Kitabı oku: «Das große Heimweh», sayfa 6
»Ausersehen ist ja noch nicht angenommen.«
»Sie sagen das so freudig bewegt, daß ich fast einen anderen Plan bei Ihnen vermute.«
Wegherr hob den Kopf. »Ich glaube wahrhaftig, da wird über mich verhandelt.«
»Merkst du was, lieber Ernst? Alle Hunde sind hinter dir her. Wir spielen Kesseltreiben.«
»Wenn Sie es nicht für überheblich halten, Herr Professor,« wandte sich Willart ihm zu, »daß wir nach Ihren amerikanischen Plänen fragen, so werden Sie sicherlich nirgendwo dankbarere Zuhörer finden und aufrichtigere Freunde.«
Wegherr verneigte sich leicht. Dann sagte er, und seine Stimme wurde ernst:
»Ich möchte das Land studieren. Ich möchte Land und Leute beobachten und daraus meine Schlüsse ziehen. Ein Geschichtsforscher hat viele Wege zu gehen. Er muß auf den Höhen schwindelfrei sein und sich nicht weniger unter den Massen zu Hause fühlen. Erst aus der Völkerpsychologie heraus kann er den Aufstieg des einzelnen verstehen und ihm gerecht werden, wie der Forscher es soll, und die Volksseele ist abhängig von dem Boden, aus dem sie geworden, von den Wirtschaftsbedingungen, von ihrer nächsten Umgebung und von den Nachbarn, an denen sie sich reibt. Wer Geschichte erforschen will, zu dem Zwecke, die Kultur zu fördern, darf nicht hinter dem Schreibtisch bleiben. Deshalb will ich mich in Bälde auf die Wanderschaft begeben.«
»Sie sprachen von Kulturförderung,« griff Willart das Wort heraus. »Sie würden es kaum gesagt haben, wenn Sie nicht damit eine ganz bestimmte Kultur ins Auge gefaßt hätten.«
»So ist es, Mr. Willart. Die Kultur richtet sich nach den Rassen. Unter Mischrassen nach der, die das moralische Schwergewicht bedeutet. So wenigstens sollte es sein, wenn das Land nicht den Schaden davontragen soll.«
»Sie sprechen von der deutschen Kultur?«
»Erweitern Sie für Amerika das Wort. Ich spreche von der Kultur, die alle Stämme germanischen Blutes umfaßt.«
»Und das Ergebnis Ihrer Forschungen gedachten Sie von Ihrem Lehrstuhl aus vorzutragen? Bedenken Sie, daß der Amerikaner, den es angehen und fördern soll, wenig von dem erfährt, was in Deutschland gelehrt wird, oder es entstellt erfährt.«
»Ich denke für die nächsten Jahre an keinen deutschen Lehrstuhl.«
»Ah – an eine Universitätsprofessur in Amerika! Das sieht ganz anders aus, und wir könnten uns beglückwünschen. Sie würden mit offenen Armen aufgenommen werden, und dennoch –«
»Und dennoch?« fragte Wegherr lächelnd.
Willart überlegte. Sein kluges Gesicht zog unwillkürlich die Blicke an.
»Als Mann, der die amerikanische Geisteswelt zu kennen glaubt,« sagte er dann ruhig, »rate ich Ihnen ab. Eine Professur hierzulande ist nicht das, was einem auf dem Felde der Wissenschaft so hoch verdienten und mit Recht berühmten Mann auf die Dauer Genüge geben könnte. Nicht nur, weil bei uns alle Verhältnisse noch zu unfertig sind und der Widerhall fehlt, den Sie suchen. Das ändert sich mit den Jahren, und die Entwicklungszeit hat sicher etwas Anreizendes. Auch an Lehr- und Lernmitteln, an Bibliotheken, Anschauungs- und Übungsbedarf finden Sie dank der riesigen Schenkungen einen Reichtum, wie vielleicht nirgendwo in der alten Welt, und die Anstelligkeit des amerikanischen Hörers, dem es ernsthaft um sein Studium zu tun ist, steht hinter keiner anderen Begabung zurück. Und dennoch« –
»Und dennoch?« wiederholte Wegherr noch einmal, aber seine Augen blickten gespannt.
