Kitabı oku: «Das große Heimweh», sayfa 4
Als das Winterhalbjahr zu Ende war, mußte ein Entschluß gefaßt werden. Ich gab meine Lehrtätigkeit auf, um mich ein oder zwei Jahre lang frei meinen Forschungen hinzugeben. Der Plan eines neuen großen Werkes stand vor meinen Augen. Ich trug ihn Margarete vor. Aber ihre Neigungen lagen auf einem anderen Gebiet. Und der Gedanke einer Studienreise durch ein paar Erdteile mit allen ihren Mühseligkeiten, aber auch mit aller ihrer Forscherwonne, erschien ihr geradezu als eine Ungeheuerlichkeit, als ein Anschlag gegen die Freiheit ihrer Persönlichkeit. Da ich auf meine Reise nicht verzichten konnte und verzichten durfte, ohne mich und meine Zukunft einfach aufzugeben, so traf ich allein meine Reisevorbereitungen, in der stillen Hoffnung natürlich, sie werde sich dem Ernst meines Entschlusses beugen. Das geschah nun keineswegs. Und so blieb mir als Notanker nur der Gedanke, daß eine zeitweilige Trennung uns wieder näher bringen werde. Ihr Programm ging dahin, den Sommer bei Bekannten auf einem Gut zu verleben, eine Kur in einem Wildbad anzuschließen und sich für den Winter mit einer Gesellschafterin zum Genuß einer Konzert- und Theatersaison einzurichten. So wenig hatten wir uns im Grunde noch zu sagen, daß wir unsere gegenseitigen Pläne guthießen und das übrige der Zeit anheimgaben.
Ich blieb ein Jahr lang draußen. Jetzt erst merkte ich, was aus mir geworden war, was ich brauchte, um mich wieder in die Höhe zu schnellen. Mit beiden Fäusten packte ich die Arbeit an. Und in der Arbeit fand ich mich wieder. Jede Woche schrieb ich meiner Frau einen Brief. Die Antworten trafen unregelmäßiger ein. Ihr Programm hatte sie längst gewechselt. Auf dem Landsitz war die Dame des Hauses der Eifersucht unterlegen und die Stimmung ungastlich geworden. Statt des kleinen Wildbades kamen Trouville und Biarritz an die Reihe. Und der Genuß des Theaterlebens wurde dahin abgeändert, daß sie selber handelnd eingriff, zu großen künstlerischen Veranstaltungen auf der Bühne erschien und sich als Heimgekehrte von einem tobenden Publikum bejubeln ließ. Alles das erfuhr ich stets, wenn es geschehen war. Selbst, wenn ich ein Verbot erlassen hätte, wären Umwege von ihr gefunden worden. Denn sie war unwahrhaftig und ihr Wirklichkeitsstil nur größtes Kunstvermögen.
Mehrere Male hatte ich sie gebeten, nachzukommen, mich in dieser oder jener indischen Stadt zu treffen. Nein, es lockte sie nicht. Sie nannte das vegetieren und nicht leben. Sie fühle sich sehr wohl daheim und wünsche nur, daß mir meine Arbeiten eine ebenso große Heiterkeit des Gemütes bescherten. Das Verletzende traf mich nicht. Die Waffen eines ungleichen Gegners vermochten mir nur ein tiefes Bedauern zu erwecken. Aus der Liebe war Pflicht geworden. Ich konnte wieder lächeln.
Dann kam ich heim. Und fand sie in ihrer Kunst gewachsen. In der Kunst, alles zu nehmen und nichts zu geben, alle Hoffnungen zu erwecken und bis zur lodernden Flamme aufschlagen zu lassen und nicht eine im Ernstfall zu erfüllen. Das Spiel einer schlanken, schönen, gänzlich seelenlosen Katze. Mich konnte es nicht mehr packen wie in den ersten Jahren. Ich hatte meine Arbeit, und der ergab ich mich. Ihr Charakter war für mich nicht mehr als der eines historischen Studienobjektes, den ich ergründet hatte.
Aber nach Jahr und Tag wurde ich jäh aus meiner Zurückhaltung herausgeschleudert. Wohl wußte ich auf Grund meiner Bankauszüge, daß in meinem Hause mit dem Gelde geschleudert wurde. Nun, noch konnte ich es ertragen. Wer es aber nicht ertragen konnte, waren einige der Freunde und Verehrer, die sich zugrunde richteten, um ihrer Königin Feste veranstalten zu können. In einer Nacht wurde ich in die Wohnung eines Beamten gerufen, der Frau und Kinder besaß. Frau und Kinder hatte er vor wenigen Tagen zum Besuch der Großeltern in irgendeine Stadt gesandt. Als ich das Zimmer betrat, lag er mit blutiger Fratze vor seinem Arbeitstisch im Sessel.
