Kitabı oku: «Und die Titanic fährt doch», sayfa 3
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Unsere Turbine läuft. Läuft wacker. Unüberhörbar. Wir tuckern elend langsam, aber tuckern vorwärts. Sechs Knoten, schätze ich mal. Etwas mehr als ein Viertel der Dienstgeschwindigkeit. Na ja, immerhin. Dann, warte, ja, dann dürften wir New York in sechs, eher sieben Tagen erreichen.
Glutrote Wolkenbänder am Abendhimmel, orangefarbene Hochnebellaken ausgelegt zum Bleichen, Federn aus einem geplatzten Wolkenkissen haben sich planmäßig verteilt und sind zur Ruhe gekommen. Hier und da taumeln immer noch ein paar versprengte Eisbrocken im Wasser, warten träge auf ihr trauriges Ende. Ein breit auseinandergezogenes Trümmerfeld aus zerschlagenen Eisschollen. Verschnitt- und Versatzstücke in allen Größen und allen Weiß-türkis-grau-Schattierungen heben sich nur undeutlich vom grünen Wasser ab, das ansonsten immer noch wie mit einem Abzieher glattgezogen daliegt und dort, wo es nicht von Eiskadavern gestört wird, das selbstvergessene Farbenspiel der Dämmerung verdoppelt. Stille meilenweit. Jetzt schon seit Tagen. Fragt sich, wo sind die Nordmeerstürme hin? Das Wellengetöse, die Wolkentürme? Brauen die, zurückgezogen in irgendeine Teufelsküche, das nächste mordsgefährliche Süppchen zusammen?
In Thule? Das muss doch irgendwo hier sein, da, noch ein Stück weiter den Globus aufwärts. Hinterm Horizont, wo das Brucheis immer dichter wird, wo schmutzigweiße Fladen und Scheiben von Rissen durchzogen eine gellende Nänie anstimmen, wo kreuz und quer verkantete Restklötze sich aufrichten zu Grabsteinen. Im traurigen Gedenken an die todgeweihten Eiskälber, die sich soeben gen Süden auf den Weg machen zu ihrem eigenen Verzehren und Verderben. Hier, wo mit Sicherheit, mit ziemlicher Sicherheit auch der Eisberg herstammt, der unserm Kahn ans Fell gegangen ist. Gekalbt von einer, was weiß ich, 80 Meter hohen Gletscherwand. Hat garantiert drei Jahre gebraucht, der Eisblock, um sich bis in die gottverdammten Gewässer treiben zu lassen, wo er uns dann an den Kragen gegangen ist. Hat sich also losgerissen und auf die Reise gemacht, als die drüben in Belfast bei Harland & Wolff grade mit dem Bau der Titanic angefangen haben. Aber 15.000 Jahre vorher ist er Eis geworden, der Bursche. Hoch oben, irgendwo auf dem grönländischen Buckel. Und hat sich als zäher Eisstrom allmählich, ganz allmählich abwärts geschoben zur Westküste. Durchzogen von einem Labyrinth aus sommerlichen Schmelzrissen, das die spätere Form von unserm Eistrümmerklotz schon vor Jahrtausenden vorgezeichnet hat. Und also, 14.997 Jahre später, kommt er an in Thule, bricht aus seiner Gletscherfront und lässt sich ins Wasser plumpsen. Kracht da in diesen zerklüfteten Friedhof mit offen liegenden Eisskeletten, halsbrecherischen Stapeln weißer Särge, ungeordneten Reihen baufälliger Marmormausoleen. Wo auf allem diese undurchdringbare Grabesstille lastet.
