Kitabı oku: «Das große Heimweh», sayfa 5
»Und wenn du den Kunden dadurch verlierst?«
»Keine Ahnung. Den Spitzbuben imponierst du nur durch Kaltblütigkeit. Dann glauben sie, ich brauch' sie nicht. Sie aber brauchen meine Maschinen. Besonders wenn sie von einer Wartefrist wegen Orderüberhäufung lesen. Dann kriegen sie's mit der Angst, die Konkurrenz würde leistungsfähiger.« Er las während des Sprechens Brief um Brief. »Ist es aber ein Hartgesottener – was kauf' ich mir dafür? Ein Kunde, der schlecht bezahlt, hält den Betrieb auf. Hier in Amerika bringt's nur die Masse.«
Er schlug auf den Briefstapel. »Fertig. Nun wollen wir das Raubtier füttern.«
Sie gingen in das Kontor der Schreiber zurück. Einen Augenblick wurde es stille. Wuppermann schritt von einem zum anderen, verteilte mit kurzen Bemerkungen einen Teil der Briefschaften, und sofort ratterten die Schreibmaschinen wieder los, kratzten die Federn, klingelte das Telephon.
Welch ein Wirrwarr, dachte Wegherr, und Wuppermann erwiderte, als hätte er des Freundes Gedanken erraten: »Wird alles pünktlich besorgt. Zuviel Anweisungen machen den Menschen dumm. Mach sie glauben, sie wären lauter Moltkes, und sie gewinnen dir die Schlachten.«
»Du bist ein Diplomat, Georg.«
»Ganz Amerika besteht daraus. Das ist der Fehler drüben. Während die Kaufmannsjünglinge hier schon jedes Börsenmanöver mitmachen, registrieren sie drüben noch treu und redlich, aber stark verdummend, die Kopierbücher. Dabei ist das Menschenmaterial drüben mindestens so gescheit und unbedingt gewissenhafter.«
Sie waren im Saal der Zeichner angekommen. Und wieder ging Wuppermann von Tisch zu Tisch, verteilte die Briefschaften, machte auf besondere Stellen aufmerksam und gab knapp und bestimmt seine Anweisungen. Einen größeren Entwurf betrachtete er aufmerksam, und nach kurzer Beratung nahm der Zeichner eine Änderung vor.
»Du bist doch kein Techniker,« meinte Wegherr, als sie zur Maschinenhalle schritten. »Woher weißt du das alles?«
»Ich hab's gelernt.«
»Aber der Techniker mußte es eigentlich doch besser wissen?«
»Woher denn? Der Mann hat's doch auch lernen müssen. Und mehr als lernen geht nicht. Da stehen wir gleich.«
»Fürchtest du nicht, daß du mal danebenhaust?«
»Wenn die Gesellschaft merkte, daß ich mich fürchtete, tanzte sie mir bald auf der Nase herum. Sie müssen einfach das Empfinden haben, daß ich es besser verstehe. Dann strengen sie auch selber ihre Schädel an.«
»Meine Bewunderung, Georg.«
»Nicht der Rede wert. Nur vorwärts heißt hier die Losung, und was links und rechts fällt –«
»Das fällt.«
»Ja, das fällt. Und das ist das einzig Scheußliche: das Menschenleben hat hier keinen Kurs auf der Geschäftsbörse. Freilich, einen Ausgleich gibt es. Jeder Niedergebrochene, der gestern noch eine Million besaß, kann morgen als Hausknecht mit zehn Dollars die Woche von neuem anfangen, ohne deshalb gesellschaftlich minderwertig zu werden. Denn der Mann kann ja, wenn er mit seinen zehn Dollars glücklich spekuliert, in Jahr und Tag wieder im Aufsichtsrat einer Minengesellschaft sitzen. Da gibt's kein vornehmes Sichabwenden und Naserümpfen wie drüben. Wer arbeitet, ist Gentleman. Ob er Bier zapft oder Maschinen baut.«
Im Maschinensaal hörte die Unterhaltung auf. Das Gedröhne, Gezische, Geknarre der Hämmer, Feilen und Stahlbohrer verschlang jedes Wort. Aber Wuppermann wußte sich dennoch verständlich zu machen. Er rief keinen Mann beiseite, er beugte sich nur über den ruhig Weiterarbeitenden, legte ihm die gehöhlte Hand ans Ohr und brüllte hinein. Dann legte er sich selber die gehöhlte Hand ans Ohr und ließ den Angerufenen zurückbrüllen, ohne daß der Mann auch nur eine Sekunde sein Werkzeug niederzulegen brauchte.