Er lebte noch. Die Kugel aus eigener Hand hatte ihn gräßlich zugerichtet. ›Professor!‹ stöhnte er. »Ich bin auch hierin ein Stümper gewesen. Jetzt betrüg' ich mich noch um einen anständigen Tod, wie ich mich um ein anständiges Leben betrogen habe. Dreißigtausend Mark fehlen in der Regierungskasse. Eine Kleinigkeit für Sie, für mich – der Tod. Ich lieg' hier schon eine Stunde seit dem schlechten Schuß. Als ich zu mir kam, dachte ich an die Meinen. Zum erstenmal seit langem – langem. Da kam die Todesangst: du nimmst auch ihren anständigen Namen mit, wenn das da – das da nicht gedeckt wird!›
›Weshalb taten Sie das Allerletzte?‹ fragte ich tief bewegt.
›Das – fragen Sie?‹ stöhnte er. ›Sie? – Nun ja. Sie haben sich stärker gezeigt, ich – war ein Schwächling – verblutete mich – für eine Frau, die Blut trinkt – und mit Steinen bezahlt. Meine Kinder! Helfen Sie!‹
Auf dem Schreibtisch lag, in Stücke zerrissen, eine Photographie. Ein paar Augen blickten mich an … Ich nahm die Fetzen auf und hielt sie dem Sterbenden hin. ›Deshalb?‹ fragte ich.
Er richtete sich auf. Sein bluttriefendes Gesicht verzerrte sich. Den letzten Atem holte er aus der Brust:
›Pfui Teufel – des–halb …‹
Und fiel tot in den Stuhl.
Der Arzt war eingetreten. Das jammernde Dienstmädchen wurde beruhigt und in die Küche geschickt. Ein Unfall, wurde ihr gesagt. Beim Nachsehen der Pistole ein Schuß losgegangen. Und in meinen Ohren das Pfui Teufel des Toten, riß ich mich mit übermenschlicher Kraft zusammen und vermochte den Arzt, der den Tod festgestellt hatte, zunächst mit mir zu dem Vorgesetzten des Verstorbenen zu fahren. Wir wurden sofort empfangen, trotzdem es gegen Mitternacht ging. Und ich berichtete dem alten Herrn, daß der Verstorbene in einer Art von geistiger Verwirrung aus der Regierungskasse einen persönlichen Fehlbetrag gedeckt habe, daß er mir in letzter Stunde gebeichtet habe und ich bereit sei, um der Ehre der Hinterbliebenen willen die Summe sofort zu ersetzen.
Der alte Herr, tief betroffen, nahm meinen Vorschlag augenblicklich an. Er tat es wohl mehr um der Ehre seiner Beamtenschaft willen. Die nötigen Schritte mit dem Polizeipräsidium wurden auf der Stelle eingeleitet, und wir gaben uns ein Schweigeversprechen. Ich breche es dir gegenüber nicht.«
Wuppermann schüttelte den Kopf. Er saß mit zusammengebissenen Zähnen auf seinem Stuhl.
»Dann,« fuhr Wegherr fort, »dann befand ich mich allein auf der Straße, allein in der Nacht, so recht und wahr mutterseelenallein. Ich ging nach Hause und fand meine Frau aus einer Theatervorstellung heimgekehrt. Sie saß mit einigen Herren und Damen in lauter Unterhaltung bei einem Glase Wein. Ich ließ sie in mein Zimmer bitten, und sie erschien höchst verwundert.
›Mein hoher Herr befiehlt?‹
›Schicke auf der Stelle die Leute fort,‹ gebot ich ihr ruhig. ›Die nächste Stunde verträgt kein Publikum.‹
›O, diese nächste Stunde hat bis morgen Zeit,› antwortete sie gelassen und wandte sich zur Tür.
›Du wünschest also, daß ich die Herrschaften selber auffordere?‹ fragte ich. ›Nun, wie du willst.‹
Sie wandte sich blitzschnell nach mir um. Unsere Blicke kreuzten sich. Der meine hielt stand. Da gewahrte sie, daß es Ernst geworden war, nickte mir oberflächlich zu, ging und kehrte nach einigen Minuten zurück.
›Also was gibt es denn so Wichtiges in aller Welt, daß du mir meine harmlosen Freuden störst?‹
›Dein Freund, der Oberregierungsrat, hat sich erschossen.›
Alles in ihr schnellte hoch. Das Gesicht war wie eine Maske der Spannung. Ein paar Sekunden stand sie wie aufgepeitscht. Dann glitt die Spannung von ihr ab, und sie sagte lässig nur zwei Worte: ›Der Dummkopf.‹
Da packte ich sie bei den Handgelenken und schleuderte sie weit von mir, daß sie in der Zimmerecke zusammensank.«
Wegherr hatte sich erhoben. Wuppermann mit ihm.
