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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 25
Sie streckten sich auf das Lager und schliefen sofort ein; Onnen dagegen wachte und beobachtete heimlich; er konnte kein Auge schließen, so gern er auch wollte.
Gegen ein Uhr nachts regte sich Mikosch und tastete nach der Hand seines neben ihm schlummernden ältesten Sohnes.
»Jasko!«
»Ja, ja – ich komme schon.«
»Laß die Fremden nichts merken, mein Junge. Solch ein jugendliches Gewissen ist oft überzart – sie könnten uns hinderlich werden.«
»Das dachte ich selbst, Vater.«
Auch Luiz und Alexei wurden geweckt, dann stahlen sich alle geräuschlos davon, so leise, daß weder Feiko noch Georg erwachten.
Als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, sprang Onnen vom Lager auf; sein Herz klopfte schneller, sein Atem flog. Ob die Zigeuner auf- und davongingen, heimlich, um sich ihrer Gäste bei guter Gelegenheit zu entledigen?
Aber nein, es war undankbar, gegen den gutmütigen Mikosch einen solchen Verdacht in sich auf kommen zu lassen.
Und doch konnte Onnen nicht mehr schlafen; er versuchte umsonst, die beiden anderen zu erwecken, sie antworteten mit einigem Murmeln und schliefen sofort wieder ein.
Onnen lief ungeduldig die Treppe hinauf; er rüttelte ganz leise an der Tür der Witwe Müller. »Otto!«
Sein Freund antwortete ihm zwar nicht, aber er erschien persönlich. »Was gibt es, Onnen? – Die Zigeuner sind alle im Hofe beschäftigt.«
»Das hast du gehört, Otto?«
»Gehört und gesehen! Sie hantieren noch bei dem Bären herum.«
»Willst du mich begleiten?« raunte Onnen. »Ich möchte sehen, wohin sich Mikosch begibt.«
»Gleich!«
Nach kaum zwei Minuten erschien er auf dem Flur und beide schlichen hinunter in den Torweg, wo sie sich auf die Lauer legten. »Otto«, flüsterte Onnen, »kannst du dich ohne Licht in Moskau zurechtfinden?«
»Vollständig. Ich bin seit sechs Jahren hier.«
»Dann geh mit mir, ich bitte dich.«
»Das brauchst du nicht erst. An dem Tage, als deine Hand mir das Brot und die Äpfel gab, da – «
»Ach, sprich doch nicht davon!«
»Ich muß es, Onnen. Meine Mutter und das kleine Mariechen hungerten; du hast sie gerettet und dadurch bleibe ich, solange ich lebe, dein Schuldner.«
»Mein Freund willst du sagen, Otto! – Aber still, sie kommen!«
Die beiden drückten sich in das Dunkel des Treppenaufganges und kamen erst wieder zum Vorschein, als die Zigeuner vorübergegangen waren. »Was trugen die Leute?« raunte Otto. »Sie waren alle vier schwer beladen.«
»Gott weiß es. Aber Ruff war nicht dabei und den würde Mikosch um keinen Preis im Stiche lassen; sie kommen jedenfalls hierher zurück.«
»Laß uns ihnen einstweilen folgen«, riet Otto. »Komm, du kannst dich überzeugen, wohin sie gehen und was sie betreiben.«
Onnen nickte. »Immer zu«, sagte er. »Ja, ja, das ist das beste.«
Sie schlichen den Männern nach und sahen dieselben in eine Seitenstraße einbiegen. Man näherte sich dem reicheren, eleganteren Viertel; Kirchen und stolze Paläste lagen in erhabener Ruhe da, hohe Eisengitter trennten die Häuser von der Straße, Türen und Erker in morgenländischer Pracht ragten zum Himmel empor.
Die Zigeuner hielten inne, sie trennten sich und schlichen einzeln in die Türen der dunklen Gebäude, offenbar mit Hauptschlüsseln versehen, welche alle Pforten und Tore öffneten; ihr Aufenthalt dauerte immer nur kurze Zeit, dann kamen sie wieder zum Vorschein und eilten weiter. Mikosch ging in die offene Vorhalle einer Kirche, er machte sich im Hintergrunde derselben zu schaffen und trat dann hinaus auf die Straße, indem er das Gitter offen ließ. Wo die Männer gewesen waren, da blieben hinter ihnen alle Zugänge geöffnet.
