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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 22

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»Wenn wirklich das Regiment des Obersten nicht gegenwärtig wäre«, zögerte Feiko.

»Wirklich nicht, Herr.«

»Dann komm, Onnen!«

Georg Wessel schlief schon, er war auch nach der ungeheuren Anstrengung des Tages nicht zu erwecken, daher gingen die beiden Vettern allein fort, in solche Stadtteile, wo das Feuer bis jetzt noch nicht oder doch nur vereinzelt wütete.

Eine wahre Völkerwanderung bewegte sich zu den Toren. Wer noch einen Wagen oder einen Karren erreicht hatte, der bemühte sich, das bißchen fahrender Habe in Sicherheit zu bringen, während Frau und Kinder neben dem Pferde gingen, meist bitterlich weinend, ratloser als je. Andere, weniger Glückliche trugen auf dem eigenen Rücken Betten, Tische und Stühle, oft das ärmlichste Hausgerät, Dinge, die nicht Wert genug besaßen, um vom Boden aufgehoben zu werden; sie ächzten unter der Last alter Bretter, einer Gartenbank, schwerer Körbe oder Säcke, sie trugen den Käfig eines Kanarienvogels, ein Kätzchen oder einen Hund. Von allen diesen Bedauernswerten wußte kein einziger, wohin er flüchten, wo er in der Nacht sein Haupt zur Ruhe betten sollte.

Ein langer Zug kam des Weges, lauter Kinder in blauen leinenen Kleidern und unter Begleitung mehrerer ernstblickender Männer. Es waren die Waisen der Stadt; jedes dieser armen Verlassenen trug sein Bündelchen über dem Arm, irgendein Spielzeug oder ein Buch, jedes hielt die Hand des anderen, auf allen Gesichtern lag jene geheime verzehrende Angst, von der Kinder, sobald sie nicht sprechen, nicht fragen dürfen, im Augenblick der Gefahr jedesmal ergriffen werden.

Die kleinen Mädchen beteten das Vaterunser; ihre Lehrerinnen folgten weinend, mit gerungenen Händen. Wohin? Wohin? – Gräßliche Frage, wenn die Beantwortung drängt und doch nirgends, nirgends aufzufinden ist, umso gräßlicher, wo es gilt, anvertraute schutzlose Geschöpfe vor allen Gefahren des Leibes oder der Seele zu behüten.

Ein langer, langer Zug; wer ihn sah, der weinte oder rief den Zorn des Himmels herab auf den dreisten Eroberer, dessen Frevelmut ganz Europa in Blut und Tränen badete. Dort drüben stürzten die rauchenden Trümmer des Waisenhauses krachend zusammen; verbrannt war die Stätte, an der arme elternlose Kinder eine Heimat gefunden, verbrannt das Bett, in dem sie geschlafen, der Tisch, an dem sie gegessen, verbrannt der Altar, an dem sie beteten. Hie und da gaben barmherzige Menschen den armen Kleinen ein Geldstück; jammernde Mütter, die ihre eigenen Lieblinge zitternd vor Furcht ans Herz drückten, schluchzende Frauen beugten sich hinab zu den Waisen und küßten sie. »Gott geleite euch! Gott schütze Rußland!«

»In Ewigkeit Amen!«

Einer antwortete dem anderen, ganz Fremde mischten ihre Tränen, ihre Gebete. Rot wie Blut leuchtete über dem brennenden Häusermeer der Himmel, glühend versengte die Luft, prickelnd und voll stäubender Asche, die Haut. In das Dunkel verschwunden waren die Waisen, andere Unglückliche nahmen ihre Stelle ein, alte Leute, alleinstehende Krüppel, denen niemand half, Frauen mit kleinen Kindern, lange Züge von Männern, die zwischen sich kranke oder verwundete Soldaten trugen.

Alles floh vor den menschlichen Hyänen, die nun einrückten, den Teufeln, deren Wüten die Bürger von Witebsk erfahren hatten. Ihnen in die Hände zu fallen, war tausendmal schlimmer, als unter dem Glanz der Sterne am Wegesrande einsam und verlassen zu sterben.

Was regte sich da am Markt in der Ecke neben dem steinernen Heiligen? – Doch nicht alle schienen geflohen.

Ein großes hochgiebeliges Haus brannte in den oberen Etagen, während unten noch alles unversehrt schien. Ein Knäuel von Menschen umstand den Eingang zum Keller, schreckliche Gestalten mit erdfahlen bleifarbenen Gesichtern und tief in den Höhlen liegenden Augen, ihre begehrlichen Finger rüttelten an den Eisenstangen vor der Tür.

