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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 23

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Beide Kutscher hielten gleichzeitig still; der Führer der ganzen Expedition, ein älterer Bauer, stand im Wagen und übersah die Lage mit dem Blicke eines kommandierenden Generals.

»Sensen heraus!« gebot er.

Man gehorchte ihm schnellstens. Auf dem Grunde jedes Wagens lagen fünf Sensen, deren Strohumhüllungen herabflogen, um die blanke Schneide freizulassen. In den Holzgriffen befanden sich Ösen, an den Wänden der Fuhrwerke starke eiserne Pflöcke, – es war alles auf die Notwendigkeit energischer Selbstverteidigung im voraus berechnet und wurde in kürzester Zeit fertiggestellt. Zwei, die Schärfen nach oben kehrende Sensen deckten gekreuzt jede Längsseite, die fünfte schwang sich wie ein Halbmond quer über den Wagen. So von einer Mauer geschliffener Messer umgeben, waren die Jäger gegen das unvermutete Anspringen eines besonders dreisten Wolfes vollständig geschützt – der Räuber würde sich gespießt haben, ehe er seine Beute erfassen könnte.

»Jetzt nehme einer unter euch das Heubündel«, befahl der Bauer.

»So, und nun du das Schwein, aber vorsichtig, noch darf es nicht schreien!«

Nachdem in dieser Weise alles vorbereitet worden war, lenkten die beiden Kutscher ihre Gespanne nebeneinander, auf die Mitte der Landstraße, an welcher das Dorf lag, oder, besser gesagt, auf den elenden erhöhten Damm, der im Sommer Risse und im Winter Pfützen zeigte.

Ein Zungenschlag, dann flogen die Pferde dahin.

»Los!« befahl der Führer.

Ein jämmerliches Geschrei folgte diesem Befehl. Beide Männer, welche die kleinen Schweine auf den Knien hielten, ließen dieselben jetzt zwischen ihre Füße hinabgleiten, wobei sie die Ohren der Tiere einige Male kräftig zausten. Nach bekannter Weise ihrer Gattung schrien die Ferkel, als gehe es ihnen bereits ans Leben.

Die Wagen flogen nur so dahin.

Alle Gewehre lagen schußfertig in den Händen der Männer. Jedes Auge spähte, jedes Herz schlug schneller.

»Wieviele Wölfe zähltet ihr, Strakosch?«

»Es mögen immerhin dreißig sein, die unser Dorf belagern.«

»Da sind sie! Heisa, die ganze Räuberfamilie ist uns auf den Fersen!«

Aus jedem Gebüsch, aus den Hohlwegen und Steinbrüchen, aus dem Waldesdickicht hervor sahen die spitzen Gelbnasen. Lange rote Zungen lechzten, ein Kläffen und Wimmern erfüllte die Luft – Isegrim und seine Sippe hatten den hingeworfenen Fehdehandschuh aufgenommen.

Die Pferde schnauften heftig. Ohne Zuruf oder Peitschenhieb rasten sie dahin – ebenso schnell, mehr und mehr den Vorsprung der beiden Wagen überholend, folgten mit der Kraft des nagenden Hungers die Wölfe.

»Gebt Feuer!« rief der Anführer.

Acht Gewehre sandten den bleiernen Hagel in die Reihen der Feinde, aber nur ein einziger Wolf fiel und blieb getötet liegen, die übrigen, nicht gerade in den Kopf oder das Herz getroffenen, setzten trotz der Kugeln, welche sie erhalten hatten, die eifrige Verfolgung fort, obwohl ihr Blut den Boden färbte und das eigentümliche Schnappen nach bestimmten Körperstellen den Jägern deutlich verriet, wo die Wunde schmerzte. Ohne Zeitverlust wurde wieder geladen, drei oder vier Wölfe wälzten sich in ihrem Blute, aber immer noch stieg die Anzahl der Verfolger, immer noch mehrte sich von allen Seiten das wilde Heer, dessen Glieder den beiden Wagen unaufhaltsam nachsetzten.

