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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 13

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»Mensinga«, bat mit gefalteten Händen die unglückliche Frau, »Mensinga, was bedeutet das alles? Sagt mir die Wahrheit!« Ihr vergrämtes Antlitz, ihr eisgraues Haar hätten auch das härteste Herz rühren müssen. Der Franzose zuckte die Achseln. »C‘est la mère?« fragte er, »Pauvre femme! Aber nix helfen können, muß alle Soldat sein, auch Sohn! Nix helfen können!« Frau Douwe trat ihm näher, sie zitterte am ganzen Körper, »Mein Sohn? Mein Sohn? – Aber das ist unmöglich!« Er glitt an der Unglücklichen vorüber, um im Nebenzimmer selbst nachzusehen. Sowohl Frau Douwe als auch der Wattführer und dessen gleichfalls herbeigekommene Frau folgten ihm nach, als wollten sie den Knaben beschützen, ihn den Händen seiner Feinde entreißen.

Onnen schlief den festen, gesunden Schlaf der Jugend. Er hatte einen Arm unter den Kopf gelegt, seine Augen waren geschlossen und um die Lippen spielte ein leichtes Lächeln. Frau Douwe schluchzte laut, als sie ihn sah.

Das Licht einer kleinen Lampe fiel auf sein Gesicht, er blinzelte und erwachte dann plötzlich. »Was gibt es?« rief er. »Ein Überfall!«

»Ach Mensinga, so helft doch, helft doch! Er ist ein Kind, wie kann man ihn mir entreißen und unter die Soldaten stecken wollen!«

Der Wattführer drängte sich vor. »Wo ist der Befehl?« fragte er.

»Natürlich haben Sie einen solchen! – Es mag immerhin eine Aushebung stattfinden, man denkt dabei aber doch nur an erwachsene Männer!«

Der Unteroffizier hörte ihn nicht an. Er zwang den Knaben, aufzustehen und seine Kleider anzulegen, dann zog er ihn am Arm zur Tür.

Frau Douwe klammerte sich mit beiden Händen an ihr Kind, sie schrie laut. »Ich lasse ihn nicht, ich lasse ihn nicht!«

Der Franzose wiegte den Kopf. »Sagen adieu pauvre mère«, gebot er. »Maken schnell das Sake – nix warten. Aben Bataillon Marschordre pour la Russie!«

»Großer Gott! Großer Gott! Nach Rußland!«

Das Weinen und Wehklagen von der Straße fand hier im Zimmer sein schauerliches Echo. Alles schluchzte, alles rang die Hände, nur Onnen selbst war wie versteinert. Er sollte Soldat werden – er? Und jetzt?

Seine Mutter küßte ihn, Frau Trientje streichelte unter Tränen sein Gesicht, der Wattführer drückte ihm die Hand und sprach Worte, die er nur wie aus weiter Ferne hörte – dann stand er draußen und unter einer zahlreichen Menge, die durcheinanderwogte wie eine aufgeschreckte Herde, wenn der Wolf in die Hürde drang.

Marschordre nach Rußland. – Das fürchterliche Wort lebte in aller Herzen, zerstörte alles Denken und Überlegen, es übte eine geradezu vernichtende Wirkung.

»Draußen auf dem Meer liegt ein großes französisches Kriegsschiff!« sagte eine Stimme. »Sechs Boote schleppen fortwährend die jungen Leute an Bord.«

»So muß man den Engländern ein Zeichen geben!«

»Das ist unmöglich. Überall am Strande stehen Wachen!«

Der Wattführer blieb an Onnens Seite, taub gegen die Fragen und Ausrufe, womit er sogleich auf der Straße empfangen wurde. Es ließ sich gegen die getroffene Verfügung nichts ausrichten, das wußte er nur zu wohl, aber doch drängte es ihn, bei dem unglücklichen Knaben zu bleiben, bis man sie beide gewaltsam auseinanderriß.

Zwei Söhne des Vogtes wurden eben von sechs Franzosen mit Kolbenstößen vorwärtsgetrieben, Georg Wessel stand blaß wie der Tod inmitten einer Gruppe Gefesselter – überall hoben jammernde, wehklagende Menschen die Hände zum Himmel, überall tönte das Schluchzen der Verzweiflung.