»Laß uns nachsehen«, flüsterte Onnen. »Das begreife doch ein anderer!«
Sie schlugen mit Stahl und Stein einen Funken, den der bereitgehaltene Zunder auffing, und setzten dann eine kleine Blechlaterne in Brand. Das Gitter wurde geöffnet; uralte steinerne Heilige, Männer und Frauen, standen an den Wänden, eine Sammelbüchse aus Eisen befand sich in der Mitte, rechts und links führten hohe, dunkle Gänge in das Innere der Kirche.
»Sieh da!« flüsterte Otto, »ich dachte es mir!«
Hinter einem Heiligenbilde, bedeckt von Spänen und Lumpen lag ein Haufen leicht entzündbarer Stoffe; Schwefel, Teer und Pech, alles mit Spiritus getränkt. Weiterhin waren die Eichentäfelungen dick mit Teer überstrichen; es bedurfte nur eines Funkens, um das Ganze in Brand zu setzen.
Im Innern der Kirche lagen an mehreren Stellen dieselben Anhäufungen von Zündstoffen – Onnen sah bei dem schwachen Schein der Laterne die wundervolle Bilderpracht ringsumher, den Samt und das Gold der Stickereien; er schauderte.
»Soll das alles verbrennen, alles in Asche zerfallen? – Wie schrecklich!«
Otto schüttelte den Kopf, seine jungen Augen blitzten. »Mag ganz Moskau in Flammen aufgehen«, rief er, »wenn nur der Feind unter den Trümmern erschlagen wird!«
Onnen hob die Laterne. Kristall und Gold glänzten von der Wölbung herab, üppige, wundervolle Schönheit blendete das Auge, wohin es sah. Ein Kreuz aus Elfenbein mit dem dornengekrönten Heiland schmückte den Altar – wie anklagend, unsäglich traurig blickte das Auge des Gottessohnes zum Himmel empor. Ein Lichtstreifen fiel gerade auf das Bild und unten am Boden auf die Zündmassen, welche es vernichten sollten. —
»Komm fort«, sagte flüsternd unser Freund. »Das ist schrecklich.«
Draußen war jetzt von den Zigeunern nichts mehr zu entdecken; die beiden jungen Leute gingen noch in einige leerstehende Paläste, wo sie die gleichen Vorbereitungen zu einer allgemeinen Feuersbrunst wieder antrafen, dann wollte Onnen nach Hause zurückkehren, als Otto auf ein hohes altes Gebäude zeigte und leise flüsternd sagte: »Da wohnt mein Brotherr, ein unermeßlich reicher Kaufmann, in dessen Kontor ich arbeitete. Er will die Stadt nicht verlassen!«
Onnen schüttelte den Kopf. »Das Haus ist leer, ich wollte darauf wetten – und da kommt Luiz zum Vorschein, er hat Brandstoffe hineingetragen.«
Der Zigeuner verschwand und die beiden jungen Leute näherten sich der offenen, im Winde klappernden Tür. »Wenn ich wüßte, daß niemand zugegen ist, so würde ich hinaufgehen in den Gesellschaftssaal«, raunte Otto. »Dort steht eine große Spieluhr; ich habe sie einmal angehört!«
»Wir können es ja versuchen«, antwortete Onnen. »Begegnet uns jemand, so fragen wir nach dem Besitzer und helfen uns irgendwie durch. Aber das Haus ist leer, glaube mir‘s, sonst würden doch die Fenster verhüllt und die Tür geschlossen sein.«
Sie betraten das Parterre – auf allen Stufen der mit kostbaren Teppichen belegten Treppen fanden sich Teer und Hobelspäne. Im ersten Stock standen sämtliche Türen weit offen, verschiedene Gegenstände lagen am Boden, alles machte den Eindruck, als sei das Haus von den Bewohnern erst kürzlich und in fliegender Hast verlassen worden.
Onnens Laterne beleuchtete den Gesellschaftssaal mit seinen grau und violetten Samtmöbeln, seinen Kronleuchtern und Wandgemälden – auch hier hatten emsige Hände der Zerstörung vorgearbeitet. Unter den reichen Falten der Vorhänge und Portieren, unter Schränken und Tischen lagen die Späne, ja sogar im Gehäuse der Spieluhr.
Otto riß Werg und teergetränkte Lumpen mit schnellem Griff heraus. »O, das ist schändlich, du solltest nur die wundervollen Töne hören! Ob ich sie aufziehe, Onnen?«
»Weshalb nicht? Laß sie ihr Schwanenlied singen; vielleicht steht schon morgen um diese Zeit kein Stein mehr auf dem anderen.« Ottos Hand drehte den Mechanismus; erst leise, dann in gewaltigen Akkorden erklangen die verborgenen Stimmen des Kunstwerkes.
Es war ein geistliches Lied, dessen Melodien das stille, verlassene Haus durchrauschten, ein Gebet zu dem, dessen Auge alles sieht, dessen Wille die Schicksale der Völker und der einzelnen mit gleicher unbeirrbarer Treue lenkt. Als solle das Räderwerk, ehe es von der Vernichtung ereilt wurde, noch einmal trösten, noch einmal das zagende Herz an Gottes Thron führen, so verklangen im leisen, nur geahnten: »Herr, dein Wille geschehe!« die letzten beiden Töne. Onnen und Otto sahen einander an. Seltsames Gefühl, so in der dunklen windigen Herbstnacht ganz allein im fremden, dem Untergange geweihten Hause, ganz allein in der Stadt, wo es kein Gesetz und keine Behörden mehr gab, niemand, der Recht sprach oder Unrecht verhinderte, wo der Schritt der Zeit gleichsam zögerte und das hereinbrechende furchtbare Unglück seine Schatten voraussandte.
»Horch!« flüsterte Onnen, »eine Kirchenuhr! Vielleicht ist auch für sie diese Nacht die letzte.«
»Aber der Turm erschlägt im Fallen eine Schar unserer Feinde – nur einen, einen einzigen! Dafür mag er stürzen.«
Eine Tür öffnete sich, ein schlaues braunes Gesicht blickte in den Saal. »Mikosch!« rief Onnen, »du bist es!« Der alte Zigeunerhauptmann blinzelte und nickte. »Wolltest du dich überzeugen, wohin wir gegangen waren, Kleiner? Schon gut, schon gut, ich nehme dir‘s wahrhaftig nicht übel, hätte es selbst an deiner Stelle so und nicht anders gemacht.«
»Kümmert euch um das, was wir vornehmen, gar nicht«, setzte er freundlich hinzu. »Der Eigentümer dieses Hauses ist, als das Militär die Stadt verließ, in der Begleitung desselben fortgegangen, ohne von seinen Sachen irgendetwas mitnehmen zu können. Im Nebenzimmer steht ein gedeckter Tisch. – Speist, was euren Schnäbeln paßt, oder die Herren Franzosen verzehren es morgen.«
»Sie kommen also wirklich?«
Der Zigeuner hob den Kopf, sein Auge blitzte, seine geballte Faust schien zu drohen. »Sie kommen«, sagte er, »Oberst Jouffrin kommt!«
Und immer leise nickend, als bestätige er sich den einmal gefaßten Entschluß, ging Mikosch ohne ein weiteres Wort die Treppen hinab und zum Hause hinaus. Onnen und Otto sahen einander an; der letztere öffnete, auf den Zehen schleichend, die Tür zum Nebenzimmer.
Eine prächtige Tafel war gedeckt, große Braten prangten in der Mitte, von Weinflaschen, Brot und Früchten umgeben. Die Stühle standen an ihren Plätzen, Servietten in silbernen Bändern lagen auf den Tellern, im Ofen schimmerte noch der verglimmende Rest eines Kohlenfeuers, die ganze Luft war erfüllt von leisem angenehmem Wohlduft.
»Komm«, rief Onnen, »diese guten Dinge wollen wir deiner Mutter und dem kleinen Mariechen nach Hause bringen!«
»Meinst du, daß wir es dürfen?«
Die Augen des Knaben leuchteten vor Freude. »Wenn Mama etwas von diesem Wein trinken würde – ach Onnen, sie ist so krank, so vergrämt, sie weint oft die ganzen Nächte hindurch.«
Onnen packte mit raschem Griff die Weinflaschen und wickelte sie in eine Serviette. »So, Otto, jetzt nimm du den Braten und das Huhn da. Ich stecke indessen die Trauben zu mir.«
»Ach Gott – Trauben für Mariechen!«
»Und eine für Ruff. Er brummt vor Vergnügen, wenn man ihm eine süße Frucht bringt.«
Sie rafften zusammen, was in Taschen und Servietten hineinging, dann eilten sie schwer bepackt nach Hause. Frau Müller stand schon unruhig wartend an der Treppe, sie zitterte vor Furcht. »Wo seid ihr denn gewesen, ihr bösen Kinder? Ich mußte mich so sehr um euch ängstigen!«
»Sieh nur, Mütterchen, sieh!«
Er packte strahlend vor Freude die mitgebrachten Herrlichkeiten auf den Tisch der ärmlichen Kammer, wo solcher Luxus bisher nie geherrscht hatte. »Iß, Mama, iß und trinke, ohne lange zu fragen, woher die Sachen kommen. Gott hat sie uns – dir und dem kleinen Mariechen geschickt!«
Frau Müller wollte offenbar noch eine weitere Auskunft erlangen, aber ihr Sohn beruhigte sie mit der Erklärung, daß ihm Mikosch diese Dinge geschenkt habe. Es blieb auch keine Zeit zu langen Erörterungen, denn das kleine Mädchen erwachte und setzte sich im Bette aufrecht hin. »O Mama«, rief die unschuldige Stimme, »liebe Mama, ist der Weihnachtsmann gekommen?«
Onnen legte ihr eine große Traube auf die Decke. »Das hat er für dich gebracht, Mariechen! Freut es dich, Kleine?«
Und als sie laut aufjubelte, da ließ er mit freundlichem Gutenachtgruß die kleine Familie allein, um in seiner eigenen Kammer die Zigeuner aufzusuchen. Jasko und Luiz schliefen bereits, auch Mikosch kam sehr bald, unruhig erwartet von unserem jungen Freunde, der dem Alten beide Hände auf die Schultern legte und ihn fest ansah.
»Mikosch, du sagst, daß Oberst Jouffrin morgen nach Moskau kommt! Wohlan, wenn er mich selbst oder einen meiner Genossen erkennen sollte, was würdest du tun?«
Der Zigeuner lächelte. »Dich verteidigen, Herr, dich retten! Ich schwöre es dir!«
»Ganz gewiß, Mikosch?«
»Bei meinem Leben, ja!«
Onnen drückte ihm die Hand. »Gut, nun bin ich beruhigt. Ich danke dir, Mikosch!«
»Hat nichts zu sagen, Herr!«
Sie streckten sich beide auf das Lager und schliefen, indes draußen an den Straßenecken flüsternde Gruppen beieinander standen. Die einen mit geballten Fäusten, Tränen in den Augen und ersticktes Schluchzen im Herzen, die anderen heimlich frohlockend. Morgen kam der Feind, alle Bande der Zucht und Ordnung waren gelockert, alle Gesetze außer Kraft, da winkte die Plünderung, die wohlfeile Beute, bei der es nur Gewinn gab, nur Genuß ohne Arbeit, nur müßiges Schwelgen ohne Anstrengung.
Langsam durchdrang der junge goldige Morgen das Grau des Aufganges. Rußlands Schreckenstag, der vierzehnte September 1812, brach an.
15
Die braune Farbe auf den Gesichtern der drei Deutschen war erneuert worden; Mikosch hatte es sogar verstanden, ihre Haare kohlschwarz zu beizen, und so ausgerüstet wagten sie es, mit den Zigeunern dem Einzuge der Franzosen entgegenzugehen.
Napoleon selbst, Murat und Davoust sollten in die Dorogomilowsche Barriere einrücken – das wollten sie ansehen.
Nur Gesindel befand sich hier in der Gegend des äußeren Tores auf den Straßen; vor dem Kreml, der innersten ältesten Stadt, hatten sich fünfhundert Bewaffnete aufgestellt, nicht in dem eigentlichen Gedanken, durch ihre geringe Anzahl dem Eindringen der französischen Armee einen erfolgreichen Widerstand entgegenzusetzen, sondern getrieben von jener bitteren Verzweiflung, die nicht tatenlos bleiben kann, eben weil sie lieber untergehen, als das Gefürchtete, Untragbare ruhig geschehen lassen möchte.
Aber auch selbst das Gesindel schämte sich im hellen Lichte des Morgens seiner schlimmen nächtlichen Pläne. Stumm, mit zusammengebissenen Zähnen standen die Männer, drohend ballten die Weiber ihre Fäuste.
»Sie können wohl einziehen, die sauberen Herren Franzosen, die Räuber von Smolensk, aber ob alle, die heute unsere Stadt betreten, später auch mit heiler Haut aus derselben wieder herauskommen – dafür will ich nicht bürgen.«
»Sie haben es verschuldet, daß sich in ganz Moskau kein Tröpfchen Branntwein mehr befindet!«
»Hoho! Hoho! Ich allein will wenigstens zehn von diesen Mordgesellen in die Ewigkeit schicken. Man sagt, daß so ein Franzose ein Flederwisch sei, ein Kerlchen, das jeder kräftige Russe auf seinen Armen davonträgt! Ich nehme ein paar von den Schurken und werfe sie in den Moskwafluß, gerade da, wo der Branntwein verschüttet wurde; ihr alle sollt es sehen.«
Ein Gelächter folgte diesen Worten. »Dann hättest du nach Smolensk gehen und sie dort in die Kolotzscha werfen sollen, langer Peter!«
Ein Kanonenschuß zerriß plötzlich die Luft; atemlos horchten alle. Die Weiber schrien laut auf, sie rissen ihre Kinder an sich, viele flohen wie sinnlos. »Seht ihr etwas? – Seht ihr etwas?«
Ein paar halbwüchsige Jungen waren auf die nächsten Bäume geklettert; sie überwachten die Landstraße. »Noch ist alles leer.« Banges Schweigen beherrschte die Gruppen, selbst der lange Peter hatte seine Prahlereien eingestellt, mehr als nur ein Schreier und Großsprecher war in aller Stille verschwunden. Der Kanonenschuß hatte die Wirklichkeit den Leuten nähergerückt, sie fühlten ihre Herzen schlagen und verstummten.
»Es entstehen große Staubwolken!« riefen die Wächter auf den Bäumen.
Ein Kreischen antwortete. »Das werden sie sein, die Räuber, das werden sie sein! Heilige Mutter Gottes, stehe uns bei!«
»Ja, ja, sie sind es, ich sehe die blanken Gewehrläufe!«
»Und die Pferde! – Einer reitet voraus!«
»Herrgott! Herrgott, verlasse uns nicht!«
Jetzt flüchteten auch die Mutigeren. Nur wenige blieben zurück; lang und öde, verlassen von allem Lebenden, dehnte sich die Straße.
»Mikosch«, flüsterte Onnen, »wenn nun Oberst Jouffrin zufällig unter den ersten wäre!«
»Dann denkt er sicherlich an anderes als an ein paar deutsche Deserteure. Übrigens ist es lauter Kavallerie, die ich kommen sehe.«
Allmählich traten die Gestalten der Reiter und ihrer Tiere deutlicher aus den wallenden Staubwolken hervor. Ein unübersehbarer Zug näherte sich der Stadt, Generale in voller Uniform, Offiziere jeder Waffengattung, Fürsten und Marschälle mit prachtvoller, im Sonnenglanze blitzender Ausrüstung. Allen voraus ritt ein breitschultriger, untersetzter Mann mit einem dreieckigen Hute und dem Ordensbande, auf der Brust – Napoleon, der letzte Eroberer, den die Geschichte der zivilisierten Völkerschaften zu verzeichnen hat.
Er schien auffallend blaß; seine Hand bewegte sich heftig, seine Augen schossen Blitze des Zornes. Langsam näherte er sich dem offenen Tore.
Beinahe niemand war jetzt noch zugegen. Halbversteckt standen die Zigeuner und außer ihnen noch hie und da einige andere Personen – der sieggewohnte Kaiser der Franzosen zog in eine von ihren Bewohnern verlassene Stadt. Er, der erwartet hatte, alle Militär- und Zivilpersonen zum Empfang versammelt zu finden, der von einem Triumphzuge sondergleichen träumte, er sah nur die Staubwolken, welche der Wind durch die Gassen trieb und hie und da einen Haufen des niedersten Volkes, das in Gängen und Kellern verschwand, sobald der Reiterzug nahte.
Die Zigeuner begleiteten ihn. Es war keine Infanterie dabei und folglich für die Sicherheit der drei Deutschen nichts zu fürchten. »Der Empfang beginnt erst an den Toren des Kreml«, flüsterte Mikosch. »Sieh, Onnen, dort kommen zwei Herren, sie verneigen sich tief – ob es Franzosen sind?«
Napoleon hielt das Pferd an; er winkte den beiden. »Wer sind Sie, meine Herren?« fragte er in scharfem, den inneren Groll verratendem Tone.
Einer der Männer verbeugte sich tief. »Ich bin Franzose, Sire. Ein in Moskau ansässiger Buchhändler.«
»Ah, mein Untertan also! Wo ist der Senat!«
»Nicht anwesend, Sire!«
»Und die Verwaltungsbehörden, der Zivilgouverneur?«
»Auch fort!«
Napoleon griff in die Zügel, daß das Pferd sich plötzlich bäumte.
»Aber wo ist denn die Bevölkerung? – Man sieht keinen Menschen.«
»Alle weggezogen, Sire!«
»Zum – – Aber wer ist denn endlich noch hier, mein Herr?«
»Nur das Proletariat, Sire!«
Die Lippen des Kaisers bebten vor Zorn. »Es kann nicht sein!« rief er.
»Ich schwöre es Eurer Majestät auf Ehre und Gewissen.«
»Schweigen Sie! Aus dem Wege!«
Dann wandte er sich zu den Generalen. »Vorwärts!«
Der Zug setzte sich wieder in Bewegung; von Mund zu Mund lief die unerwartete Nachricht, daß Moskau verlassen sei. Offiziere und Soldaten teilten die Erbitterung des Kaisers, ein lautes Murren durchzog die Reihen, so daß der Befehl, unter keiner Bedingung vom Pferde zu steigen, in jeder Schwadron den Leuten eingeschärft wurde. Nur Napoleon selbst, wohl unfähig, so still dazusitzen und die bittere Beleidigung schweigend hinzunehmen; Napoleon sprang vom Pferde und nahm für seine Person in einem ganz gewöhnlichen, leerstehenden Hause Quartier, wahrscheinlich um allein zu bleiben und die ungeheure Täuschung erst einigermaßen überwinden zu lernen.
Mehrere Regimenter besetzten die umliegenden Straßen, Kanonen wurden überall aufgepflanzt und Wachen ausgestellt, während König Murat mit dem Rest der Truppen weiterzog, um den Kreml zu besetzen.
Unsere Freunde folgten dieser letzteren Heeresabteilung. Der Kreml bildete den Kern der Stadt – hier mußte es zur eigentlichen Entscheidung kommen.
»Ob sich die wenigen ungeübten und schlecht bewaffneten Bürger auf einen Kampf einlassen werden, Mikosch?« Der Alte wiegte den Kopf, »Es sind Verzweifelte darunter, Leute, die schon Vermögen und Stellung infolge des Krieges verloren haben; sie wollen vielleicht untergehen, indem sie den gehaßten Feinden zu guter Letzt noch soviel wie nur irgend möglich schaden.«
»So würde auch ich handeln«, sagte Feiko. »Gebt acht, diese bunten Scharen flüchten als Bettler, zerschmettert und zerschlagen, nach Frankreich zurück.«
»Still – laßt das keinen hören.«
Langsam zogen die Reitermassen durch Moskau. Totenstille Straßen lagen vor ihnen und hinter ihnen, selbst der Pöbel blieb ruhig, die Kinder wurden von den Eltern in den Häusern zurückgehalten, die Hunde eingesperrt – man ließ die Franzosen einziehen, wie man denen weicht, welche durch Anwendung brutaler Gewalt und ohne einen Schein des Rechtes zum Ziele gelangt sind – stumm und verachtend.
Endlich traten in der Ferne die dunkeln Umrisse des Nikolskischen, zum Kreml führenden Tores deutlicher hervor, zugleich sah man eine Menschenmenge, die dort anscheinend ruhig wartete. Ohne Umformen zu besitzen, trugen die Leute doch Gewehre und Säbel in den Händen.
König Murat nahm das Glas und beobachtete ziemlich lange, dann gab er einem Adjutanten einen Befehl. Einige Minuten später sprengte ein junger polnischer Offizier in reicher, ja fürstlicher Uniform an seine Seite, das ganze Regiment Uminski rückte vor und bildete so die Avantgarde, welche, allen Franzosen voraus, das Allerheiligste des russischen Reiches, den Kreml betrat.
Nicht ohne wohlüberlegte Absicht war diese Verfügung erlassen worden – Rußlands unversöhnlichste Feinde, die Polen, sollten hier einen Triumph genießen, der sie den Franzosen auf Tod und Leben verbünden mußte.
Das Pferd des schönen jungen Offiziers tänzelte, das schwarze Auge des Reiters blitzte in übermütiger Jugendlust. Wie der Kriegsgott der Alten, ein Bild frischester Kraft und Anmut, so saß der Jüngling im Sattel, kecken Blickes, voll Erwartung dessen, was nun folgen würde, in der Hoffnung eines Triumphes, an dem sich seine Seele jetzt schon berauschte.
»Ein schöner Mann!« flüsterte Mikosch. »Schade um ihn!«
»Weshalb?« fragte Onnen. »Gehört er nicht zu den Siegern?« Das tiefliegende Auge des Zigeuners flammte düster. »Die Linke trägt einen Handschuh«, raunte er, »aber siehst du wohl die Rechte? – Sie ist dir ganz nahe.« —
»Eine weiße feine Hand, ja!«
Mikosch nickte. »Weiß und fein!« wiederholte er, »weiß und fein! – Aber doch wird sie heute noch im Tode erkalten – bald, gleich sogar!«
»Mikosch!«
»Still, Herr! Siehst du, wie der Pole die Mähne des schwarzen Hengstes durch seine Finger zieht ? – Wie er die innere Fläche der Hand betrachtet? – Jetzt wieder! Durch das weiße zarte Fleisch zieht sich eine blutrote Linie, sie fühlt sich heiß an, sie —«
Ein Büchsenschuß unterbrach die seltsame Prophezeiung! Murats Pferd schüttelte den Kopf, es war nicht getroffen, aber erschreckt.
Vor den Reitern lag fest geschlossen das Nikolskische Tor, umstanden von etwa fünfhundert Bewaffneten, deren totenbleiche Gesichter das Ärgste zu verkünden schienen. Der Schuß war fehlgegangen, jetzt aber sprang aus dem Haufen hervor ein herkulischer Mann, der das Gewehr von sich warf und mit einem einzigen, völlig unerwarteten Ruck den Polen vom Pferde herabriß. Ein Messer drang dem Unglücklichen tief bis an das Heft in die Brust; sein Gegner beugte sich über den Sterbenden und zerbiß ihm die Kehle, zerfleischte mit seinen Zähnen das schöne jugendliche Antlitz. Er selbst wurde im gleichen Augenblick von zehn, zwanzig Säbeln buchstäblich in Stücke zerhackt.
»Da hast du es!« sagte tief atmend der Zigeuner.
»Wie gräßlich! – O Gott, wie gräßlich!«
Im Augenblick herrschte die äußerste Verwirrung. Jener Geist der Zügellosigkeit, welcher die französischen und polnischen Truppen längst schon zersetzte, jene immer mehr um sich greifende Insubordination trat hier wieder offen zutage. Ohne Befehl sprangen die polnischen Reiter von den Pferden und schlugen mit den Steinen der Straße das Tor in Splitter, während andere den Befehl Murats ausführten und die Mündung einer Kanone den Bewaffneten entgegenkehrten.
Noch ein Offizier wurde erschlagen, grade als er »Feuer!« kommandierte, aber der Schuß fiel trotzdem, und als die Menge nicht wich, noch zwei andere.
Blut in Strömen floß über das Pflaster, zuckende Menschenkörper lagen hie und da, geballte Fäuste drohten in ohnmächtigem Grimm den Feinden. Über Tote und Verwundete hinweg ritten die Sieger in das gewaltsam geöffnete Tor.
Mikosch hob die Hand des gemordeten Polen. »Schon kalt!« sagte er. »Siehst du die Linie, Herr? Rot und heiß! Von der Fingerwurzel bis zum Arm! – Nein, nein, du brauchst die deinige nicht zu suchen, sie ist noch weit vom Ziel!«
Er gab mehreren Verwundeten eine etwas bequemere Lage und dann gingen alle den Soldaten nach in den Kreml.
Murat bezog eins der elegantesten, obwohl gänzlich ausgeleerten Schlösser, und von der Stunde ihres Erscheinens an plünderten die Truppen auch in Moskau ebenso rücksichtslos, so grausam wie vorher in allen anderen Orten, die sie als Sieger besetzten. Ein unerhörtes Treiben herrschte während dieser und vieler folgenden Tage in der unglücklichen Stadt
Napoleon selbst hatte den Befehl zur Plünderung gegeben. »Moskau ist ein Leichnam«, sagte er zähneknirschend, »mögen ihn meine Soldaten zerfleischen.« Das wurde buchstäblich befolgt. Wie ein Heuschreckenschwarm fielen die Truppen, zu allen Toren hereinziehend, über das her, was an Besitztümern noch geblieben war, Offiziere und Gemeine, Hohe und Niedere, kurz, jeder einzelne Mann plünderte. Die Offiziere eilten zu der sogenannten Wagenreihe, suchten sich nach Belieben die ihnen zusagenden Equipagen aus und zeichneten dieselben sogleich mit ihren Namen – die Soldaten forderten Lebensmittel, und wenn die unglücklichen Einwohner erklärten, keine mehr zu besitzen, so antworteten sie durch Mißhandlungen.
Das Regiment Uminski und noch drei andere Kavallerieregimenter hielten den Kreml besetzt; besonders die Polen wirtschafteten in dem alten Zarenschlosse auf die schrecklichste Weise, sie zerschnitten die Samtpolster des Thronsessels und zerstreuten die Splitter in alle vier Winde; draußen auf den weiten Höfen, in den Kellern und Gärten gruben sie nach Schätzen.
Alle Kostbarkeiten des alten Schlosses, die Kronen der früheren Zaren, die Silber- und Goldgeräte, die Heiligenbilder waren längst in die entlegensten Provinzen geflüchtet worden, dennoch aber durchwühlten gierige Hände den Boden, um zu stehlen, in der eitlen Hoffnung, Juwelen und schimmerndes Gold zu finden, wo nur die schwarzen Schollen der geduldigen alten Erde ihnen entgegenstarrten.
