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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 19
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Glühende Sonnenstrahlen versengten die Stirnen, ermattet blieb hie und da ein Soldat am Wege liegen, unfähig, sich weiter fortzubewegen, dem sicheren Tode überliefert.
Niemand bekümmerte sich um ihn. Bisher waren nach militärischem Gebrauche zwei Mann kommandiert, um bei ihm zu bleiben und ihn seinem Regimente wieder zuzuführen, aber diese Rücksicht hatte jetzt gänzlich aufgehört. Man ließ den Gefallenen am Wege liegen und war nur bedacht, vorwärts zu kommen, den französischen Heeresmassen entgegen – nur bedacht, sich selbst auf dem Gebiete der russischen Operationsarmee in Sicherheit zu bringen, ehe vielleicht ein Zusammenstoß und damit die Vernichtung erfolgte.
Massen von Landstreichern bedeckten die Straßen; von Viertelstunde zu Viertelstunde erstatteten die vorausgeschickten Späher ihre Berichte.
Am Wege floß kein Wasser, stand kein Haus – die Sonne brannte in immer heißeren Gluten.
Man mußte rasten, wenn nicht die Leute vor Ermattung sterben sollten.
Auf den Gepäckwagen fieberten die Kranken; stumm, verdrossen lagen die Gesunden, mit den Köpfen auf ihren Mänteln, am Wege. Eine Anzahl Franzosen wurde ausgeschickt, um Wasser zu suchen; die militärische Mannszucht hatte sich bereits derartig gelockert, daß Dinge geschahen, die im Frieden undenkbar wären. Der verhängnisvolle Schritt von dem siegreichen Heere im feindlichen Lande bis zum Räuberzuge schien halb und halb getan; die hungernden unbezahlten Soldaten hielten es nicht länger für notwendig, den Befehlen ihrer Vorgesetzten zu gehorchen.
»Wasser! Wasser!« seufzte Onnen; »es ist mir immer, als sähe ich vom schwarzen Kap auf Norderney hinab zum Meere, als hüpften die weißen Wellen und sprängen hoch auf, wenn sie den Strand erreichen.«
Georg Wessel drückte das Gesicht in die heißen Hände; er murmelte etwas, das wie ein halberstickter Zornesausbruch klang. Feiko zuckte die Achseln. »Und wäre unsere liebe alte Nordsee hier, Kinder, wären ihre Fluten wirklich im Bereiche unserer Hände – trinken könnten wir sie ja doch nicht.« »Da unten bei dem Kieferngebüsch kräuselt eine Rauchwolke«, setzte er dann hinzu, »vielleicht gibt es dort Wasser!« Onnen sah auf. »Jedenfalls Landstreicher«, seufzte er. »O Gott, welch ein entsetzliches Dasein.«
»Laß uns erst einmal hingehen, mein Bester. Komm, komm, man hält es in der glühenden Sonne nicht mehr aus.«
Onnen erhob sich und die beiden Vettern gingen langsamen Schrittes durch ganze Schwärme von Stechmücken zu einem dichten Gebüsch, in dessen Mitte das Feuer brannte. Mehrere magere Pferde weideten das verdorrte Gras, eine Anzahl Wagen stand zusammengeschoben am Rande der Kiefern, zerlumpte Kinder und zahlreiche Hunde tummelten sich auf dem Boden und unter den Rädern umher.
»Zigeuner!« sagte Onnen. »Ich dachte es wohl!«
»Bärenführer!« setzte Feiko hinzu.
Er hatte kaum das Wort ausgesprochen, als ein schlaues Gesicht zwischen den Kiefern hervorlugte. Ein Mann kam zum Vorschein, hinter ihm, auf den mächtigen Pranken stehend, ein Bär. »Ruff! – Das ist Ruff!«
Mikosch, der Zigeuner, lächelte. »Ihr seid durstig«, sagte er, »kommt und trinkt, aber verratet es euren Kameraden nicht! Der arme Bärenführer hat nur wenig Wasser, er kann unmöglich allen Soldaten davon geben.«
»Kennst du mich denn nicht, Mikosch?«
»Gewiß! Du bist der Sohn der barmherzigen Frau, die einst im eisigen Winter auf Norderney meine Kinder kleidete und speiste – um dieses Tages willen gebe ich dir jetzt den Labetrunk, obwohl es die letzten Tropfen sind.« »Habt ihr übrigens auch Hunger?« fuhr er fort »Da liegen Fleisch und Brot – laßt‘s euch wohlschmecken!«
Die beiden jungen Leute langten zu wie ausgehungerte Wölfe. Kauend und schluckend führten sie die Unterhaltung mit ihren braunen, verschmitzt blickenden Gastfreunden.