Auf einmal hörte man die Stimme eines ganz jungen Menschen. »Ich will aber nicht Soldat werden. Was fällt euch ein, ihr Franzosen – mein Vater war ja immer euer Freund und ist es auch noch!«

Adam Witt strampelte mit Händen und Füßen gegen den Griff des Unteroffiziers, der ihn gepackt hielt. »Vater!« rief er, »Vater, bist du denn ganz täppisch geworden – so sprich doch!«

Aber diese kindliche Anrede blieb ohne Wirkung. Peter Witt, heute seit langem zum erstenmal genötigt, sich wieder unter seinen Landsleuten öffentlich zu zeigen – der geächtete, menschenscheue Verräter stand mit vornübergebeugter Haltung und ängstlichem Blick inmitten der Franzosen, aber er sprach kein Wort, sondern spielte fortwährend mit seinen Fingern, wie kleine Kinder, wenn sie gescholten werden. Dann winkte er stumm dem Knaben.

»Dummes Zeug!« rief dieser. »Du mußt den Obersten aufsuchen, Vater.«

Noch während er sprach, riß ihn der Soldat gewaltsam mit sich. Ein Schreckensschrei brach über die Lippen des Knaben. »Vater! – Vater!«

Auch Onnen und Georg Wessel mußten das Boot besteigen. Noch einmal drückte ihnen der Wattführer die Hand, noch einmal sah er ihnen zum Abschied ins Auge. »Geht mit Gott, Kinder, baut auf ihn in aller Not!«

»Lebt wohl! Lebt wohl!«

»Vater«, schrie Adam Witt, »warum hilfst du mir nicht?«

Die Riemen fielen in das Wasser und die Boote schossen auf das dunkle Meer hinaus. Noch Sekunden, dann waren die Zurückgebliebenen, die beraubten Eltern und Geschwister allein. Nur ein Trupp von Zollbeamten hielt die Insel besetzt, alles Militär hatte dieselbe verlassen, um den russischen Eisfeldern, der Vernichtung in ihrer schrecklichsten Gestalt, entgegen zu gehen.

Einsam unter den Trauernden stand Peter Witt. Niemand nahm von ihm die mindeste Notiz, niemand schien den Unseligen zu sehen, den Mann, dessen Verrat die kühnen Patrioten von Norderney ins Verderben stürzte.

9

Gerade heute kehrten unwillkürlich die Gedanken der Norderneyer zurück zu jenen Schreckenstagen der Massenhinrichtung. Was Schweres und Trauriges die Insel seitdem betroffen hatte, in letzter Linie das Ereignis dieser Nacht – es ging alles hervor aus Peter Witts ehrlosem Verrate, es war die Folge des begangenen argen Verbrechens gegen Gott und Menschen.

Niemand beachtete den Geächteten, und dennoch wünschte er nur eins – zu sprechen, eine Antwort zu hören.

Die alte Haushälterin hatte ihn längst verlassen, er war mit dem Knaben allein geblieben, aber so wenig ihn dieser auch liebte und ehrte, besaß er doch in ihm ein lebendes menschliches Wesen, das mit ihm im selben Raume aß und schlief, das mit ihm sprach und seine Verbannung in dem Holzschuppen teilte. Nun war Adam fort – ein herzbeklemmender Gedanke, eine Vorstellung, die seine Zähne aufeinanderschlagen ließ in namenloser Furcht.

»Wie schrecklich!« sagte er beinahe ohne klares Bewußtsein, »wie schrecklich, Amtsvogt! Auch Eure beiden Jungen sind dahin!«

Der Alte kehrte sich ab – stumm, ohne ein Zeichen, einen Laut. »Wenn sie schelten würden«, dachte der Elende, »drohen, schmähen – nur nicht dies Stillschweigen!«

Er folgte dem Strome, obwohl ihn derselbe wieder und wieder ausstieß, er sprach und flüsterte, er wandte sich zu den Kindern, den alten Frauen, um irgendein Wesen an sich zu ziehen, um doch in der allgemeinen Trauer nicht so ganz verlassen dazustehen. Vergebens! Selbst die Kleinsten flüchteten aus seiner Nähe, die Ärmsten verschmähten den Groschen, welchen er ihnen mit zitternden Händen bot.

Hie und da schluchzte ein Weib in bitterstem Schmerz, hie und da ballten Männer die Fäuste, aber überall tröstete eins das andere, überall trockneten Freundeshände die brennenden Tränen und linderte gütlicher Zuspruch den herzzerfressenden Groll zu stillerem Ergeben – nur er war allein, so einsam, als liege die Insel am nie erreichten Pol der Erde und als sei er auf ihrem weiten Rund das einzige lebende, atmende Wesen.

Die Kirchtüren öffneten sich, Orgelklang flutete den Trostbedürftigen entgegen. Mitten in der Nacht betete der Geistliche mit den Gliedern seiner kleinen Gemeinde für die gnädige Erhaltung derer, welche so jählings herausgerissen waren aus dem Kreise der ihrigen, einem Ungewissen gefahrvollen Schicksal entgegen.