Schuß auf Schuß, Todesschrei auf Todesschrei. Die Hälfte der Räuber war erlegt, der Rest derselben rückte jedoch den Jägern bedenklich näher. Wenn der Wagen überholt und die Pferde angegriffen wurden, dann war es um die Menschen geschehen.

»Das Heubündel heraus!« gebot der Führer.

Zu gleicher Zeit flogen beide Seile weit in die Luft und gierig fielen, einen Augenblick Halt machend, die Wölfe über ihre vermeintliche Beute her. Ein Heulen und Bellen, ein ärgerliches Geschrei folgten der Täuschung, neue Schüsse krachten, neue tödlich getroffene Räuber wälzten sich in ihrem Blute, aber mehrere von ihnen stürmten mit ungeschwächter Erbitterung den beiden Wagen nach, gereizt, zur Wut gebracht, in immer längeren, immer drohenderen Sprüngen.

Die Zahl der Bestien vergrößerte sich indessen nicht mehr; es war klar, daß alle, die vorhin das Dorf von den Steinbrüchen belagert hatten, jetzt den Jägern folgten.

Der Führer stand wieder aufrecht im Wagen; trotz der rasenden Fahrt hielt er sich festen Fußes im Gleichgewicht und übersah mit ruhigem Blick die Lage.

»Wir müssen rechts herum, Kinder, rechts herum – zu unserem Dorfe zurück. Das ist der beste Ausweg.«

»Ganz wohl, Väterchen, ganz wohl! Aber während wir um die scharfe Ecke biegen, gewinnen unsere Verfolger einen Vorsprung.«

»Das ist richtig. Im gefährlichsten Augenblick opfern wir ihnen die Schweine!«

Arme kleine Geschöpfe – sie zitterten in ihren dunklen Gefängnissen schon jetzt, sie stießen Töne hervor, die eine entsetzliche Angst bekundeten.

»Achtung! – Hinaus damit!«

Die schreienden Tiere wurden auf den Damm geworfen, unter den Wölfen entstand ein Kampf auf Leben und Tod; sie rissen die blutenden Fleischstücke einander aus den Zähnen, sie fielen sich gegenseitig an in maßloser Wut. Die Kugeln der Jäger flogen hinein in das wüste Getümmel – es war eine Szene voll abschreckender Wildheit, die sich den Blicken darbot

Aber beide Wagen hatten ihren Vorsprung gewonnen. Die neue Richtung konnte eingeschlagen und einige Minuten lang verfolgt werden, ehe sich das Raubgesindel wieder zeigte – dann erschienen zwei Wölfe mit lechzenden roten Zungen, große gewaltige Tiere, die fast ebensoschnell wie die Pferde dahinstürmten. Gespannten Blickes beobachtete der Führer den Weg – es waren wirklich nur zwei Tiere.

»Schießt!« rief er. »Schießt!«

Die Kugeln flogen, aber ihre Wirkung schien zweifelhaft. Bei der Eile der Fahrt war an ein richtiges Zielen nicht mehr zu denken. Hie und da schnappten die Wölfe nach getroffenen Stellen, ihre Wut, ihre Verfolgung erlitten jedoch keine Milderung – der Kampf ging auf Leben und Tod, für die Menschen sowohl als für die Tiere.

An beiden Wagen wurde eine hellklingende, bisher verborgene Glocke in Bewegung gesetzt, das Zeichen für die Dorfbewohner, den bedrängten Jägern zu Hilfe zu eilen. Betäubend hallten die Schläge, untermischt mit andauerndem Schießen; heftiger und immer heftiger schnauften die ermatteten Pferde.

»Horch! Klang das nicht wie ein antwortendes Glockensignal?«

»Sie haben uns gehört! – Gott sei Dank!«

»Wenn die Hilfe nämlich noch früh genug kommt!«

»Das eine der beiden Pferde scheint zu hinken!« rief Alexei.