» All right,« schrie Wuppermann lachend dem Freunde zu, »wir können weiter. Nicht verstanden? Schadet auch nix.« Und er nahm ihn beim Arme und führte ihn über Eisenstangen und Zahnräder hinweg in den Hof. »Taubstumm geworden? Das ist zuzeiten Gold wert. Ich bin's auch, wenn's das Geschäft verlangt.«
»Ich glaube eher,« verwunderte sich Wegherr, »ich sehe nicht recht. Sitzt da nicht Wilhelm Finkler?«
»Hallo, Finkler,« rief Wuppermann. »Was in der Politik los? Hast du einen Tip für mich? Halbpart wie immer!«
Will Finkler saß, das Einglas im Auge, auf einem umgestülpten Dampfkessel und schälte einen schönen kalifornischen Apfel.
» Morning, Gentlemen. Bin nur ein bißchen auf Urlaub. Kein Grund zur weiteren Beunruhigung.«
Er zerschnitt den Apfel und aß ihn Stück um Stück. »Freilunch gefällig?«
»Nee, mein Sohn,« sagte Wuppermann und schüttelte ironisch den Kopf, »das mach du einem Grünhorn weis, daß du dich urlaubshalber sehen läßt. Ja, wenn du für den Urlaub bezahlt kriegtest.« Und er lachte ungezwungen.
Finkler war mit dem Apfel zu Ende. Er nickte Wegherr zu und meinte gleichmütig: »Wollte nur sehen, Doktor, ob dieser Moloch Wuppermann dir noch nicht auf die Nerven gegangen wäre. War nicht sehr freundschaftlich von mir, dich mit diesem Dollarmenschen allein ziehen zu lassen. Dachte, ich hole dich wieder nach Neuyork, unter Intelligenzen.«
»Glaub ihm kein Wort,« rief Wuppermann. »Sein Hirn ist eingetrocknet. Er will dich in Neuyork zu mindestens zwei Dutzend Zeitungsartikeln einschlachten. Über Politik, Kultur; Volkswirtschaft, historische Persönlichkeiten. Ein Historiker wie du wäre für ihn ein gefundenes Fressen.«
»Vielleicht will er nur noch einiges von der Jugendgeliebten vernehmen, Georg. Er ist ein weicherer Mensch, als du denkst.«
Finkler winkte energisch ab.
»O, ich bitte dich, Doktor. Nichts mehr von diesem Weib. Es widerspricht meinem guten Geschmack. Aber wenn du mir fünf Minuten deiner Zeit opfern willst –«
»Finkler,« sagte Wuppermann und trat einen Schritt näher, »wenn du nach dem Sprichwort ›Zeit ist Geld‹ bei Wegherr Zeit mit Geld verwechseln solltest, so rate ich dir gut. Wenn du ihn anborgst –« und er streifte die Ärmel ein wenig von den muskulösen Armen. »Verdien dir dein Geld.«
Finkler wandte sich achselzuckend an Wegherr, dem das Peinliche des Augenblickes vom Gesicht zu lesen war.
»Es ist sein pennsylvanischer Hinterwäldlerton. Lassen wir ihn. Sieh, Doktor, gestern mittag kam ich in Neuyork an. Meine Gedanken arbeiteten auch auf der Eisenbahn. Und abends sauste ich schon dieselbe Strecke nach Philadelphia zurück und heute in aller Herrgottsfrühe hierher weiter. Da bin ich. Man zögert hier nicht lange.«
»Und deine Gedanken?« fragte Wegherr. »Wolltest du sie mir vortragen?«
»Stimmt. Es ist eine Art Freundschaftsdienst, auf Gegenseitigkeit begründet. Du schreibst mir eine Anzahl Artikel, glänzend, wie du das zu machen pflegst. Ich aber, durch meine ebenso glänzenden Verbindungen, bringe sie bei den Zeitungen unter, die die größte Tragweite besitzen. Den Erlös teilen wir. Ich stehe dir für ein großes Geschäft.«
»Sagte ich's nicht?« rief Wuppermann und klatschte sich auf den Schenkel. »Sagte ich's nicht? Ich kenn' doch meine Pappenheimer. Aber immerhin, es soll ihm verziehen sein: es ist ein Geschäft, wenn auch nur für seine Beine.«
»Du glaubst, das sei überlegenswert?« fragte Wegherr lächelnd den Freund.