Ohne Feierkleider, in ihren Alltagsgewändern, oft sogar nur mit dem Nötigsten versehen, lagen die Leute im Gotteshause auf den Knien, weinend und betend, engverbunden im gemeinsamen Weh, tief traurig, aber doch erfüllt von der Zuversicht auf den, der heute noch allen Mühseligen und Beladenen zuruft: »Kommt her zu mir, ich will euch erquicken!«

Peter Witt stand in der offenen Tür, er wagte sich nicht hinein. So ruhig und feierlich brannten die Kirchenlichter, so trostvoll sprach der greise Priester! Ob das Gebet auch seinem, des Verräters Sohne galt?

Er dachte an den öden halbdunklen Holzschuppen, an die leergewordene Stätte, ihm graute. Die Lichter vor dem Altare schienen zu wachsen, immer höher, höher, sie schienen ihm zu winken, ihn erfassen zu wollen, er wandte sich schaudernd ab, dem nächsten mittleren Wege zu. Jetzt hatte bereits die Morgendämmerung begonnen, bleiche Lichter fielen auf Kreuze und Steine ringsumher, auf alle die stummen Zeugen des Todes, der Vergänglichkeit.

Ein hoher weißer Marmorblock hob sich hervor aus der Umgebung, eingeschlossen von einem niederen Eisengitter, am Fuße überdeckt von Blumen und Kränzen. »Zum Gedächtnis unserer teuren Freunde« stand darauf – und dann folgten die Namen der sieben erschossenen Männer.

Peter Witt taumelte, seine Augen traten weit hervor, er zitterte. Auch noch ein kleines Kreuz lehnte sich an den Stein und nur zwei Worte standen darauf, zwei kurze Worte, aber voll eines trostlosen Inhaltes.

»Arme Moiken.«

Das war die junge Frau des hingerichteten Wattführers – der Gram hatte sie getötet. Unter Fremden, schon verwaist in der Wiege, wuchs das schutzlose Kind heran, um eines Tages auf das bitterste den schlechten Mann zu hassen, der Vater und Mutter in den Tod trieb.

Es war ihm, als greife eine kalte Hand nach seinem Herzen, als müßten sich rings die stillen Schläfer erheben, um ihn zu verjagen von der heiligen Stätte, die seine Gegenwart entweihte.

Schaudernd, halberstickt floh er ins Dunkel.

»Feiko, du bist es!«

»Onnen, mein armer Junge – auch dich haben also die Menschenräuber gepackt!«

Der junge Mann in französischer Infanterieuniform, der helläugige Friese mit dem hübschen gutmütigen Gesicht streckte die Arme aus und zog den Knaben zu sich. »Du willst doch nicht weinen, Onnen? – Na, laß es gut sein, mit uns leiden ja alle deutschen Landsleute, soweit unsere liebe Muttersprache klingt – das macht die Sache leichter!«

»Ach Feiko, wie ähnlich bist du meinem armen Vater! So muß er einst als junger Mann ausgesehen haben!«

»Onkel Klaus!« sagte gerührt der andere, »meiner alten Mutter einziger Bruder. Ja, du bist hart geprüft, Onnen, wahrhaftig hart, aber doch nicht über deine Kräfte, das läßt der liebe Gott niemals zu. Nun sieh mich an und suche ruhig zu werden, Junge; die französische Fremdherrschaft, ihre Willkür sind grausamer und tyrannischer Natur, aber mit den Leuten selbst lebt sich‘s ganz erträglich. Alles lustige, oberflächliche, vergnügte Kerlchen, schon zufrieden, wenn man sie nur in ›gloire‹ schwimmen und plätschern läßt, soviel sie mögen, dabei mäßig und sauber – man kann‘s mit ihnen aushalten.«

»Du scheinst sie nicht zu hassen, Feiko?«

»Die Leute nicht, nur die Regierung. Auf russischem Boden wollen wir beide so bald wie möglich desertieren, nicht wahr, Onnen?«

»Wenn – wenn etwas dergleichen möglich ist, Feiko!«

»Das wird es werden, mein Junge. Ich erfuhr in Hamburg, daß mein Vater gefangen sei, und stellte mich sogleich, das war eine heilige Pflicht, aber außerhalb Deutschlands, in Verhältnissen, die nicht genau übersehen werden können, denke ich ebenso schnell wieder zu verschwinden – und du mit mir.«

Onnen lächelte zum erstenmal. »Wie zuversichtlich du sprichst, Feiko! Man fühlt in deiner Nähe allen Mut zurückkehren. Wenn ich bedenke, daß ich vor zwei Stunden noch so ahnungslos schlief – und dann weckten mich fremde Stimmen, alles schrie und weinte, die Mutter war wie außer sich, Soldaten standen im Zimmer und einer derselben zerrte mich am Arm aus dem Bette. Ob wohl schon jemals eine Rekrutenaushebung in dieser Weise vor sich ging?«