»Gib mir ein Glas Wein,« sagte Wegherr rauh. Und er trank es in einem Zuge.
»Das war der Schluß, Georg, oder doch wenigstens der Anfang dazu. Denn sie zog ihn verteufelt in die Länge. In der Nacht noch hatte sie das Haus verlassen und ein Hotel aufgesucht. Durch einen Rechtsanwalt schickte sie mir ihre Adresse. Ich ersuchte sie um die Scheidung. Sie spielte die Beleidigte und Gekränkte. Ich ersuchte um die Vorschläge der anderen Seite. Die Antwort war, daß nur in Verhandlungen eingegangen würde, wenn ich von vornherein jegliche Schuld auf mich nähme. Diese Mitwirkung in der Komödie aber war mir zu arg. Meinen anständigen Namen wollte ich mir auf jeden Fall erhalten. Ich bot ihr die Hälfte meines Vermögens bei einer Entscheidung innerhalb vierundzwanzig Stunden. Da griff sie zu und reiste ab, um ihrerseits ›böswilliges Verlassen‹ herbeizuführen. Die Ehescheidungsklage wurde anhängig gemacht, die Aufforderung zur Rückkehr erlassen, der ganze Apparat, erfunden, um einen anständigen Menschen sich selber zum Ekel zu machen, in Tätigkeit gesetzt. Ein ganzes Jahr lang mußte ich mich gedulden. Dann erst konnte nach dem Gesetz der Klage nachgegeben werden. Und wieder verging ein halbes Jahr mit Terminen, Sühneversuchen und Gegenüberstellung, bis das Urteil verkündet wurde. Ich war frei.«
Stumm griff Wuppermann nach den Händen des Freundes und schüttelte sie.
»So bin ich denn herübergekommen, Georg. Andere Luft, andere Menschen, andere Verhältnisse – alles anders mußte ich haben. Um wieder der alte zu werden, mein Junge. Da hast du meine Beichte.«
»Kein Wort mehr davon, Ernst. Und da dachte ich wunder welche Kämpfe ich bestanden hätte. Und war nur mit den Fäusten beteiligt und dem bißchen Mutterwitz. Während du – Himmelherrgott, es liegt mir nicht. Kein Wort mehr davon. Du bist hier, und ich wünsch' dir eine funkelnagelneue Gesundheit in der neuen Welt.«
»Ja,« sagte Wegherr, »eine neue Welt muß mir schon aufgehen.«
»Für Leute wie dich gibt's in Amerika Arbeit in Hülle und Fülle. In der Arbeit lernt man das Vergessen.«
Wegherr streckte sich geradeauf. Sein Kopf machte eine jähe Bewegung.
»Ich habe bereits vergessen, Georg. Nein, du, hier steht kein Kranker. Aber neu aufbauen möchte ich, mit der alten Begeisterung, etwas, das wie Heimat aussieht.«
Und dann saßen sie noch eine Weile zusammen und sprachen von der Herzbachstraße und den Menschen der Herzbachstraße, ließen Tote auferstehen und die Lebenden ihr Sprüchlein sagen und waren bald vom alten Heimatzauber so dicht umsponnen, daß sie sich nur schwer zu trennen vermochten.
»Gute Nacht.«
»Gute Nacht und sechs Stunden gesunden Schlaf. Dann lacht das Leben, und wenn's Bauernjungen regnet.«
4
Um die zehnte Morgenstunde trat Ernst Wegherr, erfrischt und erwartungsvoll, aus seinem Zimmer. Und gleich warf sich eine frohe Sonntagsstimmung auf sein Herz. Da kauerten vor seiner Tür vier junge Menschlein, die den Morgenschlaf des fremden Onkels bewacht hatten und den Freund des Vaters stumm, aber mit leuchtenden Augen begrüßten.
»Ei, das nenne ich aber einen schönen Morgengruß. Ihr seid ganz gewiß die Brüderlein und Schwesterlein Wuppermann?«
Der achtjährige Älteste übernahm die Vorstellung.
