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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 15
Feiko Hansen drückte ihm leise die Hand. »Nur Geduld, Vetter, der liebe Gott verläßt keinen Deutschen. Wir kommen glücklich davon, eine innere Stimme sagt es mir.«
»Aber du siehst doch, daß wir offenbar bewacht werden! Unser Zelt liegt in der innersten Mitte derer, welche von den Franzosen besetzt sind.«
»Weil ich dem Kapitän des ›Napoleon‹ rund heraus erklärte, daß wir zu desertieren beabsichtigen. Oberst Jouffrin weiß es ohne Zweifel, aber trotz aller Sorgfalt entwischen wir ihm doch, wenn auch erst später.«
Allmählich erloschen die Wachtfeuer; eine Kette von Posten, natürlich aus lauter Franzosen bestehend, umgab rings das Lager, und Tiere und Menschen schliefen fest, selbst der Bär lag an seiner Kette wie ein harmloser Hund, und wenn irgendwo ein Geräusch ertönte, dann erhob er den Kopf, um zu knurren.
Einmal, kurz nach Mitternacht, wurde sein Brummen stärker. Mikosch erwachte und spitzte die Ohren – klang es nicht aus dem dichteren Walde herüber wie ein klagender Ton, ein Ächzen?
Dürre Äste krachten; mehrere Männer schienen sich eiligst davonzuschleichen. Der Zigeuner sah, daß seine beiden Söhne ruhig schliefen, er kümmerte sich also um den Vorgang nicht weiter und erst später am Morgen fiel ihm das Ereignis der Nacht wieder ein.
Man fragte und suchte – Iwan Troikoff war wie in den Boden hinein verschwunden.
Oberst Jouffrin schien mit dieser Entdeckung nicht unzufrieden, er trieb zur Eile und befahl, sich um den vermißten Burschen nicht weiter zu bekümmern, dann hatte er mit Peter Semenoff, seinem unfreiwilligen Gastgeber, eine Unterredung ohne Zeugen, in deren Verlauf eine Geldkatze geöffnet und, ziemlich schlank geworden, wieder verschlossen wurde. Die Gesichter der beiden Männer wichen in ihrem Ausdrucke bedeutend voneinander ab; das des Obersten glänzte in vollkommenem Behagen, während das des Bauern mehr einem durchschnittenen Käse glich. Es war fahl vor Gram.
Die Trommeln rasselten; eine Schar Ochsen und Kühe stand marschfertig, hie und da wurde noch von den Franzosen irgendein Gegenstand, den sie gerade gut brauchen konnten, wie zufällig mitgenommen, und dann kam der Abschied.
»Lebt wohl, ihr Zigeuner! und wenn ihr je nach Norderney kommt, grüßt mein Heimatland!«
»Wir werden Euch selbst begrüßen, junger Herr!«
Onnen lächelte. »Wie Gott will, Alter!«
Der Zug setzte sich in Bewegung. Bauernburschen in langen Blusen und plumpen Schuhen trieben die Ochsen und Kühe nebenher, während ein anderer vorausging, um in einem dichten Walde als Führer zu dienen.
Iwan Troikoff war und blieb verschwunden.
Während das Regiment durch den taufrischen Wald marschierte und Hirsche und Rehe vor sich aufjagte, stand unter den Zelten des Dorfes ein armer Sünder mit weißem Gesicht und schlotternden Knien zwischen einer Gruppe von ernstblickenden Männern. Etwas seitab befestigte jemand an einem starken Baumstamme eine Hanfschnur, fortwährend beobachtet von dem jungen Menschen und auch von einem Popen, dessen Hände ein Kreuz aus Ebenholz hielten.
»Ihr solltet doch einen anderen, weniger grausamen Ausweg suchen, meine Kinder«, sagte in ermahnendem Tone der Geistliche.
Niemand hörte ihn. Peter Semenoff stand mit geballter Faust vor dem aschbleichen Sünder. »Iwan Troikoff«, sagte er, »gestehst du, die Franzosen hierhergeführt zu haben?«
»Sie zwangen mich«, stammelte der Bursche.
»Das lügst du, denn es ist unter ihnen niemand, der unser Versteck kannte. Du bist ein Verräter an deiner Dorfgemeinschaft, du hast aus Rachsucht gehandelt!«
»Ein Bubenstreich sondergleichen!« rief Zdenko.
»Der uns Tausende von Rubeln kostet und dessen Wiederholung wir vermeiden wollen. Bereite dich zum Tode.«
Der junge Mensch kreischte laut auf. »Ich verlange nach Gesetz und Recht behandelt zu werden«, schrie er.
