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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 16
»Sie bringen also immer das Heu zu Schiff an die Scheunen?« rief Onnen. »Auch in Friedenszeiten?«
»Auch dann. Sechs bis zehn Boote schleppen das Schiff, dem, wie Sie sehen, die Masten fehlen, bis an den Schloßgarten und von dort tragen die Leibeigenen das Heu auf ihren Köpfen weiter.«
Unsere Freunde bestiegen selbst die sonderbare Arche und genossen vom Bord derselben eine herrliche Aussicht auf die grünen Wälder und das stille blaue Wasser mit seinen Tausenden von Blumen, seinem wehenden Schilf und den Vogelscharen, die es umkreisten. Auf all dieser Prachtfülle lag das rote Sonnengold gleich einem Zauberschleier; schmeichelnd und süß drangen die Stimmen der Natur in die Herzen unserer jungen Freunde.
»Feiko«, flüsterte Onnen, »Feiko, so schön es hier immer sein mag, so grün der Wald und so buntglänzend die Blumen – mein armes Norderney ist mir tausendmal schöner! Ach, könnte ich jetzt die Dünen sehen, das Branden des Meeres – allen Schmuck von Wäldern und Wiesen gäbe ich dafür hin!«
Der ältere Vetter drückte liebevoll seine Hand. »Du hast Heimweh, Onnen, aber das mußt du überwinden lernen. Ich bin in Indien, in Brasilien und Afrika gewesen – du sollst, so Gott will, als tüchtiger Seemann auch noch dahin kommen, also nimm dich zusammen, mein Junge!«
Er zog ihn freundlich mit sich fort, der Weg zur Stadt war noch weit, sie mußten sich verabschieden und tüchtig marschieren, ehe sie anlangten. Herr Hildebrandt gab ihnen das Geleit bis zur Gutsgrenze, beschrieb den Weg und empfahl sich dann mit der Bitte, ihn in gutem Andenken zu behalten.
Die jungen Leute hatten einen angenehmen Nachmittag verlebt; nur widerstrebend näherten sie sich dem Schauplatz der wüsten Szenen, deren Geräusch schon von weitem zu ihnen herüberdrang. Musik und Lachen, lauter Jubel tönte aus den Gassen, in denen nur Soldaten zu erblicken waren; alle Einwohner hatten sich in ihre Häuser geflüchtet.
Ziemlich am äußersten Ende der Stadt standen in Gärten vereinzelte niedere Gebäude, alle dunkel, als fürchteten die geängstigten Menschen, durch das kleinste Licht schon die Aufmerksamkeit des Feindes zu erregen: Blumen blühten auch hier, Rosen und Reseda dufteten, aber zwischen den Beeten spionierten dunkle Gestalten, lüstern nach Schätzen, nach dem Hab und Gut des schutzlosen Nächsten, Soldaten, die ihre Uniform schändeten, Menschen, die wie Raubtiere wüteten.
Aus einem jener Häuser drang das Schluchzen einer Frauenstimme hervor. Russische Worte, in flehendem Tone gesprochen, wurden hörbar, dazwischen eine Männerstimme, die zu befehlen, zu drohen schien – und zwar in deutscher Sprache.
»Alle Teufel, so schreie nicht, Weib, oder du sollst es bereuen!«
Georg Wessel stand still. »Onnen«, flüsterte er, »höre doch! – Wer ist das?«
Sie lauschten alle. Durch die offenen Fenster klang wieder das Weinen und Poltern. »Her mit dem Kasten, sage ich oder —«
»Das ist Adam Witt, so wahr ich lebe!«
»Ich glaube es auch. Er plündert.«
»Wollen wir ihm ein wenig auf die Finger sehen?«
»Natürlich. Da prügelt er eine Frau, der Schuft!«
Sie eilten alle durch den vorderen Mittelweg des Gartens ins Haus und in ein Zimmer zu ebener Erde, wo ein Soldat eine alte Frau mit beiden Händen auf den Boden drückte und dann seinen Fuß zur Hilfe nahm, um mit der Rechten in ihrer Tasche etwas zu suchen.