Feiko Hansen lachte. »Das war ein kleines Strafgericht für euren Langbootsieg, mein Lieber; auf den anderen Inseln hat man die Sache etwas langsamer angefangen, aber zum Militärdienst gepreßt ist die ganze junge Mannschaft zwischen sechzehn und dreißig Jahren.«

»Alles für die russischen Totenfelder!«

»Oho – wir wollen uns schon durchschlagen. Irgendwo gelangt man an das Meer und auf ein Schiff, dann geht es in fremde Weltteile.«

Die Unterhaltung der beiden Vettern wurde hier gestört. Onnen erhielt seine Hängematte, das anfängliche Durcheinander auf dem Verdeck wich der früheren Ruhe und unter vollen Segeln glitt die Fregatte »Napoleon« auf das Meer hinaus, um wenigstens zweihundert junge Leute der Heimat zu entführen – viele, viele auf Nimmerwiederkehr.

Am folgenden Morgen wurden die Rekruten eingekleidet und mit Nummern versehen, dann begann sogleich das Exerzieren. Unsere Freunde mußten sechs Stunden täglich das Gewehr handhaben, es wurde ihnen auch der übliche Sold der Linientruppen wenigstens versprochen und eine ganz erträgliche Kost verabreicht. Die letzten ostfriesischen Inseln schwanden den Blicken, das Schiff näherte sich dem von den Engländern behaupteten Helgoland, und obwohl es den gefährlichen Punkt in weitem Bogen umfuhr, so verdoppelte doch der Kapitän alle Wachen an Bord, um bei der etwaigen Entdeckung eines feindlichen Seglers sogleich gerüstet zu sein.

»Wenn der ›FaIke‹ geflogen käme«, dachte Onnen, »welches Glück!«

Aber es blieb alles ruhig und schon am vierten Tage war das von den Dänen behauptete Gebiet der Nordsee glücklich erreicht. Man steuerte gerade auf das Kattegatt los, um in der Ostsee den nächsten russischen Hafen anzulaufen.

Hier herum kreuzten vielfach die großen dänischen Kriegsschiffe, man konnte sich vollständiger Sicherheit überlassen und das französische Naturell kam je länger, desto mehr zum Durchbruch. Allerlei Musikinstrumente tauchten auf; in ihren freien Stunden tanzten die Soldaten wie bei Gelegenheit eines Balles oder verfertigten bunte Stickereien, die jeder Dame Ehre gemacht haben würden. Sie sangen, malten und selbst eine Art von Liebhabertheater war errichtet worden, wobei die Deutschen als Zuschauer ihre Bemerkungen austauschten, selbst aber nicht mitwirkten – bis auf einen unter ihnen.

Adam Witt hatte schon am ersten Tage Gelegenheit gefunden, sich bei den Unteroffizieren, dem Bootsmanne und dem Proviantmeister einzuschmeicheln, er hatte ihnen die Söhne und Gesinnungsgenossen der auf Norderney Hingerichteten bezeichnet und seines Vaters Stellung als die eines Vertrauten des Obersten Jouffrin mit den vorteilhaftesten Farben ausgemalt. Die Folge war, daß er ferner nicht zu exerzieren brauchte, sondern nur scheinbar dem Koch oder dem Quartiermeister ein wenig half, in der Tat aber den Zuträger spielte und alles hinterbrachte, was etwa die Deutschen miteinander sprachen.

»Ich werde ihn nächstens gehörig durchprügeln«, erklärte Onnen, »schuldig bin ich ihm die Hiebe längst.«

Die Gelegenheit zur Ausführung dieses Vorhabens kam früher, als irgend jemand an Bord geglaubt haben mochte.

Der »Napoleon« befand sich im Kattegatt, einem der gefährlichsten europäischen Fahrwasser; das Wetter war sehr stürmisch, tiefer Nebel wechselte mit klarer Luft, heftiger Regen mit einzelnen sonnigen Stunden, der Dienst an Bord wurde beständig schwerer.

