden des Mittelalters emanzipierte, findet sie auch ihr Ende in der Beschränkung der freien Betrachtung der paganen Antike durch die im Zuge der Konfessionsspaltung entstehenden Denkverbote, was man ebenfalls mit einem symbolischen Datum fixieren könnte, nämlich der Verbrennung Giordano Brunos im Jahre 1600. Der Aspekt des Religiösen ist hierbei ein wichtiger, aber nicht der einzige, der die Dynamik von der Genese und dem langsamen Ausklingen dieser Bewegung bedingt, zahlreiche weitere externe und interne Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle (cf. Landfester 2014b:IX).
Eine Periodisierung zu erstellen ist insofern kaum möglich, da schon innerhalb Italiens die einzelnen Regionen unterschiedlich von dieser Erneuerungsbewegung betroffen sind und unter Einbezug anderer europäischer Länder erst recht mit einer zeitlichen Diskrepanz zu rechnen ist; hinzu kommt, daß auch bezüglich der einzelnen Kulturbereiche wie Architektur, Malerei, Bildhauerei oder Literatur der Paradigmenwechsel nicht einheitlich verläuft. Landfester (2014b:X-XI) strukturiert deshalb sehr grob in einen Humanismus der Früh- und Hochrenaissance mit der groben Datierung ca. 1350/1400 – ca. 1550 und einen Humanismus der Spätrenaissance mit dem zeitlichen Rahmen von ca. 1550–1600/1630. Alle weiteren Unterteilungen sollten an einzelnen Regionen und Kulturfeldern festgemacht werden.308
Die Datierungen sind dabei nur grobe Anhaltspunkte, denn wie Kristeller (1973:11–12) deutlich macht, gibt es zweifellos Kontinuitäten, wobei die schwierige Faßbarkeit der Epoche nicht dazu berechtigt, ihr eine eigene Prägung und Identität abzusprechen.
Zuletzt sei in vorliegendem Kontext noch auf den Begriff der ‚Frühen Neuzeit‘ hingewiesen, mit dem ebenfalls gelegentlich operiert wird. Dieser Terminus ist vor dem Hintergrund der historischen Periodisierung Antike – Mittelalter – Neuzeit zu sehen und gehört zur Geschichtswissenschaft, in der damit üblicherweise die Zeit zwischen ca. 1450/1500 und 1800/1850 – vor allem im anglophonen Raum oft tout court 1500–1800 – umrissen wird, deren Eckdaten gekennzeichnet sind von der Erfindung des Buchdrucks einerseits und dem Aufkommen der Eisenbahn als transnationales Transportmittel andererseits. In diesem allgemeinen historischen Verständnis ist der Begriff seit den 1950er Jahren geläufig, wurde aber schon zuvor in ähnlicher Form in der Wirtschaftsgeschichte (Werner Sombart: Frühkapitalismus) und dann in der Soziologie (Max Weber: beginnende Neuzeit) verwendet, die ihn wiederum aus der in der Sprachwissenschaft üblichen Kategorie des ,Frühneuhochdeutschen‘ (1350–1650) ableitet, wie sie von Jacob Grimm eingeführt (Kriterium: Lautverschiebungen) und von Wilhelm Scherer schließlich als Epoche etabliert wurde. Kennzeichen dieser weitgespannten Zwischenepoche sind die politischen Veränderungen in Europa (Staatsbildung und diplomatische Beziehungen), der Frühkapitalismus, die protestantische Ethik, Wissenschaftsrevolution, Agrarrevolution und der Beginn der Industriellen Revolution. Es sind also Umbrüche in der Politik, in der Kommunikation, dem Finanzwesen, dem Erziehungswesen und im kulturellen Bereich, die diesen Zeitraum situieren (cf. Behringer 2006:81–85).309
Die in vorliegender Arbeit wichtigen kultur- und geistesgeschichtlichen Rahmenbedingungen, die durch die Begriffe ‚Renaissance‘ und ‚Humanismus‘ abgesteckt wurden, sind durchaus Teil dieses historischen Gesamtkomplexes ‚Frühe Neuzeit‘ und der damit bezeichneten Neuorientierungen, wobei diese Epochenbezeichnung jedoch sowohl inhaltlich wie auch zeitlich weit über das abgesteckte Thema hinausreicht. Für vorliegende Fragestellung bilden diese geistesgeschichtlichen Strömungen den unabdingbaren Hintergrund; nur in diesem Kontext lassen sich die dann hervortretenden Diskussionen zu den verschiedenen Aspekten der Sprache (historisch und zeitgenössisch) adäquat einordnen und erklären.
6.1.2 Kurzcharakteristik der questione della lingua: Fragestellungen und Periodisierung
Die questione della lingua als Leitfrage einer Normdiskussion bezüglich der Herausbildung der italienischen Literatur- und Standardsprache ist ein Produkt der linguistischen Forschung des 20. Jahrhunderts. Der Begriff fand seine wesentliche Verbreitung mit dem gleichnamigen Werk von Vitale (1984 [11960]); das Phänomen dieser metasprachlichen Diskussion wurde aber bereits von Vivaldi (1894–1898) und Luzzato (1893) im ausgehenden 19. Jahrhundert beschrieben, wobei jedoch z.B. Vivaldi noch von controversie und Luzzato von polemica spricht (cf. Ellena 2011:20–22).310
Vitale beschreibt in seiner grundlegenden Monographie sowohl den zugrundeliegenden sprachlichen Prozeß der Selektion und Normierung unter dem Einfluß der literarischen Produktion der tre corone und ihrer prestigeträchtigen Nachwirkung bzw. ihrer Kanonisierung als Autoritäten, als auch den metasprachlichen Diskurs mitsamt seinen Fragestellungen bzw. kontroversen Einzeloptionen.
Il fiorentino antico e scritto, quale si fissa con procedimenti d’arte nei grandi scrittori trecenteschi, e si impone mediante il prestigio letterario e culturale dei sommi auctores fiorentini e nel solco della prodigiosa fortuna di Firenze borghese e mercantile nell’età comunale, ed è codificato dalla regolamentazione grammaticale cinquecentesca, è il fondamento dell’italiano comune; si può dir meglio che la lingua comune e nazionale italiana è il fiorentino quale è venuto affermandosi e imponendosi attraverso una serie complessa di vicende culturali e sociali in Italia come lingua di tutta la nazione nel corso della nostra storia civile. (Vitale 1984:9)
Dieser Prozeß der Herausbildung der italienischen Sprache im Sinne einer Literatursprache und einer Gemeinsprache ist in der Sprachbetrachtung systematisch strikt zu trennen (cf. Ellena 2011:17) von der über mehrere Jahrhunderte unter verschiedenen Vorzeichen sich vollziehenden Kontroverse über die „richtige“ Art eines zu normierenden Italienischen.
Il complesso dei problemi intorno al volgare, alla lingua grammaticale nuova che diventa lingua nazionale e comune d’Italia, che si pongono e si discutono con appassionato e vivace calore per tutti i secoli nel corso della nostra storia letteraria e grammaticale in conseguenza delle condizioni che si sono sommariamente illustrate (natura della lingua: fiorentina o italiana; norma del suo impiego: lingua scritta e lingua parlata; dilatabilità dei suoi confini: lingua antica e lingua moderna; adattabilità ai tempi nuovi: lingua morta e lingua viva; funzionalità in circostanze storiche rinnovate: lingua come letteratura o lingua come strumento sociale; etc.) costituisce la cosiddetta questione della lingua le cui ragioni hanno, dunque, profonde e salde radici storiche. (Vitale 1984:12)
Die questione della lingua umreißt dementsprechend den Findungsprozeß einer adäquaten Literatursprache (und später auch mündlichen Standardsprache) des Italienischen zu Beginn der Frühen Neuzeit im Kontext der Renaissance und eines sich entwickelnden Bewußtseins für die eigene Volkssprache in Auseinandersetzung mit dem Lateinischen. Die damit zusammenhängende Gelehrtendebatte, die sich über einen Zeitraum von mindestens mehr als einem Jahrhundert erstreckt, ist in erster Linie als eine Normdiskussion zu begreifen,311 in der versucht wird, vor dem Hintergrund des bereits seit der Antike normierten und diskurstraditionell weit gefächerten Lateins, auf der Basis einer schon früh kanonisierten Literatur mit stilistisch elaborierten Texten mit entsprechendem Prestige, das Italienische auf ein mehr oder weniger gleichwertiges Niveau zu heben.312 Das Prestige sollte dabei durch die Selektion von Varietäten – und dann im Einzelnen auch von Varianten – erreicht werden, sowie durch die im Zuge dieses Prozesses normative Fixierung dieser selegierten sprachlichen Formen. Die Selektion betrifft dabei sowohl grammatische wie auch lexikalische Formen bzw. Konstruktionen bzw. anders ausgedrückt, spielt sich unter Einbeziehung der dann später hinzukommenden Frage nach dem mündlichen Gebrauch auf allen Ebenen der Sprache ab (phonetischer, morphologischer, syntaktischer, lexikalischer). Referenz ist dabei vorrangig die noch „junge“ volkssprachliche Literatur mit ihren Hauptvertretern Dante, Petrarca, Boccaccio und den dadurch abgedeckten Literaturgattungen und Stilregistern. Marazzini (1993a) faßt dieses Gesamtphänomen mit seinen wichtigsten Einzelproblemstellungen konzis zusammen:
Risolvere questi problemi [di selezione] significa stabilire in via prioritaria che cosa l’italiano fosse, in qual luogo avesse avuto origine, quale città o regione potesse essere considerata culla della lingua, e potesse pertanto attribuirsi il diritto di controllare la lingua stessa nella sua crescita ed evoluzione […]; si dovevano stabilire i modelli della lingua, fissando l’elenco delle relative auctoritates. (Marazzini 1993a:231–232)
Daraus ergeben sich wiederum ganz konkrete Fragestellungen, darunter solche, wie eine adäquate Sprache der Poesie oder der Prosa und ihrer verschiedenen Gattungen beschaffen sein sollte, wieviel Varianz man dabei zulassen kann, welche Sprachform man als Modell für den Schulunterricht sinnvollerweise wählen sollte, wie im einzelnen entsprechende Grammatiken und Wörterbücher zu verfassen sind und vor allem auf Basis welcher Autoren und Werke sowie welcher Epoche dies geschehen solle (cf. Marazzini 1993a:232).
Die Frage nach der zeitlichen Verortung der questione della lingua hängt eng mit der Extension dieses Begriffes zusammen. Tatsächlich ist die italienische Sprachgeschichte – wie auch die anderer romanischer bzw. europäischer Sprachen – von dem Prozeß der Herausbildung einer adäquaten Varietät zum Ausdruck der distanzsprachlichen Kommunikation geprägt, wobei dieses potentielle Idiom sich vor allem in einer Frühphase in Konkurrenz zu der bisherigen dominierenden Kultursprache befand. Die italienische Situation ist jedoch insofern eine spezifische, als hier bedingt durch die politische und gesellschaftliche Heterogenität im Laufe der Geschichte die verschiedensten Optionen bestanden, die in der schließlich als questione bekannt gewordenen Kontroverse über Jahrhunderte von Gelehrten diskutiert wurden.313 Dabei ist es durchaus möglich, diese Suche nach einer Literatur- und Standardsprache ab ovo, also ab Beginn der Literaturproduktion im volgare, bis zur deren flächendeckender Verbreitung am Ende des 19. Jh. (Einigung Italiens, Einführung der Schulpflicht, Industrialisierung, Binnenmigration, etc.) und in letzter Konsequenz im 20. Jh. (Rückgang der Dialekte, Massenmedien, etc.) zu fassen oder aber dezidiert auf den Kern der Debatte im 15. und 16. Jh. zu begrenzen.
Peter Koch (1988b) geht hierbei insofern einen Mittelweg in seiner Periodisierung, als er sowohl eine Vor- und Frühphase aufzeigt als auch auf die entsprechenden Ausläufer bzw. Nachwirkungen verweist, die eigentliche questione aber deutlich in der Frühen Neuzeit verortet. Die Sprachgeschichte des Italienischen ist für ihn in ihrer ersten Periode der beginnenden Schriftlichkeit, die er nach Krefeld (1988:750) „polyzentrische Ausbauphase“ nennt, gekennzeichnet durch die „Sprachenfrage“ Latein oder Italienisch (volgare), wobei zu dieser Zeit das Lateinische noch relativ unangefochten die Literatur und die Gebrauchstexte dominiert, das volgare sich hingegen nur nach und nach in einigen wenigen Bereichen etabliert (z.B. frühe Lyrik, einzelne Gebrauchstexte). Innerhalb des Italienischen wiederum ergibt sich dabei eine weitere Option, und zwar stellt sich potentiell die Wahl zwischen einem eher latinisierenden Modell mit schwacher Diatopik (Zentrum Bologna) oder einer stark regional markierten Schriftsprachlichkeit, wie sie sich vor allem in Florenz (Toskana), aber auch in Sizilien, Umbrien oder Venetien herausbildet. Retrospektiv läßt sich dabei bereits die sich später noch verstärkende Dominanz der tre corone-Dichter erkennen und damit eine gewisse Präferenz für das Florentinische. Die geschilderte potentielle Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen diatopischen Varietäten, oder vielmehr zwischen Diskurstraditionen, beschränkt sich dabei auf die sogenannte hohe Literatur. Was die Gebrauchstexte anbelangt, so herrscht diesbezüglich weitgehend ein latinisierendes volgare-Modell mit eher schwacher diatopischer Ausprägung vor.
Im Zuge des Humanismus und einer erneuten Aufwertung des ohnehin schon seit jeher prestigereichen Lateins entsteht eine „Sprachenfrage“, die durchaus an die eigentliche questione gekoppelt ist, ihr jedoch chronologisch vorausgeht und deren zentrale Fragestellung ist, welche Art des Lateins für Literatur und Wissenschaft adäquat sei. Zur Disposition stehen dabei ein an dem Modellautor Cicero orientiertes Latein sowie ein eher eklektisches, sich aus verschiedenen Vorbildern speisendes (cf. Koch 1988b:345–346).
Nachdem sich jedoch das ciceronianische durchsetzt und zur Leitvarietät des Lateinhumanismus wird, verschärft sich dadurch der Gegensatz zwischen Italienisch (mündlich, schriftlich) und Latein (schriftlich) und es kommt endgültig zu einer stark ausgeprägten Diglossiesituation, welche im Mittelalter, zumindest von Gelehrten, mitunter noch als standard-with-dialect wahrgenommen worden war.314
Während die Sprachenfrage ‚Latein oder Volkssprache‘ im Prinzip alle westeuropäischen Sprachgemeinschaften tangierte, insofern überall dort, wo das Latein als dominierende Kultursprache die Schriftlichkeit beherrschte, die jeweilige Volkssprache ihr einzelne Bereiche nur mühsam abtrotzen konnte und sich dieser Prozeß meist über Jahrhunderte hinzog sowie die „Sprachenfrage“ innerhalb des Lateins eine des gesamten europäischen Humanismus war, ist die darauf folgende eigentliche questione della lingua eine sehr spezifisch italienische.
Koch (1988b:346) greift die bisher von ihm ausgemachten Diskussionen innerhalb der italienischen Sprachgeschichte, also ,Latein (ciceronianisch vs. eklektisch) vs. Volgare (schwach diatopisch, eklektisch und stark latinisierend vs. stark diatopisch)‘, noch einmal auf und integriert darin die eigentliche Sprachenfrage innerhalb der Gesamt-questione: d.h. die zentralen Alternativen, die dann den Kern der questione-Debatte ausmachen, sind vor allem innerhalb der Option ‚stark diatopisches Volgare‘ angesiedelt, und zwar mit den Möglichkeiten, sich zwischen einer florentinischen Varietät als Grundlage der Literatursprache oder einer anderen toskanischen Varietät (z.B. dem Senesischen) bzw. einer ganz anderen italienischen Varietät zu entscheiden,315 wobei sich in Bezug auf die Option ‚Florentinisch‘ daran anschließend die Frage stellt, ob man auf das Florentinisch der tre corone oder ein eher aktuelles, zeitgenössisches zurückgreifen sollte; diesen Alternativen steht schließlich noch die Möglichkeit einer lingua cortigiana als spezifische Ausformung des schwach diatopischen, eklektischen Modells gegenüber. Die hier aufgeführten Alternativen werden dabei nur zu Optionen vor dem Hintergrund der Aufwertung der Volkssprache im Zuge eines vor allem in Florenz aufkommenden Vulgärhumanismus (umanesimo volgare), der das Italienische als Ausdrucksmöglichkeit neben dem im Lateinhumanismus (umanesimo latino) präferierten ciceronianischen Lateins überhaupt erst in größerem Maße möglich macht.
Koch (1988b:346, 357) periodisiert die questione della lingua meist eher implizit als explizit, jedoch ist deutlich herauszulesen, daß für ihn der Höhepunkt der Kerndebatte im Cinquecento stattfand (Phase III), mit entsprechenden Vorläufern im Quattrocento. Zu dieser Frühphase gehört bei ihm sowohl die Frage ‚Latein oder Volgare‘ (Phase II) als auch die Diskussion um das adäquate Latein (Phase I). Als eine Art Vorphase kann man in seinem Sinne die von Krefeld (v. supra) als „polyzentrische Ausbauphase“ bezeichnete Periode ab ca. 1200 betrachten, in der das volgare Bereiche der Schriftlichkeit erobert. Analog dazu kann man die Periode vom 17. Jahrhundert bis zu Manzoni (I Promessi sposi: Ventisettana 1827/Quarantana 1840–42) und zur Einigung Italiens (1861) als eine Art Spätphase (bzw. Nachphase) betrachten, da trotz einer sich bereits abzeichnenden tendenziellen Ausrichtung am tre corone-Modell, gestützt durch die Academia della Crusca, die Diskussion um Details und Alternativen weitergeführt wird. Koch (1988b:357) schematisiert dabei diese letzte Phase durch die Optionen ,cruscanisches (tre corone-) Florentinisch vs. aktuelles gebildetes Florentinisch vs. anticruscanisches (eklektisch liberales) Italienisch‘.
Da zwar einerseits tatsächlich (fast) die gesamte italienische Sprachgeschichte von Sprachenfragen geprägt ist, andererseits die metasprachliche Auseinandersetzung nur ein bis zwei Jahrhunderte besonders virulent ist, spiegelt sich dies auch ein wenig in der Darstellung von Koch, der sich nicht ganz entscheiden kann, was genau er nun zur questione della lingua in Italien strictu sensu rechnen möchte.316 Hier sei als Kernphase der questione das 16. Jh. definiert, wie es auch sonst in der Forschung meist üblich ist (v. infra).
Michel (2005) übernimmt weitgehend das Modell von Koch, d.h. sowohl die Kategorisierung (Arten der einzelnen Sprachenfragen) als auch die Periodisierung, erweitert dies jedoch in entscheidender Weise dadurch, daß er es mit der Geschichtstheorie Nietzsches in Verbindung bringt. Dessen Geschichtsauffassung, die er im zweiten Teil seiner Unzeitgemäßen Betrachtungen von 1874 unter dem Titel Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben dargelegt hat und die drei Arten der Historie bzw. der historischen Betrachtung beinhaltet, nämlich die monumentalistische,317 die antiquarische und die kritische, ergänzt nun Michel (2005:354) noch um die eklektische Perspektive, bei gleichzeitiger Synthetisierung der antiquarischen und monumentalistischen, da diese beiden in der Renaissance in Bezug auf die questione nicht unterscheidbar seien.318 Dies führt ihn schließlich dazu, daß er anhand dieser Kriterien die Vertreter der Kern-Diskussion der questione della lingua im 16. Jh. folgendermaßen zuordnet:
| Hauptvertreter der questione della lingua (16. Jh.) – Phase I/ II | |||
| Latein | Volgare | ||
| Apologeten des Lateins | Trecento-Florentinisch | Modernes Florentinisch | Höfische Koiné andere Varietäten |
| ROMOLO AMASEO (1489–1552) (De linguae usu retinendo, 1529) | PIETRO BEMBO (1470–1547) (Prose della volgar lingua, 1525) | NICCOLÒ MACHIAVELLI (1469–1527) (Dialogo intorno alla nostra lingua, ca. 1515) | VINCENZO COLLI (CALMETA) (ca. 1460–1508) (Della volgar lingua, in: Bembo, Castelvetro) |
| FRANCESCO FLORIDO (SABINO) (1511–1547) (Apologia, 1537) | SPERONE SPERONI (1500–1588) (Dialogo delle lingue, ca. 1542) | CLAUDIO TOLOMEI (1492–1556) (Il Cesano, 1555) | ANGELO COLOCCI (1474–1549) (in: Piero Valeriano, Dialogo della volgar lingua) |
| CELIO CALCAGNINI (1479–1541) (De institutione Commentatio, 1544) | ACCADEMIA DELLA CRUSCA (Vocabulario degli Accademici della Crusca, 1612) | GIOVAN BATTISTA GELLI (1498–1553) (Ragionamento sopra le difficoltà del mettere in regola la nostra lingua, 1551) | GIOVANNI FILOTEO ACHILLINI (1466–1538) (Annotazioni della volgar lingua, 1536) |
| Gemäßigte Apologeten-Position | LEONARDO SALVATI (1540–1589) (Avvertimenti della lingua sopra ’l „Decamerone“, 1586) | PIER FRANCESCO GIAMBULLARI (1495–1555) (Gello, 1546) (Della lingua che si parla e si scrive in Firenze, 1551) | BALDASSARE CASTIGLIONE (1478–1529) (Il Cortegiano, 1528) |
| CARLO SIGOMIO (1520–1584) (De Latinae linguae usu retinendo, 1566) | BENEDETTO VARCHI (1503–1565) (L’Ercolano, 1570) | GIAN GIORGIO TRISSINO (1478–1550) (Il castellano, 1529) | |
| UMBERTO FOGLIETTA (1518–1581) (De linguae Latinae usu et praesentia, 1574) | CARLO LENZONI (1501–1551) (Difesa della lingua fiorentina e di Dante, 1556) | MARIO EQUICOLA (1470–1525) (Istituzioni al comporre in ogni sorta di rima volgare, 1541) | |
| Gegner des Latein (Volgare Befürworter) | ALBERTO LOLLIO (ca. 1508–1568) (Orazione in laude della lingua toscano, 1555) | Sienesisch | |
| ALESSANDRO CITOLINI (ca. 1500–1582) (Lettere in difesa de la lingua volgare, 1540) | GIROLAMO RUSCELLI (1504/1518–1566) (De‘ Comentarii della lingua italiana, 1581) | ORAZIO LOMBARDELLI (ca. 1542–1608) (Della pronunzia toscana, 1568) | |
| VALERIO MARCELLINO (ca. 1536–1593) (Lettera, over Discorso intorno alla lingua volgare, 1564) | BERNARDINO TOMITANO (1517–1576) (Ragionamento della lingua toscana, 1545) | Bolognesisch | |
| FILOTEO ACHILLINI (1466–1538) (Annotazioni della volgar lingua, 1536) | |||
Abb. 4: Hauptvertreter der questione Phase I/II (modifiziert und ergänzt; Michel 2005:359, Tab.147)
| Hauptvertreter der questione della lingua (16. Jh.) – Phase III | ||
| Florentinisch | ||
| Antiquarisch-monumentalistische Position (Altflorentinisch) | Eklektische Position (Alt- und Neuflorentinisch) | Geschichtskritische Position (Neuflorentinisch) |
| GIOVANNI FRANCESCO FORTUNIO (ca. 1470–1517) (Regole grammaticali della volgar lingua, 1516) | NICCOLÒ LIBURNIO (ca. 1474–1557) (Le vulgari elegantie, 1521) | NICCOLÒ MACHIAVELLI (1469–1527) (Dialogo intorno alla nostra lingua, ca. 1515) |
| PIETRO BEMBO (1470–1547) (Prose della volgar lingua, 1525) | FABRICIO LUNA (Vocabulario di cinquemila Vocabuli Toschi, 1536) | CLAUDIO TOLOMEI (1492–1556) (Il Cesano, 1555) |
| NICCOLÒ LIBURNIO (ca. 1474–1557) (Tre fontane, 1526) | GIOVAN BATTISTA GELLI (1498–1553) (Ragionamento sopra le difficoltà del mettere in regola la nostra lingua, 1551) | |
| LUCILIO MINERBI (15./16. Jh.) (Il Decamerone di M. Giovanni Boccaccio col Vocabulario di M. Lucilio Minerbi, 1535) | PIER FRANCESCO GIAMBULLARI (1495–1555) (Gello, 1546) (Della lingua che si parla e si scrive in Firenze, 1551) | |
| FRANCESCO ALUNNO (ca. 1485–1556) (Osservazioni sopra il Petrarca, 1539) (Ricchezze della lingua volgare sopra il Boccaccio, 1543) (Fabrica del mondo, 1548) | ||
| ALBERTO ACARISIO (ca. 1497–1544) (Vocabulario, Grammatica, et ortographia della lingua volgare, 1543) | ||
| SPERONE SPERONI (1500–1588) (Dialogo delle lingue, ca. 1542) | ||
| LEONARDO SALVATI (1540–1589) (Avvertimenti della lingua sopra ’l „Decamerone“, 1586) | ||
Abb. 5: Hauptvertreter der questione Phase III (modifiziert und ergänzt; Michel 2005:359, Tab. 148)
Bei vorliegender Zusammenstellung von Michel ist zu beachten, daß die einzelnen zum Teil ex post aufgestellten Kategorien und Zuordnungen nicht immer zweifelsfrei sind, da es durchaus Positionen gibt, die nicht prototypisch sind bzw. auch weitere Vertreter nicht immer eindeutig auf eine bestimmte Position reduzierbar sind;319 zudem haben nicht alle veritable Traktate zu dieser Debatte verfaßt, sondern ihre Meinung eher implizit in Grammatiken, Wörterbüchern oder anderen Schriften zum Ausdruck gebracht. Nichtsdestoweniger hilft die Strukturierung der questione in Bezug auf einzelne Auffassungen wie auch hinsichtlich des zeitlichen Verlaufes, wie sie von Koch (1988b) und Michel (2005) unternommen wurde, das komplexe Ineinandergreifen verschiedener Vorstellungen und deren Verteidigung – auch in Form von Invektiven – im Ringen der Renaissance-Gelehrten um eine gemeinitalienische Literatur- und Standardsprache besser zu verstehen.320
Im Gegensatz zu Koch spricht Michel (2005:394) auch noch für die Zeit vom 17.–19. Jh. explizit von der questione della lingua und handelt die jeweiligen Diskussionsschwerpunkte nach Jahrhunderten ab,321 wobei das 19. Jh. allgemeiner unter dem Aspekt Sprachtheorie und Sprachpraxis (cf. Kap. 6.3.11 bei Michel 2005:401–408) betrachtet wird und nur die Zeit bis Manzoni ausdrücklich der questione zugeordnet wird (cf. ibid. 2005:401).
Die Sprachgeschichte von Reutner/Schwarze (2011), scheint sich bezüglich vorliegender Fragestellung mutatis mutandis an der Gliederung von Marazzini (dt. 2011, it. 2004) zu orientieren, der die storia della lingua italiana strikt nach Jahrhunderten abhandelt. Dabei decken sich hier vor allem zwei wichtige Subkapitel: Der 1. Punkt im IV. Kapitel (Das 15. Jahrhundert) von Marazzini (2011:87) heißt dort Latein und Volgare und im V. Kapitel (Das 16. Jahrhundert) ist das 1. Unterkapitel als Italienisch und Latein überschrieben, was bei Reutner/Schwarze (2011:101, 117) als die entsprechenden Subtitel 5.1 Latein und Volgare in Konkurrenz und 6.2 Die Questione della lingua im 16. Jahrhundert übernommen wird. Daraus läßt sich auch ableiten, daß sich für sie die questione im Wesentlichen auf diese Zeitspanne reduziert – wirklich eindeutig beziehen sie dabei jedoch nicht Position.322
Für Vitale (1984:39) beginnt die questione della lingua im 16. Jh. und reicht bis Manzoni (Mitte 19. Jh.), die vorangehende Debatte um ,Latein vs. Volkssprache‘, beginnend bei Dante und dann vor allem virulent im 15. Jh., faßt er unter preliminari zusammen (cf. Vitale 1984:15–37); Diskussionen nach der unificazione, die dann die lingua nazionale und ihre Verbreitung betreffen, sowie allgemein moderne Entwicklungstendenzen aufgrund von beispielsweise Massenmedien gehören für ihn nicht mehr zu dieser historischen Debatte.323
Während bei Koch und Michel die zeitlichen Grenzen der questione nicht immer ganz eindeutig sind – so wird bei beiden Autoren nicht expliziert, ob der polyzentrische Ausbau des Italienischen mit zu einer Früh- oder Vorphase gehört, die Spätphase ist eher diffus abgegrenzt – ist Marazzini (2013) in seiner Monographie zur Sprachenfrage schon dahingehend programmatisch und eindeutig, insofern er in seiner Neuauflage den Titel entsprechend abändert und damit gleichzeitig ein Statement zum zeitlichen Rahmen abgibt, dessen Eckpunkte für ihn eben durch Da Dante alle lingue del Web charakterisiert sind, also einerseits wirklich auch aktuellste Entwicklung mitumfaßt und andererseits Dante klar als Beginn positioniert.
Sotto il nome di „questione della lingua“ si indicano, nella tradizione culturale italiana, tutte le discussioni e le polemiche, svoltesi nell’arco di diversi secoli, da Dante ai nostri tempi, relative alla norma linguistica e ai temi essa connessi. Questi temi, pur nella sostanziale analogia, non furono uguali in tutti i periodi storici. All’inizio, nel Medioevo e durante l’Umanesimo, si trattò di riconoscere e rivendicare la dignità del volgare, o di negarla, in nome della superiorità del latino. Nel Cinquecento si discusse a lungo sul nome da attribuire all’idioma letterario, se dovesse essere detto toscano, fiorentino, lingua comune o lingua italiana. (Marazzini 2013:15)324
Auch Marazzini (2013) sieht durchaus den Kern der Debatte – vor allem la questione della norma (ibid. 2013:19) – im Cinquecento, insofern erst zu dieser Zeit (mit gewissen Vorläufern und anderen Schwerpunkten im vorhergehenden Jahrhundert) la „totalità degli uomini di lettere“ (Marazzini 2013:23) betroffen war. Er rechtfertigt aber Dante als initium mit der Tatsache, daß in De vulgari eloquentia und im Convivio das erste Mal diesbezügliche metasprachliche Reflexionen angestellt wurden, auch wenn eine gewisse zeitliche Lücke bis zur Wiederaufnahme dieser Argumente zu konstatieren ist. Dabei betont er auch nochmal, daß die questione della lingua, trotz dieser weiten zeitlichen Klammerung, keinesfalls in toto mit der italienischen Sprachgeschichte gleichzusetzen ist, jedoch ein wichtiger Teil von ihr sei.325 Die Vielfältigkeit der Debatte im Laufe der Jahrhunderte äußert sich zum einen in Bezug auf die behandelten Fragestellungen (v. supra), aber auch hinsichtlich der betroffenen Fachbereiche (Literatur, Rhetorik, Grammatik)326 und der konkreten Auswirkungen (Schule, Bildung i.w.S., Politik und Sprachpolitik, Verwaltung, Jurisprudenz, Wissenschafts- und Kulturbetrieb) (cf. Marazzini 2013:17).
Führt man sich die verschiedenen implizit oder auch explizit formulierten Vorstellungen zur zeitlichen Einordnung bzw. Begrenzung der questione della lingua vor Augen, so kann man als conclusio zumindest eine grundsätzliche Zweiteilung vornehmen, und zwar dahingehend, daß man die allgemeine Sprachreflexion in Bezug auf das Italienische – dazu gehört auch sein Verhältnis zum Latein – zumindest theoretisch strikt von der eigentlichen Normdiskussion trennt, wobei beide Ebenen in einem Inklusionsverhältnis zueinander stehen. Dies hat zur Folge, daß der früheste Zeitpunkt, wie auch bei Marazzini dargelegt (v. supra), der Diskurs bei Dante ist; da aber sein volgare illustre erst mit der (Neu)Veröffentlichung durch Trissino (1529) in gewissem Maße Einfluß auf die Debatte um das adäquate Italienisch der Literatur bzw. der Schriftlichkeit allgemein haben konnte, bleibt Dante erratisch und die Debatte ist in ihrem Kern im 16. Jh. anzusiedeln (cf. Vitale supra). Auf der anderen Seite kann man von der Zeit nach Manzoni oder spätestens nach der Einigung Italiens und den damit verbundenen sprachlichen Folgen nicht mehr im engsten Sinne von der einst in der Renaissance begonnenen Sprachenfrage sprechen. Es verbleibt zwar weiterhin Diskussionspotential – man denke dabei an die nuova questione della lingua, die Pier Paolo Pasolini (1922–1975) in der Zeitschrift Rinascita (26.12.1964) aufwirft (cf. Parlangèli 1979) oder die Frage, ob es ein neo-standard gäbe (Berruto 1987, v. supra) – dennoch berührt dies nicht mehr den Kern der einstigen diatopischen und normativen Problematik. In einer Graphik kann man die verschiedenen zeitlichen Rahmen deshalb folgendermaßen darstellen:

Abb. 6: Chronologie der questione della lingua in Italien
Es bleibt festzuhalten, daß die Auseinandersetzung mit der eigenen Sprache in Italien eine intensive war, die sich über viele Jahrhunderte erstreckte, in denen je unterschiedliche Kernfragestellungen virulent waren, die von einer mehr oder weniger großen Anzahl von Gelehrten aufgegriffen wurden. Bis an die Schwelle zum 20. Jh. blieb jedoch sowohl die metasprachliche Diskussion um die adäquate Sprache als auch das sich herausbildende italiano (comune) „das Ausdrucksmittel einer sozialen Oberschicht“ (Bagola 1991:21) bzw. „kulturellen Führungsschicht“ (ibid.), die unabhängig von politischen Differenzen und der vielfachen staatlichen Zersplitterung Italiens existierte und für die die gemeinsame Sprache einen kulturellen Identifikationsfaktor darstellte.
Schließlich verbleibt noch zur Verortung des hier fokussierten Themas die Frage nach der Sprache der Römer bzw., welche Art(en) von Latein in der Antike gesprochen bzw. geschrieben wurden. Sicherlich gehören die im Zuge jener Debatte aufgeworfenen sprachhistorischen Probleme nicht zum Kern der questione, aber zweifelsohne handelt es sich dabei auch um eine Sprachenfrage, eine, die sehr wohl eng mit den einzelnen Positionen innerhalb der questione verknüpft ist. Die Vorstellungen von der je eigenen zeitgenössischen Situation in Bezug auf das Verhältnis volgare vs. Latein sowie hinsichtlich der Frage nach Stilregistern und der Adäquatheit einer bestimmten Varietät für einen bestimmten Anlaß werden immer wieder auf die antike Situation übertragen, aber auch umgekehrt liefert die in der antiken Rhetorik sich widerspiegelnde Verflechtung von einzelnen Varietäten Denkanstöße zur Lösung der eigenen aktuellen Problematik. Insofern kann man diese Diskussion, deren Chronologie in vorliegender Untersuchung durch die Eckdaten 1435 und 1601 begrenzt wurde, durchaus als Teil der questione im weiteren bzw. weitesten Sinne sehen. Darüberhinaus sind die Positionen der einzelnen Humanisten bezüglich der hier diskutierten antiken Sprachenfrage, oft nicht ohne den Kontext ihrer vertretenen Ansichten in der questione im engen Sinne, verständlich (cf. Rekontextualisierung).
6.1.3 Die „Barbarenthese“ im Kontext von generatio, alteratio und corruptio
In der Renaissance findet ein Paradigmenwechsel in der Historiographie statt, der auch wichtig für die Sprachbetrachtung ist. Man löst sich in der Vorstellung der eigenen geschichtlichen Verortung von einer teleologischen Linearität und christlichen Determiniertheit. Mit der Wiederentdeckung der Antike und der Positionierung des Individuums verändert sich auch der Blick auf die eigene unmittelbare Geschichte und die vergangener Jahrhunderte sowie auf die in dem jeweiligen historischen Kontext Agierenden, die nicht mehr unter dem Aspekt eines göttlichen Plans betrachten werden.
Verglichen mit den vorangehenden Jahrhunderten zeichnet sich die Renaissance durch ein gesteigertes Bewußtsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Epoche aus: Man begreift sich nicht länger in der Kontinuität einer Zeitspanne, sondern nimmt vor allem Abstand und Distanz zu früheren Epochen wahr. Dieser Wandel der historischen Wissensordnung resultiert im wesentlichen aus der Ersetzung heilstheologischer Vorgaben durch profane Ereignisgeschichte als Orientierungsmaßstab des historischen Bewußtseins: An die Stelle göttlichen Eingreifens in den Gang der weltlichen Angelegenheiten tritt die klassische Antike. (Münkler/Münkler 2005:132)
Dieses veränderte Verständnis von Geschichte und ihrem Verlauf hat einen ganz anderen Umgang mit den zugrundeliegenden Quellen zur Folge und mündet in eine andere Form der Darstellung von Ereignissen und Zusammenhängen. Die Loslösung von einer heilsgeschichtlichen Orientierung sowie die kritische Erschließung der historischen Zeugnisse und nicht zuletzt die Reflexion der eigenen historiographischen Tätigkeit legen den Grundstein für eine moderne Geschichtsschreibung. Dies zeigt sich beispielsweise bei Leonardo Bruni (1370–1444), in dessen Historiarum Florentinarum libri XII (1416–1444) die Legenden, Fabeln und Wunder der von ihm konsultierten Chronik von Villani327 als Erklärungsmodell keinen Eingang fanden, sondern er das Handeln der einzelnen Protagonisten durch Interessenslagen und rationale Entscheidungen zu begründen sucht. Der Abstand der eigenen Epoche zu anderen Jahrhunderten, die eben auch durch eine andere Geisteshaltung zu charakterisieren sind, wird bei Flavio Biondo (1392–1463) in seinem Werk Historiarum ab inclinatione Romanorum decade (1440–1452) deutlich, der für die Zeit zwischen der Antike und der eigenen den Begriff medium aevum einführt (cf. Münkler/Münkler 2005:132–133).
In diesem Kontext ist es letztendlich auch nicht verwunderlich, daß man sich im Zuge der Sprachreflexion, die ja bereits mit Dante einsetzt, für geschichtliche Prozesse interessiert bzw. für das, was man heute als Sprachwandel bezeichnet. Erste Indizien für die Frage, was mit der von Generation zu Generation weitergebenden Sprache passiert, wie sie sich verändert, finden sich schon in De vulgari eloquentia, doch erst im Kontext des sich verändernden Geschichtsbewußtseins – diesbezüglich war Dante noch ganz dem Mittelalter verhaftet – gewinnt diese Fragestellung eine neue Bedeutung und Virulenz.
Das allgemeine neu entstandene Bewußtsein für Historizität wird dabei überlagert von dem Konzept des zyklischen Verlaufs der Geschichte, welches in seinen Ursprüngen auf antike Vorstellungen von einer Abfolge von Kulturen, Herrschaften oder dem allgemeinen Werden und Vergehen zurückgeht. Bereits bei Platon (Politeia, VIII)328 finden sich Aspekte der Zyklentheorie, aber für die Auffassung in der Renaissance sind es vor allem die Konzepte von generatio, alteratio und corruptio, die in der aristotelischen Schrift De generatione et corruptione (Περὶ γενέσεως καὶ φθορᾶς) ausgeführt werden und in die Argumentation zum Sprachwandel der rinascimentalen Gelehrten Eingang findet.
De generatione autem et alteratione dicamus, quid differunt: dicimus enim alteras esse has transmutationes ad invicem. Quoniam igitur est aliquid subiectum et aliud passio, que de subiecto innata est dici, et est transmutatio utriusque horum, alteratio quidem est, quando manente subiecto sensato ente transmutat in eius passionibus aut contrariis aut mediis, puta corpus sanum est rursus laborat manens illud idem; et metallum rotundum, quandoque autem angulare, idem ens. Quando autem totum transmutat non manente aliquo sensato ut subiecto eodem, sed quasi ex semine sanguis toto aut ex aqua aer aut ex aere omni aqua, generatio iam hoc tale, huius autem corruptio, maxime autem, si transmutatio generabitur ex insensato in sensatum aut tactu aut omnibus sensibus, puta quando aqua generatur aut corrumpitur in aerens: aer enim valde insensatum. (Aristoteles De gen. et corrupt. (lat.) I, 4, 5–20 (319b); 1986:23–24)329
Aristoteles versteht demnach unter alteratio eine Veränderung, die jedoch keine grundlegende ist, da die Substanz der Sache oder des Wesens davon unberührt bleibt, wie das Beispiel des einmal kranken und dann wieder gesunden Menschen oder des sich verändernden Metalls deutlich macht (idem ens). Wenn hingegen etwas vollkommen Neues entsteht (totum transmutat), wie eben aus dem Samen Blut (ex semine sanguis) oder aus dem Wasser Luft (ex aqua aer) bzw. umgekehrt, dann wird dieser Prozeß als generatio bezeichnet, während der damit einhergehende Verfall als corruptio definiert wird. In diesem Sinne bedingen sich corruptio und generatio gegenseitig und können im Rahmen eines Ablöseprozesses als zyklisch interpretiert werden.
In der Renaissance kommt diese Vorstellung vom Werden und Vergehen insofern wieder zum Tragen, als man sich zu dieser Zeit selbst am Ende eines abgeschlossenen Zyklus’ sieht und damit gleichzeitig am Anfang eines epochalen Neubeginns (cf. rinascere, rinascita), mit dem Ziel einer Abgrenzung vom vorangehenden Zeitalter (cf. medium aevum) und der Anknüpfung an die Antike. In Parallelität zum Kreislauf des Lebens beim Menschen (Geburt, Wachstum, Tod) sowie bei den Pflanzen (Wachstum, Blühen, Vergehen) oder schlicht des Tagesablaufes wird auch ein Zyklus der Kulturen angenommen und dies letztendlich auch auf die Sprache übertragen (cf. Schunck 2003:10–11). Prägnant wird das von Giovan Giorgio Trissino (1478–1550) in seinem Castellano (1570) formuliert: „Tutte le lingue hanno il principio, lo augmento, il stato, la declinazione e la rovina […]“ (Trissino 1570:33–34).
Der erste, der im 15. Jh. das zyklische Modell auf den Sprachwandel übertragen hat, war Flavio Biondo, der in seinem Brief Leonardus Flavio Foroliviensi S. Quaerit an vulgus et literati eodem modo per Terentii Tulliique tempora Romae locuti sint (1435) die Verderbtheit des Lateins, verursacht vor allem durch germanische „Barbaren“ (v. infra: Gothi, Vandali) als grundlegendes Erklärungsmodell zur Entstehung des Italienischen entwickelt. Für die folgenden knapp zwei Jahrhunderte wird es ein kontroverses Thema bleiben, welches heutzutage als „Barbarenthese“, „Germanenthese“ bzw. italienspezifisch als „Langobardenthese“ (it. teoria della catastrofe) oder „Korruptionsthese“ (bzw. „corruptio-These“) Eingang in die Wissenschaftsliteratur gefunden hat.
Temporibus vides quae Ciceronis aetatem praecesserant illos qui aut extra Romam vixerant, aut Romae domesticam habuerant aliquam barbariem, a nitore locutionis romanae aliqualiter recessisse, et barbarie illa infuscatos fuisse: postea vero quam urbs a Gothis et Vandalis capta inhabitarique coepta est, non unus iam aut duo infiscati, sed omnes sermone barbaro inquinati ac penitus sordidati fuerunt; sensimque factum est, ut pro romana latinitate adulterinam hanc barbarica mixtam loquelam habeamus vulgarem. (Biondo, De verb Rom. XXV, 109–110; 1984:214)
In Bezug auf Biondo geht Faithfull (1953:284–285) vom Fall der alteratio aus, da diesem – wie auch anderen Gelehrten des Quattrocento – bewußt wurde, daß die zeitgenössische Volkssprache etwas Neues war und somit nicht ab antiquo existierte, jedoch in ihrer Substanz immer noch Latein war, sich also nur die Akzidenz geändert hatte.330
Bereits kurze Zeit später wird die Theorie von den Barbaren als Verursacher eines korrumpierten Lateins von Leon Battista Alberti (1404–1472) wiederaufgegriffen, und zwar insofern, als er im Proemio (1437)331 des dritten Buches von I libri della famiglia (1432–1441) die Entstehung des zeitgenössischen volgare in Italien auf die zahlreichen Invasionen der fremden Völker zurückführt (v. infra: Gallici, Gothi, Vandali, Longobardi e altri simili barbare), die so die Sprache verdorben hätten.
Cosa maravigliosa intanto trovarsi corrotto o mancato quello che per uso si conserva, e a tutti in que’ tempi certo era in uso. Forse potrebbesi giudicare questo conseguisse la nostra suprema calamità. Fu Italia più volte occupata e posseduta da varie nazioni, Gallici, Gothi, Vandali, Longobardi e altre simili barbare e molto asprissime gente. E, come necessità o volontà inducea, i popoli, parte per bene essere intesi parte per far più ragionando piacere a chi essi obediano, così apprendevano quella o quell’altra lingua forastiera, e quelli strani e adventizi uomini il simile se consuefaceano alla nostra, credo con molti barbarismi o corruptela del proferire. Onde per questa mistura di dí in dí insalvatichí e viziossi la nostra prima e cultissima e emendatissima lingua. (Alberti, Fam., Della fam. III, proemio, 24–37; 1994:188)
Aus der Verwendung der Begriffe corruptela, insalvatichire oder viziarsi leitet Faithfull (1953:285) ab, daß es sich auch bei Alberti um eine Veränderung im Sinne von alteratio handelt, da er nicht die Entstehung einer völlig neuen Sprache annimmt, sondern das Italienische als eine Art von korrumpiertem Latein begreift.
Die Frage, ob etwas Neues entstehe, also generatio vorliegt, oder ob nur eine Veränderung von bereits Existierendem anzunehmen ist (alteratio), beschäftigt dann vor allem die Gelehrten im 16. Jh., die diesen Gegensatz auch explizit thematisieren, wie beispielsweise Claudio Tolomei (1492–1556) in seinem Werk Il Cesano (1555)332 oder auch Benedetto Varchi (1503–1565), der im Ercolano (1570) ein ganzes Kapitel dieser Problematik widmet: Se la lingua volgare è una nuova lingua da se, o pure l’antica latina guasta e corrotta (cf. Varchi, Ercol., 1804 II:30).
Schunck (2003:18–21) weist in diesem Kontext darauf hin, daß im 16. Jh. im Gegensatz zum 15. Jh. die Entstehung der italienischen Volkssprache als generatio verstanden wird und damit als etwas Positives, trotz der vorangehenden corruptio durch die Germanen (bzw. Barbaren). Dies zeigt sich – wenn auch noch nicht so explizit wie bei späteren Autoren – bereits bei Pietro Bembo (1470–1547) in den Prose della volgar lingua (1525), der den Protagonisten M. Ercole fragen läßt, „se la nostra lingua non era a quʼ tempi nata, neʼ quali la latina fiorì, quando e in che modo nacque ella?“ (Bembo, Prose, 1966:86), woraufhin ihm M. Frederigo antwortet, daß dies nach der Invasion der Barbari geschehen sei und daraus eine neue Sprache geboren wurde („nascessene una nuova“ (ibid.)), wobei er auch auf die Pflanzenmetapher (v. supra) rekurriert („le piante che naturalmente vi nascono“ (ibid.)).333
Unabhängig von der Frage, ob eine Veränderung im Sinne von alteratio oder eine dadurch verursachte generatio als Neubeginn vorliegt, ist der These Biondos von der corruptio des Lateins durch die Barbaren und dem daraus entstehenden volgare eine große Nachwirkung beschieden gewesen. Bereits innerhalb weniger Jahrzehnte wird das Thema von verschiedenen Gelehrten wiederaufgegriffen und bleibt auch im folgenden Jahrhundert als Argument und Kontroverse virulent. Die ersten, die dies in ihren Schriften als Diskussionsgegenstand aufnahmen, waren neben Leon Battista Alberti vor allem Poggio Bracciolini (1380–1459), Guarino Veronese (1374–1460), Francesco Filelfo (1398–1481), Lorenzo Valla (1407–1457) und Paolo Pompilio (1455–1491) (cf. Coseriu 2003:149–159; Ellena 2011:64–66).
Im 16. Jh. schließlich griffen das Thema, wie bereits erwähnt, vor allem Pietro Bembo (1470–1547) wieder auf, der die corruptio in seine „Mischsprachentheorie“ integrierte, die im Folgenden dominierte. Weitere wichtige Autoren, die mit entsprechenden Modifikationen Biondos Grundidee weitertradierten, waren neben Claudio Tolomei (1492–1556) und Benedetto Varchi (1503–1565), unter anderem Baldassare Castiglione (1478–1529), Girolamo Muzio (1496–1576) und Lodovico Castelvetro (1505–1571). Während bei der Mehrzahl der Humanisten die germanischen Superstratvölker als Auslöser für die Korrumpierung des Lateins ausgemacht wurde und man deshalb auch von der „Germanenthese“ sprechen kann,334 gab es auch einige, die die Substratvölker in den Vordergrund rückten, ohne daß die zeitliche Schichtung der Beeinflussung immer deutlich wird. Hierzu wären vor allem Pier Francesco Giambullari (1495–1555) und Giovan Battista Gelli (1498–1553) zu nennen, die einen aramäisch-etruskischen Ursprung postulierten und mit Tolomei mitunter als Vertreter der sogenannten „Etruskerthese“ kategorisiert werden.
Die Korruptionsthese fand schließlich auch in Frankreich weite Verbreitung wie beispielsweise bei Joachim du Bellay (1522–1560), Estienne Pasquier (1529–1615), Claude Fauchet (1530–1602) oder César Chesneau Du Marsais (1676–1756), aber auch in Spanien bei Antonio de Nebrija (1441–1522) und Bernardo Aldrete (1560–1641) oder in Portugal bei Duarte Nunes de Leão (1530–1608). Unabhängig davon wie stark die corruptio betont wurde oder teilweise ganz in den Hintergrund trat, entwickelten sich in Frankreich im Zuge der allgemeinen Debatte zum Sprachursprung verschiedene Thesen zur Herkunft der Volkssprachen, in denen das Germanische meist mit Substrat- oder Adstratsprachen verknüpft wurde. Als Grundlage wurde hierbei oft das Gallolateinische angenommen, in übersteigerte Form eines keltischen Einflusses wie z.B. bei Jean Picard de Toutry (15./16. Jh.) in De prisca Celtopaedia (1556) auch als „Keltenthese“ zu apostrophieren (cf. auch Pasquier, Fauchet). In dem Ringen um Prestige und eine einzigartige Charakteristik der eigenen Volkssprache gegenüber den romanischen Nachbarsprachen und dem Latein, wurde auch ein übersteigerter griechischer Einfluß postuliert; so zunächst bei Joachim Périon (ca. 1499–1559) in seinem Dialogorum de linguae Gallicae origine ejusque cum Graeca cognatione libri IV, 1554–1555) oder auch bei Henri Estienne (1528–1598).335 In Spanien wurde im Gegenzug von einigen Gelehrten außer dem Griechischen (z.B. Juan de Valdés, 1490–1541) und Arabischen (Adstrat) mitunter wie bei Andrés de Poza Yarza (ca. 1530–1595) in seinem Werk De la antigua lengua, poblaciones y comarcas de las Españas (1587) das baskische Element (Substrat) stark hervorgehoben und als wesentliche Grundlage der kastilischen Volkssprache angesehen, weshalb man diesbezüglich von der „Baskenthese“ sprechen kann (cf. Strauss 1938:105–123; Bahner 1983:185–189; Schlemmer 1983a:54–66; Schunck 2003:17–31).
Biondos Korruptionsthese wurde auch über die folgenden Jahrhunderte weiter tradiert und über Adam Smith (1723–1790) und August Wilhelm Schlegel (1767–1845) fand sie schließlich Eingang in die sich neu konstituierende sprachwissenschaftliche Forschung. In modifizierter Form und mit entsprechender Neubewertung finden sich letzte Anklänge in Walther von Wartburgs (1888–1971) Superstratheorie (cf. Coseriu 2003:159).336
Die „Barbarenthese“ ist letztlich ein Baustein in der questione della lingua, weil die Frage nach dem Ursprung des volgare immer auch als Argument für oder gegen eine Aufwertung der zeitgenössischen Volkssprache herangezogen werden kann;337 sie ist aber auch eine Problemstellung, die eng mit dem aufkommenden historischen Interesse in der Renaissance zusammenhängt (v. supra) und erstmals so etwas wie ein dezidiertes historischen Sprachbewußtsein338 schafft oder wie es Fubini formuliert: „L’operetta del Biondo segna indubbiamente una data importante nella storia della cultura umanistica: s’era stabilito un rapporto positivo tra lingua e storia […]“ (Fubini 1961:536). Schlußendlich ist die bei Biondo behandelte These zur Entstehung der Volkssprache auch unweigerlich mit der vorliegenden Frage nach der Vorstellung von der Sprachkonstellation in der Antike verbunden.
6.1.4 Das Verständnis von Sprache: lingua morta vs. lingua viva
Eng mit der soeben erläuterten Problematik der Barbarenthese verbunden ist die Frage nach der „Lebendigkeit“ des Lateins und des Italienischen bzw. was eine lingua viva ausmacht oder sie von einer lingua morta abgrenzt.339 Dies wiederum berührt im humanistischen Gelehrtendiskurs ein grundsätzliches Verständnis von dem, was unter Sprache zu begreifen sei und wozu sie diene.
Bereits Horaz bringt in der berühmten Passage seiner Ars Poetica die Lebensmetapher in Verbindung zur Sprache, indem er die verba bzw. vocabula mit dem Werden und Vergehen der Blätter an einem Baum vergleicht.340 Auch in der Sprachreflexion der Humanisten seit Dante wird der Sprachwandel thematisiert und dabei mitunter auch indirekt die Lebendigkeit einer Sprache bzw. deren Inexistenz zum Gegenstand der Betrachtung gemacht, doch erstmals expliziter findet sich das Konzept vom Leben und Tod einer Sprache bei Tolomei, am deutlichsten formuliert in seinem Cesano (1555) (cf. Faithfull 1953:279–281).341
Non di meno a me non par giusta cosa lassiarci dalle costoro inique mani ingiuriosamente percuotere, e la nostra lingua, nel più bel fior de gli anni suoi, quando che ella più viva si mostra, per morta seppellire. (Tolomei Ces., 50v (27); 1996:43)
In engem freundschaftlichen Kontakt mit Tolomei stand Alessandro Citolini (ca. 1500–1582), der jenem auch in seinen gelehrten Betrachtungen wohl einiges verdankt. In seiner 1540 erschienenen Lettera in difesa della lingua volgare342 wendet er schließlich das Konzept der lingua viva vs. lingua morta auf die beiden in der questione konkurrierenden Sprachen Latein und Italienisch (volgare) an (cf. Faithfull 1953:280–282).
l’altro error’è; che essi parlano di queste due lingue, come s’elle fussero in un medesimo termine: e’ non s’aveggono; che la latina è morta, e’ sepolta ne libri; e’ che la volgare è viva; e’ tiene hora in Italia quel medesimo luogo; che tenne la latina, mentre visse. (Citolini 1540, Lettera, 6–7 (B-B2) [unpaginiert])
Hierbei versteht Citolini unter einer toten Sprache nicht – genausowenig wie wir heute343 – unbedingt eine völlig ausgelöschte Sprache, von der keine Spuren mehr existieren, wie es beispielsweise Castiglione für das Oskische annahm („della lingua Osca non avemo più notizia alcuna“; Castiglione, Corteg. XXXVI.; 1964:145), sondern eine, die sepolta in libri (v. supra) ist, d.h. nur über ihre Schriftlichkeit zugänglich. Lebendig hingegen ist eine Sprache, die man auch spricht oder wie Citolini (1540, Lettera, 7 (B2) [unpaginiert]) es formuliert: „ella è viva; e’ come viva crescie, genera, crea, produce, partorisce, e’ sempre si fà piu ricca, e’ piu abondante“. Im Folgenden wird dieses Konzept von verschiedenen Gelehrten aufgegriffen und konstituiert sich als ein Teil der questione della lingua.
Die elaborierteste Version findet sich schließlich bei Varchi in seinem Ercolano, der die den lingue vive entgegengesetzte Kategorie der lingue non vive in lingue morte affatto und lingue mezze vive aufschlüsselt, weil ihm klar wird, daß die bestehende Dichotomie die Realität nicht ausreichend abbildet. Dabei bettet er diese Unterteilung in eine Gesamtklassifikation der Sprachen ein, die durch zahlreiche Oppositionen gegliedert ist. Neben der Kategorie der ‚Lebendigkeit‘, d.h. den lingue vive (bzw. non vive), gibt es lingue originali (bzw. non originali), lingue articolate (bzw. non articolate), lingue nobili (bzw. non nobili) und lingue natie, o proprie, o nostrali (bzw. non natie, o aliene, o forestiere) (cf. Marazzini 1993a:271).
Er stellt dabei eine Sprachtypologie auf, die verschiedenen Kriterien gehorcht, die aus heutiger Perspektive mit Begrifflichkeiten wie Sprachtod, Migration, Verschriftlichung, Ausbaugrad, sprachgenetischer Verwandtschaftsgrad, sprachlicher Abstand oder Grad an Interferenz beschrieben werden können.

Abb. 7: Klassifikation der Sprachen bei Varchi (1804 I:214)
Für Varchi (Ercol., 1804 I: 207–214) sind Sprachen, die er unter originali einordnet, autochthone, d.h. solche, die nicht durch die Migration von Völkern in eine Region kamen (Latein, Griechisch);344 eine lingua articolata ist eine verschriftete Sprache und eine non articolata entsprechend eine nur mündlich gebrauchte (z.B. die der Brettoni Brettonanti). Als lingue nobili betrachtet er neben dem Latein und dem Griechischen selbstredend das Italienische, welches in dieser prestigeträchtigen Reihung – so ist unschwer herauszulesen – eine Aufwertung erfahren soll; Kriterium ist dabei eine Literatur, die zahlreiche Gattungen abdeckt.345 Unter einer lingua morta affatto versteht er eine ausgestorbene Sprache wie beispielsweise das Etruskische und eine lingua mezza viva ist für ihn eine Sprache, die man nicht mehr spricht, aber noch schreibt, was prototypischerweise für das Lateinische oder (Alt)Griechische zutrifft.346
Bezüglich der lingue forestiere (bzw. non natie, aliene)347 trifft er zusätzlich noch die Unterscheidung zwischen altre und diverse, wobei innerhalb der altre (z.B. (la lingua) Turca, Inghilese, Tedesca) noch unterschieden wird zwischen semplicemente altre, d.h. solchen die für einen Toskanischsprecher komplett unverständlich sind wie das Indische oder Arabische (großer sprachlicher Abstand bzw. genetisch kaum verwandt), und den non semplicemente altre, welche zwar ebenso unverständlich sind, aber in einer gewissen Beziehung zum Toskanischen stehen (Entlehnungen, Interferenzen), wie es bei Latein und Griechisch der Fall sei.
Bei den lingue diverse wiederum differenziert er nochmals in diverse uguali, wobei er als Beispiel die griechischen Dialekte (z.B. (la lingua) Attica, Dorica, Eolica, Gionica) anführt, die untereinander verständlich seien und alle als gleichberechtigt ausgebaute Schriftsprachen fungierten, und in diverse diseguali mit dem Beispiel der italienischen Dialekte (z.B. (la lingua) Bergamasca, Vicentina, Padovana, Viniziana), die ebenfalls eine gegenseitige Verständigung gewährleisten würden, aber in Bezug auf den Ausbaugrad hinter dem Toskanischen zurückblieben.348
Varchi trifft also nicht nur eine präzisere Unterscheidung hinsichtlich der Frage nach der Lebendigkeit der Sprachen, er bettet diese auch ein in ein allgemeines System der Kategorisierung von Sprachen an sich (Kap. Divisione, e dichiarazione delle lingue, Varchi, Ercol., 1804 I:207), wobei die zugrundeliegenden Kriterien aus heutiger Sicht zwar prinzipiell valide sind – deshalb hier auch in moderner Terminologie gekennzeichnet (nicht so bei Marazzini 1993a) – jedoch stark heterogen. Hinzu kommt, daß bei ihm diese Klassifikation nur ein Teil weiterer metasprachlicher Fragestellungen ist, die alle eng miteinander verknüpft sind, darunter auch die bereits angesprochene Diskussion um alteratio und generatio (v. supra), aber auch eine so grundlegende Problematik wie Che cosa sia favellare (Varchi, Ercol., 1804 I:47), Che cosa sia lingua (ibid. 1804 I:196) und Che si conoscono le lingue (ibid. 1804 I:202). Dabei ist für ihn die Verständlichkeit untereinander bzw. die Möglichkeit zur Kommunikation das entscheidende Kriterium. Zudem unterscheidet er zwischen favellare bzw. favella, welches einerseits die individuelle Sprache des einzelnen sein kann (langue individuelle) und andererseits das menschliche Sprechen per se bzw. die Sprachfertigkeit (langage) sowie lingua, was die Sprache einer Sprachgemeinschaft bezeichnet (langue).349
Il parlare, ovvero favellare umano esteriore non è altro che manifestare ad alcuno i concetti dell’animo mediante le parole. (Varchi, Ercol.; 1804 I:48)
Lingua, ovvero Linguaggio, non è altro che un favellare d’uno, o più popoli, il quale, o i quali usano, nello sprimere i loro concetti, i medesimi vocaboli nelle medesime significazioni, e co’ medesimi accidenti. (Varchi, Ercol.; 1804 I:196)
Le lingue si conoscono da due cose, dal favellarle, e dall’intenderle. (Varchi, Ercol.; 1804 I:202)
Das Begreifen, was Sprache ausmacht, in welcher Relation einzelne Sprachen zueinander stehen, wie sie sich gegenseitig beeinflussen, welchen Status sie haben und wofür sie verwendet werden bzw. bei welcher Gelegenheit, sind wichtige Grundparameter für das allgemeine Verständnis, wie Sprache funktioniert, ein Verstehen, welches sich in der Renaissance durch die verstärkte Beschäftigung mit der (eigenen) Sprache erst langsam herausbildet.350
Exemplarisch zeigt sich bei Varchi dabei auch sehr deutlich die Verknüpfung mit den verschiedenen einzelnen Fragestellungen, die Teil der questione im weitesten Sinne sind, bzw. wie unterschiedliche Einzelkontroversen im Rahmen einer bestimmten Argumentation eingebettet sind und wie all dies Teil einer Epoche ist, in der die metasprachliche Reflexion einen großen Stellenwert einnimmt.
Die obigen Ausführungen haben deutlich gemacht, inwieweit sich die vorliegende Fragestellung nach der Sichtweise der Renaissance-Gelehrten auf die Sprachkonstellation der römischen Antike und dem Beginn eines Verständnisses dessen, was wir heute mit Vulgärlatein bezeichnen, in die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge einfügt. Dabei sei in erster Linie nochmals auf die Voraussetzungen des epochalen Neubeginns durch die Bewegungen des Humanismus und der Renaissance verwiesen, die nicht nur das verstärkte Interesse an Geschichte begründeten, sondern vor allem das Bewußtsein für Historizität schufen. Vor dem Hintergrund der spezifischen Konstellationen in Italien entstand zudem eine Kontroverse, die heutzutage als questione della lingua faßbar gemacht wird, realiter aber aus verschiedenen Sprachenfragen bestand, die wiederum eng mit den Bewegungen des Latein- und Vulgärhumanismus verknüpft waren. Innerhalb dieser questione – wenn man diese in sensu largo begreift – oder auch davon unabhängig zu betrachten und dennoch nicht ganz losgelöst, fanden verschiedene Teildebatten der Sprachreflexion statt, worunter insbesondere die um die Entstehung des volgare und diejenige bezüglich der Lebendigkeit einer Sprache einen integraler Bestandteil der hier fokussierten Fragestellung nach der antiken Sprachsituation darstellten.
6.1.5 Die Sprachauffassung im Mittelalter
Im Folgenden soll ein kurzer Abriß zum sprachtheoretischen Denken im Mittelalter, einigen Schlüsselbegriffen und den Bildungsinstitutionen gegeben werden, was als Hintergrundfolie für die sich dann in der Renaissance bzw. im Humanismus entwickelnde Neuerungen dienen soll. Die Kontinuität des mittelalterlichen Denkens ist insbesondere bei Dante sichtbar (cf. Kap. 6.2.2), der an der Epochenschwelle steht, aber auch bei vielen Humanisten des 15. und 16. Jhs., die in dieser Tradition ausgebildet wurden (cf. Kap. 6.2.3–6.2.18).
Die Sprachauffassung des Mittelalters, also jener Epoche, von der sich die Humanisten abgrenzen wollten (cf. media tempestas), ist vor allem durch den schulischen und dann auch universitären Betrieb geprägt, weshalb man sowohl bezüglich der Sprachtheorie als auch ganz allgemein hinsichtlich der philosophisch-theologischen Denkansätze von der Scholastik (cf. lat. schola, scola) spricht.351 Man kann demgemäß die philosophischen Kontroversen dieser Zeit, zu denen auch solche über die Sprache gehören, nicht ohne den institutionellen Rahmen betrachten. Die Ausbildung lag dabei ausschließlich in klerikaler Hand, denn die Elementarschulen, d.h. die Klosterschulen und die sogenannten Kathedral- oder Domschulen der Domkapiteln waren kirchliche Einrichtungen, in denen einerseits der Klerikernachwuchs ausgebildet wurde, andererseits auch die Söhne (nur zum Teil die Töchter, cf. Frauenklöster) der bürgerlichen Oberschicht und des Adels.352 Im frühen Mittelalter dominierten die Klosterschulen als Kernzellen des tradierten Wissens und der Ausbildung, ab dem 11./12. Jh. gewannen demgegenüber die bischöflichen Schulen an Bedeutung, d.h. die Kathedral- und Domschulen, aus denen dann oft auch Universitäten hervorgingen.353 In größeren Pfarreien wurde vor allem ab dem 13. Jh. (cf. Beschluß des IV. Laterankonzils von 1215) ebenfalls Schulunterricht erteilt, was insbesondere in den Städten von Bedeutung wurde, insofern dort Pfarrschulen entstanden, für die dann ein städtisch besoldeter Schulmeister eingestellt wurde. In diesen Lateinschulen erhielten auch solche Bürgersöhne eine Ausbildung, die später in Handel und Gewerbe tätig waren, in der kommunalen Jurisdiktion, Politik und Verwaltung, also überall dort, wo Grundkenntnisse des Lesens und Schreibens erforderlich wurden. Die Lese- und Schreibfähigkeit weitete sich somit vom Klerikerstand und Feudaladel auf das städtische Patriziat, auf Kaufleute und schließlich auch auf Handwerker aus (cf. Gauger 1994:75; Volkert 2004:235–236, s.v. Schule; Müller 2015:164–165).
Die Kathedral- bzw. Domschulen unter der Leitung eines Domscholasters (scholasticus) und die Kloster- oder Stiftsschulen waren oft auch im Besitz von Bibliotheken, zum Teil mit zugehörigen Skriptorien, in denen die Handschriften und Bücher aufbewahrt und tradiert wurden (cf. Flasch 2013:157–170). Hier wurde das überlieferte Wissen der Antike bewahrt, wenn auch oft nur kompiliert und selektiert nach christlichen Interessensschwerpunkten.
Die europäischen Universitäten entstanden ebenfalls aus der Tradition der frühmittelalterlichen Klosterschulen sowie der dann später für die höhere Ausbildung wichtigeren Dom- und Kathedralschulen. Die ersten beiden Universitäten, Bologna (1155/1252)354 und Paris (1215/1231) entstanden um 1200 in urbanen Zentren, die für die Kurie in Rom wichtig für die Verbreitung der päpstlichen Theologie waren, bevor weitere Gründungen nach demselben Modell in ganz Europa folgten.355 Bologna entwickelte sich seit dem frühen 11. Jh. zu einem Zentrum der Auseinandersetzungen einerseits der Emanzipationsbestrebungen des städtischen Patriziats dem herrschenden Adel gegenüber und andererseits des Kaisertums mit dem Papst. Diese Konflikte, die oft Rechtskontroversen waren, in denen verschiedene Rechtsauffassungen und -traditionen miteinander konkurrierten (cf. kanonisches Recht, Kaiserrecht, kommunales Recht) begünstigten die Entstehung von Rechtsschulen, die bald großen Zulauf erhielten und deren Prestige sich bis jenseits der Alpen verbreitete (cf. Bononia docet). Die zahlreichen Studenten (lat. scholares) aus dem In- und Ausland, die in regionalen bzw. landsmannschaftlichen Verbänden (lat. nationes) organisiert waren – in eine universitas ultramontanorum und universitas citramontanorum (cf. Grundmann 1976:47) –, brachten nicht nur Geld in die Stadt, sondern stellten auch ein gesellschaftliches und ordnungspolitisches Problem dar. Durch die Intervention des Kaisers, der die Scholaren vor der kommunalen Gerichtsbarkeit in Schutz nahm, gelang es ihnen, sich selbst effektiver in den nationes übergeordneten Schwurgemeinschaften zu organisieren (coniurationes, universitates). Auf diese Weise entstand in Bologna eine italienische und eine außeritalienische Rechtsuniversität sowie eine Artisten- und Medizinuniversität. Die Lehrer, d.h. die Magister (lat. magistri) und Doktoren (lat. doctores), schlossen sich ebenfalls übergreifend sowie fachlich spezifisch zusammen (cf. z.B. collegium doctorum). Grundlegende Vereinbarungen, die die universitas nach und festigten und die auch den potentiellen Konflikt der studentischen Organisationen mit der Stadt beilegen sollten, stellten dann das 1155 von Kaiser Friedrich I. Barbarossa (Kg. 1152–1190, Ks. ab 1155) gewährte Scholarenprivileg (authentica habita) dar,356 die Universitätsstatuten von 1252 und die 1274 sowie 1290 vom Papst gewährten Rechte (cf. libertas scholastica bzw. libertas scholarium), worunter u.a. das Recht auf Selbstorganisation und Selbstverwaltung, das Recht Prüfungen abzuhalten und Titel zu vergeben, fiel. Die Kommune, die aus dem Standortvorteil eines allgemeinen Bildungszentrums ökonomisch und prestigemäßig profitierte, verpflichte sich im Gegenzug zur Besoldung der Professoren (cf. Verger 1993:60–61; Weber 2002:16–18).
In Paris war die Situation ein wenig anders gelagert. Hier hatte sich durch zahlreiche in der Stadt vertretene kirchliche Orden und verschiedene Partikularinteressen (des Bischofs, der Kommune) eine wichtige theologische Schul- und Lehrtradition entwickelt, insbesondere ausgehend von der Kathedralschule von Notre-Dame, so daß auch hier eine Vielzahl von Scholaren und Magister von dem renommierten Bildungsangebot angezogen wurden, mit einem ähnlichen Effekt wie in Bologna, nämlich daß die Versorgung der zugezogenen Studenten (Kost und Logis) zum Problem wurde, aber auch die aus Sicht der Obrigkeit nicht duldbare Proliferation der theologischen Denkansätze. Auch hier kam es dann um 1200 zu einer Vereinigung der bisherigen Bruderschaften (corporationes, sodalitates) zu einer universitas.357 Diese Gründung – nur eine einzige im Gegensatz zu Bologna – wurde vor dem Hintergrund von schwelenden Konflikten mit Papst, Bischof, Kommune und König in einem päpstlichen Statut 1215 und der Bulle von 1231 bestätigt und mit entsprechenden Organisationsformen (cf. z.B. concilium generale) und Rechten ausgestattet, darunter ab 1233 auch das Privileg für die Magister überall in Europa lehren zu dürfen (cf. licentia ubique docendi). Während die Universität von Bologna primär eine der Rechte war, lag der Schwerpunkt der Pariser Universität auf der Theologie. Entsprechend ihrer jeweiligen Gründungsgeschichte und der damit einhergehenden Organisationsform spricht man bezüglich der frühen europäischen Universitäten auch vom modus Bononiensis (‚Studenten-Universität‘) und dem modus Parisiensis (‚Professoren-Universität‘) (cf. Weber 2002:19–21; Schupp 2003:315–316; Müller 2015:165–167).
In der Folgezeit (13./14. Jh.) entstanden Ableger dieser Ur-Universitäten oder eigenständige Neugründungen, zunächst mit eindeutigem Schwerpunkt auf den Mittelmeerländern (v. infra). Nach der ersten Gründungswelle – eine Zäsur wäre das Große Abendländischen Schisma (1378–1417), da dies eine Lockerung der päpstlichen Kontrolle zur Folge hatte – mit ca. 30 Universitäten bis Ende des 14. Jhs. erfolgte eine zweite, die vor allem auch Mittel- und Nordeuropa erfasste (z.B. Würzburg 1402, Leipzig 1409, Freiburg i.Br. 1457, Basel 1459, Glasgow 1451, Uppsala 1477, Kopenhagen 1479), so daß es um 1500 bereits knapp 70 Universitäten gab (cf. Verger 1993:65–66; Weber 2002:22–23, 79–80; Müller 2015:166–167):
Italien: z.B. Vicenza (1204), Arezzo (1215/1355), Padua (1222), Neapel (1224), Vercelli (1228), Salerno (1231), Siena (1245/1357), Piacenza (1248), röm. Kurie (1245), Rom (1303), Perugia (1308), Treviso (1318), Pisa (1343), Florenz (1349), Pavia (1361), Ferrara (1391/1394)
Frankreich: z.B. Montpellier (1220), Toulouse (1234), Orléans (ca. 1235/1306), Angers (ca. 1250), Avignon (1303), Cahors (1332), Grenoble (1339), Perpignan (1350), Orange (1365)
England: z.B. Oxford (1214), Cambridge (1225)
Spanien: z.B. Palencia (1208), Salamanca (1219/1254), Sevilla (1254), Valladolid (ca. 1290), Lérida (1300), Huesca (1354)
Portugal: z.B. Lissabon (ca. 1288/1290), Coimbra (1308)
Deutsche Herrschaftsräume: z.B. Prag (1348), Wien (1365), Erfurt (1379), Heidelberg (1385), Köln (1388)
Ungarn: z.B. Pécs (1367), Buda (1395)
Polen: z.B. Krakau (1364)
Was Struktur und Inhalt der Universitäten anbelangt, die als Anstalten auch studium generale hießen, so mußten die nach Regionen und Bildungsschichten erfaßten Studenten (cf. scholares nobiles, scholares divites, scholares pauperes) als Grundstudium zunächst die septem artes liberales absolvieren. Diese seit der Antike überlieferten und von den frühchristlichen Autoren angepaßten Grundwissenschaften, die sich in das Trivium (Grammatik, Dialektik bzw. Logik, Rhetorik) und das Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik) gliederten, bildeten das Fundament einer jeden Ausbildung (cf. Artistenfakultät), bevor die Scholaren sich den verschiedenen höheren Fachbereichen (lat. facultates), d.h. der Theologie,358 der Jurisprudenz oder der Medizin, zuwandten.359 Prinzipiell gab es verschiedene Abschlüsse mit Titeln, die im Rahmen des Studiums möglich waren: Baccalaureus, Lizenziat, Magister, Doktor. Die angewandten Wissensbereiche, die artes mechanicae, waren an den Universitäten nicht vertreten. Diese wurden z.B. von Johannes Scotus Eriugena oder Hugo von St. Viktor als ebenfalls sieben Künste kategorisiert, wenn auch je unterschiedlich.360 Für letzteren galten die mechanischen Künste zwar nicht als eigentliche Kunst (ars), jedoch als Wissenschaft (scientia), da auch zu ihnen ein theoretisches Hintergrundwissen gehöre. Eine breitere Wertschätzung erfuhren diese handwerklichen Künste und der mechanicus allerdings erst in der Renaissance, u.a. durch Leonardo da Vinci oder Leon Battista Alberti, die durch ihre Ingenieurs- und Baumeisterkunst zur Aufwertung dieser Metiers beitrugen (cf. Curtius 1993:64, § 6; Weber 2002:32–37; Müller 2015:177–179).
Die in der schulischen und universitären Lehre so zentralen artes liberales,361 deren oben genannte Einteilung auf den Enzyklopädisten Martianus Capella (5. Jh.) (cf. De nuptiis Mercurii et Philologiae), der ars als ‚Lehrfach‘ oder ‚Disziplin‘ verstand, und den Historiographen und Enzyklopädisten Magnus Aurelius Cassiodorus (ca. 485–580) (cf. Institutiones divinarum et saecularium litterarum) zurückgeht, seien auch nochmal begrifflich definiert (Flasch 2013:154–155; Regenbogen/Meyer 2013:67, s.v. artes liberales):
ars, lat. ‚die durch Übung erlangte Fertigkeit‘, die Kunde, im engeren Sinne die Kunst, d.h. der Umfang des Könnens und der Kenntnisse, derer es bedarf, um ein Handwerk (artes mechanicae, artes vulgares), eine künstlerische Tätigkeit oder Wissenschaften (artes liberales) mit Erfolg auszuüben. Die spätantiken, stoischen artes […] und scientiae (Wissenschaften) umfaßten den praktischen und theoretischen Gehalt der artes liberales, deren Beherrschung in ihrer Gesamtheit dem Erwerb von sapientia (Weisheit) dienen sollte. (Regenbogen/Meyer 2013:65–66, s.v. ars)
In der mittelalterlichen Bildungslehre speist sich die Auffassung von den artes zum einen aus der patristischen Tradition (cf. v.a. Augustinus, Cassiodor) und zum anderen aus einer weltlich-schulmäßigen (cf. z.B. Thierry von Chartres (ca. 1085–1155)), in der der Ursprung der artes nicht in der göttlichen Weisheit und der heiligen Schrift verortet wurde, sondern in der Natur oder bei heidnischen Göttern. In jedem Fall bildeten die artes im mittelalterlichen Bildungs- und Wissenskosmos bis zum 12. Jh. die „Fundamentalordnung des Geistes“ (Curtius 1993:52, § 2). An den Universitäten wurden sie dann einerseits zum Propädeutikum der weiterführenden theologischen Studien, andererseits wuchs auch die Philosophie – so die Gleichsetzung mit den artes, deren naturwissenschaftlicher Anteil untergeordnet wurde – aus diesem engen Korsett hinaus, wie Thomas von Aquin konstatiert (cf. Curtius 1993:49–52, § 2):
Ad tertium dicendum quod septem artes liberales non sufficienter dividunt philosophiam theoricam, sed ideo, ut dicit Hugo de sancto Victore in III sui Didascalicon, praetermissis quibusdam aliis septem connumerantur, quia his primum erudiebantur, qui philosophiam discere volebant […]. (Thomas von Aquin, Boeth. De trin. q5, a1, ad3; 2007:68)
Aus den an den Universitäten sich konstituierenden Lehrtraditionen entwickelte sich die philosophische bzw. im engeren Sinne theologische Methode der Scholastik, die in Abgrenzung vom folgenden Humanismus ab dem 18. Jh. namensgebend für diese geistesgeschichtliche Epoche wurde und die geprägt ist durch die Rezeption der Schriften des Aristoteles (soweit bekannt, v. infra), der zum Philosophen schlechthin avancierte und mannigfach kommentiert wurde, sowie durch ihr geschlossenes Lehrgebäude, der Summe des Wissens, innerhalb dessen nach festen Regeln disputiert wurde (v. infra), wie beispielsweise im berühmten Universalienstreit (Realismus vs. Nominalismus) (cf. Regenbogen/Meyer 2013:585–686, s.v. Scholastik, scholastische Methode).
Der universitäre Unterricht war in seinem Ablauf streng gegliedert; es gab die Vorlesung (lectio)362 und das Lehr- und Streitgespräch (disputatio). In den Vorlesungen, die manchmal auch reine Diktiervorlesungen (pronunciationes) waren, wurden die kanonisierten Schriften gelesen, wobei man formell in der Rangordnung bezüglich libri ordinarii und libri extraordinarii unterschied; die Studenten machten sich dazu Notizen (reportationes). In den lectiones wurde eine Lehr- und Leitfrage (quaestio) gestellt, die man nach einer genauen Abfolge durch ein Argumentationsverfahren mit mehreren (studentischen) Teilnehmern (opponentes) in verschiedenen Antworten (respondentes) zu lösen versuchte. Dazu wurden zudem die Meinungen der Autoritäten befragt (sententiae auctorum), d.h. die Bibel, die Kirchenväter und andere christliche Denker, die gegebenenfalls den Argumenten der heidnischen Philosophen gegenübergestellt wurden. Der Magister präsentierte schließlich die kirchlich sanktionierte korrekte Lösung (determinatio), in der die widersprüchlichen Standpunkte miteinander versöhnt wurden (concordantia catholica). Ergänzt wurde dies durch weitere Übungen (exercitationes) und Wiederholungen (repetitiones, resumptiones). Das präsentierte Wissen kann als Offenbarungswissen bezeichnet werden, eine in sich abgeschlossene Lehre (doctrina sacra), innerhalb derer man bestimmte Prämissen definierte und eine Beweisführung nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip zu erbringen hatte, und zwar zu bestimmten Phänomenen, die man versuchte in der göttlichen Ordnung durch Analogie- und Vergleichsschlüsse zu verankern (cf. Weber 2002:38–41; Schupp 2003: 315–320; Regenbogen/Meyer 2013:586, s.v. scholastische Methode).
Aus den hochformalisierten Abläufen des Unterrichts und der Disputationen mit dem Abwägen von Gründen, begrifflichen Definitionen (distinctiones) sowie den syllogistischen Schlüssen (conclusiones, solutiones) entwickelten sich auch bestimmte wissenschaftliche Literaturformen: die Summen (summae), die Kommentare (commentarii), d.h. die Literalkommentare, bei denen Zeile für Zeile kommentiert wird (zu lat. littera ‚Buchstabe‘) und die die frühmittelalterlichen Glossen, Marginalien und Scholien ablösten, sowie die Quaestionenkommentare oder Problemerörterungen (quaestiones disputatae, quaestiones quodlibetales), bei denen eine Disputation mit Pro und Contra nach strengem Schema stattfindet (cf. Gombocz 1992:57). Die Scholastik war eine Epoche, in der vor allem Wissen bewahrt wurde bzw. man setzte sich mit dem tradierten Wissen auseinander und kommentierte es. Daraus resultieren die zahlreichen Zusammenfassungen (z.T. sehr umfangreich mit Enzyklopädie- oder Handbuchcharakter),363 Zitatensammlungen (Florilegien) und Kommentare zu den anerkannten Autoritäten wie vor allem der Bibel und den maßgeblichen kirchlichen Denkern wie Augustinus sowie zu den kanonisierten antiken Philosophen, allen voran Aristoteles, der die scholastische Methode prägte. Dort, wo die Philosophen und Theologen sich widersprachen, arbeitete man rational und formallogisch, d.h. dialektisch, mit Syllogismen. (cf. Hirschberger 1961: 70–71). Auf diese Weise erklärt es sich, daß die „scholastische Form der Rationalität […] einen alle Wissensgebiete umfassenden Anspruch [erhebt]“ (Scherer 1999:525, s.v. Scholastik).
Als maßgebliche Denker der Frühscholastik (9.–11. Jh.) gelten Johannes Scotus Eriugena (ca. 810–877), Anselm von Canterbury (Anselmo d’Aosta, 1033–1109),364 Peter Abaelard (1079–1142) und Petrus Lombardus (ca. 1095–1160), hinsichtlich der Philosophen der Hochscholastik (12.–13. Jh.) sind vor allem Robert Grosseteste (Robertus Lincolnensis, vor 1170–1253), Roger Bacon (doctor mirabilis, ca. 1214/1220–1292), Bonaventura (Giovanni Fidanza, ca. 1217/1221–1274), Ramon Llull (Raymundus Lullus, 1232/1233–1316), Albertus Magnus (doctor universalis, ca. 1200–1280), Thomas von Aquin (doctor angelicus, 1224/1225–1274), Johannes Duns Scotus (doctor subtilis, 1265/1266–1308) sowie Meister Eckhart (ca. 1260–1328) zu nennen und für die Spätscholastik (14.–15. Jh.) Wilhelm von Ockham (ca. 1280/1285–1347) und Nikolaus von Kues (Cusanus, 1401–1464) (cf. Hirschberger 1961:70–101; Regenbogen/Meyer 2013:585, s.v. Scholastik).
Die Hochscholastik wird im 12. Jh. durch eine geistige Erneuerungsbewegung geformt,365 die vor allem auf drei Faktoren zurückzuführen ist: a) die Übernahme der arabischen Aristoteles-Rezeption (cf. insbesondere Avicenna (Ibn Sina, 980–1037) und Averroes (Ibn Ruschd, ca. 1126–1198) sowie das pseudo-aristotelische Liber de Causis) und der jüdischen (cf. Avencebrol/Avicebron (Ibn Gabirol, ca. 1021–1070) und Maimonides (Mose ben Maimon, 1135–1204)), meist über Spanien, sowie durch direkte Übersetzungen aus dem Griechischen, u.a. über Sizilien (z.B. Henricus Aristippus (1105–1162), Wilhelm von Moerbeke (1215–1286)),366 b) das Entstehen und Aufblühen der Universitäten (v. supra) und c) die zunehmende wissenschaftliche Tätigkeit der großen kirchlichen Orden, insbesondere der Franziskaner und der Dominikaner (cf. Hirschberger 1961:75–77).
Vor dem Hintergrund der Lehrinstitutionen, d.h. sowohl der Dom- und Klosterschulen als auch der Universitäten, in denen sich die scholastische Methode entwickelt hatte, ist auch die mittelalterliche Sprachreflexion zu sehen. Für deren Herausbildung ist die erste und wichtigste Disziplin der artes bzw. genauer des propädeutischen Triviums innerhalb eines curricularen Studiums maßgebend gewesen, nämlich die Grammatik. Abgeleitet von griech. gramma (dt. ‚Buchstabe‘) bezeichnet es zu Zeiten von Platon und Aristoteles zunächst die reine Fähigkeit Lesen und Schreiben zu können (dt. ‚Buchstabenlehre‘, ‚Lesefertigkeit‘),367 im Hellenismus tritt schließlich noch die Bedeutung der literarischen Befähigung hinzu, d.h. ein Dichter sollte die Sprache grammatisch richtig beherrschen und in ihr den Konventionen entsprechend richtig dichten können.368 Dementsprechend unterscheidet Quintilian (Inst. orat. I, 4, 2) zwischen recte loquendi scientiam et poetarum enarrationem. Zu dieser Zeit entsteht auch der synonyme Sprachgebrauch von grammatica und litteratura, d.h. wie Grammatik von gramma abgeleitet wurde, hat man im Lateinischen litteratura von littera (dt. ‚Buchstabe‘) abgeleitet (cf. Curtius 1993:49–52).
Dabei wird zwischen einem litteratus und einem illit(t)eratus unterschieden (cf. Kap. 6.2.3.1), was sich zuvorderst auf die Lese- und Schreibfähigkeit bezieht. Diese Opposition referiert zunächst auf verschiedene Fähigkeiten innerhalb des Klerikerstandes, zu Beginn ohne weitere soziale Disktinktion, denn es war durchaus üblich, daß man sich in gehobener Position Personal für diese Tätigkeit hielt.
Obendrein waren Lesen und Schreiben im Mittelalter separate kognitive Prozesse, bei denen das Lesen die Grundlage bildete. Selbst wer gelernt hatte, Buchstaben und Texte zu entziffern und zu verstehen, musste nicht mit der eigenen Hand schreiben können; dies setzte eine eigene Übung voraus. Umgekehrt dürfte der Schreibkundige auch in der Lage gewesen sein zu lesen. Das lateinische Wort illiteratus (von littera „Buchstabe“) zielte nicht auf den Analphabeten im heutigen Sinne, sondern auf hohe Geistliche, die trotz ihre Ranges und ihrer Funktion nicht lesen konnten. Demgegenüber bezeichnete litteratus den Gebildeten im Sinne des Belesenen. Bildung und Schreibfähigkeit waren zweierlei. (Müller 2015:133)
Das Lesen war zunächst Teil der monastischen Kultur, es gehörte zum studium legendi, dem Lernen durch Lesen, welches in einem ersten Schritt die cogitatio und in einem zweiten die meditatio, also ein intensiveres Nachdenken über das Gelesene beinhaltete. Das Lesen in der Klostergemeinschaft konnte eigenständig sein (sibi legere) oder für andere (clara lectio), oftmals gefolgt von der ruminatio, ein Murmeln, bei dem man das Gelesene sich nochmals genauer memorierte und einverleibte (cf. Gauger 1994:74). Die Lese- und Schreibfähigkeit war also zunächst eng mit dem (monastischen) Kleriker verbunden, so daß die Opposition litteratus vs. illiteratus auch den Gegensatz clericus vs. laicus widerspiegeln konnte.
Erst später mit der Ausweitung der Bildungsmöglichkeiten auf etwas größere Teile des Bürgertums (14./15. Jh.) (v. supra: Pfarrschulen, Kathedralschulen, Universitäten) wurde der Begriff litteratus auch auf Laien mit mehr oder weniger hohem Bildungsgrad ausgedehnt (cf. auch: eruditus, sapiens). Damit ging nach und nach auch eine gesellschaftliche Differenzierung einher, so daß sich in dieser Dichotomie auch die gesellschaftlichen Unterschiede widerspiegelten (cf. Müller 2015:133, 171). Die Analphabetenrate blieb trotzdem weiterhin hoch, denn um 1500 kann man beispielsweise für Deutschland annehmen, daß nur ca. 5 % der Stadtbevölkerung eine Lesefähigkeit hatten, d.h. ca. 1 % der Gesamtbevölkerung (max. 3–4 %). Der Anteil derer, die regelmäßig lesen, war dabei noch geringer; es handelte sich zudem hauptsächlich um solche Personen, die aus Berufsgründen lesen, d.h. vor allem religiöse Literatur sowie Fachliteratur (cf. Gauger 1994:76).
Hinzu kommt eine weitere Konnotation, die mit litteratus verknüpft ist, nämlich die Sprachkompetenz (im Lateinischen) sowie Kenntnis in der Literatur und die Befähigung solche auch selbst produzieren zu können:
Das Wort litteratura bedeutet also zunächst nicht Literatur in unserem Sinne; der litteratus ist ein Kenner der Grammatik und der Poesie (wie der lettré in Frankreich), aber nicht notwendigerweise Schriftsteller. (Curtius 1993:52, § 3)
Die Tatsache, daß das Trivium innerhalb eines Grundstudiums meist ausführlicher betrieben wurde als das Quadrivium, und innerhalb der sieben artes der Grammatik eine besondere Stellung zukam, zeigt sich beispielsweise am reinen Umfang, die diese innerhalb der Etymologiae (Origines) des Isidor von Sevilla (560–636 n. Chr.) einnimmt, der sie wie Cassiodor als origo et fundamentum liberalium litterarium369 bezeichnet,370 oder auch an der Bemerkung Dantes, daß sie la prima arte sei,371 d.h. die ,erste Kunst‘ innerhalb der artes liberales (cf. Curtius 1993:52–53, § 3).
Die Rhetorik wiederum spielte diesbezüglich eine eher untergeordnete Rolle. Dennoch wurde auch diese antike ars entsprechend tradiert und gewann dann im Humanismus wieder vermehrt an Geltung (cf. Kap. 6.2).372 Aus den wichtigsten antiken lateinischen Schriften, d.h. der Rhetorica ad Herennium, Ciceros De inventione und Quintilians Institutio oratoria entwickelte sich ein weitgehend geschlossenes Modell:
Es gibt fünf Bearbeitungsphasen oder Teile der Rede (partes artis): Erfindung der Gedanken/Findungslehre (inventio), Gliederung der Gedanken/Anordnung (dispositio), Einprägen der Rede ins Gedächtnis (memoria), sprachliche Darstellung der Gedanken/Ausdruck (elocutio) und Vortrag der Rede (pronuntiatio). Gegenstand der Rhetorik (materia artis) sind drei Redegattungen (genera orationis): die Gerichtsrede (genus iudiciale), die Beratungsrede (genus deliberativum) und die Lob- oder Prunkrede (genus demonstrativum). Zentral ist die Lehre von der Auffindung des Stoffes bzw. der Gedankenfindung (inventio), die folgende Gliederung der Rede nach sich zieht: Einleitung (exordium/prooemium), Erzählung bzw. Darlegung des Sachverhaltes (narratio), Beweis bzw. Begründung (argumentatio/probatio), Widerlegung von Behauptungen (refutatio) und Schluß (peroratio/epilogus). Der Bereich der elocutio wird durch die Redegattungen (genera dicendi) geprägt (cf. genus humile, genus mediocre, genus sublime), wozu auch der Bereich der Topik, d.h. der allgemeinen Ausdrücke (topoi, loci communes) (z.B. Bescheidenheitsformel, Devotionsformel, Einleitungs- und Schlußformel) sowie der Tropen (tropi), also der Redefiguren bzw. Wortfiguren (figurae elocutiones), gehört. Bezüglich der sprachlichen Darstellung wurden die Tugenden (virtutes elocutiones) wie Eleganz (elegantia), Sprachrichtigkeit (latinitas, puritas),373 Klarheit (explanatio), syntaktische Zusammensetzung der Wörter (compositio) sowie Ausschmückung der Rede (ornatus) oder auch deren Kürze (brevitas), Angemessenheit (aptum) und Klarheit (perspicuitas) herausgestellt und die Verstöße (vitia) wie Barbarismus (Verstoß gegen eine Ausdrucks- bzw. Wortform), Metaplasmus (Verstoß gegen eine Wortform aus metrischen Gründen) und Solözismus (Verstoß gegen die Wortverbindung bzw. Syntax) gebrandmarkt (cf. Lausberg 1990:51–85; § 53–138; Curtius 1993:71–88, § 1–10; Göttert 2009:23–65; Fuhrmann 2011:112–128).
Im Mittelalter, d.h. ab dem 11. Jh., bildetet sich aus dem System der lateinischen Rhetorik (basierend auf dem der griechischen) die Stilkunst (ornatus) und vor allem die Kunst des Briefstils oder die Brieflehre (ars dictaminis oder ars dictandi)374 heraus, d.h es wird dem wachsenden Bedürfnis der Jurisdiktions- und Verwaltungspraxis sowie der allgemeinen offiziellen Korrespondenz Rechnung getragen. Neben der ars dictandi entwickelte sich so auch die ars notaria (Kanzlei- und Beurkundungspraxis), der modus scribendi (Schriftwesen) und die ars praedicandi (Predigtwesen). Aus den mittelalterlichen Briefmustern (formulae) mit ihren Anweisungen zum Briefschreiben und entsprechenden Beispielsammlungen entwickelten sich die neuzeitlichen Briefsteller.375 Die Rhetorik wirkte insbesondere auf die Poetik, aber auch in manchen Bereichen auf die Grammatik (z.B. vitia) und die Sprachtheorie (z.B. ordo naturalis vs. ordo artificalis) (cf. Curtius 1993:85–86, § 8; Tischler 1994:546). Sie tritt aber in ihrer mittelalterlichen erstarrten Form deutlich hinter die Grammatik und Dialektik (bzw. Logik) zurück, von denen sie ein Stück weit aufgesogen wird (cf. Bossong 1990:32).
Angesichts der beschriebenen Tradition der lateinischen Grammatik und Rhetorik erscheint es nicht verwunderlich, daß alle Schüler die Grundfertigkeiten des Schreibens und Lesens an der lateinischen Sprache erlernen mussten – was im Gegensatz zu heute auch den mündlichen Gebrauch implizierte (v. infra), d.h. es war intensiver und aufwendiger – und darüberhinaus war diese Universalsprache alleinige Sprache der Wissenschaft und trotz beginnender Emanzipation der europäischen Volkssprachen weiterhin auch Sprache der Literatur, nicht nur der antiken, sondern auch der zeitgenössischen mittelalterlichen und später der frühneuzeitlichen. Latein fungierte also in jeder Hinsicht als high variety innerhalb der mittelalterlichen Diglossie-Situation,376 wobei dies nicht nur die Schriftlichkeit betraf, sondern partiell auch die Mündlichkeit, insofern hauptsächlich formale Redesituationen, wie der Unterricht in den Schulen und an den Universitäten, Verhandlungen in Kanzleien und bei Gericht oder im diplomatischen Verkehr auf Lateinisch stattfanden (cf. Bossong 1990:18) (cf. auch Kap. 4.2).
Aufgrund des Austausches über die Sprachgrenzen hinweg wurde Latein in manchen Bereichen auch zu einer „Art Umgangssprache“ (Flasch 2013:152); dies gilt für die international frequentierten Universitäten genauso wie für Klöster, deren Angehörige oft nicht aus dem autochthonen Sprachraum kamen und sich zudem mitunter auf Reisen zu anderen Institutionen begaben.377 Dahingehend war das Latein eine Art lebendige Sprache, die flexibel war, in der durchaus subjektive Gefühle anschaulich ausgedrückt werden konnten (cf. z.B. die Orationes sive mediationes Anselms von Canterbury (11. Jh.) oder die Vagantenlieder der Carmina Burana (12. Jh.)), und die auch einem entsprechenden Wandel unterlag (cf. ibid.) – wenn auch nicht in gleicher Weise wie eine Muttersprache.
In einer Zeit, in der die europäischen Nationalsprachen erst im Entstehen waren, bot allein das Lateinische die Möglichkeit einer überregionalen Kommunikation. Die übernationalen Einrichtungen – die Kirche, die Universitäten, das Imperium – waren auf das Lateinische angewiesen und begründeten mit seiner Hilfe eine relativ einheitliche europäische Kultur. Philosophische Diskussionen hatten einen internationalen Charakter, wie er seit dem 18. Jahrhundert zunehmend verlorengegangen ist. Die Biographie der mittelalterlichen Denker zeigt, welche Beweglichkeit die internationale Sprache ermöglichte: Wir treffen den Lombarden Anselm von Canterbury in Bec (Normandie) und in Canterbury, den Süditaliener Thomas d’Aquino in Köln, in Orvieto und mehrfach in Paris.378 (Flasch 2013:152–153)
Zudem wurde das mittelalterliche Schriftlatein immer wieder reformiert (cf. z.B. Karolingische Renaissance, ottonische Renaissance, Renaissance des 12. Jahrhunderts), d.h. es passte sich zwar einerseits den neuen Gegebenheiten an, unterlag einem gewissen lexikalischen und morpho-syntaktischen Wandel, wurde aber andererseits immer wieder nach dem als vorbildlich erachteten Latein bestimmter antiker Schriftsteller (cf. Cicero, Quintilian) ausgerichtet (cf. Kap. 4.2).
Der grammatische Unterricht der Lateinschüler orientierte sich vor allem an zwei Autoren, und zwar an Donat (ca. 310–380) und Priscian (5./6. Jh.) (cf. Kap. 4.1.1.3). Man begann mit der Ars grammatica des Donat (eigentl.: ars Donati grammatici urbis Romani), zunächst im Elementarunterricht mit der Ars minor, die eine Art Minimalgrammatik darstellte,379 dann arbeitet man im höheren Schulunterricht mit der Ars maior sowie zusätzlich mit Priscians Institutio de arte grammaticae (auch: Institutiones grammaticae). Ergänzend wurden außerdem die grammatischen Kapitel der Institutio oratoria Quintilians (ca. 35–96) studiert. Dabei kam Donat und Priscian rein die Funktion als Sprachlehrwerke zu, die dann später im Unterricht bereichert wurden durch die kanonisierten Autoren, d.h. die Autoritäten (auctoritates), denn die „Grammatik“ im Sinne der ersten Disziplin des Triviums umfaßte neben dem Erlernen von Lesen und Schreiben – und damit automatisch dem Erlernen der lateinischen Sprache – auch das Studium der Literatur (v. supra). Der im Verlaufe des Mittelalters immer wieder neu zusammengestellte und erweiterte Kanon antiker Autoren, vor allem römisch-lateinischer, aber auch einiger griechischer in lateinischer Übersetzung variierte um einen Kern an Schriftstellern und ihre Werke, wobei noch nicht wie später zwischen „silberner“ und „goldener“ Latinität unterschieden wurde und diese auch keineswegs mit den heute als „klassisch“ bezeichneten Autoren übereinstimmen mußten. So stellte beispielsweise Walther von Speyer (ca. 963–1027) im 10. Jh. zehn antike Autoritäten zusammen,380 Konrad von Hirsau im 12. Jh. nennt bereits 21 Schulautoren und Eberhard der Deutsche (Everardus Alemannus, 1. Hälfte 13. Jh.) listet im 13. Jh. in seinem Lehrgedicht Laborintus sogar 37 als maßgeblich auf, darunter auch viele mittelalterliche. Dabei werden ungeachtet der Chronologie oder einer Sachgliederung diverse heidnische und christliche Autoren, insbesondere der Spätantike, in eine je nach persönlichen Präferenzen ausgerichtete Rangfolge gebracht. Alle auctores sind dabei qua ihrer Eigenschaft als Quelle mit entsprechendem Prestige behaftet. Es kristallisieren sich dabei Autoren heraus, die dann in der Neuzeit als „Klassiker“ firmieren, wie Cato, Cicero, Sallust, Horaz, Ovid und Vergil, aber auch andere wie Terenz, Juvenal, Persius, Lukan, Statius, Sidonius Apollinaris (ca. 430–486), Martianus Cappella (5. Jh.) oder Boethius (ca. 480–524) (cf. Kap. 4.1). Von diesen werden wiederum meist nur ein Teil der Schriften für lesenswert gehalten; so empfiehlt z.B. Konrad von Hirsau nur die moraltheoretischen Schriften Ciceros Laelius und Cato maior, von Horaz nur die Ars poetica und von Ovid nur die Fasti und Ex Ponto. Nicht immer werden aber „anstößige“ Werke – wie in diesem Fall die Schriften Ovids – ausgeklammert, denn Alexander Neckam (1157–1217) empfiehlt nicht nur die Metamophosen, sondern auch die Remedia amoris, und zwar als eine Art Gegengift; und Eberhard der Deutsche führt den ob seiner Obszönitäten umstrittenen Maximianus (6. Jh.) in seiner Liste, da er dessen rhetorische Kunstgriffe schätzte (cf. Curtius 1993:58–60, § 5).
Neben den Schulautoren rezipierten die Gelehrten des Mittelalters auch weitere antike Autoren, wie es beispielsweise für Johannes von Salisbury (ca. 1115–1180) überliefert ist, der Seneca d.Ä. (ca. 55v.–39 n. Chr.), Plinius d.Ä. (23/24–79 v. Chr.), den Redner Fronto (2. Jh.), den Fabeldichter Apuleius (2. Jh.), den augusteischen Bibliothekar Hygin (ca. 60 v.–10 n. Chr.), den Exempla-Dichter Valerius Maximus (1. Jh. v.–ca. 37 n. Chr.), den Militärschriftsteller Frontin (1. Jh.), den Historiker Florus (2. Jh.), den Anekdoten-Dichter Gellius (2. Jh.), den Historiker Eutrop (4. Jh.), den Redner und Dichter Ausonius (ca. 310–400), den Militär- und Fachschriftssteller Vegetius (4./5. Jh.), über Auszüge bei Justin (3. Jh.) den Historiker Pompeius Trogus (1. Jh. v. Chr.) sowie den christlichen Historiker Orosius (4./5. Jh.) und den Dichter und Kommentator Macrobius (5. Jh.) kannte, aber auch weitere, die in seinen Werken nachweisbar sind. Mit der Renaissance des 12. Jhs., dem Aufblühen mächtiger Kathedralschulen, vor allem in Paris (z.B. Notre-Dame, Saint-Victor und Montagne Sainte-Geneviève)381 oder in Chartres, die berühmt für ihre Logik war,382 schließlich dem Aufkommen der Universitäten sowie der neuen Aristoteles-Rezeption (v. supra) wurden die auctores auch in Frage gestellt, der Dialektik unterworfen und begrifflich kritisch analysiert (cf. Curtius 1993:63–64, § 6).
Diese Entwicklung nahm ihren Anfang mit der Boethius-Renaissance des 10. Jhs., als dessen logische Schriften von Gerbert von Aurillac (ca. 950–1003) wiederentdeckt wurden, und verschärfte sich ab dem 12. Jh., als die ersten großen Scholastiker wie Anselm von Canterbury, Gilbert von Poitiers (ca. 1080–1155) oder Abaelard auf Basis der Grammatik und der aristotelischen Logik Begriffe der terministischen Logik schufen, um geistigen Bewegungen (passiones) jenseits grammatischer Kategorien nachzugehen. Die Verschmelzung von Grammatik und Logik war jedoch nicht vollständig, da zum einen sich auch Scholastiker wie Hugo von St. Viktor für eine Trennung der Disziplinen einsetzte, zum anderen die Grammatik zentral im Schulunterricht blieb (cf. Pinborg 1967:22–23).
Die Sprachreflexion im Rahmen der mittelalterlichen Scholastik beruht also zunächst auf der lateinischen Schulgrammatik, denn Latein war – wie eben dargelegt – die erste Sprache des Unterrichts und auch die einzige Sprache aller weiterführenden Studien. Sie war Objekt- und Metasprache gleichermaßen, denn durch die Beschäftigung mit dieser nach strengen Regeln zu erlernenden Sprache ergaben sich erste Fragestellungen. Das Beherrschen derselben galt als eine ‚spezifische Fertigkeit‘ bzw. ‚Technik‘ oder ‚Kunst‘ (v. supra), wie Titel der Grammatiken von Dionysios Thrax (cf. Τέχνη γραμματική, téchnē grammatikē), Donat (cf. Ars grammatica) oder anderen383 nahelegen (cf. Stolz/Debrunner/Schmid 1966:16–20; Bossong 1990:19).384
Die Grammatik vor allem ist sozusagen die fest-gestellte, verfügbare und ordentlich geregelte Sprache. Dies befördert die Vorstellung, daß eine Sprache erst dann eine „richtige“ Sprache ist, wenn sie eine Grammatik hat, d.h. wenn sie in eine buchförmige, regelhafte Beschreibung überführt worden ist. (Trabant 2006:41).
Die Volkssprachen hingegen wurden als regellos betrachtet, eben weil ihnen die Würdigung einer grammatischen Beschreibung bisher nicht zugefallen war, aber auch weil sie nicht die gleiche alte und umfangreiche Literaturtradition hatten und als Sprachen des täglichen Umgangs im familiären und privaten Bereich wenig Prestige genossen. Das Nachdenken über die Sprache konnte sich deshalb nur am Lateinischen entzünden, am Studium von Donat und Priscian, die ausführlich kommentiert wurden (cf. Bossong 1990:18–19; Trabant 2006:40–41).
Diese Konstellation begünstigte zweifellos das Aufkommen eines eher theoriebetonten, universalistischen und rationalistischen Sprachdenkens: an der klar und streng aufgebauten Form dieser einen Kunstsprache glaubte man, die Form von Sprache schlechthin ablesen zu können; das scheinbare Chaos der primären Umgangssprache in ihrer undurchschaubaren Vielgestaltigkeit verstellte nicht den Blick auf die interne Logik der semantischen und syntaktischen Mechanismen. (Bossong 1990:19)
Aus der Beschäftigung mit der Schulgrammatik, insbesondere des Priscian, dessen Kommentierungen immer ausführlicher und eigenständiger wurden, erwuchs die sogenannte grammatica speculativa (später auch: grammatica universalis),385 d.h. die eigentliche Sprachtheorie der Scholastik. Die ersten, die sich von Priscian lösten und die Sprache auf weitere Funktionalitäten und Ursachen hin abfragten (cf. causae inventiones), waren Wilhelm von Conches (ca. 1080–1154) in De philosophia mundi und Petrus Helias (ca. 1100–166) aus Poitiers mit seiner Summa in Priscianum. Die Blütezeit der spekulativen Universalgrammatik (1240/50–1320/50) ist allerdings nach den entscheidenden Impulsen durch die jüdisch-arabische Aristoteles-Tradition anzusetzen, die insbesondere durch den aus Córdoba stammenden Averroes geprägt wurde, der einen umfangreichen Aristoteles-Kommentar geschaffen hat (u.a. zur Nikomachischen Ethik und zur Poetik) und dessen Schriften in Toledo an der berühmten Übersetzerschule ins Lateinische übertragen wurden, von wo aus sie ihren Weg an die europäischen Universitäten (insbesondere Paris) fanden.386 Es entstand auf Basis des Aristotelismus eine neuer Begriff von Wissenschaftlichkeit, bei dem Theorie und Praxis getrennt wurden; so löste sich die praktische grammatica trivialis,387 also der Lateinunterricht, von der grammatica speculativa als einer philosophisch-spekulativen Sprachbetrachtung, die sich mit dem Wesen der Syntax und Semantik auf Basis der ratio bzw. der Logik auseinandersetzte. Die erstere ist dabei dem Bereich der ars (griech. τέχνη, téchnē) zuzuordnen (v. supra), die zweite dem der sapientia (griech. ἐπιστήμη, epistēmē), d.h. allgemein der Weisheit, hier spezifisch im Sinne von Wissenschaft (scientia) (cf. Bossong 1990:19–25).
Die Philosophen, die sich jenseits der grammatischen Kategorien mit dem Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit auseinandersetzen, sind die sogenannten Modisten (modistae), basierend auf dem zentralen Begriff der modi signficandi,388 in dem die verschiedenen Möglichkeiten oder Arten (modi) der Repräsentation eines Gegenstandes (res) zum Ausdruck kommen, die man durch die Sprache erfassen kann.
Der erste Scholastiker, der derartige Denkmodelle präsentiert und dessen Werk die begriffliche Grundlage für die Epoche der Modisten legt, war Martin von Dacien (Martinus Dacus/Martinus de Dacia,389 †1304) mit seinem Tractatus de modis significandi (ca. 1255). Es folgen weitere dänische Autoren wie Boethius von Dacien (Boethius Dacus/Boethius de Dacia, †1284) mit den Modi significandi sive quaestiones super Priscianum Maiorem (ca. 1270/1275), Simon von Dacien (Simon Dacus/Simon de Dacia, 13. Jh.) mit dem Domus grammaticae (ca. 1255/1270), Johann von Dacien (Johannes Dacus/Johannes de Dacia, 13. Jh.) mit einer Summa grammatica (ca. 1280) sowie der französische Modist Michael von Marbais (Michael de Marbasio/Morbosio, 13. Jh.), mit einem ihm zugeschriebenen Werk De modi significandi (ca. 1270/1300), welches sich eng an Boethius anlehnt.
Eine zweite Generation, die auch die Werke der ersten kommentierte, erwächst durch Radulphus Brito (Raoul le Breton, ca. 1270–1320) mit den Quaestiones super Priscianum Minorem (ca. 1300), Siger von Courtrai (Sigerus de Cortraco, ca. 1283–1341) mit der Summa modorum significandi (14. Jh.), Peter von Auvergne (Petrus de Alvernia, ca. 1240–1303/1304) mit seinen Literalkommentaren zu Aristoteles, Simon von Faversham (Simon Anglicus, ca. 1260–1306/1307) und schließlich durch den einflußreichsten der Modisten, Thomas von Erfurt (Thomasus Erfordiensis bzw. de Erfordia †1325) mit seiner Grammatica speculativa (1300/1310) (eigentl. De modis significandi, sive Grammatica speculativa). Die Hauptwirkungsstätte der Modisten war die Artistenfakultät (facultas artium) der Universität von Paris, die wiederum auf die Hochschulen von Bologna und Erfurt ausstrahlte (cf. Rosier-Catach 1983:18–22; Wolters 1992:596–597; Leiss 2009:65–66).390 So wirkten in Bologna beispielsweise Gentile da Cingoli (13. Jh.) mit seinen Quaestiones supra Prisciano minori sowie Matteo da Bologna (13. Jh.) mit den Questiones magistri Mathei Bononiensis super modos significandi et super grammaticam, die wohl beide auf Dante und seine sprachtheoretischen Betrachtungen im Convivio und in De vulgari eloquentia wirkten (cf. Corti 1993:79).
Die Lehre der Modisten verknüpfte die sprachphilosophische Tradition der Stoiker, Platons und vor allem Aristoteles᾽, mit der grammatischen, d.h. der ursprünglichen alexandrinischen (cf. Dionysios Thrax (ca. 180–90 v. Chr.), Apollonios Dyskolos (2. Jh. n. Chr.)), die dann durch die lateinische bis Donat und Priscian fortgesetzt wurde (v. supra). Hieraus ergibt sich eine modistische Betrachtung, der allgemeine metaphysische Begriffe wie Materie (materia) vs. Form (forma) oder Substanz (substantia) vs. Akzidenz (accidentia) und zeichentheoretische wie sprachlicher Ausdruck (vox), bedeutungstragende Einheit (dictio), bezeichneter Gegenstand (significatum speciale) oder Bezeichnungsrelation (ratio consignificandi) zugrundeliegen sowie allgemeine grammatische, wie die Lehre von den Wortarten (partes orationis) (cf. Wolters 1992:598).
Die Sprache der Betrachtung konnte dabei nur das Lateinische sein, die dabei als Universalsprache fungierte, d.h. als Anschauungsobjekt jenseits einzelsprachlicher (d.h. volkssprachlicher) Charakteristika.
Die mittelalterliche Idee einer für alle Sprachen gültigen Grammatik ist eine Konsequenz des allgemein akzeptierten aristotelischen Wissenschaftsbegriffs. Danach ist insbesondere für jede Wissenschaft ein allgemeiner und invarianter Gegenstandsbereich erforderlich. Folglich können die von Sprache zu Sprache verschiedenen sprachlichen Ausdrücke der Einzelsprachen kein Gegenstand einer wissenschaftlichen Logik oder Grammatik sein. Vielmehr sind für Wissenschaft invariante sprachliche Phänomene erforderlich, „die für Sprache als Sprache charakteristisch sind“ […]. (Wolters 1992:597–598)
Die beiden Hauptprämissen der modistischen Sprachbetrachtung sind, daß a) eine bestimmte Ikonizität zwischen den Gegenständen der Welt und der Struktur der Sprache besteht, woraus sich eine universalistische Position in Bezug auf den Aufbau aller Sprachen ergibt, sowie, daß b) die Perspektive des Betrachters, d.h. des Sprachbenutzers, eine Rolle spielt, so daß in der Sprache die je spezifische Form der Perspektive auf die Welt zum Ausdruck kommt (cf. Leiss 2009:61).
Es werden grundsätzlich drei Ebenen der Erfassung der Welt, d.h. der Relationen zwischen res, conceptiones und voces, unterschieden: Die erste Ebene ist die ontologische Ebene, d.h. die der Dinge, die sich in den Modalitäten des Seins ausdrückt, den modi essendi. Diesbezüglich kann nochmal zwischen dem modus entis (Seinszustand) und dem modus esse (Seinstätigkeit bzw. -vorgang) unterschieden werden391 (cf. Bereich der Metphysik bzw. Ontologie). Die zweite Ebene ist die der mentalen Repräsentation, d.h. das Erkennen der realen Welt, welches sich in den Modalitäten des Verstehens, den modi intelligendi ausdrückt. Auf dieser Ebene wirkt der Prozess der impositio, d.h. das Einwirken der Welt auf den Erkennenden, der noch weitgehend passiv ist, so daß die Eindrücke auf den Geist noch ungeformt sind. Auf dieser Ebene wird z.B. noch nicht zwischen den Wortarten unterschieden: So sind z.B. dolor (Nomen), dolēo (Verb), dolēns (Partizip) und dolenter (Adverb) als Teil einer bedeutungsgleichen Einheit (dictio) noch nicht weiter differenziert (cf. Bereich der Logik). Die dritte Ebene ist diejenige, die sich auf die konkreten Wörter bezieht, d.h. die sprachlichen Einheiten, die die mentalen Repräsentationen widerspiegeln und die durch die modi significandi geformt werden. Hierbei findet ein zweiter Prozess der impositio statt, bei dem der Betrachter nun aktiv ist, während die Welt der Dinge (bzw. des Seins) passiv bleibt, und verschiedene Darstellungsmodalitäten der Wirklichkeit selektiert, was sich dann in grammatischen Kategorien äußert (cf. Bereich der Grammatik).392
Das Ganze kann als doppelter semiotischer Prozeß verstanden werden, bei dem auf ontologischer Ebene, d.h. der Ebene der Seinsweisen, die Dinge in Relation zueinander stehen, wodurch lexikalische Relationen abgebildet werden. Dabei findet eine Selektion von Merkmalen statt, da die Realität unendlich vielfältig ist und in einem Abbildungsverfahren nur saliente Merkmale selektiert werden bzw. die Wirklichkeit manche als salient präsentiert. Es besteht also in diesem Fall zwischen der außersprachlichen Realität und der zeichenhaften Abbildung eine Motiviertheit, demgemäß ist ihre Beziehung nicht arbiträr. In einem zweiten Teil des Prozesses tritt der Betrachter, d.h. der Sprachbenutzer hinzu, der den durch den modus intelligendi erworbenen mentalen Eindruck kategorisiert, und zwar durch die grammatischen Kategorien. Durch die modi significandi werden also Wortarten festgelegt und damit eine spezifische Sicht auf die Welt (auch modus consignificandi). Die Wortarten haben daher bei den Modisten einen hohen Stellenwert als maßgebliche Kategorien.
Im gesamten Prozeß wird also erst durch die impositio1 eine Beziehung zwischen dem rohen phonetischen Zeichen (vox) und dem Objekt (significatum (speciale)) hergestellt und zu einer bedeutungstragenden (lexikalischen) Einheit (dictio) geformt, wodurch eine Bezeichnungsrelation (ratio significandi) entsteht. Diese Einheit wird dann schließlich durch die impositio2 grammatischen Kategorien zugeordnet, so daß eine weitere semantische Relation (ratio consignificandi) entsteht, die sich auf die Merkmale der Wortarten und solche anderer grammatischer Kategorien (Numerus, Genus, Person, Tempus, Modus, Diathese) bezieht (cf. Bossong 1990:28–29; Wolters 1992:598–599; Leiss 2009:60–65).
Thomas von Erfurt faßt beispielsweise diese zweifache Zuschreibung der lexikalischen und der grammatischen Bedeutung eines lautlichen Zeichens (vox), die unser Verstand (intellectus) vornimmt, folgendermaßen zusammen:
Intellectus duplicem rationem voci tribuit. Iuxta quod notandum quod cum intellectus vocem ad significandum, et consignificandum imponit, duplicem ei rationem tribuit, scilicet, rationem significandi quae vocatur significatio, per quam efficitur signum, vel significans; et sic formaliter est dictio; et rationem consignificandi, quae vocatur modus significandi activus, per quam vox significans fit consignum, vel consignificans; et sic formaliter est pars orationis; […]. (Thomas von Erfurt, Gramm. spec. I, 3; 1972:136)
Die Modisten sind gemäßigte Realisten,393 da sie zwar die sprachlichen Strukturen von der Struktur der Wirklichkeit abhängig machen, aber nur indirekt, da intellektuelle Operationen nötig sind, um die Zuordnung der in den Einzeldingen angelegten Universalien zu den sprachlichen Entitäten und den grammatischen Kategorien zu gewährleisten. Die sprachliche Wirklichkeit, die nur eine einzige ist, kann dabei jedoch von einer universalen Grammatik widergespiegelt werden, die den einzelsprachlichen Gegebenheiten vorausgeht (cf. Wolters 1992:599).
Denkansätze der modistischen Sprachtheorie findet man auch in späteren sprachtheoretischen sowie modernen linguistischen Theorien. Was die universalistische Position anbelangt, so ergibt sich eine Linie zur Grammatik von Port-Royal, aber auch zum Universalismus Wilhelm von Humboldts (1767–1835) mit seinen dynamischen Prozessen (cf. energeia), bis hin zu Chomsky, in dessen Unterteilung in Oberflächen- und Tiefenstruktur man die Unterscheidung in modi significandi und modi intelligendi widererkennen kann. Dieser bezieht sich wie auch Tesnière mit seiner Dependenzgrammatik und deren Abhängigkeitsrelationen auf die Grammaire générale et raisonnée (1660) von Antoine Arnauld (1612–1694) und Claude Lancelot (1615–1695) als Vorläufer. Die semiotischen Relationen, die auf antiken Vorarbeiten (cf. Stoiker, Platon, Aristoteles, Augustinus) basieren, avancieren zum scholastischen Diktum voces significant res mediantibus conceptibus,394 welches das einfachere aliquid stat pro aliquo395 ablöst und sich in den Zeichenmodellen von Peirce sowie auch Ogden und Richards wiederfindet.
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