»Gib den Schlüssel, verdammte Hexe«, schrie er, »ich will in den Koffer hineinsehen! Da steckt bei euch geizigen Bauern das Geld, ich weiß es aus Erfahrung!«
Er hatte offenbar ganz vergessen, daß die Alte von seiner Rede kein Wort verstand; mit roher Gewalt suchte er sich des Schlüssels zu bemächtigen und würde diesen Zweck auch wohl im nächsten Augenblick erreicht haben, wenn nicht Onnens kräftige Fäuste ihn gepackt und in den Winkel des Zimmers geschleudert hätten.
»Was machst du hier, Elender?«
Adam Witt schäumte vor Zorn. »Was geht es dich an, Sohn eines —«
Er kam nicht weiter, Onnens Faust schnürte ihm die Kehle zusammen. »Was wagst du da nur zu denken, Spion?« zischte unser Freund. »Warte, ich will dich lehren, meinen gemordeten Vater noch im Grabe zu beschimpfen!«
Feiko und Georg rissen ihn mit vereinten Kräften von seinem taumelnden todblassen Opfer. Adam Witt schien völlig die Sprache verloren zu haben, er ächzte nur in gurgelnden Tönen und ballte ohnmächtig die Faust.
Was die alte Frau betraf, so hielt sie ihre Hände gefaltet und seufzte tief. Was sie in russischer Sprache vor sich hin murmelte, hieß ohne Zweifel: »Du großer Gott, jetzt sind es ihrer vier, die mein bißchen Hab und Gut stehlen wollen!«
»Der Bursche da begleitet uns«, gebot Feiko, indem er auf den Sohn des Verräters deutete. »Marsch vorwärts!«
»Ich will nicht!« rief Adam Witt, »ihr habt mir nichts zu befehlen!«
»Hinaus!«
»Nein!«
Feiko packte ihn am Kragen und schob ihn zur Tür. »Wo meine Freunde und ich gegenwärtig sind, da prügelt man keine Frauen, du Unverschämter! Hinaus mit dir!«
Aber Adam Witt sträubte sich, es kam zu einem Ringen, bei dem er den kürzeren zog, er taumelte und fiel – ein Regen von Goldstücken ergoß sich durch das Zimmer.
»Mein Geld!« schrie der Bursche. »Großer Gott, mein Geld!«
Feiko lachte. »Nimm es auf, ich gebe dir fünf Minuten Zeit. Rasch! – ein Sündenlohn ist ja doch jeder Pfennig!«
Adam bückte sich schleunigst, er sprang umher wie ein aufgeschrecktes Kaninchen. »Mein Geld muß ich wiedererlangen, oder ihr seid mir ersatzpflichtig! – Noch fehlen zehn Napoleons und ich finde sie nicht! – Was ging es euch an, wie ich zu dem meinigen kam?«
»Sei ruhig!« befahl Feiko. »Deine fünf Minuten sind nahezu verstrichen.«
»Macht, daß ihr fortkommt«, schrie, vor Wut halb außer sich, der Sohn des Verräters. »Geh vom Fenster weg, Onnen Visser! Meine Goldstücke liegen unter deinen Füßen, du willst sie mir bei guter Gelegenheit stehlen, mich betrügen!«
»Das ist doch, weiß der Himmel, zu arg!«
Und Onnen packte zum zweitenmal seinen Widersacher, um ihn zur Tür hinauszuwerfen. Wie ein Ball flog Adam über die Schwelle, draußen aber richtete er sich auf und ballte die Faust; seine Augen funkelten in dem weißen Gesicht wie die einer Katze.
»Das sollst du mir büßen, Onnen Visser, das verzeihe ich dir nie, so lange ich atme. Wenn deine besten Wünsche scheitern, wenn deine und deiner Genossen Pläne zuschanden gemacht werden, dann denk an mich, hörst du!«
»Und wenn du einmal wieder eine wehrlose alte Frau prügelst, dann denke nur getrost auch deinerseits an uns, du Schurke! Wir werden hinter dir stehen wie heute.«
Adam Witt antwortete keine Silbe, er verschwand in der Dunkelheit gleich einem Schatten, höchstwahrscheinlich, um sich in der Nähe versteckt zu halten.
»Er kommt sicherlich zurück, sobald wir fort sind«, meinte Feiko. »Wenn man das nur der Alten begreiflich machen könnte.«
Onnen näherte sich ihr, deutete auf den Koffer und auf sie selbst, dann schließlich zur Tür. Er winkte lebhaft mit der Rechten.