»Ziehst du denn auch dem Kriegsschauplatz entgegen, Mikosch?« fragte Onnen.
»Natürlich, natürlich. Viele Köpfe, viele Sinne, weißt du! – Da gibt es allerlei zu verdienen, woran im Frieden kein Mensch denkt.«
»Und sehr viel Beute, nicht wahr!«
Der Zigeuner kniff die Muskeln seines Gesichtes dermaßen zusammen, daß ein Auge gänzlich darunter verschwand. »Der arme Bärenführer ist auch ein Mensch!« antwortete er ausweichend.
Die beiden Deutschen lachten. Sie dehnten sich, gesättigt und durch den Rauch gegen die Mücken geschützt, behaglich auf dem Gras, während Ruff, halb schlummernd, neben ihnen lag. »Höre einmal, Mikosch«, sagte Onnen, »du hältst es mit den Russen, nicht wahr?«
Der Zigeuner wiegte den Kopf. »Wir müssen leben, Herr, wir suchen unsere Freunde, wo wir sie finden – der Krieg kümmert uns nicht.«
»Ah – das ist schade. Ich hielt dich für gut russisch gesinnt, Mikosch!«
Jasko, der ältere Sohn des Bärenführers, hob den Kopf. »Wenn wir es wären«, fragte er blinzelnd, »was könnte dir daran liegen, Herr?«
»Hm – ich suche auch Freunde, ebenso wie ihr! Ich möchte fliehen.«
Feiko sah von einem zum anderen. »Ihr seid russische Spione, Kinder, gebt euch nicht die Mühe, das zu leugnen. Ihr zieht hin und her, um Botschaften zu überbringen; euer Bär ist dabei nur ein Aushängeschild, mehr nicht.«
»Das glaubst du!« lächelte Jasko.
»Nein, das weiß ich ganz gewiß. Hätten wir Geld oder Wertgegenstände irgendeiner Art, so würden wir sie euch bieten, um auf euern Wagen einen Platz zu erlangen und in Zigeunerkleidern aus Rußland zu entkommen.«
Jetzt rückte Mikosch näher. »Geld und Gut braucht es dafür nicht«, sagte er halblaut, »nur Aufrichtigkeit. Ich bin ein Deutscher wie ihr selbst!«
»Du?«
»Ja, ich. Irgendwo trugen die Engel das Kind in die Arme der braunen Mutter, irgendwo tragen sie einmal den Greis zurück in die ewige Heimat; eine bleibende Stätte besitzt der Zigeuner auf Erden nicht. Aber ich liebe die Deutschen und ich bin auch deinen Eltern vielen Dank schuldig – damals war ich sehr, sehr arm! – Deshalb zieht mit uns, ihr beiden Knaben, wohin und auf wie lange Zeit ihr wollt. Der die Sperlinge unter dem Himmel ernährt, wird auch eurer nicht vergessen.«
Das war ehrlich und aufrichtig gemeint; die jungen Leute erkannten es vollkommen, dennoch aber legte Feiko, ehe er einwilligte, die Hand auf den Arm des Zigeuners. »Einen Augenblick, Mikosch! – wir können allenfalls deinen Bären an der Leine führen oder, wenn es hoch kommt, Messer und Kaffeemühlen schleifen, aber die Spionage, und ob es auch gegen unsere Feinde, die Franzosen ginge – die Spionage, mein guter Mikosch, teilen wir mit dir auf keinen Fall.«
Der Zigeuner lächelte behaglich. »Ob ihr‘s auch verständet, he? Dazu gehört mehr als ein hausbackener Verstand. Man muß sowohl ein altes Bettelweib wie einen Mönch oder einen Blödsinnigen vorstellen können, man muß den Blinden oder den Lahmen spielen und namentlich selbst des Teufels Großmutter nicht fürchten! – Das überlaßt mir, ich bin der König meines Stammes, die Ehre bei der Sache ist für mich allein! Ha, ha, ha, selbst mit den beiden Jungen da, mit meinen eigenen Söhnen teile ich sie nicht!«
Feiko und Onnen wechselten einen verstohlenen, aber sehr zufriedenen Blick. Seine Majestät, König Mikosch mit dem schwärzlichen Antlitz, der Stummelpfeife und den Messingnägeln in den Ohrläppchen, Seine zerlumpte, blinzelnde, schmutzüberzogene Majestät beanspruchte die Ehre des Spiones für sich allein!
