Kitabı oku: «Ein Leben für Ruanda», sayfa 6

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Margrit war rastlos unterwegs in Pfarreiangelegenheiten. Das Pfarrhaus war ihr zweites Zuhause. So half sie bei der Organisation von Anlässen, sprang bei Notfällen ein, besorgte allerlei Nützliches und machte Pfarreiangehörigen kleine Geschenke. Und ihre Freundlichkeit und Einsatzbereitschaft wurden mit Sympathie und Zuneigung erwidert. Als sie sich im Winter 1954 in Unterägeri zur Genesung aufhielt, schrieb ihr der Präsident des Kirchenchors in einem launigen Brief, er höre jeden Tag den Lawinenbericht, um zu wissen, ob sie in Sicherheit sei. Wäre Unterägeri von Schneemassen verschüttet worden, hätte er sofort alle Männer des Kirchenchors aufgeboten, «damit wir ja unsere Margrit noch lebend erwischt hätten».

Erfüllung im Beruf

Im Jahr 1900 siedelte das Schweizerische Bauernsekretariat von Bern nach Brugg über. Dies aus einem simplen Grund: Die aus Brugg stammende Frau des Sekretariatsleiters und ETH-Professors Ernst Laur wollte nicht wegziehen, und Laur selbst besass in Effingen ein schönes Landgut. Brugg wurde damit zur Schweizer «Bauernhauptstadt». Laur war eine charismatische Persönlichkeit, die den Schweizerischen Bauernverband in vier Jahrzehnten zu einer schlagkräftigen wirtschaftspolitischen Organisation formte. Obwohl er nie ein parlamentarisches Mandat bekleidete, galt er als «achter» Bundesrat. So weitete er die Tätigkeit des Bauernsekretariats laufend aus und gründete neue Unterabteilungen und Fachstellen, um die vielfältigen Bedürfnisse von Bauern und Behörden zu bedienen. Bereits in den 1920er-Jahren beschäftigte der Bauernverband mit seinen Zweigstellen 60 Personen. Die verschiedenen Abteilungen waren in immer mehr Liegenschaften zwischen Eisi und Freudenstein untergebracht, was Reibungsverluste mit sich brachte. Deshalb wurde an der heutigen Laurstrasse 10 in Brugg das stattliche Verwaltungsgebäude «Haus des Schweizerbauern» gebaut, das 1947 eingeweiht und bezogen werden konnte.

In einer dieser Zweigstellen, dem Landwirtschaftlichen Bauamt, begann Margrit am 1. September 1937 als kaufmännische Angestellte. Sie arbeitete sehr gerne dort und sollte dem Bauernverband und angegliederten Organisationen 26 Jahren treu bleiben. Das Bauamt, in der alten Post am Eisi-Platz eingemietet, beschäftigte sich mit Architekturarbeiten für landwirtschaftliche Ökonomiegebäude, Käsereien, Mostereien und Lagerhäuser. Margrit blieb acht Jahre im Bauamt und wechselte danach als Bürogehilfin zur Kasse des Bauernverbands, wo sie indes nur sehr kurz verweilte. Per 9. März 1947 trat sie in den Schweizerischen Schlachtviehproduzentenverband (SPV) ein, wo sie bis 1958 blieb.

Als kaufmännische Angestellte war Margrit beim SPV für das Abrechnungswesen zuständig. Das war nicht immer einfach, gab es doch unter den Bauern zahlreiche säumige Zahler. Ein Schwerpunkt des SPV in den 1950er-Jahren war die Ausmerzung der Rindertuberkulose: Anfällige Tiere wurden systematisch aufgekauft und insbesondere an italienische Salamifabriken, aber auch an die italienische Kriegsmarine verkauft – was heute wohl undenkbar wäre. Margrit galt als zuverlässige, verschwiegene «Schafferin». Ihre Tätigkeit in der Buchhaltung brachte es mit sich, dass sie regelmässig an den Viehauktionen in der ehemaligen Markthalle hinter dem Brugger Bahnhof teilnahm. 1956 wurde sie zur Sekretärin des SPV-Geschäftsführers Albin Schwaller befördert. Margrit hatte ein gutes und vertrautes Verhältnis zu ihrem neuen Chef, der sie wegen ihrer Tüchtigkeit schätzte. Margrits Nähe zur Kirche half ihr bei der Organisation des jährlichen Mittagessens mit den Spitzen des SPV und den von der Kirche eingesetzten «Bauernseelsorgern».