»Beim Himmel, ich sehe es auch!«

Der Wagen, auf dem unsere Freunde saßen, blieb etwas zurück, während der andere in unverminderter Eile dahinjagte. Kasimir Strakosch sah die Gefahr, in welche seine Jagdgenossen so plötzlich geraten waren; er riß aus Leibeskräften an den Zügeln, er versuchte jedes Mittel, um die Pferde zum Stehen zu bringen, aber umsonst, die geängstigten Tiere verweigerten den Gehorsam, sie liefen für die eigene Sicherheit, nicht mehr auf das Gebot der Menschen.

Eine Handbewegung des Russen zeigte den anderen, daß es ihm unmöglich sei, ihnen zur Hilfe zu eilen.

Alexei zog gedankenschnell den Pelzrock aus und warf ihn den anstürmenden Wölfen entgegen. Alle Munition war verschossen – in jedem Augenblick konnte das Ärgste geschehen.

Eine halbe Minute Vorsprung, noch eine halbe, als Onnens und die Röcke der beiden anderen jungen Leute auf den Weg fielen, dann ließen sich die Bestien nicht mehr täuschen. Sämtliche Gewehre wurden umgedreht und zum Schlage erhoben – bange, bange Augenblicke folgten jetzt, Sekunden, in deren Schoß die Entscheidung beschlossen lag. Von dem ersten Wagen war nichts mehr zu sehen, aber heller und heller erklang die antwortende Glocke.

Niemand sprach. Es funkelte vor den Blicken der Jäger wie auf- und absteigende Wolken von bunter Farbe – sie fühlten, daß das Entsetzen ihre Seelen packte.

Da strauchelte plötzlich das bisher gesunde Pferd und fiel, seinen Genossen mit sich zu Boden reißend, schwer auf die Vorderfüße, dann in Todesangst auf die Seite, um mit den scharfen Hufeisen den letzten möglichen Widerstand zu leisten.

»Hallo!« rief in diesem Augenblick die Stimme eines Mannes, »hallo, Kinder! Jetzt kommt der rechte Freund, um euch zu befreien.«

Mikosch war‘s. Sein schwarzes Haar flatterte im Wind, er lief ohne Rock und Mütze in Sturmeseile über den Damm und vor ihm her in gewaltigen Sprüngen jagte Ruff, der Bär, dessen Kette und Maulkorb daheim in der Schmiede liegengeblieben waren.

Ein furchtbares Gebrüll aus seinem weitoffenen Rachen begrüßte die Todfeinde – er packte den vordersten Wolf am Kragen und riß ihn mitten im Sprunge zurück, gerade im gleichen Augenblick, als die Bestie ansetzte, um über die Sensen hinweg in das Innere des Wagens zu gelangen und dort die Menschen – diese zarteste, erlesenste Beute – mit ihren mordgewohnten Zähnen zu ergreifen.

Beide, der Bär und der Wolf, fielen rücklings zur Erde. Ruff lag unten, Isegrim über ihm und nun schien es, als sei für den tapferen Freund der Zigeuner ein verhängnisvoller Augenblick herangekommen. Blind und toll vor Wut schlug der zweite Wolf seine Zähne in das Fleisch des Bären, ihn zugleich mit den Krallen packend – Ruffs Kehle färbte sich rot, Blutstropfen drangen hervor. Das gewaltige Tier brüllte, es ließ in unerträglichem Schmerz den Widersacher fahren.

Dieser Gruppe zunächst stand Onnen. Ganz der Eingebung des Augenblicks folgend, sprang er federleicht vom Sitzbrett des Wagens über die gekreuzten Sensen und ließ mit aller Macht, deren seine jungen kräftigen Arme fähig waren, den Kolben der Büchse auf des Wolfes Schädel niederfallen. Auch einen Ochsen hätte dieser von der äußersten leidenschaftlichen Erregung geführte Schlag zu Boden strecken müssen, wieviel mehr also nicht den Wolf, dessen Kopf buchstäblich gespalten wurde. Ruff konnte jetzt, alle seine überlegene Gewalt dem einen noch gebliebenen Gegner zuwenden; im nächsten Augenblick hatte er ihm die Kehle durchbissen.