»Jeder nach seinem Geschmack!« nickte Feiko. »Du nimmst uns also mit dir, königlicher Herr? Du malst uns braun und leihst uns Gewänder aus der Garderobe deiner Prinzen? Für alle diese Wohltaten soll dir in Deutschland ein klingender Lohn zuteil werden, dessen sei sicher!«
»Aber noch eins!« rief Onnen. »Georg Wessel geht mit uns!«
»Mag auch der Dritte kommen!« nickte Mikosch. »Überall stehen leere Häuser, in denen man schlafen kann, überall ist das verlassene Feld reif zur Ernte und niemand schneidet die Frucht. Kommt nur, kommt nur – dem Napoleon drei Soldaten zu entführen, das ist‘s gerade, was mir gefällt!«
Feiko sah zum Lagerplatz hinüber. »Wir verkaufen das Fell des Bären, bevor er erlegt ist, wie mir scheint. Erst gilt es zu fliehen!«
»Man wirft sich hin und steht nicht wieder auf, das ist einfach genug.«
Mikosch zeigte mit der Pfeife in die Ferne. »Da unten läßt sich‘s besser ausführen als hier auf der ebenen Fläche, Kinder. Es kommt ein Tannengrund ohne Straße, lauter Gebüsch und Unterholz, eine wüste Schlucht – dort versucht euer Glück. Der Franzose mit dem Katzengesicht hat Eile, er weiß, daß hier herum jeden Augenblick die Russen auftauchen können.«
Drüben erklang jetzt die Trommel. Es war kein Wasser gefunden worden; die Kranken ächzten, die Gesunden murrten laut – Oberst Jouffrin hielt den Leuten eine Anrede, aber ohne sie wirklich beruhigen zu können. Hunger und Ermüdung sind zwei Feinde, die sich durch Worte nicht verscheuchen lassen.
»Wir müssen fort!« rief Onnen. »Sollen wir dich hier finden, Mikosch?«
Der Zigeuner schüttelte den Kopf. »Ich fahre bis an die Grenze des Tannengrundes – euch zuliebe. Unser Weg geht dann rechts ab, nach Smolensk.«
Feiko und Onnen gaben dem alten Fürsten vom Schleifstein und Schmiedehammer die Hand. »Leb wohl also! Auf Wiedersehn!«
»Auf Wiedersehn!«
Die Trommel rasselte nochmals, dann begann der Weitermarsch. Kleine Vögel flogen vom Boden auf, hie und da segelten Krähenscharen durch die Luft; leise grollend erhob in der Ferne der Donner seine gewaltige Stimme. Eine Wolkenschicht verhüllte das Antlitz der Sonne, hie und da fielen schwere Tropfen.
Die Tannenzweige rauschten und bogen sich im Wind. Kein Weg führte durch die Schlucht – grün und schwärzlich erhob sich das Unterholz vom Boden – nur einzeln, ohne Ordnung, konnten die Soldaten vordringen.
»Mut, Kinder, Mut! In zwei Stunden ist Witebsk erreicht!«
Dichter und dichter fiel der Regen, flammend zuckten die Blitze vom Himmel. »Dieser Tag bringt uns Glück«, raunte Feiko, »wir entkommen schon heute!«
»Wo ist Georg Wessel? – Ich sehe ihn nicht mehr!«
»Jedenfalls hat er sich auf und davon gemacht. Nun bist du an der Reihe, Onnen – wirf dich hin!«
»Erst du, Feiko!«
»Ich will unbedingt der letzte sein! – Ah, sieh da den Blitz!«
Eine große uralte Tanne war getroffen und in der Mitte auseinandergespalten. Dichte, beinahe schwarze Nadeln bedeckten die bis auf den Erdboden herabreichenden Zweige; unter den schweren Massen knisterte es und zischte, dann schlug rote Lohe heraus und der schöne königliche Baum, harzreich und ausgedörrt, brannte von der Wurzel bis hinauf zur Krone.
Der Sturm peitschte die Funken, daß sie sprühend auseinanderflogen; Schlag folgte auf Schlag, Blitz auf Blitz. Hie und da fiel der feurige Regen in eine grüne Krone – gleich einer Fackel streckte der Baum, glutumflossen, seine Zweige zum Himmel empor, feuertriefend und glitzernd, bis die nächsten Stämme erfaßt waren, bis alles brannte, von der heißen blitzdurchfurchten Luft bis auf den Boden, dessen dürres Moos die Funken auffing und weitertrug.
Der Sturm drang den Soldaten entgegen; je schneller sie vorwärtseilten, desto sicherer entrannen sie dem Verderben. Es bedurfte in diesem Augenblick keines Kommandos; trotz Hunger und Müdigkeit liefen alle, um dem toddrohenden Bereiche der Flammen zu entkommen.