»Der Hinweis, daß in Amerika Geistesarbeit am schlechtesten entlohnt wird, würde bei Ihnen nicht verfangen, Herr Professor.«
»Nein, das würde er nicht.«
»Ich dachte es mir, und es freut mich von Herzen. Sie sind ein Eigener. Und gerade darum sollte es bei keinem wie bei Ihnen heißen: In eigener Sache – in eigener Firma. Was halten Sie davon, Mr. Wuppermann?«
Der Fabrikant nickte gewichtig mit dem Kopf. »Ein Wort nach meinem Geschmack, Mr. Willart.«
»Ich höre Ihnen aufmerksam zu, meine Herren. Obwohl ich vom Lehrstuhl aus ebensogut in eigener Sache und eigener Firma handeln würde.«
»Das würden Sie,« bestätigte Willart ohne weiteres. »Die Frage ist nur, wie lange Sie es tun würden, wie lange Sie in der Lage sein würden. Amerika ist noch so jung, daß auch seine Empfindlichkeit die eines Kindes ist. Es will nur gestreichelt, es will nur immer schön gefunden werden. Was der Amerikaner in diesem ungeheuren Landgebiet in der kurzen Zeit nach der zivilisatorischen Richtung hin geleistet hat, ist ja auch einfach staunenswert. Zivilisation ist aber nicht Kultur, ist nur Erschließung und nicht Erhöhung eines Landes. Das ist des Amerikaners wunde Stelle, darin ist er empfindlich wie ein verwöhnter Junge, und wenn ein von ihm angestellter Universitätsprofessor nachdrücklich den Finger in diese Wunde legt, so schreit er auf und läßt die Meute los. Vergessen Sie nicht,« fügte er hinzu, »daß es sich um eine Nation aller Völker und Rassen handelt, von denen jede an die Spitze drängen möchte. Wird aber ein anderer als sie selber von der Universität aus ›bescheinigt›, so entdecken alle übrigen ihren gemeinsamen ›Amerikanismus›.«
»Das heißt,« folgerte Wegherr, »sie schlagen so lange Lärm, bis dem Unbequemen der Lehrfaden abgeschnitten wird.«
»Ganz recht, und vielleicht nur ein bißchen zu freundlich ausgedrückt. Deshalb bleibe ich dabei: in eigener Sache – in eigener Firma. Denn das Grundmotiv ihrer Forscherwanderungen wäre und bliebe« –
»Sammlung des Deutschtums auf fremder Erde,« sagte Wegherr ernst. »Seine Stärkung in sich selber, die bedingen wird: den kraftvollen Einfluß im neuen Heimatland und die Aufrechterhaltung der verwandtschaftlichen Beziehungen zum alten Vaterland. Das wäre ein Band, das keines tintenbeschriebenen Pergamentes bedürfte. Und unsere Söhne wären sich und uns nicht mehr verloren, ob sie auch amerikanische Bürger würden.«
In einer seltsamen Bewegung blickte Willart den Sprechenden an.
»Auch ich bin deutsch, Mr. Wegherr. Nicht nur dem Blute nach. Sondern weil ich deutsch fühle.«
»So sind wir eines Glaubens, Mr. Willart.«
Einer plötzlichen Aufwallung nachgebend, streckte ihm Willart die Hände hin.
»Also lassen wir uns auch Deutsch reden. Wir dürfen es im Hause Wuppermann.«
Wegherr hatte die Hände ergriffen. Die beiden Männer blickten sich in die Augen, und über den Zuschauern lag eine feierliche Stimmung. Ein Menschenschicksal, vielleicht viele Menschenschicksale sollten hier bestimmt werden.
»Sprechen wir Deutsch, Herr Willart,« sagte Wegherr, und dann gab er die Hände frei.
Willart lehnte sich tiefatmend im Sessel zurück. Er sandte seine Gedanken weit aus und holte sie wieder herein. Wie einen honigschweren Bienenschwarm.
»Wir haben denselben Glauben an die Größe und Bedeutung des deutschen Volkes, wo auch immer abgesprengte Glieder sich ansiedeln mögen. Hier aber leben fünfzehn Millionen, die höchstens in ihren Träumen den gemeinsamen Quell noch rauschen hören und dem weltgeschichtlichen Beruf des Deutschtums verloren gehen, wenn sie nicht wieder geweckt, ja – aufgerüttelt werden. Hier heißt es, mit dem Zauberstab des deutschen Wortes wie mit einer Wünschelrute die rechten Stellen treffen, damit der Quell ans Licht springt und die Seelen erfüllt.«
»Mit Heimweh,« sagte Ernst Wegherr.