Die Frau nickte; sie erfaßte das nächste Stück ihres Hausrates und vollführte eine Bewegung, als wolle sie sagen: »Ich bringe nur die Sachen nicht fort.«
»Aber wir können es!« rief Onnen, indem er sich auf die Brust schlug. »Wir!«
Die Alte erschrak. Dieser Vorschlag erschien ihr offenbar sehr fragwürdig.
Im selben Augenblick öffnete ein Mann die Tür und sah suchend umher, dann, als er die Alte erblickte, brach von seinen Lippen ein Freudenschrei; er umfaßte sie und sprach ihr lebhaft zu wie jemand, der dem anderen sagt: »Nun beruhige dich ganz; ich bin bei dir.«
»Ihr Sohn!« dachten zu gleicher Zeit unsere Freunde, und Feiko sagte: »Jetzt können wir gehen, glaube ich. Kommt der Plünderer wieder, so findet er ohne Zweifel einen warmen Empfang!«
Sie wollten sich eben entfernen, als ihnen der Fremde beide Hände reichte und sie treuherzig ansah. Miteinander sprechen konnte man nicht, aber Blick um Blick sagte alles; auch das Mütterchen lächelte mit Tränen in den Augen einen Abschiedsgruß und dann gingen die jungen Leute fort.
Durch das Dunkel der Gebüsche schlüpfte ein menschliches Wesen. Jedenfalls lauerte Adam in der Nähe, um das unterbrochene Werk wieder aufzunehmen, sobald die Gelegenheit günstig schien.
»Viel Glück auf den Weg«, lachte Onnen. »Laß dir die Prügel wohlschmecken.«
Sie gingen langsam durch die Stadt zum Platz vor der Kirche zurück. Eine rote Lohe schlug ihnen schon von weitem entgegen, Musik und Getöse aller Art. An einem riesigen Feuer, genährt durch Möbel aus den umliegenden Häusern, an einer rauchenden knisternden Glut wurde gekocht und gebraten, während das geplünderte Magazin die Vorräte dazu liefern mußte. Eine völlig wahnsinnige Verschwendung dessen, was zur Ernährung einer ganzen Stadt bestimmt war, ein toller Frevelmut kennzeichnete diese Vorgänge.
Ganze Zuckerhüte lagen in Pfützen von Wein und Branntwein, zertreten von tanzenden Füßen, schmelzend, unbeachtet wie wertloser Staub; Pfunde kostbarer Gewürze waren unter den Hufen der Pferde zermalmt, der Inhalt zahlreicher Teekisten mutwillig verschüttet, Fässer mit Pökelfleisch oder Mehl ins Feuer geworfen.
Auf Stroh und Bettstücken lagerten im roten Scheine des Feuers die Soldaten, während in einiger Entfernung die geängstigten Bürger mit Ledereimern und langen Leitern Aufstellung genommen hatten, um im Falle einer ausbrechenden Feuersbrunst sogleich tätig einschreiten zu können.
Es war ein ernstes, erschütterndes Bild. Auf einer Seite die betrunkenen Franzosen in vandalischer Zerstörungsfreude, auf der anderen die blassen Gesichter der Bürger, welche ohne irgendeinen Widerspruch mitansehen mußten, wie ihre Häuser geplündert und ihre Vorräte vernichtet wurden. Sie schwiegen zu allem, was geschah, und hielten nur Wache, um die unglückliche Stadt mit ihren hölzernen Gebäuden vor einer Feuersbrunst zu beschützen oder doch wenigstens ein etwa entstehendes Unglück auf das kleinste Maß zu beschränken.
Oberst Jouffrin ging langsam durch das Lager. Sein rohes Gesicht zeigte große Zufriedenheit; so gefielen ihm die Dinge, so fand er das Dasein angenehm. Seit langen Jahren im Dienst des eroberungslustigen Kaisers, hatte er sich daran gewöhnt, die Welt als einen einzigen großen Kriegsschauplatz zu betrachten und eine recht ergiebige Plünderung als Zweck langer, mühevoller Märsche oder blutiger Schlachten anzusehen. Man zog umher und ließ sich‘s wohl sein, das war das Glaubensbekenntnis dieses edlen Ritters von der Landstraße.
