Kitabı oku: «Elfenzeit 4: Eislava», sayfa 7

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Auch sonst wirkte der Raum bis auf das Fehlen von Fenstern nicht wie ein Gefängnis. Es war warm, umhertreibende Leuchtkügelchen tauchten alles in schummriges Blaugrün, und auf dem Boden lag zwischen den Lagern etwas, das wie ein unregelmäßiger Moosteppich aussah. Ein großer Baumstumpf stand mitten im Raum, der wohl als Tisch gedacht war, wie auch die kleineren Baumstümpfe darum vermuten ließen, auf die man sich setzen konnte. In einer Ecke waren Schachteln aufgestapelt.

»Spielkarten, Würfel- und Brettspiele«, erklärte David. »Einige davon eindeutig aus der Menschenwelt.«

»Oh!« Rian lächelte und schüttelte den Kopf. »Irgendwie kommt mir das nicht wie ein Gefängnis vor, sondern eher wie eine für uns geräumte Wohnung.«

»Kommt mir auch so vor. Und das lässt mich hoffen, dass unsere Lage nicht so schlecht ist, wie man annehmen könnte.« Er wies auf den Kistenstapel. »Lust auf ein Spiel, während wir warten?«

Sie waren bei der zweiten Runde Backgammon, als jemand an die Tür hämmerte.

»Na, sind die Vögelchen wach?«, krächzte eine Stimme. »Wir wollen euch zur großen Vogelfängerin bringen.« Leises Kichern erklang, und das Kratzen von Holz auf Holz sowie ein anschließendes Poltern bewiesen, dass die Balken vor der Tür weggenommen wurden. Rian und David standen auf und sahen sich an. Die Elfe bemerkte die Angriffslust in den Augen ihres Bruders.

»Ich schätze, wir verlieren nicht viel dabei, wenn wir uns erst einmal ansehen, was los ist«, meinte sie leise. »Lass uns mitgehen und ruhig bleiben, bis wir mehr wissen.«

David verzog die Mundwinkel, nickte jedoch.

Als die schwere Holztür aufgeschoben wurde, fiel von draußen helleres Licht herein, das ebenfalls nur aus Blau- und Grüntönen bestand. Vor der Tür standen in einem Halbkreis mehrere Gestalten, von denen keine der anderen glich. Sie alle hielten Waffen bereit, und alle fünf waren nach Rians Einschätzung Trolle.

»Kommt raus aus dem Käfig, meine Vögelchen«, sagte der größte und winkte mit seiner freien Hand. In der anderen hielt er einen langen Speer mit Widerhaken. Er war mindestens zwei Köpfe größer als Rian, hager, und hielt sich leicht gebeugt. Eine spitze Nase stach wie ein Rabenschnabel aus seinem Gesicht nach vorn, und die Augen glühten in raubtierhaftem Grün. Alle sichtbare Haut war mit kurzem blauem Fell bedeckt, in dem sich in kleinen Kügelchen Dreck angesammelt hatte. Sein langes Haar hatte er mit einem Band am Hinterkopf zusammengefasst und zu verfilzten Zöpfen geflochten, die Rian an Rastas erinnerten. Auf den Wangenknochen wuchs das Haar ebenfalls länger und in Locken.

Dazu passte das schäbige schwarze T-Shirt, das er trug. Silberketten baumelten daran herunter, und eine rote Aufschrift besagte: Ich trage Schwarz, bis es eine dunklere Farbe gibt. An seinen spitzen, nach hinten ragenden Ohren hingen in dichter Reihe silberne Ohrclips mit herunterbaumelnden Totenköpfen, Schwertern, Pentakeln und anderen Symbolen. Zwei breite schwarze, mit spitzen Silbernieten besetzte Lederbänder um die Handgelenke und eine schwarze Lederhose mit weiteren Silberketten daran vervollständigten die Seltsamkeit des Bildes, das er abgab. Seine haarigen Füße hingegen waren bloß, und die Dreckränder auf und unter den spitzen Zehennägeln ließen vermuten, dass sie das immer waren.

Der deutlich kleinere Troll neben ihm trug Springerstiefel, khakifarbenes Hemd und Hose aus Stoff. Er hatte seine orangen Haare so kurz geschnitten, dass sie von seinem Kopf abstanden. In der Rechten hielt er ein Messer mit langer Klinge, und die Linke umschloss einen Schlagring. Seine Augen funkelten angriffslustig, als würde er sich wünschen, dass sie einen Fluchtversuch unternahmen.