»Man muß sie einschlagen!« rief eine Stimme.

»Aber die Polizei!« warnte eine andere.

»Die bekommt erst recht Schläge!«

Brüllendes Gelächter folgte dieser Bemerkung. Wie ein Funke in das Pulver fällt und es hell aufflammen läßt, so entfesselt ein keckes Wort die schlummernden Leidenschaften des Menschenherzens, das Böse, dem bisher zum Ausbruch nur die Gelegenheit fehlte. Ein baumlanger Kerl erkletterte die Statue des Heiligen und setzte sich rittlings auf dessen Schultern.

»Meine Herrschaften, ich schlage vor, Beile zu holen!« schrie er.

»Bravo! Bravo!«

»Aber woher? Hier ist für Beratungen keine Zeit. Das Feuer brennt tiefer herab und die großen Fässer da im Keller zerplatzen, ohne uns ihren Inhalt gegeben zu haben.«

»Den Branntwein!« rief eine, an der Krücke humpelnde alte Frau, »ach den Branntwein – er läßt alle Schmerzen vergessen.«

»Wir wollen ihn auf jeden Fall haben! Ich frage, weshalb die Franzosen das Labsal trinken sollen? Es ist russischer Branntwein, er gehört uns!«

»Ja, ja, er gehört uns!«

Und nun wurden Steine aus dem Straßenpflaster gerissen, nun hatte schon jemand ein Beil herbeigeholt und das Bombardement begann. Schlag nach Schlag dröhnte gegen die Kellertür, immer größer wurde der Haufen, immer wilder der Lärm.

»Da drüben brennt die ganze Reihe – eilt euch, eilt euch, das Feuer kommt in weniger als zehn Minuten hierher.«

Der lange Kerl sprang vom Rücken des Heiligen und schleppte einen ungeheuren Pflasterstein herbei. Das Geschoß flog donnernd gegen die Tür, der Halt derselben war erschüttert, sie wich und stürzte zersplittert in den Keller hinab. Mit lautem Jubel, einander drängend und stoßend, folgten die Massen.

»Hurra, Hurra – sechs große Fässer!«

»Holt Licht, Trinkgeschirre!«

Der Boden des vordersten Behälters war schon eingeschlagen und mehrere Kannen und kleinere Gefäße, die im Keller lagen, mit der ersehnten Flüssigkeit angefüllt. Wie die Wahnwitzigen stürzten Männer und Frauen von der Straße her die Treppen hinab, um einen Anteil der Beute zu erlangen.

»Und oben brennt das Haus«, sagte Feiko. »Gott sei denen gnädig, die da im Keller betrunken liegenbleiben.«

Onnen schauderte; »Welch eine grauenhafte Nacht!«

»Man kann sie nicht warnen – unser bißchen russisch reicht gerade zum notdürftigen Verstehen, aber nicht zum Sprechen!«

Und da brennt bereits das Erdgeschoß!

»Leute! Leute!« rief Feiko, »rettet euch!«

Niemand hörte ihn. Sie waren schon vollständig berauscht, die da drinnen, sie zerschlugen die Fässer und tanzten wie die Wahnwitzigen in dem herausfließenden Spiritus. Hinter dem vorderen Lagerraum befanden sich mehrere andere, Liköre und feine Weine wurden entdeckt – immer brausender erschallte der tolle Jubel. Das Feuer war vergessen; die trunkene Menge dachte an nichts als an das heiße Getränk, welches hier in Strömen floß.

Aus den Fenstern des Erdgeschosses drangen Wolken von Rauch hervor; der Fußboden brannte – plötzlich erschien unten im Keller ein Lichtstreif, eine Flamme sprang auf und ein Schrei aus hundert Kehlen klang zu den beiden jungen Leuten herüber.

»Allmächtiger Gott!« rief Onnen.

Die Worte wurden verschlungen von dem Toben da unten. Aus dem Erdgeschoß regnete es Feuer, die Kleider der im Keller Befindlichen wurden erfaßt, dann der Spiritus am Boden – haushoch schlug mit donnerähnlichem Knalle die blaue Flamme zur Tür heraus.

Und dann war plötzlich alles still. In einen Glutenmantel gehüllt, brennend vom Keller bis zum Dache stand das Haus, eine tiefe Todesruhe folgte dem Tumult in den unterirdischen Räumen, wo noch wenige Minuten vorher verblendete Toren die irdische Glückseligkeit aus Spiritusfässern zu schlürfen wähnten.

»Gräßlich!« sagte schaudernd der Steuermann. »Komm, laß uns auf die andere Seite hinübergehen! – Ich glaube, auch da tobt der Pöbel!«

Aus den Fenstern einer Weißwarenhandlung flogen unaufhörlich allerlei Putzgegenstände auf die Straße hinab, Kleinigkeiten, die zu der Garderobe von Frauen und Kindern gehörten, Spitzen, Schleifen, Hüte, alles wurde mit lautem Jubel in den Straßenschmutz getreten oder auseinandergerissen. Ein Pöbelhaufen wälzte sich durch alle Räume, und Splitter und Trümmer bezeichneten seine Bahn.

Einmal hatte es ein Polizeibeamter gewagt, den Wütenden in den Weg zu treten – seine entsetzlich verstümmelte Leiche lag mitten auf der Straße.

Weiterhin stand unter allen den brennenden, verkohlten und halbzerstörten Holzhäusern ein steinerner Bau, den vorher einer der höchstgestellten russischen Heerführer bewohnt hatte und dessen Türen verschlossen waren. Man mochte an den Abschied nicht gedacht haben; zwei Diener befanden sich im Hause, sämtliche Einrichtungsstücke waren zurückgeblieben – jetzt stürmte das wilde Heer auch diese Schwelle und zerschlug gewaltsam die Tür.

Eine Schar polnischer Studenten kam von der entgegengesetzten Seite und hob drohend die blanken Klingen. »Fort mit euch; das Haus gehört uns!«

Steinwürfe antworteten. »Ihr lügt! Wir sind Russen, ihr seid Polen, Reichsfeinde – macht, daß ihr fortkommt!«

Der Streit ging sofort über in ein Handgemenge; es floß Blut, der Pöbel wich und mit Triumphgeschrei nahmen die Polen das Haus, dessen Hüter inzwischen durch eine Hinterpforte das Freie gewonnen hatten. Den Studenten nach drängten die Massen und auch unsere Freunde gingen mit, um zu sehen, was nun folgen würde. Unten im Erdgeschoß befand sich das Arbeits- und Empfangszimmer des Eigentümers, ein elegant eingerichtetes Kabinett mit Schreibtisch und Bücherbrettern, einem prachtvollen Löwenfell, dessen Kopf als Fußkissen diente, und dem lebensgroßen Ölgemälde des Zaren. Neben dem Sessel stand noch ein Korb mit Weinflaschen, Papiere und Druckschriften lagen umher.

Die Polen fielen wie Wölfe in die Herde hinein in diesen kleinen, behaglich ausgestatteten Raum. Das Bild des Zaren wurde unter ihren Absätzen zu Staub zermalmt, Bücher und Papiere in tausend Fetzen zerrissen, dann folgten die Luxusstücke der Einrichtung.

»Da!« rief einer der Studenten, indem er den Löwenkopf emporhob, »da, ein Schemel für die Füße des Herrn Generals, ein Spielzeug, das mehr als hundert Rubel gekostet hat. So verwendet man die Steuern, das Blutgeld, dem Volke erpreßt!«

Die Pöbelmasse heulte vor Wut. »Man muß sie totschlagen, die Räuber!«

»Ja, ja, totschlagen!«

Jedes einzelne Haar des prächtigen Löwenfelles wurde auseinandergezerrt, der Schreibtisch zerschmettert, die Spiegel und Polstermöbel vernichtet; dann folgte das anstoßende Zimmer mit einem wertvollen Flügel, Noten und eingelegten Tischen – selbst zwei silberne Leuchter waren auf dem Instrument stehengeblieben. Die Studenten zerschlugen alles; der Pöbel stahl, was ihm des Mitnehmens wert erschien.

»Aha«, rief eine Stimme, »hier kommt das Zimmer der Frau Gemahlin! Seht, Leute, das ist der Ort, wo sie ihre leibeigenen Sklavinnen bei schlechter Laune als Nadelkissen benutzt, oder, wenn so ein armes Ding nach ihrer Ansicht zu wenig Flachs versponnen hat, denselben der Säumigen um die Finger wickelt und dort verbrennt!«

Ein neues Geheul folgte dieser Rede. Solch ein kostbares Bette mit Seidengardinen und Kissen aus Eiderdaunen; feine Salben und Essenzen, tropische Blumen, Konfekt, ein armes seidenweiches Schoßhündchen, das sich zitternd verkroch, ein Betaltar aus Silber und Elfenbein – hei, so eine Generalin kann es schon aushalten, indes die Menge hungert!

Man raufte um die Kleinigkeiten, ohne sie brauchen zu können, Bettlerinnen hüllten sich in samtne Mäntel, Fischweiber packten Ballhandschuhe und Spitzenschleier in ihre schmutzigen Schürzen – das wehrlose Hündchen schleuderte jemand hinaus auf die Straße, dann wurde der Plünderungszug weiter fortgesetzt und die Vorratskammern ihres Inhaltes beraubt.