Die Menschen sahen einander an, stumm, schwindelnd, halb betäubt. An einem einzigen Haare hing über ihren Köpfen das Verderben; noch eine halbe Minute und alle Hilfe von Freundeshand wäre zu spät gekommen.

Mikosch untersuchte die Kehle seines Lieblings. Vier Zähne waren eingedrungen, aber nicht sonderlich tief, da das dichte Fell kräftig widerstanden hatte; Ruff konnte sich bei einiger Pflege von dieser Verwundung sehr bald wieder erholen – der Zigeuner gab ihm alle möglichen Schmeichelnamen, er sah mit blitzenden Augen zu dem jungen Deutschen hinüber. »Das vergesse ich dir nie, Herr, du hast meinen Bären vom Tode errettet!«

Onnen lachte. »Im Gegenteil, Mikosch, du und dein Tier, ihr kamt für uns gerade zur rechten Zeit! Hörtest du die Notglocke?«

Der Alte nickte. »Ich war euch mit dem Bären schon ein gutes Stück Weges entgegengegangen«, versetzte er. »Mir lief eine schwarze Spinne über die Hand, das bedeutet allemal Böses, und da dachte ich denn natürlich zunächst an euch!«

»Eine schwarze Spinne, Mikosch?«

»Sicherlich!« rief Feiko. »Weshalb sollte denn der liebe Gott nicht neben allen übrigen Geschöpfen auch einmal dies als Boten benutzen? – Du nahmst dem Bären Kette und Maulkorb ab, Alter, und machtest dich auf den Weg?«

»Ganz gewiß, Kinder. Hab‘ ja so manche Wolfshetze mit angesehen, bin so oft selbst nahe am Rande des Verderbens gewesen – da wird man vorsichtig.«

»Und nun seht dorthin«, fügte er bei. »Die ganze Dorfschaft ist ausgerückt, um euch von den Bestien zu befreien.«

Auf zwei raschen eingeborenen Pferden näherten sich, allen voraus, Jasko und Luiz, dann kamen die Bauern aus beiden Dörfern zu Wagen und zu Fuß, alle bewaffnet, alle voll Kampflust, die nun freilich ohne Anwendung verrauchen mußte. Das belagerte Dorf war erlöst, die Eingeschlossenen konnten sich wieder frei bewegen und der Jubel kannte keine Grenzen.

Nachdem Mikosch die Pferde untersucht und im Verein mit mehreren älteren Bauern für unbeschädigt erklärt hatte, wurden einige junge Leute in das Dorf zurückgeschickt, um sie langsam zum Stalle zu führen, die übrige Gesellschaft dagegen zog mit fünf oder sechs Wagen zum zweiten Male aus, um die Kadaver der erschossenen Wölfe einzusammeln, teils der wertvollen Felle wegen, teils weil das Fleisch und das eingetrocknete Blut verscharrt werden mußten, damit nicht etwa der scharfe Geruch anderweitige unliebsame Gäste dieser Sippe herbeiladen möge.

Reihenweise lagen an der Landstraße die gelben Gesellen mit zerschmettertem Schädel oder durchschossener Brust, manche längst erstarrt, manche noch zuckend, als sie den Gnadenstoß erhielten, um dann abgezogen und an Ort und Stelle verscharrt zu werden. Die Kugeln hatten furchtbar aufgeräumt, beinahe dreißig Wölfe waren erschlagen.