Er selbst hatte im Hause des Bürgermeisters sein Quartier aufgeschlagen und einen Doppelposten vor die Tür stellen lassen. Hierher durfte kein Soldat kommen, hier wurde die Behaglichkeit der Einrichtung durch nichts gestört – wo er selbst wohnte, da schätzte der tapfere Mann Ordnung und Sauberkeit sehr hoch; nur andere Leute durften derartige Ansprüche nicht erheben.
Unsere drei Genossen suchten sich ihr Nachtlager am entferntesten Punkte des Marktplatzes, obwohl Lärm und Geschrei auch hierher drangen. Die Heiligen der geplünderten Kirche dienten jetzt einem anderen Zwecke: sie mußten Wäsche trocknen. Hemden und Strümpfe, Taschentücher und Uniformstücke, alles war ihnen angezogen und die alten Holzbilder nahe an das Feuer gestellt worden, um als Ständer zu dienen.
Einer hatte von der Glut schon Nase und Ohren eingebüßt, was die Franzosen sehr zu belustigen schien; sie verbanden ihm den Kopf, nannten ihn pauvre père und spielten schließlich Ball mit ihm.
Der Abendmahlskelch ging, unablässig neu gefüllt, dabei von Hand zu Hand; endlich fand sich sogar ein Soldat, der auch den Pferden Wein anbot und, als diese schnaubend und kopfschüttelnd den Trunk zurückwiesen, ihnen denselben gewaltsam einflößen wollte.
Ein anderer entriß ihm das silberne Gerät. »Daraus trinkt kein Tier«, schrie er.
»Dann ist es also nichts für dich!« war die freundliche Antwort. »Gib her!«
»Hier hast du das Ding!«
Ein schwerer Schlag, ungeschickt ausgeführt, traf nur die Degenkuppel, das Altargefäß dagegen flog in die Glut, daß sie zischend aufspritzte.
Taumelnd, mit trunkenem Lachen stolperte der Soldat seines Weges.
Die Nacht sank herab; stiller und stiller wurde das Toben. Über dem verglimmenden Feuer, mitten auf den Platz mit seiner grauenhaften Verwüstung herabsehend, erschien der volle Mond; weißes und purpurnes Licht mischten ihre Strahlen, wie Schattenspiele huschten die Wolken hin und her über das glänzende Rund.
Auch auf die Kuppeln und Türme der Kirche fielen weiße Streifbänder, auf bunte Glasfenster und Nischen mit erzenen Figuren. Drinnen las der Pope die Messe und zeigte den Andächtigen das Allerheiligste; Weihrauch drang aus den offenen Türen, leiser Glockenklang, leises Schluchzen.
Draußen verstummten nach und nach die Stimmen der Soldaten; aus befreitem Herzen atmeten die bleichen Stadtbewohner. Nun war die ärgste Gefahr vorüber.
Stille, tiefe Nacht. Schmetterlinge huschten um halbverkohlte Trümmer, hie und da sammelten, leise schleichend, Frauen und Männer die Überreste der gestohlenen, zerstreuten Lebensmittel. Ein Verbrechen wird die Mutter des anderen; nachdem das Vorratshaus geplündert worden war, nachdem fremde Gewalthaber in den erbeuteten Schätzen schwelgten, hielten sich auch die Ärmsten der Stadt für völlig berechtigt, ihrerseits zu nehmen, was immer die tastende Hand erbeuten konnte.
Ganze Lachen von Branntwein standen in den Vertiefungen zwischen den Steinen. Das niedere Volk, Leibeigene und Arbeiter, selbst Frauen bückten sich, um gierig zu trinken – taumelnde Gestalten schlüpften durch die Reihen der Schläfer.
Mückenschwärme spielten im Feuerschein, unerträgliche Schwüle lag auf allen Stirnen. Aus den Reihen der ostfriesischen Rekruten erhob sich ächzend eine schlanke Gestalt und ging zum Brunnen auf der Mitte des Platzes, um ein Leinentuch frisch zu benetzen. Eine lange Schramme lief von der Schläfe bis zu den Lippen über das ganze Gesicht – der Bursche schluchzte halb vor Schmerz, halb vor Wut.