»Ja, mit Heimweh. Mit dem Heimweh nach einer Heimat, die auf einem fernen Boden liegen kann und doch im Geist der alten so ähnlich. Mit dem Verlangen, sie sich zu schaffen. Mit dem Bewußtsein, sie sich schaffen zu können, wenn sie nur wollen. Mit dem Willen zur Macht.«
Er schwieg, und Wegherr merkte es kaum, denn seine Gedanken waren schon weitergezogen, in das Feld der Arbeit. Und aus seinen Gedanken heraus sagte er nach einer Weile:
»Dieser Weg lebte schon in mir, als ich herüberkam. Ich kam ja nicht unvorbereitet. Ich sah ein Arbeitsfeld, wenn auch erst dunkel. Der Weg erhellt sich, und ich sehe die Arbeitsmöglichkeiten deutlicher.«
»Wir brauchen Sie, Mr. Wegherr.«
»Und woher wissen Sie, daß Sie gerade mich gebrauchen?«
»Weil den Männern hierzulande die frische Begeisterung fehlt, die sich auch ohne winkende Reichtümer für ein Ideal einzusetzen vermag. Weil – ich Sie vorgestern in Ihrer ersten, heißen Begeisterung auf dem Berge sah und reden hörte. Weil – nun, weil Sie Sie sind.«
Wegherr sann vor sich hin. Er horchte in sich hinein. Er vernahm, wie das deutsche Blut und das Forscherblut in ihm erwachte und ihm zurief. Aber er war kein abenteuerlustiger Jüngling mehr.
»Es gibt so viele hervorragende Deutsche hier,« meinte er langsam, »Männer, die mit Land und Leuten besser vertraut sind als ich. Weshalb machen sie sich nicht auf den Weg?«
»Weshalb nicht?« wiederholte Willart. »Nun, zunächst wohl nicht, weil sich der Erfolg nicht gleich ziffernmäßig berechnen läßt, und langfristige Geschäfte pflegt man in diesem raschlebigen Lande nicht gern zu machen. Dann aber auch, weil sie sich schon so sehr an die amerikanische Beleuchtung gewöhnt haben, daß ihre Augen nicht mehr unbestechlich scharf zu unterscheiden vermögen. Zu dritt aber, und das ist der wichtigste Punkt, tragen sie nicht den Luftstrom der alten Heimat mit sich, wie Sie es tun, stehen sie nicht vor den Hörern da als ein lebendiges Zeugnis, als ein Grützebringer von drüben. Deshalb, Mr. Wegherr.«
Wegherr blieb still. Man hörte die Atemzüge der um den Kamin versammelten Menschen.
»Sehen Sie sich unsere Volksgenossen an, wie sie heute sind,« fuhr Willart lebhafter fort. »Wo sie in den Städten dichter zusammensitzen, glauben sie wunder was zur Pflege des großen deutschen Gedankens zu tun, wenn sie sich allwöchentlich in Gesangvereinen, Kriegervereinen, Kegel- und Skatvereinen zusammenfinden. Dort erzählen sie sich die neuesten Witze, trinken Bier und halten wohl auch einmal eine Festtagsrede. In der Hauptsache aber bleiben es Vergnügungsgeselligkeiten, und die Frauen und Mädchen dürfen nicht leer ausgehen. Wie können dagegen die wenigen Gesellschaften, die mit echtem Ernst den Kulturfortschritt auf ihre Fahnen geschrieben haben, aufkommen? Gehen Sie einmal hinein in die deutschen Veranstaltungen und sehen Sie es mit an, wie unsere Volksgenossen sich geschmeichelt fühlen, wenn ein Angloamerikaner sie mit seinem Besuch beehrt. Im Sinne des Wortes: beehrt! Wie der deutsche Satz abbricht und ihnen das Englisch über die Zunge gehüpft kommt. Wie ihre Mienen es ausdrücken: O, wir machen hier nur so mit, aus Geschäftsrücksichten, wissen Sie, obschon wir es eigentlich für eine Kinderei halten, Amerikaner wie wir, nicht wahr? Das ist ein Bauchrutschen, das um so empörender ist, weil nur wir Deutschen es üben; das um so lächerlicher ist, weil es uns in der Achtung des übrigen Amerikas zurückwirft. Tausend der Besten denken wie ich.«
Wegherr hob den Kopf. Seine Stirn hatte sich gerötet.
»Es wird anders werden, Mr. Willart. Ihre Deutschamerikaner tragen noch das alte Deutschland im Kopfe herum, wie es vor dem Französischen Kriege, wie es vor der Erschaffung des neuen Deutschen Reiches war. Und es mangelt ihnen am rechten Stolz auf ihr Stammland, weil sie von seinem Höhenflug als Augenzeugen nichts wissen und nur als Ohrenzeugen von den alten Eingewanderten mit den längst niedergebrochenen Weltbürgerschwärmereien zum Nachtisch gespeist wurden. Das Volk der verträumten Unwirklichkeit lebt nicht mehr, ein Volk der stahlharten Wirklichkeiten steht an seiner Stelle, das sich seiner wirtschaftlichen Höhenlage stark bewußt ist und sich nicht mehr in Verbeugungen erschöpft. Gottlob, es ist anders geworden und wird noch ganz anders werden. Man wird sich noch darum schlagen, ein Deutscher heißen zu dürfen!«
Willart war aufgesprungen. Seine klugen Augen leuchteten.