Bei jedem Trupp hielten mehrere Offiziere ängstlich Wacht. Was etwa entdeckt wurde, das durfte doch keineswegs denen gehören, die es zutage förderten, sondern ihnen selbst, ihnen, die den Grundsatz des Kaisers kannten: »Meine Offiziere sollen sich in den eroberten Ländern jeder ein Vermögen erwerben.«
Die Soldaten gruben mit trotzigen verbissenen Mienen. In ihren Seelen wohnte heimlich der feste Entschluß, sich nichts rauben zu lassen; bei dem ersten Erblicken eines goldenen oder silbernen Gegenstandes würden beide Parteien übereinander hergefallen sein und sich die Beute streitig gemacht haben.
Aber die Erde barg nichts, gar nichts. Was man so emsig suchte, das lag wohlverwahrt in den festen Schlössern der nördlichsten Städte.
Unaufhaltsam zog Regiment auf Regiment in die Tore. Keine Quartiermacher waren den Soldaten vorausgegangen, keine Behörden empfingen sie, kein Brot oder Nachtlager harrte ihrer; sie standen auf den Straßen und sahen einander an.
Wohin nun?
Andere kamen ihnen entgegen, Kranke und Verwundete auf Wagen, Ausgehungerte und Heimatlose, Leute, die seit gestern nichts mehr gegessen hatten und deren Füße bluteten. Wohin? fragte ein jeder den ändern – und niemand konnte Auskunft geben, niemand wußte, was die nächste Stunde bringen würde.
Leere Fenster starrten unheimlich den Soldaten entgegen, verschlossene Türen bereiteten ihnen Hindernisse – von Minute zu Minute wuchs der Unmut. Da kamen aus einer Straße Kameraden, die schon Beute gemacht hatten; Leute mit großen Bündeln und Körben.
»Hurra!« riefen sie, »die Stadt gehört uns. Der Kaiser hat erlaubt, alles zu nehmen, was uns gefällt!«
»Ist das wahr?«
»Gewiß und wahr!«
Wie der Funke das Pulver entzündet, so wirkten diese Worte auf die ausgehungerten, ermatteten Truppen. In wenigen Augenblicken waren die Türen der umliegenden Gebäude mit dem Kolben zerschlagen und die Bewohner ausgetrieben. In Kellern und Höfen kämpften die Soldaten um das Einzige Bett oder die geringen Vorräte der armseligen Behausung, draußen rangen die des letzten beraubten Menschen voll Verzweiflung ihre Hände.
Wohin nun?
Fort, fort aus der unglücklichen, dem Verderben geweihten Stadt!
Ganze Züge wandten sich den Toren zu, andere kamen von allen Seiten herbei, beladen mit wenigen, noch geretteten Lebensmitteln, mit dem Stück Brot oder Fleisch, das sie vor dem Hunger schützen sollte. Alles flüchtete, lief, gejagt vom Entsetzen, alles trachtete nur danach, aus der Stadt und in die schützende Nähe der eigenen vaterländischen Behörden zu kommen. Durch das Tor zog mit klingendem Spiel eine neue unübersehbare Menge. »Brot!« – Die Soldaten hatten es in den Händen der Vertriebenen gesehen, hatten es in Taschen und unter Lumpen entdeckt. »Her damit! Der Stärkere hat recht!«
Und auch Schuhe trugen die Heimatlosen, auch Geld besaßen noch einige von ihnen.
»Her damit! Gebt‘s gutwillig oder —«
Kolbenstöße und Schläge vervollständigten den Satz. Ganz ausgeplündert, aller irdischen Habe beraubt, verließen die Unglücklichen ihre Vaterstadt, aufs Geratewohl in das offene Feld hinausgehend, ohne Hoffnung oder Trost, verarmt an jedem Gute des Lebens.
Die Soldaten brachen in alle Häuser. Straßenkämpfe entstanden, Kranke und Verwundete wurden rücksichtslos hinausgeworfen, es starben Menschen unter freiem Himmel – die Anarchie, der Zustand vollkommener Gesetzlosigkeit, hatte ihren Einzug gehalten.
In langer Reihe standen die Equipagen, welche Napoleons Offiziere bereits als ihr Eigentum betrachteten; in dichten Gruppen daneben die Eigentümer mit Pelzmützen und blauen Kitteln. »Sollen wir gearbeitet haben, gespart und gerungen, sollen wir unser Geld dahingegeben haben, um den fremden Räubern Chaisen und Kutschen zu verschaffen?« fragte einer.
Ein anderer schüttelte den Kopf. »Gott verderbe die Schurken! – Was können wir beginnen, um unsere Wagen zu retten?«