»Ich bin der Bill, und das ist der Will, und die da ist die Cary, und die da ist die Mary.«
»Das werde ich mir merken, ihr Brüderlein und Schwesterlein.«
»Eigentlich,« fügte Bill hinzu, »sind nur ich und Cary ganz richtig Bruder und Schwester.«
»Wie ist denn das möglich, mein Junge?«
»Ich und die Cary sind doch Zwillinge. Die anderen sind nur später so dazugekommen.«
»Ach,« machte Wegherr ernsthaft, »an diese feinen Unterscheidungen werde ich mich noch gewöhnen müssen. Aber sagt doch mal, wie lange sitzt ihr denn schon hier auf der Treppe?«
»Seit sieben Uhr. Wir wollten doch die ersten sein.«
»Dann kommt doch noch mal mit in mein Zimmer. Eine Ehre ist der anderen wert!« Und die Kinder drängten lachend nach. »Seht ihr, die Koffer waren schon eher da als der Onkel. Und nun hebt mal diesen Deckel auf. Aha, ihr habt Kräfte. So, da liegen vier Pakete Schokolade und Zuckerzeug. Für wen mögen die da wohl liegen?«
»Für uns!« schrien die vier Stimmchen.
»Wahrhaftig,« staunte Wegherr, »ihr könnt raten! Drauf! Holt sie heraus!«
Und vier schlanke Menschenkörperchen lagen über dem Koffer.
Dann traten die Knaben vor und reichten die Hand. »Danke, Onkel. Wie heißt du?«
»Onkel Ernst.«
»Ernst? Du bist aber doch so lustig?»
»Ein Onkel mit Schokolade ist immer lustig, auch wenn er Ernst heißt.«
Das leuchtete den Kindern ein, und nun traten die Mädchen vor, stellten sich auf die Zehen und streckten die Mäulchen zum Kuß. Ernst Wegherr küßte sie und auch die Knaben. Ihm war so wohl zumute wie seit Jahren nicht. »Wir werden gute Freunde sein, was, Kinder?«
»Das sind wir schon, Onkel,« sagte Bill und lockerte die Bindfäden seines Paketes. Und Will entnahm aus der neuen Freundschaft sofort das Vorrecht der Vertraulichkeit und fragte flüsternd: »Hat der Papa, als er klein war, auch alsmal Haue gekriegt?«
»Aber, aber!« sagte Wegherr verwundert. »Du kriegst doch sicher keine.«
Da schwieg der kleine Kerl beschämt, versicherte sich durch einen hastigen Rundblick, daß Bruder und Schwestern nichts von seiner Flüsterfrage aufgefangen hatten, und brachte im Verein mit den dreien den Onkel im Triumph die Treppe hinunter, auf die Diele. Dort stand stark und selbstsicher Georg Wuppermann, den Arm um eine junge Frau mit frohen, ernsten Augen gelegt.
»Da hast du ihn, Mary. Das ist Ernst Wegherr, mein ältester und liebster Freund.«
»Es könnte mir keiner in diesem Hause so willkommen sein, als Sie es sind, Herr Doktor.«
Sie sprach das Deutsche mit englischem Tonfall. Wegherr hörte es nicht. Er hörte nur den gütigen Klang der Stimme, sah nur den klaren Blick der Frauenaugen, der lächelnd von ihm zu dem Freunde hinüberschweifte, und spürte den festen Druck der Hand.
»Ich danke Ihnen von Herzen,« erwiderte er. »Kindheitsfreundschaften sind die festesten im Leben. Daher bin ich auch so eilig der Einladung Ihres Mannes gefolgt.«
»Sie machen ihm eine große, große Freude, Herr Doktor, und daher auch mir.«
Wuppermann trat herzu. Den Stolz darüber, daß die beiden sich gefallen hatten, las man von seinem Gesicht. »Wie hast du geschlafen, Ernst?«
»Vortrefflich. Ich wüßte nicht, wann ich je so tief geschlafen hätte.«
»Und die vier Rangen haben dich nicht gestört? Was? Onkels Koffer habt ihr schon geplündert? Frau, der Ernst Wegherr ist hier unter die Räuber gefallen. Laß das Frühstück kommen, damit wir ihn und uns beruhigen.«
Die Kinder durften in den Garten. Sie hatten ihr Frühstück schon um sieben Uhr eingenommen und mußten sich bis zum Lunch gedulden. Auch schien ihnen das Öffnen der Pakete in geschütztem Gartenwinkel augenblicklich unterhaltsamer. Sie verschwanden, ohne sich zweimal bitten zu lassen. Draußen schien hell die Sonne des indianischen Sommers.
Ein weißgekleidetes Mädchen deutscher Herkunft bediente. Es wurden frische Früchte gereicht, die den Appetit anregten. Eine Schüssel Maisbrei folgte. Eier mit gebratenem Speck, Brot, Butter und Kaffee machten den Beschluß.