»Weißt du, was ich glaube«, flüsterte eines Tages Feiko Hansen. »Der Kapitän und die Steuerleute sind hier noch nie gewesen, sie kennen das Fahrwasser so wenig wie den Mann im Mond, das höre ich an ihren Befehlen.«

»Aber du kennst es, Feiko?«

»Ich habe als Steuermannsmaat die Fahrt nach Riga schon dreimal gemacht! Wahrhaftig, hier sind ostfriesische Teerjacken genug an Bord, um die Fregatte glücklich hindurchzubringen, was aber die Franzosen erreichen werden, das steht noch dahin.«

»Unserer sind mehr als zweihundert auf dem ›Napoleon‹«, meinte Georg Wessel. »Nehmt das Kommando, Steuermann Hansen, wir folgen Euch!«

»Und werden von den Franzosen als Meuterer erschossen. Das will doch überlegt sein, mein Bester.«

Die allgemeine Stimmung an Bord war ziemlich gedrückt. An irgendwelches Exerzieren oder gar an Schießübungen konnte nicht mehr gedacht werden; das Schiff stampfte und schlingerte, die See ging häufig genug über Deck und stärker und stärker heulte von allen Seiten zugleich der Sturm.

Die Matrosen hatten fortwährend im Takelwerk zu tun, Soldaten und Unteroffiziere blieben müßig, ebenso die Deutschen, denen es aufgegeben wurde, französische Vokabeln zu erlernen, die aber anstatt dessen beieinandersaßen und heimlich dem seemännischen Wissen und Können der Franzosen das Urteil sprachen.

»Sie sind keinen Schuß Pulver wert«, entschied einer. »Perücken machen und allerlei Wohlriechendes zusammenschmieren, das ist ihr Handwerk, aber als Seeleute taugen sie nichts.«

»Da sieh hin, wie der Kerl drüben das Segel befestigt! Ich will doch wetten, daß es binnen einer Minute über Bord fliegt!«

»So!« setzte er dann hinzu, »so, nun hole es wieder, wenn du kannst, Franzmann!«

Die Leinwand war mit lautem Knall zu Fetzen zerrissen und dann auf das Meer hinausgeschleudert worden. Verblüfft sahen ihr die Franzosen, heimlich lachend die Deutschen nach – wie in einem Hexenkessel brodelte und kochte es rings in der gefahrvollen Tiefe um den Bug des »Napoleon«.

Nur Feiko Hansen blickte sehr ernst. Er sah in der Richtung des brausenden Sturmes hinaus und dann empor in die Masten, wo eine Anzahl französischer Seeleute mit dem Einziehen der Segel beschäftigt war.

»Es geht zu langsam«, dachte er. »Gott im Himmel, vom Kapitän bis herab zum Kajütsjungen weiß keiner dieser Leute, in welcher Gefahr wir schweben.«

»Steuermann Hansen«, rief einer der Söhne des alten Amtsvogtes von Norderney, »Steuermann Hansen, ich will all mein Lebtage keine Erbsensuppe mehr essen, wenn nicht dieser Ton da – hört ihr es wohl?«

»Eine Brandung!« fielen zwanzig Stimmen zugleich ein. »Das ist eine Brandung!«

Und blasse Gesichter sahen einander an. Im Augenblick schwieg alles.

Der Steuermann nickte. »Es ist so«, bestätigte er.

Das Schiff knarrte und ächzte in allen Fugen, durch das Takelwerk ging ein unheimliches Heulen und Rasseln – die Fregatte stampfte mit aller Macht.

Das Sprachrohr des Kapitäns gab Befehl auf Befehl; sämtliche Segel waren jetzt gerefft und alle beweglichen Gegenstände unter Deck gebracht. Dichte Nebel ballten sich wie bleifarbene Wolken auf allen Seiten zugleich, fernher durch die empörte Flut klang es brüllend und donnernd, hoch auf spritzte weißer Schaum gegen den Bug.

Der Kapitän und seine Offiziere standen in einer Gruppe beisammen; Feiko Hansen verstand jedes ihrer Worte. »Es ist nichts, meine Herren«, sagte der Führer des Schiffes. »Der ›Napoleon‹ hat schon Schwereres überstanden.«

Niemand antwortete ihm, aber in den Mienen der Offiziere zeigten sich Unruhe und Zweifel; sie beobachteten ängstlich das tobende Meer.

»Steuermann Hansen«, rief Georg, »ich bitte Euch, wir treiben ab! Nehmt das Kommando, oder wir sind verloren.«

»Wahrhaftig – wir sind verloren!«

Feiko richtete sich straffer auf, sein Auge blitzte, seine Brust hob sich in schnellen kurzen Atemzügen.

»Wollt ihr mir gehorchen, Landsleute?«

»Ja! Ja!« riefen alle Stimmen.

Eine schlanke Gestalt erhob sich lautlos und schlüpfte zu den Offizieren der Soldaten. »Es ist Verrat im Werke!« flüsterte Adam Witt.

»Den Teufel auch – ich glaubte längst, es zu sehen!«

Und dann kommandierte er: »Antreten!«

Die Soldaten flogen durcheinander, Signale erschallten, Gewehre stampften das Verdeck, Unruhe und ungeheure Verwirrung beherrschten das ganze Schiff, Seeleute und Militärs machten einander den Platz streitig.

Dazu tobte in immer stärkeren, immer wilderen Stößen der Sturm. Die Brandung heulte, die Wellen schlugen ganze Wolken von Schaum über Deck – das laute Spottlachen der Deutschen klang hindurch.

»Ihr Esel! – Ihr dreifachen Esel!«

»Aufgepaßt!« rief Feiko Hansen. »Jetzt ist der Augenblick da. Entert auf, meine Jungen – klar zum Wenden!«

Mit lautem »Hurra« flogen die Ostfriesen an den Masten der Fregatte empor, ehe noch irgendein Mensch sich ihnen widersetzen konnte. Getrieben von der ganzen Schwere des entscheidenden Augenblickes vollführten sie mühsam atmend, die Gesichter abgewandt, den erhaltenen Befehl. Wie eine Schar von Kobolden, verhüllt durch Nebel und spritzenden Schaum, mit unheimlicher Eile bewegten sich die seegewohnten Leute im Takelwerk, während unten an Deck die Offiziere starr vor Erstaunen das Unerwartete ansahen. Einer der Herren riß blitzschnell die Pistole aus der Brusttasche und kehrte den Lauf gegen Feiko Hansens unbeschützte Brust, aber ebenso rasch kam ihm der Kapitän zuvor. Sein Gesicht war farblos, seine Lippen bebten, er erkannte als Seemann die ungeheure Gefahr des Schiffes, ohne ihr begegnen zu können. »Lassen Sie die Leute, mein Herr – ich – war im Begriff, dasselbe Segelmanöver anzuordnen. Es sind tüchtige Matrosen, diese Halbbarbaren!«

Und zu den Soldaten sprach er in ähnlicher Weise. »Zurück! Zurück! – Es ist gut so!«

Niemand wagte eine Widerrede; aller Augen hingen wie gebannt an den Bewegungen der deutschen Matrosen, die jetzt ihre Arbeiten beendet hatten.

Das Steuer war leewärts gerichtet, die schweren Raaen hatten sich gedreht und der »Napoleon« schoß durch die Wellen gleich einem Vogel. Feiko Hansen beobachtete die der schwedischen Küste zugekehrte Seite des Wassers, dann sah er plötzlich zu seinen Kameraden hinüber.

»An die Puttingen auf der Luvseite! – Du, Georg Wessel und ihr beiden da!«

Die Genannten flogen – untätig sahen alle Franzosen, daß die Deutschen im Augenblick das Schiff beherrschten.

»An die Brassen!« kommandierte der Steuermann. »Werft das Lot!«

Auch dieser Befehl wurde schleunigst vollzogen. Niemand sprach; die Leute erkannten sämtlich den Ernst ihrer Lage, sie schwiegen voll banger, die Entscheidung begleitender Unruhe.

»Sieben Faden!« berichtete mit heller Stimme Georg Wessel.

»Gut. Werft nochmals das Lot!«

»Fünf und ein viertel!«

Dann, nach kurzer Pause: »Vier Faden!«

Onnens Stimme unterbrach mit einem lauten Schreckensschrei die beklemmende Stille. »Riffe! – Riffe vor uns!«

»Riffe in Lee!« rief im gleichen Augenblick einer der übrigen. »Mon dieu!« schrie der französische Kapitän. »Das ist ein Hexenkessel!« – und dann befahl er: »Werft den Buganker!«

Die Franzosen schickten sich an, das Manöver auszuführen, aber Feikos gewaltige Stimme schallte dröhnend über Deck und hinderte sie, ihrem Vorgesetzten zu gehorchen. »Nichts da!« rief er. »Laßt gehen! Laßt gehen!«

Achtzig bis hundert Hände streckten sich aus, um die französischen Seeleute zu packen. Ein kurzes Ringen endete mit dem Siege der Ostfriesen und wieder wollten die Soldaten vordringen, um sich mit blanker Waffe einzumischen – wieder hinderte sie der Kapitän.

»Warten wir noch! – Der junge Mann kennt das verfluchte Fahrwasser aus eigener böser Erfahrung, wie mir scheint!«

Feiko hatte während dieses Tumultes mit der Vertrauen einflößenden Ruhe des wirklichen Mutes seine Befehle gegeben und dieselben waren pünktlich ausgeführt worden. Das Steuer wurde angehalten, die Toppraaen in den Wind gebracht und das Schiff solchergestalt auf der Hieling gedreht – es lief rückwärts.

Die einzige Möglichkeit, es zu retten, alle erkannten es.

»Hurra für Ostfriesland! Für Feiko Hansen von Hilgenriedersiel!«

»Still, meine Jungen, still, es ist noch nicht an der Zeit zu triumphieren. Braßt die Vordersegel! Steuer über!« Dem Kommando folgte augenblicklich die Tat, das Schiff richtete sich auf, es stellte der Wucht des Sturmes jetzt einen erfolgreicheren Widerstand entgegen, es kämpfte unter Feikos Führung tapfer gegen die Gefahr, welche ihm von allen Seiten drohte. Klippen und Untiefen, Sandbänke und Nebel, dazu die gewaltige Macht des Orkanes, alles vereinigte sich, um den Weg durch das Kattegatt zu einem sehr gefährlichen zu machen. Stundenlang behielt der junge Steuermann unangefochten das Kommando, stundenlang arbeiteten unverdrossen die Deutschen, bis dann Feiko Hansen vor sie hin trat und mit verschränkten Armen seine Freunde ansah. Aller Blicke hingen an den Lippen des unerschrockenen Mannes, jedes Ohr lauschte schon, bevor er sprach.

»Landsleute«, begann Feiko, »ihr habt bis jetzt tapfer gearbeitet, ihr seid es, denen diese Windbeutel von Franzosen die Erhaltung ihres Lebens verdanken, aber dennoch muß ich euch sagen: Das Schlimmste steht erst bevor! – Wollt und könnt ihr nochmals alle eure Kräfte einsetzen, um das Schiff glücklich hindurchzubringen?«

»Gewiß, Steuermann! Allstunds!«

Und: »Allstunds!« lief es kräftig von Mund zu Mund.

»Gut, dann gebt acht und verliert, wenn ich spreche, keine Sekunde.«

Die französischen Offiziere hatten einiges verstanden, anderes ließen sie sich übersetzen. Welch eine abscheuliche Gegend – es sollte nun noch Ärgeres bevorstehen, als man schon durchlitten hatte!

»Die Menschen passen für ihr Land«, meinte der Kapitän. »Alles rauh, unschön, bärenhaft – détestable!«

»Entert auf!« befahl unterdessen Feiko Hansen. »Klüver- und Hauptsegel heraus!«

Über hundert kräftige Männer brachten das ungeheure Leinen an seinen Platz, entrollten die Falten und befestigten sie. Der Sturm fiel hinein, das ganze Schiff bog sich wie ein schwankendes Rohr. »Es kommt es kommt!« rief Feiko, »Der ›Napoleon‹ gewinnt die Luv! – Wenn nun nur die Segel aushalten!«

Er sprach noch, als ein Donnern und Krachen die Luft erfüllte. Etwas Weißes schoß wie eine Riesenmöwe in die Brandung hinaus – der Klüver. Er hatte nachgegeben.

»Das große Segel hält Stand«, rief der Kapitän. »Ich weiß es gewiß!«

»Still! – Jetzt naht die Entscheidung. Haltet Luv!«

Der Befehl wurde vollzogen; in atemloser Spannung beobachtete jedes Auge die rollende, kochende See, deren Wogen, anstatt regelmäßig zu verlaufen, vielmehr hüpften und sprangen, vom Sturm im tollen Wirbel an die Klippen geworfen, weiß und schäumend, ein Chaos, in dem der Blick keinerlei bleibenden Anhaltspunkt zu, erfassen vermochte.

Feiko selbst stand am Steuer und griff bald hier, bald dort in die Speichen, dabei aber beobachtete er auch jeden anderen Vorgang rings umher, und als das Schiff an einer bestimmten Stelle plötzlich vom Wind abfiel, rief er mit lauter Stimme: »Braßt die Raaen! Segel eingezogen!«

Nur die Nächststehenden hatten den Befehl vernommen, aber er ging von Mund zu Mund, und in weniger als fünf Minuten lief die Fregatte, von den Klippen befreit, in das offene Meer hinaus, ohne einen wirklichen Schaden erlitten zu haben.

Feiko begrüßte mit einer leichten Handbewegung den Kapitän.

»Der ›Napoleon‹ ist gerettet«, sagte er.

Der Franzose drückte ihm mit Wärme die Rechte. »Sie sind ein Braver, mein junger Freund«, rief er. »Sie sind wahrhaftig wert, ein Franzose zu sein. Die kaiserliche Marine wird sich glücklich schätzen, Sie den Ihrigen zu nennen.«

Der Steuermann zuckte die Achseln, ohne eine Silbe zu antworten, als plötzlich ein ganz unerwarteter Laut die Begegnung der beiden Männer unterbrach. Ein Kanonenschuß donnerte aus nächster Nähe über die See und durch das Takelwerk fuhr eine Kugel, welche Splitter und Fetzen vor sich hertrieb, wie der Wirbelwind die Schneeflocken.

»Alle Teufel, was ist das?«

»Großer Gott, wenn es ein Engländer wäre!«

Feiko sah in das Toben des Sturmes hinaus. »Ein Schwede!« entschied er. »Das Bündnis von gestern hat sich ja über Nacht schon wieder in den Kriegszustand verwandelt!«

»Eine Nußschale!« setzte Onnen halb seufzend hinzu. »Das kleine Ding wird dem Franzosen nichts anhaben können!«

»Ich glaube es auch nicht. Sieh, wie die braunen Gesellen in Feuer kommen!«

»Willst du selbst dich an der Sache nicht beteiligen, Feiko?«

»Gott verhüte es! – wenn ich an Bord des Schweden gelangen könnte, so würde ich keinen Augenblick zögern.«

»Aber«, setzte er hinzu, »nur mit dir, Onnen!«

Eine zweite Kugel hatte unterdessen den Rumpf der Fregatte gestreift und war seitab in das Meer gefallen. Auf dem »Napoleon« herrschte eine heillose Verwirrung; man öffnete die Behälter von Waffen und Munition, das Lazarett wurde in Stand gesetzt und die Geschütze hervorgezogen. Alles sprach, lärmte, sprang und rasselte mit notwendigen oder überflüssigen Geräten, dann öffneten sich die Stückpforten und ein schwerer Hagel von Eisen fiel auf den kecken Schweden, der es gewagt hatte, einen viel größeren Gegner anzugreifen, statt ihm klüglich beizeiten aus dem Wege zu gehen.

»Das hat getroffen!« rief der Kapitän. »Aha – es ist um den Besan geschehen!«

»Die armen Kerle!« flüsterte Feiko Hansen. »Glaubst du, daß sie verloren sind?«

»Ohne allen Zweifel!«

Von der Breitseite des schwedischen Schiffes kam eine glatte Lage und traf diesmal gut. Sechs Franzosen stürzten zu Boden, das Deck schwamm in Blut, Stengen und Raaen wurden über Bord gerissen. Eine Salve folgte der anderen, endlich erscholl ein Jubelgeschrei der französischen Soldaten – die schwedische Brigg war unter dem Wasserspiegel getroffen und begann zu sinken.

Man sah an Bord derselben eine fieberhafte Tätigkeit. Die Pumpen spien das eindringende Wasser in Strömen wieder aus, die Zimmerleute arbeiteten und die Geschütze dröhnten. Noch schienen jene den Gedanken an Rettung nicht aufgegeben zu haben.

An Bord des »Napoleon« wurden Segel gesetzt und die angerichteten Schäden sogleich ausgebessert. Beide Schiffe lagen im offenen Fahrwasser; sie konnten manövrieren, wie sie wollten, ohne von den Wellen gehindert zu werden.

»Die Franzosen wollen den Schweden übersegeln!« flüsterte Georg Wessel.

»Natürlich. Das kommt von ihrem Eigensinn! Die Leute mußten sich sagen, daß der Kampf ein ungleicher sei! Der ›Napoleon‹ hält grade auf die Brigg zu!«

»Feiko«, raunte Onnen, »Feiko, wenn wir uns auf die Seite des Schweden stellen würden! – bedenke, wir sind unserer zweihundert!«

Der Steuermann schüttelte den Kopf. »Das geht nicht, mein Junge. Ich bin wahrlich einem tollen Stücklein nicht abgeneigt, aber etwas Aussicht auf Erfolg muß doch dabei sein! Der Schwede sinkt – aha, da treffen ihn wieder die französischen Kugeln!«

Es wurde herüber und hinüber geschossen, der helle Tag schwand zum Dämmerlicht, die Sterne erschienen am Himmel, weißer Mondglanz flutete über das ruhiger gewordene Meer – immer noch wehrten sich die Schweden wie Verzweifelte, immer noch durchkreuzten sie mit Erfolg jedes Segelmanöver des Franzosen und fügten einem Schaden den andern zu. Auf beiden Seiten stieg die Erbitterung, man kämpfte mit Hintenansetzung aller Schonung für die Fahrzeuge, bis endlich die tapferen Nordländer unterlagen – sie konnten eine Wendung vor dem Bug des »Napoleon« nicht mehr rechtzeitig ausführen, und nun geschah das Schreckliche. Über den niederen Bordrand des halbversunkenen Schiffes ragte der Rumpf der Fregatte, hoch auf spritzte zu beiden Seiten das Meer, dann noch ein Knirschen und Krachen, ein Etwas wie der Schrei verzweifelnder sterbender Menschen – und die Stelle, wo das schwedische Fahrzeug mit der Vernichtung gerungen, war leer.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
830 s. 1 illüstrasyon
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