Die anderen drei Trolle waren weniger bemerkenswert, obwohl auch sie fleckige und rissige T-Shirts und Hosen trugen, die besser zu menschlichen Jugendlichen gepasst hätten als in die Anderswelt. Es war nicht zu übersehen, dass hier ein Austausch stattgefunden hatte – ob nur in die eine Richtung oder in beide, war eine andere Frage. In jedem Fall hatte man sich um Fanmórs Gebot der Weltentrennung aber offensichtlich wenig geschert.

Rian und David kamen langsam aus der Hütte, die Hände leicht erhoben, obwohl es ohnehin nichts gab, wonach sie hätten greifen können, um einen Angriff zu versuchen. Rian rümpfte die Nase, als die Körpergerüche der Trolle sie trafen. Offensichtlich wuschen sie nicht nur ihre Bettwäsche nie.

Vor der Hütte war der Boden felsig, und Davids Vermutung schien sich zu bestätigen: Sie befanden sich immer noch in einer Höhle, wenn auch in einer riesigen Ausmaßes. Ihre Hütte stand nicht weit von einer Felswand an einem Hang, der in sanftem Schwung abwärts führte. Weitere Hütten waren zu sehen, ohne Ordnung hingestreut zwischen Felsen und ausgedehnten bewachsenen Flächen, die Grün, Blau, Weiß und Braun schimmerten. Die Luft war hier dicht von den Leuchtkügelchen erfüllt, die sie auch in der Hütte gehabt hatten, und zudem wuchsen am Boden und an der hoch über ihnen hängenden Felsdecke große runde Kugeln, die hell leuchteten. Jenseits der Hütten konnte man dort, wo der Fels am tiefsten war, ein dunkles Band ausmachen, und von dort kam auch das Rauschen.

Die Trolle umringten die Zwillinge, und der Große nickte zufrieden. »Gehen wir zur Altmutter. Ihr kommt besser ohne Gegenwehr mit.«

»Sonst hauen wir euch platt«, setzte der Orange mit hoher Stimme hinzu und ballte die Hand zur Faust.

»Schnauze, Bur«, knurrte der Blaue.

Auf einen Wink von ihm hin wandte die Gruppe sich dem Weg zu, der hinunter zu den anderen Hütten führte. Rian und David blieb nichts übrig, als in ihrer Mitte mitzugehen, wollten sie nicht riskieren, »plattgehauen« zu werden.

Eine Weile gingen sie schweigend an Felsen und Feldern von Pilzen, Moosen und niedrigen Gebüschen vorbei. Schließlich fasste Rian Mut und fragte: »Wo bringt ihr uns hin, und was wollt ihr von uns?«

Der Große knurrte und bleckte seine spitzen Zähne. Rian fragte sich, ob das ein Lächeln sein sollte. »Ihr kommt zur Altmutter, hamwa doch gesagt. Die wird entscheiden, was wir mit euch machen. Ihr seid ins Unterland gekommen, obwohl so Leute wie ihr hier nix zu suchen ham, und niemand hat euch hier ham wolln.«

»Aber doch nicht freiwillig! Wir sind in ein Loch gestürzt, das wie eine Falle war!«

»Ändert nix dran. Ihr seid hier und habt hier nix zu suchen. Is’ unser Revier. Ihr habt’s verletzt. Die Altmutter wird sich ne Strafe überlegen. Sie is’ der Boss hier.«

»Platthauen«, murmelte der orange Troll, ohne dass jemand ihn beachtete.

»Und was ist mit unseren Sachen?«, fragte Rian

»Behält sie bestimmt. Schadenersatz.«

Die Elfe stöhnte. All die Schmuckstücke und anderen Geschenke, die ihnen den Weg hatten ebnen sollen, waren jetzt weg, gestohlen. Sie hätten mit so etwas rechnen und einen magischen Bann auf die Taschen legen sollen. Nicht dass sie nicht problemlos neue Sachen hätten besorgen können, sobald sie die lästigen Handfesseln los und wieder in der Menschenwelt waren – aber es würde sie Zeit kosten.

Sie hoffte, dass sie wenigstens ihre Lieblingshandtasche zurückbekommen würde, auch wenn die Schuhe, zu denen sie sie gekauft hatte, vermutlich verloren waren.

»Geht ihr oft in die Menschenwelt?«, fragte Rian, um sich auf andere Gedanken zu bringen.

Der Troll schüttelte den Kopf und knurrte. Sie bemerkte, dass die anderen ein wenig die Schultern hochzogen und die Köpfe hängen ließen.

»Altmutter hat’s verboten. Eigentlich schon immer, aber … jetz’ noch mehr.«

Rian musterte den Blauen. »Es ist aber doch deutlich zu sehen, dass ihr alle öfter dort wart. Oder ist das alles durch eure Löcher gefallen?«

»Nee.« Er steckte einen Finger in den Mund, fuhr sich über die Zähne und begann, mit seinen Fingernägeln an einer Zahnlücke herumzubohren.

»Wir warn früher ab un’ zu oben«, sagte eine angenehme Stimme hinter Rian. Sie sah sich um. Hinter ihr lief eine Trollin mit so kurzem und hellem türkisfarbenem Fell, dass es fast als Haut hätte durchgehen können. Wo die Ärmel des weißen T-Shirts endeten, waren aufgemalte dunkelrote Ornamente zu sehen, die an Tribal Tattoos erinnerten. Auch die Ohren waren mit mehreren Clips bestückt, und ein kleiner Clip mit funkelndem Stein klemmte am linken Nasenflügel.

Wieder blitzten Rian spitze Zähne entgegen.

»Schöner Schmuck«, sagte Rian.

»Danke. Is’ halt Mist, dass wir uns nix stechen lassn könn’. Wächst alles in nem Tag oder zweien wieder raus, das ist so zum …« Sie machte den Mund weit auf und deutete mit einem Finger rein, als wolle sie das Anstoßen des Brechreizes andeuten. Dann zeigte sie auf das Muster an ihrem Arm. »Tattoos sind auch nich’ drin. Bin stattdessen zu Henna übergegangen, das hält wenigstens ne Weile. Mein Fell nimmt die Farbe gut an.«

»Ah. Ich habe immer gedacht, es wäre eine gute Sache, wenn Wunden so schnell heilen wie bei euch, aber ich sehe, es hat auch Nachteile.«

»Is’ ja egal jetz’«, knurrte der Große. »Is’ eh Essig jetz’ mit den Ausflügen, wenn wir nich riskieren wolln, rauszufliegen. Also wird’s bald auch nix mehr sein mit Henna und so. Wird Jackie sich was anderes suchen müssen.«

»Jackie?«

»Das Mädel da. Jaksarani eigentlich, aber nennt sich Jackie.« Er machte eine Kopfbewegung zu der Trollin mit den Ornamenten.

»Tut mir echt leid, ich geh nämlich genauso wie du gern shoppen.«

Jackie winkte ab. »Null Problemo. Hab Schlimmeres erlebt und überlebt, wird sich auch wieder ändern. Was glaubste, wie die Menschen mich angeguckt ham, wenn meine Tarnung mal ’n bisschen nachgelassen hat?« Sie kicherte.

»Ich kann es mir vorstellen. Menschen haben leider meistens ziemliche Probleme mit allem, was ihnen fremd ist. Wir kennen das zur Genüge. David und ich haben eine Weile in Paris gelebt.«

»Echt jetz’?« Die Trollin bekam große Augen. »Ey, Paris … Wahnsinn. Wart ihr auch mal in New York? Da soll es ja echt hart hergehen.«

»Nein.« Rian schüttelte den Kopf. »Wir sind in Europa geblieben, in der Nähe zu Earrach. Wir sind ja nicht aus Spaß in die Menschenwelt gegangen.«

»Hat man euch rausgeschmissen?«, fragte der Blaue.

»Nein. Wir haben einen Auftrag.«

Der Troll knurrte. »Das is’, schätz ich, was, was ihr dann besser der Alten erzählt. Hrm, der Altmutter«, setzte er hinzu, als Jackie ihm einen Knuff gab. Er machte eine Handbewegung nach vorn. »Sind schon fast da, also denkt nach, was es euch so wert is’, hier wieder weg zu komm’ und nich für uns in den Pilzfeldern zu arbeiten oder von Bur plattgehauen zu werden.«

Dieses Mal war es definitiv ein Grinsen.

Die Hütten waren inzwischen von niedrigen Häusern abgelöst geworden. Es gab also auch unter den Trollen Unterschiede in Wohlstand und Ansehen. Die Häuser waren aus Holz gebaut, lang und schmal im Grundriss und mit Ried gedeckt, das jedoch an vielen Stellen Schimmelflecken hatte oder überwachsen war. Vermutlich hielt in Wirklichkeit nur Magie diese Häuser gegen den Verfall zusammen. Die Wände waren schräg, und zusätzliche, von außen dagegen gestemmte Balken stützten das Dachgebälk ab.

Das Haus, dem sie sich näherten, sah ähnlich aus, nur ein gutes Stück länger und breiter als die anderen. Außerdem war es aus Stein gebaut, und auf dem Dach lagen neue Ziegel. Rauch drang aus einem von mehreren hohen Kaminen und ließ die Leuchtkugeln umherwirbeln.

»Das Feuerhaus«, sagte der Große. »Is’ der einzige Ort im Dorf, wo Feuer brennen darf. Für manche Sachen isses halt ganz nützlich, und da essen wir dann auch alle, aber alles in allem mögen wir Feuer halt nich so gern. Is’ eben das einzige, das uns richtig wehtun kann. Naja, un’ Sonnenlicht. Und damit der Alt…mutter ihre Knochen nich kalt werden und sie mit’m Körper nich auch noch so starr wird wie in ihrem Kopf, sitzt se immer beim Feuer dabei.«

Sie erreichten das Haus. Ein Durchgang ohne Tür führte in das dunkle Innere hinein. Im hölzernen Türsturz darüber waren Runen eingeritzt, die böse Geister fernhalten sollten, wobei Rian sich fragte, wie die Magie die Unterscheidung machen sollte, wenn man bedachte, wie wenig die Trolle sich schon untereinander mochten. Dennoch spürte sie, dass echte Magie an dieser Stelle am Werk war.

Hinter der Tür empfing sie ein großer dunkler Raum, der nur zu einem kleinen Teil von flackerndem Feuerschein erhellt wurde, und ein eindringlicher, aber nicht unangenehmer rauchiger Geruch, der die Ausdünstungen der Trolle gnädig überdeckte. Die Lichtkugeln mochten wohl die Nähe des Feuers nicht, oder aber sie wurden absichtlich ferngehalten, um den Effekt der Flammen hervorzuheben.

Das ganze Haus diente offensichtlich nicht zum Wohnen, sondern war ein Gemeinschaftshaus. Es war nur mit Säulen und einfachen Stellwänden unterteilt. An jeder Seite waren mehrere Feuerstellen zu erkennen, teilweise einfache offene Feuerschalen, teilweise Kamine und Öfen aus Lehm, Stein oder Metall. Anhand der Bauformen und der dabei liegenden Geräte war erkennbar, dass jede Stelle zu etwas anderem diente: zum Kochen, Backen, Räuchern, Grillen und Braten. Im Moment war allerdings keine davon angefeuert, obwohl sich in einigen Ecken Trolle herumtrieben und Dinge taten, die Rian nicht genau erkennen konnte.

In der Mitte des Raums flackerte ein großes Feuer, in einer Feuerstelle, die nur von einem Kreis von Setzsteinen eingegrenzt war. Mehrere Holzscheite lagen sorgfältig aufgeschichtet in den Flammen und spendeten Licht in einem Umkreis von mehreren Metern. Immer wieder stiegen Funken auf, wenn die Restfeuchtigkeit im Holz es zum Platzen brachte oder Teile auseinanderbrachen. Ähnlich den Lichtkügelchen tanzten die Funken in der Luft und wurden dann nach oben abgesogen. Etwas erzeugte auch ohne einen gebauten Abzug hier den notwendigen Sog, um den Rauch zum Großteil durch das Dach nach außen zu lenken.

Dicht beim Feuer saß eine einzelne massige Gestalt zusammengesunken und anscheinend schlafend auf einem hochlehnigen und breiten Sitz aus dunklem Holz. Felle polsterten die Sitzfläche und hingen über die geschwungenen Armlehnen, auf denen ihre dicken Arme ruhten. Langes graues Haar hing in fettigen Strähnen von ihrem nach vorn gesunkenen Kopf und verdeckte ihr Gesicht. Unter den Zotteln trug sie ein wohl ehemals ansehnliches burgunderrotes Kleid mit Goldstickerei, das nun aber ausgebeult, abgewetzt und fleckig um ihren Körper hing. Die Finger waren trotz ihrer Körperfülle erstaunlich dürr und von grauer, glatter Haut überzogen.

Die Haltung der Trolle, die Rian und David hierhergebracht hatten, hatte sich seit dem Eintreten in das Haus deutlich geändert. Ihr vorheriges sorgloses Selbstbewusstsein war zunächst einer gewissen Unruhe und sogar Anspannung gewichen, und als sie sich nun der Gestalt näherten, wurden ihre Schritte immer kürzer und zögerlicher. Mehrere Meter entfernt blieben sie schließlich stehen, und es dauerte einen Moment, ehe der Große tief einatmete, weiter vortrat und dann in die Hocke ging, die wohl einem Kniefall gleichzusetzen war. Eine Faust auf dem Boden und den Kopf ein wenig gesenkt sagte er:

»Altmutter, wir haben die Gefangenen gebracht.«

Seine Stimme klang scheu, und nichts war mehr von der Respektlosigkeit zu spüren, die er zuvor im Gespräch gezeigt hatte. Selbst seine Aussprache war deutlich bemühter.

Die Alte atmete keuchend ein und schnaubte, ehe sie langsam den Kopf hob. Eine große Hakennase war das Erste, was zwischen den Zotteln hervorstach, und ein spitzes Kinn, das dieser Nase entgegenzustreben schien. Dann schüttelte die Alte die Haare beiseite. Wangen wurden sichtbar, auf denen die Haut graue Falten bildete, und darüber glosten schwefelgelbe Augen.

»Sieh an, sieh an. Die Elfenvögelchen sind da«, ertönte ein hohes Krächzen.

David atmete scharf ein.

»Birte!«, flüsterte er.

8.
Licht und Schatten

Ainfar fiepte leise und ließ seine kleine Hand über einen der Gitterstäbe des Käfigs gleiten.

»Ich weiß, Kleiner«, sagte Melemida, ohne die tägliche Umgestaltung des Eingangsraums zu unterbrechen, die zu ihren Aufgaben gehörte. »Aber ich kann dich nicht rauslassen, selbst wenn ich es wollte. Die Königin hat deinen Käfig mit ihrem eigenen Siegel verschlossen. Und damit hast du noch richtig Glück gehabt. Der Getreue hätte dir vermutlich genüsslich jedes einzelne Fellhaar herausgerupft und dann angefangen, dir die Haut in kleinen Streifen abzuziehen, wenn sie es erlaubt hätte.« Sie kicherte kurz. »Ich wüsste ja zu gern, was du dort drinnen gesehen hast …«

Ainfar sank wieder auf seine Hände hinunter und betrachtete Melemida. Die Zweige und Borkenstücke, die sie unter Bandorchus Zorn verloren hatte, wuchsen allmählich wieder nach, und sie wirkte nicht mehr wie ein in den Sturm geratener alter Baum, sondern gewann langsam etwas von der Biegsamkeit und Frische eines Sprösslings zurück.

Die Königin war wütend darüber gewesen, dass sie in den Augen Bandorchus die Aufsicht über Ainfar – oder »Ariàn«, wie sie ihn genannt hatte – vernachlässigt und dadurch ihr Schoßtier in Gefahr gebracht hatte. Sie hatte Melemida übel misshandelt, und die Zofe musste danach für einige Zeit mit den Sammlern auf die Ebene. Doch inzwischen hatte die Königin sie zurückgeholt, und die Dryade ging ihren gewohnten Pflichten nach.

Der Tiermann hätte es verstanden, wenn Melemida ihrerseits ihm das Geschehene nachgetragen hätte, doch es schien, als dächte sie nicht einmal daran. In dieser Welt war ein anschmiegsames Schoßtierchen, wie er es darstellte, etwas, das selten war und daher behütet wurde. Das hatte ihm auch das Leben gerettet, als er staubbedeckt und benommen am Boden von Bandorchus Schlafzimmer nach kurzer Bewusstlosigkeit wieder zu sich gekommen war.

»Er gehört mir! Wage es nicht noch einmal, ihn anzugreifen!« Die schneidende Kälte in der Stimme der Königin hatte Ainfar erschauern lassen. Ein Blick nach oben zeigte ihm, dass der Stiefelabsatz des Getreuen nicht mehr über ihm hing. Mit schmerzendem Kreuz raffte er sich wieder auf, um dorthin zu sehen, wo Bandorchu hoch aufgerichtet stand. Ihr Gesicht war zu einer eisigen, von goldenem Haar wie Flammen umlohten Maske erstarrt, und der harte Blick ihrer Augen bohrte sich förmlich in ihr Gegenüber. Ihre Gedanken hatten um ihren Leib ein feuerrotes Kleid geboren, das ihren Zorn mit den Wellen unterstrich, mit denen der Stoff über ihren Körper wogte.

Auch den Getreuen ließ all das offensichtlich nicht unberührt. Mit gesenktem Kopf stand er leicht gebeugt vor ihr, die Hände in die Ärmel seiner Robe geschoben. Er wirkte, als warte er einen Sturm ab.

»Verzeiht, meine Königin. Ich dachte, es sei nur irgendein Tier, das von draußen hereingeschlüpft sei. Ich konnte nicht ahnen, dass Euch etwas an ihm liegt.« Seine Stimme war sanft, fast schon unterwürfig.

Sie schüttelte unwillig ihr Haar zurück. »Jetzt weißt du es. Und ich erwarte, dass du in Zukunft mein Urteil abwartest, ehe du in meinen Mauern deine Macht gegen einen meiner Untertanen einsetzt.«

Der Kopf des Getreuen hob sich ein Stück, und einen Moment schien es fast, als wolle er widersprechen, als würde es zu einem Messen der Kräfte zwischen ihm und der Herrscherin kommen. Einen scharfen Atemzug lang lag unerträgliche Spannung in der Luft. Doch dann deutete der Dunkle eine Verbeugung an.

»Wie Ihr es wünscht, Herrin.«

Ein Lächeln ließ Bandorchus Gesicht aufleuchten. Sie musterte den Getreuen zufrieden und legte eine Hand auf seine Brust. Die dunkle Robe bebte leicht unter einem Schauder, der den Mann offensichtlich bei dieser Berührung überlief. Er sank vor ihr auf die Knie, und sie legte lächelnd eine Hand auf seinen Kopf.

Dann wandte sie sich Ainfar zu, und etwas von der vorherigen Kälte kehrte in ihren Blick zurück.

»Und nun zu dir, du neugieriger kleiner Störenfried …«

Seither lebte er in diesem Käfig, außer wenn die Königin ihn mit sich nahm. Diese Gelegenheiten schienen allerdings zuzunehmen. Zudem kümmerte sie sich jetzt stets persönlich um ihn, anstatt ihn Melemida zu überlassen. Das gab ihm mehr Gelegenheiten als früher, sich an sie zu schmiegen und sie mit seinem weichen Fell zu liebkosen, oder sie mit seinen großen Knopfaugen anzusehen und all die kleinen Gesten zu vollführen, von denen er wusste, dass sie Bandorchu in Entzücken versetzten. Trotz des Käfigs war er sicher, ihre Zuneigung zurückgewonnen oder sogar über das alte Maß hinaus gesteigert zu haben.

Aber was nützt mir das alles, wenn ich keinen der Momente unbeobachtet bin, in denen ich frei bin?

Er war in mehr als einer Hinsicht aufgewacht, als er das Bewusstsein nach seinem Sturz wiedererlangt hatte. Plötzlich war ihm klar geworden, dass er sich erneut vergessen hatte. Wieder war sein eigentliches Ziel aus seinen Gedanken gedrängt worden durch das Leben, das er hier führte – nur war er dieses Mal in Glückseligkeit versunken anstatt in Lethargie. Wäre seine Neugier nicht gewesen, vielleicht wäre es ihm nie mehr bewusst geworden.

Und nun weiß ich Dinge, die lebenswichtig sind für Fanmór und das Reich der Crain, und kann sie nicht weitergeben. Ich kann nicht einmal nach einem Weg suchen, es zu tun.

Wären es nur die Gitterstäbe gewesen, hätte Ainfar leicht die Gestalt zu etwas noch Kleinerem wechseln können, um hinaus zu schlüpfen. Doch mit ihrem Siegel hatte die Königin einen Bann um den Käfig gelegt, der ihm nicht einmal erlaubte, die Nase zwischen den Stäben hindurch zu stecken. So half es ihm auch nicht, dass niemand ahnte, wie er wirklich in Bandorchus Zimmer gelangt war. Alle gingen davon aus, dass er gemeinsam mit dem Getreuen durch die Tür geschlüpft war und sich die ganze Zeit dort aufgehalten hatte.

Wäre er nur frei gewesen, dann hätte er alles Wissen sammeln können, das Fanmór brauchte. Das Netz dieser kleinen Schlitze, die in der Zitadelle verteilt waren, hätte ihm erlaubt, unbemerkt überall hinzugehen, alles zu belauschen und zu beobachten …

Und wozu? Mit wem willst du dein Wissen teilen?

Ainfar ließ den Kopf hängen, trottete in die Mitte des Käfigs und rollte sich zusammen. Solange er keinen Weg fand, Verbindung zu Regiatus aufzunehmen, war alles Sammeln von Wissen nur Vorwand, um das Leben im Schattenland nicht als ganz so sinnlos zu empfinden. Und es war nicht das schlechteste Leben, das er führte, das musste er zugeben. Er hatte keine Verpflichtungen, außer die Königin zu erfreuen, konnte mit ihr an der Tafel speisen und in seinem goldenen Käfig auf einem Lager aus Seidenstoff und weichem Nymphenhaar schlafen.

Der einfachste Weg wäre, dem Vergessen nachzugeben und zu werden, was er bisher nur vorgab zu sein. Er würde ohnehin nie einen Weg hinaus finden. Nichts verließ das Schattenreich, außer denen, für die die Königin mühsam ein Tor öffnete.

Aber muss ich denn selbst gehen? Sie schickt Diener, die in ihrem Auftrag handeln – könnte ich nicht vielleicht ebenso einen Boten schicken, anstatt selbst zu gehen?

Der Gedanke ließ ihn sich aufsetzen.

Warum sollte es nicht möglich sein? Sie erschuf die Tore hier, in ihren Gemächern. Er konnte versuchen, in solch einem Moment etwas hinauszuschmuggeln. Aber dafür musste er erst wieder aus diesem Käfig herauskommen. Er brauchte Freiheit … und er musste dafür der Königin womöglich noch näher kommen.

»Hier, mein Kleiner. Ein Nachtisch.« Zwischen ihren schlanken Fingerspitzen hielt Bandorchu ihm eine Wurzel hin.

Ainfar richtete sich dort auf, wo er neben ihrem Teller in der Mitte der oberen Tafel saß, an der er selbst früher einmal bedient hatte. Andere begleiteten jetzt die Schüsseln und Platten mit ihrem Singsang und legten der Königin und ihrem Hofstaat vor. Und Ainfar wurde nun bedient, von niemand anderem als der Königin selbst.

Seine kleinen Pfoten griffen nach dem Wurzelstück, während er der Herrscherin einen langen Blick aus glänzenden schwarzen Knopfaugen schenkte und dabei mit der Nasenspitze zuckte. Sie lächelte.

»Immer bedacht, mir zu gefallen. Du bist wirklich der treueste meiner Untertanen.« In ihrer seidigweichen Stimme klang ein gurrender Unterton mit, der Ainfars Innerstes erzittern ließ. Irgendwo in ihm klang der alte betäubende Kreisgesang wieder auf … sie mag mich … sie genießt meine Nähe … Er blinzelte und drängte es zurück.

Nicht wieder vergessen. Ich darf mich nie wieder vergessen. Ich habe ein Ziel.

Er senkte den Blick auf die Wurzel und konzentrierte sich darauf, sie auf manierlichste Weise zu verspeisen, zum Entzücken der Königin und aller anderen Wesen am Tisch, die mit leisen Freudenlauten jede seiner Bewegungen kommentierten.

Schranzen, dachte Ainfar abfällig. Wie viele von ihnen meinen wohl, was sie sagen, und welche hoffen nur, auf diesem Weg der Königin zu gefallen?

Er schob sich den letzten Bissen Wurzel in den Mund, leckte die Finger ab und sah zu Bandorchu auf. Erneut ließ er die Nasenspitze zucken und streckte sie ihr entgegen.

»Du kleiner Strolch, du bettelst ja … aber wenn du noch mehr isst, passt du irgendwann nicht mehr durch die Käfigtür.«

Ainfar zuckte zusammen, als er das Wort hörte, ließ sich auf seine Vorderpfoten sinken und sah die Königin aus großen Augen an. Sie lachte auf und ließ ihren Zeigefinger über seinen Rücken gleiten. Er streckte den Körper, um den Moment der Berührung zu verlängern, und hob den Kopf, um seine Wange an ihrer Hand zu reiben. Bandorchu beugte sich vor und sah ihm in die Augen.

»Also gut, kleiner Racker, du hast gewonnen«, flüsterte sie. »Kein Käfig mehr für dich. Aber ich werde trotzdem dafür sorgen, dass du keine ungeplanten Ausflüge mehr unternimmst. Ich werde dich nämlich keinen Moment mehr aus meiner Nähe lassen.«

Ainfar glaubte, sein kleines Herz müsse zerspringen.

Keinen Moment ohne sie … Er hatte die Glückseligkeit erreicht.

»Und damit ich sicher sein kann, dass du dich nicht doch davonstiehlst, werde ich dich an die Leine legen.«

Sie musste es erdacht haben, während er nur in ihre Augen gesehen und wenig Acht auf die Berührung ihrer Finger an seinem Hals gegeben hatte. Doch nun lösten sich ihre Fingerspitzen, und die Wärme wurde durch etwas Kaltes, Hartes ersetzt. Erschrocken hob er die Pfoten zu dem Ding an seinem Hals und versuchte, dorthin zu schielen.

»Oh, was für ein edles Halsband.« Eine Hofdame schlug mit entzücktem Gesichtsausdruck die Hände zusammen. »So hübsche Kristallsplitter, und ganz in Silber gefasst, und … ist das Rote darunter Seide oder Haut?«

Ainfar schüttelte sich bei dem Gedanken, es könne die Haut irgendeines Wesens aus den Katakomben sein.

»Seide«, antwortete Bandorchu und streckte erneut die Finger aus, um Ainfar am Halsband hochzuheben. Einen Moment glaubte er, ersticken zu müssen, als er in der Luft hing, doch dann setzte sie ihn auf ihrer Handfläche ab.

»So, mein kleiner Ariàn. Mit diesem Band wirst du dich nie weit von mir entfernen können, es sei denn, ich wünsche es so. Und jetzt begeben wir zwei uns zur Ruhe.«

Sie erhob sich und ließ ihn in eine hinzugedachte Tasche in ihrem weiten Ärmel gleiten. Ein Freudentaumel erfasste ihn und zündete ein Feuerwerk in seinem Kopf, während ihr weiches Dahingleiten ihn sanft im Stoff ihres Gewandes schaukeln ließ.

Sie mag mich … sie will mich bei sich haben … sie teilt ihr Bett mit mir …

In diesem Moment wollte er mit keinem Wesen innerhalb oder außerhalb des Schattenlands tauschen.

Eng zusammengerollt lag Ainfar auf der seidigen Decke, hineingekuschelt in die Kniebeuge seiner Königin. Wie schon so oft ließ er seinen Blick ihre sich als schlanke Formen abzeichnenden Beine hinaufwandern, bis zu jener Stelle, an der sie sich vereinten. Keine Nacht verging, in der ihr Duft, das Geräusch ihres Atems, die Nähe ihrer Haut und die leisen Laute, die sie gelegentlich im Schlaf von sich gab, ihn nicht in Träume voller Leidenschaft warfen. Wie oft hatte er schon mit dem Gedanken gespielt, sich als Maus des Halsbandes zu entledigen während sie schlief und sich dann in seiner wahren Gestalt zu ihr zu gesellen.

Er schloss die Augen, und seine Nase zitterte, während er ihren Geruch einsog und sich seinen Fantasien hingab. Ihre Haut zu berühren, ihren Atem einzusaugen, während seine Lippen sich ihren näherten, mit seinen Fingern ihre Brüste zu umstreichen, bis die Höfe sich zusammenzogen und die Brustwarzen der kühlen Luft entgegenhoben …

Bandorchu stöhnte leise und streckte die Beine aus. Ainfar schreckte auf. Die näher rückenden Beine schoben ihn aus seiner Kuhle und drückten ihn so tief in die seidigen Falten, dass er in Gefahr geriet, zu ersticken. Strampelnd befreite er sich von dem Stoff und krabbelte vom Körper der Königin weg. Alle Träume darüber, was seine Hände und seine Lippen auf ihrer Haut tun würden, waren wie weggeblasen. Hastig kletterte er zu den Kissen hinauf, die am Kopfende des Bettes verteilt waren, und brachte sich auf einem von ihnen in Sicherheit, während Bandorchu sich umdrehte. Ihr Gesicht wandte sich ihm zu, und die Elfe schlug die Augen auf.

Wie immer fühlte Ainfar sich sofort von ihrem Blick gebannt.

»Ariàn«, murmelte sie und streckte die Hand aus, um über sein Fell zu streichen. Die Berührung jagte einen wohligen Schauer über seinen Rücken. Im nächsten Moment setzte sie sich auf, und ein Funkeln trat in ihre Augen.

»Er kommt zurück«, flüsterte sie. »Ich spüre ihn. Er hat das Tor durchschritten, das ich für ihn erschaffen habe.« Hastig stand sie auf und hüllte sich mit nicht mehr als einer Handbewegung in ein Gewand von demselben Smaragdgrün wie ihre Augen. Ainfar setzte sich auf. Die Gier, die in ihrem Ausdruck lag, machte ihm Angst. Falten und Schatten entstanden in ihrem Gesicht, als wolle die Haut sich straff über den Knochenschädel spannen, wie bei einer lebenden Toten. Das Leuchten der Augen schien auf einmal aus tiefen, dunklen Höhlen hervorzudringen.

»Endlich. Endlich erhalte ich wieder Nahrung …«

Ainfar blinzelte und setzte sich auf. Unwillkürlich entfuhr ihm ein fragendes Fiepen.

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