Man saß beisammen, als gehöre der Gast längst der Familie an. Man besprach den vergangenen Tag und alle Erlebnisse, die Freuden und Leiden der Kinder, die Arbeiten der kommenden Woche und gab sich doch bei jedem Wort der stillen Wonne des arbeitsfreien Sonntags hin. Nach beendetem Frühstück begab sich die Hausfrau in die Küche, um nach dem Rechten zu sehen, und die Herren zündeten sich eine Zigarre an und ergingen sich im Garten. Sie sprachen nicht viel. Sie atmeten tief die sonnige Luft, blieben vor jeder Herbstblume stehen, horchten auf den herüberschallenden Jubel der Kinder und nickten sich zuweilen lächelnd zu.
»Sonntagsruhe« … sagte Wuppermann.
»Wie daheim, wenn unsere Alten sich die Pfeifen stopften und sich mit der Zeitung ins Freie setzten.«
»Wart, ich hab' die Zeitungen in der Tasche. Aber selbstverständlich.«
Und sie lagen auf langgestreckten Rohrstühlen in der Sonne, lasen, rauchten, zwinkerten wohlig ins Licht und warfen sich nur hin und wieder eine Frage und eine Antwort zu.
»Ausspannung,« sagte Georg Wuppermann. »Wer weiß heute noch, was Ausspannung ist? Und der Mensch braucht sie wie das tägliche Brot.«
»Ich lerne auch das wieder, Georg. Bei uns nennt man Ausspannung: das Treiben auf einem anderen Feld beginnen.«
Und wieder lagen sie still, atmeten tief und ließen sich von der Sonne bescheinen. Die Zeitungsblätter knitterten leise, der Rauch der Zigarren stieg in Kräuseln hoch, im Gebüsch raschelte ein Vogel, und ein Lufthauch wehte den Klang der Kinderstimmen herüber.
Am Lunch nahmen auch die Kinder teil. Die Hausfrau saß in hellem Kleide zwischen dem Gast und ihrem Mann, und dem Hausherrn lag das Amt des Vorlegers ob. Er füllte die Teller und reichte jedem das seine. Patriarchalisch wie zu Zeiten der ersten Einwanderer. Als er Wegherrs Blick gewahrte, schmunzelte er.
»Das findest du noch in den meisten Kreisen, und es hat was für sich. Zunächst zeigt es den Mann als das Haupt der Familie – lächele nicht, meine liebe Mary, es ist so – zweitens nimmt es der vom Haushalt ermüdeten Frau eine Arbeit ab, denn Dienstboten waren rar und sind es heute noch, wenn du keine Meinung für Nigger hast, und drittens setzt es der falschen Bescheidenheit ein Ziel, die nicht zuzulangen wagt. Hör mal, mein lieber Bill, an deines Vaters Tisch wird Deutsch gesprochen.«
Der Junge, der sich mit seinen Geschwistern englisch unterhalten hatte, errötete, brach den Satz ab und führte ihn dann in deutscher Sprache zu Ende.
»Er geht nämlich seit zwei Jahren drüben im Städtchen zur Schule,« erklärte der Hausherr. »Und von Stund an herrscht das Englische. Bestenfalls, wenn die Eltern Zeit und Lust haben, darauf zu achten, das Zweisprachige. Es ist ein Krebsschaden für die Weiterentwicklung des Deutschtums. Aber die Schulen sind nun mal so.«
»Und da sollte nichts zu machen sein?«
»Wir sind in Amerika, und die Landessprache ist Englisch. Das zieht den Deutschen selbst dort, wo er sich in der Überzahl befindet, an wie Fliegenpapier. Ich lege hier noch einen Hebel vor.«
»Und was sagt euer Frank Willart dazu?«
»Er kommt morgen abend von Philadelphia herüber. Da frag ihn lieber selber. Ihr seid gescheiter als ich.«
Die Hausfrau sah zum Gast auf. »Nicht wahr, ich habe einen sehr dummen, deutschen Mann.«
»Der Papa ist ein Schlauberger!« schallte es von der Tischecke.
»Ruhig, ihr Rangen! Wer hat das gesagt?«
»Der Großvater. Er sagte erst in voriger Woche zu einem Gentleman: Dieser Mr. Wuppermann steckt euch noch alle zusammen in die Tasche, denn er ist ein Schlauberger, der über seine und eure Nase wegsieht.«
»Aber ich sehe eine, und das ist eine Weisnase,« drohte der Vater, und die Kinder jubelten vor Vergnügen.
An diesen amerikanischen Sonntag dachte Ernst Wegherr lange noch. Es kam nichts vor, das von einer besonderen Bedeutung für sein Leben hätte sein können, und doch blieb dieser friedevolle Tag ihm in der Erinnerung wie der Duft einer Blume.