Allmählich verliert das Licht sein Orange. Nur noch ein Schimmer im Westen, dort wo Amerika uns erwartet: das Schiff und die letzten Aufrechten, die die Stellung auf den morbiden Planken halten. Jetzt versickert auch der westliche Lichtstreifen. Das Nachtschwarz fängt an, seinen bleischweren Mantel auszubreiten, während dieser schleunigst schon mal die ersten gelb leuchtenden Knöpfe aufblitzen lässt und, so weich er fällt, doch eine düstre Ahnung davon an den Horizont malt, wozu er fähig ist, wenn man ihn nur machen lässt. Aber niemand will den Mantel der Nacht in Wallung versetzen. Noch nicht. Die vielbeschworene Ruhe vor dem Sturm? Der verschüchterte Mond jedenfalls zeigt sich immer noch nicht. Nicht als noch so dünne Sichel. Obwohl das Himmelsschwarz glasklar ist. Keine Dunstflecken vor den Sternen, die Nebelbänke verflogen, die Wolkenschafe im Stall. Oder? Oder da, huschen da nicht doch feine schwarze Tücher dem Firmament übers Anthrazitantlitz, wirbeln da nicht finstre Flecken einen röchelnden Totentanz durch die Lüfte?
»Position: 67°27‘ Nord, 50°14‘ West«, verzeichnet Phillips mit ausgetrocknetem Füller – in den hundert langen Unterseejahren kein Wunder – mit kratztrockenem Füller im Logbuch, »Strömungsverhältnisse: anhaltende Norddrift. Prognose: Zielposition unterm Nordpol kann in wenigen Tagen erreicht sein.«
»Eine von denen hier, genauso eine«, Madame Godot hat den kleinen Finger wie üblich abgespreizt, während sie sich das dünne Porzellangebilde vor Augen führt, »war jedenfalls eine Mokkatasse. Und die kam damals auf halbem Weg zum Mund plötzlich nicht mehr weiter. Wie in der Luft festgeklebt. Grauenhaft. Die Hand mit der Mokkatasse. War plötzlich ...«
Das lange Laster mit den spitzen Ohren legt ihr irgendwie väterlich den Arm um die Schultern: »Angy, hörn Sie auf zu jammern. Ich bin hier. Batman, Herr der Dunkelheit, Herold des Guten hinterm Schatten, Arm der Titanen. Batman forever! – Pow! Und nun lassen Sie die Vergangenheit und die beschissene Mokkatasse ruhen!«
So ganz dämlich ist der nicht, dieser Batman, muss man zugeben. Scheint begriffen zu haben, dass die Erinnerung nur dann weiterbringt, wenn sie sich auf die Kunst des Vergessens versteht. Komplettes Aufbewahren, totales Konservieren, ständiges Abrufen der Erinnerungen ist ein Akt von Grausamkeit. Vergessen dagegen eine Sache der Würde. Aber Würde hin, Würde her, das Vergessen huscht nie nach hinten weg, ohne Spuren zu hinterlassen. Immer bleibt irgendwo irgendwas. Grausam, wie gesagt, grausam und unnachgiebig.
Damit jedenfalls, dass er des Mokkatassenklagelieds überdrüssig ist, steht der untote Fledermaustitan an Bord meines blauen Zukunfts-U-Bootes keineswegs alleine da. Selbst aus dem Totengräber – ansonsten ausgestattet mit dem Gemüt eines Schaukelpferds – bricht es heraus: »Hätten Sie nicht einmal in all den Jahren, muss einen ja wahnsinnig machen, hätten Sie in all den Jahren dies Mokkatässchen nicht mal irgendwo abstellen können! Stehn lassen. Vergessen. – Jeden Morgen als erstes dies verfluchte Gerappel. Das dröhnende Geklimper von dieser ...«
Womit er allerdings der von ihrer eigenen Gemütsverfassung aufgescheuchten Madame Godot bloß ein dankbares Stichwort geliefert hätte: »Ich meine, das Klirren kennt man ja, dies leise Klirren, wie die Tassen tanzen auf ihren Untertassen, um Bruchteile von Millimetern, ständiger Wegbegleiter auf einer Dampferreise, kennt man ja«, murmelt sie selbstvergessen und stiert auf den auch nach all den Jahren immer noch glitzernden Goldrand des Tässchens in ihrer Hand, »aber wie dieses Klirren plötzlich, urplötzlich anschwoll, ausartete zu rasendem Lärm! Und genau dieses Getöse war … war der erste Ruf von unten aus der Tiefe.«
»Aber trotzdem, Madame«, Russel ballt die rechte Faust und lässt sie doch auf halbem Weg Richtung Tischplatte in der Luft hängen, »noch lange kein Grund, dieses brüllende Klirren die ganze Zeit mit sich rumzutragen, hundert Jahre. Womöglich ein ganzes Jahrhundert. Mittlerweile. Wenn Phillips Zeitschätzung stimmt.«
»Ich übernehme keine Garantie.«
»Meine Güte, Mme Godot, hören Sie endlich auf, auf Ihren Gatten zu warten! Sie können ihm mit keiner noch so klanggewaltigen Mokkatasse ein Lebenszeichen rübermorsen, so leid‘s mir tut. – Eine Bibel, hat keiner eine Bibel zur Hand?«, stammelt Russel weiter, und Madame klappert weiter.