Halb betäubt gelangten Feiko und Onnen wieder auf die Gasse. Überall brannte es, überall wütete der Pöbel. Die ersten Strahlen des jungen Tages schimmerten durch all den Graus, durch Rauch und lodernde Flammen; auf den Straßen befand sich kein anständiger Mensch mehr – wer nicht die Stadt schon vor diesem Zeitpunkte verlassen hatte, der suchte Schutz in einer der vielen Kirchen.

Dicht gedrängt standen und saßen hier die ihrer Heimat beraubten Menschen. Jeder Platz war besetzt, jeder Winkel barg schluchzende Unglückliche. Mütter mit kleinen Kindern, Alte, Kranke, Krüppel und Blinde, alle Hilflosen und Elenden hatten sich hier zusammengefunden.

Mutige Männer, Helden, den edelsten Vaterlandsverteidigern gleich, waren auf die bedrohten Kirchtürme gestiegen und hatten das Feuer im Entstehen gelöscht. Rings lagen ganze Straßen, ganze Stadtteile in Asche; die Gotteshäuser blieben verschont.

Horch – Trommelklang! Und da begannen auch wieder die Kanonen ihre gewaltige dröhnende Sprache.

Was war das?

Der Morgen dämmerte rosig und golden; Napoleon übersah die geräumten Stellungen der Russen, er fand den Weg frei und zog ein in die unglückliche Stadt. Aber der Feind war doch noch näher, als er geglaubt haben mochte; von den umliegenden Höhen begannen Kugeln einzuschlagen in die Reihen der Soldaten – es schien, als solle der Kampf abermals eröffnet werden.

Napoleon ritt den Truppen voraus durch menschenleere brennende Straßen, begleitet von den beiden Marschällen Ney und Davoust; er übersah finsteren Blickes das Gebiet, von welchem sich die Russen zurückgezogen hatten, ohne eigentlich besiegt zu sein.

Der Pöbel scharte sich um die Reiter, die Polen jauchzten ihnen voll stürmischer Freude entgegen. »Hoch Napoleon! Hoch der Befreier!«

Die Geschütze donnerten; heller und heller wurde der Morgen. Dicht am Wege, inmitten der Menge standen unsere Freunde; sie sahen aus nächster Nähe in das Antlitz des Gewaltigen, in Davousts hartes grausames Gesicht. Blut rieselte unter einer Stirnbinde hervor: der Marschall war verwundet, er schwankte vor Ermattung auf dem Pferde.

Orgelklang tönte aus dem Innern einer Kirche – Napoleon blickte auf, er setzte das Glas an die Augen, dann sprach er mit den Generalen.

»Von hier aus müßten sich die Geschütze da oben zum Schweigen bringen lassen!«

Ein Adjutant sprengte davon, vier Kanonen rasselten herbei, Soldaten öffneten die Flügeltüren der Kirche.

Jählings zerriß der Akkord, ein Schrei des Entsetzens trat an seine Stelle. Pferdeköpfe unter dem Portal des Gotteshauses, Pferdehufe in seinen heiligen Hallen?

O der Entweihung, des Greuels!

Mit erhobenen Armen warf sich ein Geistlicher den Eindringenden entgegen, mit flammenden Worten bat er um Schonung, um Gerechtigkeit.

Napoleon winkte den Soldaten. »Beiseite mit dem verrückten Pfaffen!«

Die Pferde zogen an; wie im Wahnsinn flüchteten drinnen die dichtgedrängten Scharen zu den anderen Ausgängen. Über zuckende Menschenkörper trieb man die Räder, schonungslos hinein in die Massen der Unglücklichen.

Kalt, ungerührt übersah der Kaiser vom Pferde herab das grauenvolle Blutbad, bei dem Zahllose, meist Frauen und Kinder, ihren Tod fanden. Die Geschütze wurden an vier Fenster gebracht, sämtliche Hindernisse entfernt und so von der auf einer Anhöhe gelegenen Kirche aus die russischen Batterien beschossen.

Onnen wandte sich ab, schaudernd, leichenblaß. »Komm, Feiko. Das zu ertragen ist mehr als ich vermag.«

Sie suchten das Haus, in dem die Zigeuner lagerten, und sanken ermattet auf die Streu. Von allem Furchtbaren, was sie bis jetzt gesehen, waren die Ereignisse dieser Nacht das Furchtbarste.

Sobald die Truppen ihren Einzug gehalten hatten, ließ der Kaiser den Brand löschen und die Toten beerdigen, ebenso wurde in aller Eile die völlig verbrannte Brücke wiederhergestellt und die Mauer ausgebessert. Bei der Abwesenheit aller Behörden, dem gänzlichen Mangel an Geld und Lebensmitteln mußten die Soldaten zusammenstehlen, was sie zu ihrer Sättigung brauchten. Äpfel und Birnen, auf den Bäumen gebraten, Gartengemüse, Feldfrüchte, alles wurde verzehrt und zerstört, alle Möbel aus den geretteten Häusern hervorgeholt und, nachdem die noch vorhandenen Einwohner hinausgetrieben worden waren, die Kirchen als Wohnräume in Besitz genommen oder zu Stallungen benutzt.

Ein großer Teil der Soldaten lagerte aber trotzdem im Freien, überall waren Zelte aufgeschlagen, Strohhaufen geschichtet und Feuerstellen angelegt; die totenstille, verbrannte Stadt glich einer ausgestorbenen Welt, in der nur von Zeit zu Zeit getrommelt und geblasen wurde, die aber keine fröhlich jauchzenden Kinder mehr barg, keine arbeitenden, schaffenden Menschen, kein Glück irgendeiner Art.

Selbst die Kirchenglocken schwiegen, die Predigt und die Orgel; über Aschenhaufen wehte der Wind durch verödete, erstorbene Straßen.

Mikosch rüstete zum Aufbruch. Ringsumher an verschiedenen Orten wurde gekämpft, die Franzosen nahmen Punkt nach Punkt – es galt also, den russischen Befehlshabern ihre Stellung, ihre Bewegungen und Pläne zu hinterbringen.

Damals wie heute beschäftigten im Kriege die beiderseitigen Heerführer zahlreiche Kundschafter, und zu diesen gehörten in erster Linie Juden und Zigeuner, die Angehörigen zweier besonders durch Schlauheit hervorragenden Völkerschaften. Alles, was wanderte, handelte und gern Geld verdiente, das zog als Parteigänger von Ort zu Ort.

Jetzt kam die Zeit, wo Ruff als Hauptperson im Vordergrunde der Handlung stand. Die Zigeuner trugen ihre schlechtesten Lumpen, fuhren mit dem abgetriebensten magersten Klepper, welcher sich auffinden ließ, und baten unter den kläglichsten Gebärden um ein Stück trockenes Brot. Dabei aber hielt Mikosch die Augen offen, und in gar mancher Nacht verschwand er heimlich, um dann erst nach vielen Stunden oder Tagen wiederzukehren, immer sehr vergnügt und freigebig, so daß in verborgenen Winkeln auf Rußlands Wohlergehen verschiedene Flaschen Wein getrunken und leckere Braten dazu verspeist wurden.

Einmal kam er von einem solchen Streifzuge mit sehr ernstem Gesichte zurück. »Der Korse unternimmt das Unerhörte, Kinder, er marschiert nach Moskau!«

Feiko Hansen klatschte in die Hände. »Hurra!« rief er. »Das bricht ihm den Hals!«

Mikosch wiegte den Kopf. »Aber vielen andern Leuten auch!« seufzte er, »und das ist das Traurige.«

»Einerlei, einerlei – wir sehen die französische Armee noch auf der Flucht! In sich zersetzt und zerfallen, vom Hunger aufgerieben, vom Geiste der Zügellosigkeit erfaßt ist sie schon heute. Außer seiner Garde hat Napoleon keine wirklichen Soldaten mehr, hier in Rußland sind sie zu Räubern geworden.«

»Vater!« warf Jasko ein, »gehen wir nach Moskau?«

»Sicherlich. Den Franzosen voraus sogar. Und soll ich dir noch eins sagen? In Moskau begegnet uns Oberst Jouffrin.«

Der jüngere Mann sah auf; seine und des Vaters Blicke trafen einander. Beide schwiegen, aber sie verstanden sich vollkommen.

Mikosch kannte, wie es schien, jeden Schlupfweg, jede Niederlassung rings umher. Wo ein französisches Regiment biwakierte, dahin lenkte er den Leiterwagen und Ruff begann seine Kunstleistungen. Die armen Zigeuner erschienen dann so bemitleidenswert, sie erhielten nirgends Geld oder Geschenke – es war eben für sie eine recht böse Zeit. Ruff tanzte, er exerzierte mit dem Stock, er konnte eine Pistole abschießen und besaß sogar eine Gitarre, deren Saiten sich den Griff seiner gewaltigen Tatzen gefallen ließen.