Man war mit den Kindern in den nahen Wald gegangen und hatte nichts Anderes getan, als sich an ihrem Kräfteüberschwang und ihren lustigen Einfällen ergötzt. Man hatte sich auf einen Hügel gelagert und die Aussicht genossen, wie man ein stimmungstiefes Bild genießt. Und auf dem Heimweg war Wegherr neben der Hausfrau einhergeschritten, während der Freund mit den Kindern singend voranzog. Familienglück, dachte Wegherr, nichts weiter. Und doch die Quelle der Kraft.
»Ich habe mich sehr auf Sie gefreut, Mr. Wegherr,« sagte die Frau an seiner Seite. »Es war nicht nur mein Mann.«
»Das ist ein Wort, Frau Wuppermann, das mir Ihre Gastfreundschaft doppelt lieb macht.«
Die junge Frau sah ihn an. »Sie müssen sich bei Georg und mir nicht als Gast fühlen. Wenn es möglich wäre, daß Sie könnten, würde ich Sie bitten: bleiben Sie überhaupt hier oder siedeln Sie sich in der Nähe an. Wenn es möglich wäre, daß Sie sich einen anderen Lebensberuf wählen möchten, würde ich sagen: werden Sie Georgs Teilhaber. Es würde ihn sehr glücklich machen, und was ihn glücklich macht, schenkt er mir und den Kindern. Aber alles das ist ja nicht möglich. Sie werden eines Tages weiterreisen, und Sie hängen an Ihrem hohen Berufe. Und doch gibt es etwas, das Sie mir mitgebracht haben, mir ganz allein, und dafür danke ich Ihnen.«
»Was könnte das sein, gnädige Frau?«
Die junge Frau ging mit ihren ernsten, freundlichen Augen eine Weile still an seiner Seite.
»Wir Mädchen und Frauen hierzulande sind nicht empfindsam,« sagte sie dann lächelnd. »Wenn uns ein Mann gegenübertritt, so fragen wir, wer er ist, nicht woher er ist oder was er war. Das ist ja auch wohl natürlich bei den hundert Völkerschaften, aus denen der Amerikaner wird. Nur der Mann, der aus sich selber heraus etwas schafft, nötigt uns Achtung ab. Herkunft und Vergangenheit rühren kaum an unseren Gleichmut. Und mit diesen Empfindungen sah ich auch Mr. Wuppermann an, als er das erstemal zu uns kam, mit diesen Empfindungen wurde ich gern seine Frau. Und dann kam das Merkwürdige.«
Sie sah zu ihrem Begleiter auf. »Langweile ich Sie auch nicht, Mr. Wegherr? Meine Welt ist nicht groß.«
Er schüttelte den Kopf.
»Das Merkwürdige,« wiederholte sie. »Das Wesen dieses Mannes war so stark und unverzagt, so deutsch, wenn Sie wollen, daß das meine in allerkürzester Zeit aus dem amerikanischen Gleichmut erwachte, aufhorchte, ihm nachging und sich ganz nach ihm wandelte. Und so stark wurde das, besonders als die Kinder kamen, daß ich begann, mir auszumalen, wie er selber wohl früher, wie er als Kind und junger Mann gewesen sein mochte. Es fehlte meiner Liebe etwas, daß sie das nicht wußte, und sie hätte sich so gern auch in diesen Jugendgärten ergangen. Wohl erzählte er mir davon, oft und oft, aber mit Amerika fängt doch ein neues Leben, ein neuer Mensch für jeden an. Alles Frühere wird ihm ein nebelhafter Traum. Da sind Sie gekommen, sein Jugend-, ja, sein Kindheitsfreund, der so ziemlich allein für ihn die alte Heimat bedeutete. Und wenn ich Sie beide nun miteinander sprechen und miteinander lachen höre, sehe ich Georg plötzlich als kleinen Jungen auf seiner Herzbachstraße, denn ich sehe Sie, von dem er immer im selben Atem sprach, in Wirklichkeit vor mir als den lebendigen Zeugen. Nun wissen Sie, weshalb ich mich so auf Sie gefreut habe und was Sie mir mitgebracht haben. Es ist eine sehr selbstsüchtige Freude, ich weiß es.«
Mein Gott, dachte Wegherr, so etwas gibt es? So weit läuft eine Frau den Weg des Mannes zurück, um auch an dieser Wegstrecke ihren Teil zu haben? Und statt erbittert der eigenen Erfahrungen zu gedenken, ging es wie eine Woge ungeahnten Glückes durch ihn hindurch, und er wurde redselig wie zu einer alten Freundin und ließ die Gestalt des kleinen, kernigen Schmiedejungen vor ihren Augen erstehen, fern dem trennenden Tag, fern dem trennenden Weltmeer, und doch stand sie da, als sei sie heute, als sei sie greifbar nahe, und die Erzählungen von des Knaben Georg jungem Mute, seinen Straßenheldentaten, seiner derben Liebe zum Vater und seiner Treue zum Freunde, seiner Schulzeit und Lehrzeit sprudelten ihm fröhlich von den Lippen. Längst hatten die Augen der jungen Frau an seiner Seite den stillen Ernst verloren, längst waren sie leuchtend, mädchenhaft geworden, und oft flog ein helles Lachen in seine Schilderungen hinein. Da lag das Landhaus, in Frieden eingebettet. Jenseits des Gartens durch einen doppelten Baumwall von den Fabrikgebäuden getrennt. Beides ein Reich für sich. Und die junge Frau wies darauf hin und sagte: »Das hat er geschaffen. Das ist er!« Und reichte dem Freunde die Hand und sagte wieder: »Diesen Festtag aber danke ich Ihnen.«
Vor dem Gittertor aber standen in zwei Reihen aufgepflanzt die Kinder und grüßten militärisch. Und der Vater stand stramm als Offizier und meldete: »Ein Vater und vier Kinder, hungrig wie die Wölfe.« Da lief Frau Mary in die Küche, und bald rief der hallende Klang des Gongs alle, die in ihre Stuben geeilt waren, um sich aufzufrischen, zum Dinner in das Speisezimmer.