Gebüsche und Stämme trennten den einen von dem andern; Offiziere und Unteroffiziere mußten ihre Kompanien zerstreut sehen, der Marsch war binnen wenigen Minuten zur regellosen Flucht geworden.
»Jetzt, Onnen – krieche dort durch die Büsche und halte dich dann an einer sicheren Stelle verborgen!«
Unser Freund übersah die Umgebung. Hinter ihm brannte alles, vor ihm führte eine Art von Schlucht bergab in das Tal – er stürzte vorwärts auf gut Glück hin, schien zu stolpern, fiel und blieb mit dem Gesicht nach unten liegen.
Neben ihm, über ihn hinweg sprangen andere. Das Rauschen der brennenden Tannen drang schauerlich nahe in sein Ohr, immer mehr Bäume wurden ergriffen, heiße Luftwogen schlugen über ihn hinweg – eine Hand rüttelte seinen scheinbar leblosen Körper.
»Steh auf, Kamerad, steh auf, du kannst hier nicht bleiben!«
Es war ein Landsmann, der sich mitleidig über ihn herabneigte; Onnen fühlte, wie sein Herz zum Zerspringen schlug. Um keinen Preis durfte er antworten.
»Mille tonnerre, lassen brûler den Kerl! En avant! En avant!«
Ein Unteroffizier trieb mit blanker Waffe die Soldaten vor sich her. Einige Nachzügler folgten, dann wurde es still um den wie tot Daliegenden. Roter Schein fiel auf das Moos, glühende Luft prickelte seine Stirn, der starke Duft des brennenden Harzes versetzte den Atem.
Vorsichtig sah Onnen umher.
Die letzten Schritte der Soldaten waren verhallt, niemand befand sich mehr in der Nähe, kein Auge konnte ihn sehen, kein Ohr ihn hören.
»Feiko!« rief er.
Keine Antwort.
Es war unmöglich, noch länger so liegen zu bleiben. Die nächsten Gebüsche brannten schon, der Sturm trieb nach allen Seiten ganze Schauer von Funken; Onnen sprang auf, packte das Gewehr und eilte fort, nach den ersten Schritten aber blieb er schon wieder stehen. Sollte er die Waffe mitnehmen?
Nein! Sie flog in das Gebüsch samt Kaskett und Seitengewehr, ebenso Patrontasche und Riemen – nun war er frei.
Vor ihm brannte es überall. Er schlug sich nach der Seite hin durch das Unterholz, durch regennasse Zweige, über umgestürzte Baumstämme und mit Gestrüpp bewachsene Erdwälle. Welche Richtung war die, in der er den Wagen des Zigeuners zu finden erwarten durfte?
Wie die Blitze blendeten! Das Rollen des Donners und das Brausen in der Luft mischten sich zu einem einzigen anhaltenden Getöse; nach der unerträglichen lähmenden Schwüle folgte ein Unwetter, dem die stärksten Stämme nicht zu widerstehen vermochten.
Es erfüllte die Seele des einsamen jungen Mannes mit unabweislichem Grauen. Im fernen Lande so ganz allein, so ganz verlassen, der einzige Freund ein Zigeuner, die einzige Hoffnung die auf seine Treue – wahrlich, viel ärmer konnte er nicht mehr werden.
Aber doch bewahrte er einen ruhigen Mut. Wenigstens die Franzosen, die Mörder seines armen Vaters, würden ihm nun nichts mehr anhaben, ein quälender Gedanke war jetzt von seiner Seele genommen. Neun oder zwölf Leute aus dem Regimente des Obersten hatten damals auf Norderney die Exekution an den Schmugglern vollzogen, aber welche? – Das wußte er nicht; vielleicht gingen sie Seite an Seite mit ihm, vielleicht scherzte und lachte er mit ihnen. Gottlob, das war vorüber.
In der Ferne erhob sich zwischen Stämmen und Gebüschen plötzlich Feikos hochgewachsene Gestalt; mit einigen schnellen Sprüngen hatte er den jüngeren Vetter erreicht. »Da bist du ja, Onnen! Komm rasch, der Zigeuner wartet.«
»Und Georg – ist er auch da?«
»Wohlbehalten. Der brave König verwandelt ihn eben in einen braunen Sohn der wandernden Bande.«
Onnen lachte. »Dem Himmel sei Dank, Feiko. Nun sind wir frei!«
»Hurra, hurra! – Gott verläßt doch keinen Deutschen.«
In geringer Entfernung standen die Klepper des Zigeunerkönigs, seine Wagen, Kinder und Hunde samt den drei Frauen, alles von Schmutz überzogen, bunt in Lappen und Fetzen gehüllt, aber lustig und treuherzig. Die ganze Familie jubelte den beiden jungen Leuten entgegen, Ruff spendete ihnen sogar eine Bärenverbeugung und erschien, in der Meinung, fremde Gäste vor sich zu haben, mit dem Sammelteller.