»Mußte mich mein eigenes Messer verwunden! Wie ein Bär drückte mir der Kerl die Arme zusammen, nur weil ich mein Geld wiederfinden wollte, das da unter den Tischen herumlag! – Warte, Onnen Visser, warte, es kommt die Stunde, wo du mir die Niederlage dieser Nacht teuer bezahlen sollst!«
Adam Witt legte das Tuch um sein blasses Gesicht, trocknete sich die Augen und suchte einzuschlafen. Immer zählte in der Tasche die Hand. Zehn Napoleons fehlten, soviel er auch kneifen und drücken mochte – aufs neue, stärker als vorher, rannen die Tränen.
Hie und da krähte ein Hahn, murmelte einer der Schläfer im Traume. Drinnen klang das Glöckchen, duftete der Weihrauch – die heilige Stätte wurde nicht leer; immer neue Scharen drängten herzu, immer neue Herzen beteten: »Herr, laß diesen Kelch vorübergehen.«
Und ein Wort fiel von den Lippen des Popen, ein zündendes, begeisterndes Wort. »Die Frevler schlafen – laßt uns hinausgehen und das Muttergottesbild retten!«
Verhaltenes Schluchzen antwortete. Einer drängte den anderen, Hunderte glitten geräuschlos aus den Türen. Männer der besten Stände, junge Mädchen, selbst Kinder betraten das weite Rund, wo die Soldaten schliefen; endlich hatte jemand das Marienbild gefunden.
»Hier! Hier! – O Greuel der schrecklichsten Sünde!«
Wie ein lebendes geliebtes Wesen trugen schützende Hände das Bild. »Ich schenke der Gebenedeiten ein neues Seidenkleid! – Ich eine Strahlenkrone! – Ich einen Schmuck!«
Im Triumphe wurde das gerettete Gut zurückgebracht in die Kirche, im Triumphe die mißhandelten Heiligen den Frevlern entrissen.
Hie und da erwachte ein Schläfer. »Kirchengesang! – Wie lange ist‘s, seit ich betete?«
Und ein Herz schlug schneller; der Schlaf war verscheucht. »Wie lange ist‘s, seit ich betete? – Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns Sündern, unter denen ich der vornehmste bin!«
Ein Rosenschimmer umflutete den lächelnden Mond; sein Glanz schien zu erbleichen, schien weiß, statt des goldigen Hauches. Frische kühle Luftwellen trug der Wind über das Aschenfeld und die schweren Augenlider der Soldaten.
Trommelwirbel hie und da. Rataplan! Rataplan! – Es ist die Reveille; noch ein neuer harter Schlag steht der heimgesuchten Stadt bevor. Das ganze Regiment muß aufmarschiert sein, wenn er fällt, denn die Sache braucht ein amtlich Antlitz – als die Tat eines einzelnen wäre sie ein Frevel, der Gottes Langmut in Groll verwandeln könnte.
Ordonnanzen trugen in jedes Haus den Befehl des Obersten, der allen Bürgern gebot, um zehn Uhr vormittags in der Bürgermeisterei zu erscheinen, immer zwölf und zwölf zur Audienz bei ihm. Von Haus zu Haus schlich das Erschrecken, die bange Furcht. Was konnte der Plünderer, der Mann mit dem Tigergesicht weiter noch wollen?
Geld? Sie hatten keins mehr. Für die geraubten Vorräte war‘s draufgegangen; alle Arbeit stockte ohnehin. Was konnte er wollen?
Der Apotheker und der Materialwarenhändler mußten ihre schweren Eisenmörser zur Stelle schaffen. Neues Rätsel, neue quälende Sorge.
Das Regiment stand aufmarschiert, klingendes Spiel erfüllte wie zum Hohn den jungen Morgen. Vor der Tür der Bürgermeisterei sammelten sich blaß und unruhig die Bürger. Es liegt in der Luft, es wird mit allen Nerven empfunden, wenn ein Unglück naht.
Schlag zehn Uhr kam ein Unteroffizier und ersuchte die ersten zwölf Herren, ihm zu dem Herrn Obersten zu folgen.
