Kitabı oku: «Elfenzeit 4: Eislava», sayfa 6
»Ich kann mich nicht um zu viele Dinge gleichzeitig kümmern, und so lange ich mit Helfern wie Cor und dem Kau oder diesem Stümper Alebin arbeiten muss, wird es immer wieder Rückschläge geben. – Aber wir werden sehen. Vielleicht finde ich ja unter den Sterblichen Verbündete, die mich erfolgreicher unterstützen. So lange muss ich mich wohl mit dem begnügen, was mir zur Verfügung steht, und wir müssen mit den Erfolgen zufrieden sein, die wir haben. Und solange sie in der Sache des Quells glauben, uns voraus zu sein, wiegen sie sich in Sicherheit.« Er lachte leise. »Sie waren dabei, als ich den ersten Knoten für uns versiegelt habe, und dennoch haben sie offensichtlich keinen einzigen weiteren Gedanken darauf verschwendet, was das bedeuten könnte. Sie jagen nur dem Quell hinterher … und es kann uns nicht stören, wenn sie ihn vor uns finden sollten. So oder so fällt am Ende alles uns in die Hände.«
Langsam drang das Gehörte zu Ainfars Bewusstsein durch, und der Schock durchfuhr ihn bis ins Innerste. Seine Gedanken, beim Anblick von Bandorchus Körper zäh geworden wie Tannenharz, rasten nun so schnell wie sein Herzschlag.
Alebin … im Dienst Bandorchus … noch immer! Alebin, mein Bruder, der Meidling, wegen dem ich hier bin … wer hätte geahnt, dass er mit der gleichen Absicht zurückgeblieben ist, mit der ich mitgegangen bin? Und Regiatus und Fanmór sind so ahnungslos, wie ich es war. Tore … und die Herrschaft über die Welt der Sterblichen … sie plant tatsächlich, schon in absehbarer Zeit das Schattenland zu verlassen!
Ihm wurde schwindlig, und damit begann sein Verderben. Der Absatz unter ihm war schmal, und eine seiner Pfoten rutschte ab. Erschrocken versuchte er, seinen Absturz zu verhindern, indem er seine Krallen ausfuhr. Doch der Fels war glatt und bot keinerlei Halt. Mit einem hässlichen Kratzen von Krallen auf Stein kam er ins Rutschen.
Der Getreue fuhr herum, und sein Blick glitt suchend durch den Raum.
»Was ist das?«, zischte er. Im nächsten Moment spürte Ainfar, wie der Blick des Mannes sich auf ihm festsog und dessen kalte Aura nach ihm griff. Seine Glieder wurden steif, Lunge und Herz schmerzten von der Anstrengung, sich gegen die Starre zu wehren.
»Ungeziefer«, stellte der Getreue verächtlich fest. Aus dem Augenwinkel sah Ainfar, wie er eine Hand hob.
In diesem Moment gaben seine Muskeln nach, und er stürzte ungebremst dem tief unter ihm liegenden Boden entgegen.
7.
In die Tiefe
Der Draugr schlurfte auf seinen dürren, mit Pergamenthaut überzogenen und Stofffetzen behangenen Beinen auf Rian zu, die Finger nach ihr ausgestreckt, als wolle er sie packen. Unwillkürlich trat sie einen Schritt von der Glastür zurück auf die Terrasse. Auch Mats wich ein Stück, den Blick in einer Mischung aus Furcht und Faszination auf den Untoten gerichtet.
Es ist keine gute Idee, sich von einem Draugr verletzen zu lassen, hallten Mats Worte durch Rians Gedanken. Sie verbreiten Leichengift …
Die Elfe zog den kleinen Dolch, den sie mit sich führte; der einzige Kompromiss, den sie an Waffen machte. Im Gegensatz zu David hatte sie sich nie dafür begeistern können.