Tüchtig und zielstrebig, zeigte Margrit im Geschäft auch ihre soziale und mütterliche Seite. «Sie schaute zu den Leuten», drückte es ein ehemaliger Vorgesetzter aus. Ihm hatte sie jeden Morgen einen Blumenstrauss auf den Tisch gestellt. Die Belegschaft des SPV war klein und übersichtlich – während der elfjährigen Tätigkeit Margrits wuchs sie von acht auf etwas mehr als ein Dutzend. Unter den Angestellten befand sich seit 1948 auch der Lehrling Walter Tanner. Der 17-Jährige war eben aus dem Kanton Bern zugezogen und hatte noch kaum sozialen Anschluss. Als guter Fussballer fand er zwar beim FC Brugg Unterschlupf, doch seine seit Langem verwitwete Mutter hatte kurz vorher nochmals geheiratet; mit dem Stiefvater hatte er seine Mühe, auch wenn er sich mit ihm arrangierte. Margrit nahm den jungen Mann unter ihre Fittiche. Sie wurde für meinen Vater zu einer wichtigen Bezugsperson. In den WK schickte sie ihm «Fresspäckli». Als 1952 eine Cécile Schneider aus Würenlingen beim SPV als Stenotypistin begann und sich zwischen ihr und Walter Tanner eine zarte Romanze entwickelte, beobachtete Margrit die werdende Liaison anfänglich mit Argusaugen – sie wollte offenbar sicherstellen, dass ihr Schützling nicht an «die Falsche» geriet. Als sie aber den Ernst der Sache und die gegenseitige Aufrichtigkeit erkannte, gab sie der Verbindung ihren Segen – und wurde zu einer guten Freundin des Paares. In der Freizeit unternahmen sie zu dritt Ausflüge, so etwa ins Engadin. Als Walter und Cécile 1960 heirateten, erhielt Margrit die Zusicherung, sie werde Taufpatin des erstgeborenen Kindes sein. Im Gegenzug versprach sie, sie werde ihm – sollte es ein Bub sein – die ersten Fussballschuhe kaufen. Ein Versprechen, das sie nie einlösen musste, da sich mein Talent als Fussballer in Grenzen hielt.

1958 trat SPV-Geschäftsführer Albin Schwaller zurück, nachdem finanzielle Ungereimtheiten zu Meinungsverschiedenheiten mit dem Verbandsvorstand unter dem Luzerner Ständerat Christian Clavadetscher geführt hatten. Schwallers erzwungener Rücktritt traf Margrit hart. Für seinen Nachfolger konnte oder wollte sie nicht arbeiten. Sie wechselte deshalb zur ebenfalls in Brugg ansässigen Aargauischen Genossenschaft für Schlacht- und Nutzviehvermittlung (AGS). Dort blieb sie knapp fünf Jahre.

Grosser Bekanntenkreis

Mit dem Auszug von Margrits Geschwistern Josef, Ida und Elisabeth reduzierte sich die Hausgemeinschaft am Windischer Kapellenweg auf vier. Im Februar 1942 starb Anna, im Januar 1947 schliesslich 80-jährig der inzwischen in Muri zur Pflege untergebrachte Vater Josef Fuchs. Im Juni 1948 verkaufte die Mutter das Haus an die inzwischen 31-jährige Margrit, die die Liegenschaft bis zu ihrem Tod behielt. Margrit hatte ein gutes Gehalt, lebte sparsam und konnte sich eine solche Investition leisten. Mutter und Tochter bildeten fortan die Hausgemeinschaft. Die Mutter wusch und kochte für die Tochter, die über Mittag jeweils nach Hause kam. Sie hielt der Tochter so den Rücken frei für deren grosses kirchliches Engagement.