In neuester Zeit hatte ihm Mikosch noch verschiedene andere Kunststücke beigebracht. Ruff lernte Zählen und – Singen. Auf Kommando öffnete er den furchtbaren Rachen und stieß langgezogene melancholische Töne hervor, bis sich die Soldaten vor Lachen wälzten. Dann regnete es gute Bissen, Mikosch erfuhr dieses oder jenes; das Nachtquartier durfte in der Nähe der französischen Feuer aufgeschlagen werden.

Vor den Truppen, ihnen voraneilend, durchzogen Angst und Schrecken das weite Land. Wo eine Hütte oder ein Edelhof allein am Waldesrande lagen, da waren sie verlassen; in kleinen Dörfern sahen bleiche Gesichter den Zigeunern entgegen, oft hatten die unglücklichen Bewohner alle ihre Habe im Stiche gelassen und waren in die Wälder geflüchtet.

Mit dem Beginn des Monats September veränderte sich das bisher heiße Wetter so plötzlich, daß schon kalte Tage eintraten; der Wald zeigte sein Herbstkleid, die Wellen der Oka gingen hoch und ganze Schauer von gelben und roten Blättern tanzten im Wind.

Es war an einem Nachmittage, als Mikosch mit den seinen in dem Dorfe Borodino anlangte. Ein feiner Nebel hing in der Luft, die Sonne sandte keinen Strahl zur Erde – kalt und heimlich durchfröstelnd kam in Pausen ein stärkerer Hauch von den Höhen herab.

Die Glocke des Kirchleins läutete wie zur Totenfeier. In langen Zügen wanderten die Bauern bis an das Ufer eines kleinen Sees, der am Waldesrande seine Wellen kräuselte; hier scharten sie sich stillschweigend und warteten mit gesenkten Köpfen, während auf dem Wasser ein Boot schaukelte und die Glocke fortwährend leise Trauerklänge hinaussandte in das graue Nebeltreiben des Tales.

Der Wagen hielt und die Zigeuner mischten sich unter das Volk Weinende Frauen, Männer mit bleichen Gesichtern bildeten einen Kreis, der nicht allein den See umschloß, sondern auch den Weg zur Kirche noch besetzt hielt; endlich ertönte der Ruf eines jungen Mannes: »Sie kommen!«

Stärker wurde das Schluchzen, eins nach dem anderen warfen sich die Leute auf ihre Knie und beteten.

Grau unter dem grauen, nebelverhüllten Himmel erschien ein Zug von Mönchen, die auf ihren Schultern einen größeren Gegenstand trugen. Es glänzte und blitzte – ob es Gold war?

Jede Stirn neigte sich zur Erde, alle Hände waren gefaltet. Langsam auf den Schultern der Geistlichen erhob sich ein Kreuz aus massivem Golde, meterhoch, von unschätzbarem Werte, das Kreuz des heiligen Iwan, vor Jahrhunderten der Kirche von frommen Gebern gestiftet, ihr teuerster Schmuck, ihr Kleinod – jetzt sollten sie es dem ungewissen Schicksal preisgeben, vielleicht verlieren.

Langsam wurde die Reliquie zu Boden gelassen, dann näherte sich das Volk, um sie zu berühren, zu küssen. »Schütze uns, heiliger Iwan, gib, daß die Feinde an unserem Dorfe vorüberziehen, daß wir gerettet werden!«

Rings Schluchzen und bitteres, tiefes Weh. Weithin schlug der See seine grauen Wellen; hoch in den Wolken schrie heiser ein Rabe.

Von Hand zu Hand ging das Kreuz bis in den schwankenden Kahn. Zwei Mönche legten es auf den Boden, dann nahmen sie in Empfang, was sonst noch vor der Raubgier des Feindes an heiligem Gute geflüchtet worden war, das Altargerät, die Monstranz. Leise klirrten kleine goldene und silberne Glöckchen; ein halberstickter Laut der Herzensangst ging durch die Reihen des Volkes.

Und dann stieß der Kahn ab. Mitten auf den See hinaus trieben ihn die Mönche – unter tiefer Todesstille wurden die Heiligtümer der Kirche hinabgesenkt in den Schoß des Wassers; Stück nach Stück verschwand, bis sich die Wellen murmelnd schlossen, bis das graue Einerlei alles bedeckte, alles verhüllte.

Wie von einem Leichenbegängnis kehrten die Leute in ihre ärmlichen hölzernen Häuser zurück. Auf den Anhöhen standen die Russen, von Smolensk her wälzten sich Massen französischer Truppen; eine dumpfe Verzweiflung schnürte die Herzen zusammen.

Smolensk gefallen und Mütterchen Moskwa bedroht – das Ende aller Dinge schien nahe.

Unsere Freunde gelangten noch vor Abend in das russische Lager und setzten dann durch Fichtenwälder ihren Weg weiter fort. Hier verstummte zum erstenmal der laute Lärm des Krieges; von den französischen Horden war noch keine einzige so weit vorgedrungen, der äußere Friede durch nichts gestört. Grüne Nadelhölzer dehnten sich scheinbar endlos, unter den Füßen knisterten abgefallene Sprossen; kälter und kälter ging der Wind.

In den wenigen Walddörfern waren die Bewohner guten Mutes. Nur vereinzelte Nachrichten über den Gang der Dinge hatten ihre Einsamkeit hier oben unterbrochen; sie hielten sich für ganz sicher und meinten, der russische Winter werde die Gäste aus dem Süden schon vertreiben.

Den Zigeunern überließen sie willig ihre Scheunen als Nachtquartier, luden sie an ihre wohlbesetzten Tafeln und schenkten ihnen wärmere Kleider. So hoch hinauf in die Berge würden sich ja die Franzosen nicht versteigen.

Es kam jetzt die Zeit zum Beginn der Winterjagd. Bär und Wolf, Luchs und Wildkatze hatten ihren Sommerpelz abgestreift; die Fallen waren gestellt und neuer Schießbedarf eingekauft. Hier oben lebte alles von der Jagd und dem Pelzhandel – man rüstete sich, den ersten Fang einzuheimsen.

Mikosch saß am flackernden Feuer und lötete das Hausgerät der Frauen. Alljährlich kam er auf seinem Zuge durch Rußland in diese weltabgeschiedenen Jägerdörfer, wo er als lebende Zeitung galt, als langerwarteter und gern gesehener Berichterstatter, nebenbei aber auch als ein Tausendkünstler, der alles heilte und ergänzte, was im Laufe des Jahres schadhaft geworden war. Mikosch konnte kranke Pferde kurieren, zerbrochene Scheren flicken, Lederzeug ausbessern und zur Not ein Flintenschloß wieder instandsetzen; er verstand es aber auch, den Neugierigen im Dorfe wahrzusagen, kannte allerlei Zeichen, die auf einen strengen oder milden Winter schließen ließen, und musizierte endlich im Verein mit seinen Söhnen so prächtig, daß die alten Frauen weinten und die jungen tanzten – je wie er‘s machte.

Diesmal hatte man ihn schon nicht mehr erwartet; er war über die gewohnte Zeit hin ausgeblieben und fand daher gehäufte Arbeit, die nun neben dem Kohlenbecken im offenen Schuppen an seiner Seite lag. Altersschwache Teekessel, Kinderspielzeug, Schlittschuhe, Küchengerät, alles harrte in buntem Durcheinander der Hand, die jeden Schaden ausbesserte, jeden Riß flickte und überall heilend und glättend eingriff.

Die Armen erhielten ihre Siebensachen umsonst; wer nicht zahlen konnte, der gab ein »Gott lohn‘s« als Dank und Mikosch nickte ihm freundlich zu. »Lauf nur, Alte, trink deinen Tee mit Gesundheit! Ich hab‘s gern getan.«

Auch die drei anderen hämmerten und feilten fleißig mit, während die Deutschen auf die Jagd gingen, aber außer den überreich vorhandenen Vögeln, namentlich den Hühnern, keinerlei Wild erlegten. Erst am dritten Tage nach ihrer Ankunft brachte ein unvorhergesehener Zufall ihnen das ersehnte Vergnügen im vollen Maße.

Es war kalt, der offene Schuppen hatte eine Strohwand erhalten und das Feuer, durch starke Eichenklötze genährt, brannte lichterloh – da sprengte ein Reiter auf einem der kleinen eingeborenen Pferde über die Dorfstraße daher, aber noch bevor er die ersten Häuser erreicht hatte, taumelte das Tier, strauchelte, erhob sich wieder und stürzte, um nicht mehr aufzustehen. Ein Strom von Blut drang aus dem Maul hervor – es zuckte noch ein paarmal, dann starb es.

Der Reiter, ein junger Bauer, sprang gewandt zu Boden und näherte sich den Häusern, aus denen Männer und Frauen neugierig herbeiliefen; auch die Zigeuner gesellten sich zu den übrigen und Mikosch besah zuerst das verendete Pferd. »Es ist tot, mein Söhnchen«, sagte er, sich zu dem jungen Manne wendend, »was trieb dich denn zu so übermäßiger Eile?«

»Rede! Rede!« drängten auch die Dorfbewohner. »Was gab es, Kasimir Strakosch?«

Der Bauer schöpfte tief Atem. »Ich bin mit genauer Not dem Tode entronnen«, versetzte er, »achtzehn Wölfe waren auf meinen Fersen!«

»Achtzehn Wölfe?«

»Ja! – Unser Dorf wird belagert!«

»Von den Franzosen?« rief Onnen.