Hinter einem der wie bewegliche Trödelbuden aussehenden Wagen zeigte sich ein schlanker junger Zigeuner mit dem Ring, an welchem Messer und Scheren hingen. »Nichts zu schleifen, meine Herrschaften?«
Die Stimme verriet ihn. »Georg Wessel! – mein Gott, wir hätten dich wahrlich nicht erkannt.«
»Das ist mir sehr lieb. Fahrt nur gleich selbst in die braune Haut hinein, damit wir einmal vom Fleck kommen.«
Die Verwandlung war schnell vollbracht, irgendwo in den Tiefen der Wagen fanden die französischen Uniformen ein Versteck; seltsame Kaftane und lange Großvaterröcke umhüllten die jungen Leute, dann ging es fort, so schnell die Gäule laufen wollten.
Der Regen fiel unablässig auf die schutzlosen Menschen, aber trotz dieser Sintflut schienen alle in der besten Laune. Ach, wie behaglich lag sich‘s auf dem nassen Stroh, wie schön war es, die Franzosen nun so weit entfernt zu wissen!
Allmählich sank der Abend herab; nach dem Gewitter glänzte blau und sternenhell der Himmel, wie ein freundliches Gesicht lächelte der Mond.
Alles Leben entfaltete neu erfrischt seine Schwingen. Über das Feld lief hurtig der Hase und spitzte horchend die Ohren, sobald das Fuhrwerk nahte; Scharen von Hühnern schwirrten durch die Luft, große Nachtfalter taumelten zwischen Blatt und Blüte.
Immer weiter, weiter. Erst gegen Morgen konnten die Wagen ihr Ziel erreichen, Stunden mußten noch vergehen, bis die Klepper wieder ausruhen durften.
Zuweilen streiften große gelbgraue Tiere den Weg, dann bellten alle Hunde, die Pferde schüttelten schnaufend die Köpfe und Mikosch schlug mit der Peitsche, daß es knallte.
»Wölfe«, sagte er, »feiges Gesindel. Im Sommer fürchtet sie niemand.«
Onnen schloß die Augen. Schlafen wollte er nicht, nur so recht behaglich in vollen Zügen die kühle Nachtluft genießen. Eine der Zigeunerinnen sang mit halber Stimme ihr kleines Kind in Schlummer, – merkwürdig, wie die leisen getragenen Töne das Bewußtsein umhüllten. Onnen wachte nach seiner eigenen Meinung ganz vollständig, aber doch mischten sich in seine Gedanken die Bilder ferner Tage, er sah das Meer und die Dünen, er schaukelte auf den Planken der »Taube« über dem Ozean und sprach mit den Freunden längst entschwundener glücklicher Kinderzeit. Wie seltsam, auch der tote Vater lebte wieder und legte ihm lächelnd seine Hand auf die Stirn. »Ich bin immer bei dir, Onnen, mein Junge, immer!«
Leise sang die Zigeunerin, leise, bis auf ihren Lippen der Laut erstarb. Im nassen Stroh schliefen Kinder und Erwachsene, nur Mikosch wachte und sah spähend durch das Halbdunkel der Mondnacht, zuweilen lächelnd, als erwarte er etwas sehr Angenehmes.
Die kleinen Pferde trabten unermüdlich. Es wurde heller und heller, ein Stern nach dem andern erblich, da glaubte Onnen im Schlafe plötzlich ein dumpfes Rollen und Brausen zu hören. »Sturm!« flüsterte er im Schlafe, »Sturm! – Und wir fahren durch das Kattegatt! Feiko, laß wenden, ehe es zu spät ist!«
Dann erwachte er jählings. Die ersten Strahlen der Sonne fielen auf ein buntes bewegtes Bild, auf Bärenmützen und lange glitzernde Lanzen; unübersehbar zeigte sich die Straße bedeckt von den kleinen windschnellen Steppenpferden.
»Kosaken!« sagte Mikosch. »Donsche Kosaken! Heisa, ein stattliches Heer!«
Tausende bevölkerten die Straße, schöne kräftige Männergestalten mit sauberen Uniformen und in strammer Haltung. Da gab es keine Risse und Flecke, keine verhungert aussehenden Gesichter; dem Zuge folgte eine Reihe von Gepäckwagen, auf denen sich starke Vorräte stapelten; die Leute sangen mit den Pfeifen zwischen den Lippen, sie riefen allerlei Scherzworte herüber, die Mikosch ebenso lustig zurückgab.
In einiger Entfernung erhob sich ein Kirchturm und bald darauf auch die Dächer eines großen, ganz aus Holz erbauten Dorfes. Das Morgenglöcklein erklang, die Bauern eilten zur Frühmesse in die Kapelle, deren Türen weit offen standen.
Beim Anblick der Kosaken brachen Jubelrufe über aller Lippen. Ein brausendes Hurra empfing die Söhne der Steppe auf ihrem Wege zum Kriegsschauplatz, zur Befreiung des Landes von Not und Verderben; jeder Bauer führte sich so viele Soldaten, als seine Isba fassen wollte, unter das Dach von Stroh und Schindeln, jede Frau spendete, was Küche und Vorratskammer vermochten.
Hierher waren die Franzosen bis jetzt nicht gekommen, aber man hatte schon längst in großer Furcht gelebt und freute sich nun doppelt der schützenden Nähe treuer Freunde.
Auch die Zigeuner erhielten aus den vollen Schüsseln und Krügen ihren Anteil. Man wußte, daß Mikosch und seine Söhne die Geige zu spielen verstanden, ein paar junge Burschen schlossen sich ihnen an und durch das ganze Dorf erklangen die lustigen Weisen.
Vor Abend sollte der Zug weiterreiten, aber bis dahin hatte man Zeit, ein Fest zu feiern, das schon seit länger als einer Woche im Kalender angezeigt war, dem sich die Leute aber unter dem Druck der bangen Ungewißheit nicht hinzugeben wagten – das Totenfest.
Die Kosaken verstummten, als der Dorfälteste das Wort aussprach, die Musikanten fiedelten nicht mehr, tiefer Ernst legte sich auf alle Gesichter. »Das Totenfest! Nicht viele Russen können es in diesem Jahr feiern.«
»Auch wir nicht, wir nicht! Es ist weit bis zu unserer Stanitza am Don!«
»Und doch brauchen wir die Fürbitten der Toten so notwendig.« »Alle Heiligen beschützen uns!« fuhr der Dorfälteste fort. »Wir Russen sind Brüder, Freunde, ob auch des einen Wiege am Don stand und die des andern an der Wolga – feiert euer Totenfest mit uns, ihr Kosaken und betet zu den eurigen, indes ihr auf unseren Gräbern sitzt. Die seligen Geister hören‘s und sehen‘s überall, denke ich!«
Der Vorschlag wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen, und nun entwickelte sich eine Szene, die in ihren Vorbereitungen den Deutschen so unverständlich blieb, daß sie sogleich Erkundigungen einzuziehen begannen.
»Mikosch, bist du eigentlich ein Christ?« fragte Onnen.
»Ganz gewiß. Meine Kinder sind sämtlich getauft, eins in Ungarn, eins hier, das dritte in Schottland. Weshalb interessiert dich das?«
»Weil ich wissen möchte, was diese Leute unter dem Totenfest verstehen?«
Mikosch lächelte. »Ihr könnt ja hingehen und euch auf dem Gottesacker die Feierlichkeit nach Belieben ansehen. Nur vergeßt nicht, ein Stück Brot und Fleisch mitzunehmen.«
»Brot und Fleisch?« wiederholte Onnen. »Auf den Kirchhof?«
»Ja. Geht nur hin. Man gibt auch dem armen Zigeuner auf jedem Grabe gern ein Plätzchen, um zu beten.«
Onnen schüttelte den Kopf; Das klang merkwürdig genug.
Unterdessen vollzog sich zwischen den Dorfhütten eine komische Szene. Vorsichtig wie alle Bauern hatten die Leute ihre Vorräte aus Angst vor den raubgierigen Franzosen vergraben und öffneten nun die unterirdischen Vorratskammern, um Würste und Schinken, Speck und Butterfässer, Brot und dickbäuchige Branntweinkruken hervorzuholen. Auch Eingemachtes kam zum Vorschein, trockene Fische, Früchte – die Lebensmittel türmten sich auf den die Hütten umgebenden Höfen zu ganzen Bergen.
Jeder Kosak bekam seinen Anteil, ebenso die vermeintlichen und wirklichen Zigeuner; ein Ackerwagen wurde mit Garben beladen, einige Stücke Vieh aus den Ställen hervorgeholt und zu guter Letzt eine Drehorgel herbeigeschafft. Die Einwohner ergriffen Tische und Stühle, und mit flatternden Fahnen setzte sich ein Zug in Bewegung, wie ihn die christliche Glaubensgemeinschaft keines Landes der Welt jetzt noch kennt und besitzt.