Für zwei Personen war das Haus am Kapellenweg aber zu geräumig. Margrit vermietete deshalb die Parterrewohnung, was ihr Einkommen aufbesserte. 1954 zog eine ältere Frau, die in Vevey als Weissnäherin gearbeitet hatte, zusammen mit ihrer Nichte ein. Die Familie stammte aus Gansingen im Fricktal. Vier Jahre später kam Martha Hollinger, die Schwester der Nichte, als dritte Partei dazu. Man hielt gute Nachbarschaft, so gut, dass Martha Hollinger, zusammen mit ihrer anderen Schwester Marie – ihre andere Schwester starb bereits 1960 –, bis heute dort wohnhaft geblieben ist, über Margrits Tod hinaus.

Auch wenn alle ausser Margrit ausgeflogen waren, hatten die Geschwister Fuchs regelmässig Kontakt. Josef hatte inzwischen drei Kinder. Jedes zweites Wochenende besuchte er mit seiner Familie die Grossmutter und «Tante Gritli». Von Wettingen nach Windisch nahmen sie das Velo, ein paarmal gingen sie sogar zu Fuss. Angekommen, wurden die Kinder mit Limonade aus dem Keller versorgt. In Erinnerung sind auch die Tee crème, die es als Begrüssungsgetränk gab. Bei den Kindern galt «Tante Gritli» als «lieb, aber streng». Man mochte sie, weil sie – im Gegensatz zu anderen Verwandten- nicht so «tantenhaft» war, man mit ihr lachen konnte und weil sie auf die Kinder individuell einging. Auch mit der weiteren Verwandtschaft, vor allem auf der Hinden-Seite, pflegte Margrit den Kontakt. Das Verhältnis zu ihren Geschwistern war gut, vor allem zu Elisabeth, die ihr wohl am nächsten stand.

Margrit baute sich mit der Zeit einen immer grösseren Bekanntenkreis auf. In Windisch, wo sie aufgewachsen war und weiterhin wohnte, kannte sie viele Leute, an ihrem Arbeitsort Brugg hatte sie bereits die Schule absolviert und war in der Pfarrei aktiv. Seit den 1950er-Jahren fanden Jahrgängertreffen der Bezirksschule statt, an denen sie oft teilnahm. Margrit war das, was man heute eine begnadete Netzwerkerin nennen würde. Zu einer treuen Freundin wurde Josy Furter, geborene Wietlisbach, die ihre Schwestern Ida und Elisabeth in der Marianischen Kongregation kennengelernt hatten. Josy, wie Margrit mit Jahrgang 1917, war in den 1930er-Jahren bei der Brugger Apothekerfamilie Tschupp im Haushalt tätig und liess sich nach ihrer Heirat 1941 wieder in ihrem Heimatdorf Dottikon nieder.

Eine spezielle Beziehung hatte Margrit zu Bertha Knecht, der Grossmutter ihrer Firmpatentochter Ruth Knecht Hohl. Die beiden Frauen verband vieles. Bertha Knecht hatte in zweiter Ehe den verwitweten Johann Knecht geheiratet, der zwei kleine Kinder aus einer ersten Verbindung hatte – also eine ähnliche Konstellation wie im Hause Fuchs. Ihr Mann betrieb die Fuhrhalterei anfänglich als Gelegenheitsjob. Bertha Knecht hatte im Ausland eine Ausbildung genossen und brachte einen Sinn fürs Geschäftliche mit. Sie galt als die eigentliche treibende Kraft hinter dem Aufbau des Transportunternehmens Knecht. Daneben war sie sehr religiös. Margrit und Bertha Knecht kamen sich mit der Zeit näher und tauschten sich regelmässig aus; es entstand ein enges Verhältnis, und Margrit hatte wohl eine gewisse Bewunderung für Bertha Knecht. Diese wiederum pflegte zu sagen, es sei kein richtiger Sonntag, wenn Margrit nicht zu Besuch komme und sie nicht mit ihr reden könne. Das enge Verhältnis zwischen den beiden Frauen die Bande zur Familie Knecht. Als Bertha Knecht 1963 starb, traf dies Margrit sehr.