»Das ist es, was Sie den Leuten sagen sollen. Das ist es!«
»Ich gedenke ihnen noch mehr zu sagen, Mr. Willart. Ich gedenke sie zu fragen: was ist Heimat? Ist Heimat ein Wort des Stolzes oder der Feigheit? Bringt die Heimat Hammelherden hervor oder freie Männer und Führer des Volkes? Nur wenn ihr euch eures Blutes erinnert, dieses alten Kulturblutes, wenn ihr euch vor keiner anderen Rasse beugt und nicht nur fünfzehn Millionen deutschblütige Menschen, sondern die gesamte Macht mitbestimmender Männer darstellt, werdet ihr achtunggebietend bündnisfähig und kulturbringend sein. Erst dann und nur erst dann werdet ihr in Wahrheit die Heimat gefunden haben.«
Er hatte sich in heiße Begeisterung hineingeredet. Seine Augen strahlten ein jugendliches Feuer aus. Das deutsche Feuer, dachte Fräulein van Weert und hielt die Hände fest um die Knie gefaltet.
Es war still geworden. Und bei einem jeden flatterten die Gedanken wie aufgescheuchte Vögel.
Dann vernahm man Frank Willarts feste Stimme.
»Sie sind unser Mann, Mr. Wegherr.«
»Auf diesem Wege – ja.«
»Mr. Wegherr, wir haben begonnen, einen Bund der Deutschen dieses Landes ins Leben zu rufen. Der Deutschen, denen Amerika eine Heimat werden soll, wie Sie sie malten. Wollen Sie uns helfen, Mr. Wegherr?«
»Mit allen meinen Kräften.«
»Ich wußte es, Mr. Wegherr. Ich wußte es im selben Augenblick, da ich Sie auf dem Berg sah und hörte. Es wird eine anstrengende Arbeit sein und Sie auf längere Zeit dem Familienglück entfremden.«
»Ich habe keine Familie und gebe deshalb kein Glück auf.«
Wegherr sagte es ruhig. Und doch war es wie eine abweisende Gebärde.
Da ging Frank Willart zu Wuppermann und schüttelte ihm die Hand.
»Mr. Wuppermann, ich danke Ihnen, daß Sie uns Ihren Freund gebracht haben.«
»Den Teufel auch,« rief Wuppermann, »nicht im Traum habe ich daran gedacht. Sie holen ihn mir ganz einfach, ohne daß ich als sein Unternehmer überhaupt auch nur gefragt werde. Donnerwetter, da steh' ich wie der Kamerad im Volkslied: ›Ihn hat es weggerissen, als wär's ein Stück von mir!›«
»Nein, er wird der Unsere. Jetzt gerade.«
Wuppermann blickte zu dem Freunde hinüber. Ein Zweifel huschte über sein Gesicht, aber er unterdrückte ihn und meinte gelassen:
»Nun ja, ein Adler bleibt ja ein Adler, auch wenn er mal mit Bruder Lämmergeier fliegt.«
»Sie sind nicht sehr liebenswürdig in Ihren Vergleichen, Mr. Wuppermann.«
»Ich meine natürlich mit Bruder Lämmergeier die Leute außerhalb dieses Zimmers. Ein Mensch wie Wegherr wird bald genug erkennen, fürchte ich, daß er unter hageldicke Böotier geraten ist, denen hundert Cents immer einen Dollar bedeuten.«
»Und ein Mann wie Doktor Wegherr,« erwiderte Willart, »wird die Händler und Wechsler aus dem Tempel treiben.«
»Hoffentlich ist noch jemand drin, wenn die Händler und Wechsler heraus sind,« lachte Wuppermann gemütlich. »Aber es werden sich ja auch manche Heidenvölker zur Taufe bekehren. Wie wäre es im Hinblick darauf mit einem Glase ungetauften Weins?«
»Muß denn zu jeder Gelegenheit getrunken werden?«
»Es muß, Doktor Willart. Wir sind kleine Leute, wissen Sie, die aber auch leben wollen.«
Er ging, um eine seiner berühmten Flaschen zu holen. Und Frau Mary nahm Gertrud van Weerts Hand und sagte leise: »Was ist Ihnen, Kind? Sie sind so still, als ob Sturm in Ihnen wäre.« Da kam Fräulein van Weert aus weiter Ferne zu sich zurück.
Ernst Wegherr war ans Fenster getreten, um sich eine frische Zigarre anzuzünden. Frank Willart war ihm gefolgt.
»Wie lange haben Sie für Ihren Aufenthalt bei Ihrem Jugendfreund angesetzt, Herr Doktor?« fragte er.