Wie Sieger vom Schlachtfelde kehrten die Bauern in das Dorf zurück, jubelnd empfangen und mit dem Besten bewirtet, was Küche und Keller hergaben. Auch aus der belagerten Ortschaft kamen die Leute, um zu danken; es floß Branntwein in Strömen, und erst spät nach Einbruch der Nacht trennten sich die Festteilnehmer.

Früh am nächsten Morgen schickte der Dorfälteste den Deutschen einen Boten und ließ sie auf den Abend zu sich einladen; es sollte, wie der Mann sagte, nochmals eine Wolfsjagd stattfinden, aber anderer Art natürlich.

»Es ist noch eine von den Bestien zurückgeblieben«, erklärte Mikosch. »Die fängt man dann im Fuchseisen.«

Unsere Freunde gingen in Alexeis Begleitung hinüber und fanden die Bauern eifrig beschäftigt, ihre Jagd einzuleiten. Eng gedrängt standen die hölzernen Hütten beieinander, alle ohne Gärten oder irgendwelche Beete, aber umgeben von weiten Scheunen, die das Vieh, Wintervorräte und Aussaat enthielten, ebenso die Ackergeräte, obwohl das bebaute Feld kaum der Rede wert schien. Diese, die Wirtschaftsgebäude, kehrten ihre glatte Rückseite ohne Türen oder Fenster den Steinbrüchen entgegen.

Auf dem Dache einer Scheune stand ein Bauer und lockerte die Bretter, so daß dieselben durch einen einzigen Griff zu beseitigen waren, dann zogen mehrere Männer einen Ackerwagen in den Steinbruch hinaus und schoben ihn unmittelbar unter die Wand des Gebäudes. Als die Dämmerung herabsank, legten sie in die Scheune, gerade unter das Loch im Dache ein an allen vier Füßen gebundenes, stark blökendes Lamm. Die übrige Herde, lauter Schafe, gingen frei im Stall umher, nur von dem Mittelpunkte durch einige ausgespannte Seile getrennt. Hier lagen, versteckt unter Stroh, die Fuchseisen.

Die Schafe waren unruhig, sie liefen durcheinander und drückten sich ängstlich in die Ecken. Der Bock stieß mehrere Male heftig mit dem Kopfe gegen die Mauer, als wollte er seiner gereizten Stimmung Ausdruck verleihen.

Heller Mondschein glänzte vom Himmel herab. Draußen tanzten die ersten Flocken aus klarer Luft einzeln über das schweigende Dorf dahin; in einer nahegelegenen Scheune beobachteten unsere Freunde die Dinge, welche da kommen würden.

»Ein Wolf ist nur noch übrig geblieben«, hatte der Dorfälteste gesagt. »Eine große, ausgehungerte Bestie, die uns sogleich ihre Kameraden wieder hierherzieht; wir müssen sie schleunigst zu töten suchen.«

So warteten denn eine ganze Menge Bauern mit den Deutschen, alle wohlbewaffnet, auf das Erscheinen des Räubers. Sämtliche Schäferhunde waren an Ketten gelegt und den Dorfbewohnern anbefohlen, sich hinter verschlossenen Türen zu halten; der Wolf sollte zum Angriff ermutigt werden.

»Nach wenigen Tagen würde wieder ein ganzes Rudel vorhanden sein«, sagte Kasimir Strakosch. »Wir müssen ihm unbedingt den Garaus machen«

Ein tiefes Schweigen beherrschte die Versammlung; außer dem angstvollen Blöken der Herde drang kein Laut durch die Stille der Nacht. Zuweilen zog eine Wolke über das Sternengeflimmer da oben, dann fielen die sechseckigen Flocken und der Wind fuhr mit plötzlichem Rauschen in die kahlen Baumwipfel, später eine um so drückendere Ruhe zurücklassend.

Da erschien über dem Rande des niederen Daches eine spitze Schnauze. Isegrim war auf den Wagen gesprungen und besah sich die Gelegenheit.