Angesichts des grossen Bekanntenkreises, aber auch ihres Rufs, eine grosszügige und freigiebige Person zu sein, erstaunt es nicht, dass Margrit immer wieder als Tauf- oder Firmpatin angefragt wurde. Taufpatin war sie ihrer erstgeborenen Nichte, Josefs Tochter Marianne, und mir. Sie wurde auch als Taufpatin für Daniel Gloor angefragt, den Sohn von Otto und Trudi Gloor, Verwandten mütterlicherseits aus Burgdorf. Tragischerweise verstarb der Junge noch im Kindsbett. Firmpatin war sie ihrer jüngsten Nichte Margrit, Ruth Knecht Hohl, Lucie Brogli, der Tochter eines Bekannten aus dem Kirchenchor, Alice Furter, der jüngeren Tochter der Josy Furter, und Regula Gloor, der Tochter von Otto und Trudi Gloor.

Kontext
Die katholische Pfarrei St. Nikolaus Brugg

Windisch war traditionell reformiertes Gebiet; die Reformation hatte die Präsenz des Katholizismus im Berner Aargau radikal beendet. Doch die Schaffung des Kantons Aargau 1803, der sich aus katholischen und reformierten Gebieten zusammensetzte, sowie 1848 die Entstehung des Schweizer Bundesstaates mit Religions- und Niederlassungsfreiheit führten dazu, dass die bisher strikte territoriale Trennung der Konfessionen aufbrach.4 Vor allem wirtschaftlich prosperierende Regionen wie Brugg-Windisch zogen Arbeitskräfte aus allen Himmelsrichtungen an. Waren 1850 erst 8,5 Prozent der Windischer katholisch, betrug ihr Anteil 1910 bereits 25,6 Prozent. Viele der Zugewanderten kamen aus den ärmeren katholischen Gebieten des Kantons (siehe «Kontext: Das obere Fricktal an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert», S. 24).

Das Verhältnis zwischen dem Aargau und der katholischen Kirche war anfänglich sehr gespannt. Der von Napoleon geschaffene Kanton war liberalen und fortschrittlichen Prinzipien verpflichtet und betrachtete die Kirche mit grossem Misstrauen, galt sie doch als Inbegriff der politischen und gesellschaftlichen Reaktion. Die Pfarrer und Bischöfe ihrerseits fürchteten den liberalen Staat, der die Gläubigen Kirche und Religion entfremdete und letztlich ihr Seelenheil im Jenseits aufs Spiel setzte. Darum galt es aus Sicht der Geistlichkeit, die Katholiken vor dem Staat und seinen religionsfeindlichen Ideen zu schützen. Die katholische Gemeinschaft sollte sich gegen aussen möglichst hermetisch abschliessen und eine eigentliche Parallelgesellschaft aufbauen, mit den kirchlichen Autoritäten an der Spitze und einer Elite aus gebildeten, frommen und vermögenden Laien an ihrer Seite. Im Lauf der Zeit bürgerte sich für diese katholische Parallelgesellschaft die Bezeichnung «katholisches Milieu» ein.

Die Auseinandersetzung zwischen modernem Staat und katholischer Kirche wird als «Kulturkampf» bezeichnet. Dabei griff der Staat zum Teil massiv in die Organisation und Führung der Kirche ein und intervenierte auch in religiös-seelsorgerlichen Dingen. Im Aargau entspannte sich die Situation erst nach 1885 mit dem Erlass einer neuen Verfassung. Diese beliess der Kirche Autonomie in inneren Angelegenheiten. In den folgenden Jahrzehnten entkrampften sich die Beziehungen zwischen Staat und Kirche zunehmend. 1927 wurde die Grundlage für die Schaffung von öffentlich-rechtlich anerkannten Landeskirchen gelegt, die damit das Recht erhielten, von ihren Konfessionsangehörigen Steuern einzuziehen. Die Erteilung des obligatorischen Religionsunterrichts in der Schule oblag neu den Konfessionen. Nach 1951 verzichtete der Regierungsrat auf sein Recht, bischöfliche Hirtenbriefe vor dem Verlesen von der Kanzel prüfen zu lassen. Die katholische Kirche gewann nun ihrerseits Einfluss auf staatliche Tätigkeiten: So fand 1949 eine Aussprache mit kantonalen Behörden bezüglich Filmzensur und Jugendschutz statt.

Wich das ursprüngliche Misstrauen einem fast schon partnerschaftlichen Verhältnis, war die Kirche dennoch bemüht, das katholische Milieu in sich geschlossen zu halten. Das kam etwa während der Aargauer Katholikentage zum Ausdruck. 1953 versammelten sich anlässlich der 150-Jahr-Feier des Kantons 15 000 Männer – Frauen waren nicht zugelassen – im Windischer Amphitheater und bekräftigten dort ihre gleichzeitige Treue zum Aargau und zum Katholizismus. Der Brugger Pfarrer Hermann Reinle schrieb dazu, man stehe mit Liebe zum Aargau als Heimat, den Staat anerkenne und akzeptiere man aus Vernunftgründen. Einerseits teilten damals noch viele Katholiken das Sendungsbewusstsein der Kirche, als auserwählte Gemeinschaft im alleinigen Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Andererseits fühlte man sich diskriminiert – und das nicht ganz zu Unrecht. In Staat und Verwaltung waren Katholiken im Aargau lange Zeit untervertreten – sogar in traditionell katholischen Gebieten: Am Lehrerseminar Wettingen etwa war Anfang der 1950er-Jahre von elf Hauptlehrern nur einer praktizierender Katholik, von den zwölf Hilfslehrern waren fünf katholisch. Da Katholiken im Durchschnitt einen niedrigeren Bildungsstand als Reformierte aufwiesen, hatten sie schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt – dem staatlichen wie dem privaten –, was die Untervertretung in Schule und Verwaltung erklärte. Die Katholiken sahen diese Untervertretung aber als Folge einer heimlichen oder offenen Diskriminierungspolitik seitens des Staates. Man sah sich als Opfer – was sich aber einerseits bestens mit einer spezifisch christlichen Opferhaltung, andererseits mit dem übersteigerten Sendungsbewusstsein einer auserwählten Minderheit verbinden liess.

Die Ursprünge der katholischen Brugger Pfarrei St. Nikolaus gehen auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Vorher waren die wenigen Katholiken in Brugg und Windisch formell dem Pfarrer von Birmenstorf unterstellt; seelsorgerisch wurden sie von einem Kaplan aus Gebenstorf betreut. 1898 wurde dann eine «Missionsstation» in Brugg gegründet. Brugger Katholiken gelangten mit einer Petition an den Stadtrat, Örtlichkeiten für Gottesdienste und Religionsstunden für die Kinder zur Verfügung zu stellen. Dieser reagierte positiv, und die Katholiken gründeten eine Genossenschaft, um dem Kirchenleben eine organisatorische Grundlage zu geben. Der Bischof unterstützte dieses Vorhaben. Am Neujahrstag 1899 fand im Singsaal des Hallwyler Schulhauses der erste katholische Gottesdienst in Brugg seit der Reformation statt. Im gleichen Jahr trat der erste Pfarrer, Hochwürden Fridolin Umbricht, seine Stelle an.

