Kitabı oku: «Ein Leben für Ruanda», sayfa 5

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Kapitel III
Erwachsenenleben auf der Klosterzelg
Hausgemeinschaft am Kapellenweg

Eine undatierte Schwarz-Weiss-Fotografie aus den 1930er-Jahren zeigt Ida Fuchs mit ihren leiblichen Kindern und Anna an einem sonnigen Tag vor dem Eingang zum Haus am Kapellenweg in Windisch. Sie posieren fürs Familienfoto, allerdings ohne den Vater. In der Mitte sitzt die Mutter, um sie herum die Kinder. Aus den Kleidern zu schliessen, muss es Frühling oder Herbst gewesen sein. Die Mutter blickt etwas nach unten, als ob sie von der Sonne geblendet würde; Margrit, Ida und Elisabeth lächeln, Josef und Anna machen ernste Mienen. Auf einer anderen Fotografie, diesmal ohne Mutter, lachen alle. Josef – Hahn im Korb – geniesst es sichtlich im Kreis seiner Schwestern, Margrit hat ihn sogar untergehakt. Die Töchter der Familie Fuchs haben stattliche Figuren, ziemlich weit weg vom heutigen Schlankheitsideal. Doch es sind hübsche, fröhliche, aufgeweckte junge Frauen, die sich da um ihren Bruder scharen. Anna, die Halbschwester, hebt sich deutlich ab von den anderen. Sie hat dunkleres Haar, einen dunkleren Teint. Auch auf weiteren Fotografien fällt sie sofort auf mit ihrem intensiven, schönen Blick.

Andere Fotografien zeigen die Familie Fuchs auf Ausflügen im ganzen Land – man war offensichtlich unternehmungslustig. Die vergünstigten Fahrkarten des SBB-Angestellten Josef Fuchs mögen da mitgeholfen haben. Doch jetzt, Mitte der 1930er-Jahre, war die Jungmannschaft des Kapellenwegs erwachsen und erwerbstätig, man konnte sich also durchaus auch etwas leisten. Untereinander tauschten sich die Geschwister rege aus, schickten sich gegenseitig Karten von Ausflügen und kleine Briefchen zu Namens-und Geburtstagen. Ida schickt Ostergrüsse aus Genf und Neuenburg, wo sie ihr Welschlandjahr verbrachte. Der Umgangston unter den Schwestern war wie eh und je vertraut und liebevoll, manchmal zärtlich, manchmal aber auch mit dem gewohnten Witz. Adressatin der Schreiben war oft Anna, die mindestens seit Mitte der 1920er-Jahre kränkelte und immer wieder in Kurheime und Sanatorien musste: Amden ob dem Walensee, Wolfhalden im Appenzellischen, dann ab den 1930er-Jahren auch das teurere und höher gelegene Davos, alles bekannte Luftkurorte für Tuberkulosepatienten. In Davos waren es dann schon mehrere Monate, die Anna bleiben musste. Sie erhielt Besuche von einer Freundin, mit der sie sich gemeinsam immer wieder fotografieren liess. Ein Bild aus dem Jahr 1937, fünf Jahre vor ihrem Tod, zeigt sie bereits schwer von der Krankheit gezeichnet: Sie ist erst eine 34-jährige Frau, doch sie geht am Stock, das Gesicht wirkt verhärmt und vorzeitig gealtert. Die einstige Schönheit ist verflogen. Es war wohl nicht ohne Folge für das Leben von Margrit, mitansehen zu müssen, wie ihre 14 Jahre ältere, leidende Halbschwester langsam ihr Lebenslicht verlor. Sie hat vielleicht darum die Korrespondenz mit ihr sorgfältig aufbewahrt.

Auf einer weiteren Fotografie, die wohl ein paar Jahre später entstand, steht die Mutter im Kreis ihrer leiblichen Töchter. Margrit trägt eine Aargauer Tracht – diese taucht in den nächsten Jahren auf Bildern immer wieder auf; sie muss in diesen Jahren ihr Stolz gewesen sein. Sie zeigt vielleicht auch symbolisch Margrits Heimatverbundenheit, die sie später immer wieder an den Tag legte. 1986 schreibt sie in einem Brief an das Organisationskomitee der 100-Jahr-Feier der aargauischen katholischen Landeskirche gewohnt humorig, doch auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, sie sei «überzeugte, ja fanatische Aargauerin». Auch die Tatsache, dass die Mutter immer wieder im Zentrum von Fotografien steht, ist symbolisch. Sie ist es, welche die Familie zusammenhält.