Voran schritt der Pope, hinter ihm die Fahnenträger und das ganze Volk samt Tausenden Donscher Kosaken. Mütter hielten ihre kleinen Kinder auf den Armen, Blinde wurden geführt, Greise und Lahme wurden getragen – so ging es zum Gottesacker.
»Begreifst du die Geschichte?« flüsterte Feiko.
»Ich bitte dich, auch die Ochsen werden hierher getrieben!«
»Und da kommt der Schutzheilige des Dorfes!«
Ein großes Kirchengemälde, den heiligen Nikolaus vorstellend, wurde von mehreren Männern in der Mitte des Gottesackers aufgerichtet, und nun begann die Prozession der Gläubigen, während der Pope betete und die Anwesenden segnete. Viele von den bärtigen Kosaken küßten inbrünstig die Füße oder das Kleid des Heiligen, viele Frauen weinten laut; die Furie des Krieges durchzog ja mit lodernder Fackel das Land – es gab wenige Personen, die nicht für diesen oder jenen Angehörigen, für ihren Besitz oder ihre persönliche Sicherheit fürchteten.
Dann folgte das Gebet auf den Gräbern. Jede Familie brachte Tische und Stühle in die Nähe des Kreuzes, unter dem ihre Angehörigen schlummerten, und zu jeder gesellten sich so viele Kosaken, wie der Raum zu fassen vermochte. Auf einem Hügel im Hintergrunde stand der Erntewagen mit den Ochsen; von Gruppe zu Gruppe ging spielend der Orgeldreher.
Zwischen den Gräbern tummelten sich lachende Kinder, pflückten Blumen und tanzten, während alle Erwachsenen aßen und tranken, den abgeschiedenen Seelen ihrer Toten zu Ehren. Was jeder einzelne wünschte, das vertraute er in Gedanken oder laut redend den Gestorbenen, die im Leben seine Nächsten waren, das erzählte er ihnen und bat sie, die Sache vor den Thron des Weltenschöpfers zu bringen.
»Du ruhst weit von hier an den Ufern des Don, mein alter Vater mit dem weißen Bart und dem Herzen voll Gerechtigkeit, du ruhst weit von hier, aber die Ohren des Geistes hören durch alle Entfernungen, sagt der Pope – ich bitte dich also, sprich für mich bei dem heiligen Sergius, daß mein Roß und ich glücklich heimkehren in die Stanitza auf der Steppe!«
»Heilige Barbara, meine Schutzpatronin, sieh, ich esse hier ein großes Stück Fleisch auf dem Grabe meines Kindes, damit du dem Engelchen, das ja, als es starb, noch nicht sprechen konnte, freundlich den Weg zeigst zu Gottes und des Herrn Christus Thron. Auch mein zweites Kind ist kränklich und schwach, aber ich liebe es doch so sehr, ich wollte es so gern behalten! Heilige Barbara, hilf, daß die Bitte eines armen Weibes erhört werde!« »Pawlik!« schluchzte eine Frau in Witwenkleidern, »Pawlik, laß deine Seele mir beistehen, wie es deine Fäuste zu Lebzeiten immer taten! Man pfändet meine Hütte, ich bin in großer Not, Pawlik – hilf mir doch!«
Zwischen jedem Satze würgte das arme Weib irgendeinen Bissen von etwas Genießbarem hinab, offenbar bemüht, dem Heimgegangenen damit die landesübliche Ehrenbezeugung zu erweisen, obgleich sie vor Kummer kaum zu schlucken vermochte. Neben ihr stand ein blondes Mädchen mit gefalteten Händen und blassem Gesicht, ohne zu essen oder zu trinken.
»Mütterchen, mein süßes Mütterchen, verschaffe mir doch einen Dienst bei guten Christen, ehe der Herbst und die Kälte kommen. Niemand will mich nehmen, weil meine Brust so krank ist, Mütterchen – ich kann auch nichts essen, gar nichts, Mütterchen, es ist mir so weh ums Herz, aber du weißt ja, wie sehr dich dein Kind liebt!«
Weiterhin standen zwei halberwachsene Knaben. Ihre jungen Augen glänzten, ihre Gesichter waren gerötet, sie verzehrten große Portionen Pfannkuchen.
»Heiliger Christoph, du weißt, daß von unserer Familie niemand gestorben ist, wir können also auch zu keinem Toten beten, aber schenke du selbst uns scharfe Schwerter und gute Kugelbüchsen; wir möchten gern die Franzosen zum Lande hinausjagen helfen. Amen!«
Luiz, der junge Zigeuner, übersetzte unseren Freunden alle diese verschiedenen, mit Inbrunst und leidenschaftlichem Flehen vorgebrachten Bitten – die Deutschen fühlten schon nach ganz kurzer Zeit, daß sie unvermerkt in den Bann der Stunde mit hineingezogen wurden.