»Ich hatte,« antwortete Wegherr, »an keine bestimmte Zeit gedacht. Jedenfalls aber sollten es nur ein paar Erholungstage werden.«
»Gut. Und ich darf Sie inzwischen sprechen?«
»So oft Sie wollen.«
»Ich nehme an, Sie sind marschbereit und, wie man in Deutschland sagt, kriegsmarschmäßig ausgerüstet?«
»Jederzeit klar zum Gefecht.«
»Dann,« meinte Willart, »wollen wir auch keinen Tag länger zögern, als zur Vorbereitung unbedingt notwendig ist. Sobald ich heimgekommen bin, in dieser Nacht noch, beginne ich mit der Organisation. Sozusagen als Ihr Generalsstabschef. Zunächst denke ich mich an die größeren deutschen Vereine und Gesellschaften in all den Städten zu wenden, die in Betracht kommen. Von diesen müssen Sie ›gewonnen‹ werden. Zu einem Vortrag, einer Vorlesung. Natürlich gegen ein entsprechendes Honorar, denn der Amerikaner wertet alles nach dem Preis, den er dafür anlegen muß. Haben Sie die ersten Vorlesungen gehalten und Fühlung genommen, so sorgt die amerikanische Presse für die beste Empfehlung, ich arbeite von hier aus weiter und sende Ihnen die Namen der neuen Städte und Gesellschaften, die sich melden, immer dorthin, wo Sie sich gerade befinden. So werden Sie nach und nach das ganze Land bereisen, von einem Ozean zum anderen, überall das Deutschtum aufsuchen, begeistern und sammeln für den neuen Bund oder doch als Forscher die Spuren dieses Deutschtums aufsuchen und verfolgen.«
»Das ist es, was ich mir wünschte,« murmelte Wegherr, »das beansprucht den ganzen Menschen und läßt keinen Gedanken eigene Wege schwirren. Und glückt es mit der Mission nicht, so soll doch der Geschichtsforscher nicht zu kurz dabei kommen.«
»Die Mission wird glücken,« sagte Willart ruhig. »Tausend führen uns Zehntausend zu. Und zwänge sie nur der Nachahmungstrieb, von dem Fräulein van Weert vorhin berichtete. Rücken Sie nur unbekümmert vor und überlassen Sie mir die Nacharbeit, das Aufräumen, Sichten und Ordnen. Daran soll es nicht fehlen.«
Der Hausherr trat mit einem Kristallteller ein, auf dem er fünf wundervolle Kelche trug. Vorsichtig stellte er sie einzeln auf den Tisch.
»Die schönsten Gläser, die Amerika hervorbringt, meine verehrten Herrschaften. Tiffany-Arbeit. Schauen Sie, wie die Farben leuchten und doch zu einem Schmelze zusammenfließen.«
»Ein Bild Amerikas und seiner Bewohner,« sagte Wegherr bewundernd.
»Und hier,« fuhr der Hausherr fort, »sehen Sie eine Flasche echten deutschen Weines. So gieße ich denn den deutschen Wein in das amerikanische Gefäß und wünsche Ihnen, daß Sie das gleiche vollbringen. Auf daß das Edelste sich dem Edelsten vermähle.«
Die beiden Frauen hatten sich von ihren Kaminplätzen erhoben und waren leisen Schritts hinzugetreten. Frau Marys Blicke hingen in stiller Liebe an den lebenssicheren Zügen des Gatten. Sie nickte ihm zu, und sie verstanden sich.
Sie hoben die schimmernden Kelche, aus denen der reife Wein duftete, vom Tische.
Und Wegherr sagte leise:
»Ich glaube daran. Das war der Trinkspruch eines Mannes, den die Liebe zu dem Land, in dem er das Edelste fand, zum Dichter machte.«
So tranken sie den deutschen Wein im pennsylvanischen Lande.
Dann nahm Fräulein van Weert Abschied.
»Geben Sie noch fünf Minuten zu,« bat der Hausherr, »ich lasse den Wagen kommen.« Und er ging ans Telephon und sprach hinein.
»Wenn Sie gestatten,« bat Willart, »so benutze ich denselben Wagen zur Bahn. Der Tag hat uns vieles gegeben. Nun ist die Reihe des Gebens an uns.«
Ernst Wegherr hatte sich während des Abschiednehmens an Fräulein van Weert gewandt.
»Sie sind so still geworden. Ich habe es wohl bemerkt, Fräulein van Weert. Weshalb sind Sie unter den Fröhlichen traurig?«
»Das fragen Sie? Das fragen Sie, wo das Leben mit großen Aufgaben auf Sie wartet?«
»Ob es auf mich wartet, weiß ich nicht. Aber ich gehe, es aufzusuchen.«
»Man sagt,« erwiderte Fräulein van Weert hastig, »Erinnerungen machen glücklich. Das Wort trügt. Man soll keine Erinnerungen haben, wenn man auf dem Stänglein im Käfig hockt.«
»Sie denken an Ihren Bruder Jan?«
»Ja! An ihn denke ich. Und an all' die Zeit der Arbeitsseligkeit. Aus der Stumpfheit und Abgestumpftheit heraus.«
»Sie eingefangenes deutsches Wandervögelchen,« sagte Wegherr weich. »Darf ich vor meiner Abreise kommen und nach Ihnen sehen? Oder ist es verboten, in den Frieden des Damen-Colleges einzubrechen?«
Da lachte sie schon wieder.