Es war ein festliches Mahl, und die Augen der Kinder wurden größer und größer. Die Hausfrau hatte noch Zeit gefunden, ein neues Gewand anzulegen, und die Kinder wußten nicht, ob sie mehr ihre strahlende Mutter oder die ungewohnte Speisenfolge bewundern sollten, entschieden sich aber schnell und einmütig für das letztere. »Ohm Ernst,« erklärte Bill, »du mußt lange hierbleiben. Weißt du, so fein haben wir's nicht alle Tage.«
»Deutscher Wein,« sagte Wuppermann, und die Gläser der Erwachsenen läuteten durch das Zimmer. »Geradenwegs aus dem Rheingau und selber bezogen. Der kalifornische ist eine Greueltat. In Amerika ist eben alles verdreht. Die Vögel singen nicht, die Blumen duften nicht, und der Wein – riecht. Na, prost, dieser hat Blume und duftet, bis wir statt der Vögel das Singen kriegen.«
Aber es wurde zuvor ein anderes Lied.
Als das Mahl sein Ende erreicht hatte, erhob sich die Hausfrau und ging leisen Schrittes ins Nebenzimmer. Und bald ertönte ein Harmonium in der Melodie eines alten Kirchenliedes, eines schlichten Dankgebetes. Stehend sangen es die Kinder mit. Ein wenig verlegen blickte Wuppermann auf den Freund. Der aber erhob sich ruhig und nahm an dem Gesange teil. Da schob auch der Hausherr schnell den Stuhl zurück und ließ kräftig seinen Baß erschallen.
Die Kinder waren noch ein Stündchen in den Garten gelaufen. Nun tauchten sie, eines nach dem anderen, schlummermüde wieder im Zimmer auf, und die Mutter nahm sie bei der Hand und führte sie zum Gutenachtgruß dem Gast und dem Vater zu. Sie selber ging mit ihnen hinauf, um sie zu Bett zu bringen.
Die Freunde saßen allein. Als Wegherr den Kopf hob, spürte er den Blick Wuppermanns auf sich ruhen. Wie eine stumme Frage.
Da erhob er sich, ging zu ihm hin und legte ihm beide Hände auf die Schultern.
»Georg,« sagte er, »daß bei dir das Heimweh geschwunden ist, das verstehe ich nun. Denn du hast deine Frau. Diese Frau.«
»Soll ich das als einen Glückwunsch nehmen?«
»Als einen Glückwunsch. Du hast Wurzel geschlagen.«
»Ein Restchen Heimweh bleibt uns immer.«
»Ja,« sagte Wegherr, »aber das ist anderer Art. Das verlangt nach Dingen, die unwiderruflich dahin sind. Das träumt von der Kinderzeit im elterlichen Schutz, von der Jugend in erster Freiheit, und die Erinnerung gibt allem die leuchtenden Farben. Deine Kinder führen ganz sicher ein besseres Leben, als wir es führten. Und doch ist uns zumute, als ob gerade unsere Kindheit die allerschönste gewesen wäre.«
»Du magst Recht haben, Ernst. Aber wir waren doch auch ganze Kerls.«
»Deine Kinder werden ganz genau so von sich selber denken. Besonders wenn sie einen Streich vollbracht haben, den der Vater vielleicht weniger schätzt. Da lachst du schon. Nein, Georg, die Jugend bleibt sich zu allen Zeiten treu, nur wir ändern uns.«
Ein Weilchen noch, und die Hausfrau kam zurück.