»Der Reporter ist hier der Kurpfuscher der Kultur. Wenn auf tausend Meilen kein Arzt zur Hand ist, nimmt man gern den Schäfer.«
»Ein guter Hirte weiß, was seiner Herde dient, Doktor. Sie frißt ihm aus der Hand, dem fremden Tierarzt nicht. Ich werde jeden deiner Briefe mit einer Einführung versehen. Dann glauben sie's dir.«
Nun lachte Wegherr herzlich. »Die Wissenschaft auf Krücken.«
Dann wurde er ernst und wollte glatt ablehnen. Aber Wuppermann flüsterte ihm zu: »Nimm dir Zeit!« Und so dankte er Finkler für die guten Absichten und versprach, in der nächsten Zeit auf den Gegenstand zurückzukommen. »Wir sind auf dem Gang durch die Fabriken. Prachtvolle Schöpfungen, was? Und das Herz lacht einem im Leibe, daß das einer der unseren geschaffen hat. Schließ dich der Besichtigung an. Es schadet keinem.«
»Leider nicht in der Lage,« bedauerte Finkler. »Muß das Reisegeld wieder herausverdienen. Kann ich eine halbe Stunde dein Privatkontor benutzen, Wuppermann?«
Der Fabrikant rief einen Jungen heran und gebot ihm, den Herrn ins Privatkontor zu führen.
»Wir nehmen den Lunch um 12 Uhr in der Fabrik. Wenn du teilnehmen willst?«
»In der Voraussetzung, daß du Gentleman genug bist, mich dann zur Bahn kutschieren zu lassen.«
» All right!« Und Wuppermann wandte sich um und betrat mit Wegherr die Fabrikgebäude, in denen die Strumpfmaschinen sausend bei der Arbeit waren und die Garnspulen der Bandstühle wie die Wiesel liefen und tanzten.
»Jede dieser beiden Fabriken untersteht einem Direktor,« erklärte er. »Ich führe die Oberaufsicht. War kein schlechter Gedanke, kann ich dir sagen, von den selbstgebauten Maschinen Nutzen zu ziehen. Ich hab' natürlich ein Abkommen mit meiner Kundschaft, sie nicht zu unterbieten. Aber da mich die maschinelle Einrichtung nur die Hälfte kostet und ich gewisse Verbesserungen nur für mich nutze, streiche ich durch die billigere Arbeit den höheren Gewinn ein. Außerdem arbeite ich schneller und kann in Zeiten der Hochkonjunktur so viel Maschinen einstellen, wie ich will. Das ist der Trick oder das Ei des Kolumbus.«
»Ich glaube, Georg, zum Amerikaner muß man schon vor der Geburt bestimmt sein.«
Wuppermann lachte. »Mein guter Alter in der Herzbachstraße,« meinte er dann nachdenklich, »der hat Jahr für Jahr sein Stangeneisen geklopft und Hufeisen draus gemacht. Nee, der war nicht schuld. Ein jeder Mensch hat es in der Gewalt, sein Leben in die Höhe zu bringen. Aber die meisten wollen nicht.«
»Weshalb sollten sie nicht wollen, Georg?«
»Weil sie fest daran hängen, sie seien zum Offizier bestimmt, und es langt nur zum Bierkutscher. Weil der eine lieber an seiner verpfuschten Juristenlaufbahn festhält, statt es mit einem schwunghaften Hosenträgerhandel zu versuchen, und der andere lieber Vaters Fabrik herunterbringt, als daß er ein Delikatessengeschäft gründet. In diesem Lande gibt es keine feierlichen Herkommen, und wer an einer Kneipe mehr verdient als ein anderer an Goldminenaktien, bleibt der Beneidetere.«
Auf den Kontoren, die sie betraten, ging es zu wie auf dem Kontor der Maschinenfabrik. Nur daß Wuppermann, als er die Briefschaften durchflogen hatte, sich lediglich mit den Direktoren unterhielt. Aber seinen Besichtigungsgang machte er durch alle Räume, und sein Auge war überall.
»Sechstausend Paar seidene und halbseidene Strümpfe den Tag,« meldete der Direktor. »Gute Arbeitsleistung.«
»Donnerwetter,« entfuhr es Wegherr, »das macht im Jahre – Himmel, wer soll die alle tragen?«
»Kosten das Paar im Ladengeschäft einen halben Dollar,« erklärte Wuppermann. »Kein Dienstmädel trägt hier einen gestopften Strumpf. Strümpfe stopfen, so was gibt's hier überhaupt nicht. Strümpfe sind zum Kokettieren da. Was reißt, kommt in die Lumpen. Eine schadhafte Moral wird hier kaum bemerkt, ein schadhafter Strumpf auf der Stelle. Nicht gentlemanlike, nicht ladylike. Gentlemen und Ladies sind sie hier aber alle. Daher der Riesenverbrauch. Gott geb', daß es immer so bleibe.«
Nur die Färberei war noch zu besichtigen. Wuppermann stieß die Tür auf, und ein heißer Qualm fauchte heraus. »Jetzt naht die Überraschung,« sagte Wuppermann. »Der Meister soll kommen,« rief er in den dicken Brodem hinein.