Alle Schafe blökten, alle Hunde bellten, das gefesselte Lamm schrie herzzerreißend. Kasimir Strakosch hob wie beschwörend die Hand. »Keinen Laut, Freunde! Wenn uns der Wolf bemerkt, so nimmt er Reißaus.«

Mehrere Pferde in der Nachbarschaft rissen an ihren Halftern und wieherten heftig, die Hunde bellten in unbezähmbarer Jagdlust, Isegrim horchte.

Dann hob sich der langgestreckte Leib den Vordertatzen nach. Das Tier stand auf dem Dache, es schnupperte, prüfte die Festigkeit der Schindeln.

Eine derselben fiel mit lautem Geräusch zu Boden. Aus dem offenen Stalle drang warmer Geruch hervor und dem lüsternen Räuber gerade in die Nase – er vergaß, umnebelt von heftiger Begierde, die nötige Vorsicht und riß gewaltsam alle losen Bretter hinweg. Mit einem gewaltigen Sprung erreichte er den Stall und die ersehnte Beute.

»Hurra!« schrie Kasimir Strakosch, »den hätten wir.«

Ein Jammergeschrei schien seine Worte zu bestätigen. Isegrim saß mit beiden Vorderfüßen in den Eisen, aus denen er nicht wieder loskommen sollte; als die Männer den Stall betraten, riß er so verzweifelt an seinen Fesseln, daß das Blut herabrann, aber ganz umsonst, die Bauern erschlugen ihn an Ort und Stelle mit großen hölzernen Keulen, die sich eigens zu diesem Zweck in einer Ecke vorfanden.

Es war kein Schaf beschädigt; der Räuber hatte das arme, als Lockspeise dienende Lämmchen nicht mehr erreichen können. Onnen löste mitleidig seine Bande und trug das zitternde Tier in die entfernteste Ecke, wohin ihm das Mutterschaf sogleich folgte, um »Baby« trinken zu lassen und ihm durch die eigene vertraute Nähe einigermaßen seine verlorene Zuversicht wieder zurückzugeben.

»Im Augenblick sind wir nun von den Wölfen befreit«, seufzte der Dorfälteste, »aber auf wie lange? Es gibt einen strengen Winter; da werden wir also noch manche Belagerung aushalten müssen.«

»Wiederholen sich denn diese Vorgänge alljährlich?«

»Immer. Der Landmann kennt keinen Winter, in dem nicht die Wölfe versucht hätten, sogar sein Haus zu stürmen und womöglich das Kind aus der Wiege zu stehlen.«

»Und das sagt Ihr so ruhig, als könnte es gar nicht anders sein?«

»Das kann es auch wirklich nicht. Viele Geschlechter mögen noch geboren und wieder begraben werden, ehe die Wölfe aus unseren Dörfern verdrängt sind!«

»Das ist ja schrecklich! – Komm, Feiko, laß uns eilen; die Bestien lungern vielleicht in der nächsten Nähe.«

»Aber sie greifen bis jetzt keine erwachsene Person tätlich an, das heißt, wenn dieselben zu Fuß gehen; den Wagen laufen sie nach.«

Eine Anzahl Fackeln wurde herbeigebracht, noch einmal ging die Branntweinflasche von Hand zu Hand, dann verabschiedeten sich die Deutschen, um das Dorf, in dem sie augenblicklich wohnten, wieder zu erreichen.

Unter den Füßen knisterten die Flocken, schwarze blattleere Zweige rauschten im Wind. Hie und da strich ein Häschen, lüstern nach den Kohlfeldern der Bauern, eilig über den Weg, während Scharen von Krähen und Raben aus den Höfen aufflogen, wo sie die Küchenabfälle durchwühlt und alles Genießbare gierig verschlungen hatten.

Wie schnell war auf den glühenden Sommer der kalte Herbst gefolgt. Unter sengender Sonne verbrannte Smolensk – und schon jetzt, so kurz danach, wirbelten wenigstens hier oben in den Bergen Eisnadeln durch die Luft.