»Die gibt es im Kriege, wenn feindliche Horden das Land besetzt halten, nur insofern, als sich die Bürger ihrer eigenen Haut nach Möglichkeit wehren. Du mußt sterben.« Sie führten ihn ungeachtet seines heftigen Sträubens bis zu dem Baume, dessen untere Äste die Schlinge trugen. Während ihm der Pope laut betend das Kreuz an die Lippen hielt, warfen entschlossene Hände das Seil um seinen Hals und die Hinrichtung war vollstreckt.
Iwan Troikoff zuckte nicht mehr. Die Todesangst mochte schon vor dem letzten schauerlichen Akte sein verwirktes Leben geendet haben.
Peter Semenoff strich über die Geldkatze. »Noch einmal und sie wäre leer gewesen«, murmelte er. »Das ging so nicht, nein, das ging unmöglich.«
10
Mit klingendem Spiel durchzog das Regiment ein Dorf nach dem anderen, eine kleine Stadt nach der anderen.
Weitere französische Streifkorps stießen zu dem des Obersten Jouffrin; auch in den preisgegebenen russischen Provinzen wurde wie in Deutschland alles junge Volk zum Militärdienst gepreßt und mitgenommen, wohin der Weg führte, aber unter durchaus verschiedenen Verhältnissen und mit einem Erfolge, der den Franzosen selbst den größten Schaden zufügte.
Nur das Gesindel war in den Städten und Ortschaften zurückgeblieben; jeder ehrenwerte junge Mann hatte sich der Aushebung rechtzeitig entzogen, und so entstand denn unter der stolzen Bezeichnung »Nationalgarde« ein Korps von Bummlern und besitzlosen Abenteurern, das eher allem anderen als einem militärisch gewöhnten Regimente glich. Jeder trug sich, wie es ihm gefiel, führte eine beliebige Ausrüstung an Waffen und kam und ging so ziemlich nach Laune. Der französische Kaiser konnte den Leuten durchaus nichts geben; sie waren vollständig auf Raub und Plünderung angewiesen.
»Nehmt es, wo ihr es findet, meine Jungen«, sagte mit innerem Behagen der Oberst. »Das Land ist mit allem, was es besitzt, euer Eigentum.«
Er beeilte sich mit dem Marsche auf Smolensk nur äußerst wenig. So brandschatzend von Ort zu Ort zu ziehen; ohne nahe Kriegsgefahr, aber doch ausgerüstet mit allen Freiheiten des Krieges – das war es, was er liebte.
Die buntscheckige Truppe, zügellos, zusammengewürfelt aus aller Herren Länder, mehr Strauchdieben als Soldaten gleich, hatte ein Städtchen am Waldessaume erreicht und überzog wie ein Bienenschwarm die Straßen. Spanische und italienische Hilfetruppen, die Kinder der russischen Steppe, dazu Pariser, Elsässer, Ostfriesen, Bremer und französische Bauern, so wogte es in allen Farben und Gestalten durcheinander.
Die Einwohner sahen angstvoll aus den Fenstern; sie flüchteten scharenweise in die Kirche, um dort zu beten oder in der unbestimmten Hoffnung auf den Schutz des Himmels, der ihren gläubigen Herzen hier näher schien. Ein Ruf der Gewalttätigkeit, der Roheit ging dem französischen Heere schon voran; was in Ostfriesland zu den seltensten Ausnahmen gehört hatte, persönliche Ausschreitungen der Mannschaften, das war hier in Rußland, wo alle Disziplin aufhörte, völlig an der Tagesordnung, aus Soldaten hatte die Lockerung aller gesetzlichen Verhältnisse bloße Straßenräuber gemacht.
Mit blanker Waffe wurden die Leute aus ihren Häusern vertrieben und dann Besitz ergriffen von allem, was sich darin vorfand. Wo im Stalle ein Schaf, eine Kuh oder eine Ziege stand, da fiel sogleich der glückliche Finder darüber her und schlachtete das Tier, um es mit seinen Freunden zu verzehren, ganz ohne Rücksicht auf andere, die vielleicht keine Brotrinde besaßen, oder nach bestandenem Strauße mit denen, welche den ursprünglichen Räubern den Braten mit vereinten Kräften wieder entreißen wollten.
Eine Schar der Verwegensten eilte in die Kirche. Ringsumher an den Wänden des kleinen Gebäudes brannten unter den Heiligenbildern die ewigen Lampen; Andächtige knieten überall, der Pope sprach den schluchzenden Frauen, den blassen erschütterten Männern Mut ins Herz, er tröstete die Unglücklichen und beruhigte die Zagenden – da erschienen unter der Tür die Galgengesichter, aus denen sich alle diese Streifkorps zusammengesetzt hatten, und ein lautes Gespräch, ein Waffenklirren und Lachen störte die Andacht. »Gebt eure Bänke her, ihr Leutchen«, rief ein Franzose, dem man den Pariser Taugenichts auf den ersten Blick ansah, »wir brauchen Brennholz!«
»Aha«, fügte er dann hinzu, »die alten Herren und Damen da an den Wänden langweilen sich entsetzlich, wie ich sehe. Kommt, Kameraden, wir wollen sie mitnehmen und ihnen von der lustigen Welt da draußen ein wenig zeigen.«
Er deutete auf einen der zahllosen hölzernen Heiligen, welche die Russen in ihren Kirchen verwahren, und gab der verschwärzten alten Puppe einen Schlag mit der flachen Hand, daß sie taumelte. »Seht ihr wohl, Freunde, der gute alte Michael oder Fedor, wie er heißen mag, stimmt mir bei. Er will mit uns ziehen!«
Ein dröhnendes Gelächter folgte diesen unverschämten Worten. Die Franzosen ergriffen sämtliche Heilige und schleppten sie hinaus auf den Lagerplatz, dann folgte zuletzt, dem wehrlosen Popen entrissen, der silberne Abendmahlskelch und die Statue der heiligen Jungfrau mit ihren zahllosen Schmuckgegenständen und Gliedern von Wachs, Händen, Füßen, Augen und Herzen, selbst ganzen Köpfen, die von Gläubigen geopfert worden waren, um durch die Fürsprache des Gnadenbildes eine Heilung ihrer Krankheiten zu erlangen.
»Platz für Madame!« rief ein braunschwarzer Spanier. »Holt ihr einen Sessel!«
Er hob das Bild hoch empor; die Seidenkleider rauschten, der Schmuck glänzte im Sonnenlicht. »Madame hat keinen Hut«, rief der freche Patron, »als galanter Mann leihe ich ihr also meine Mütze und dafür gibt sie mir das hübsche Kettchen. Merci, Madame!«
»Moitty!« rief ein anderer, »du schändest die Heilige!«
»Bah, sie ist ja keine rechtgläubige Katholikin!«
Und er setzte der Wachspuppe seine Militärmütze auf, um ihr dabei mit schneller Bewegung eine schwere goldene Kette zu entreißen. »So, Madame, jetzt nehmen Sie Platz und sehen Sie sich die Welt an – flotte Jungen, des Kaisers Soldaten, nicht wahr?«
»Mir könnte die gute Mutter wohl den hübschen Ring schenken – sie hat ja wenigstens zwei Dutzend!«
»Und mir diesen!«
»Halt, halt, du bist ein wahrer Greifenberger! Laß andere Leute auch einmal darankommen, Geselle!«
»Was sagtest du da soeben?«
»Daß du unverschämt wirst, mein Bester!«
Die Degen flogen aus der Scheide und rotes Blut spritzte über das Rauschgold an dem Kleide der Wachspuppe. Andere Soldaten warfen sich zwischen die Streitenden; aus reinem Übermut wurden die Kirchenstühle zerschlagen und an dem entfachten riesigen Feuer allerlei glücklich eroberte Tiere gebraten. Binnen Sekunden hatte der Gold- und Silberschmuck des heiligen Bildes den Weg in die Taschen dreister Räuber gefunden, wogegen den hölzernen Heiligen allerlei unliebsame Geschenke gemacht worden waren,, z.B. riesige Knebelbärte von Kohle, ungeheure Nasen aus Lehm und was dergleichen mehr ist. Hier trag der heilige Iwan einen Soldatenmantel und um die Stirn einen Frauenschleier, dort hatte der heilige Prokop einen Wassereimer auf dem Kopf und unter dem Arm einen Reiserbesen. Das gewaltige Feuer sandte seine Rauchwolken zum Himmel hinauf; schwarz und drohend wälzten sie sich durch die glühende Luft, Riesengestalten gleich, die den schamlosen Frevel da unten vor Gott zu verklagen schienen.
Lautes Toben und Lachen schallte über den Platz; in der ausgeplünderten, geschändeten Kirche beteten weinende Menschen – mit tief innerer Empörung wandten sich unsere deutschen Freunde von einer Szene, die jedes fühlende Herz erbittern mußte.
»Komm«, sagte Feiko Hansen, »laß uns die Stadt besehen! Wenn wir essen wollen, so ist es überdies notwendig, irgendwo einem Bäcker oder einem Gastwirt in die Tür zu fallen!«
»Und zu stehlen, Feiko?«
Dieser zuckte die Achseln. »Was willst du – wir können den Magen nicht bis zum Friedensschlusse vertrösten.«
»Das ist allerdings wahr, aber besitzen wir nicht noch einiges Geld, Feiko?«
»Pst – das Wort sprich lieber in diesem Lande nicht aus. Wir müssen die wenigen Goldstücke sorgfältig aufheben für den hoffentlich nahen Tag unserer Flucht.«
»Ach, wenn wir sie heute schon unternehmen könnten!«
»Ich habe Umschau gehalten«, flüsterte Feiko, »es geht nicht. Eine Postenkette umzieht eng und fortlaufend unser ganzes Lager; die Straßen, die Flußufer, die Wälder, alles ist abgesperrt. Oberst Jouffrin weiß ohne Zweifel, daß die Zivilbehörden der preisgegebenen Provinzen auf einzelne Plünderer fahnden lassen – er will sich die Verfolger vom Leibe halten.«
»Und uns an der Flucht nach Deutschland hindern. Sieh, da kommt Georg Wessel!«
Der junge Mann schloß sich den beiden Vettern an und alle drei suchten eine Schenke, um Lebensmittel zu erlangen. Das war freilich nicht so leicht ausgeführt wie beschlossen; überall fanden sie die Plätze besetzt, die Speiseschränke leer, bis endlich ein lauter Tumult ihre Blicke einem stattlichen Hause am Marktplatz zulenkte.
»Hierher, Kameraden«, rief mit hallender Stimme ein Soldat. »Hierher, ich habe eine wohlgefüllte Niederlage entdeckt!«
Ein älterer Herr mit dem russischen Kaftan und langem schon ergrauenden Barte suchte vergeblich, den Franzosen zum Schweigen zu bringen. »Sei doch ruhig, Mensch«, bat er mit ängstlichem Tone, »bekümmere dich doch nicht um fremde Angelegenheiten. Iß und trinke, was dir beliebt, aber ziehe mir nicht all das fahrende Gesindel auf den Hals!«
»Hierher, Kameraden, hierher!«
»Wirst du schweigen, Bursche!«
Der alte Mann in seiner Verzweiflung packte den Soldaten, um ihn zu Boden zu werfen, aber ein wohlgezielter Faustschlag streckte ihn auf das Pflaster, dessen Steine sich mit seinem Blute färbten. Der Soldat legte beide Hände an den Mund, um desto lauter rufen zu können. »Hierher, Kameraden!« ertönte es wieder und wieder, »hierher!«
Von allen Seiten nahten die buntscheckigen Gestalten, junge und alte, hübsche und häßliche – von allen Seiten tönte Jubelgeschrei. »Lebensmittel hast du gefunden, Planchard? Auch solche in Flaschen? Wo sind sie? Wo? Wo?«
»Mir nach!« rief der Soldat. »Hierher!«
An dem wie leblos daliegenden alten Manne vorüber stürmte die ganze Schar in einen dunkeln überwölbten Torweg und von dort durch einen Hof zu einem hohen, langgestreckten Hintergebäude, das anscheinend als Holzlager diente. Man sah Bretterstapel im Erdgeschoß und an den Fenstern, kurz allerorten.
»Das ist für den Schein«, rief Planchard. »O ihr Herren Russen, ein Pariser Kind betrügt man so leicht nicht – ich witterte hinter den Stapeln sogleich die kostbare Beute!«
»Paris soll leben! Planchard soll leben!«
Wie die wilde Jagd wälzten sich immer größere Massen den ersten nach; auch unsere Freunde sahen einander an. »Sollen wir mitgehen?«
»Ich denke es! Man muß doch essen.«
»Aber erst tragen wir den Verwundeten in das Haus!«
»Da kommen schon Leute und holen ihn!«
Mehrere weinende Frauen und Kinder traten scheuen Blickes auf die Straße hinaus, laut jammernd, als sie den blutüberströmten Mann sahen, dann faßten sie ihn sorgfältig und trugen mit vereinten Kräften den Bewußtlosen in das Haus. Eine Greisin mit schneeweißem Haar, wahrscheinlich seine Mutter, hob wie in Verzweiflung beide Arme gen Himmel; mehrere jüngere Mädchen führten sie weinend und schluchzend die Treppen hinauf.
»Schrecklich!« sagte Onnen. »O Gott – es ist schrecklich!«
»Laßt uns nur vorläufig sehen, etwas Fleisch und Brot zu erlangen. Kommt! Kommt!« Sie folgten den Vorausgegangenen und fanden eine Szene voll wilden Übermutes. In dem großen Holzspeicher lagen Lebensmittel für Tausende; die kleine Stadt hatte sich verproviantiert, um unter den Bedrängnissen des Krieges wenigstens nicht hungern zu müssen, und da sie die Waren nicht verteidigen konnte, dieselben versteckt. Der ganze große Raum war ausgefüllt mit Mehl, Fleisch, Speck, Wurst und Tee, außerdem fanden sich Berge von Hülsenfrüchten und Reis, sowie Fässer mit Wein und Branntwein.
Letztere wurden auf den Hof hinausgewälzt und ihnen der Boden eingeschlagen. Die verwegensten Rädelsführer drangen durch die Hintertür in das Haus und plünderten die Küche; aus Schüsseln, Tassen, Töpfen und selbst Eimern wurde der Branntwein an Ort und Stelle getrunken, so daß bald alles taumelte.
»Wo sind aber die Sitzplätze?« rief eine Stimme. »Das Stehen habe ich satt!«
»Die Russen haben keine Stühle!«
»Bah, das sind nur die Bauern – ihr sollt sehen, daß ich Stühle finde.«
»Aber hüte dich, Planchard, hüte dich, Oberst Jouffrin spaßt nicht, wie du weißt! Wir dürfen den Einwohnern kein Leid zufügen!«
Der Pariser schlug ein Schnippchen. Kecklich das Haus betretend, dessen Gebieter er vor wenigen Minuten tödlich verwundet hatte, erschien er bald darauf an den Fenstern und klatschte in die Hände. »Aufgepaßt! Ihr da unten.«
»Halloh! Halloh! – Her mit den Schätzen!«
Ein großer bunter Teppich flog herab, Bettstücke, Pelze, Mäntel und Decken, nützliche und unbrauchbare Gegenstände, Frauenmützen, Handschuhe und Lampenschleier, alles mit Jubel begrüßt und sogleich verwendet. Planchard schüttete einen förmlichen Regen von Kleinigkeiten aus den Fenstern, und als sich dann nichts mehr vorfand, erschien er mit einem Sessel in jeder Hand auf dem Hofe. Zwölf andere folgten nach, endlich ein Sofa und einige Bänke, aber der Bedarf konnte dadurch nicht gedeckt werden, und so beschloß man, zum Platze vor der Kirche überzusiedeln. Dort lag Stroh zu Bergen geschichtet; für die Bequemlichkeit der Soldaten war gesorgt, also mußte möglichst viel Proviant zur Stelle geschafft werden.
»Silence!« rief Planchard. »Tambour, einen Wirbel!«
Die Trommel rasselte; der Pariser, eine bänderreiche Haube auf dem Kopfe und einen Teppich wie einen Fürstenmantel um die Schultern geschlagen – der kecke, nicht mehr ganz nüchterne Pariser schwang als Kommandostab einen riesigen Kochlöffel.
»Avantgarde vor! – Ihr mit den Sesseln!«
Vierzehn Soldaten traten an, jeder einen Stuhl auf dem Kopfe, dann tönte Planchards Stimme zum zweitenmal und so fort, bis der ganze Zug aufgestellt war. Fleisch, Tee, Zucker, Branntwein und Brot, alles wurde fortgeschleppt.
»Vorwärts marsch!«
Trommler und Pfeifer voran, so bewegte sich die Schar, bunt geschmückt wie Harlekine, zum Torweg hinaus. Eine Wache blieb bei den Schätzen im Speicher, ein Bote an den Obersten wurde abgeschickt, um ihm von dem kostbaren Funde Meldung zu machen, und fort ging es, dem Kirchplatz entgegen.
Als Planchard die vordere Straße erreicht hatte, öffnete sich die Haustür und auf der Schwelle erschien jene alte Frau, welche vorhin ihrem Kummer in so rührender Weise Ausdruck verlieh; sie stieg die Stufen hinab und trat den Soldaten entgegen. »Komm«, sagte sie leise, Planchards Arm berührend, »komm, ich will dir etwas zeigen!«
Er grüßte militärisch, halb betrunken und von dem wilden Taumel des Tages fortgerissen. »Madame«, sagte er, »der Pariser vergißt nie die Höflichkeit gegen Frauen: Womit kann ich Ihnen dienen?«
»Du sollst mir folgen, das ist alles!«
Eine Handbewegung forderte die Soldaten auf, mitzugehen. »Aber ohne Musik, Kinder! Respekt vor den Damen!«
Er stieg, die bunten Falten des Teppichs hinter sich herschleppend, mit stolzen Schritten die Treppe hinauf und betrat dann, geführt von der alten Frau, ein Zimmer im Erdgeschoß, wo mehrere Personen weinend ein Bett umstanden. Auf demselben lag der Mann, den die Faust des Parisers vorhin getroffen, mit klaffender Wunde an der Schläfe, offenen Auges, von Blut überrieselt – tot.
»Sieh dahin, Franzose«, sagte die alte Dame, indem sie ihre Hand gegen den Mörder erhob. »Sieh dahin! Der, den du erschlugst, war mein einziger Sohn; der Ernährer einer großen Familie, der Freund und Beschützer aller Armen im Orte. Du hast ihn den Seinigen geraubt, wie dein Kaiser Land um Land an sich reißt, wie er Volk nach Volk ins Elend stürzt! Geh, vor Gottes Thron werden wir einander wiedersehn!«
Die Anwesenden weinten sämtlich; still in der Ruhe des Todes lag der Erschlagene. Man hörte in dem großen düsteren Zimmer nur das Schluchzen der Frauen und Kinder, sonst keinen Laut.
Planchard wich zurück; unter der bunten Haube war er leichenblaß geworden. »Ein Toter«, stammelte er, »was glotzt denn der? was will er von mir?«
Mit geschicktem Griff eine Tischdecke erfassend, warf er sie über das Gesicht des Ermordeten und atmete dann tief auf. »Er soll mich nicht ansehen, er soll es nicht! – Einen Wirbel, Tambour! Tüchtig, tüchtig!«
Und dann entfernte er sich, immer den Blick fest auf die Leiche gerichtet. »Mehr Lärm!« rief er beinahe kreischend, »mehr Lärm!«
Trommel und Pfeife taten ihr Bestes, aber doch war die frühere Ausgelassenheit dahin. Der seltsame Zug, beladen mit allen möglichen Gegenständen des Alltagsgebrauches, bewegte sich gegen die Kirche und sein Führer schritt mit Kochlöffel und Teppich voran, aber das weiße, von Entsetzen zeugende Gesicht paßte wenig zu dem possenhaften Aufzuge, es war verzerrt und farblos – eine Totenmaske.
Unsere drei Ostfriesen sahen den Franzosen nach. Sie hatten sich an Brot und Fleisch satt gegessen, weil es eben nicht anders ging, den angebotenen Branntwein aber ausgeschlagen und nun wandten sie sich einer anderen Richtung zu, um nicht etwa in den breiten Strom der Roheit mit hineingerissen zu werden. Alle drei fühlten sich von dem wüsten Treiben durchaus abgestoßen.
»Wo der Schuft, der Adam Witt stecken mag?« meinte Onnen. »Ich habe ihn während des ganzen Tages noch nicht gesehen!«
»Er plündert natürlich auf eigene Faust. Um sich zu betrinken ist er nicht einfältig genug.«
Onnen seufzte. »Und in dieser Weise soll es nun fortgehen, bis wir mit den Russen zusammentreffen? Immer Raub und Plünderung, wohin wir kommen?«
Feiko lächelte spöttisch. »Später, wenn erst Fürsten und Generale unsere Höchstkommandierenden sind, dann wird das alles anders«, versetzte er, »die Sache bekommt dabei einen höchst geschäftsmäßigen Namen, sie heißt ›Kontribution‹ und hat eine gewaltige Amtsmiene. Kein Soldat darf ohne Befehl auch nur einen Strohhalm nehmen, aber – die Einwohner verlieren das ihrige ganz so wie hier, wo eine Räuberbande in der Stadt haust.«
»Da sehe ich eine grüne Wiese«, rief Georg Wessel, »ach, und auch ein Gewässer! Wenn ein Boot zu finden wäre!«
»Laßt uns einstweilen suchen!«
Sie gingen durch hohes üppiges Gras, zwischen dem bunte Sommerblumen auf langen Stielen blühten. Es duftete nach frischem Heu, über das Wasser kam ein angenehm kühler Hauch; hier, eine Stunde von der eigentlichen Stadt entfernt, atmete alles jene Ruhe und Stille, jene friedevolle Reinheit der Natur, die das Herz unter allem Weh des Lebens so angenehm, so tröstlich berührt Nichts erinnerte an Krieg und Hader, an das rohe Toben einer aus den schlimmsten Elementen zusammengesetzten Rotte von Abenteurern; in den Gebüschen sangen Vogelstimmen, Feldhühner huschten durch die Wipfel, ein Hase sprang dicht an den Füßen der jungen Leute auf und eilte in langen Sätzen dem Dickicht zu.
Schnell wie der Gedanke riß Feiko das Gewehr von der Schulter und zielte. Lang widerhallend donnerte der Schuß, dann schlug Lampe einen Purzelbaum und ward nicht mehr gesehen – einige Minuten später hielt Onnen die Jagdbeute triumphierend empor.
»Hurra!« rief er, »ein Braten, den wir ehrlich erworben haben!«
»Vielleicht kommt noch ein Stück zum Schuß – laßt uns das Revier vollständig abstreifen!«
Sie drangen zuerst durch weite Strecken hohen Grases und dann über eine frischgemähte Fläche, auf der das Gras in Schwaden lag, aber kein Hase ließ sich sehen. Es war alles ringsumher kirchenstill.
Plötzlich blieb der vorausstürmende Onnen zwischen den Schwaden stehen. »Was ist das?« rief er, »hier liegt ein kleines Kind!«
Die beiden anderen kamen hinzu und alle drei sahen einen Säugling, der auf einem ausgebreiteten Tuche ahnungslos schlief und das eine seiner purpurroten Fäustchen auf den Mund gepreßt hielt. Kein lebendes Wesen schien in der Nähe.
»Wahrhaftig ein junger Russe!« rief Feiko. »Können wir ihn so allein hier in der Wildnis seinem Schicksal überlassen?«
»Ach, jetzt schlägt es die Augen auf!« rief ganz entzückt der Knabe. »Ein hübsches Kind! – wollen wir es nicht in das nächste Haus tragen?«
»Ja, ja, das kleine Wesen scheint durstig. Sieh doch, es fährt immer mit dem offenen Mündchen umher und sucht!«
Onnen bückte sich, um das Kind vom Boden aufzuheben, als plötzlich eine junge Frau aus dem nächsten Gebüsch hervorsprang und das kleine Geschöpf an sich riß. Sie war sehr rot, ihre sonnenbraunen Arme hielten das Kind fest umfaßt, die Augen blitzten scheu und trotzig zugleich. Was sie eilig hervorsprudelte, das verstand von den Deutschen natürlich keiner.
Hinter der Frau erschienen am Waldsaum mehrere Männer mit Sensen und Knitteln bewaffnet; sie verwandten von den Soldaten keinen Blick, ohne jedoch vorzurücken. Eine düstere Entschlossenheit malte sich in ihren bärtigen Gesichtern. Feiko streckte die Hand aus. »Guten Tag, Leute!« rief er.
Niemand antwortete.
Dann streichelte er das kleine Kind und sah dabei zu den Männern hinüber. »Wir führen nichts Böses im Schilde, ihr Leute! Gut Freund!«
Die Männer sprachen miteinander, dann lief einer von ihnen in den dichteren Wald hinein und kam gleich darauf mit einem anderen zurück. Dieser letztere war jung und besser gekleidet als alle übrigen; er sah aus wie ein Pächter oder Verwalter; in seiner Hand lag eine doppelläufige Pistole.
»Sind die Herren Deutsche?« fragte er in dieser Sprache. »Die Bauern glauben es.«
»Hurra!« rief Georg Wessel. »Ein Landsmann! Von welcher Gegend, Freund?«
Der Verwalter lächelte. »Ich selbst bin aus dieser Provinz gebürtig«, versetzte er, »aber meine Eltern waren Hannoveraner.«
»Daß dich! Dann sind wir so gut wie benachbart, befreundet, stammverwandt! – Sagen Sie den guten Leuten, daß wir nichts Schlimmes beabsichtigen, Herr —«
»Hildebrandt!« lächelte der Verwalter. »Ich habe es schon getan, ihr Herren. Aber jetzt ist vielleicht ein kleiner Imbiß gefällig, nicht wahr? Wir hausen im Walde, wie Sie wissen müssen, aus Furcht vor den Truppen des französischen Kaisers.«
»Die sich wenigstens auf uns nicht zu erstrecken braucht, Herr Hildebrandt! Sie sind gewiß ein Gutsbesitzer oder dergleichen.«
»Nur der Verwalter eines solchen. Mein Gebieter, Fürst Woronzoff, hat es vorgezogen, den Drangsalen des Krieges aus dem Wege zu gehen; er lebt in der Schweiz, während ich sein Gut bewirtschafte. Diese Bauern sind Leibeigene.«
»O die Armen!« rief Onnen. »Der Fürst kann mit ihnen machen, was er will?«
»Nicht ganz, aber doch beinahe. Kommen Sie indessen jetzt mit mir; ich möchte Ihnen eine kleine Erfrischung vorsetzen lassen.«
Er führte seine unerwarteten Gäste in den Schatten des Waldes, wo ein großes Zelt, geschieden nur durch Querwände, die zeitweilige Wohnstätte der Leibeigenen bildete. Hie und da in Dickichten versteckt standen große Rinderherden, während alle Pferde, bis auf die zur Landwirtschaft unentbehrlichen, rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden waren.
Sechzehn Männer und ebensoviele Frauen besorgten gegenwärtig die Heuernte, aber nirgends sah man einen Wagen oder ein Gespann, und doch waren schon weitgedehnte Strecken am Flusse abgemäht. »Wo bleiben denn die ungeheuren Vorräte?« fragte Feiko.»Werden sie auch versteckt?«
»Natürlich«, lächelte Herr Hildebrandt. »Später will ich Ihnen das alles zeigen.«
Er befahl einer Frau, den Hasen zu braten, während er vorerst eine Flasche Wein herbeibrachte und sich bis zur Tafel mit den fremden Gästen unterhielt. »Ich selbst bin ein freier Mann«, sagte er, »aber die Bauern, welche Sie hier sehen, sind das Eigentum des Fürsten. Ihnen gehört nichts, sie können nur auf Befehl kommen und gehen und sogar auch verkauft werden, freilich nur mit der Scholle, auf der sie leben, ohne dieselbe nicht. Mann und Frau, Eltern und Kinder müssen immer beieinander bleiben, doch kann ihr Besitzer die Familie hinschicken, wohin es ihm beliebt, sie vermieten, verleihen und bestrafen lassen – je nach Laune.«
»Schrecklich! – Abscheulich!«
»Bei einem gewissenlosen Herrn, ja. Unsere Leute haben es besser als so mancher freie Arbeiter in anderen Ländern.«
»Wozu Sie gewiß nicht wenig beitragen, Herr Hildebrandt! – Auf Ihr Wohlsein.«
Die Gläser klangen aneinander, dann kam der Hase mit verschiedenen Nebengerichten, Obst und Käse, nebst einer zweiten Flasche. Gesund aussehende Kinder umspielten das Zelt, Bienen summten in der warmen Luft und Blumen bedeckten den Boden; fernher durch das Grün schimmerten sonnenbeleuchtet die weißen Mauern des Schlosses.
»Hatten Sie schon französischen Besuch, Herr Hildebrandt?« fragte Feiko.
»Nein, bis jetzt nicht. Die Stadt schützt uns gegen eine Überrumpelung, aber für morgen vormittag ist der Kastellan des Schlosses zum Obersten beschieden worden; es handelt sich also jedenfalls um eine Kontribution.«
»Das ist höchst wahrscheinlich. Oberst Jouffrin hat eine kleine Schwäche für gemünztes Metall, wie wir mit gutem Gewissen behaupten können.«
Der Verwalter lachte. »Bei uns wird er nichts erlangen, es ist alles über die Grenze geschafft, selbst die besseren Möbel und das Inventar der Landwirtschaft.«
»Aber jetzt«, fügte er hinzu, »will ich Ihnen das Heu zeigen. Unser Viehstand müßte im Winter zugrunde gehen, wenn wir es verlören, daher die besondere Sorgfalt.«
Er führte seine Gäste durch das schattige Holz bis an eine Bucht, wo der Fluß tief in das Land hineindrang und beinahe einem kleinen See glich. Wald und Wasser berührten einander, Binsen von Manneshöhe schaukelten im Wind, weiße und gelbe Wasserrosen bedeckten die Oberfläche, auf der Hunderte und aber Hunderte von Möwen ihre schrillen Stimmen ertönen ließen.
Das Seltsamste dieses ganzen anmutigen Bildes war indessen ein Schiff, oder vielmehr ein schwimmendes hölzernes Haus von wahrhaft unglaublicher Ausdehnung, eine Riesenarche mit einem Dache und vier Säulen, die dasselbe trugen. Plump und viereckig, ohne Kiel, spottete es in seiner Kastenform aller Gesetze der Schiffsbaukunst, wie denn auch nicht etwa ein Anker es auf seinem Platze festhielt, sondern lange Seile, welche an die stärksten Uferweiden geknüpft waren.
Hölzerne Stege führten vom Bord dieses sonderbaren Baues zum Lande und sechs bis zehn Leibeigene waren beschäftigt, das duftende Winterfutter in großen runden Bündeln auf ihren Köpfen einzuheimsen. Frauen trugen es von den Wiesen herbei, während Männer mit Heugabeln es sorgfältig aufschichteten.
»Das ist unser Versteck«, lächelte Herr Hildebrandt. »Wir haben alle Boote anderweitig untergebracht, die Herren Franzosen können also, selbst wenn sie diese Bucht überhaupt finden sollten, doch das Heu nicht erlangen, denn an Wagen fehlt es hier ebensosehr wie an Landstraßen.«