»Kpow«, bellt Batman und knallt eine bleischwere Schwarte auf den Tisch des Hauses.
Und Russel legt mit der seiner Profession gemäßen Würde die Hand aufs Buch der Bücher, stellt sich betont grade hin und intoniert: »Ich schwöre, dass ich Ihnen, wenn Sie nicht sofort … dass ich Ihnen Ihre eigene Hutnadel in Ihre eigene Haut ...«
»Eine Hutnadel?«, schreckt die Brünette auf. »Die Maus, die tödlich spitze Hutnadel, die Anrichte ...«
»Kronch! – Hold me. Thrill me. Kiss me. Kill me.«
»Ich weiß genau«, gesteht Russell, »wie jeder andere hier, wo Sie Ihren Hut abzulegen pflegen. Und so eine graue Haut wie Ihre schreit geradezu nach Verzierung! Wenn Sie nicht ein für alle Male diese Mokkatasse zum Schweigen bringen, dann ich Sie! Darauf heb ich umstandslos drei Finger zum Eide.«
»Sie meinen, Sie wollen mir sagen, Sie wollen mich ...«, mit lautem Klirren geht die Mokkatasse zu Boden und zerspringt in tausend Gedenksteine, »wollen mich ... meuchelmörderisch, rücklings, mit meiner eignen Hutnadel ...«
»In den Nacken. Treffsicher, todsicher. Von Haut versteh ich was, und von finalen Akupunkturpunkten. Sie sind sofort tot! Ohne Schmerzen. Spüren Sie nichts von, garantiere ich Ihnen. Aber, im Namen aller satanischen Heerscharen, Sie werden mich nicht weitere hundert Jahre mit dem Tassengeklimper an die grauenhafte Schmach erinnern, dass ich Godot nicht hab‘ retten können. Dann lieber beide Godots aus den Augen, aus den Ohren, aus dem Sinn.«
»Aber – aber ...«, Mme Godot sieht Russel mit starrem Blick in die ebenso starren Augen und zieht sich, ohne den Blick abzuwenden, eine neue Mokkatasse rüber, hebt sie auf der Untertasse hoch und lässt sie wie gehabt klirren.
Worauf Russel die Hände zum Himmel reckt: »Madame Godot, hören Sie auf mit diesem Geklirr! Wer auf Island zischt ein Bier, wird zur Elfe im Geysir.«
»Flitzkacke nomma«, mischt sich der Heizer ein, »nu hört doch, kehrmanney, hört doch auf! Godotin. Der meintet ernst, unser schreibender Totengräber. Der macht euch platt, so wat von platt, bloß wegen dat bekloppte Geklimper. Un dann liegt er uns in die Ohren wegen sein schlechtet Gewissen dauernd.«
»Sie sollen das – lassen Sie das Geklimper sein. Die Mokkatasse! Ich vergesse mich!« Die feinsinnige Contenance des Poeten jedenfalls scheint er schon vergessen zu haben.
»Nich ‘n Funken Dankbarkeit in Leib! He, Godotin, verdorri nomma, könnt vorn Totengräber Rüssel auffe Knie rumrutschen vor lauter Dankbarkeit, datter Euch vor hundert un sowienoch Jahren dem Deibel vonne Schippe geschubst hat. Wie er Euch runter int Türkische Bad geschleift hat. Dahin, wo er mitgekriegt hatte, datt die Schotten funktionierten, wo dat Schiffsken oder wenigstens dat Stück Schiffsplauze hier dicht un einigermaßen trocken ...«
»Hat er, hat er, als es so richtig eng wurde, das muss man ihm lassen. Wenn einer geistesgegenwärtig war, dann ...«, Phillips beißt seinem eigenen Satz den Schwanz ab, er hat scheint‘s die richtige Seite im Logbuch gefunden, streicht sie glatt, stellt sich steif und stramm hin und zitiert: »00:15 Uhr. CQD. Mayday. SOS. MGY. Position: 41°46‘ Nord, 50°14‘ West. SOS.« Damit schlägt er das Logbuch zu, rekapituliert jedoch weiter, ohne seine stramme Haltung zu lockern: »15. April 1912. Schnelldampfer Titanic, unsinkbar, Flaggschiff der White Star Line, auf Jungfernfahrt vor Neufundland havariert. Platten- und Plankenverbund steuerbordseitig vom Fuß eines Eisbergs zerstört. 2:20 Uhr Schiffszeit: Titanic nach nochmaligem senkrechten Aufbäumen endgültig ...«
»Moment mal, es ist nach unseren Statuten strengstens untersagt, das Missgeschick direkt anzusprechen, geschweige irgendwelche Details auszuplaudern!«, geht der Steward dazwischen, ohne jedoch irgendwas ausrichten zu können gegen den einmal in Fahrt gekommenen Funker.
»... nach nochmaligem senkrechten Aufbäumen endgültig gesunken. Dank selbstlosen Einsatzes seitens des Dritter-Klasse-Passagiers Rod Russell konnten noch im Verlauf des Sinkvorgangs drei Rumpfkammern trotz angeschlagener Schotten vor dem Ozeanzugriff bewahrt werden.«
»Unser Rüssel«, übersetzt Manfred Hart, »unser Rüssel versteht sich nämmich nich nur auffet Dichten, sondern auch auffet Abdichten.« Ein Scherz am Rande, über den er als Einziger zu lachen weiß, dafür aber umso schallender, womit er das betretene Schweigen der anderen mehr als kompensiert. Eins ist jedenfalls sicher: Diese Phantomfiguren hier haben was völlig anderes hinter sich als die Wirklichkeit, die ich erlebt und zu verantworten hab. Die sind tatsächlich abgesoffen. Oder tun zumindest so.
Aber Phillips scharrt mit den Hufen, um seinen Rapport fortzusetzen: »Abgeschotteter Rumpfstumpf des Wracks wird auf halber Höhe über Meeresgrund exakt in der Schwebe gehalten. 1870 Meter unter Normalnull. Willenlos Meeresströmungen ausgeliefert, da zwar ein Heizkessel inklusive Notstromgenerator nicht geflutet, aber die Schraubenwelle zerschlagen. Alle anderen Maschinenräume geflutet oder verschollen, aber Türkisches Bad und die Messe für Butler und Zofen samt Pantry trocken!«
»Die angesoffene Titanic lebt! Wow!«, zieht Batman einen Strich drunter und schüttelt rasselnd seine Fledermausflügel, um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen.
»Un nu seht zu, Madame, datt er Euch nich tatsächlich in ‘nen faltigen Nacken ‘ne Nadel setzt!« Hart zieht sich die schwarze, öl- und rußverschmierte Jacke an, was ein nicht zu übersehendes Naserümpfen auf Seiten der selbstredend auf olfaktorische Etikette bedachten Mme Godot hervorruft.
Während Rod Russel die Wände rauf- und runtergeht. »Dass Sie die Mokkatasse schon wieder und immer noch … ein Stich mit spitzer Nadel, um des Himmels Willen, und Sie klappen zusammen wie ein Taschenmesser.«
»Und ab durch die Abfallschleuse ins Wasser! Seebestattung erster Klasse, 2000 Meter tief«, die Zipfel von Batmans Elefantenohren zittern vor Vergnügen, »gurgel glurgh. – Letzte Ehre, wem Ehre gebühret.«
»Ja Scheiße, die Madame tassenklimpert wahrhaftig weiter un weiter un weiter! Un erinnert uns ständig anne ganzen armen Seelen, die von uns gegangen sind. Damals. Fünfzehnhundertdreizehn anne Zahl. Aber Stücker sechs hat der gute Rassel gerettet. Un die Godotsche mitter Mokkatasse is mittenmang dabei. – Un gezz entschuldigt mich«, sagt Hart, stellt mit Befriedigung fest, dass er beim letzten Knopf seiner Jacke angekommen ist, begutachtet noch einmal, ob er sich nicht verknöpft hat, und nuschelt etwas von wegen, er habe im Übrigen was Bessres zu tun, als sich hier an diesem blödsinnigen, ewig gestrigen Schwadronieren zu beteiligen. Seine Maloche erledige sich schließlich nicht von selbst. Worauf er mit seinen abgeschabten Heizerstiefeln ein paar schwere Schritte aufs Parkett dröhnt und den Salon samt Insassen sich selbst überlässt. Und mir.
Aber nichts da! Ich muss jetzt mich erst mal damit befassen, die Spuren meiner unseligen Olympic-Flucht oder – Mist – meines Fluchtversuchs aus dem Weg zu schaffen. Nicht ganz einfach, die gottlob unversehrt gebliebene Vorderseite der auseinandergepflückten Schublade wieder in die Spiegelkommode einzupassen, damit die die Fassade wahren kann und nicht zu erkennen gibt, dass es sich bei dem Schubfach um ein Potemkinsches Dorf handelt. Doch, funktioniert so leidlich. Der restliche Holzschrott am besten unter die Koje!
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»Herein«, brülle ich mitten hinein in dieses verschüchterte Klopfen.
Die Tür geht auf, und auf der Schwelle zu meiner Haftkabine nimmt eine Gestalt zögerlich Haltung an. Ich kann beim besten Willen nicht ausmachen, um wen es sich handelt. Das verblassende Licht der Abenddämmerung hat meinen Fantasieausflügen in die submarine Hundertjahreszukunft gereicht, und also hab‘ ich überhaupt nicht gemerkt, dass ich mal langsam das Licht anmachen könnte. Erst jetzt, wo ich diese Schattenfigur im Gegenlicht des hellen Flurs im Türrahmen stehn sehe, fällt mir auf, wie finster es in meiner Kabine schon ist.
»Treten Sie ein«, sage ich noch mal, in der Hoffnung, dass ich ihn erkennen könnte, würde er erst mal ein paar Schritte aus dem Flurlicht heraus auf mich zukommen.
Der Schattenriss-Seppel kommt der Aufforderung nach, und erwartungsgemäß entpuppt er sich, als er die Flurtür hinter sich zugezogen hat. Weniger erwartungsgemäß allerdings: als Lightoller.
Damit erklärt sich auch das zurückgenommene Verhalten, das ewig lange Verharren auf der Schwelle. Muss ihm reichlich peinlich sein, hier seinen direkten Vorgesetzten in einer so erniedrigenden Lage vorzufinden: degradiert, seiner Uniform, seiner Ehrenzeichen, seiner Identität beraubt. Von der Schlaflosigkeit der letzten Nacht und den Grübeleien des Tages gezeichnet.
Auch wenn bezüglich des Debakels keine Schuld auf Lightollers Schultern lastet – er hatte mir 40 Minuten vor der Eisbergkollision die Wache übergeben –, er also von Gewissensbissen ungetrübt hier stehen kann, fühlt er sich tief unter der Schädeldecke wahrscheinlich trotzdem irgendwie mitverantwortlich. Auch er hatte schließlich der sträflichen Missachtung sämtlicher Eiswarnungen, derer der Alte sich schuldig gemacht hatte, nicht widersprochen, sondern mir bei der Wachübergabe auch Captain Smiths Befehl, ohne auch nur das leiseste Fragezeichen hinzuzufügen, weitergegeben, dass wir nur bei Sichtverschlechterung die Geschwindigkeit zu drosseln hätten, also nur im Falle, dass es neblig oder diesig würde.
Lightoller wagt nicht, mir in die Augen zu sehn. Und ich finde irgendwie Spaß daran, meinerseits aus zusammengekniffenen Augenschlitzen giftige Stacheln in seine Pupillen zu bohren, die mit zitternden Ausweichmanövern befasst sind, um meinen eisernen Blicken zu entkommen. Völlig verdattert steht der arme Kerl in der Mitte meiner … ja, soll man sagen: Zelle? Und schweigt. Weniger beharrlich, wie‘s aussieht, als ratlos.
Irgendwann, nachdem er geraume Zeit das böse Spiel meiner Blicktorpedos ertragen hat, scheint er sich wieder darauf zu besinnen, mit welchem Auftrag er eigentlich hierher entsandt worden ist. Jedenfalls greift er von plötzlicher Entschlossenheit erfasst ins Innere seiner Uniformjacke und zieht einen Metallgegenstand heraus, den ich aus dem Augenwinkel nicht identifizieren kann. Während ich mit offen zur Schau getragenem Triumph begutachte, wie ihm die Schamesröte ins Gesicht steigt, legt er das Ding schweigend auf das winzige Wandregal neben meinem Bett, ohne dass ich die Waffen meiner Pupillen auch nur für eine Sekunde milde gestimmter Gnade von seinen Augäpfeln abgezogen hätte. Erst als er zum zweiten Mal in die Innentasche seiner Jacke greift und diesmal mit spitzen Fingern einen kleinen Gegenstand zu Tage fördert, lasse ich mich dazu herab hinzusehn und … und werde bleich: ein Projektil! Eine Kugel. Im gleichen Moment hefte ich meine Augen auf das Regal. Folgerichtig: ein Revolver.
In meinem Schädel schlagen die Gedanken Kapriolen. Lightoller, Kollege und ohne Frage mein bester Freund hier an Bord, immer gewitzt und witzig, immer verständig und verständnisvoll, blitzgescheit und trinkfest, immer moralisch, nie moralisierend, der legt mir einen Revolver und eine Kugel vor die Nase! Offensichtlich im Auftrag des Captains.
Hinter der Stirn ein einziger brausender Tumult, aus dem sich partout kein klarer Gedanke destillieren lässt. Ich bin erschlagen! Vollkommen erschlagen angesichts der Tatsache, dass Smith und Lightoller trotz des nahenden Sturms für solche Manöver … Sturm? Wieso das? Wie kommt jetzt ein Sturm in meinen Kopf? Ja, stimmt, der Blick aus dem Bullauge ins letzte Licht des Tages verrät mir, dass die Wolkenbänder der Morgendämmerung nur zum Schein so gerade und flach gezogen sind. Da ganz hinten überm Horizont im Nordwesten, das sieht gar nicht gut aus! … dass die beiden also trotzdem noch den Kopf frei haben für solche Spielchen!
Plötzlich ein ohrenbetäubendes Klirren. Die Seifenschale ist zu Boden gegangen. Zumindest reißt das meine Blicke vom Revolver und seiner lüsternen Kugel los und fegt den Irrläufergedanken weg, Revolver und Kugel gleich jetzt zusammenzubringen, schneller, als unser guter Lightoller sich träumen lässt, und schneller, als der Unversehrtheit seines Leibes zuträglich wäre. Ich starre den Scherbenhaufen an. Noch nicht lange her, da flogen hier schon einmal unzählige Porzellanscherben auf dem Boden rum.
Charles steht da mit entsetztem Blick, Setzrisse in der Schädeldecke und Schlaglöcher in der Seele. Nach geraumer Zeit löst er sich langsam aus der Schockstarre, geht in die Knie und beginnt, nach wie vor schweigend, die Scherben aufzusammeln. Wohlwissend natürlich, dass die Seifenschale nicht zufällig vom Waschtisch gerutscht ist. Und genauso schweigend geht er zum Bullauge, verschließt es und hämmert den Schraubknebel knüppelhart zu, bis die Schraube in allen Fugen ächzt.
Im Herausgehen bekommt er dann doch noch die Zähne auseinander: »Hier kommt erst wieder einer rein – auch die Nurse, die dir das Essen bringt, kommt erst wieder rein, wenn ein Schuss gefallen ...«
»Ja, wie?«, gehe ich dazwischen. »Wollt ihr mich verhungern lassen?«
»Das wird nicht nötig sein, sagt der Chef, ähm, der Commodore. Und ich soll dir außerdem von ihm ausrichten, du möchtest, ähm, Sie möchten sich dessen gewiss sein, dass es Ihrer seemännischen Loyalität keineswegs trefflich zu Gesichte stehe, sollte sich der Schuss unverrichteter Dinge in der Holzvertäfelung der Kabine hier verirren oder etwa gar nicht aus dem Lauf lösen!«
Damit fällt die Tür ins Schloss. Und ich bin allein mit Pistole und Patrone.
Eine winzige Bewegung, und ich wäre den ganzen Scheißdreck los. Wie so ein Gerät funktioniert, ist mir durchaus geläufig – Waffenlehrgang. Daher kenne ich schließlich den Alten: unser Ausbilder in Sachen »nautische Offiziershaltung bei der Waffenanwendung«. Auch wenn ich bis heute nicht begriffen habe wieso, aber noch Jahre nach dem Lehrgang hat er für mich bei der White Star Line ein gutes Wort eingelegt. Ein so gutes Wort offenbar, dass sie mich vom Fleck weg eingestellt haben.
Also tun, was zu tun ist: Die verdammte Kugel ihrer Bestimmung zuführen. Einlegen, anlegen, direkt an die Schläfe, oder noch sicherer: an den Gaumen. Und … abdrücken. Und aus und vorbei. Sollen sie doch sehn, wie sie hier die Karre aus dem Dreck, den Kahn aus den kalten Fluten ziehn! Sollen sie den Stab über mich brechen, Gutachterkommission, Untersuchungsausschuss, Seegericht, Strafgericht – lässt sich das ganze Prozedere auf das Angenehmste in Maß und Grenzen halten. Keine Sperrigkeit der Materie, kein Widerspruch in der Sache, kein widerspenstiger Angeklagter. Könnte ich mich wenigstens, was die Kosten der Nachwehen angeht, noch nützlich machen für Reederei und Werft. Ich meine, man munkelt ja, dass die White Star Line sowieso finanziell mit dem Rücken an der Wand steht. Wenn nicht schon hinter der Wand. Also! Kann ich mit diesem einen einzigen winzigen Rotationskörper hier zwischen meinen Fingern ein ordentliches Scherflein beitragen zur Kostenersparnis, zur Zukunft der Reederei und der ganzen christlichen Seefahrt.
Und ich für meine Person wäre auch aus dem Schneider. Muss mich nicht vor der Welt verantworten. Und vor Gott und Poseidon nicht. Muss den ganzen Torfnasen nicht versuchen, begreiflich zu machen, warum in dieser Sekunde vor dem Crash und Clash nicht anders zu handeln war. Dass andernfalls die Katastrophe gradezu apokalyptische Dimensionen angenommen hätte. Dass mindestens die Hälfte unserer Schutzbefohlenen den Bach runtergegangen wäre. Dass nicht zuletzt auch die White Star Line und Harland & Wolff aufs Schafott der in diesen Zeiten von Funk und Telegrafie über den ganzen Globus hinweg operierenden Moralinstanzen getragen worden wären. Dass nach den fallbeilscharfen Kommentaren der Tagespresse und den paar ersten Wochen der Trauer um die Opfer der Untergang dieser Krone der technischen Schöpfung allemal Stoff für Jahrhunderte währende Häme, für kitschige Liebessagas und ausufernde Romane geliefert hätte.
Könnte ich mir diese ganzen Rechtfertigungsarien sparen. Und das schweigend Ertragen-Müssen irgendwelcher steilen Thesen von selbsternannten Granden der Schiffsbaukunst, irgendwelcher abenteuerlicher Expertisen aus dem höchst berufenen Munde von Manöverkritikastern, Beckmessern, Weisheitslöffelfressern, von geldgeimpften Füllfederhaltern aller Art. Die Mühe, noch die verschlungensten Pfade der elend knarrenden Mühlen der Rechtsprechung zu durchschauen, die Begriffsstutzigkeit abgehalfterter Advokaten einerseits und die sibyllinisch abgezirkelten Winkelzüge ausgekochter Rechtsverdreher andererseits. Das Geseiche weißgewandeter Seelenbeschauer, die meine Zurechnungsfähigkeit in Frage stellen beziehungsweise unter Beweis stellen wollen, je nachdem von welcher Seite sie entlohnt werden. Mal ganz zu schweigen von der Brut neunmalkluger Katastrophenreporter, Tratschpoeten, Groschenromanciers.
Also!
Nicht mal mehr vor Lightoller müsste ich noch gradestehn für meine Entscheidung. Ich meine, das war doch unverkennbar eben, wie sein rechtes Augenlid, wie das immer wieder ganz leicht, ganz kurz, aber zigmal hintereinander zuckte. Wie er mit seinen Zweifeln gekämpft hat, ob er noch auf meiner Seite stehen kann. Sich gefragt hat, wie er sich einrichten soll zwischen den Stühlen der Loyalität zu Captain und Reederei einerseits und der während der letzten Tage in der Offiziersmesse aufgefrischten, aber eigentlich schon Jahre zuvor angebahnten Freundschaft zum, sagen wir: Delinquenten andererseits.
Natürlich hat Charles mein Handeln verstanden, hat vielleicht sogar begriffen, dass es die einzige Chance war, und hätte doch selber niemals so gehandelt. Wusste natürlich genau wie ich, dass in den vorderen Rumpfkammern etliche von den Leuten aus der Crew nichts ahnend in ihren Kojen lagen, Matrosen, Heizer und Trimmer. Hätte er nicht, hätte er nie übers Herz gebracht, deren Leben aufs Spiel zu setzen. Auch wenn er tausendmal gewusst hätte, dass das der einzige Weg wäre, um das Schiff und den Großteil der Passagiere zu retten. Die anstehenden Endlosdebatten mit Lightoller würde ich mir also auch mit einer schnellen Bewegung meines Zeigefingers sparen können.
Also!
Verdammt noch mal, ist so ‘n Revolver schwer! Bleischwer. Aber, mein Gott, ich werd doch noch ein Kilo Eisen bis zur Schläfe heben können! Und kalt, eiskalt, ist Eisen kalt!
Ich … ich meine, vielleicht später. Geht ja später auch noch. Wer zwingt mich denn, wer hätte denn das Recht, mich zu zwingen, das jetzt, genau jetzt zu erledigen? Okay, friemel ich die Kugel einstweilen wieder raus. Leg den Revolver wieder aufs Regal, die Kugel – aufreizend wie sie ist – daneben. Soll mich das Metall doch anblitzen, angiften, anschreien! So leicht dreht ein Murdoch, Erster Offizier zur See, nicht bei. Nein, der stellt sich der Auseinandersetzung! Breitbeinig dastehend auf den Planken seines vermutlich letzten Schiffes.
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