Alles so kirchenstill und friedlich, so das Bild vollkommenster ländlicher Ruhe – und doch donnerten unten in den Ebenen des Landes die Geschütze, doch zog die Furie des Krieges in blutrotem Mantel durch alle Gaue und trieb Angst und Schrecken millionenfach vor sich her.

Was mochte geschehen sein seit den Tagen von Smolensk?

Ein Licht bewegte sich zwischen den Bäumen, dunkle verhüllte Gestalten trugen einen schweren Gegenstand hinaus in den Wald; leiser Gesang erscholl von dem düsteren Zuge her.

»Was bedeutet das, Alexei?«

»Raskolnijken sind‘s!« erklärte der Zigeuner. »Altgläubige, die weder den Kaiser noch die Kirche, weder das Gesetz noch die Familie anerkennen. Sie leben, ihrem Gelübde nach, als Nomaden und dürfen nicht innerhalb geschlossener Wände sterben.«

»Deshalb tragen die Männer dort einen Kranken hinaus in den schaurigen blätterlosen Wald zu den wilden Tieren?«

»Ja. Es ist der alte Michailow, er war schon lange krank und hinfällig.«

»Herr des Himmels, welcher Unfug!«

Die Deutschen waren jetzt dem Zuge ganz nahe gekommen. Männer mit langen Mönchsgewändern und dichtanschließenden Kapuzen von gleichem Stoffe, alle ein Kreuz in den Händen, folgten der Bahre; mehr als fünfzig ältere Leute, offenbar aus der Umgebung des Dorfes hierher berufen, um den Glaubensbruder in ihrer Mitte sterben zu lassen. Jeder Mann trug ein Öllämpchen, keiner nahm von den Zigeunern irgendeine Notiz.

Als der Zug vorüber war, schlossen sich die Gebüsche. Der Wald hatte sein Opfer empfangen, um es nicht wieder zurückzugeben. »Und wenn nun der Kranke noch bis morgen, ja wenn er noch Tage lebt, Alexei? Was geschieht dann?«

»Die Raskolnijken halten bei ihm aus, und erst wenn sie den Genossen begraben haben, zerstreuen sie sich wieder nach allen Himmelsrichtungen.«

»Um zu vagabundieren, zu betteln?«

»O, durchaus nicht. Meistens sind die Leute Holzfäller, oder sie leben, solange es das Wetter erlaubt, als Einsiedler in der Nähe von Klöstern und flüchten erst bei dem Eintritt der Kälte in die bewohnten Dörfer.«

»Michailow handelte mit Holzschuhen, die er im Sommer schnitzte«, fügte Jasko hinzu.

»Und jetzt kämpft er den letzten Kampf auf eisiger Erde, ohne Kopfkissen, ohne Decke – wie traurig!«

Feiko schüttelte sich. »Ich habe in den letzten drei Jahren keinen nordischen Winter mehr gesehen“, sagte er, „dieser Ostwind behagt mir nicht ganz.«

Alexei lachte. »Das hier nennst du also den Winter, Herr? Wie wird dir‘s ergehen, wenn er erst wirklich hereinbricht?«

»Dann sind wir hoffentlich nicht mehr in Rußland! Vorwärts, vorwärts, ich sehne mich nach einem tüchtigen Feuer und wärmenden Decken.«

Der Wind pfiff um die Hütten, alle Fenster waren dunkel, nur aus dem des alten Zigeuners glänzte noch schwacher Lichtschein. Mikosch lag mit gestütztem Kopfe und sah in die Flamme, neben ihm kauerte auf dem Stroh der Bär.

Eine wohltätige Wärme drang den jungen Leuten entgegen. Sie schliefen nach der Anstrengung der letzten Tage doppelt tief und nahmen dann etwas später von ihren freundlichen Wirten den letzten Abschied. Mikosch hatte es eilig, nach Moskau zu kommen, er überschlug sogar mehrere Dörfer und beschleunigte, je näher er der Zarenstadt entgegenging, umso mehr seine Schritte.

In der Ebene herrschte bange Furcht vor den heraufziehenden Ereignissen; alle Leute lebten in peinvoller Unruhe. »Er kommt, der Antichrist, er kommt! Wenn ganz Rußland besiegt und niedergeworfen daliegt, dann bricht der jüngste Tag herein!«

»Moskau soll nicht verteidigt werden«, meinten einige. »Der Räuber findet es offen und leer, er mag einziehen, wann er will.« Die große Schlacht bei Borodino war geschlagen und das Volk tief entmutigt. »Gott hat Rußland verlassen«, sagten alle Leute. Noch war bis hierher kein Franzose vorgedrungen, aber dennoch herrschten die Schrecken des Krieges. Flüchtige verließen ihre Häuser, Wertsachen wurden vergraben, Viehherden weggetrieben, Kähne und Fuhrwerke beladen.

An russischem Militär fand sich nichts mehr vor. Um Moskau sollte nach des Kaisers Willen nicht gekämpft werden. Mikosch schien sehr zufrieden. »In der Hauptstadt machen wir gute Geschäfte«, erklärte er. »Vielleicht wird Moskau unser Winterquartier.«

»So daß wir erst im Frühling nach Deutschland zurückkämen?« Der Zigeuner zuckte die Achseln. »Um einige Monate darf nicht gerechnet werden, Kinder. Ich muß Geld verdienen, um eine große Familie zu ernähren und habe dafür gerade jetzt eine günstige Gelegenheit – was euch betrifft, so seid ihr hier in Rußland vollkommen sicher, in Deutschland dagegen würde man euch erkennen und als Deserteure behandeln.«

»Mikosch hat recht!« rief Georg. »Wir sind ihm zu größtem Danke verpflichtet.«

Feiko schwieg. Seine Sehnsucht nach dem Meere verließ ihn nicht, aber er sah ein, daß sie jetzt unerfüllbar sei; mit heimlichem Seufzer bestieg er den Wagen des Zigeuners und teilte gleich den beiden anderen die Mahlzeiten, welche den wandernden Bärenführern und Bettelmusikanten von gutmütigen Menschen geschenkt wurden.

Niemand tanzte mehr, wenn die Geigen der Zigeuner so süß und lockend erklangen, niemand brachte zerbrochenes Geschirr oder kranke Tiere, aber die weinenden Frauen öffneten bereitwillig ihre Speiseschränke und ließen die Söhne des braunen Volkes im Winkel der Isba schlafen. Es war ja eine traurige Zeit – vielleicht galt es schon über ein kleines, unter den Streichen der Feinde zu erliegen und vor Gottes Thron zu erscheinen; da hatte man denn an den armen Zigeunern vorher ein gutes Werk getan.

Nach mehreren Tagen war der Berg des Heils erreicht und von seiner Höhe herab sahen die Reisenden Moskau im Tale zu ihren Füßen daliegen. Helle, kalte Luft wogte um die zahllosen Türme und Kuppeln, um Schlösser und Kirchen; helle, kalte Luft zeigte die Riesenstadt im ganzen Schmucke ihrer unvergleichlichen, morgenländischen Pracht. Aber neben dem blendenden Glanze des Reichtums und der Schönheit erregte auch ein anderer Anblick das Gefühl der Trauer, der Beklemmung. In langen Zügen verließen mit hochbeladenen Wagen die Einwohner ihre Heimat; man flüchtete und ließ hinter sich die Öde zurück, jene Reihen stolzer Paläste und altehrwürdiger Kaufmannshäuser, die dazu bestimmt waren, wenige Wochen später als lodernde Riesenfackeln den ewig denkwürdigen und schmachvollen Rückzug Napoleons aus dem nie wirklich bezwungenen Rußland grell und schrecklich zu beleuchten.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
830 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain