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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 18
Er überlegte. Das Kriegsrecht ist nur das des Stärkeren, weiter nichts; wer gab den Mönchen, der sonstigen Bevölkerung gegenüber, ein besonderes Vorrecht?
Die Rubel und Kopeken klirrten, da lagen Pfunde edlen Metalles, Berge von Gold und Silber. Das Kloster mußte unermeßliche Reichtümer besitzen.
Der Oberst atmete schneller. Er wollte doch nicht abziehen, ohne von dem Prior eine Kontribution verlangt zu haben; vielleicht ließ sich die Sache machen.
Ausgeschickte Spione waren an diesem Tage zu ihm zurückgekehrt und hatten berichtet, daß die französische Armee siegreich bei Witebsk stehe, daß ungeheure Massen russischen Fußvolkes in der Nähe seien – es galt, rechtzeitig diesen gefährlichen Punkt zu verlassen und zur Hauptarmee nach Witebsk zu gelangen; er durfte keine Zeit verlieren.
Das Geld auf dem Tische verwirrte seine Begriffe; er wollte, er mußte es um jeden Preis den Mönchen entreißen.
Der letzte Bauer hatte sein Scherflein gespendet, die Lichter erloschen und im Mondschein entwickelte sich auf dem Hofe eine belebte Szene. Die Bauern bereiteten ihr Nachtlager; sie wollten erst am anderen Morgen den Rückweg antreten.
Der Oberst hätte am liebsten diese Leute, wenn es nur irgend möglich gewesen wäre, durch einen einzigen haßerfüllten Blick getötet.
Er ging hinaus, um die Vorposten zu inspizieren. »Nichts gesehen oder gehört, Guichard?« fragte er einen auf einer Hügelspitze stehenden Soldaten.
Der Mann salutierte. »Zu Befehl, Herr Oberst – ich sah einen Reiter, der in gestrecktem Galopp während des Gottesdienstes den Klostergarten verließ.«
»In welcher Richtung?« fragte hastig der Oberst.
»Dort hinaus, Herr Oberst!«
»Hm – nun, es ist gut, mein Junge, du sprichst von der Sache sonst mit keinem Menschen, hörst du?«
»Zu Befehl, mon colonel!«
Die sämtlichen aus Ostfriesland und Bremen gepreßten Mannschaften mußten antreten und wurden einzeln aufgerufen; der Oberst wiederholte nachdrücklich, daß sie zu den Vorpostendiensten nicht verwendet werden dürften, dann gab er den Befehl, jeden, der es etwa wagen werde, sich über die streng gezogene Linie hinauszubegeben, ohne Verzug und ohne Gnade auf dem Fleck niederzuschießen.
Nach allen diesen Anordnungen ging er zum Kloster zurück. Die Mönche führten in ihren Kellern vorzügliche Marken und er war ein Liebhaber derselben.
Die Nacht verfloß ohne Störung. Mit dem ersten Tagesschein stand der Oberst schon an seinem Fenster und sah auf den Hof hinaus; die Bauern fütterten ihre Pferde, oder schliefen gar noch – sie schienen bis jetzt nicht an den Aufbruch zu denken. Vom Dorfe her kam eilenden Schrittes ein Unteroffizier und klopfte an das vordere Tor, dann suchte er einen Klingelzug, er klatschte in die Hände und rief, sein Gesicht war sehr rot, sehr unruhig.
Der Oberst riß das Fenster auf. »Roquette!« rief er, »ich bin hier!«
Der Mann ließ sich kaum Zeit zum Gruße. »Herr Oberst«, tönte gedämpft und in französischer Sprache seine Stimme. »Herr Oberst – der Feind.«
»Was sagst du?«
»Der Feind! Eine Abteilung russischer Soldaten!«
Einen Augenblick schien selbst dieser keine Furcht kennende Mann wie betäubt, dann zwang er sich gewaltsam zur Ruhe und winkte dem Unglücksboten mit der Hand.
»Antreten lassen, Roquette! Ohne Trommeln! Sogleich.«
Der Unteroffizier salutierte. »Ist bereits geschehen, Herr Oberst Die Deutschen stehen in der innersten Mitte.«
»Ah – sehr gut, Roquette. Im Geschwindschritt hierher!«
Der Unteroffizier verschwand.
Oberst Jouffrin blieb am Fenster stehen und sah gedankenlos hinab auf die schlaftrunkenen Bauern. Hatte man sie zur Verteidigung der Klosterschätze hier behalten?«
Und jener Reiter, den Guichard gesehen – sicherlich war er ein Bote der bedrängten Mönche an irgendeinen russischen General. Es konnte nach langer Pause an diesem Morgen einmal wieder bitterer Ernst werden mit dem Kriegsspiel.
Er dachte an Deutschland und an die schönen Tage der Freiheit und Zügellosigkeit, in denen er dort geschwelgt. Hier war das alles weit schwieriger, weit gefährlicher.
Dann schlich er den langen gewölbten Korridor vor seinem Zimmer hinab und spähte am Ende desselben aus einem Fenster, das nach der Richtung des Dorfes hinausführte.
Im Morgengrau zeigte sich ihm eine Abteilung russischer Infanterie ohne Geschütz; es war ein Häuflein, vielleicht einige hundert Mann, halb so viele Soldaten, wie er selbst befehligte – ein Frohlocken zuckte durch seine Seele.
Mochten sie kommen! dann brachte er außer der Beute noch eine Siegesbotschaft mit in das Hauptquartier des Kaisers.
Drüben erklang ein Hornsignal; die Kolonne setzte sich in Bewegung.
Der Oberst flog zurück zu seinem Zimmer, das Regiment stand fast unter den Mauern des Klosters, dessen Pforte immer noch verschlossen war. Mehrere Mönche sprachen lebhaft mit den Bauern, die in einer Gruppe zusammenstanden. Sie schienen dem, was die Geistlichen ihnen sagten, ohne Rückhalt beizustimmen.
Der Oberst ging die Treppen hinab und bat einen im Gange stehenden dienenden Bruder, ihn schleunigst dem Prälaten zu melden.
Der Mönch öffnete die Tür des Sprechzimmers, ließ den Offizier eintreten und entfernte sich dann, um den erhaltenen Auftrag auszurichten. Kaum eine Minute später betrat von der entgegengesetzten Seite her der Kirchenfürst das Gemach. Beide Würdenträger, der kirchliche und der militärische, begrüßten einander äußerst förmlich, beide waren blaß und ihre Augen glänzten stärker. »Hochwürdigster Herr«, begann der Franzose, »ich komme, um mich zu verabschieden und zugleich im Namen des ganzen Regimentes für die erhaltene gastfreie Aufnahme zu danken. Es erübrigt jetzt nur noch diejenige bare Kontribution, welche ich im Namen Seiner Majestät des Kaisers zu fordern leider beauftragt bin. Schätzen wir etwa das reiche Kloster auf einmalhunderttausend Rubel! Das wird, wie ich glaube, ein mäßiger Ansatz sein.«
Der Prior verbeugte sich kühl. »In welchem Verhältnis diese Summe zu den Einkünften des Klosters steht, darüber zu streiten, wäre müßig, Herr Oberst – ich bezahle von der sogenannten Kontribution nicht eine einzige Kopeke.«
»Ah – das ist Ihr unwiderruflicher Entschluß, Hochwürdigster Herr?«
»Völlig unwiderruflich, ja.«
»Gut. Ich sehe mich in diesem Falle genötigt, das Geld zwangsweise beizutreiben. Meine Leute stehen vor der Pforte des Klosters.«
Er ging mit hallenden Schritten hinaus zu den Offizieren, welche ihn im Hofe schon erwarteten. Bereits innerhalb der heiligen Mauern entspann sich ein Handgemenge zwischen mehreren Franzosen und dem plötzlich überrumpelten Bruder Pförtner, dem der Schlüssel gewaltsam entrissen wurde. Einer der Leutnants erkannte ihn zufällig, vereinte Kräfte überwältigten spielend seinen Widerstand und das Tor flog auf.
Mehrere Bauern, die sich mit Peitschen, Messern und Stöcken den Franzosen entgegenwarfen, wurden durch die Degen der Offiziere verwundet; es floß schon Blut, ehe noch ein Befehl erfolgt war.
Die Russen kamen im Laufschritt, empfangen von einem Kugelregen der Franzosen. Ihre weit schlechteren Schießwaffen antworteten nur ungenügend, zehn oder zwölf Franzosen stürzten, während wenigstens sechzig Russen gefallen waren. Mit lautem Siegesjubel ergoß sich der Strom der Angreifer in den Klosterhof.
»Vorwärts, meine Jungen!« rief der Oberst. »Mir nach!«
Er stürmte dem Gebäude zu, wild die geschlossenen Glieder der Bauern durchbrechend; ein allgemeines Getümmel, ein Durcheinander von Soldaten wogte überall. Draußen kämpften die russischen Infantristen mit der Nachhut der Franzosen, drinnen der Vortrab derselben mit den erbitterten Bauern.
Trommeln und Hörner gaben ihre schallenden, schmetternden Signale, Blut floß in Strömen, Kampfrufe und Todesröcheln mischten sich im schauerlichen Verein. Immer weiter und weiter rückten die Franzosen vor.
»Nehmt das Kloster, meine Jungen, nehmt es! Ihr sollt den Löwenanteil der Beute erhalten!«
Der Bau war umzingelt; mit den Kolben ihrer Büchsen zerschlugen die Franzosen eine Seitentür, um von dort in die Sakristei einzudringen und an dem vorderen Hauptportal den Bauern, welche dasselbe besetzt hielten, in den Rücken zu fallen.
Schon wankte das eiserne Tor, als sich plötzlich die Szene in unerwarteter Weise veränderte.
Ein donnerndes Krachen erfüllte die Luft, eine Kanonenkugel schlug zischend in die Reihen der stürmenden Franzosen und ließ hinter sich eine breite blutrote Spur zurück. Oberst Jouffrin taumelte – was war das?
Ein zweiter Schuß folgte dem ersten – durch den Klostergarten nahten russische Soldaten in unübersehbarer Menge.
»Verrat!« rief der Oberst. »Zurück! Zurück!«
Schuß folgte auf Schuß, die Kirchtür sprang plötzlich auf und auch von innen heraus drangen russische Bajonette. In regelloser Flucht suchten die Franzosen den Ausgang.
Eine kleine Pforte in der Umfassungsmauer öffnete sich, die russischen Infantristen wurden hineingelassen und dann der Querbalken wieder vorgelegt – tiefe Stille folgte auf das eben noch so laute, erbitterte Toben.
Welch einen Anblick bot die Straße! Russen und Franzosen, Tote und Sterbende lagen untereinander, Blut sickerte durch den ausgedörrten Sand, Wehklagen erfüllte die Luft. Die Bauern hatten das große Tor verrammelt, kein Feind war mehr zu sehen, kein Schuß zu hören.
Der Oberst blutete aus einer tiefen Schramme an der Stirn. Die russische Kanonenkugel hatte einen Stein aus dem Sand des Klosterhofes aufgewirbelt und dieser traf ihn, als er eben den Sieg in der Hand zu halten glaubte. Die roten Tropfen rannen einzeln und schwer über sein todbleiches Gesicht.
Drinnen tönte das Sterbeglöckchen. Der Gesang der Klosterbrüder, feierlich und gehalten, drang durch die stille Morgenluft deutlich herüber zu den Soldaten – er ließ sie schauern, ließ die Herzen höher schlagen.
Viele, viele, die vor einer kurzen Stunde noch lachend und lebensfroh in ihrer Mitte standen, viele junge kräftige Männer waren nun dahin auf immer, starr und tot lagen ihre Leichen, von den frommen Klosterbrüdern in die Kirche getragen, um morgen schon unter den uralten Bäumen tief hinten im Garten zur ewigen Ruhe gebettet zu werden.
Ein paar Schaufeln voll Erde, ein Gebet und eine Seelenmesse – dann war alles vorüber, ein neues Grab zur Reihe der früheren gekommen, ein junges Leben geknickt und vielleicht daheim in Frankreich oder Deutschland ein Mutterherz gebrochen in tiefem, unnennbarem Weh.
Eisern fallen die Würfel.
»Uns bleibt keine Zeit«, sagte, sich aufraffend, der Oberst. »Laßt die Toten und Verwundeten auf die Wagen bringen! – Mein Pferd her!«
Seine Befehle wurden schleunigst ausgeführt, aber als man auch die russischen Verwundeten mit aufpacken wollte, da schüttelte er den Kopf. »Wir haben keine Zeit, die barmherzigen Samariter zu spielen – laßt sie liegen. Ihre Genossen mögen ihnen helfen.«
Dann war alles zum Weitermarsche bereit. Im glühenden Sonnenbrande zog das Regiment des Weges, schweigend und unruhig. Kundschafter ritten voraus, jeden Augenblick kamen und gingen Ordonnanzen; es galt, die Straße des großen russischen Heereszuges zu vermeiden.
»Morgen abend haben wir die Armee erreicht«, tröstete der Oberst. »Den Kopf hoch, Kinder! Frankreichs Sterne können nicht untergehen!«
Aber der Ruf, welcher seinen Worten folgte, klang matt und vereinzelt; ein abergläubischer Schrecken hatte sich der Herzen bemächtigt, nur die Deutschen frohlockten im Herzen – Feiko Hansen pfiff immer vor sich hin.
»Es wird noch alles gut, Vetter«, sagte er zuversichtlich. »Von uns ist kein einziger tot oder verwundet.«
»Weil wir immer in der Mitte marschieren.«
»Das ist ja gut. Hier können wir doch nicht flüchten; dazu muß erst eine große Stadt erreicht sein, Winkelgassen, käufliche Menschen, irgendwelche Verhältnisse, in denen anderes zu Gebote steht als nur Felder und Moräste.«
»Sieh«, fügte er hinzu, »es kommt wieder eine Ordonnanz!«
Ein Reiter sprengte heran und überbrachte dem Obersten eine Meldung, aber diesmal eine gute, wie es schien. »Kinder«, rief der Offizier, »wir haben nun das Ärgste ertragen! Die russische Armee ist vorübergezogen – gestern schon. In Witebsk lagert unser Kaiser!«
»Dann war auch jede Anordnung der Mönche schlau berechnet!« flüsterte Onnen. »Sie erbaten sich Schutz bei der unfern die Straße kreuzenden Armee und behielten sämtliche Offiziere hinter den Mauern des Klosters, um sie von uns abzuschneiden. Hätte der Oberst kein Lösegeld verlangt, so wäre nichts geschehen.«
»Und hätte er den Russen Stand gehalten, so wären wir bis auf den letzten Mann vernichtet worden!«
»Das sah er wohl, der Schlauberger! In solchen Fällen heißt dann das Reißausnehmen die Taktik des gewiegten Feldherrn.«
Feiko lachte. »Vorläufig möchte ich ausruhen«, sagte er, »und zwar im Schatten, in der Nähe einer Quelle. Wir marschieren nun seit sechs Stunden!«
»Und hier ist der Weg, den die russischen Heeresmassen genommen haben!«
Eine breite, zerstampfte und zerfahrene Straße zog sich von links nach rechts vor den Franzosen dahin, Hufspuren und Geleise bedeckten den Boden, allerlei fahrendes Gesindel, wie man es im Rücken jeder großen Armee findet, Vagabunden, zerlumpte Weiber, Zigeuner und Plünderer trieben sich zwecklos auf dem Wege umher. Lüsterne Augen blickten auf die Gepäckwagen, dreiste Räuber fragten sich, ob der Angriff möglich sei.
Berittene Soldaten sprengten unschwer den Haufen von Spitzbuben und Lungerern auseinander; in den Reihen der Nationalgarde war so mancher, der irgendeinen Klepper besaß, und diesen ließ man mitreiten wie die andern mitliefen – Oberst Jouffrin benutzte das Häuflein Kavallerie gewöhnlich zu allerlei Botendiensten.
Auch jetzt kam wieder einer gesprengt und hatte in der Nähe ein Dorf entdeckt, armselige Holzhütten mit windschiefen Giebeln und blinden Fenstern. »Es sieht da schlecht genug aus, Herr Oberst, kein Stück Vieh steht in den Ställen, kein Baum, keine Blume bei den Häusern, aber am Wege springt ein lustiger Quell.«
Der Oberst nickte ingrimmig. »Wir müssen die Toten begraben«, sagte er. »Einen Gottesacker wird doch das Nest hoffentlich besitzen?«
»Ja, Herr Oberst!«
»Nun gut, dann führen Sie das Regiment, Scharkoff!«
Der junge Nationalgardist lenkte sein fragwürdiges Roß an die Spitze des Zuges und dieser bog ein wenig nach links in eine Niederung, die von elenden Hütten bedeckt war. Ein Schindeldach schmückte das Kirchlein aus Feldsteinen, ein Heiligenbild mit greulich verzerrten Zügen, plump aus Holz geschnitzt, hing unter einem Wetterdache am Eingang des Dorfes, und vor den Wohnungen im Schmutze wälzten sich magere, halbverhungerte Schweine – Menschen waren vorläufig nicht zu entdecken.
Erst als sich die Franzosen näherten, erschien hier oder dort hinter den Scheiben ein Gesicht, huschte jemand von Hütte zu Hütte, oder bildeten sich Gruppen auf den Straßen. Man deutete auf die Soldaten und sprach lebhaft miteinander.