Eine Gestalt tauchte auf und schob sich näher. Der Arbeitsanzug schillerte in allen Farben, und Bart und Haar wiesen rote, blaue und grüne Schattierungen auf. »Eichelskamp,« rief Wuppermann, »komm ens flöck, hier es ene Landsmann.«
Da war der Alte in drei Sätzen zur Stelle, rieb sich den Dampf aus den Augen und stierte.
»Es dat wohr? Em dreckige Amerika en Minsch von zo Hus? Donnerlütsch, ech fressen mech selver samt minge Färverkittel, wenn dat nich – wenn dat nich der Ernst Wegherr es.« Und er wischte heftig an den Hosen die Hände ab und streckte sie Wegherr entgegen.
»Mann Gottes, Sie sind doch nicht« – Wegherr überlegte – »Sie sind doch nicht der Kobes, der vor dreißig Jahren beim Meister Wuppermann in der Herzbachstraße Schmiedegesell war?«
»Stimmt wie aus 'm Gebetbuch. Gerad der Kobes, dä mit euch Jungs Forelle zoppe ging. Nee, enee, wat han ich en Freud'!« Und er lachte, bis er sich schneuzen mußte.
»Aber Mann, Sie waren doch Schmiedegesell und nicht Färber.«
»Ech wor ein's Dags nach Amerika. Nich im Läwe widder. Ech wor den Yankees zu ahl, mit die Fäust'. Awwer minge eigne Fäust konnt ich nich auffresse, un Hunger hatt' ech auch för zwölf Mann. Da stöberten mech der Georg Wuppermann auf. Dä sagt: ech brauchen gerad ene zuverlässige Färwermeister, un nahm mech beim Schlaffitche. Ech dacht, der Georg moß dat besser wisse; mügelich, dat in Amerika die Färwers Rundeise schmiede. Un ech han gefärwt noh de Schwerenot.«
»Ich komm noch mal wieder, Kobes,« sagte Wegherr und drückte des Alten Hand. »Hat mich mächtig gefreut, Kobes.«
»Un mech, un mech,« murmelte der Alte und murmelte noch eine Weile hinter den beiden her, bevor der Brodem der Färberei ihn wieder verschlang.
»Die Erde wird mit jedem Tag, den man in Amerika zubringt, kleiner, Georg.«
Wuppermann sah nach der Uhr. »Wir können jetzt den Lunch einnehmen. Das mach' ich immer hier in der Fabrik, weil wir schon um vier Uhr schließen. Da vertrödele ich keine Zeit und kann mich beim Dinner ganz den Meinen widmen.«
Sie fanden Finkler bereits bei der Mahlzeit, die in einem Korbe vom Landhaus herübergebracht worden war. Er lieh sich nicht stören und wies nur mit dem Messerstiel auf eine Anzahl beschriebener Blätter. Wuppermann nahm sie auf und las laut die dreifache Überschrift: »Zwei prominente Deutsche in Amerika.« »Georg Wuppermann, der Typus des Großindustriellen und Selfmademan, und Professor Doktor Wegherr, der weltberühmte Geschichtsforscher und Völkerpsycholog.« »Ideale der deutschen Männerfreundschaft.«
Wuppermann ließ die Blätter sinken. »Was – kostet – mich das?« gurgelte er unter Lachen hervor.
»Ein Fabrikat gegen das andere. Sechs Dutzend Paar Seidenstrümpfe werden dich nicht gereuen, Mann.«
Der Fabrikant nahm das Telephon, sprach hinein und hing den Hörer an. »Sie werden in den Wagen gebracht. Da kommt er schon.«
Finkler verabschiedete sich von Wegherr. »Wenn du mich besuchst, Doktor – hier meine Karte – eine Depesche genügt. Aber es muß ein Geschäft dahinter stecken.« Wuppermann klopfte er auf die Schulter. »Sind's auch sechs Dutzend? Gentlemen, war mir eine Ehre.«
»Die Strümpfe verkauft er,« sagte Wuppermann seelenruhig, als sie den Rest des Frühstücks einnahmen. –
Die Nachmittagsstunden vergingen im Fluge. Rechnungen wurden geprüft, Stapel von Briefen unterschrieben, versandfertige Maschinen besichtigt und die Verpackung überwacht. Wegherr fühlte sich todmüde, als sie die laute Fabrik verließen und dem stillen Landhaus zuschritten.
»Wir werden gleich zu uns kommen,« meinte Wuppermann vergnügt und öffnete die Tür.
Da stand Frank Willart im Zimmer, mit den feurigen Augen im kräftig gemeißelten Gesicht. Und neben der Hausfrau saß eine Dame, die wie die Schwester der Hausfrau erschien, schlank und von feinen und festen Gliedern.