Die Bezeichnung «Missionsstation» bringt es auf den Punkt: Hier ging es darum, in traditionell reformiertem Gebiet eine katholische Keimzelle aufzubauen, eine sogenannte Diasporagemeinde. Die junge Brugger Pfarrei genoss denn auch die Unterstützung der Inländischen Mission der katholischen Kirche. Sie wurde zu einem ihrer wichtigsten Stützpunkte im Kanton. Die Inländische Mission war 1863 zur geistlichen, finanziellen und materiellen Unterstützung von Diasporagemeinden gegründet worden; eine ihrer wichtigsten Aufträge war die ausreichende Versorgung von Diasporagemeinden mit Priestern. Viele Geistliche in den katholischen Stammlanden fürchteten nämlich, dass Katholiken, die als Arbeitskräfte in reformierten Gebieten wohnten, bald ihrem angestammten Glauben entwöhnt würden. Schlimmer noch: Sie würden bei einer allfälligen Rückkehr in ihre Heimat die zurückgebliebene Bevölkerung negativ beeinflussen und in deren Glauben gefährden. Man war deshalb fest entschlossen, unter den Katholiken in den Diasporagemeinden den Glauben zu festigen. Allerdings war der Dienst in der Diaspora unter den katholischen Priestern oft nicht sehr beliebt; deshalb entsandte die Inländische Mission vorwiegend junge Geistliche, die gerade das Priesterseminar absolviert hatten, ins reformierte «Feindesland».

Nach der Bestellung eines Priesters stand für die Katholiken der Region Brugg Zugang zu einer ansprechenden Kirche auf der Tagesordnung. Gottesdienste fanden in profanen Bauten statt, unter anderem in der Turnhalle der Schützenmatte. Auf die Dauer galt das den Katholiken als unwürdiger Zustand. Der Stadtrat versprach finanzielle Unterstützung für den Bau eines katholischen Gotteshauses, und schliesslich wurde eine Parzelle an der Renggerstrasse erworben. 1905–1907 entstand nach den Plänen des Rorschacher Architekten Adolf Gaudy ein neubarocker, dem heiligen Nikolaus geweihter Bau. Besitzer der neuen Kirche war allerdings nicht die Kirchgenossenschaft, sondern ein privater Verein aus dem Bischof und Papst besonders treu ergebener Katholiken. Eine solche Konstruktion für den Besitz des Gotteshauses war nicht ungewöhnlich im Aargau – auch in Möhlin oder in Kaiseraugst gehörte die Kirche einem privaten Verein. Der Grund für diese Konstellation ging auf den erwähnten Kulturkampf zurück. In dessen Verlauf hatte der Kanton in einzelnen Fällen Kirchen konfisziert und den Christkatholiken5 übergeben. Mit der Schaffung eines Vereins als Besitzerin der Kirche hoffte man seitens der Geistlichkeit, eine ähnliche Situation im Falle einer neuen Konfrontation zwischen Staat und Kirche zu verhindern. Die Regularisierung der Verhältnisse der Brugger Katholiken kam schliesslich mit der Genehmigung der Errichtung einer römisch-katholischen Kirchgemeinde durch den Grossen Rat, inklusive des Rechtes auf die Besteuerung der in Brugg und Windisch wohnenden Katholiken.

Das Pfarreileben nahm mit der Bestellung eines Priesters und dem Bau einer Kirche einen beachtlichen Aufschwung. Es entstanden zahlreiche Vereine, welche praktizierenden Katholiken Gelegenheit gaben, ihre Freizeit unter Gleichgesinnten zu verbringen: Kirchenchor, Mütterverein, Marianische Jungfrauen-Kongregation, Jünglingsverein, Blauring, Jungwacht, Männerverein. Die 1920er- bis 1940er-Jahre bildeten gewissermassen den Höhepunkt dieses katholischen Vereinslebens in der Pfarrei Brugg. Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft ab den 1950er-Jahren sowie das Aufkommen von Radio und Fernsehen als wichtige Gestalter des Freizeitverhaltens beendeten dann nach und nach die Dominanz der Vereine und leiteten deren Niedergang ein, wobei einige Vereine des katholischen Milieus, etwa die Jungwacht, den Niedergang besser bewältigten als andere. Übrigens war es so, dass längst nicht alle in Brugg und Windisch ansässigen Katholiken am Pfarrei- und Vereinsleben teilnahmen. In den 1920er-Jahren war es nach Schätzung des damaligen Pfarrers bloss etwa die Hälfte. Einer der Gründe für diese immer wieder beklagte, «laue» Beteiligung vieler Katholiken sah man in den Gefahren konfessionell gemischter Ehen. Darum wurde lange Zeit katholischen Ehen konsequent der Vorzug gegeben; Mischehen waren verpönt. Gerade das Vereinsleben war aus dieser Perspektive eine nicht zu unterschätzende Heiratsbörse, selbst wenn die meisten Vereine nach Geschlechtern getrennt geführt wurden. Davon ausgenommen war einzig und allein der Kirchenchor Cäcilia. Da viele Mitglieder des Kirchenchors überdies Mitglied eines oder mehrerer anderer Vereine war, entwickelte er sich zu einer Art «Superverein» des katholischen Milieus von Brugg, welcher für viele wie Margrit den Kern eines vielfältigen persönlichen Beziehungsgeflechts in der Pfarrei bildete.

Prägende Figuren der Gemeinde waren die jeweiligen Priester. Von den 1940er- bis 1960er-Jahren hatte Brugg drei davon. Sie hätten von der Persönlichkeit und vom Charakter her nicht unterschiedlicher sein können. Hermann Reinle amtete von 1941 bis 1955. Er stammte aus einer begüterten Industriellenfamilie und war eine autoritäre, stolze Figur mit intellektuellem Anspruch, der im belgischen Löwen, in Luzern und schliesslich in Rom studiert hatte. Er herrschte über seine Pfarrei als eigentlicher «Herrenpfarrer», der sich vor allem mit den Mächtigen und Einflussreichen gut stellte. Zu den einfachen Pfarreiangehörigen hielt er eher Distanz. Nach seiner Brugger Zeit wurde er an die angesehene Jesuitenkirche in Luzern berufen – ein für einen Kirchenmann seines Formats durchaus würdiger und imagegerechter Karriereschritt. Er beendete seine priesterliche Laufbahn als Domherr. Von 1961 bis 1977 präsidierte er die St. Lukasgesellschaft, eine Vereinigung von Schweizer Kirchenkünstlern und Architekten, welche das Sakrale mit der modernen Kunst zu verbinden suchte. Margrit betreute vor ihrer Ausreise nach Ruanda das Sekretariat dieser Vereinigung. Auf Reinle folgte Albin Fischer aus dem aargauischen Stetten. Der Gegensatz zwischen ihm und Reinle hätte nicht grösser sein können. Fischer war gesellschaftlich und politisch eher auf der progressiven Seite, was seinen Ausdruck etwa darin fand, dass er nach seiner Amtszeit in Brugg nach Ruanda in die Mission ging und dort Partei für den afrikanischen Nationalismus ergriff (siehe «Leben am Wendepunkt», S. 92). Von seiner Persönlichkeit her war er kein «Einfacher». Er hatte klare Vorstellungen und hielt mit seinen Meinungen nicht hinter dem Berg, was nicht bei allen Pfarreiangehörigen immer gut ankam. Auch Eitelkeit war ihm nicht ganz fern: So spendete er bei seinem Abgang aus der Pfarrei dem Jünglingsverein 500 Franken für deren Stube, verlangte aber als Bedingung, dass diese Stube fortan seinen Namen trage. Schon bald waren seine Beziehungen innerhalb der Pfarrei, insbesondere zu deren «besseren Kreisen», arg strapaziert; es ging zum Teil um kleinliche Geldangelegenheiten. Fischer hielt es denn auch nur vier Jahre aus. Lorenz Schmidlin als sein Nachfolger wiederum war eine ausgleichende Gestalt. Er hatte bereits zwischen 1954 und 1956 als Vikar in Brugg gewirkt und kannte die Gemeinde, als er die Pfarrstelle antrat. Gross gewachsen und vom Typ her distinguiert, deckte sich sein Pfarrerverständnis wieder mit dem jener Personen, die im Priester in erster Linie eine Autoritätsperson sahen und zu ihm aufblicken wollten. Unter diesen Pfarrern diente eine Reihe von Vikaren, denen, wie erwähnt, die Jugendarbeit anvertraut war. Dazu gehörte etwa in den frühen 1940er-Jahren der spätere Bischof von Basel, Anton Hänggi.

Neben dem Pfarrer und den Vikaren gab es in der Gemeinde so etwas wie einen Kreis von besonders angesehenen und vermögenden Gemeindemitgliedern, die mit der Zeit auch Teil der Brugger Elite wurden. Sie bildeten den Kern des erwähnten Kirchenvereins, dem bis in die 1970er-Jahre die Kirche gehörte. Dieser exklusive Zirkel bestand aus einer Handvoll sorgfältig ausgesuchter Männer, die alle in der Konservativen Partei aktiv waren, der Vorläuferorganisation der heutigen CVP. Neuaufnahmen gab es nur mit Zweidrittelmehrheit. An der Spitze des Kirchenvereins stand immer der Pfarrer. Zur «besseren Gesellschaft» der Brugger Katholiken zählten verschiedene Individuen und Familien, so etwa die Apotheker Max Brentano und Ernst Tschupp, Lehrer Ernst Birri, die Baumeister Carlo Tognola und Karl Neuhaus, der Windischer Arzt Dr. Casimir Willi, Rechtsanwalt Rudolf Mühlebach sowie die Familie von Max Mühlebach, dem langjährigen Inhaber des gleichnamigen Papierhandelsunternehmens. Auch der Verwaltungsdirektor von Königsfelden, Josef Mühlefluh, der Bijoutier Eduard Boutellier, der Künstler Willi Helbling sowie später der Direktor der Autofinanzierungbank Aufina, Bösch, zählten zu dem erlauchten Kreis. Diese «bessere Gesellschaft» trat immer wieder als grosszügige Spenderin in der Gemeinde auf, so etwa bei der Stiftung neuer Glocken im Juni 1962. Sie hatte auf die Integration der Katholiken in Brugg insgesamt einen positiven Einfluss: Da sie selbst nach und nach Teil der Elite wurden, verschwanden in der Bevölkerung die Trennlinien zwischen reformiert und katholisch – ein Prozess, der sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte. Als Sinnbild für die gelungene Integration kann die Fasnacht als speziell katholischer Brauch genommen werden: Ursprünglich nur als Pfarreifasnacht im Roten Haus gefeiert, wurde sie 1947 dank einer Initiative des – religiös unverdächtigen – Fussballclubs zu einem populären Fest für alle Brugger.

Da die Zahl der Katholiken in Windisch nach dem Zweiten Weltkrieg rasch zunahm, wurde die Idee einer eigenen Windischer Pfarrei immer dringender. Bereits 1950 erwarb der Kirchenverein neben dem Amphitheater ein Grundstück für eine allfällige Pfarrkirche. Weil man Proteste und Verhinderungsversuche seitens reformierter Kreise befürchtete, geschah dies heimlich über einen Strohmann. Es dauerte eine geraume Weile, bis nach dem Landerwerb weitere Schritte folgten. Doch schliesslich kam der Kirchenbau mit Pfarrer Schmidlin in Fahrt. Eine Baukommission unter der Leitung von Josef Studiger, dem Geschäftsführer des SPV, nahm die Arbeiten zur Errichtung der Kirche auf. Im Mai 1965 konnte das moderne Gebäude – konzipiert von einer Architektin – offiziell eingeweiht werden. Das Gespann der landwirtschaftlichen Schule Königsfelden holte die Glocken für die neue Marienkirche in der Giesserei Aarau ab und brachte sie in einem festlichen Umzug nach Windisch; der Bischof persönlich weihte sie. Pfarrer des neu geschaffenen Sprengels wurde der damals 41-jährige Eugen Vogel, der zum Aufbau der Pfarrei Windisch eigens aus Aarau, über den Umweg eines kurzen Vikariats in Brugg, geholt worden war. Er bekleidete sein Amt als Pfarrer von Windisch bis 1992 und sollte wie Margrit später das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde erhalten. Vogel leistete beträchtliche Aufbauarbeit für die anfänglich in Windisch nach wie vor nicht einfache Integration der Katholiken. Mit seiner leutseligen und unkomplizierten Art trug er viel dazu bei, dass sich das Verhältnis zwischen Reformierten und Katholiken im Agglomerationsdorf Windisch rasch normalisierte.

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