»Sie müssen mich für ein Trauerfähnchen halten, Herr Professor. Natürlich dürfen Sie. Es wird der ganzen Schule eine Ehre und mir endlich ein Anlaß sein, auch einmal beneidet zu werden. Vielen Dank für den genußreichen Abend.«
Sie reichten sich die Hände, und als sie sich auf der Schwelle noch einmal umwandte, nickte er ihr zu.
»Schwesterchen,« sagte er vor sich hin.
Und vom Fenster aus sah er dem Wagen nach, bis ihn die Dunkelheit aufgesogen hatte.
6
Gertrud van Weert hatte die Wagenfahrt schweigend zurückgelegt. Wohl war die Stimme ihres Begleiters an ihr Ohr gedrungen, und sie hatte sich Mühe gegeben, den Erläuterungen Frank Willarts zu folgen. Aber der Name Ernst Wegherr, der in seinem Munde immer wiederkehrte, ließ sie allein aufhorchen, trieb ihr eine Unruhe ins Blut, über die sie nachgrübeln mußte, bis sie es wußte. Der Name war es nicht, es war die Aufgabe, die mit ihm zusammenhing, es war der Zug zur Freiheit, zur Befreiung.
Zur Befreiung …
Und sie preßte die Hände schmerzhaft ineinander.
Hinaus können, hinaus. Aus der drückenden Enge in eine große Betätigung hinein, in eine Aufgabe, die ein Menschendasein lohnte, in die Gemeinschaft von Menschen gleichen Fühlens.
Da hielt der Wagen vor dem Campus, dem weitgedehnten Universitätsgebiet, und die hohen Gebäulichkeiten ragten dunkel aus den Sport- und Spielplätzen hervor. Sie warf einen verzweifelten Blick hinüber. Dort wurde Tag aus, Tag ein, Jahr für Jahr an der Befreiung von tausend jungen Geistern gearbeitet, und das eigene, noch so jung gebliebene Gemüt verdorrte.
Hastig nahm sie Abschied von ihrem Begleiter, der den Wagen zur nächsten Station weitergehen ließ, und schritt dann, wie von einer plötzlichen Müdigkeit gelähmt, langsam den Kiesweg zwischen den Rasenstreifen entlang dem Wohnhaus zu, in dem die Beamtinnen und Lehrerinnen untergebracht waren.
»Ich ertrag' es nicht mehr,« murmelte sie vor sich hin. »Ich will lieber – ja, was denn nur? Was denn nur? Was will ich denn lieber beginnen?« Und sie stand still und versuchte mit weitgeöffneten Augen die Dunkelheit der Nacht zu durchdringen, als könnte sie dadurch Licht in ihrem Innern schaffen.
Mein Erspartes reicht nicht für ein halbes Jahr, dachte sie. Ich könnte es wieder mit Privatstunden versuchen. Aber jeder Geistesarbeiter, der herüberkommt, versucht es um Lebens oder Sterbens willen mit Privatstunden und drückt die Hungerpreise noch mehr hernieder, bis er erlöst nach dem Posten eines Hausknechts oder Geschirrwäschers greift. Nein, das ist doch wohl nichts. Und die Frechheiten der Männer, die in der Privatstunde nur die Gelegenheit zu einem unverschämten Flirt mit der verlassenen Lehrerin suchen – sie schauderte in der Erinnerung.
Mein bißchen Schneiderkunst – ein trübes Lächeln zog um ihren Mund – ach Gott, es reichte für die Prärie und für den halbwilden Bruder, nicht für Ladies, nicht mal für die letzte Küchenmagd. Stenographie und Schreibmaschine. Darin hatte sie sich in den Mußestunden der letzten drei Jahre vervollkommnet. Wenn sie ihre Sprachkenntnisse dazunahm, Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch, so mußte sich doch wohl ein Platz als Korrespondentin oder Sekretärin auf einem großen Kontor finden? Ja, das mußte es. Und nach des Tages Last und Arbeit durfte sie sich selbst gehören, konnte sie an ihrem eigenen Menschen bilden, von der Kunst genießen, an der Wissenschaft sich erheben, durch die Natur streifen nach Herzenslust. Und brauchte nicht mehr in ihrem Lehrerinnenstübchen zu hocken, bis die Reihe wieder an sie kam, Putzmacherin am Geist anmaßender junger Damen zu spielen oder Aufsichtsdame ohne Kommandogewalt, ein Spatzenschreck, nicht mehr.
Ihr junger Körper streckte sich. Und sie spürte, wie aus weiter Ferne der Stern des Lebens zu ihr zurückkehrte, und spürte insgeheim die federnde Spannkraft der Muskeln. Wie damals, ehe der Bruder starb, der Jan.
»Ich ertrag' es nicht mehr,« sagte sie laut und öffnete die Tür des Wohnhauses.
Als sie das elektrische Licht angedreht hatte und ihr Zimmer aufsuchen wollte, kam über den Korridor eine hohe, hagere Gestalt.
»Guten Abend, Mrs. Präsident,« grüßte Gertrud van Weert und wollte vorüber.
»Guten Abend, Miß van Weert. Wir sahen Sie nicht bei der Abendkonferenz.«
»Ich hatte mich entschuldigen lassen, Mrs. Präsident. Ich war zum Dinner zu Freunden geladen.«
Die Präsidentin nickte. »Ich weiß. Aber ich hätte gewünscht, daß Sie nach dem Dinner zur Konferenz zurückgekehrt wären.«
Fräulein van Weert senkte den Kopf. »Meine unbedeutende Stimme …«
»Miß van Weert, es handelt sich nicht darum, wie man seine Stimme einschätzt, sondern wie man seine Pflichten auffaßt.«
Da hob das junge Mädchen stolz den Kopf.
»Habe ich jemals Grund zur Klage gegeben? Bin ich in den drei Jahren je etwas anderes gewesen als Pflicht und wieder Pflicht?«
Die Präsidentin bewegte leicht abwehrend die Hand.
»Gerade darum möchte ich nicht, daß es anders würde. Aber es ist seit kurzem eine Unruhe in Ihnen, und heute abend scheint sie mir einen besonderen Grad erreicht zu haben. Das verbietet der Vorteil des Instituts.«
Sie hatte ohne jede Erregung gesprochen. Ohne auch nur einmal die Stimme zu heben. Geschäftlich und selbstverständlich. Aber gerade diese Leidenschaftslosigkeit war es, die Gertrud van Weert heute abend stärker als je erregte.
»Dürfte ich Sie um eine Unterredung bitten, Mrs. Präsident? Ich würde Ihnen dankbar sein, wenn wir diese Unterredung vom Korridor auf Ihr Zimmer verlegen dürften.«
»Dem steht nichts im Wege, Miß van Weert. Folgen Sie mir, bitte.«
Und sie schritt voran durch den langen, grauen Korridor, öffnete eine Tür und trat in ein behagliches Wohnzimmer. Fräulein van Weert mußte die Tür hinter ihr schließen.
Die Präsidentin setzte sich in einen bequemen Lehnstuhl. Aber die hohe Gestalt saß gerade und aufrecht darin, als wären die Polster Holz. Und sie wies mit der Hand auf einen anderen Stuhl.
»Setzen Sie sich, bitte, ebenfalls, Miß van Weert,« sagte sie, und in ihrem vornehmen Gesicht spielte keine Muskel. »Sie wünschen mir etwas mitzuteilen, wenn ich recht gehört habe.«
Gertrud van Weert war stehengeblieben. Ihr Blick streifte schnell das Gemach, die hohe, hagere Gestalt im Stuhl, und in ihr stieg die Stunde auf, da sie schon einmal hier gestanden hatte, als Bittstellerin um einen Lehrerinnenposten, und nach langer Prüfung erhört worden war. Sie atmete hastig und suchte den erregten Atem zu unterdrücken.
»Ich möchte Sie um meine Entlassung bitten, Mrs. Präsident.«
Die Präsidentin nickte mit dem weißen Kopf vor sich hin.
»Es ist, wie ich es mir gedacht hatte. Ich bat Sie, Platz zu nehmen, Miß van Weert.«
»Sagen Sie mir, bitte, zuvor …«
»Sie müssen sich nicht so erregen. Es steht einer Lady nicht an, und viel weniger noch einer Lehrerin. So, nun sitzen Sie. Wir sind zwei Frauen, die sich miteinander unterhalten möchten, und nicht zwei Kampfhähne.«
Fräulein van Weert saß mit herunterhängenden Armen. Diese geruhige Freundlichkeit war das drückendste. Man fühlte sich als Sache, als Gegenstand, nur nicht als Mensch, der mit seinen Schmerzen und Seelenstimmungen zum andern kommen konnte. Und wieder vernahm sie die leidenschaftslose Stimme, die das Blut zurückjagte.
»Darf ich noch einmal bitten, mir Ihren Wunsch zu sagen?«
»Meine Entlassung,« brachte Fräulein van Weert nur hervor.
»Wie kommen Sie zu dieser seltsamen Idee, mein Kind? Haben Sie hier nicht ein Heim, das Sie birgt und schützt? Haben Sie hier nicht einen Pflichtenkreis, der Ihnen das erhebende Gefühl Ihrer Nützlichkeit verleiht? Ist das nicht der Weg zum Glück?«
Gertrud van Weert schüttelte den Kopf.
»Nein.«
»Nein sagen Sie? Ich kann mich nicht mehr wundern, mein Kind, denn ich habe zu viel Wunderliches im Leben erlebt. Aber Ihr Nein berührt mich nicht – angenehm. Ja, das ist es. Nicht angenehm. Ich hatte mehr Stolz in Ihnen erwartet, denn ich habe Sie immer mit besonderer Liebe beobachtet.«
»Stolz?« wiederholte Fräulein van Weert. Und als ob sie sich im Worte verhört hätte: »Liebe?« –
»Sie haben recht gehört, mein Kind. Den Stolz der Größe, die wir nicht erlernen können, die uns angeboren sein muß und die uns aus unserer Umgebung hervorheben würde, selbst wenn wir die Beschäftigung einer Dienstmagd verrichteten. Und meine Liebe zu Ihnen war in der Tat eine besondere, weil ich in Ihnen etwas wie eine verwandte Natur vermutete, eine andere als die der Lehrerinnen, die nur ihr Pensum herzusagen wissen, ohne sich jemals selbst eins zu stellen. Sie waren durch Seelenkämpfe hindurchgegangen, Sie hatten tapfer Ihr Leben in die Hand genommen, ich – bot Ihnen die Gelegenheit dazu.«
»Ja, Mrs. Präsident. Aber – ich kann nicht mehr.«
Das klang ruhig, und darum erschütternd.
Die Präsidentin legte eine kleine Weile die Hand über die Augen. Ihr weißes Haar lag auf ihrem Haupte wie das Schneefeld eines Lebens. Dann sank die Hand in den Schoß zurück, und die Augen blickten kühl.
»Was wissen Sie junges Mädchen, was ein Mensch kann und was er nicht kann. Er kann sterben bei vollem Leben. O ja, das kann er. Tausende müssen es. Aber sterben und wieder auferstehen! Und ein neues Leben leben können. Mit dem Stolz des Starken, der für fremdes Mitleid verachtungsvoll dankt. Wer kann es? Es ist euch zu schwer.«
Da sagte Gertrud van Weert inbrünstig:
»Ich will auferstehen. Aber ich will und darf mich auch in dem neuen Leben nicht verlieren, oder es wäre nur ein Zerrbild auf den Tod. Und deshalb muß ich gehen, denn ich verliere mich hier.«
»Das ist eine Empfindung, Miß van Weert, aber keine Begründung.«
»Eine Begründung? Eine Begründung? Werden es nicht Worte sein, Mrs. Präsident, die wir wie aus zwei verschiedenen Sprachen heraus miteinander wechseln?«
»Ich war auch einmal jung.«
Fräulein van Weert sah der weißhaarigen, unnahbaren Frau in die Augen, als ob sie sie zum erstenmal sähe. Nie war ihr der Gedanke gekommen, daß aus diesen Augen auch einmal die Jugend gelacht haben könne, daß diese ruhig atmende Brust auch nur ein einziges Mal unter stürmischen Herzschlägen erbebt sei.
»Mrs. Präsident,« sagte sie, »ich fühle, daß Sie mir Güte zeigen möchten. Verzeihen Sie, wenn ich undankbar erscheine. Aber ich bin seit Jahren an keine Güte mehr gewöhnt, nur wenn ich sie mir draußen bei Fremden suchte. Verstehen Sie mich daher recht, ich bitte darum. Ich möchte gehen, weil ich noch jung sein will, jung bleiben will. Ich bin achtundzwanzig Jahre alt und kann noch nicht wunschlos sein.«
»Und wohin zielen diese Wünsche, Miß van Weert?«
»Dorthin, wo Die Menschen frei sind und glücklich.«
»Solch ein Land gibt es nicht.«
»Mrs. Präsident, machen Sie es mir nicht so schwer. Mir vertrocknet das Herz, weil ich es an nichts hängen kann.«
»Ich denke,« sagte die Präsidentin, »Sie hatten es einmal an Ihren Bruder gehängt. Was wurde? Er mußte sterben. Sterben vor Ihren sehenden Augen, an Ihrem schlagenden Herzen. Lohnt es sich wirklich, sein Herz an etwas zu hängen, das einem morgen schon weggenommen, zerstampft werden kann? Sie haben Tränen in den Augen und meinen, ich wäre grausam? Ich bin nur klug geworden.«
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