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Die Hausfrau hatte sich beim Eintritt der beiden Herren erhoben.
»Wir haben liebe Gäste,« sagte sie mit dem warmen Ton der Stimme. »Darf ich unsern Freund bekannt machen? Ach, ich vergaß, die Herren kennen sich ja schon von der Bergfahrt her. Aber meiner lieben Freundin Fräulein van Weert muß ich Sie vorstellen. Doktor Wegherr, Professor aus Deutschland.«
Ernst Wegherr reichte Fräulein van Weert die Hand. Sie sahen sich an und nickten sich freundlich zu. Dann beurlaubten sich die Herren auf eine Viertelstunde, um den Fabrikstaub abzuschütteln.
Als sie in Abendkleidung zurückkehrten, erscholl der Gong, der zum Dinner lud. Die Kinder speisten heute auf ihrem Zimmer. So wurde es etwas feierlicher. Aber diese Feierlichkeit verlor sich sofort, als der kleine Kreis Platz genommen hatte und die Unterhaltung lebhafter wurde. Wegherr hatte zwischen der Hausfrau und Fräulein van Weert seinen Platz gefunden. Das war ihm lieb und verscheuchte schnell die Abspannung, die der rasselnde Fabriktag hinterlassen hatte.
»Meine Freundin Gertrud van Weert,« sagte die Hausfrau, »ist nun auch schon ein Dutzend Jahre im Land. Leider haben wir davon erst drei Jährchen mitbekommen.«
»Erst drei Jährchen?« wiederholte Fräulein van Weert. »Mir schienen es, an den ersten neun Jahren gemessen, drei recht lange Jahre.«
Ihr Gesicht war schmal, und die Stubenluft hatte ihrer brünetten Haut einen elfenbeinfarbigen Hauch gegeben. Das dunkle Haar lag in einer schweren Flechte um die Stirn gewunden. Das Köpfchen hing ein wenig müde auf dem schlanken Hals, als ob es Erinnerungen nachträumte. Erhob es sich aber in der Erregung des Gesprächs, so ging ein spannkräftiger Zug durch die ganze Gestalt, daß die Brust vorwärts drängte und Schultern und Arme sich strafften. Bis das leise Hinträumen wieder Macht gewann.
»Ich entnehme aus Frau Wuppermanns Worten,« wandte sich Wegherr an seine Nachbarin, »daß Sie Ihren Aufenthalt hier in der Nähe genommen haben.«
»Ich bin als Lehrerin an dem großen Damen-College angestellt, das nur ein paar kleine Meilen von hier in der Nähe der Stadt liegt, eine Art Mädchenuniversität mit Internat.«
»Sie sagen das nicht sonderlich fröhlich, Fräulein van Weert.«
»O,« erwiderte sie hastig und errötend, »ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich gehen ließ. Nein, nein, es war nicht recht. Besonders nicht in diesem Kreise, der jeden Menschen fröhlich machen muß.«
»Lieben Sie die Lehrtätigkeit nicht?« beharrte Wegherr. »Ich meine, es wäre etwas Wunderbares, die heiligen Feuer in den Seelen der Jugend zu entzünden.«
Da trat ein schalkhafter Glanz in ihre Augen.
»Geben Sie mir in Amerika die Jugend und die heiligen Feuerstellen der Seele, und ich will sie entzünden. Was aber, wenn beides nicht vorhanden ist? Keine Jugend und kein Idealismus? Dann brennt Ihr Lichtlein ganz alleine, und zuletzt halten Sie die Hand darüber, damit es keiner sieht.«
Ernst Wegherr lachte, und die übrigen stimmten ein.
»Gilt das,« fragte er, »nur für die jungen Damen oder auch für die jungen Herren?«
Fräulein van Weert sann nach. »Ich maße mir über die jungen Herren kein Urteil an,« meinte sie dann, »und die jungen Damen haben ganz sicher auch ihre Vorzüge. Aber sie liegen auf einem Felde, das uns bei jungen Mädchen wenigstens etwas – nun, etwas ungewohnt erscheint. Sie sind eben nicht jung und nie ganz richtig jung gewesen. Sie sind fertige junge Damen in einer Zeit, in der wir daheim noch verschämt mit der Puppe spielten. Und all die süßen Mädchenschwärmereien für die großen Dichter und Helden, das Wispern und Flüstern der kleinen, törichten und vertrauten Geheimnisse – ach, alles das, was unsere Lebensfreude in einem einzigen Jauchzer ausströmen ließ, ist ihnen so unverständlich wie dem Fisch der Vogel. Sie kommen als kleine Herrinnen zur Welt und gehen als große Herrinnen durch die Welt.«
»Aber ihr großer Lerneifer ist doch anerkennenswert,« warf Wegherr ein. »Davon zeugen doch die vielen Damen-Universitäten.«
Fräulein van Weert blickte Mr. Willart an. Der winkte ihr ermutigend zu.