Auf Gräbern zu essen und zu trinken, das schien ihnen anfänglich eine empörende Entheiligung, aber der erste Eindruck verwischte sich bald. Die armen unwissenden Menschen beteten so innig, waren von der Wirksamkeit dieses Festessens auf dem Kirchhofe so vollkommen überzeugt, daß schon die Weihe einer solchen Empfindung sie beglücken mußte. Das Gebet aus gläubigem Herzen ist immer echt, es enthalte was es wolle, es erscheine dem andern töricht oder gut – Gott wird es hören.
Sie dachten an die Gräber ihrer ermordeten Väter, die beiden jungen Leute; Georg Wessel durchlebte im Geiste die bittere Abschiedsstunde im Schiffsraum der »Hortense« – ihre Herzen schlugen höher, ihre Lippen hatten das Lächeln vergessen.
Dann sprach der Pope ein Gebet für alle, zu allen. Er schilderte die drohenden Gefahren des Krieges, er bat die ewigen Mächte, den russischen Waffen zum Siege zu helfen, und andächtig, lautlos horchten die Bauern. Dieser Teil der Feier war ein gemeinschaftlicher, diese Bitte betraf das geliebte Vaterland und alt und jung stimmte freudig in das Amen, dessen dreimalige Wiederholung den Gottesdienst beschloß.
Die Sonne sank langsam herab, purpurne Lichter verstreuend, ein runder Ball, dessen Strahlen in einen blauen stillen See zu tauchen schienen. Wie ein Feuermeer unter dem Wasser brannte die Glut, den Gottesacker hell umleuchtend, die betenden Menschen und die Ochsen, denen zuletzt der Inhalt des Erntewagens preisgegeben wurde. Das Vieh und die Felder, die seelenlose und die unbelebte Schöpfung waren auf diese Weise mit hineingezogen in den Kreis des Flehens, das zu Gott empordrang, zu dem Schöpfer und Erhalter aller Dinge.
Ein Hornsignal erklang vom Dorfe. Die Kosaken mußten weiterziehen, der Begegnung mit dem Feinde, dem gehofften Siege entgegen. Alles gab ihnen das Geleite, jede Hand spendete Gaben, bis zu den kleinen Kindern, die Blumen brachten, zu den Knaben, die Eichenzweige an die Bärenmützen befestigten und sehnsuchtsvoll mit scheuer Hand die Waffen, die stählernen, glänzenden, berührten.
»Lebt wohl, lebt wohl und alle Heiligen beschützen euch!«
»Betet für Rußland, ihr Leute. Hoch unser Zar!«
Ein brausendes Hurra durchlief die Reihen, Abschiedsgrüße flogen herüber und hinüber; wie Millionen Goldfunken glitzerte und glühte es auf den Lanzenspitzen.
»Lebt wohl! Lebt wohl!« Tiefe Stille folgte dem Scheiden des Regiments. Kopfschüttelnd sah Mikosch den Reiterscharen nach. »So viele, viele tapfere Knaben werden untergehen, so viele glänzende Augen im Tode brechen müssen! – Ach, es ist traurig, unsagbar traurig.«
»Aber doch eine geheiligte Aufgabe, Alter! – Möchten wir so daher sprengen und die Franzosen über Deutschlands Marken hinauswerfen können, ich bezahlte es gern mit meinem Leben.«
Der alte Mann seufzte. »Ein Zigeuner hat kein Vaterland«, sagte er. »Seine Augen sehen Europas Reiche von Finnland bis nach Italien, sie lernen hier diese Schönheit kennen und dort jene, hier die eine Völkertugend, dort die andere – weshalb muß es Krieg und Zerstörung geben? Gott wollte die Menschen zu Brüdern erschaffen!«
Er ging fort, um seine Pferde anzuschirren. Die Nacht mußte mondhell werden; man konnte reisen und unterwegs im dichten Walde zu einer anderen Abteilung wandernder Zigeuner stoßen. Das Stelldichein war verabredet; König Mikosch wollte Wort halten.
»Wohin fahren wir eigentlich?« fragte Onnen.
»Über Smolensk nach Moskau. Das weitere wird sich finden; wir müssen sehen, wer den Sieg behält, Napoleon oder der Zar.«
»Und schließlich bringst du uns an die deutsche Grenze, Alter?«
»Oder an ein Schiff, wie sich‘s eben macht. Ich kenne in jeder Stadt zuverlässige Leute, ich habe Freunde überall.«
