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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 26
»Jetzt gibt es keine Mittel mehr; man läßt die Gespanne nicht zum Tore hinaus. O lieber Gott, und ich dachte, gerade in dieser Zeit könnte man ein paar Rubel verdienen!«
Der erste Sprecher blickte langsam um sich her. »Kein Mittel?« wiederholte er. »Ich halte es hier in der Hand.«
Und er zeigte den übrigen einen Haufen Werg nebst Stahl und Stein.
»Feuer?« flüsterte eine Stimme. »Wir sollten unser Eigentum verbrennen?«
»Ja. Ehe die Franzosen es nehmen, möge es zu Asche werden!«
»General Sebastiani«, las der eine. »Ob nicht dieser Dieb von einem Franzosen seine Visitenkarte schon an die Kissen geheftet hat!«
»Oho, der Name an meinem Wagen besitzt ebenso vornehmen Klang. Marschall Mortier steht hier zu lesen.«
»Und hier: Herzog von Auerstädt, Prinz von Eckmühl, Marschall von Frankreich. Ein Tausendsassa, dieser Prinz, macht lange Finger!«
Der erste Sprecher legte Werg und Späne auf die Polster seines Wagens, dann schlug er Feuer und die leichte, bläuliche Flamme züngelte empor. »So, Kinder, mein Eigentum ist den Franzosen entzogen – nun macht mit dem eurigen, was ihr wollt!«
»Meins sollen sie ebensowenig haben!« – »Auch meins nicht!«
Und die Wagenbudenreihe brannte lichterloh. Ihr gegenüber erhoben sich vom Kaufhof die Flammen, hie und da in den Straßen glühte es auf – der Brand von Moskau, das entsetzlichste Ereignis unseres Jahrhunderts, hatte begonnen.
Den französischen Soldaten war eine reiche Stadt zur Plünderung versprochen worden – sie fanden leere Räume, in denen die wenigen Einwohner selbst Hunger litten; kein Tropfen Branntwein war aufzutreiben, kein bares Geld, kein Brot. Aus den leichtherzigen, im Grunde nicht bösartigen Südländern wurden Teufel, die auf jede mögliche Weise vorgingen, um sich die notwendigsten Lebensbedürfnisse zu verschaffen, die Dinge unternahmen, von denen der Chronist wörtlich sagt: »In Tausenden von Jahren gab es gewiß keinen einzigen Tag, an welchem die Sonne Zeuge solcher Greuel war, und gewiß keine einzige Nacht, deren Finsternis so viele Verbrechen barg. Es war kein bürgerliches Gesetz, kein heiliger Gebrauch, welche die Feinde nicht beschimpften, keine Schandtat, die sie nicht begingen, keine Grausamkeit, die nicht verübt wurde. Als Mongolen und Tataren in Rußland einbrachen, da achteten sie die Tempel unseres Gottes; die Hand des heidnischen asiatischen Kriegers berührte nicht das Heiligtum derselben, allein während der französischen Herrschaft sahen wir Christen, welche die Kirche Christi beschimpften und besudelten.«
Ganze Straßen brannten; das geschmolzene Metall floß wie Lava über die Steine. Leichen von Menschen, die Körper toter Tiere lagen durcheinander, Arme, Köpfe, Stücke von allen Körperteilen bedeckten die Wege.
Hie und da fand sich ein totes Pferd, ein verbrannter oder erschlagener Hund – Scharen französischer Soldaten rauften in erbittertem Kampfe um die willkommene Beute. Es entstanden Krankheiten der schrecklichsten Art; Hungersnot und pestartige Leiden befielen die unglückliche Stadt, in welcher Napoleon mehr als zwanzigtausend Soldaten im vollständigsten Frieden durch Fieber, Totschlag, Hunger und Verbrennen einbüßte.
Die Straße, in welcher unsere Freunde wohnten, war vom Feuer verschont; Mikosch verstand es meisterhaft, seine Vorteile wahrzunehmen. Er hatte sich da einquartiert, wo unter den Ärmsten der Bevölkerung keine Schätze gesucht wurden, und kamen trotzdem die Soldaten in das Haus, um zu plündern, so ging ihnen Ruff auf den Hinterbeinen und ohne Maulkorb entgegen. Das Mittel wirkte gewöhnlich schnell – die Räuber verschwanden, ohne sich in dieser unheimlichen Nachbarschaft erst weiter umzusehen.
So blieben nicht allein sämtliche Hausbewohner von der Plünderung verschont, sondern es konnten sogar Vorräte gesammelt werden. Grütze, Brot, Speck und Hülsenfrüchte lagen in Menge auf den Höfen und in den Kellern der Häuser vergraben – wer Geld besaß, der konnte zu verschwiegener Stunde kaufen, was er brauchte.
»Wer zwei Röcke hat, der soll seinem Bruder einen geben! Das ist ein gar schöner Spruch«, sagte lächelnd der alte Zigeuner, welcher zwar tatsächlich ein Heide, aber dabei ein guter Mensch war. »Ich habe mit den Meinigen so manches Stück deutsches Brot gegessen; nun nehmen Sie dafür von mir ein bescheidenes Teil, liebe Frau Müller, und Gott gesegne es Ihnen.«
Die arme Witwe konnte nur weinen, nur stumm dem Zigeuner die Hand darbieten; er war es, der in den schrecklichen Septembertagen ihr eigenes und das Leben ihrer Kinder erhielt.
Näher und näher rückten die Flammen, das Straßenpflaster begann sich zu erhitzen, die Luft wurde den Lungen unerträglich. Mikosch wanderte überall umher, er sah alles, wußte alles und brachte eines Tages auch die Nachricht, daß Oberst Jouffrin in Moskau sei.
Dann verschwand Alexei aus der Herberge – er beobachtete den Feind.
»Aber vergiß nicht«, ermahnte Mikosch, »ich bin der Goel!«
Alexei nickte. »Du bist es«, bestätigte er. »Sei ohne Sorgen, Vater.«
Onnen hörte die Worte, aber ohne sie zu verstehen; später fragte er den jüngeren Sohn des Alten und erhielt nun eine Auskunft, die ihn innerlich erbeben ließ. »Brauchst‘s ja dem Vater nicht zu sagen«, meinte Luiz, »die Alten hängen so sehr an ihren Geheimnissen; wie du weißt, sie möchten uns immer noch ein wenig wie Kinder behandeln. Der Goel ist der Bluträcher.«
»Wahrscheinlich der nächste Verwandte eines Ermordeten?«
»Wie gut du zu raten verstehst!« lächelte Luiz.
»Und kein anderer darf an den Täter die Hand legen?«
»Durchaus nicht. Die Blutrache ist ein heiliges Gesetz; genau so, wie der Mörder an seinem Opfer das Verbrechen verübte, wird ihm selbst von dem Goel geschehen.«
Onnens Herz schlug höher. Der unbarmherzige Mann, die Geißel von Norderney sollte also mit dem Messer in der Brust unter freiem Himmel sterben!
Mikosch trat ein und unterbrach die Stille, welche nach den letzten Worten des Zigeuners eingetreten war. »Kommt rasch«, sagte er, »es gibt ein Stück Geld zu verdienen. Wo sind die übrigen? Schnell, ihr Herren! Auch du, Jasko!«
»Was ist denn los?« fragte dieser letztere. »Soll ich den Bären holen?«
»Nicht doch, nicht doch! – Wir wollen löschen!«
Der Weg zur Nikolajamskajaschen Kirche wurde eingeschlagen, eilenden Schrittes gingen die Männer vorüber an den schwarzen Ruinen des Palastes, aus dessen Innerem am Abend vor dem Einzüge der Franzosen die Spieluhr ihre süßen Klänge zum letztenmal hervorsandte, wo die gedeckte Tafel zum Genüsse einlud und die Bettchen der Kinder schon geöffnet, mit Wärmflaschen versehen, dastanden.
Heute wirbelte im scharfen Ost die schwarze stäubende Asche von der verödeten Stätte; angebrannte Balken ragten aus den Mauern hervor, in wüstem Durcheinander lagen Steine und Trümmer. Ganze Reihen stolzer Paläste waren hier den Flammen zum Opfer gefallen, ganze Straßenseiten verwüstet. Mitten in einem großen Garten, bedeutend hinter der Straßenflucht, lag unversehrt ein großes Gebäude, dessen Nebenhäuser, nur durch die Anlagen geschieden, lichterloh brannten. Ein kleinerer Bau, gleichsam im Schatten des größeren, war an das brennende Haus zur Linken fest angefügt.
»Die Knabenerziehungsanstalt der Kaiserin Maria Feodorowna«, sagte Mikosch. »Der Staatsrat Tutolmin ist mit den jüngeren Kindern hiergeblieben und hat von dem französischen Kommandanten Duronel zwölf Mann mit einem Leutnant als Schutzwache erhalten, aber er fürchtet, daß ihm die Funken, welchen die Soldaten doch nicht wehren können, trotz aller Fürsorge das Dach entzünden, und daher braucht er vertraute Leute, um ihm zu helfen. Geht nur durch die Pforte.«
Der kalte Ostwind allein ermöglichte es, in den Gluten, welche die brennenden Häuser ausströmten, überhaupt zu atmen; er rettete während jener Schreckenstage ungezählten Menschen das Leben. Heiße Wogen schlugen über die Straßen dahin, aber der tapfere nordische Ost brauste hinterher und schlug immer wieder den hinterlistigen Gegner. Die Zigeuner und unsere Freunde kamen glücklich durch die Feuerlinie und in das bedrohte Haus, wo der Staatsrat Tutolmin, ein würdiger alter Herr, ihrer bereits ungeduldig harrte.
»Auf das Dach!« gebot er. »Auf das Dach! – O lieber Himmel, hätten wir doch etwas wie einen Spritzenschlauch!«
»Es wird auch so schon gehen, Exzellenz!«
»Meinst du, guter Freund? Der Herr General Graf Rostoptschin hat dich mir als unerschrockenen ehrlichen Mann geschildert; tue also jetzt, was in deinen Kräften steht, es soll dein Schade nicht sein.«
»Ich danke im voraus, Exzellenz!«
»Nur schnell, nur schnell, die Funken fallen in ganzen Schauern.«
Über drei Treppen ging es hinauf zum platten Dache des Hauses, wo schon drei Lehrer und etwa zwanzig Knaben die Feuerwache hielten. Die armen Kleinen, lauter Kinder unter zwölf Jahren, zitterten vor Furcht, sie trugen in den Händen blecherne Eimer, die ihnen von den Genossen immer wieder frisch gefüllt wurden, und spritzten jedesmal, sooft ein Funke geflogen kam, mit Lappen oder Bürsten Wasser auf die bedrohte Stelle, ohne jedoch selbst immer ganz unbeschädigt davonzukommen. Ihr Haar, ihre Gesichter, Nacken und Hände waren versengt, große Blasen zeigten sich auf der Haut.
Die kleinen Waisen, meistenteils Söhne gefallener Offiziere, wurden hier auf Kosten der Kaiserin erzogen; ohne Eltern oder Freunde, nur ihren Lehrern überlassen, sahen sie sich von den schwersten Gefahren umgeben und hefteten jetzt die ängstlichen Blicke bald auf das Feuermeer vor sich, bald auf die fremden Männer, welche ihnen sogleich die vorläufig nicht bedrohten Plätze auf den Treppen anwiesen.
Die Kinder mußten, indem sie kleine Eimer von Hand zu Hand gehen ließen, das Wasser herbeischaffen; die Männer blieben auf dem flachen, unerträglich heißen Dache und wehrten den Funken, sich festzusetzen.
Staatsrat Tutolmin brachte in eigener Person eine große Gartenspritze auf das flache Dach. »Wir müssen unsere Apotheke beschützen«, sagte er. »Dort in dem Nebengebäude lagern kostbare und unentbehrliche Waren – ob es wohl möglich wäre, den Wasserstrahl aus dieser Spritze hinüberzusenden?«
Mikosch probierte, und es ging vortrefflich, kostete aber sehr viel Wasser. Die Kinder des Staatsrats, die Dienstboten, die Soldaten und sogar der Leutnant, kurz, alle im Hause befindlichen Personen brachten in Eimern und Küchengeräten die kalte Flut herbei, Ströme nach Strömen ergossen sich über das Dach und das Nebengebäude, um von den Steinplatten des Hofes als heißer Dampf wallend und wirbelnd wieder aufzusteigen. Das fünfstöckige Nachbarhaus neigte sich, brennend wie es war, nach der Windseite, in jedem Augenblick konnte das Dach stürzen und die Apotheke mit glühenden Trümmern überschütten.
Alle Kräfte vereinten sich, um die Bleiplatten des Daches vor dem Schmelzen zu bewahren. Das Wasser kam eiskalt aus der Erde; es verhinderte das Metall, sich bis zu einem gefährlichen Punkte zu erhitzen. Nur noch kurze Zeit, dann war das Ärgste überstanden.
Auf den Treppen weinten die Kinder; es wurde den armen Kleinen an diesem Tage mehr aufgebürdet, als ihre Kräfte erlaubten.
»Haltet aus, Leute!« rief der Staatsrat, »haltet aus, die Entscheidung ist nahe!«
Da übertönte plötzlich das Geräusch einer Explosion seihe Worte. Die Luft schien zerrissen, die Grundfesten des Hauses bebten; ein Summen und Klirren entstand vor den Augen aller.
Und dann folgte ein zweiter Donner, ein dritter und vierter; das Getöse dauerte ununterbrochen fort, es verschlang alles übrige.
War die Hölle losgebrochen, um ihre Schrecken den schon vorhandenen hinzuzufügen? Himmel und Erde schienen ein einziges Feuermeer, es schwankte und stürzte alles, das Brausen in der Luft wurde zum Donner, der den erschreckten Menschen wie die Posaune des letzten Gerichtes erklang.
Mikosch deutete mit der Hand nach Westen; sprechen konnte unter dem betäubenden Knattern und Toben niemand.
Wie die Schwärmer eines Riesenfeuerwerkes flogen unaufhörlich ganze Massen explodierender kleiner Körper in die Luft empor, um, wenn sie erloschen, ebensoschnell von anderen ersetzt zu werden. Dann kam die bengalische Flamme, haushoch, turmhoch, in blutrotem Glänze – der westliche Himmel schien einem purpurnen Teppich gleich; schwarze und blaue Wogen schlugen wie ein buntes Muster darüber hin.
Im Kreml hatten die Munitionswagen des polnischen Regimentes Feuer gefangen und waren einer nach dem anderen in die Luft geflogen. Ein schrecklich-schönes Schauspiel, das die Herzen der Zuschauer erbeben ließ.
Als verhältnismäßige Ruhe zurückgekehrt war, sah der Staatsrat nach der Apotheke – das brennende Nebengebäude stand nicht mehr, anstatt aber nach der Seite zu fallen, war es in sich zusammengesunken. Die steinerne Seitenmauer konnte der Apotheke keinen besonderen Schaden mehr zufügen.
»Gottlob!« rief der alte Herr, »Gottlob, das Haus ist gerettet!«
Mikosch zog ehrerbietig die Mütze. »Aber was geschieht dort, Exzellenz? Eine Rotte von Plünderern stürmt die Pforte!«
»Herrgott, auch das noch!«
Und der Staatsrat eilte hastig die Treppen hinab. Bald danach sahen die Zigeuner ihn und das Häuflein französischer Soldaten am Gitter erscheinen. »Entfernt euch!« rief der Leutnant, »dies Haus steht unter dem besonderen Schütze des Kommandanten Duronel!«
Die Draußenstehenden antworteten mit einem Hohngelächter. »Der Kaiser hat uns diese Stadt zur Plünderung übergeben«, riefen sie, »daran wird auch General Duronel nichts ändern können. Macht auf, wir wollen hinein.«
Steinwürfe flogen in den Garten, das Geschrei und Toben wurde immer ärger. Die Soldaten standen hinter ihrem Anführer, aber sie schienen seine Befehle nicht zu hören; selbst als er: »Feuer!« kommandierte, regte sich keiner von ihnen.
Der junge Offizier wurde blaß wie der Tod, er riß den Degen aus der Scheide und würde sich im nächsten Augenblick unter gänzlicher Nichtachtung der eigenen Gefahr auf die Widersetzlichen geworfen haben, wenn nicht von draußen die Pforte zerschlagen worden wäre.
Wie eine Schar brüllender Teufel, versengt, zerzaust, von Rauch geschwärzt, in Lumpen und mit ausgehungerten Gesichtern, so stürzten sich die Plünderer in den Garten und seltsamerweise nicht auf das Hauptgebäude, sondern auf die Apotheke.
»In dem großen Hause sind nur Kinderbetten zu finden«, rief eine Stimme, »ihre Schätze haben die verdammten Russen hier untergebracht.«
»Es ist eine Apotheke – man findet da Spiritus und feine Liköre!«
»Auf! Auf! – Weshalb zögert ihr noch?«
Der Staatsrat hob die Hand, er gab dem Zigeuner ein Zeichen und dieser handelte statt seiner, ebenso umsichtig wie er selbst. »Luiz, mein Junge, du läufst, so schnell dich deine Füße tragen, zum Stadtkommandanten und bittest um Verstärkung! Du, Jasko, bleibst mit den Herren Lehrern hier oben und wir drei gehen hinab!«
Georg und Onnen waren schon vorausgeeilt. Durch eine Hintertür gelangten alle in die Apotheke, wo zunächst sämtliche Fensterläden geschlossen und die Zugänge mit Eisenstangen gesperrt wurden. Schießwaffen besaßen die Plünderer nicht; wenn der erbetene Beistand zur rechten Zeit kam, konnte es immerhin gelingen, das Haus und seine Güter vor den Stürmenden zu beschützen.
Wo sich eine Hand den Türen oder Fensterläden näherte, da floß Blut; wo aber auch ein losgerissener Pflasterstein durch die halbzersplitterten Läden flog, da klirrten drinnen Gläser und Flaschen. Endlich brachte der Staatsrat eine Kugelbüchse; Mikosch legte an und der ärgste Schreier stürzte mit dem Gesicht zu Boden, um nicht wieder aufzustehen.
Der Haufen erschrak und wich etwas zurück, sehr bald aber ermutigte einer den anderen; die ganze Schar drang wieder vor, obwohl Mikosch den bleiernen Willkommengruß zum zweitenmal hinaussandte.
»Welche Schätze mögen wohl in dem alten Gerümpel verborgen sein, da es die Russen so hartnäckig verteidigen?«
»Gewiß Gold- und Silbergerät! Bares Geld!«
»Und alter Wein. Solch eine Exzellenz hat immer einen guten Keller!«
»Vorwärts! Vorwärts!« Wieder folgte ein Anlauf, wieder antworteten neue Schüsse, während sämtliche Pflastersteine, welche die Angreifer hineinwarfen, von den Verteidigern ebenso prompt wieder hinausgeworfen wurden. Letztere standen unter sicherer Deckung, erstere dagegen mußten dem Bombardement schutzlos entgegengehen, und gerade das verstärkte die anfängliche Raublust bis zum Ingrimm.
»Weshalb zögern wir denn noch lange?« rief einer der Strolche. »Es ist ja doch an Feuer wahrhaftig kein Mangel! Steckt die Giftbude in Brand.«
»Hurra, das ist auch wahr!«
Mehrere Plünderer stürzten fort und zur nächsten Brandstätte. Gegen siebentausend Häuser lagen in Asche – es war wirklich an Feuer kein Mangel.
Woher sollte für die Rettung der Apotheke das nötige Wasser genommen werden? Im Hauptgebäude war eine Pumpe, hier aber fehlte jede Möglichkeit, ein etwa entstehendes Feuer zu löschen. Der Staatsrat war leichenblaß geworden, er ließ mutlos die Arme sinken. »Nun sind wir verloren«, stammelten die bleichen Lippen. Mikosch antwortete nicht; er überlegte, wie es möglich sein würde, wenigstens das eigene Leben zu retten. Drei Türen ließen sich schließen, ehe die Angreifer bis zum rückseitigen Ausgange vorgedrungen waren, dadurch gewann er mit den Seinen allerdings Zeit zur Flucht, aber auf dem Hofe würden alle gepackt werden. Luiz blieb lange aus. Wahrhaftig, die nächsten Minuten schienen sich sehr lang zu gestalten.
Da kam auch schon ein riesiger Unteroffizier mit einem Stücke hellbrennenden Holzes herbei. Andere trugen Splitter, verkohlte Stämme aus den Gärten, Möbeltrümmer – vor der Haustür schlug die Flamme lustig empor.
»Aha, jetzt haben wir die Schufte in der Hand!«
Der Rauch drang in die inneren Räume der Apotheke, das Holz knisterte und bog sich – noch immer war von dem ausgeschickten jungen Manne nichts zu sehen.
»Ihr beide«, flüsterte der Zigeuner, »macht euch davon, hört ihr! Die Räuber sind vor der vorderen Tür versammelt, ihr könnt über den Hof entkommen.«
Sowohl Onnen als auch Georg weigerten sich bestimmt, ihren tapferen alten Freund im Stiche zu lassen; sie blieben an seiner Seite, fest entschlossen, das zu teilen, was etwa über ihn hereinbrechen würde.
Da durchdrang ein lauter schriller Schrei das Toben ringsumher; der alte Zigeuner atmete plötzlich leichter. Sein Sohn gab ihm ein Zeichen; die Hilfe in höchster Not war nahe.
»Luiz kommt!« rief er. »Sucht Deckung, Kinder!«
Die Tür war durchgebrannt, Steinwürfe beschleunigten das Werk der Zerstörung, über Splitter und brennende Balken drangen die Stürmer in das belagerte Haus, zunächst in die Apotheke, wo nur Scherben und ausgeflossene Präparate aller Art ihrer harrten. Mikosch war mit den beiden Deutschen in die hinteren Räume geflüchtet, der Laden dagegen stand leer.
Über den Hof kam im Laufschritt ein Häuflein französischer Infanterie und kehrte den Plünderern das gefällte Bajonett entgegen. Sie, deren Roheit bisher jedes Gesetz zu verachten schien, sie, die Tolldreisten, begannen zu flüchten, aus den Fenstern zu springen und sich auf jede Weise in Sicherheit zu bringen.
Die Tür zum Hintergrund wich dem vereinten Drucke mehrerer Männer, sie flog auf und der ganze Schwarm stürzte hinein; hinterher die Soldaten.
Es war ein wüstes Durcheinander von kämpfenden und ringenden Menschen, die sich in dem alles verhüllenden Rauche überhaupt nur aus nächster Nähe erkennen konnten. Das Haus brannte lichterloh, niemand dachte daran, es zu löschen, hie und da explodierte ein Glasgefäß mit verschiedenen Flüssigkeiten, wie sie in der Apotheke zur Anwendung kommen; es stürzte ein Schrank oder klirrte ein Flaschenstand – immer noch wühlten die Hände der Räuber in allen Ecken und Winkeln, um verborgene Schätze zu entdecken.
»Da ist ein Ausgang«, raunte Mikosch. »Schnell!«
Er sprang über brennende Trümmer gewandt wie ein Jüngling hinweg, ihm nach folgte Georg, während Onnen der letzte war. Eben im Begriff, auch seinerseits das Freie zu suchen, fühlte er, daß sich eine Hand auf seine Schulter legte, und wandte den Kopf.
Ein mageres braunes Gesicht tauchte aus den ziehenden und wallenden Rauchwolken herauf, ein Paar haßerfüllte Augen blitzten ihm entgegen.
»Hab ich dich, Onnen Visser!«
Und die Hand wollte fester zugreifen, die andere packte mit an, da zerriß der Bann des Erschreckens, in welchem sich Onnens Seele bisher befunden. »Adam Witt!« rief er, »Schurke, laß los, oder —«
»Ich lasse dich nicht! Hierher, Kameraden, hierher!«
Weiter kam er nicht. Onnens kräftige Arme packten ihn und schleuderten ihn mit der Kraft der Aufregung in das brennende Haus zurück. Noch einen Augenblick und unser tapferer Freund war den beiden Vorausgegangenen nachgeeilt.
Das Haus des Staatsrates nahm sie auf. Der Leutnant hatte seine widersetzliche Schar einer Militärpatrouille überliefert, andere Soldaten waren zum Schutze der Erziehungsanstalt befehligt und auch eine starke Feuerwache auf das Dach gestellt, dennoch aber konnte sich Onnen nicht beruhigen.
»Adam Witt ist hier!« sagte er. »Er hat mich erkannt.«
»Er war natürlich unter den Plünderern?«
»Jedenfalls – wir haben jetzt den Wolf auf unserer Fährte.«
Auch Feiko und Georg waren unruhig geworden. »Mikosch«, flüsterte ersterer, »ist es nicht möglich, Moskau zu verlassen?«
Der Zigeuner wiegte den Kopf. »Oberst Jouffrin ist hier!« sagte er endlich.
»Aber ob er dir jemals ins Garn laufen wird, Alter?«
Mikosch nickte. »Er wird, Herr, er wird. Alexei bewacht ihn wie der Hund die Fährte des Wildes, fünf Männer von unserem Volke leisten ihrem Haupte Späherdienste. Ich bin der Goel, ich muß meinem ermordeten Bruder die Ruhe des Grabes verschaffen; Barbarin wacht und wacht, bis mein Messer die Brust des Verbrechers durchbohrt, dann erst schließt er die Augen und träumt vom Paradiese.«
Onnen seufzte. »Aber wenn wir entdeckt werden, Alter?«
»So rette ich dich, Herr! Du hast meinen Eid.«
Der Staatsrat ließ ein gutes Mahl und mehrere Flaschen Wein auf den Tisch setzen. Die Apotheke war bis auf den Erdboden herabgebrannt und die Plünderer aus dem Hofe verjagt; eine verhältnismäßige Ruhe herrschte wieder in den Räumen, die noch kurz vorher so heißen Kampf gesehen. Mikosch bekam eine reichliche Belohnung, die er mit den übrigen gewissenhaft teilte.
Als die frühe Dämmerung des Herbstes herabsank, wollten die Zigeuner in ihr Quartier zurückkehren. Jasko und Luiz gingen daher voraus, um die Straßen zu beobachten und einen etwaigen Hinterhalt rechtzeitig zu entdecken. Wenn nichts Verdächtiges ihnen begegnete, so sollte Luiz wiederkommen und den anderen Nachricht bringen.
Onnen schüttelte den Kopf. »Das nützt nichts«, meinte er. »Adam Witt ist viel zu klug, um uns allein oder mit seinen Spießgesellen anzugreifen. Er kommt in Begleitung einer Militärpatrouille, dann hat die Sache ein dienstliches Aussehen.«
»Insofern wir als Deserteure standrechtlich erschossen werden; das ist sicher.«
»So muß man die Herberge wechseln«, erklärte Mikosch. »Morgen ziehen wir um.«
Das Wort sollte sich erfüllen, aber anders, als der Zigeuner dachte. Jasko und Luiz gingen langsam durch die Straßen, sahen in jeden Garten, jeden Keller und Torweg hinein, ohne irgendein Zeichen von etwaigem Verrat entdecken zu können; Luiz kehrte daher in die Erziehungsanstalt zurück und alle fünf Männer machten sich, bewaffnet mit Messern und starken Stöcken, auf den Heimweg. Auch diesmal sahen und hörten sie nichts.
Die Umgebung der Herberge, Hof und Torweg, die nächsten Ecken und Winkel wurden vor Nacht nochmals gründlich durchforscht, aber wieder umsonst.
»Vielleicht ist der Bursche in dem brennenden Hause zu Grunde gegangen«, meinte Feiko, »Vielleicht hast du ihn erschlagen, Vetter!«
Onnen schüttelte den Kopf. »Er fiel auf zwei Räuber, die am Boden mit einem der Befreier kämpften – es ist ihm kein Leid geschehen.«
»Nun, dann hat er einfach unsere Spur verloren.«
Onnen schwieg, aber er wußte sehr wohl, daß sich Adam Witt die Gelegenheit zur Ausübung seiner Rache nicht so wohlfeilen Kaufes entgehen lassen würde. Während die übrigen aus ihren kurzen Pfeifen rauchten und halbliegend in Ruhe die Ereignisse des Tages besprachen, saß er oben und unterhielt sich mit seinen deutschen Freunden. Einige Näschereien von der Tafel des Staatsrates hatte er dem kleinen Mädchen mitgebracht und verabredete nun mit Otto einen Ausflug nach dem Kreml. Die von den in die Luft geflogenen Munitionswagen verursachte Zerstörung sollte entsetzlich sein; die beiden jungen Leute beschlossen daher, alles persönlich in Augenschein zu nehmen, und sprachen lebhaft von den Zuständen, die in der unglücklichen Stadt herrschten. Es war jetzt so weit gekommen, daß die Franzosen, wenn sie mehr zusammengeraubt hatten, als ihre Arme tragen konnten, dann die Einwohner ohne Umstände als Lasttiere benutzten. Was vielleicht ihnen selbst gestohlen worden war, das mußten die armen Menschen aufpacken und, dem brutalen Befehl ihrer Peiniger gehorchend, tragen, wohin es den letzteren beliebte.
Unten sprachen Mikosch und Feiko von den Vorbereitungen, welche man getroffen hatte, um einem etwaigen Überfall rechtzeitig begegnen zu können. Das vordere Tor war geschlossen, die Haustür auch; eine kleine Treppe zum Nebenhause dagegen offen gelassen. Über die Stufen derselben gelangte man zu einem benachbarten Boden und von da unbehindert ins Freie.
»Klopft jemand an das vordere Tor, so ruft ihr Onnen und verschwindet mit ihm«, gebot der Zigeuner. »Luiz kann euch begleiten, damit wir einander nicht verlieren.«
»Ach, es kommt nichts, Alter«, meinte Feiko. »Zuerst geriet ich selbst in Unruhe, aber seitdem scheint mir die Sache nicht gefährlich. Der Bengel denkt an Beute und Plünderung, aber nicht an einen Feldzug, der ihm keinen Pfennig einbringen könnte.«
Er sprach noch, als es mit starken Schlägen an die Haustür klopfte. Man rüttelte am Schloß und pochte zugleich gegen die Scheiben.
»Sie sind da!« raunte Feiko. »Also doch!«
»Pst! – Ich will sie aufhalten. Ruft Onnen!«
Mikosch erhob sich und ging zur Tür, aber ehe er das Zimmer verlassen hatte, flog das Haustor auf und blanke Waffen zeigten sich seinen Blicken. Die Franzosen besaßen offenbar einen Dietrich, mit dem sie vorher den Torweg und jetzt die Haustür geöffnet hatten. Ein Offizier und etwa zwanzig Mann betraten den Flur. Mikosch erschrak heftig; aber er verstand die schwere Kunst, selbst wenn es in ihm stürmte, doch äußerlich ganz gelassen zu bleiben. Feiko und Georg hatten sich ohne Zweifel schon längst über die Hintertreppe in Sicherheit gebracht – aber Onnen? Was sollte aus ihm werden, wenn die Franzosen das Haus durchsuchten?
So ruhig wie möglich sah er den Soldaten ins Gesicht. »Was wünschen die Herren?«
Der Offizier spähte umher. »Es ist hier ein Deserteur versteckt«, sagte er, »möglicherweise sogar mehrere. Du weißt davon, Zigeuner!«
Mikosch zuckte die Achseln. »Ich, Herr? – Suche, soviel du willst; dies hier ist das Zimmer, welches ich bewohne.«
Der Franzose nahm von ihm keine weitere Notiz, sondern befahl einem Teile der Soldaten, im Torweg Wache zu halten, während er selbst mit den übrigen das Erdgeschoß des Hauses durchspähte. Die Tür zur Treppe war jetzt geschlossen und die beiden jungen Deutschen ohne Zweifel längst in Sicherheit; desto schlimmer dagegen schien Onnens Schicksal sich zu gestalten. Er war verloren, wenn nicht ein Wunder ihn rettete.
Mehrere andere Bewohner der Herberge wurden aus dem Schlafe aufgeschreckt, sogar die Keller durchforscht, der Stall und der Hof, aber natürlich alles ohne Erfolg; nun wandten sich die Soldaten zu den oberen Stockwerken.
Jasko war früher als sie in das Zimmer der Witwe gekommen. »Sie sind da«, raunte er, »verstecke dich, Herr!«
Onnen wurde blaß. »Wohin denn? – Es ist unmöglich.«
Geräuschlos erhob sich Otto von seinem Platze und ging an den großen Schornstein, der in einer Wand der Mansarde lag. Er öffnete stumm die Klappe und deutete hinein – unten am Fuße der Treppe sammelten sich bereits die Franzosen.
Onnen kroch in die gähnende Tiefe hinab, eine Eisenstange und verschiedene vorspringende Steine, für die Sicherheit der Essenkehrer angelegt, gaben ihm den nötigen Halt, die Luft in dem engen, vollständig dunklen Raume aber erstickte ihn fast. Der späten Stunde wegen brannte in den Öfen und auf den Herden des Hauses kein Feuer mehr, sonst wäre er langsam geröstet worden.
Jasko hatte die Klappe geschlossen; jetzt ging er mit den Händen in den Taschen die Treppe hinab und pfiff leise vor sich hin, während Frau Müller im Fluge das Zimmer aufräumte und jede Spur der Anwesenheit eines Dritten mit geschickten Händen verwischte. Die Tasse, aus der Onnen seinen Tee getrunken, der Stuhl, auf dem er saß, alles verschwand im Augenblick.
Otto nahm ein Buch und sah mit gestütztem Kopfe hinein, aber ohne zu lesen. In seinem Herzen lebte der feste Entschluß, den Freund eintretenden Falles bis zum letzten Atemzuge zu verteidigen.
Jetzt klopften die Franzosen. »Herein!«
Der Offizier grüßte flüchtig, dann sah er unter alle Möbel und betastete sogar das Bett, in welchem die Kleine friedlich schlief. »Ich warne Sie, Madame«, sagte er, der Witwe gegenüber unwillkürlich in einen höflichen Ton verfallend, »ich warne Sie! Einen Deserteur zu verstecken ist für den Helfershelfer sehr gefährlich.« Frau Müller blieb vollkommen gelassen. »Suchen Sie, mein Herr, ich halte in diesen Räumen weder einen Deserteur noch sonst irgendjemand verborgen.«
Es war so, der Offizier mußte wohl oder übel den Rückzug antreten. Nachdem er noch Licht verlangt und auch den Hausboden durchstöbert hatte, zog er brummend mit den Soldaten ab. Ottos Herz schlug so, daß er nicht zu sprechen; vermochte. Wenn eine Wache in das Haus gelegt wurde!
Fast schien es so. Der Offizier ging allerdings fort, aber es blieb ein Doppelposten im Torweg zurück: Wenn sich im Hause irgendetwas regen sollte, würden natürlich die Soldaten sogleich erscheinen.
Und doch konnte Onnen nicht viel länger mehr in dem finsteren, von Rauch erfüllten Schornstein gefangen sitzen. Jasko kam leisen Fußes die Treppen herauf; er hatte um den Leib ein starkes neues Seil geschlungen, wenigstens achtmal – das löste er jetzt ab und bat die Witwe, ihre Tür zu verschließen. »Onnen muß auf den Hof gelangen, ohne die Treppe hinabzugehen«, sagte er flüsternd. »Unten brennt eine Lampe und die Kerle beobachten alles.«
Otto sah auf. »Ganz gut«, versetzte er, heiser vor Aufregung, »aber wie wollen wir es anfangen?«