Der »Schinder« lächelte äußerst herablassend, er bot den Leuten Stühle und kam dann endlich auf den Zweck dieser Zusammenkunft. »Seine Majestät der Kaiser braucht Geld, viel Geld, der Krieg verschlingt Unsummen – es muß etwas geschehen, um die leeren Kassen zu füllen.«
Niemand antwortete ihm. Sie wußten es ja, Geld war nicht vorhanden, auch der gestrenge Oberst würde in ihren leeren Taschen nichts finden können.
Dieser lächelte sehr milde. »Und da habe ich denn den Befehl erhalten«, fuhr er fort, »alle Gold- und Silbersachen der Bevölkerung einzuziehen. Es ist mir außerordentlich schmerzlich, die Bürger und besonders die Frauen derselben ihrer liebgewordenen Kleinodien berauben zu müssen, aber der Befehl des Monarchen erfordert, wie Sie wissen, blinden Gehorsam. Die Herren mögen also nach Hause gehen, den Draußenstehenden sagen, um was es sich handelt, und den Besitz jeder einzelnen Familie herbeibringen. Von dieser Verordnung ist kein Stück ausgenommen, weder des persönlichen noch des öffentlichen Eigentums, das bedenken Sie wohl und hüten sich, die Strafe, welche einer Hinterziehung folgt, leichtsinnigerweise herauszufordern! – Der Herr Bürgermeister ist für die Ausführung dieser Maßregel verantwortlich gemacht worden.«
Eine Handbewegung verabschiedete die Geplünderten, sie konnten gehen und auf dem Korridor in das blasse Gesicht des Bürgermeisters blicken oder verstohlene Flüsterworte mit ihm tauschen.
»Da hilft kein Federlesens, ihr Leute! Er hetzt euch seine Horden ins Haus und läßt wegnehmen, was ihr etwa verweigern möchtet. Seht her – da liegen die Löffel und die Schmucksachen meiner Frau, alle ihre Hochzeitsgeschenke! Ich hab‘s kurz gemacht, die Schränke gestürzt und herausgegeben, was darin war. Tut das gleiche, meine Freunde!«
Ein Kopf schütteln, ein Knirschen des Ingrimms folgte diesen Worten: »Zuviel, zuviel – das Menschenherz sträubt sich! – Und was will denn der Wüterich mit den Eisenmörsern?«
»Das erratet ihr nicht? Seine Soldaten werden darin unsere Gold- und Silbersachen zu Splittern zerstampfen. So läßt sich das gestohlene Gut besser fortschaffen.«
»Allmächtiger Himmel!«
»Schnell!« drängte der Bürgermeister. »Ich bitte euch, verursacht keine Gewaltmaßregeln! – Dieser Mann lechzt nach dem Augenblick, wo er eure Häuser, das Leben eurer Frauen und Kinder seinen Horden preisgeben kann!«
Diese Ermahnung half. Die geängstigten Bürger eilten fort, um den ihrigen die Kunde einer neuen unerhörten Gewalttat zu überbringen. Niemand empfand mehr das Verlangen, den Herrn Obersten persönlich zu sprechen; die Menge verteilte sich und der Platz wurde leer, aber nur für kurze Zeit, dann kamen Männer und Frauen, die ersteren stumm, leichenblaß, letztere weinend, alle mit dem, was sie an Kostbarkeiten besaßen. Jede Hand stapelte auf große Tische im Empfangszimmer der Bürgermeisterei die Löffel und Ringe, Ketten, Uhren, den Schmuck und das Tafelgerät – gierigen Blickes wog und zählte der habsüchtige Franzose, gierigen Herzens überschlug er, wieviel davon unbemerkt in seine eigenen Taschen fließen könne.
Draußen gaffte das Volk. Die nie im Leben etwas Silbernes oder Goldenes ihr eigen genannt, die ganz Armen brauchten heute keine Tränen zu vergießen; sie empfanden ein gewisses Behagen in dem Gedanken, daß nun der zinnerne Teelöffel seine Einkehr auch bei den Reichen, Bevorzugten halten würde.
Und dann begann der Eisenmörser seine Tätigkeit. Der Oberst selbst zählte die einzelnen Gegenstände, er stellte doppelte Wachen aus und ließ von den zuverlässigsten Leuten seines Regiments das Metall zu Klumpen zerstampfen.
Als die letzten Bürger verabschiedet waren, ließ der gebietende Herr den Bürgermeister rufen. »Ich vermisse zu meinem großen Erstaunen das Silber des Kirchenschatzes«, sagte er ziemlich streng. »Weshalb wird derselbe willkürlich zurückbehalten?«
Der unglückliche Bürgermeister bekreuzte sich. »Das Altargerät?« stammelte er, völlig aus der Fassung gebracht.
»Natürlich!«
»Ich werde es herbeischaffen, Herr Oberst!« Wieder näherte sich ein Volkshaufen der Bürgermeisterei, aber diesmal tobend, aufgeregt, zornig, mit wilden Bewegungen. Inmitten des erbosten Knäuels ging aufrecht der Pope und in seiner Hand trug er unverhüllt die Monstranz, das Allerheiligste, das Gefäß, in dem die Hostie aufbewahrt wird. Ein Kirchendiener begleitete ihn, in einem Korbe das übrige Gerät tragend. Oberst Jouffrin stand vor dem Fenster; seine Augen leuchteten plötzlich auf. »Brillanten«, murmelte er, »ich dachte es mir.« Draußen fielen die Leute dem Popen in den Arm. Er sollte das Allerheiligste beschützen, er sollte es verteidigen gegen jeden Angriff.
»Nicht herausgeben!« rief eine Stimme, und »nicht herausgeben!« wiederholten Hunderte, Tausende. Geballte Fäuste kehrten sich gegen das Haus, ein wildes Geschrei erfüllte die Luft. Wie der Blitz war Oberst Jouffrin auf der Straße. Sein Kommando schallte donnernd über die Reihen der Truppen und der Bürger dahin – binnen einer halben Minute lagen mehr als tausend Gewehre in Anschlag.
Der Bürgermeister riß ein Fenster auf. »Leute«, rief er, »bedenkt die Folgen! Gebt nach, gebt nach! Eine Monstranz können wir für Geld wiedererlangen, das vergossene Blut niemals!«
Tiefe Stille unten, dann ein Murren, Ächzen, ein Laut der bittersten Seelenpein. Sie küßten das heilige Gefäß, sie berührten es scheu und andächtig; zum letztenmal gab der Pope im Angesichte des Heiligtums dem versammelten Volke seinen Segen, dann war der Weg frei und er konnte die Treppe hinaufgehen, um den uralten Schmuck des Gotteshauses dem fremden Gewaltherrscher zu überliefern.
Die Truppen blieben unter den Befehlen ihrer Offiziere bereit, in jedem Augenblick loszuschlagen – unterdessen prüfte der Oberst mit Kennerblicken das bedeutendste Wertstück der ganzen Beute, dann ließ er schleunigst durch den diensttuenden Unteroffizier einen Goldschmied herbeiholen und in seinem Beisein die Brillanten, welche das Silber im Kranze umgaben, sorgfältig aus der Fassung brechen.
Als später die Monstranz in den Mörser kam, prüfte er selbst das fortschreitende Werk, bis die Form zerstört war und kein Auge mehr entdecken konnte, wo an dem plattgeschlagenen Klumpen ehedem Brillanten und Topase wie Sterne vom Himmel erglänzten.
Die unglückliche Stadt hatte nun hergegeben, was sie besaß; man konnte also füglich den Stab weiter setzen. Des Obersten Hand glitt prüfend über die Brusttasche des Waffenrockes – er lächelte. Da war eine hübsche Anzahl edler Steine versammelt, große und kleine, weiße und farbige – er wußte am besten, für wen.
Mit klingendem Spiel zog das Regiment des Weges. Wie angenehm, den Sieg so leicht zu erkaufen, so mühelos!
Sein Pferd tänzelte lustig, eine französische Melodie flog windgetragen durch die sonnige Morgenluft, ein grüner majestätischer Wald zeigte von fern den Wanderern die rauschenden Wipfel. Immer weiter, weiter, mitten hinein ins Herz des Landes – vor ihm Genuß und Gewinn, hinter ihm Tränen und Aschenfelder. Was kümmerte es den Mann ohne Herz, wieviel andere litten? Er hatte schon in Ägypten geplündert und die Dörfer verwüstet, schon in Ägypten im Kugelregen gestanden, ohne getroffen zu werden – das gleiche würde auch hier geschehen. Und halblaut summend fiel er ein in die Melodie der Soldaten.