»Was? Franzosen?«

»Nein! Nein!« erklärte Mikosch. »Das kennt ihr nicht, Kinder. Die Wölfe belagern ein Dorf, um zu den Herden zu gelangen, aber sie wagen sich nicht hinein, sondern lungern nur hinter den Häusern herum, so daß die Bewohner gefangen sitzen. In solchem Falle werden dann der keckste Reiter und das schnellste Pferd ausgesucht, um von draußen Hilfe herbeizuholen.«

»Das heißt, Leute, welche den Wölfen zu Leibe gehen?«

»Natürlich!«

»Wir werden es sein!« rief Onnen. »Wir, nicht wahr, Alexei?«

»Vielleicht nimmt man uns mit!« lächelte der Zigeuner. »Die Sache ist nicht ganz so leicht, wie du dir denken magst, Freund Onnen.«

Auch die trägen, schwerfälligen Bauern rings umher waren lebendig geworden. Ein von den Erzfeinden, den Wölfen, belagertes Dorf ist im Walde ein Ereignis, das die tatkräftige Hilfe der Nachbarschaft wie kein anderes herausfordert. Vielleicht konnten die Eingeschlossenen nicht einmal zur Quelle gelangen, jedenfalls waren ihre Kinder, ihre Herden bedroht – da durfte auf keinen Fall länger gezögert werden.

Ein paar lange schmale Wagen kamen zum Vorschein, Jagdwagen, die nur zur Wolfshetze dienten, alle Hände regten sich, alle Stimmen sprachen durcheinander.

Der fremde Bauer wurde gastfrei bewirtet, das gefallene Pferd schleunigst abgehäutet und verscharrt, die Wagen mit Waffen, Munition und Lebensmitteln versehen, dann ein starkes Bündel Heu an ein Seil gebunden und das andere Ende dieses letzteren an das Hinterteil des Wagens befestigt.

Aus einem Stalle holten während dieser Vorbereitungen die Frauen zwei kleine junge Schweine hervor und steckten sie, jedes für sich, in Säcke, die oben fest zugeschnürt wurden.

»Was bedeutet das?« fragte Onnen.

Alexei kniff lächelnd eins der Tierchen, und als dieses sogleich zu schreien begann, sagte er: »Das bedeutet es! – Du wirst nun die russische Wolfsjagd aus dem Grunde kennenlernen, Herr.«

Zwei nicht mehr ganz junge Bauern hatten mittlerweile ihre Pelzröcke angezogen und die langen Stöcke, mit denen man in Rußland die Pferde antreibt, herbeigeholt. Jetzt wurden beide Wagen bespannt, die Säcke mit den Schweinen hineingelegt und die besten Schützen ausgesucht.

»Mikosch, willst du mit?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Nehmt den Alexei«, entschied er, »der versteht‘s. In jeden Wagen außer dem Kutscher vier Männer, denke ich, also meine Freunde und vier von euch Bauern.«

»Du, Michael, du, Jakob und ihr beiden da drüben! Jetzt wären wir fertig!«

Vier Bauern hatten in dem ersten Wagen auf dem einzig vorhandenen Mittelbrett Platz genommen, und zwar so, daß sie zu zwei und zwei einander den Rücken kehrten. Auf diese Weise konnten unbehindert beide Seiten des Weges beobachtet werden.

Die drei Deutschen und Alexei nahmen den zweiten Wagen, der Bauer aus dem fremden Dorfe setzte sich zum Kutscher und fort ging es.

»Werden wir nun die Wölfe offen angreifen?« rief Onnen, bei dem die Hoffnung auf das erwartete Vergnügen bis zur Aufregung stieg. »Weshalb konnten sich denn die belagerten Bauern nicht selbst auf die Jagd begeben?«

»Das wirst du schon sehen, Herr. Man braucht für diese Hetze eine vollkommen freie Bahn, um sie glücklich zu Ende zu führen.«

Die beiden Wagen mit ihren niedrigen Rädern flogen über den ebenen Weg dahin, so schnell die Pferde zu laufen vermochten; nach einer kleinen Stunde kam das belagerte Dorf in Sicht. Die ärmlichen Holzhütten standen in einem von Bergschluchten umgebenen Tal, Hohlwege führten überall hinein, ein steiniger umbuschter Grund lag vor der Fahrstraße, die sich vollständig leer den Blicken der Jäger darbot. Weder hier noch zwischen den Hütten sah man ein lebendes Wesen.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
830 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain