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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 14
Rings bedeckten Trümmer aller Art die empörten Fluten. Ein weißer Silberglanz lag auf der Umgebung, auf treibenden Holzstücken und Segeln, auf Streifen roten Blutes und den Gestalten schwimmender, mit den Wellen kämpfender Männer, die wegen des hohen Seegangs und der eigenen Beschädigungen der Fregatte ihrem Schicksale überlassen werden mußten.
Mehr als zwanzig Franzosen lagen im Lazarett, ihrer fünf auf dem schwarzen Brett in der Totenkammer. Die Matrosen wuschen das Deck, banden neue Segel ein, hämmerten und sägten, der Arzt mit seinem Gehilfen verband während der ganzen Nacht die Wunden jammernder, fiebernder Soldaten, der Bottelier gab Extrarationen von Grog und Rotwein, an denen auch die Deutschen teilnehmen durften, und der Koch stand am Herd, um verschiedene Tee- und sonstige Tränke zu bereiten.
Von den zwei- bis dreihundert Leuten an Bord des Schweden, von dem stattlichen Schiffe, auf dem sie gelebt, war nichts mehr zu sehen.
»C‘est la guerre!« brummte achselzuckend der Kapitän. »Heute mir und morgen dir.«
Mit dem ersten Schein des jungen Tages, als alle Unordnung beseitigt war und als sich die deutschen Rekruten allein im Schlafraum befanden, mit der wiederkehrenden Ruhe an Bord gab es noch eine kleine Privatexekution, an der nur einer tätig und einer leidend teilnahm.
Onnen packte Adam Witt vor den Augen aller übrigen am Kragen und zog ihn zu sich.
»Was flüstertest du mit dem Kapitän, mein Lieber? He, und wer war es, der die Franzosen von all den alten Norderneyer Geschichten in Kenntnis setzte?«
Der Bursche sah unruhig umher. »Ich kann sprechen, mit wem ich will«, antwortete er verstockt. »Gelogen war nichts!«
»Und gelogen ist es auch nicht, wenn ich dir sage, daß du ein wahres Ungeziefer bist, ein Kerl ohne Ehre und Gewissen! Über meine Angelegenheiten verliere künftig kein Wort, oder es geht dir schlecht.«
Er gab ihm vor den Augen aller Deutschen ein paar schallende Ohrfeigen, die Adam Witt laut heulend empfing. »Ich sage es dem Kapitän!« schrie er schluchzend.
»Du«, meinte Georg Wessel, »willst du nicht lieber Mama! rufen?« Ein dröhnendes Gelächter folgte diesen Worten. Der Sohn des Verräters zog sich, so schnell er konnte, in einen sicheren Winkel zurück, aber ungesehen ballte er die Faust. »Ich streiche es dir an«, dachte er, »warte nur, meine Stunde kommt auch.«
Niemand beachtete ihn. Als der Tag anbrach, zeigten sich zwei große französische Schiffe, welche den Kanonendonner gehört hatten und, dem Schalle folgend, jetzt zu der Fregatte stießen; auch sie brachten Rekruten nach Riga, junge Leute aus Emden, Leer und Bremen, die sämtlich gepreßt waren wie unsere Freunde auf Norderney.
Der letzte Teil der Reise verlief ohne weitere Abenteuer, die Mündung der Düna wurde erreicht, und nun mußte ein Spion gefunden werden, um auszukundschaften, wie in Riga die Verhältnisse standen.
Alle Einwohner waren erfüllt von Liebe für die russische Regierung und demgemäß bereit, die Franzosen als Feinde zu empfangen, soviel wußte man, aber wieweit die eigentlichen Scharmützel schon begonnen hatten, das ließ sich nicht anders als durch einen ausgeschickten Spion in Erfahrung bringen.
Der Kapitän lud den jungen Steuermann zu einer Privatunterredung in seine Kajüte. Onnen war schon da, außer den beiden Ostfriesen standen um den Tisch in der Mitte noch mehrere Schiffsoffiziere und ein Dolmetscher. Der Führer des »Napoleon« hatte eine Flasche Wein bestellt; er zeigte sein verbindlichstes Lächeln.
»Monsieur«, sagte er nach der ersten Begrüßung, »mon cher ami, ich fand während unserer Reise in Ihnen und Ihrem jungen Verwandten zwei tüchtige und entschlossene Leute, die sehr wohl imstande sind, sich im gegebenen Augenblick als Männer zu bewähren. Sie sehen beide dem Tode ins Auge, wie man auf einen gleichgültigen Gegenstand sieht – eiskalt. N‘est-ce pas?«
»Ich glaube es, Herr Kapitän«, antwortete Feiko Hansen in durchaus bescheidenem Tone. »Wir nordischen Seeleute sind an Furchtlosigkeit gewöhnt.«
»Eh bien!« nickte der Kapitän. »Sehr schön, sehr schön. Sagen Sie mir, Monsieur Hansen, Sie und dieser junge Knabe, Ihr cousin – Sie würden sehr gern nach Deutschland zurückkehren und von der Militärpflicht ein für allemal befreit werden, nicht wahr?«
»Sehr gern!« antwortete Feiko.
»C‘est bien, très bien, mes amis! Sie brauchen Seiner Majestät dem Kaiser, dem ja das Departement des Ostens oder Ostfriesland als Eigentum gehört, wie Sie wissen, heute nur einen geringen Dienst zu leisten und ich schicke Sie beide mit gefüllten Taschen sogleich nach Deutschland. Was sagen Sie dazu?«
Feiko wurde rot wie ein Mädchen, seine Augen blitzten auf. »Der Herr Kapitän mögen mir den Dienst, wovon Sie sprechen, näher bezeichnen«, sagte er ruhig.
»Erst geben Sie ein bindendes Zugeständnis, Monsieur Hansen! oder nein doch, zu allererst trinken Sie ein Glas Wein!«
Feiko hob die Hand, er trat unwillkürlich etwas zurück »Ich bitte, Herr Kapitän – welches ist der Auftrag, mit dem Sie uns beehren wollten?«
»Der Ihnen Geld und vor allen Dingen Freiheit bringen wird, mein Braver!«
Feiko schwieg.
Der Kapitän wurde ungeduldig. »Die Sache ist die, Freund Hansen. Wir müssen jemand an Land schicken – in irgendeiner Verkleidung natürlich, wir müssen erfahren, wie es in Riga aussieht. Dazu kann, wie Sie begreifen, kein Franzose gewählt werden, ein Deutscher aber kommt und geht, ohne Verdacht zu erregen! – Sie haben die Fregatte gerettet, als unser Leben keinen Sou wert schien, tun Sie jetzt das gleiche, mein Freund!«
Feiko sah ihn an, bescheiden, aber mit ruhigem Stolze. »Indem ich für Sie den Spion mache, Herr Kapitän?«
»Für Ihren Kaiser, mein Lieber – ja!«
Feiko schüttelte den Kopf. »Nein, Herr Kapitän. Ich habe den ›Napoleon‹ durch das Kattegatt gebracht, weil das Schiff einen ortskundigen Führer brauchte, wenn wir nicht sämtlich an den Klippen unser Leben einbüßen sollten – keineswegs aus Neigung für die Franzosen.«
»Während Sie selbst ein französischer Untertan sind, mein Herr!«
»Lassen wir das!« wandte der Steuermann ein.
»Aber bedenken Sie doch, Herr – de l‘argent et la liberté! – kann man noch mehr bieten? Bestimmen Sie die Summe.«
»Es gibt keine, für die ich einen so ehrlosen Auftrag übernehmen würde, Herr Kapitän. Wir Deutschen können nie die wahren Freunde Ihres Kaisers sein, das mag ich Ihnen in diesem Augenblick nicht verhehlen.«
»Ah – das ist deutlich, mein Herr! Vielleicht fügen Sie in Ihrer Aufrichtigkeit auch noch hinzu, daß es Ihr eifrigstes Bestreben sein wird, baldmöglichst zu desertieren?«
Feiko verbeugte sich. »Ja, Herr Kapitän. Baldmöglichst.« »Sehr gut, sehr gut, man wird seine Maßregeln zu treffen wissen. Sie können jetzt gehen.«
Der Steuermann wandte sich zu seinem jungen Vetter. »Onnen«, sagte er, »du bist natürlich an meine Entscheidung nicht gebunden. Gib dem Herrn Kapitän deine Antwort ohne Rücksicht auf mich.«
Onnen lächelte. »Das ist nicht erst notwendig«, versetzte er. »Ich wäre gern, unsäglich gern bei meiner armen alten Mutter, aber um solchen Preis würde auch sie mich nicht zu gewinnen wünschen. Die Franzosen haben meinen Vater erschossen, das kann ich niemals vergessen.«
Der Kapitän war rot vor Ärger. »Eine hübsche Gesinnung«, sagte er spöttisch. »Das ist also die berühmte deutsche Treue! – sie verleugnet ihren Souverän!«
Er deutete zur Tür und die beiden Ostfriesen verließen ohne ein weiteres Wort die Kajüte.
Draußen sahen sie einander an. »O Feiko, Feiko – wir hätten die Freiheit erlangen, hätten nach Norderney zurückkehren können.«
Der Steuermann atmete tiefer. »Es hat mich nicht so kalt gelassen, wie du vielleicht annimmst, Onnen! aber – für den Preis einer ehrlosen Handlungsweise wäre mir das höchste Gut zu teuer erkauft. Die Bündnisse deutscher Fürsten mit dem Kaiser Napoleon sind erzwungen durch unsere Notlage – wer es aber von Herzen mit den Franzosen hält, den nenne ich seines Vaterlandes unwert, einen Verräter und Schurken.«
»Ich auch!« rief Onnen. »Gewiß ich auch. Und doch wird der Kapitän einen Boten finden.«
»Du denkst an Adam Witt! – Vielleicht setzt er das ehrenvolle Handwerk seines Vaters hier auf eigene Faust fort.«
Es schien wirklich so. In der Abenddämmerung verließ ein Boot, gerudert von einem einzigen Manne, das Schiff, und während der ganzen Nacht blieb Adam Witts Hängematte leer, dann gegen Morgen kam der Bursche zurück, um sofort vom Kapitän in dessen Kajüte empfangen zu werden. Eine allgemeine Siegesfreude beseelte die Franzosen. In der Ostsee befand sich, den russischen Küsten nahe, seit mehreren Tagen eine englische Flotte, die stündlich vor Riga erwartet wurde, aber noch war der Hafen unbeschützt; zu beiden Seiten des Dünaflusses standen die Preußen unter General Gravert und belagerten die Stadt – diesen konnten die deutschen Rekruten überliefert werden.
Unter dem Schutze der preußischen Kanonen erreichten die französischen Schiffe den Hafen, schickten die junge Mannschaft an Land und verschwanden dann so rasch wie nur möglich, um den in der Ostsee kreuzenden Engländern zu entrinnen. Adam Witt war unter den übrigen Ostfriesen geblieben, er hatte also nicht nach Hause gehen wollen, sondern dachte wahrscheinlich, im Verlauf der Dinge ebenso hübsche Summen zu gewinnen wie eben jetzt, wenigstens klingelte er mit französischem Golde in den Taschen und sah sehr zufrieden aus.
Die Leiden des Krieges sollten indessen für ihn ebenso schnell beginnen wie für alle übrigen Glieder der großen Armee, welche in welterobernder Absicht auszog und zerschmettert und zerschlagen, ein Trümmerhaufen, aus Rußland zurückkehrte. Für Riga war der Kriegszustand erklärt. Von den Wällen wehte die rote Fahne, der russische General Essen hielt Stadt und Vorstädte besetzt, während die Preußen ringsumher in Zelten lagen und vergeblich den Eingang zu erzwingen suchten. Kleinere Scharmützel hatten vielfach stattgefunden, für den morgigen Tag, den 11. Juli 1812, aber sollte ein Handstreich bestimmt sein; die Preußen beabsichtigten, bei Jungfernhof über die Düna zu setzen und die Vorstädte mit blanker Waffe zu erobern. Dann mußte, von allen Seiten eingeschlossen, die Stadt selbst fallen. Eine unerträgliche Hitze lag in der Luft, das Trinkwasser war schlecht, die Rationen mehr als sparsam. Das Lieferungswesen war in voller Unordnung, den Preußen wurde von der Armeeverwaltung nichts geliefert, sie mußten alles mit dem Säbel in der Faust auf den umliegenden Dörfern und Landgütern requirieren; Betten gab es für sie gar nicht, Geld ebensowenig und selbst die Kleidung war zerfetzt und unzulänglich.
Feiko Hansen, Onnen und zehn oder zwölf andere Rekruten hatten ein gemeinsames Zelt erhalten, einige Brote, rohes Fleisch, einen Ledereimer voll Wasser und einen Haufen Stroh; das war alles. Für den Augenblick verlangte man von ihnen noch keinerlei Dienst, am anderen Morgen aber wurde der Weitermarsch angetreten, um zur Armee nach Witebsk zu gelangen. Adam Witt hatte einen Platz auf dem Gepäckwagen gefunden, die übrigen Ostfriesen gingen zu Fuß, geführt von einigen französischen Kompanien, die mit den Preußen den Hafen von Riga besetzt gehalten hatten. Unaufhörlich ergänzten derartige Zuzüge, zur See und durch Preußen anlangend, von allen Gauen Deutschlands gepreßt und geworben, das große Heer des Kaisers, dem auf russischem Boden jenes: »Bis hierher und nicht weiter!« des ewig gerechten Schicksals entgegentönen sollte. Es regnete trotz heißer schwüler Luft, die Mücken stachen und die Zungen klebten am Gaumen. Unsere Freunde glaubten sich in eine völlig fremde Welt versetzt; sie sahen nur Trümmer, wohin das Auge blickte.
In verlassenen Dörfern hauste schlimmes Gesindel, Diebe, Spione, Wegelagerer und Zigeuner, während sämtliche Bauern geflüchtet waren und ihr Vieh mitgenommen hatten. Die Brunnen steckten bis an den Rand voll von Gerümpel und Holzblöcken, die Wege waren aufgerissen, die Räder an den Ackerwagen zerbrochen und die Hausdächer größtenteils abgedeckt.
Aus den scheibenlosen Fenstern sahen Galgengesichter hervor; ein Heer von Spionen bot überall seine Dienste, freilich nur für Geld, und die Franzosen besaßen nichts, die Armee war schon damals, im Beginn der Feindseligkeiten, ohne Ordnung und geregelte Verwaltung.
Sobald am Wege ein Dorf erschien, wurde Halt gemacht, um womöglich etwas Proviant zu erlangen. Ihrer zehn oder zwanzig durchsuchten die Deutschen jedes Haus, jede Scheune, klopften an alle Mauern, an alle Türen, gingen sogar durch die Kirchen – aber nirgends fand sich Brot oder Fleisch. Die Wohnungen waren ausgeräumt, die Heiligenbilder von den Wänden genommen – überall gähnte öde Leere.
Der französische Oberst Jouffrin stampfte mit dem Fuße. »Zum Teufel«, rief er zornig, »wir müssen doch essen! Wo stecken denn die Esel von Bauern?«
Ein junger Bursche, zerlumpt und mit listigem Blick, die Pfeife zwischen den Zähnen, näherte sich den Offizieren.
»Ich weiß es, Herr!« sagte er.
Der Oberst musterte das hübsche, aber verschmitzte Gesicht. »Sind schon vor uns Franzosen hier durchgekommen?« fragte er.
»Viele, Väterchen, mehr als Mücken in der Luft spielen. Und daran fehlt es nicht, sollte ich denken.«
»Gut. Waren damals diese Dörfer noch bewohnt?«
»Ja, ja. Das ist‘s eben – die Bauern sind klug geworden. Sie wollen ihr Fleisch und ihre Feldfrüchte selbst essen.«
»Wo stecken sie denn, du Schlingel?«
Der junge Taugenichts wiegte den Kopf. »Die Sonne scheint auf ihre Zelte, Herr; der Regen trifft ihre Stirnen – weißt du es nun?«
»Soll ich dir fünfundzwanzig Hiebe aufzählen lassen, Bursche?« Der Russe kicherte. »Das wirst du nicht tun, Väterchen, du willst ja vor Nacht noch Fleisch essen und Bier trinken, glaube ich. Iwan Troikoff kann dir das alles verschaffen.« »Für wieviel Geld?« fragte, gerade auf das Ziel losgehend, der Oberst.
Die Augen des jungen Menschen blitzten plötzlich in aufloderndem Zorne. »Ganz umsonst«, rief er, »ganz umsonst, aber du mußt Iwan Troikoff beschützen gegen seine Feinde, du mußt ihm einen Platz neben deinem eigenen Zelte, deinen Wachen geben.«
»Aha, ich merke schon«, lächelte der Offizier. »Es ist Rachsucht, die dich treibt, nicht wahr, man hat dich irgendwie beleidigt?«
Der Russe nickte. »Peter Semenoff schlug mich«, knirschte er, »sein Weib nannte mich einen unnützen Esser, einen Tagedieb – dafür will ich sie strafen!«
»Aha – mir sehr erwünscht, mein Bester. Sind denn alle Dorfbewohner miteinander im Walde versteckt?«
»Ja – und auch alles Vieh. Kein Franzose kann sie finden.« »Vorwärts, vorwärts!« befahl ungeduldig der Oberst »Nicht aus den Pfützen trinken, Leute! In dem faulen Wasser steckt das Fieber.«
Er ritt wieder voran, ihm zur Seite marschierte Iwan Troikoff und müde und zerschlagen folgten ihm die Soldaten. Seit dem Morgen waren sie bei trockenem Brote, ohne Wasser oder Fleisch, durchnäßt bis auf die Haut, über holperige Wege gegangen und erschöpft zum Umsinken. Keiner pfiff oder sang, keiner scherzte, selbst die Pferde der Offiziere ließen ihre Köpfe hängen.
Vor dem Zuge dehnte sich unübersehbar ein schwarzer Sumpf und der Bursche ging geradewegs den Rändern desselben entgegen. »Mir nach«, rief er, »immer zwei und zwei Mann – ich führe euch hindurch.«
Der Oberst legte die Hand an seine Pistolen. »Und ich bleibe immer hart auf deinen Fersen, Iwan Troikoff, das merke dir! Bei dem ersten Anzeichen des Verrates hast du meine Kugel im Nacken!«
Der Russe lachte hell auf. »Wenn ich heute abend schon sterben wollte, brauchte ich nicht erst stundenlang durch den Sumpf zu wandern, Herr! – Sieh dorthin, die dunkle Wand – das ist der Wald.«
»Und in ihm finden wir Lebensmittel? Weißt du es gewiß, Iwan?«,
Der Junge fing an zu tanzen, er schnippte fortwährend mit den Fingern. »Peter Semenoff hat fette Ochsen und eine Geldkatze so dick wie der Mond! Ha, ha, ha, du sollst fett werden, Herr!«
Und nun verfiel er in einen Gesang, den zwar die Ostfriesen nicht verstanden, der aber das Schelmenlied deutlich erkennen ließ. Dabei behielt er die kleinste Krümmung des Weges im Auge, warnte vor solchen Stellen, an denen die Binsen lang hervorschossen, und führte Unterhaltungen mit den vielen großen Vögeln, die im Röhricht nisten mochten und angstvoll aufflogen, sobald der Zug nahte.
»Heisa, da gehen sie hin, die dicken grauen Gänse! Grüßt den Peter Semenoff, hört ihr wohl – er soll die Geldkatze fester schnallen! – Ha, ha, ha, wie wird er pusten und schnaufen, der Geizhals!«
Und dann tanzte er wieder. Der Gedanke an seine Rache schien ihn förmlich zu berauschen.
Fester und fester trat aus dem Dämmergrau des Regentages die schwarze Wand hinter dem Sumpfe hervor, aber trotz dieser in größere Nähe gerückten Oase erschien doch die Wüste, durch welche das Regiment dahinzog, im höchsten Maße schauerlich und öde. Oft genug stand Iwan Troikoff plötzlich still, hob den Finger und deutete auf eine schwarze, feuchte Stelle unmittelbar neben den Hufen des Pferdes. »Aufgepaßt, Herr! Wer da hineinfällt, den fassen kalte nasse Arme und ziehen ihn hinab, immer tiefer, tiefer, und Blasen steigen auf, eine nach der anderen – das sind seine letzten Seufzer.«
Er ließ einen kleinen Stein auf die trügerische Erde fallen. Wie zäher Teig ging die Masse auseinander und schloß sich wieder, Iwan Troikoff lachte. »Da unten wohnen böse Geister, Väterchen, sie lauern und lauern, daß ihnen fröhliche Menschenkinder in die Arme sinken mögen – ach, wie oft habe ich sie geneckt! Jeden Schritt über den Sumpf kenne ich, hundertmal hüpfte ich an den bösesten Stellen dahin und sie dachten immer, ich werde fallen! Ha, ha, ha, dann dehnte sich Iwan Troikoff behaglich auf sicherem Boden und lachte! – Zuweilen in Mondnächten habe ich die Dämonen auch gesehen; sie tragen lange braune Gewänder und Kronen auf den Köpfen. Oftmals —«
»Vorwärts, Schlingel, was für Dummheiten schwatzest du da! – Hütet euch, Leute; links hinüber! links!«
Die gefährliche Stelle war passiert. Iwan Troikoff machte dem Obersten eine Faust. »Laß nur die argen Worte, Herr, hier bin ich König und du bist Knecht! Fliegt mir‘s durch den Kopf, so führe ich euch alle auf eine Strecke, wo ihr versinken müßt wie die Ratten. Hoho, je mehr ihr lauft, desto eher; je mehr ihr euch sträubt, desto gewisser! Willst du jetzt hören, was ich oftmals gesehen habe? – In Herbstnächten, wenn der Wind pfeift und Eissplitter durch die Luft wirbeln?«
Der Oberst blieb die Antwort schuldig. Iwan Troikoff tanzte rückwärts vor den Pferdeköpfen, mit beiden Händen fortwährend hierhin und dahin deutend.
»Dann schleichen die Seelen der Versunkenen auf dem Sumpfe herum«, sagte er in geheimnisvollem Tone. »Sie sehen aus wie kleine Flämmchen, blaß und kümmerlich – sie suchen die verlorenen gestorbenen Körper und finden sie nie. Man kann solch einer armen Seele nicht nahe kommen, sie verkriecht sich gleich, und wenn der Morgen hinter dem Walde die Luft rötet, dann fließen alle Nebel auseinander.«
Oberst Jouffrin nickte. »Nun bist du zu Ende, nicht wahr, Schelm? Gott sei Dank, ich glaube, die größere Hälfte des Weges ist jetzt überstanden.«
»Aber die bessere, Väterchen! Hier kann nur ein Mann reiten oder gehen! Gib her die Zügel.«
Der Offizier überließ sie widerstrebend dem lachenden Burschen. »Du hast die Pistole immer hart am Kopfe, Iwan«, sagte er mit warnendem Tone.
»Ha, ha, ha, meinst du wirklich, Fremder? Wenn ich ein ganzes Regiment Franzosen in den Tod schicken würde, dann schenkte mir doch der Zar einen Orden so groß wie eine Tischplatte – aber lieber will ich den dicken Peter Semenoff ärgern!«
Er übersah den Zug. »Bunt wie eine Jahrmarktsgesellschaft! – J‘ai faim! Das ist französisch, nicht wahr?«
Und pfeifend führte er das Pferd des Obersten, dem alles Lebende, Tiere und Menschen, ängstlich in gerader Spur nachging. Kein Auge sah den Unterschied des festen und des trügerischen Bodens, dennoch aber erkannte ihn der Sohn dieser wilden Gegend mit solcher Sicherheit, daß er völlig unbekümmert schien. Eine bange herzbeklemmende Viertelstunde verstrich, dann war diese Gefahr vorüber, es wuchs Gras und Strauchwerk, endlich kamen Bäume und Blumen, ein grünes Laubdach, das erste, unter dem Onnen jemals ging.
»Wie schön!« flüsterte er. »Man vergißt alle Müdigkeit!«
»Ich nicht«, erklärte Georg. »Ach, wenn es eine Quelle gäbe!«
»Freund Iwan«, rief Feiko Hansen, »weißt du nicht hier herum irgendeinen Bach oder etwas dergleichen?«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Peter Semenoff hat auch Kühe«, versetzte er. »Heisa, ihr sollt essen!«
»Aber jetzt«, fügte er hinzu, »seid ruhig. Ich möchte den Dicken überraschen!«
»Ist denn das Lager schon so nahe?«
»Da! Seht ihr nicht den Rauch? Die alte watschelige Manja kocht Grütze. Werden die Leutchen aber Augen machen!«
»Du reitest voran, Herr«, raunte er, behende zwischen die Pferde und die Soldaten schlüpfend. »Ich habe dein Versprechen!«
Seine Torheiten schienen plötzlich vergessen, er spähte durch das Laub und horchte nach allen Seiten. Weiches Moos quoll unter den Füßen, Vögel sangen und Blumen blühten – ein heller Ton, weich und süß, aber leise, durchdrang die Luft.
»Geigenspiel!« flüsterte Oberst Jouffrin. »Sind die russischen Bauern so verwöhnt, daß sie selbst in den Wäldern Konzerte haben müssen?«
Der Junge nickte lächelnd. »Zigeuner!« gab er zurück »Jasko und Mikosch und der kleine Luiz. Sie spielen und der Bär sammelt.«
»Also Bärenführer? Eine wandernde Bande?«
»Ja. Der alte Mikosch hat Europa schon zweimal vom Norden bis zum fernsten Süden durchzogen – die beiden anderen sind seine Söhne.«
Der weiche Moosboden dämpfte den Schall, sonst hätten die Spielenden längst hören müssen, daß sich ein Zug von fast tausend Menschen näherte. Immer reiner drangen die Töne zwischen den Blättern der Bäume hervor, endlich auch ein Brummen, das lustige Lachen von Kindern und einzelne Stimmen.
»Da, alter Ruff, da, bring deinem Herrn!«
»So, schön, nun mußt du auch danken!«
»Ruff, magst du Zucker?«
Ein Brummen schien den Kindern als »Ja« bekannt zu sein; sie jubelten laut. »Ruff, nun mußt du auch tanzen«, hieß es.
Der Oberst hatte sein Pferd dem Diener überlassen und schlich näher hinzu; rechts und links von ihm die Soldaten, so viele ihrer Platz fanden. Iwan Troikoff hielt sich ganz in der Mitte der Deutschen; er war völlig verstummt.
Unter den Bäumen auf einer Lichtung bot sich ein friedliches, heiteres Bild. Dicht gedrängt standen im Hintergrunde große Leinwandzelte, während vor denselben Frauen und Mädchen mit ländlichen Arbeiten beschäftigt waren; es wurde Butter bereitet, gesponnen, gewebt und gekocht. Zwei Männer hatten soeben einen Ochsen geschlachtet und schnitten jetzt das Fleisch in kleine Stücke, um es den einzelnen Haushaltungen zu überliefern. Im Vordergrunde lagerte eine Schar von Zigeunern, deren Zelte den bunten Putz und leider auch die geringe Reinlichkeitsliebe des wandernden Stammes zur Schau trugen. Mehrere Frauen kochten an einem offen brennenden Feuer eine Suppe, deren Duft die Herzen der Soldaten mit stiller Sehnsucht erfüllte.
Was endlich den Bären betraf, so fraß er Zucker, den seine Zähne hörbar zermalmten und den ihm die Kleinen von allen Seiten herbeibrachten.
Ruff war so zahm, daß keine Mutter Bedenken trug, ihre Lieblinge unbekümmert in seinem braunen Pelz wühlen zu lassen. Die Schnauze steckte in einem Maulkorb aus Eisendraht und zwischen den Vordertatzen trug er eine dicke Stange von gleichem Metall; so ausgerüstet war das gewaltige braune Tier der beliebte Spielkamerad aller Kinder.
Die Zigeuner lagen im Moos und geigten mehr, wie es schien, zu ihrer eigenen als zur Unterhaltung der Bauern, die entweder rauchten oder irgendeine Handarbeit betrieben, bis plötzlich die allgemeine Ruhe durch den Schrei eines Knaben gestört wurde. »Soldaten!« hatte der Kleine gerufen, »Soldaten! O, einer hat eine Trommel!«
Und dann ging es von Mund zu Mund, von einer entsetzten Gruppe zur ändern: »Die Franzosen sind da! – Die Franzosen sind da!«
Sämtliche Männer sprangen auf, die Frauen kreischten, die Kinder flüchteten zu ihren Müttern, die Hunde bellten, die Zigeuner ergriffen schleunigst den Bären und sogar die wilden Vögel in den Baumzweigen begannen ängstlich zu flattern. Es war eine Szene voll Schreck und Verwirrung, keine Stimme konnte sich geltend machen, kein einzelner gehört werden, bis endlich der Oberst dem Tambour winkte und nun ein scharfer Trommelwirbel alles andere übertönte.
Das half. Es entstand ringsumher die Stille banger Erwartung.
Iwan Troikoff drängte sich an den Obersten heran. »Der Dicke da ist Peter Semenoff«, raunte er. »Laß ihn nicht entschlüpfen, Herr, er hat schöne blanke Rubel! – Mich mußt du beschützen; die Leute danken mir‘s nicht, daß ich euch hergebracht habe!«
»Schweig, Hasenfuß, oder ich rufe den Profoß!«
Dann wandte er sich zu den Bauern. »Ich komme nicht in feindlicher Absicht, Kinder! Frankreich führt mit friedlichen Bürgern keinen Krieg, dagegen aber bedürfen meine Leute dringend der Ruhe und ebensowohl werdet ihr Lebensmittel in genügender Menge herbeischaffen. Tummelt euch, Freunde, schlachtet Ochsen, bringt Brot und Butter, Stroh und Leinwand zu Zeltdecken! Ich hoffe, daß ihr mich nicht erst im Tone des Herrn sprechen laßt!« Einer der Bauern trat mit der Mütze zwischen den gerungenen Händen schüchtern heran. »Herr Offizier«, sagte er demütig, »mit Verlaub, aber wie lange gedenken die Soldaten in dieser Niederlassung zu bleiben? Wir sind arme Flüchtlinge, die —«
»Ihre Häuser abgedeckt und ihre Wagen zerbrochen haben, um dem Heere des Kaisers von Frankreich den Durchmarsch zu erschweren, ich weiß es. Die Ochsen aber nahmt ihr mit, die Feldfrüchte und das bare Geld – jetzt schafft ein Abendessen für tausend Männer, aber rasch. Wir bleiben nur bis Sonnenaufgang.«
Diese letztere tröstliche Verheißung schien den Mut der Leute neu zu beleben; es entwickelte sich ein buntes Treiben, dem man wahrscheinlich nicht ansah, daß bei demselben die Truppen im feindlichen Lande lagerten und daß jeder Bissen, den sie genossen, den heimlich zähneknirschenden Bauern mit keinem anderen als dem Rechte des Siegers entzogen wurde.
Hinter den Zelten floß ein klarer Bach, in dessen Wasser Menschen und Pferde ihren Durst löschten; die Feldflaschen wurden gefüllt, die Oberkleider zum Trocknen an das Feuer gehängt und die müden Glieder ausgestreckt. Halbe Ochsen brieten am Spieß und verbreiteten weithin ihren angenehmen Duft, Flaschen und Krüge spendeten das schäumende Bier, Brot und Butter stapelten sich zu ganzen Bergen.
Die Soldaten aßen wie ausgehungerte Menschen; sie gedachten weise des kommenden Tages und stopften in die Tornister, was irgend Platz finden wollte, dann kamen die leeren Pfeifen zum Vorschein und nun mußten die erbitterten Bauern auch ihren Tabaksvorrat herausgeben. Schließlich legten einige ganz verwegene Unteroffiziere einen Haufen von Brettern auf dem Moosboden sorgfältig auseinander, die Zigeuner spielten einen flotten Walzer und mit echt französischem Leichtsinn verbeugten sich die jungen Leute vor den russischen Frauen und Mädchen, um mit ihnen zu tanzen.
Die Alten ärgerten sich sehr, es fehlte nicht an Blicken und Winken, aber trotzdem trug doch das Vergnügen den Sieg davon. Man walzte, daß die Bretter wie ein Pelotonfeuer klapperten und daß die Herzen höher schlugen in harmloser Freude.
»Sechsundzwanzig Ochsen!« grämelte Peter Semenoff, der reichste Mann des Dorfes. »Sechsundzwanzig Ochsen und gegen zweihundert Pfund Butter, von Brot und Käse gar nicht zu reden! O du heilige Mutter Gottes, welch ein Schade!«
»Und das Bier und der Tabak«, sagte ein anderer.
»Und was sonst noch nachfolgt!« »Wie meinst du das, Loris Zdenko?«
Der andere wiegte bedächtig den Kopf. »Ja, ja, Väterchen, wer so eine Kriegszeit schon einmal durchlebte, der weiß, was Kontributionen sind, hm, hm – in Barem nämlich.«
»Ach Gott! —«
Und Peter Semenoff vollführte jene Bewegung, welche gewöhnlich auf vorhandene Magenschmerzen hindeutet; seine kleinen Augen funkelten vor Zorn. »Das ist der Taugenichts, der Iwan Troikoff«, sagte er, »diese unnütze Kreatur hat uns die Buntröcke herbeigezogen, natürlich weil wir den Müßiggänger nicht durchfüttern wollten und weil ich ihm diese unsere Meinung mit dem Peitschenstiel beibrachte. Vielleicht treibt er sich nun in Zukunft auf der Landstraße umher und führt alle vorüberziehenden Rotten in unser Versteck – bloß um sich zu rächen.«
»Daran dachte ich eben auch, Peter!«
Der Dicke beugte sich weiter vor. »Zdenko«, flüsterte er, »wir könnten ja geschunden werden bis auf die Knochen. Wollen wir uns das gefallen lassen?«
»Pst, der Oberst kommt! Nachher sprechen wir weiter.«
Der Offizier machte sich in den Zelten zu schaffen, sah alles, untersuchte alles und fand schließlich, daß Peter Semenoffs Wohnung für ihn gerade passend sein werde; die fünf oder sechs benachbarten Zelte dagegen für seine Offiziere.
Der »Schinder« sprach in diesem Augenblick sehr leutselig; der allgemeine Wohlstand, dem seine Blicke begegneten, tat ihm äußerst wohl, er gab gewissen Plänen, die den Braven beschäftigten, eine solide, beruhigende Basis.
Das Zelt wurde in Beschlag genommen; Frau Manja mit ihren Sprößlingen mußte sehen, wo sie ein Unterkommen fand, und auf dem sauberen Leinen ihrer Betten lagen unbekümmert die schlammüberzogenen Reiterstiefel des Obersten.
Draußen tanzten die jungen Leute und lachten und scherzten, während die alten wetterten und fluchten. Unsere Norderneyer Freunde nahmen an dem allgemeinen Vergnügen keinen Anteil, sondern lagen ausgestreckt im Moos und genossen die Ruhe des Augenblickes, so gut es eben ging. Onnen und der alte Zigeuner hatten sich in ein lebhaftes Gespräch vertieft, während Ruff, der Bär, wie ein Hund neben den Menschen am Feuer lag.
Mikosch war auf seinen Kreuz- und Querzügen auch zweimal nach Ostfriesland und darunter einmal sogar nach Norderney gekommen; Ruff war es gewesen, dessen Andenken im Herzen aller Norderneyer Kinder unvergänglich fortlebte, er, der einzige Bär, den sie je gesehen. Auch Onnen erinnerte sich jenes großen Tages und anderseits wußte der Zigeuner noch genau, wie reichlich Frau Douwe seine Kleinen beschenkt hatte, wie gut ihm die Mahlzeiten des gastfreien Hauses damals schmeckten.
Die Geige verfiel in eine leise wehmütige Melodie; ungesehen rollte Träne um Träne aus Onnens Augen in das Moos. Unter den rauschenden Wipfeln des Buchenwaldes erschien ihm das Bild der einsamen Sandinsel, des frischen Grabes, in dessen Ruhe sein Vater schlief; er fühlte das Herz mächtig klopfen im Gedenken an die geliebte, teure Heimat.