»Die Kinder schliefen schon,« berichtete sie, »als sie nur die Betten sahen. Aber den Onkel ließen sie doch noch einmal grüßen.«
»Wollen Sie nicht noch ein wenig Harmonium spielen?« bat Wegherr. »Der Sonntag hat so eine Art Harmoniumstimmung.«
»Wenn es Ihnen Freude macht, gern, Herr Doktor.«
Aus dem Nebenraum drangen die leisen, getragenen Klänge. Sie schufen das Zimmer in einen Andachtsraum um und machten aus kämpfenden Menschen Gläubige. Gläubige an eine Zukunft, die sie nicht sahen und doch warm verspürten. Jetzt klang es wie aus fernem Jugendland, als spielte die Orgel eines Dorfkirchleins, jetzt schwoll es an zu leidenschaftlichem Anrufen an den unsichtbaren Gott und die sichtbare Welt, als ränge eine Mannesseele mit den Stürmen drinnen und draußen, jetzt aber vereinigten sich die Klangwogen zu einem Siegessang voll tiefer Dankbarkeit, zu einem Erlösungslied voll Hoffnungsseligkeiten, und eine klare Frauenstimme setzte ein mit den Worten des Psalms:
»Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch Deine Hand daselbst führen und Deine Rechte mich halten.«
Und die Männer saßen noch lange und sannen den Klängen nach …
An diesem Abend wußte keiner mehr von Heimweh.
In der Morgenfrühe fuhr Ernst Wegherr aus tiefem, traumlosem Schlaf empor. Schwamm er noch auf dem Ozean? Heulten die Schiffssirenen durch den Nebel hindurch? Er sprang auf die Füße und sah das Morgenlicht durch die Fensterbehänge schimmern. Da wußte er es. Wuppermanns Fabriken begannen ihre Wochenarbeit.
Eine halbe Stunde später traf er den Freund auf der Diele. Sie begrüßten sich mit einem munteren Wort und setzten sich an den gedeckten Frühstückstisch. Da brachte auch schon die Hausfrau die Kinder.
Heute ging das Frühstück flott vonstatten. Der kleine Bill hielt noch eine Toastscheibe in der Hand, als er schon den Ranzen umwarf und mit kurzem Gruß hinausstürmte, zur Schule im Städtchen. Auch Wuppermann erhob sich bald und ließ sich von einem Töchterchen Hut und Stock reichen. »Willst du meiner Frau Gesellschaft leisten, Ernst?«
»Zum Feierabend. Jetzt möcht' ich mit dir in die Fabrik.«
»Recht so. Die Maschinenkolben haben auch ihre Musik. Bis nachher, Frau – adschüs, Kinder.«
Sie waren draußen in der frischen Morgenluft. »Ach,« sagte Wuppermann, »da springt einem das Herz vor Freud' bis in den Hals.« Und er sog mit geblähten Nüstern die Luft ein.
Sie überschritten den Hof der Maschinenfabrik, der voll dröhnenden Lebens war, durchquerten die Kontore der Schreiber und Zeichner, wünschten einen guten Morgen und verschwanden im Privatkontor. Die Post lag aufgeschichtet auf dem Tisch, und sofort machte sich Wuppermann darüber her. »Setz dich, Ernst, kannst mitlesen. Rauchen gestattet.« Und schon fuhr sein Falzbein durch die Umschläge. »Gut, könnt ihr haben. Sehr gut, sehr gut, Arbeit kann mir gar nicht zu dick kommen. Was? Beschwerden? Fauler Zauber. Preisdrückerei is nich, und Ausstellungen werden nur innerhalb vierzehn Tagen nach Empfang der Maschinen entgegengenommen.« Er drückte auf einen Klingelknopf. Ein Schreiber erschien in Hemdärmeln. Wuppermann diktierte: »Telegramm an Hawkins Brothers, St. Louis. Bitte beanstandete Maschine innerhalb acht Tagen frachtfrei zurücksenden. Neulieferung erst in sechs Monaten möglich wegen Orderüberhäufung. So. Firma darunter. Weg damit.« Der Mann verschwand.
»Könnte der Maschine nicht auf der Reise etwas zugestoßen sein?« fragte Wegherr.
»Keine Spur. Alle Teile werden wie die Wickelkinder verpackt. Und wenn schon. Kostet einen Schlossertagelohn von vier Dollar meinetwegen, und mir wollen die Halunken zweihundert Dollar in Abzug bringen. Die denken: nur immer riskieren, und ich denke: bange machen gilt nicht, das ist der ganze Unterschied.«