»Ja,« sagte sie, »das ist wahr. Und doch hat auch dieses Kapitel bald seine besondere Note bekommen. Die großen und gebildeten Frauen, an denen Amerika reich ist, haben Schule gemacht. Ihr starkes und kühnes Auftreten auf allen Gebieten des Lebens erregte Aufsehen und Bewunderung. Was aber in Amerika Aufsehen erregt, ruft gleich bei Tausenden den Nachahmungstrieb hervor. Die Frauenbildung war bald nicht mehr Vorrecht der Berufenen, sie wurde Mode. Es gehörte für eine junge Dame einfach zum guten Ton, ein Universitätszeugnis oder gar einen der unzähligen Preise, eins der ebenso unzähligen Diplome aufweisen zu können, und die Männer, die sich in ihren Geschäften abrackerten und keine Zeit für Kunst und Wissenschaft fanden, waren stolz auf ihre klugen und gebildeten Frauen. Diese Bildung aber geht bei den meisten leider nur bis dicht unter die Oberfläche, da sie sie nur als schnell zu beschaffendes Heiratsgut betrachten, und die Lehrerin ist entweder ohnmächtig gegenüber dem Selbstbewußtsein ihrer Schülerinnen, oder sie weiß es selber nicht besser. Aber jetzt« – und sie sah sich mit rotem Kopf lachend im Kreise um – »jetzt hab' ich wahrlich genug gelästert.«
Frank Willart hob die Hand.
»Das, was Fräulein van Weert so liebenswürdig war uns in ihrer klaren Art zu erläutern, trifft mit wenigen Einwendungen auch auf die männlichen Schüler zu. Gewiß, bei ihnen ist der Bildungshunger echter. Aber auch hier überwiegen die Mitläufer diejenigen, denen es ernste Gewissenssache um die wissenschaftliche Forschung ist. Der Sport regiert die Stunde. Der beste Base-Ball-Spieler zu sein, gilt mehr als der beste Grieche, und nicht der berühmteste und hinreißendste Professor vermag auch nur einen Bruchteil der Begeisterung zu erregen wie ein Spiel-Turnier in der Studentenschaft. Und betrachten Sie sich, mein lieber Doktor Wegherr, einmal unsere zahllosen und übervölkerten Universitäten bei Lichte. Viele davon würden Sie in Deutschland nur als Oberklassen eines Gymnasiums ansehen, alle aber während der ersten dreijährigen Kurse. Was in den ersten sechs Semestern gelehrt wird, ist Sekunda- und Primafach. Erst nachher wird das Studium wissenschaftlich systematischer, soweit die Lehrkräfte reichen, von denen die besten sich doch wieder in Deutschland ihre letzte und stärkste Ausbildung holen. Ach ja, Deutschland und seine Schulen!«
Wegherr hob ihm sein Glas entgegen.
»Prosit, Mr. Willart. Das war ein gutes Wort. Und ich wette, auch Sie waren in Deutschland.«
»Ich bin in Leipzig zum Doctor philosophiae promoviert. Aber man macht als Privatmann keinen Gebrauch davon, nur im Lehramt oder als Mediziner.«
»Also doppeltes Prosit. Ich freue mich des Kollegen. Und« – er ließ sein Glas gegen das Glas Fräulein van Weerts anklingen – »der warmblütigen Kollegin.«
»O," sagte Fräulein van Weert leise, »sie ist in den drei Jahren abgekühlt.«
Wuppermann drohte ihr mit dem Finger. »Das ist ein Glück für uns.« Und sofort nahm das Gespräch eine heitere Wendung.
Als im Nebenzimmer der Kaffee gereicht wurde, die Hausfrau sich für kurze Zeit entschuldigt hatte, um das Zubettgehen der Kinder zu beaufsichtigen, und Willart mit Wuppermann den Bücherschrank musterte, schob Wegherr Fräulein van Weert einen Sessel an den Kamin, auf dessen offener Feuerstelle ein paar Buchenkloben prasselten, und ließ sich im Stuhle neben ihr nieder. Eine Weile betrachtete er heimlich ihr feines Köpfchen, die schlanke Mädchengestalt, die in den Bewegungen sich so stählern zeigte. Und er malte sie sich aus, wie sie stundenlang auf dem Lehrstuhl sich müde redete vor einer Schar eingebildeter Dinger, die die Lehrerin als einen besseren Dienstboten betrachteten. Dieses feine Geschöpf.
Sie fühlte seinen Blick und wurde unruhig. Und er beeilte sich, ein Wort zu sagen.
»Zwölf Jahre sind Sie schon im Land? Zwölf Lehrerinnen-Jahre?«
Da machte sich ihre Unruhe in einem frohen Lachen Luft.
»Also so sehe ich aus, Mr. Wegherr? Da haben wir's. Die drei Jahre haben genügt, mir die Matronenwürde zu verleihen. Nein, wirklich, Mr. Wegherr, vor zwölf Jahren war ich wirklich noch zu jung dazu.«
Ernst Wegherr lachte fröhlich mit.
»Das seh' ich selber, Fräulein van Weert. Ich war so in Gedanken, daß ich eine Gedankenlosigkeit beging. Verzeihen Sie mir.«
»Übrigens,« half sie ihm ein, »ist der Unterschied auch nicht so groß. Ich kam mit sechzehn Jahren nach Amerika. Als Begleiterin meines Bruders, der als junger Eisenbahningenieur herübergerufen worden war. Gott, waren das noch Zeiten.«
Ihre dunklen Augen bekamen einen helleren Glanz, und über ihr Gesicht huschte ein Schein wie ein Aufleuchten vergangener Tage. Vornübergebeugt sah sie und blickte starr in das Kaminfeuer.
»Darf ich danach fragen, Fräulein van Weert?«
»Es ist nichts Bedeutendes,« sagte sie vor sich hin, ohne sich zu rühren. »Nur für mein Leben war es das Bedeutendste. Mein Bruder Jan – wir stammen von der holländischen Grenze – mein Bruder und ich hingen in zärtlicher Geschwisterliebe aneinander. Er war ein glänzend begabter Techniker, und als er die Berufung der amerikanischen Eisenbahngesellschaft erhielt, im fernen Westen eine Eisenbahnstrecke anzulegen, nahm er mich mit. Mit in die Freiheit, mit in die Wildnis, mit in das Forschen, Lernen und Gestalten hinein. Ich durfte als Schülerin sofort vor die Größe der Natur.
Mit sechzehn Jahren. Und durfte dem Bruder helfen, als wenn ich ein Jüngling gewesen wäre. Durfte ihm in seinen Arbeiten zur Hand gehen und alles miterleben, seine kühnen Entwürfe und sein sicheres Vollbringen, den Kampf mit den Naturkräften und der zusammengewürfelten Menschenkolonne, die unter seinem Befehle stand, gute und schlimme Tage, Niederlagen und Siege. Wir führten ein Nomadenleben, fern in den westlichen, nord- und südwestlichen Staaten. Mit jedem Kilometer Eisenbahn rückten wir unsere Zelte vor. Hatte ich unseren kleinen Haushalt besorgt, was schnell geschah, da für die Arbeitskolonne ein Kantinenkoch sorgte, so schwang ich mich aufs Pferd und jagte dem Bruder nach. Die wilden Kerle mochten mich, wie man ein Töchterchen mag. Sie riefen mir die Richtung zu, hierhin, dorthin, und jeder schrie dem anderen die Weisung zu, auf mich acht zu geben. Von Denver an, von Colorado Springs in den Rocky Mountains bis zum Süden Kaliforniens ging's durch die starrenden Gebirge, die endlosen, immer endloseren Prärien. Und hinter meinem Bruder her, der oft eine Tagreise weit vorritt, um die Punkte für den Unterbau zu untersuchen und zu bestimmen, jagte ich durch Berge und Prärien, immer den Himmel über mir, durch Sommersonne und Winterschnee, oft durch ausbrechende Stürme und Gewitter. Dann packte mein Bruder vom Sattel herüber in meinen Zügel hinein, wie er es auch oft tat, wenn wir über die grauen, sonnenverbrannten Prärien sausten, atemlos, aber Auge und Hand eins, damit die dahinstürmenden Gäule nicht in die Maulwurfshügel der Präriehunde einbrächen und einen Kopfsprung täten. Neun Jahre waren es, und sie scheinen mir heute wie neun Wochen. Wer durfte Frühling, Sommer, Herbst und Winter erleben wie ich. Wer durfte der Natur so ins Gesicht sehen, ob sie gütig lächelte oder Teufelsfratzen schnitt. Wer durfte einem anderen dienen, wie ich dem Bruder, und wurde im Dienen so über sich hinausgehoben. Kein Mensch durfte so lieben und so weinen.«
Ihre Augenbrauen zogen sich schmerzhaft zusammen. Und die Lippen lagen fest aufeinander gepreßt, als ob sie einem Schluchzen wehrten.
Ernst Wegherr saß still neben ihr und wartete.
»Es ist nicht mehr viel, Herr Professor. Wir waren die Küste des Stillen Ozeans entlang nach Norden gezogen. Ein neuer Vertrag rief dann den Bruder hinauf nach dem Alaska-Gebiet, wo Eisenbahnen geplant wurden. Irgendwo lagen wir mit der Kolonne in der Wildnis. Es war Abend, und Jan saß vor mir und erklärte mir ein paar neue kühne Baupläne mit weiten Brückenspannungen und Tunnelierungen, daß es mir heiß zu Sinn und stolz zu Mute wurde, als ihm plötzlich die Lippen bebten und er lautlos hintenübersank. Die Arbeit hatte seine Nerven ausgepumpt. Ich schrie nach den Leuten. Auf der Dräsine fuhr einer mit der Fackel zur nächsten Ansiedlung, in der ein Arzt wohnte und ein Gasthof lag. Ich zu Pferde hinterher, immer zwischen den Notgleisen, dem Fackelschein nach. Vor mir im Sattel der Bruder, den ich mit dem linken Arm an mich geklammert hielt. Aber meine Blutwärme konnte ihn nicht erretten.«
Und wieder saß sie mit schmerzhaft zusammengezogenen Augenbrauen und fest aufeinandergepreßten Lippen.
»Ohne seinen nahen Tod auch nur zu ahnen,« schloß sie dann, »ohne für seine heißgeliebte Arbeit Vorsorge treffen zu können, mußte er hinweg. Das war das Furchtbare.«
Ernst Wegherr nahm leise ihre Hand. Und leise sagte er:
»Fräulein van Weert, Sie irren. Ein solcher Tod ist nicht furchtbar. Es ist der Tod, den ein gütiges Schicksal seinen Lieblingen schickt. Glauben Sie mir, das ist kein Trost, das ist die Wahrheit. Ja, Fräulein van Weert, es ist ein Glück, daß wir unsere Todesstunde nicht im voraus kennen, denn mancher große Weg, manche große Tat würde ungeschehen bleiben, weil wir das Augenmaß verlören und achselzuckend sagten: Es reicht nicht, oder es lohnt nicht. Es lohnt aber immer, Fräulein van Weert. Und Ihr Bruder Jan bewies es.«
Da drückte sie ihm die Hand. »Ich danke Ihnen. Vielleicht haben Sie Recht. Vielleicht habe ich in der Freiheit selber so gedacht. Aber der eingegitterte Vogel läßt schnell die Flügel hängen.«
»Weshalb ließen Sie sich eingittern?«
»Weshalb? O, Sie sind noch nicht lange in Amerika. Die Bank unterschlug Jans Ersparnisse und behauptete, sie seien in einer Spekulation zugrunde gegangen, die mein Bruder unternommen habe. Und die Eisenbahngesellschaft zahlte keinen Dollar über den verdienten Gehalt. Ich ging nach dem Osten zurück und durfte froh sein, als Lehrerin für Deutsch und Französisch hier am College unterzukommen. Aber es ist alles nicht so schlimm, wie es scheint. Man muß sich nur bescheiden lernen. Ob man auf dem Gaul oder auf dem Katheder sitzt, das Leben geht darum keinen anderen Gang. Und nun genug von mir. So wichtig,« und sie lachte aus klargewordenen Augen, »so wichtig bin ich mir schon lange nicht mehr vorgekommen.«
Die Hausfrau war zurückgekehrt und brachte die Herren mit an den Kamin. Der Kreis wurde wieder geschlossen.
»Brauchen wir nicht ins Rauchzimmer, Mary?«
»O nein, wir geben euch nicht frei. Wenn es Fräulein Gertrud erlaubt, dürft ihr rauchen.«
»O, ich habe jedenfalls schlechteren Knaster zu riechen bekommen.«
»Dann machen wir Ihnen mit unseren guten Zigarren also geradezu ein Vergnügen, Fräulein van Weert?« neckte Wuppermann.
»Umgekehrt, Herr Wuppermann. Die Zigarren mit Ihnen! Mir geht es wie Frau Mary.«
Da verbeugte er sich tief, holte hinter dem Rücken die Zigarrenkiste hervor und bot den Herren an. »Was die Frau will, will Gott.«
»Wie stehen die Fabriken?« fragte Willart aus seinem Sessel heraus.
»Danke für Nachfrage,« meinte Wuppermann. »Es geht zwar gut, aber noch mehr Arbeit schändet nicht.«
»Da braucht man Sie nur anzusehen. Hat Ihr Freund die Fabriken besichtigt? Ja? Und Gefallen daran gefunden?«
»Lieber Mr. Willart, Sie dürfen ruhig geradeaus fragen. Denn Sie meinen doch, ob ich ihn mir zum Teilhaber ausersehen habe.«