Der Vater dagegen lebte immer mehr sein eigenes Leben. Zumindest zeitweise scheint er gar nicht mehr am Kapellenweg gewohnt zu haben. Anfang der 1930er-Jahre verkaufte er sein Elternhaus in Hornussen, wofür er rund 7000 Franken löste. Mehr als die Hälfte ging für Schuldentilgung drauf, den Rest beschlagnahmte die Gemeinde und legte 1500 Franken zinstragend für die Kinder an. Josef Fuchs verblieben 1800 Franken, die aber für die Begleichung von Schulden gegenüber der Gemeinde ebenfalls zweckgebunden waren. Dass die Gemeinde sich zu einem solch drastischen Schritt entschloss, zeigt, wie kritisch die Situation angesichts seines Alkoholismus inzwischen war. Ob diese Massnahme mit dem Einverständnis seiner Frau geschah, ist nicht bekannt, aber naheliegend. Für später ist belegt, dass sich der Gemeinderat mit Ida Fuchs beriet, wenn es um Angelegenheiten ihres Mannes ging.

1934 stellte Josef Fuchs bei der Gemeinde den Antrag auf die Herausgabe des Geldes, das nach dem Hausverkauf für die Kinder blockiert worden war. Er schaltete sogar einen Anwalt ein. Das Gemeinderatsprotokoll hält fest: «Die Angelegenheit wird eingehend besprochen und dabei festgestellt, dass, wenn Fuchs den Betrag erhält, das Geld von ihm restlos in Alkohol umgewandelt wird. Seinen Angehörigen will er alles entziehen.»

Man fand einen Kompromiss: 1000 Franken gingen an die kranke Anna, 500 verblieben dem Vater. Alle Parteien erklärten sich damit – nolens volens – einverstanden. Da der Vater mit seiner Frau und den Kindern unter einem Dach wohnte, muss die Situation belastend gewesen sein. In der Korrespondenz, die Margrit während ihres Belgien-Aufenthalts mit ihren Geschwistern führte, finden sich zwar davon kaum Spuren. Doch ist es naheliegend, dass jedes Kind die gemachten Erfahrungen auf seine eigene Art verarbeitete. Möglicherweise gewann Margrit hier die Stärke, mit der sie später durchs Leben ging. Vielleicht hat die Präsenz eines tyrannischen Vaters auch dazu geführt, dass die Kinder eigentlich erst relativ spät von zu Hause auszogen – obwohl es damals viel üblicher war als heute, dass Kinder bis zur eigenen Heirat den Hausstand mit ihren Eltern teilten.

Josef war der Erste, der ausflog: 1930 verliess er Windisch in Richtung Brugg. Allerdings blieb er nur sehr kurze Zeit und kehrte nach wenigen Monaten zurück. Er absolvierte die Rekrutenschule und diente als Korporal bei der Artillerie. Bis zu seiner Heirat im Jahr 1942 blieb er in Windisch am Kapellenweg angemeldet. Ida, die älteste Schwester, kehrte 1930 nach einem längeren Aufenthalt aus der Westschweiz zurück. Wie ihre Schwestern war sie kirchlich engagiert und sass im Vorstand der Marianischen Kongregation, allerdings nur kurz. 1938 zog sie schliesslich nach Zug und von dort später nach Luzern. Elisabeth arbeitete nach der Schule einige Jahre in ihrem erlernten Beruf als Näherin. Von 1934 bis 1938 war sie Kassierin der Marianischen Kongregation. 1940 trat sie schliesslich bei den Ingenbohler Schwestern ein. Anna meldete sich im November 1932 nach Montana im Wallis ab. Vermutlich war es die Höhenluft, die sie ins Wallis zog. Trotzdem schritt die Krankheit weiter voran und machte weitere, «richtige» Kuraufenthalte nötig. Anna kehrte schliesslich wieder nach Windisch ins Elternhaus zurück, wo sie von ihrer Mutter und den Schwestern Elisabeth und Margrit gepflegt werden konnte.

Es ist auffällig, dass von den fünf Kindern im Haushalt nur eines heiratete und eine Familie gründete: Josef. Die Mädchen blieben alle ledig. Ihre guten Ausbildungen und beruflichen Positionen ermöglichten es ihnen, selbstständig für ihren Lebensunterhalt aufzukommen; sie waren also, im Gegensatz zu vielen ihrer Geschlechtsgenossinnen jener Zeit, nicht aus wirtschaftlichen Gründen auf die Ehe angewiesen. Doch es stellt sich die Frage, ob es noch weitere Gründe gab, weshalb keine der Töchter eine Familie gründete. Elisabeth trat ins Kloster ein, was eine Ehe ausschloss. Bei Anna mag das frühzeitige Auftreten der Krankheit ein Hinderungsgrund gewesen sein. Doch auch Ida und Margrit verzichteten auf eine Heirat. Die Ehe von Vater und Mutter muss abschreckend gewirkt haben. Das heisst nicht, dass es keine Verehrer und Bewerber gegeben hätte – Margrit hat bestätigt, dass sie «Möglichkeiten» zur Ehe gehabt hätte. Doch sie entschied sich gegen den Schritt. Nachdem 1942 der Bruder als Letzter ausgezogen und Anna im gleichen Jahr verstorben war, war sie – damals 25 Jahre jung – die Letzte, die noch zu Hause wohnte. Die Bindung zur Mutter war eng. Vielleicht hat sie auch aus diesen Gründen auf eine Heirat verzichtet. Und möglicherweise spielte die Religion eine Rolle. Viele Jahre trug Margrit an der linken Hand einen Goldring, der einem Ehering sehr ähnlich sah. Später, in Ruanda, schmückte sie ihn mit einem Goldstück. Nonnen tragen oft einen Ehering, da sie mit Gott beziehungsweise Jesus Christus «verheiratet» sind. Margrit entschied sich letztlich gegen den Eintritt ins Kloster. Doch es ist nicht auszuschliessen, dass sie sich – zumindest in jüngeren Jahren – einer Nonne nicht unähnlich als mit Jesus verheiratet sah, auch wenn sie das so wahrscheinlich nicht gesagt hätte.

Religiöse Prägung

Nach der Rückkehr aus Vilvoorde pflegte Margrit weiterhin Briefkontakt mit ihren Bekannten in Belgien, vor allem mit Schwester Berchmans und Louise Marijmissen. Beide berichten ausführlich über das religiöse Leben in Vilvoorde und machen kein Geheimnis daraus, dass sie sich einen nachträglichen Eintritt von Margrit in den Orden wünschen. Louise fantasiert, wie das doch wäre, wenn sie gemeinsam die Ausbildung zur Nonne durchlaufen könnten. Sie schildert das Leben in der religiösen Gemeinschaft, berichtet von der Freude und dem Stolz, zum ersten Mal das Kleid der Ursulinen, Habitat genannt, zu tragen, bezeugt die Liebe der älteren Schwestern für die Postulantinnen und Novizinnen und wünscht sich, dass Margrit so viel wie möglich für sie betet – sie werde es umgekehrt auch tun. Allerdings schreibt sie auch in aller Unschuld, dass sie manchmal von anderen Schwestern gehänselt und ausgelacht werde, was einen gewissen Kontrapunkt zum ansonsten offenbar glücklichen Leben hinter Klostermauern setzt. Schwester Berchmans dagegen erkundigt sich vor allem nach Margrits Befinden, erwähnt die Weihen junger Frauen, die Margrit während ihres Aufenthalts in Vilvoorde kennengelernt hat, zu vollwertigen Ursulinen und tönt immer wieder an, wie gut man sie in Belgien brauchen könnte. Und anschliessend an die Schilderung der Aufnahme von drei Postulantinnen im Frühjahr 1936 fragt sie: «Voudriez-vous faire le no. 4 ?» Immer wieder taucht in den Briefen die Frage auf, ob sie den Willen Gottes für sich kenne: «Est-ce que vous soyez bien tous les jours pour savoir ce que le Bon Dieu veut de vous ?» Beide, Schwester Berchmans und Louise, waren sich einig, dass keine der im Institut neu angekommenen Schweizer Schülerinnen das Format von Margrit hatte.

Anfang 1936 gab es Pläne, dass Margrit im Sommer nach Vilvoorde auf Besuch gehen sollte. Doch die Mutter intervenierte schliesslich mit Hinweis auf den eben in Spanien ausgebrochenen Bürgerkrieg, die Reise sei zu gefährlich. Louise äusserte weiterhin die Hoffnung, Margrit werde doch noch einmal nach Vilvoorde kommen. Im Jahr, in dem Margrit 20 Jahre alt und damit volljährig wurde, schrieb ihr Louise, sie wünsche sich inständig, Margrit könne nun die Mutter überzeugen, die Reise zu gestatten. Louise anerbot sich in ihrer kindlichen Art sogar, Deutsch zu lernen, um an die Mutter zu schreiben! Doch wieder wurde nichts daraus. Margrit bot nun Louise an, sie solle sie doch zusammen mit ihrer eigenen Mutter in der Schweiz besuchen kommen. Doch das wiederum lehnte Louise ab.

Der Briefkontakt wurde seltener. Louise schwor, sie werde Margrit nie vergessen und ihr immer treu sein. Ein letztes vorhandenes Schreiben stammt aus dem Januar 1942, in welchem Schwester Berchmans darüber berichtet, dass Louise nun Schwester Virginie sei. Daneben dominieren aber die Schilderungen über die schwierige Situation im von Deutschen besetzten Belgien. Es herrschte mittlerweile Krieg. Die Ursulinen hatten beim Ausbruch der Kämpfe im Mai 1940 das Institut verlassen, waren aber danach relativ schnell zurückgekehrt – zum Glück unversehrt. Versorgungsschwierigkeiten bestimmten den Alltag. Auswärtige Pensionärinnen konnten nicht mehr aufgenommen werden. Alle Schülerinnen aus der Schweiz waren im Herbst 1939 evakuiert worden, zuerst mit dem Autobus nach Paris, von dort mit der Eisenbahn in die Heimat. Für die Bedürftigen und Kriegsgeschädigten hatten die Ordensfrauen eine Suppenküche eingerichtet. Schwester Berchmans hoffte und betete, dass im Januar 1943 endlich Frieden einkehre und die Schweiz weiterhin vom Krieg verschont bleibe. Sie musste sich noch zwei weitere Jahre gedulden. Wenn auch der Kloster- und Ordenseintritt für Margrit offenbar an Bedeutung verlor, blieb das Thema mit dem Eintritt der Schwester Elisabeth bei den Ingenbohler Schwestern und der Cousine Bertha Mettauer doch präsent.

Margrit las religiöse Erbauungsliteratur, wie sie damals unter frommen Katholikinnen weit verbreitet war, später auch die historischen Romane des ungarisch-britischen Schriftstellers Louis de Wohl. Sie schilderten auf moderne Art das Leben von Heiligen und christlichen Helden. Vor allem religiöse Frauengestalten hatten es Margrit angetan – allerdings eine besondere Art: nämlich solche, die sozial und karitativ tätig waren. Mit vergeistigten Mystikerinnen und Wundertäterinnen konnte Margrit wenig anfangen. Louise schreibt ihr einmal, sie erwäge als Schwesternnamen entweder Virginie nach ihrer eigenen Mutter oder Imelda, da ihr die selige Imelda besonders Eindruck mache. Margrit zeigte Interesse, sodass sich Louise anerbot, Literatur zur seligen Imelda herauszusuchen. Der Imelda-Kult hatte damals in Belgien eine gewisse Verbreitung. Die Heiligenlegende geht auf das 14. Jahrhundert zurück. Imelda war ein Mädchen aus einer adeligen italienischen Familie, das schon sehr früh die Kommunion zu sich nehmen wollte, was man ihr aber mit dem Hinweis auf ihr Alter verweigerte. Darauf schickte ihr der Himmel eine Hostie, die vor Imelda in der Kirche schweben blieb. Nachdem Imelda diese Hostie zu sich genommen hatte, starb sie, überglücklich, auf der Stelle. Später wurde sie selig gesprochen, ihr Kult wurde von der Kirche im 19. Jahrhundert anerkannt und sie zur Patronin der Erstkommunikanten erhoben; ihr Leichnam ist angeblich nie verwest. Es ist eher unwahrscheinlich, dass der praktisch denkenden Margrit, bei aller jugendlichen Schwärmerei, diese fantastische Geschichte besonders Eindruck machte. Auf jeden Fall erwähnt Louise in der späteren Korrespondenz das Thema nicht mehr.

Eher entsprach Margrit das Leben der Schwester Maria Theresia Scherer. Sie war die Mitbegründerin der Ingenbohler Schwestern und eine Pionierin der sozialen, karitativen und pädagogischen Frauenarbeit. Als ein Zürcher Verlag gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Sammlung von Lebensbildern bedeutender Schweizer Persönlichkeiten herausgab, war sie unter Dutzenden Männern die einzige Frau. 1825 im luzernischen Meggen in einfache bäuerliche Verhältnisse geboren, begegnete sie 1844 dem Kapuzinerpater Theodosius Florentini. Dieser genoss damals einen Ruf als Sozial- und Schulreformer. Florentini betrieb zahlreiche Projekte zu Verbesserungen im Kranken-, Armen- und Schulwesen; diese liessen sich aber nur verwirklichen, wenn ihm entsprechend geschultes Personal zur Verfügung stand. Seine Idee war, speziell auf diese Aufgaben zugeschnittene Ordensgemeinschaften von Frauen und Männern einzusetzen. Er gründete deshalb die Menzinger Schwesterngemeinschaft. Als sich diese aber auf ihre Aufgaben im Bereich der Mädchen- und Töchterausbildung konzentrieren wollte, trennte er sich von ihr und rief als neue Kongregation die Ingenbohler Schwestern ins Leben. Eine von Florentinis engsten Mitarbeiterinnen war von Anfang an Schwester Maria Theresia. 1857 wurde sie zur ersten Generaloberin der Ingenbohler Kongregation gewählt und betrieb systematisch deren Aufbau, zuerst in der Schweiz, anschliessend auch im benachbarten Ausland. Als sie 1888 starb, umfasste die Kongregation fast 1700 Schwestern weltweit, 80 Schulen, 28 Waisen- und Erziehungsheime, 25 Kinderheime und -horte, 87 Armenhäuser und 149 Spitäler und Krankenpflegestationen. 1995 wurde sie von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen.

Da ihre Schwester Elisabeth in den Ingenbohler Orden eintrat, dürfte Margrit die Geschichte von Schwester Maria Theresia früh und gut gekannt haben. Die Parallelen zwischen beiden Frauen sind frappant: Beide gaben sich der Hilfe für die Armen, die Kranken und die Waisen hin, mit grösster Selbstverständlichkeit und oft (fast) bis zum Punkt der Selbstaufopferung; beide hatten einen eisernen Willen und konnten sich durchsetzen; beide waren tiefgläubig und sahen in ihrer Aktivität den Tatbeweis der Liebe; beide hatten, wenigstens in ihren Anfängen, einen kirchlichen Mentor, von dem sie sich aber mit der Zeit auch emanzipierten – bei Schwester Maria Theresia war das Theodosius Florentini, bei Margrit Erzbischof André Perraudin. Beide Frauen besassen einen guten Sinn für Humor. In Schwester Maria Theresias umfangreicher Korrespondenz finden sich Wortspiele wie «Sie machen Fortschritte wie ein alter Schuh». Oder, an eine Schwester gewandt, die von einer Sammelreise zurückkehrte: «Im Falle Sie so viel Geld sammeln, dass Sie es von Brunnen bis ins Institut hinauf nicht schleppen können, so telegrafieren Sie in Luzern, damit man Ihnen Pferd und Wagen entgegenschicken kann» – Sätze, die so auch von Margrit hätten geschrieben werden können. Und wie später von Margrit hiess es damals von Schwester Maria Theresia: «Sie galt als Mutter der Waisen.» Nur die Tatsache, dass Margrit schliesslich keinem Orden beitrat, unterschied sie.

Margrit war eine fromme Christin und treue Katholikin, aber keine Frömmlerin. Während Jahrzehnten ging sie jeden Tag in Brugg zur Frühmesse. Und am Sonntag gingen die weiblichen Mitglieder der Familie Fuchs geschlossen in die Kirche zum Gottesdienst. Vater und Bruder scheinen dagegen am religiösen Leben wenig bis gar nicht teilgenommen zu haben; doch das war ein altbekanntes Phänomen: Durch all die Jahre hindurch ziehen sich die Klagen seitens der Kirchenoberen, dass sich die Männer kaum am Pfarreileben beteiligten. Dass die Gebote der Kirche und des Glaubens nicht hinterfragt wurden, war selbstverständlich im katholischen Milieu (siehe «Kontext: Die katholische Pfarrei St. Nikolaus», S. 84). Doch Margrit hatte ihre eigene Meinung zu vielen Dingen. Sie war keine kritische Intellektuelle, aber was sie für gut befand, das befand sie für gut, unabhängig von der Doktrin der Kirche. So wurde in der Festschrift zum Aargauer Katholikentag von 1953 noch davor gewarnt, die Frauen ins berufliche Erwerbsleben zu schicken, da ihnen sonst das Frausein abhandenkomme. Margrit kümmerte diese Gefahr wenig. Ihr Urteil über ihr Erwerbsleben war eindeutig: «Ich liebte meinen Beruf!» Geschiedene waren im katholischen Milieu kaum geduldet und wurden zum grossen Teil wie Aussätzige behandelt. Margrit kümmerte sich nicht um diese Vorbehalte und Vorurteile. Die schwierige Ehe ihrer Mutter vor Augen, hatte sie wohl Verständnis dafür, dass es manchmal sinnvoller ist, sich zu trennen, als einfach weiterzumachen um den Preis der seelischen und oft auch körperlichen Schädigung und Zermürbung der Involvierten. Sie pflegte den Kontakt zu Geschiedenen weiterhin, ob katholisch oder reformiert, und hörte sich ihre Sorgen und die oft vor allem bei Frauen wegen der Scheidung auftretenden psychischen Probleme geduldig an. Und während sie religiöse Erbauungsliteratur las, hatte sie auch eine Affinität zum kirchenkritischen bis kirchenfeindlichen Rainer Maria Rilke, den sie in ihren späteren Rundbriefen aus Afrika immer wieder zitierte. Diese Eigenständigkeit im Urteil koppelte sich mit einer sehr persönlichen und eigenen Beziehung mit Gott – «sie hatte einen eigenen Draht zum Himmel».

Kirchliches Engagement

Margrit war sehr aktiv in der Pfarrei St. Nikolaus in Brugg, welcher die Windischer Katholiken bis in den 1960er-Jahre angeschlossen waren (siehe «Kontext: Die katholische Pfarrei St. Nikolaus», S. 84). Sie engagierte sich vor allem in der Jugendarbeit, über die sie später schrieb: «Noch heute habe ich aus dieser Zeit […] schöne Freundschaften.» Durch ihre humorvolle und unkomplizierte Art fand sie leicht Zugang zu Kindern und Jugendlichen.

Grundlage ihrer kirchlichen Jugendarbeit war die Christenlehre, die sie während mehr als zwei Jahrzehnten erteilte, von Anfang der 1940er- bis Mitte der 1960er-Jahre. Sie erteilte diesen Religionsunterricht den jüngeren Primarschülern; ihr Gegenstand waren biblische Geschichten. Er fand für gewöhnlich am Sonntag nach dem Gottesdienst statt. Dass diese Aufgabe an die erst 25-Jährige übertragen wurde, verdeutlicht die besondere Vertrauensstellung, die sie in der Pfarrgemeinde bereits früh genoss. Nachdem 1965 die Pfarrei St. Marien in Windisch von der Brugger Mutterpfarrei St. Nikolaus abgetrennt und Eugen Vogel Pfarrer von Windisch wurde, führte Margrit die Christenlehre trotzdem in Brugg weiter. Ab Ende der 1960er-Jahre nahm die Beteiligung an der Christenlehre zunehmend ab.

Im Sommer 1942 wurde in Brugg eine Blauring-Sektion gegründet. Anfang der 1930er-Jahre schweizweit als Unterorganisation der Marianischen Kongregation für jüngere Mädchen entstanden, erlebte der Blauring wie andere Jugendorganisationen in dieser Zeit rasch einen beträchtlichen Aufschwung. Sein Zweck war die «Erziehung der Mädchen zu bewusstem katholischen Leben (Christusfrömmigkeit) nach dem Grundsatz: Durch Maria zu Jesus. [Die Blauring-Gruppen] sollen ihre Mitglieder anleiten zu lebendiger Frömmigkeit, selbständigem Denken und froher Hilfsbereitschaft (Pietas, Studium, Actio).» Margrit übernahm eine von zwei Gruppen des Brugger «Blaurings», die Gruppe Agnes, benannt nach der heiligen Agnes, einer mythischen Märtyrerin des vierten Jahrhunderts, Schutzpatronin junger Mädchen. Der Gruppe Agnes gehörte etwa ein Dutzend Mädchen aus Brugg und Windisch an.

Margrit als Kleinkind, vor 1920.


Margrit (vordere Reihe, l.) am Brugger Rutenzug, Ende der 1920-Jahre.


Margrit (r.) bei der Erstkommunion, 1920er-Jahre.


Margrit (1. Bank, r.) in der Bezirksschule, Anfang der 1930er-Jahre.


Ida Fuchs-Hinden, undatiert.


Ida an ihrem 80. Geburtstag mit Margrit, 1960.


Ida mit Margrit, Anna, Josef, Ida, Elisabeth (v. l. n. r.), Mitte der 1930er-Jahre.

Margrits Halbschwester Anna Fuchs, undatiert.

Margrits Bruder Josef Fuchs, undatiert.


Margrits Schwester Ida Fuchs, vermutlich 1950er-Jahre.

Margrits Schwester Elisabeth Fuchs, vermutlich 1990er-Jahre.

Maria Theresia Scherer (1825–1888), Gründerin der Ingenbohler Schwesterngemeinschaft, undatiert.

Das Ursulinenpensionat in Vilvoorde, Belgien, undatiert.


Margrit (2. Reihe, 4. v. r.) an einer Klassenzusammenkunft, 1950er-Jahre.

Margrit bei der Arbeit beim SPV, 1950er-Jahre.


Margrit mit ihrem Chef Albin Schwaller, 1950er-Jahre.

Margrit und Vikar Adolf Studer (sitzend) im Jungwachtlager auf der Galmihornhütte, 1951/52.

Bergmesse im Jungwachtlager auf der Galmihornhütte, 1951/52.

Mit grosser Sorgfalt bereitete sich Margrit auf die neue Aufgabe vor. In ihrem Nachlass findet sich eine ausführliche Aufstellung der Argumente für und wider eine Blauring-Gruppe. Unter «Dafür» stehen folgende Punkte: «Bedürfnisse der weiblichen Jugend nach Organisation, Hilfe für die Familie, Verständnislosigkeit der Eltern für viele Fragen (der Kinder), […] Führerinnenschulung in sich wertvoll.» Sie fragte eine Cousine in Basel, die eine Blauring-Gruppe mit 15-jährigen Mädchen betreute, um Rat. Diese beglückwünschte sie zu dieser Aufgabe, warnte sie aber auch vor frustrierenden Momenten. Doch im Grossen und Ganzen gelte: «[…] das Frohe und Schöne übersteigt alles und man nimmt gerne ein Opfer auf sich.» Die Cousine hatte eine Reihe von praktischen Anregungen; so solle sie die religiöse Instruktion nicht überbetonen und diese mit Spiel und Spass auflockern. Dabei verwies sie auf mehrere nützliche Schriften und anerbot sich, diese zu beschaffen. Als Margrit allerdings anfragte, ob sie einmal die Gruppe in Basel zu Anschauungszwecken besuchen dürfe, winkte die Cousine ab. «[…] ich [mache] momentan mit der Gruppe eine Krise durch […], es ist haarig.» Margrit besuchte daraufhin einen Schulungskurs in Ingenbohl, um sich auf ihre Aufgabe vorzubereiten.

Die meist zweistündigen Blauring-Gruppenstunden fanden üblicherweise an einem Samstagnachmittag statt, ausnahmeweise auch an einem Sonntag oder einem anderen Tag. Eröffnet wurden die Sitzungen mit einem Ave-Maria oder einem frommen Lied, danach wurden die zwölf Gebote des Blaurings durchgenommen, in jeder Sitzung in der Regel ein Gebot. Daneben gab es weitere religiöse Instruktion, etwa die Dekoration eines Gabentischs, vor allem aber auch praktische Dinge wie Wundverbände, Haushaltstipps und Kochrezepte. Und dazu regelmässig Spiel und Gesang, gelegentlich Ausflüge. Im Sommer 1943 unternahm die Gruppe eine Wanderung aufs Schloss Wildegg, wo die Mädchen die Vögel im Gehege sowie die Schlossräume bewunderten. Vor Weihnachten bastelte man gemeinsam Geschenke.

Formell aufgenommen waren die Mädchen erst, nachdem sie ein Examen bestanden hatten. Dieses umfasste Blauring-spezifische Punkte, allgemeine religiöse Fragen, Heimatkundliches zu Brugg und Umgebung, aber auch Praktisches wie Erste Hilfe. Der Fragenkatalog war umfangreich und durchaus anspruchsvoll – allein die religiösen Fragen umfassten 87 Punkte. Die Ausbildung war am damaligen Frauenideal der katholischen Kirche orientiert: die Frau als Magd (d. h. Verantwortung für andere und selbstlose Hilfsbereitschaft als Hausfrau), Jungfrau (Bewahrung der eigenen Keuschheit und Beachtung von Sittlichkeit und Bescheidenheit) und Mutter (Lebensspenderin). Margrit war offenbar bestrebt, diese Worte nicht einfach schematisch weiterzugeben, sondern notierte sich gewissenhaft, wie die einzelnen Ideale mit den Mädchen besprochen werden sollten. Sie sollten ihre eigene Meinung und Ansicht dazu äussern können. Und im eigens geführten Büchlein der Gruppe Agnes finden sich denn auch zahlreiche Hinweise, man habe diese oder jene Fragen diskutiert.

Gegründet in den Kriegsjahren, spielten die Kriegsereignisse anfänglich stark in das Gruppenleben hinein. Im Jahresprogramm 1944 figurierte prominent das Motto: «I stoh zur Heimat». Dazu notierte sich Margrit in den Vorbereitungsunterlagen: «Wir dürfen und wollen uns freuen, dass wir noch freie Schweizer sein können. Jedoch nicht in Übermut ausartenlassen und gar denken, dass wir Schweizer durch unsere Verdienste […] bisher vom Krieg verschont geblieben sind. Die erwiesenen Wohltaten gegenüber Internierten, Flüchtlingen etc. waren schliesslich selbstverständliche Christenpflicht. Sie brachten uns aber auch viel Segen. Nennt einige Vorteile die wir noch geniessen dürfen, während andere schon während 5 Jahren grosse Not leiden. Fürbitte des sel. Bruder Klaus.» Das Flüchtlingsthema kommt immer wieder vor. Die Mädchen schlugen etwa vor, man könne eine gute Tat vollbringen, indem man für die Flüchtlinge etwas stricke.

Margrit war bei den Mädchen beliebt. Sie galt als fröhliche Führerin, und dass bei ihr viel gesungen wurde, gefiel den meisten. Auch sei sie nicht so ernst gewesen wie andere Blauring-Führerinnen. Im Gegenteil: Manchmal sei es bei ihr fast ein bisschen zu gewagt zu- und hergegangen, erinnern sich ehemalige Blauringlerinnen. Erst 1953, im Alter von 36 Jahren, gab Margrit ihre Tätigkeit als Scharführerin auf.

Ab und zu engagierte sich Margrit auch beim männlichen Pendant des Blaurings, der Jungwacht. 1951 und 1952 ging sie als Köchin in die jeweils einwöchigen Jungwachtlager auf der Galmihornhütte im Wallis. Im ersten Jahr nahmen etwa 35, im Jahr darauf mehr als 40 Buben und Jugendliche teil. Beide Jahre standen sie unter der Leitung des Vikars Adolf Studer. Alleine bewältigte Margrit die Verpflegung der von der Bergluft und den Lageraktivitäten hungrigen Jugendlichen. Mehr als 2000 Meter über dem Meer gelegen, war die Einrichtung der Hütte nach heutigen Vorstellungen primitiv. Die Verpflegung musste hinaufgebracht werden; jeden Tag begab sich eine Gruppe von Buben unter der Leitung eines «Führers» ins Tal, füllte die leeren Rucksäcke und kletterte wieder nach oben. Hin- und Rückweg nahmen vier Stunden in Anspruch. Entsprechend einfach war das Essen: Das Frühstück bestand aus Brot, Butter, Konfitüre und ohne Milch zubereiteten Kakao. Doch es mundete, und die Buben nannten Margrit – was damals durchaus liebevoll gemeint war – «Hausmütterchen».

Daneben war Margrit auf verschiedenste Weise in der Pfarrei tätig und so eine «tragende Säule des Gemeindelebens», wie es der spätere Windischer Pfarrer Eugen Vogel ausdrückte, der sie Anfang der 1960er-Jahre als Vikar in Brugg kennenlernte. Während Jahren schmückte sie, zusammen mit anderen Frauen, die Kirche für die Sonntagsmesse. Sie war im Kirchenchor Cäcilia aktiv, der zumindest zeitweise unter einem anspruchsvollen und fähigen Dirigenten ein beachtliches Niveau erreichte. Margrits Liebe zur Sakralmusik drückte sich auch in einer grossen Sammlung von Grammofonplatten mit Chor- und Orchesterwerken aus – ein Luxus, den sich die sonst sparsame Margrit leistete. Zu den verschiedenen Pfarrern und Vikaren, die die Pfarrgemeinde St. Nikolaus von den 1940er- bis in die 1960er-Jahre sah, fand sie in der Regel einen guten Draht, so unterschiedlich diese Geistlichen von ihrem jeweiligen Naturell und Temperament her waren. Die Jugendarbeit unterstand den Vikaren, sodass sie als Blauring-Leiterin zu ihnen schon von der Funktion her einen regen Kontakt pflegte. Unter Pfarrer Fischer war sie dann auch als Katechetin tätig und unterrichtete junge Erwachsene, was ein besonderer Vertrauensbeweis war, blieb die Katechese doch normalerweise den Vikaren vorbehalten.

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