Kitabı oku: «Scientia Kircheriana», sayfa 6
.
2. Kirchers Netz: Wissenszirkulation und Bücherdistribution
Bisher war der Fokus vor allem auf den Handlungs- und Möglichkeitsraum Rom gerichtet, doch sind Genese, Distribution und Zirkulation von Wissen Prozesse, die, obschon intensiv an den eigenen Stand- und Denkort gebunden, zugleich vielfältig über diesen hinausgreifen. Kirchers weltumspannendes Netz an Informanten, seine weit reichende Korrespondenz mit Angehörigen der respublica literaria, aber auch die Verbreitung seiner Bücher und das Renommee seines Museums an den Höfen Europas und darüber hinaus sind Phänomene, die weit über Rom hinausweisen. Gemäß dem Schlagwort »from the local to the global« wird der Blick im Folgenden über die Grenzen Roms hinausgleiten, um sich dem scheinbaren Paradox von lokaler Bedingtheit von Wissensbeständen in der Frühen Neuzeit und dem gleichzeitigen Anspruch überregionaler Gültigkeit zu nähern. Dabei steht Kirchers Korrespondenz über seine Bücher, deren Distribution, Vermarktung und ihre Widmungen im Zentrum des Interesses. Die vielen an der Wissensgenese und -distribution beteiligten Akteure, ihre unterschiedlichen Interessen, aber auch die Kommunikationsprobleme und Missverständnisse, die sich aus den überlokalen Interaktionen ergaben, verunmöglichten ein »überlegt-rationales Wahlhandeln« des Gelehrten.176 Gerade in den diversen Interaktionen, die im Transfer von Wissen und Büchern aufscheinen, wird deutlich, dass die traditionelle dualistische Unterscheidung zwischen wissenschaftsinternen und -externen Faktoren zugunsten einer Analyse von miteinander verflochtenen Handlungskontexten (verflochten in geographischer, konfessioneller und wissenschaftlicher Hinsicht) aufgegeben werden muss. In diesen Handlungskontexten steht Wissen in einem dichten Netz von sozialen, politischen, ökonomischen und symbolischen Austauschbeziehungen. Gerade am Beispiel von Kirchers Korrespondenz wird deutlich, wie katholische und jesuitische Interessen, intellektuelle Motivationen, gelehrte und »geschäftliche« Kooperationen, aber auch Konkurrenzen sowie regionale, landespolitische Anliegen miteinander verwoben waren. Die folgenden Ausführungen beschäftigen sich mit einer genauen Analyse dieses Geflechts, um die Prozessualität der Wissensgenese herauszuarbeiten.
Athanasius Kirchers Korrespondenz im Kontext des jesuitischen Kommunikationswesens
Der Briefwechsel Kirchers ist ein bedeutendes Korpus für die Geschichte der Gelehrtenkultur des 17. Jahrhunderts.177 Sein Korrespondenznetz erstreckte sich über ganz Europa, Afrika, Südamerika und Asien. In Rom sind 2292 Briefe erhalten, die von insgesamt 763 Korrespondenten stammen.178 Gelehrte, geistliche und weltliche Fürsten, aber auch Kaiser und Päpste schrieben an den Pater in Rom. Die Hälfte von Kirchers Korrespondenten schrieb ihm jedoch nur ein einziges Mal. Kircher unterschied sich dadurch von anderen zentralen Figuren der Gelehrtenrepublik, beispielsweise Claude Fabri de Peiresc, Marin Mersenne oder Henry Oldenburg,179 die mit ihren Korrespondenzpartnern einen regelmäßigeren Briefverkehr führten. Die größte Anzahl von Kirchers Briefen stammt aus der Feder von Jesuiten, die aus allen Teilen der Welt Informationen nach Rom sandten. Dieses Wissen fand nicht selten Eingang in seine gedruckten Werke. Das Briefkorpus ermöglicht jedoch neben Einblicken in die Art und Weise, wie Kircher Wissen sowohl akquirierte als auch verbreitete, ein besseres Verständnis seiner Patronagepolitik. Er bewahrte Entwürfe von Briefen an hochrangige Persönlichkeiten oder noble Gönner auf. Den versandten Briefen legte er Buchgeschenke und andere Objekte bei, ebenso findige und scharfsinnige Epigramme oder auch kürzere wissenschaftliche Abhandlungen, die er bestimmten Personen widmete. Bereits zu Lebzeiten Kirchers machte seine Korrespondenz von sich reden. Er stellte die Briefe, die er von Königinnen, dem Kaiser, Kurfürsten, Kardinälen, Päpsten sowie von Fürsten und Gelehrten erhielt, in seinem römischen Museum aus und übernahm sie oft auch wortwörtlich in seine Publikationen. Dabei wurden die teilweise sehr illustren Korrespondenzpartner gerne als Beweis für seinen besonderen Expertenstatus wie auch für seine internationalen Beziehungen vorgeführt. So schrieb Caspar Schott im Vorwort zu Kirchers mehrbändigem Werk Oedipus Aegyptiacus:
»In Kirchers Archiv entdeckte ich eine riesige Anzahl von Briefen, viele wurden ihm von Fürsten aus der christlichen Welt und den Anführern des Römischen Imperiums zu jedem Zeitpunkt geschickt. Unter ihnen findet man den weisesten Kaiser Ferdinand III., die sehr erhabene und weise Königin Christina von Schweden, viele bedeutende Kardinäle der Heiligen Römischen Kirche, die erhabenen Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches sowie die vornehmsten und berühmtesten Herzöge, Fürsten, Grafen, Barone und die unzählbaren Adeligen desselben Reiches und anderer Nationen. Diese alle bewundern und loben Kirchers Gelehrsamkeit, sie danken ihm für die Bücher und die anderen Früchte seiner bemerkenswerten Produktion, die er ihnen zusendet. Sie drängen ihn und bitten ihn inständig, weitere Monumente seiner Gelehrsamkeit zu drucken, sie bieten ihm ihre Hilfe und Unterstützung an, sie kommunizieren ihm Geheimnisse und bitten um arkanes Wissen sowie um die Entschlüsselung arkaner Dinge, sie suchen nach Interpretationen exotischer Sprachen, merkwürdiger Inschriften, unbekannter Zeichen und diverser anderer Fragen.«180
Pater Kircher in Rom war für seine Zeitgenossen eine vielbeachtete, wenn auch nicht unumstrittene, Kapazität für arkanes Wissen. Seine Befähigung auf diesem Gebiet wurde insbesondere auf sein universales Sprachtalent zurückgeführt, das sich auch in der Korrespondenz widerspiegelt. Die meisten Korrespondenzpartner wandten sich auf Latein an den Pater (63%), doch sind auch italienische (29%), spanische (3%), französische (2,5%), deutsche (1,5%), holländische, persische, armenische, arabische, chinesische und koptische (< 1,5%) Briefe erhalten. Dieser Ruf, alle nur denkbaren Rätsel der Welt lösen zu können, darunter auch alle Sprachrätsel, wurde von Kircher in seinen Briefen und Publikationen beständig aktualisiert. Auf seine Reputation als eine Art römisches Orakel verweisen auch die Anliegen der Personen, die sich nur einmal mit einer spezifischen Frage an ihn wandten. Ein weiterer Beleg für diese zeitgenössische Wahrnehmung von Kircher ist die 1684, vier Jahre nach seinem Tod, erschienene Edition einiger ausgewählter Briefe an vor allem deutsche Gelehrte, die auch seine Vita enthält. Der Augsburger Domherr und Gelehrte Hieronymus Langenmantel kümmerte sich um die Herausgabe des Buches.181 Ohne dass hier genauer auf diese Kompilation eingegangen werden soll, lässt sich an ihr gleichwohl zeigen, wie eng der Werdegang des Gelehrten nicht nur an gedruckte Folianten, sondern auch an die handschriftliche Korrespondenz gebunden war.
Die 1678 erschienene Beschreibung von Kirchers Museum informiert den Leser, dass der Gelehrte seine Briefe gebunden in zwölf Foliobänden in seinem Museum aufbewahrt und dort auch interessierten Besuchern gezeigt habe:
»Im Musaeum Kircherianum sind außerdem 12 Foliobände mit an ihn [Kircher] adressierten Briefen aufbewahrt, gesammelt über 40 Jahre hinweg, diese senden ihm nicht nur Päpste, Kaiser, Kardinäle und Fürsten, sondern auch gelehrte Philosophen, Mathematiker, Naturforscher aus aller Welt in verschiedenen Sprachen, teils aus Ehrerbietung, teils wie an ein Orakel, dem sie schwierigste Fragen aus allen Bereichen der Wissenschaften zur Auflösung schicken.«182
Die Präsenz von Kirchers Korrespondenz sowohl im Museum als auch in seinen Büchern macht deutlich, dass diese Briefe nicht nur ein Medium zum Austausch von Informationen oder zur Wissensaquirierung waren. Besonderes die Forschung zur europäischen Gelehrtenkultur hat unter Rückbezug auf die Erkenntnisse von Marcel Mauss auf die Bedeutung von Brief und Objekt als wesentlichen Medien des gesellschaftlichen Austausches und der Reproduktion und Verstärkung sozialer Beziehungen hingewiesen.183 Paula Findlen bezeichnet den Austausch von Gaben als eine der Hauptformen von Kommunikation in der Frühen Neuzeit.184 Auch die Briefe sind als Gaben im eigentlichen Sinne zu verstehen. Wie die anderen Museumsobjekte wurden sie ausgestellt, gezeigt und erläutert. Innerhalb der frühneuzeitlichen Briefkommunikation spielen somit auch materielle Qualitäten und Funktionen von Briefen eine eminent wichtige Rolle, die jedoch aufgrund einer alleinigen Konzentration auf Inhalte allzu häufig in den Hintergrund geraten.
Geographisch bildete Kirchers Museum einen Knotenpunkt im Korrespondenznetz der respublica literaria (und der Ordenskorrespondenz). Ähnlich wie die zahlreichen Bibliotheken in Rom, insbesondere die vatikanische mit ihrem gelehrten Bibliotheksleiter Lucas Holstenius, stellte Kirchers Museum einen Anziehungspunkt für zeitgenössische Gelehrte und Virtuosi dar, und zwar nicht nur für diejenigen, die es sich leisten konnten, dem Pater persönlich einen Besuch abzustatten. Auch die »Daheimgebliebenen« wussten aus den Publikationen Kirchers und seiner Assistenten vom römischen Museum. Das Museum wurde in den Büchern als Ort angepriesen, der nicht nur als Container für Kirchers Sammlungsobjekte fungierte, sondern seine gesamte Forschung verortete; hier wohnte der Universalgelehrte, hier schrieb er seine Briefe und Bücher, hier führte er seine Experimente durch. Diese Verortung des Gelehrten in seinem Museum ist deshalb so zentral, da Kircher, im Gegensatz zur geographischen und thematischen Ausdehnung seiner Interessensgebiete und seiner Korrespondenz, sich physisch durch eine besondere Bewegungslosigkeit auszeichnete. Nach seiner Ankunft in der Ewigen Stadt 1633 war sein Bewegungsraum, nach einem kurzen Aufenthalt in Malta (1637/38), vor allem auf Rom und das römische Umland begrenzt, mit einem kleinen Abstecher 1659 nach Florenz, wo er für eine kurze Zeit am Jesuitenkolleg San Giovanni Philosophie unterrichtete.185 Ähnlich wie Claude Fabri de Peiresc in Aix-en-Provence bildete somit auch Kircher im Collegio Romano eine wichtige Schaltstelle der Kommunikation. Diese Zentralität wusste Kircher für seine Forschung in besonderem Maße zu nutzen. Wenn man danach fragt, wie er sich Informationen beschaffte und auf welche Weise er kooperierte, wie er seine Tätigkeiten organisierte und koordinierte und welche Kommunikations- und Botenwege er nutzte, wird deutlich, dass seine Korrespondenz zu einem großen Teil in den Bahnen der jesuitischen Ordenskorrespondenz verlief. Die Jesuiten nutzten und perfektionierten über die Jahre hinweg die Briefkommunikation, um die Arbeit der in allen Erdteilen agierenden Ordensbrüder zu koordinieren und sich Einfluss zu verschaffen.
Bereits Ignatius von Loyola legte unmittelbar nach der Ordensgründung 1534 einen großen Wert auf eine zentrale und straff organisierte Kommunikation. In den Constitutiones, den Statuten des Ordens, unterschied er administrative Schreiben zwischen den lokalen Stellen und der Kurie in Rom von den erbaulichen Berichten und den Missionsberichten (Relationes).186 In Bezug auf die administrative Kommunikation verlangte er, dass die Ortsoberen und Rektoren einer jeden Provinz wöchentlich ihrem Provinzial über Personalangelegenheiten, aktuelle Ereignisse und über den Stand des Hauses im Allgemeinen berichten sollten. In derselben hierarchischen Weise sollte der Provinzial dem General in Rom wöchentlich Rapport erstatten. Die Mitteilungen vom römischen Ordenszentrum in die Peripherien erfolgten dagegen in einem monatlichen Rhythmus. In ebendieser monatlichen Frequenz sollten auch die Provinziale ihren Untergeordneten, den Hausvorstehern und Rektoren, schreiben.
Insbesondere die erbaulichen Nachrichten waren bereits sehr früh an einen größeren Adressatenkreis gerichtet. Die Ordensleitung legte fest, dass die verschiedenen Häuser einer jeden Provinz einmal monatlich ihrem Provinzial über erbauliche Dinge Bericht ablegen sollten. Der Provinzial oder dessen Sekretär musste sie sammeln, zusammenfassen und dem General zukommen lassen.187 In Rom wurden diese Mitteilungen gesammelt und von einem eigens dazu engagierten Ordensbruder, dem Hebdomarius,188 zu einem umfassenden Bericht zusammengefasst, der viermonatlich erschien und an alle Provinzen verschickt wurde. Aufgrund der schnellen Expansion der Provinzen überstieg die viermonatige Frequenz dieser Briefe bald die Kapazitäten des Provinzials, und ab 1565 einigte man sich auf Jahresberichte, die litterae annuae.189 1579 wurden Regeln erlassen, wie diese Jahresberichte zu schreiben seien.190
Die erbauliche Wirkung der Jahresbriefe wurde folglich nicht nur durch Meditation und fromme Kontemplation erreicht, sondern vor allem durch konkrete Informationen über spezifische lokale Ereignisse, Taten von Ordensbrüdern und ihre Lebensumstände. Durch die Jahresbriefe sollte eine Art »Corporate Identity« hergestellt werden, die den verstreuten Ordensbrüdern zur Bestärkung ihrer Moral dienen sollte.191 Juan de Polanco, der Sekretär des Ordens, verkündete in einem Rundschreiben aus dem Jahre 1547, dass die litterae die Ordensbrüder zum Wetteifer in den Tugenden und heiligen Arbeiten anspornen sollten.192 Doch die Normierung des Schriftverkehrs beinhaltete weit mehr als nur die Herstellung eines Gemeinschaftsgefühls, sie war auch Ausdruck einer bewussten Politik der Kontrolle, durch die die Rolle von Rom als zentrale Schaltstelle gestärkt werden sollte. Die formula scribendi mit ihrem Anspruch der Normierung der Form des Schriftverkehrs steht dabei im Zusammenhang mit der tridentinischen Universalisierung und Formalisierung von Liturgie und Bibelexegese – eine Kontrollpolitik der katholischen Kirche, die Auswirkungen bis in die Korrespondenz des Jesuitenordens hatte.
Die aufwändige Kopiertätigkeit, mit der das Erstellen der Jahresberichte verbunden war, wurde ab 1581 durch den Druck ersetzt. Dies erhöhte nicht nur die Effektivität der Informationsvermittlung, sondern stärkte vor allem auch die zentrale Macht Roms über das gesamte Korrespondenzsystem. Die Distribution der Jahresbriefe erfolgte nur noch über das Zentrum. Hier sollten Informationen systematisch gesammelt, kontrolliert und reorganisiert werden. Die gedruckten Bände der litterae annuae enthielten nun auch Berichte aus den Missionen. Sie informierten über die Bewohner fremder Länder und ihre Pflanzen- und Tierwelt. Auf diese Weise wurden die anfänglich in erster Linie für die Jesuiten bestimmten Informationen nun auch für eine breitere Gruppe interessant, zu der insbesondere die europäischen Eliten, die Virtuosi und Gelehrten gehörten.193 Die Neugierde der europäischen Oberschicht auf Nachrichten aus Asien und Übersee war dermaßen groß, dass die Ordensleitung bereits früh darauf reagierte und gezielt nach derartigen Informationen verlangte. Davon zeugt etwa ein Brief von Polanco vom 24. Februar 1554:
»Einige bedeutende Personen, die in dieser Stadt [Rom] zu ihrer großen Erbauung Briefe aus Indien lesen, pflegen zu wünschen und erbitten es verschiedene Male, dass etwas über die Kosmographie der Gegenden geschrieben werde, wo die Unseren unterwegs sind, etwa wie lang die Sommer- und die Wintertage sind, wann der Sommer beginnt, ob die Schatten nach links oder zur rechten Hand wandern. Überhaupt soll, wenn es andere Dinge gibt, die außerordentlich scheinen, es mitgeteilt werden, wie über unbekannte Tiere und Pflanzen, oder nicht in einer solchen Größe usw. Und diese Würze für den Geschmack einer gewissen Neugier, die es bei den Menschen zu geben pflegt und die nicht schlecht ist, kann entweder in den Briefen selbst oder in anderen getrennt kommen. Und da wir auch Personen von großer Qualität und großem Verstand den Puls gefühlt haben, dass es so für sie mehr Erbauung bewirkt, wird es gut sein, dass bei den für Leute außerhalb der Gesellschaft vorzeigbaren Briefen der Schreiber sich weniger bei den Dingen aufhält, die sich in besonderer Weise auf Personen der Gesellschaft beziehen, und sich mehr bei den allgemeinen verbreitet. Sonst kann man die Briefe nicht drucken, ohne dass hier das eine vom andern getrennt wird.«194
1573 waren allein aus den Indienmissionen bereits über 50 publizierte Briefbände im Umlauf.195 Aufgrund der frühen Berücksichtigung der Interessen potenzieller Patrons und Gelehrter trugen die Publikationen der Gesellschaft zum Korpus von Texten aus dem Bereich der »Wissenschaften« bei. Die Präsenz derartiger Berichte im Textkorpus der Jesuiten ist, wie Steven Harris überzeugend darlegt, nicht etwa als nicht intendiertes Nebenprodukt der jesuitischen Mission zu verstehen oder gar auf eine bloß individuelle Initiative einiger Jesuiten zurückzuführen. Vielmehr sah man in der Sammlung solcher Informationen, neben ihrem persönlichen und praktischen Nutzen, bereits früh ein zentrales Instrument für die Missionstätigkeit des Ordens. In der Folge entstand eine neue Kategorie von Publikationen, die weder strikt religiös noch gänzlich profan waren und eine essentielle Bedeutung für die Rekrutierung immer neuer Förderer der Gesellschaft hatten.196
Zu Zeiten von Kirchers Aktivität in Rom erlebten die Jesuiten einen ungeheuren Aufschwung. Als wandernde Priester, Missionare, Beichtväter, Theologen, Erzieher, Autoren und Professoren waren sie eingebunden in ein weltweites System zur Propagierung des gegenreformatorischen Programms. Ihr Ziel war es, auf internationaler Ebene Ressourcen und Allianzen aufzubauen, um sich (geistliche) Ämter zu verschaffen und Einfluss zu gewinnen. Um das weltweit agierende Ordensnetz am Laufen zu halten, verließ man sich auf ein Kommunikationssystem, das bereits seit einem knappen Jahrhundert existierte und beständig angepasst und ausgebaut wurde. In Kirchers Hauptsitz, dem Collegio Romano, kamen die Informationen aus aller Welt zusammen. Es war für ihn folglich relativ leicht, an Neuigkeiten aus dem Bereich der Wissenschaften oder Informationen über die politischen Verhältnisse in den verschiedenen Ländern zu gelangen. Wie ein Blick auf seine Korrespondenz zu erkennen gibt, nützte er diese Möglichkeiten auch. Von seinen 763 Korrespondenten waren 238 Jesuiten, die in Europa und in den Missionsstellen stationiert waren.197 Ihre Beobachtungen und Berichte fanden teilweise wörtlich Eingang in seine Publikationen.198 Augenzeugenberichte oder empirische Daten von Ordensbrüdern besaßen für Kircher eine besondere Authentizität. Da, wie Steven Shapin gezeigt hat, die Glaubwürdigkeit von wissenschaftlichen Beobachtungen nicht einfach nach den Kategorien »wahr oder falsch« bemessen wurde, sondern auf Vertrauensverhältnissen beruhte, stellten die Jesuiten als Vermittler von wahrem Wissen für Kircher eine wichtige Referenzgruppe dar.199 Darüber hinaus hatte Kircher auch Zugang zu den Archiven seiner Vorgänger, wie beispielsweise zur Korrespondenz von Christoph Clavius.
An diesen Ausführungen zur Bedeutung der Korrespondenz für den Orden im Allgemeinen, aber auch für den einzelnen Akteur im Besonderen wird deutlich, dass das spezifische »Informationsmanagement« der Jesuiten nicht nur auf einer administrativen und institutionellen Ebene bedeutsam war, sondern auch auf der politischen, kulturellen und, wie im Folgenden noch verdeutlicht werden wird, auf der »unternehmerischen« und ökonomischen Ebene. Gleichwohl war das jesuitische Nachrichtenwesen nur eines von mehreren Netzwerken, die täglich Informationen und Wissen verbreiteten. Gerade in Bezug auf Rom gilt es insbesondere auch das Nachrichtensystem der päpstlichen Diplomatie und dasjenige der römischen Kaufleute zu berücksichtigen, ganz zu schweigen von den vielen Romreisenden und Pilgern, die die Stadt täglich besuchten. Aufgrund dieser bevorzugten Stellung von Rom kann man ohne Weiteres behaupten, dass Kircher zu den best-informierten Menschen seiner Zeit gehörte.
Agieren auf dem Buchmarkt: Wissensproduktion und Koordination von Ressourcen
Ein besonders interessanter Bestandteil der Kircher’schen Briefsammlung, der von der Forschung noch nicht ausreichend untersucht wurde, sind die zahlreichen Briefe, Vertragsentwürfe und Kopien aus dem Kontext der Buchproduktion. Aufbewahrt wurden nämlich auch päpstliche und kaiserliche Privilegien, die Kirchers Publikationen vor Nachdrucken schützen sollten, Gutachten von Gelehrten, die Kirchers Studien eine besondere Qualität attestierten, sowie die Briefe seiner Buchdrucker, Verleger und Händler. Die Vielzahl unterschiedlichster Briefdokumente ermöglicht einen differenzierten und facettenreichen Blick auf Athanasius Kircher als Autor, seine Arbeitstechniken, Strategien, Kooperationen, aber auch die Art und Weise seiner Selbstdarstellung.
Zur Untersuchung der Funktionsmechanismen der Kircher’schen Wissensgenese sowie der Vermarktungs- und Distributionsnetze ist eine genaue Analyse der mehrschichtigen Bedeutungsebenen und Verwendungsmöglichkeiten des Mediums Brief unabdingbar. Gerade die Korrespondenz gestattet Einblicke in Handels- und Aushandlungspraktiken, aber auch in vielfältig getätigte Investitionen und ökonomisches Taktieren – allesamt Aspekte, die ansonsten hinter dem Resultat, dem gedruckten Buch oder dem ausgestellten Sammlungsobjekt, verschwinden. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt die Qualität von Büchern als Handelsware, wie sie in der Korrespondenz zwischen Kircher und seinen Buchagenten, Druckern und Verlegern deutlich wird. Mit der Produktion und Distribution von Kirchers Publikationen haben sich bis dato nur wenige Forscherinnen und Forscher intensiv beschäftigt.200 Dies mag zum einen mit der Überlieferungslage zusammenhängen, da nur wenige Versatzstücke über Kirchers Beteiligung am Druck seiner Werke überliefert sind; auf Quellen, die man sich wünschen würde, wie beispielsweise Verhandlungen über Layout oder über die Illustration der Publikationen, kann im Falle Kirchers nicht zurückgegriffen werden. Die große Aufmerksamkeit, die dem Gelehrten Kircher und seiner Universalwissenschaft zugekommen ist, hat den Blick auf die »Vielhändigkeit« der Wissensgenese und des wissenschaftlichen »Outputs« verstellt. Gerade für die Entstehung und Distribution von Wissen und »Wissensprodukten«, wie es die Bücher sind und wie auch der Autor eines ist, waren Vielhändigkeit, Kooperation und Austausch, aber auch die Wünsche der (potentiellen) Käuferschaft bedeutsam. Lisa Sarasohn äußert sich dazu pointiert: »Consequently, their work [gemeint sind die Wissenschaftler, T.A.] is not just the product of laborious individual effort or the result of a fertile interplay of ideas between cooperative researchers, but an amalgam of these factors and the wishes and demands of their patrons or brokers«.201 Ganz im Sinne von Sarasohn handelt dieses Kapitel nicht von den Ideen und Strategien eines Einzelnen, sondern von einer Verflechtung mehrerer Elemente; es beleuchtet die Prozesshaftigkeit der Wissensgenese sowie die Bedeutung, die der Vermarktung, der Koordination und den diverse Kooperationen dabei zukam.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