»Du«, sagte Onnen, »es sieht aus, als würden wir äußerst freudig empfangen!«
»Dasselbe dachte auch ich, aber – wie wäre es nur möglich?«
Das Rätsel sollte sich sehr bald lösen. Ein ganzer Menschenhaufen, Männer und Frauen, kam dem Obersten entgegen; alle sprachen zugleich, alle schienen um irgendeine Vergünstigung zu bitten, eine Klage anbringen zu wollen. Es entstand ein Getöse, dem erst die Trommel Halt gebieten mußte.
»Kommen Sie her, Scharkoff!« rief der Oberst. »Was wollen diese Leute?«
Der Nationalgardist mit seinem phantastischen Anzuge und den langen, höchst unsoldatisch flatternden Haaren ritt herbei, um den Dolmetscher zu spielen. Weinende Frauen, erbitterte Männer umringten sein Tier – stolz wie ein Spanier saß er mit der Hand in der Hüfte und ließ sich erzählen, was die Gemüter so sehr aufregte.
Eine Schar von Nachzüglern des russischen Heeres, Marodeurs der schlimmsten Art, hatten sich in den Dorfhütten festgesetzt, alle Lebensmittel an sich genommen und die Bewohner einfach zur Tür hinausgeworfen. Jedes Haus beherbergte sechs bis zehn dieser Unholde, während dagegen die rechtmäßigen Eigentümer vollkommen heimatlos geworden waren.
Scharkoff übersetzte und der Oberst war wütend. »Da sollen wir uns also mit Dieben und Zigeunern herumbalgen? – Wahrhaftig eine nette Aussicht!«
»Nun, Kinder«, setzte er dann hinzu, »macht es rasch. Gesunde und Kranke müssen in diesem Sonnenbrand zugrunde gehen.«
Der Zug näherte sich dem Dorfe, und nun begann bei der ersten Hütte die »Austreibung der bösen Geister«, wie Scharkoff sagte. Zwölf bis zwanzig Soldaten drangen mit gefälltem Bajonett in die Tür, deren Bretterverkleidung häufig erst mit dem Kolben eingeschlagen werden mußte, und schoben ohne Umstände das Gesindel hinaus. Ihre wenigen Lumpen oder Kochgeschirre warf man ihnen nach, die Widersetzlichen erhielten Püffe und Schläge, die schimpfenden Weiber wurden ausgelacht und dann der ganze Trupp von dem Kavalleriehäuflein des Regimentes aus dem Dorfe geführt. Zigeuner in Menge, Bettelmusikanten, Scherenschleifer, Wahrsagerinnen und Kesselflicker, alles stob vor den nachrückenden Pferden auseinander und war verjagt, ehe wenige Viertelstunden dahingingen. Dann kam ein ernsteres, trauriges Geschäft – man mußte seine Toten beerdigen, den wimmernden, ächzenden Kranken Linderung gewähren.
Schonend wurden die Leichen verhüllten Antlitzes in die Kirche getragen und dort niedergelegt, bis das große gemeinschaftliche Grab ausgeworfen war, die Verwundeten dagegen der Obhut der Frauen übergeben. Selbst arm und ohne Hilfsmittel, versorgten die dankbaren Bäuerinnen dennoch in dem einsamen nordischen Dorfe die Söhne Frankreichs, so gut es eben ging; ja, der Oberst wurde sogar gebeten, doch noch einige Tage zu bleiben und Schutz gegen die umherstreifenden Vagabunden zu gewähren, aber das konnte er unmöglich bewilligen; schon folgenden Morgens sollte der Weitermarsch auf Witebsk stattfinden.
Am Nachmittag klang gedämpfter Trommelschall durch die Dorfstraßen. Das Regiment zog hinter den beiden Gepäckwagen, auf denen die Toten lagen, zum Kirchhofe und gab so den Kameraden das letzte irdische Geleite.
Särge hatte man nicht herbeischaffen können, aber die mitleidigen Frauen schenkten weiße Tücher, so daß wenigstens die Erde keins dieser blassen, schmerzverzogenen Gesichter unmittelbar berührte.
In russischer Sprache gab der greise Dorfpope den Heimgegangenen als Christ den Sterbesegen der christlichen Kirche, obwohl im Leben ihr und sein Bekenntnis weit auseinandergingen, obwohl sie keines seiner Worte verstanden haben würden.
Dann folgten die drei Salven. Mit den Mützen in den Händen standen die Bauern; weinend in unbestimmter Furcht und Sorge die Frauen. Es war der Feind, dem sie hier ein Obdach gewährten, der Feind, dessen Wüten in dem benachbarten Witebsk so schrecklich gewesen sein sollte, der keine Menschlichkeit, kein Erbarmen kannte und der doch heute das Dorf aus den Händen von Räuberhorden befreite.
Hinter den nächsten Hecken lauerte das Gesindel; freche Lästerungen klangen herüber, Drohworte, die eine gründliche Rache verhießen.
»Wartet, ihr Bauern«, riefen die Zigeuner, »wartet, bis auf euren Dächern der rote Hahn kräht, dann werdet ihr schon die Lust verlieren, fremde Soldaten gegen eure Landsleute zu hetzen!«
Dergleichen wilde Drohungen schienen aus der Luft zu kommen; wenn die Bauern hinzusprangen, um den dreisten Burschen zu erfassen, dann war gewiß die Stelle leer und niemand zu entdecken, aber im nächsten Augenblick erscholl die Stimme von einer anderen Seite her. Einige der mageren Schweine mußten an diesem Abend ihr Dasein beschließen, Hühner und Enten wurden gebraten, der Mehlvorrat verzehrt und die wenigen Kartoffeln zum Fleische gegessen. Dann versuchte in der öden, reizlosen Umgebung jeder, so gut es ging, zu schlafen.
Die Nacht sank herab, der Mond kämpfte mit den schnell dahinsegelnden Wolken um die Oberherrschaft und drückend lastete trotz der späten Stunde immer noch die herrschende Schwüle – da schlichen dunkle Gestalten durch die Reihen der Wachtposten, katzengleich, vorsichtig, auf leisen Sohlen. In ihren Händen glimmte Zunder, Lumpen bedeckten die verhungerten Leiber, ein freches, teuflisches Lächeln kräuselte die Lippen.
Hinter der nächsten Holzhütte stieg leichter Rauch aus einem Strohhaufen hervor, dann knisterte es – rote Flammen leckten gierig an den ausgedörrten Brettern hinauf.
Hie und da wiederholte sich das gleiche Schauspiel. Ein herber Geruch, wie von Harz, durchdrang die Luft, jemand rief: »Feuer!«
»Holt die Franzosen, um es zu löschen!« sagte eine andere Stimme.
»Ha, ha, ha —«
Das freche Lachen weckte die Schlafenden, alarmierte die Wachtposten. Feuer! Feuer! Ein schreckliches Wort.
»Rettet die Kranken!« übertönte des Obersten Stimme jeden anderen Laut.
Hunderte von Händen streckten sich aus, um die Bedrohten zu schützen. Eine Anzahl der kecksten ostfriesischen Seeleute, Männer, die es gewohnt waren, im tosenden Sturm die Masten des Schiffes zu erklettern, furchtlose deutsche Männer stiegen auf das Kirchendach und hielten die Flammen dem alten Baue fern, indes wieder andere die Verwundeten, überhaupt alles, was schwach und krank war, in die schirmenden Steinmauern brachten. Alle Habe der Einwohner warfen die Soldaten beizeiten hinaus, aber die Hütten selbst konnten sie nicht retten – als der Morgen dämmerte, bezeichneten Aschenhaufen die Stelle, an der früher das Dorf gestanden.
Betend und schluchzend lagen die Bauern vor dem Heiligenbilde auf ihren Knien; zornig, erbost wie nie, befahl der Oberst den Aufbruch. In sechs bis acht Stunden mußte Witebsk und mit dieser Stadt zugleich das augenblickliche Hauptquartier des Kaisers erreicht sein – in welchem Zustande sollte er das Regiment dem kommandierenden General zuführen?
Mehrere Säcke voll Silber und Gold lagen auf den Gepäckwagen, aber die Soldaten tragen zerfetzte Kleider und Stiefel, sie waren ungenügend mit Waffen versehen und präsentierten sich, was die Nationalgarde betraf, wie wahre Harlekine. Oberst Jouffrin rückte die Mütze in die Stirne. »Vorwärts!« befahl er.
Der Weg über die trostlos unwirtliche Gegend wurde wieder aufgenommen, obwohl die Soldaten an diesem Morgen nur Wasser gefrühstückt hatten, sonst nichts. Ärmer noch als sie, des Letzten beraubt, sahen ihnen die Bauern nach – fern in den Hecken und Gebüschen der Landstraße frohlockte das Raubgesindel.
Gibt es auch etwas Schrecklicheres als den Krieg? Und wieder, gibt es eine heiligere, unveräußerlichere Pflicht, als mit dem Schwert in der Hand das Vaterland, das teure, geliebte, gegen den Frevelmut des Eroberers zu schützen?