»Rian«, hörte sie in diesem Moment ihren Bruder rufen. »Du … was machst du hier?«
»Ich ziehe dich aus dem Mist, in den du dich mal wieder reingeritten hast«, antwortete sie. Erneut wich sie ein Stück nach hinten, die Klinge vor sich gehalten. »Aber es wäre nett, wenn du dich ein wenig beteiligen würdest.«
Der Draugr hatte die Glastür erreicht und stieß sie ganz auf, ehe er hindurchtrat. Von der Wucht seines Stoßes wurde die Tür über den Anschlag hinausgetrieben und verkantete sich in der Schiene. Mit einem Knacken entstand ein Riss quer über das Glas. Der Draugr trat über die Schwelle und blieb stehen. Sein Blick pendelte zwischen Rian und Mats, als könne er sich nicht entscheiden, wem er sich zuerst zuwenden sollte.
»Mats, wie tötet man einen Draugr?«, fragte Rian, während sie beide ein Stück weiter zum Rand der Terrasse zurückwichen.
»Das ist nicht sicher«, antwortete Mats mit vor Aufregung heiserer Stimme. Er hielt die Axt ähnlich abwehrend vor sich wie Rian den Dolch. »Angeblich muss man ihnen den Kopf abschlagen, ihn an ihr Gesäß legen und sie dann verbrennen. Ausprobiert habe ich das natürlich noch nicht.«
Rian riskierte einen Blick vorbei an dem Draugr. Die Frau hatte sich wieder aufgerichtet und musterte die Szene mit verkniffenem Gesicht. Nichts war mehr von der Schönheit zu erkennen, die Rian vorher im Gasthaus aufgefallen war. Die Augen glühten in hellem Schwefelgelb, ihr Gesicht wurde von einer großen Hakennase beherrscht, und das Haar hing ihr in filzigen Strähnen um das Gesicht. Wo die Bluse noch immer offen stand, konnte man unter faltiger grauer Haut ihre Rippen erkennen. Ihr Busen hing schlaff herunter und die breiten Hüften stachen knochig selbst durch den Stoff ihres engen Rockes hervor.
Ganz sicher nicht das Schönheitsideal, das David normalerweise verfolgt, schoss es Rian mit einer gewissen Schadenfreude durch den Kopf.
Ihr Bruder hatte die Lähmung anscheinend noch nicht ganz überwunden, die ihn erfasst hatte. Er hatte die Hand von seinem Kopf genommen, und Rian stellte erleichtert fest, dass er nicht verletzt war. Aber sein herumirrender Blick ließ vermuten, dass er noch immer Schwierigkeiten hatte, die Lage klar zu erfassen.
Der Untote verharrte weiterhin unschlüssig im Durchgang. Er hatte beide Hände erhoben, um auf sie und Mats zu zeigen, und sein Blick ging zwischen ihnen hindurch in die Nacht. Erst als sie das kurze Aufwallen starker Magie bemerkte, wurde Rian klar, dass er nicht etwa aus Unentschiedenheit zögerte.
Sie fuhr mit einem Warnschrei herum, doch sie sah nur noch einen schwarzen Brocken heranzischen, ehe etwas gegen ihren Kopf schlug und sie herumwarf. Schmerz explodierte in ihrem Schädel und ließ sie weiter taumeln. Der Dolch entglitt ihrer Hand, schlug klirrend auf der Terrasse auf, während Schwärze hinter ihren Augen aufstieg und ihre Knie nachgaben. Den harten Aufprall auf dem Stein spürte sie nicht mehr.
»Vorsicht!«
Der Aufschrei seiner Schwester riss David endgültig in die Gegenwart zurück. Mit einem Brüllen sprang er vor, doch ein anderer stand bereits zwischen Rian und dem sich auf sie zu schleppenden Draugr. Der alte Mann, der mit Rian gekommen war, hatte sich bei ihrem Ruf zur Seite geworfen, und ein ähnlicher Gesteinsbrocken hatte ihn daher lediglich am Oberarm gestreift. Hastig raffte er sich wieder auf und stand nun mit drohend erhobener Axt schützend vor Rians reglosem Körper. Den Draugr schien das nicht zu irritieren.
»Du wirst das Mädchen nicht retten können, Elf«, hörte David Birte mit schnarrender Stimme sagen. »Genausowenig wie dieser pathetische Alte da draußen. Mein Diener wird euch allen das Licht auslöschen.«
In diesem Moment ließ Mats seine Axt auf den ausgestreckten Arm des Draugr niedersausen, und wie zur Bestätigung von Birtes Worten prallte der Stahl einfach zurück. Die Waffe entglitt den Händen des Alten und flog in die Nacht hinaus, während er mühsam um sein Gleichgewicht kämpfte.
David fuhr zu Birte herum, sprang über den umgestürzten Sessel und packte sie. Ehe sie reagieren konnte riss er sie grob hoch und zog sie in seinen Würgegriff. Ihr Aufschrei erstickte in einem Gurgeln.
»Wenn du ihn nicht aufhältst, bringe ich dich um«, zischte David.
Befriedigt stellte er fest, dass Birtes Schrei den Draugr innehalten ließ. Langsam drehte der Untote sich um und heftete das rote Glühen seiner Augen auf David.
Der Elf drückte kurz fester zu. »Also?«
Birte kicherte. »Wenn du mich tötest, wird er erst recht über euch herfallen«, sagte sie. »Dann kann ihn nichts mehr aufhalten. Du solltest dir das gut überlegen.«
»Ich habe aber auch keinerlei Grund, dich am Leben zu lassen, wenn du nicht tust, was ich sage«, erwiderte David. »Und ich hätte gute Lust, mich dafür zu rächen, dass du mich in diese Falle gelockt hast.«
Der Draugr hatte sich auf die Glastür zu in Bewegung gesetzt. Offensichtlich betrachtete er nun David als die Hauptgefahr und hatte die anderen beiden vergessen. Der Alte hockte neben Rian und versuchte, sie zu sich zu bringen.
Mein Dolch, dachte David. Er ist im Mantel. Ich muss an ihn herankommen. Er gehört zu den Waffen, mit denen man auch Untote verletzen kann. Fieberhaft überlegte er, wie er an den Mantel gelangen konnte. Den alten Mann konnte er nicht schicken, der würde den Dolch nicht berühren können. Elfenwaffen wehrten sich gegen Sterbliche, außer, sie wurden für diese geschaffen. Rian war bewusstlos. Er musste selbst an die Garderobe gelangen.
Mit Birte fest im Griff bewegte sich David rückwärts um den umgestürzten Sessel herum, immer den Körper der Frau zwischen sich und dem Draugr. Das Wesen zögerte, doch da es keinen anderen Befehl bekam, folgte es ihnen. David bewegte sich in einem Bogen hinter der Couch herum, Richtung Tür. Er wollte den Draugr ausmanövrieren, doch die sich schlaff hängenlassende Birte behinderte ihn so sehr, dass er sich trotz Zögern nicht schneller bewegen konnte als der Untote.
»Greif ihn dir, Ole!«, kreischte die Frau plötzlich. »Kümmer dich nicht um mich! Reiß ihn in Stücke!«
David war versucht, ihr in diesem Moment mit einem schnellen Griff das dürre Genick zu brechen. Doch tot nutzte sie ihm weniger als lebendig, und so entschied er sich für das nächstbeste. Als der Draugr sich mit ausgestreckten Armen nach vorn stürzte, stieß er Birte in dessen Arme. Gleichzeitig packte er die Whiskyflasche und schleuderte sie auf den Draugr. Bei dem Aufprall an seinem Schädel öffnete sie sich, und der Inhalt ergoss sich über den Untoten. David hechtete gleichzeitig auf die Tür zu. Der Draugr stieß die kreischende Birte zur Seite. Der Prinz erreichte endlich seinen Mantel, riss den Dolch an sich und kehrte ins Zimmer zurück. Erleichtert sah er, dass Rian sich aufrichtete, wenngleich mit benommenem Blick. Er sprang an dem zupackenden Draugr vorbei und war mit zwei weiteren langen Sätzen auf der Terrasse, neben seiner Schwester. Der alte Mann suchte im Halbdunkel draußen nach seiner Axt.
Der Draugr streckte die Hände aus. Am Rand der Terrasse lösten sich Steine aus der Pflasterung und rasten auf die Elfen zu. Mit Schwung warfen sie sich beide jeweils zur Seite und rollten sich weg, während die Steine mit dumpfem Knall an der Hauswand auftrafen und die Scheiben der Glastüren durchschlugen. Noch am Boden kauernd sah David sich nach weiteren Geschossen um, doch es schien eine Atempause zu geben, während der Draugr durch die Türöffnung auf die Terrasse trat.
Erneut hob der Untote die Hände, und dieses Mal erhoben sich zusätzlich zu den Steinen und den Plastiktrümmern die Glasscherben. Alles sammelte sich in einem Wirbel um den Draugr, bis er ihn mit einer Handbewegung auf David steuerte. Doch dieses Mal war der Elf vorbereitet, er schwang seine Klinge in einem schnellen Wirbel vor sich, bis man nur noch einen schimmernden Kreis sehen konnte. Mit einem Wort der Macht gab er dem Klingenschild Gestalt und schickte ihn gegen den Wirbel.
Die Geschosse wurden entweder zurückgeworfen oder zersprangen in harmlose kleine Stücke. Scherben wurden auf den Leib des Toten geschleudert, ohne weiteren Schaden anzurichten, als dass seine whiskygetränkte Kleidung zerfetzt wurde. Der Mund des Unwesens öffnete sich zu einem stummen Schrei aus verwesten Stimmbändern, und die Augen fingen an, heller zu brennen.
Der Draugr trat in den Klingenschild, die Magie flackerte und löste sich dann auf. Er wollte einen weiteren Schritt gehen, doch eine dünne Ranke fiel zwischen seine Beine und schlug Wurzeln. Rians Werk! Die Ranke schlang sich um ihn und der Draugr kam ins Taumeln. Doch dann verging die Ranke in einem roten Aufflammen, glitzernde Asche blieb zurück. Aus dem Augenwinkel sah David, dass Rian erneut etwas warf – ein helles Geflecht, kaum sichtbar, das direkt vor dem Fuß des Draugr landete. Er trat darauf, und seine Augen verloren an Helligkeit.
Er müsste jetzt dem verschlungenen Pfad folgen, in den Rian ihr Haar gewoben hatte, bis zu seinem Ende, ohne zu erkennen, dass er sich in einem unsichtbaren Labyrinth befand. Das funktionierte bei den meisten Wesen. Für den Draugr aber war es vermutlich nur eine kurze Ablenkung, die David nicht ungenutzt verstreichen lassen würde. Immerhin hielt Birte sich aus dem Kampf heraus, sie vertraute wohl voll und ganz auf ihren untoten Helfer. Der Menschenmann kam gerade zurück, seine Pfeife glühte wie ein Punkt in der Dunkelheit auf, und Tabakdunst wehte ihm voraus. Der Kerl hatte die Ruhe weg, nicht zu fassen! Doch umso leichter für den Prinzen, sich auf den Kampf zu konzentrieren.
David hob seine grünlich pulsierende Klinge und stürmte vorwärts. Nur am Rande registrierte er, dass an ihm vorbei etwas auf den Toten zugeflogen kam, etwas Dunkles, Gebogenes, aus dem es rötlich leuchtete. Dann, im gleichen Moment, in dem Davids Schwert gegen den Hals des Untoten sauste, traf dieses Geschoss und verstreute glühenden Tabak über die Schulter des Draugr. Mit einem leisen Puff entzündete sich der Whisky.
Innerhalb von Sekunden war der Draugr von Flammen eingehüllt. Gleichzeitig biss Davids magische Klinge in den ausgetrockneten und von Verwesung zerfressenen Körper und trennte ohne spürbaren Widerstand Haut, Sehnen und Halswirbel durch. Noch während der Draugr die Hände hob, um auf die Flammen zu schlagen, flog sein Kopf als feurige Kugel durch die Luft, prallte auf der Terrasse auf und rollte noch einige Meter weiter bis zum Rand. Der Körper geriet aus dem Gleichgewicht und taumelte wie eine brennende Fackel hinterher.
Die Flammen zerfraßen den brüchigen Stoff der Kleidung, doch der eigentliche Körper darunter schien noch nicht in Mitleidenschaft gezogen. Das Feuer wurde weniger, statt sich immer weiter zu entzünden.
David fiel in einem Aufblitzen das wild pendelnde Amulett ins Auge, das noch immer um den Halsstumpf hing. Er duckte sich unter den wirbelnden Armen hindurch und riss die Kette mit einem kurzen Dolchstoß herunter. In einem weiten Bogen flog das Schmuckstück durch die Luft und fiel dann klingend zu Boden. Im selben Moment flammte das Feuer wieder auf und fraß sich zischend in den ausgetrockneten Kadaver. Zwei Schritte taumelte der Körper noch, dann stolperte er über den brennenden Kopf und stürzte.
Der Menschenmann kam mit der Axt herbei und schob mit der Scheide den Kopf zum Gesäß des Toten. »Nur um sicher zu sein«, sagte er. »Wer weiß schon, welche Details bei diesen Dingen wichtig sind und welche nicht.«
Eine Weile blieben sie alle drei stehen. Erst als das Feuer ausgebrannt und von dem Wesen nichts mehr als weiße Asche übrig war, die von Wind und Regen verstreut würde, machten sie sich daran, das Haus zu untersuchen. Von Birte war keine Spur mehr zu finden, und von ihren Gemälden tropfte in langen Schlieren die Farbe.
»Vielen Dank noch einmal, Mats.« David reichte dem Weißhaarigen die Hand. Mats hatte die Zwillinge zum Bootssteg begleitet.
Der schlug kräftig ein. »Das war doch selbstverständlich. Der Draugr musste weg, so oder so. Und die Polizei um Hilfe zu bitten hätte wohl nicht viel gebracht.«
Rian lachte leise. »Wohl eher nicht, da hast du Recht.«
David klopfte Mats auf die Schulter. »Du hast wirklich viel Mut bewiesen. Mehr als man erwarten konnte. Und jede Menge Einfallsreichtum.«
Mats sah auf und lächelte etwas wehmütig. »Ja, aber meine beste Pfeife ist dahin. Sie war ein altes Erbstück. Ich hoffe, ich finde noch mal so eine.«
»Ich wünschte, ich könnte eine Pfeife für dich zu besorgen, in der der Tabak niemals zu Ende geht«, sagte Rian. »Aber leider ist alles, was ich dir als Dank geben kann, das hier.« Sie beugte sich vor und küsste Mats auf beide Wangen und die Stirn.
Der alte Mann blinzelte und errötete leicht. »Ach … ich wollte ohnehin mit dem Rauchen aufhören«, sagte er mit einem verlegenen Lächeln. »Es ist ungesund, das weiß doch heute jedes Kind. Aber der Kuss einer Elfe, der muss mindestens zehn Jahre mehr Leben bedeuten.«
»Vielleicht nicht ganz so viel, aber ein wenig schon.« Rian lächelte leicht. »Ich habe dir einen Hauch von meiner Lebenskraft mitgegeben.«
Mats blieb der Mund offen stehen. Als er ihn schließlich schloss, atmete er tief durch. »Wenn ich mit hundert noch immer vor meinem Kamin sitze, werde ich mir eine Geschichte ausdenken, in der ich das stolze Elfenpaar erwähne. Wenn ich mein langes Leben als Beweis anführe, wird mir sicher niemand glauben.« Er grinste.
»Tu das, aber lass dir Zeit, ehe du damit anfängst. Im Moment solltest du besser nicht zu viel über uns reden. Es könnte die falschen Leute anziehen.«
Mats nickte.
Die Zwillinge stiegen in ihr Boot, und Mats löste die Leinen. Wind griff in die gehissten Segel und drückte den Bug weg vom Steg, in den Strom hinein. Der Schwede warf ihnen die Leinen zu, und sie legten ab. Rian sah zurück, während das Boot davontrieb, und winkte.
Wieder trieb das Boot in einem Nebel dahin, der in diesem Land allgegenwärtig zu sein schien. Die Segel standen voll, sie machten gute Fahrt. Rian hatte David wieder die Pinne überlassen, lag entspannt auf der Bank und naschte Pralinen.
Es könnte eine weitere ruhige Reise werden; vielleicht erreichten sie bald das ersehnte Ziel …
»Verflucht!« Ihr Bruder riss plötzlich die Pinne herum und warf die Großschot los. Der Schiffsrumpf neigte sich, und Trüffel kullerten aus der Tüte und rollten über die Planken. Rian griff nach der Reling, um nicht ebenfalls von der Bank zu fallen, und löste mit einem Wink ihrer Hand die Vorschot.
»Was ist …« Da sah sie es bereits selbst. Vor ihnen trat der Fluss aus einer Höhle aus, deren Oberkante ihnen bei Weiterfahrt glatt den Mast abrasiert hätte. Dank Davids schneller Reaktion dümpelten sie jetzt dahin, mit gerade noch genug Druck in den Segeln, um auf der Stelle zu bleiben.
»Was jetzt?«
»Vermutlich verläuft der Fluss einfach nur eine Weile unterirdisch. Es müsste möglich sein, auf ihm weiterzureisen, sonst hätten uns die Nöcks nicht zu diesem Weg geraten.«
»Der Durchlass wäre groß genug für das Schiffchen. Also gut, bauen wir um.« David hielt aufs Ufer zu.
Zwei Stunden später hatten sie den Mast gelöst und umgelegt und stattdessen Dollen zur Befestigung von Rudern gesetzt. Sie belegten die Ruder mit Magie, die sie ohne weitere Muskelkraft voranbringen würde. Gleichmäßig hoben und senkten sich die Ruderblätter und hinterließen eine Linie kleiner kreisender Wirbel, als sie in die Höhle einfuhren.
Das andere Ende der Höhle war nicht zu erkennen, und bald wurde es so dunkel, dass selbst die Elfen nichts mehr sehen konnten. Rian öffnete eine Tüte mit Käfern, die sie unterwegs einmal nach einer sehr finsteren Nacht gefangen hatten, um sich künftig besser zurechtzufinden, flüsterte ihnen einige Worte zu und ließ sie dann frei. Die Insekten erhoben sich mit leisem Brummen und Surren und leuchteten hell. In ihrem Licht war erkennbar, dass die Felsdecke sich allmählich hob und die Höhle breiter wurde. Auf beiden Seiten lief der Fels jenseits des Wassers zunächst nur flach aus, ehe er sich zu den Höhlenwänden erhob, als habe der Fluss zu anderen Zeiten mehr Wasser geführt oder oft das Bett gewechselt. Jetzt strömte er ruhig und gleichmäßig dahin.
Das Platschen und leise Gurgeln des Wassers um die Ruderblätter wurde vom sie umgebenden Fels zurückgeworfen und war für lange Zeit das einzige, was die beiden Elfen hörten. Irgendwann fiel Rian auf, dass ein an Lautstärke zunehmendes Rauschen dazu kam. Alarmiert sah sie zu David, doch der zuckte nur die Achseln.
»Wir werden feststellen, was es ist. Dann können wir entscheiden.«
Rian nickte und sah wieder nach vorn. Wenig später erkannten sie die Quelle der Geräuschänderung. Vor ihnen schäumte das Wasser, wo der Fluss in Stromschnellen eine langgezogene Schräge hinunterrauschte. Die Decke hatte sich inzwischen bis außerhalb ihrer Sichtweite erhoben, und sie konnten nicht erkennen, wie weit die Schräge hinauf reichte. Doch sie erkannten, dass das Flusswasser nicht von ganz oben kam, sondern auf halber Höhe aus mehreren breiten Spalten sprudelnd hervorschoss.
»Damit ist unsere Bootsfahrt an dieser Stelle wohl doch zu Ende«, stellte Rian fest.
Langsam trieb das Boot seitlich an die Uferwand, bis der Kiel am Fels entlangschrammte. Die Leinen in den Händen stiegen sie aus und zogen das Boot noch ein Stück weiter hoch, ehe sie es an einigen Felsbrocken festmachten.
»Lassen wir es noch im Wasser, bis wir wissen, ob es sich lohnt, es herauszunehmen.« David deutete in die Richtung, in der die schräge Rinne aufwärts führte. »Vielleicht finden wir den Fluss ja oben wieder.«
Rian sah ebenfalls hinauf. Dort, wo der Fluss hinunterrauschte, würden sie ein wenig im Sprüh der Gischt laufen, aber oberhalb konnten sie bequem weiter hochsteigen. Die Steigung war keine echte Herausforderung, und sie hatten sich bei Antritt der Reise kleidungsmäßig passend ausstaffiert.
Sie nahmen ihre Taschen und gingen los.
»Das war es dann wohl«, schrie Rian, um das Rauschen zu übertönen, und starrte den Wasserfall an, der vor ihnen aus der Höhe direkt in den Fels unter ihren Füßen hineinzufallen schien.
»Nicht unbedingt«, antwortete David und deutete auf einige unregelmäßige Felsplatten, die nahe der Seitenwand in Stufen nach oben verliefen.
»Vielleicht kommen wir darüber bis nach oben und können das Boot dort wieder einsetzen.«
Zweifelnd sah Rian hinauf. »Denkst du, das Boot passt da durch? Da ist die Felsdecke, und vermutlich wird der Wasserfall aus einer Höhle kommen, die schmaler ist als die unten.«
»Solange wir nicht nachschauen, werden wir es nicht wissen. Also, gehen wir. Das Stückchen macht jetzt auch keinen Unterschied mehr.«
Sie stiegen die Felsabsätze hinauf. Der tobende Lärm des Wasserfalls machte jede Unterhaltung vollends unmöglich, je weiter sie hochstiegen und je näher sie dabei der Wasserwand kamen. Die Absätze wurden von Stufe zu Stufe höher, und nach einer Weile mussten sie klettern. Rians Zweifel daran, dass sie selbst mit magischen Hilfsmitteln das Boot hier herauf bringen konnten, wuchsen.
Allerdings zeigte das Licht der im Sprühregen zunehmend nervöser schwirrenden Käfer ihnen inzwischen die Oberkante, über die das Wasser in breiter Front herabstürzte. Die natürlichen Stufen reichten bis hinauf, und die Decke blieb weiterhin hoch. Fast kam es Rian so vor, als rieche sie frische Luft. Da so nah an der Sturzkante des Wassers jedoch die Luft durchgewirbelt und durch die Gischt erfrischt wurde, konnte sie sich auch täuschen.
Der letzte Absatz war so schmal, dass sie nicht mehr nebeneinander stehen konnten. Zuerst kletterte David hoch. Die Stufe von dort zur Kante war höher als er selbst, doch David zog sich problemlos hinauf. Danach konnte Rian ihn nicht mehr sehen. Hektisch surrten die Käfer über ihr hin und her, flogen immer wieder zu ihr hinunter, als wollten sie sie zur Eile nötigen. Sie kletterte ebenfalls auf den Absatz, griff zur Kante darüber und stemmte sich mit ihrer Elfenkraft hoch, richtete sich auf und blickte sich um. Die Höhle verlief ab hier wieder fast waagrecht weiter, und ein Ausgang war nicht zu sehen. Und was auch nicht zu sehen war, war David.
Rian runzelte die Stirn und zögerte. Ein Stück weiter machte der Gang eine Biegung. Vielleicht war David vorausgegangen.
Beim ersten Schritt verlor sie den Boden unter den Füßen.
Rian schrie auf, als sie plötzlich fiel. Was auch immer unter ihr nachgegeben hatte, schloss sich wieder wie eine zurückschnalzende Membran und stürzte sie in Dunkelheit. Sie prallte auf eine schräge Felsfläche auf, doch sie spürte nicht die erwarteten schmerzhaften Ecken und Spitzen. Stattdessen glitt sie über Stein, der blankpoliert war wie Marmor, in unregelmäßigen Windungen weiter abwärts. Sie versuchte mit Händen und Füßen, ihre Fahrt zu bremsen, doch sie war zu schnell. Dann erfasste sie kurz Schwindelgefühl, und ein Prickeln ging über ihre Haut. Plötzlich verschwand der Fels unter ihr. Der Schwung, den sie aus der letzten Kurve mitbekommen hatte, führte dazu, dass sie sich im freien Fall drehte und schließlich mit dem Bauch voran tief in etwas Weiches stürzte, das ihren Fall beendete. Modrig riechender Staub wirbelte um sie herum auf, der ihr in der Nase kitzelte, als sie den Kopf hob. Sie musste niesen, und ihr wurde schwindlig. Licht flackerte auf, und ein Schatten fiel auf die Elfe.
»Gotcha!«, hörte sie eine raue Stimme sagen, ehe ihre Gedanken in bunte Wirbel und umherstiebende Funken zersprangen.
Als Rian erwachte, hatte sie Kopfschmerzen, wie sie sie noch nie erlebt hatte. Kopfschmerzen waren ohnehin etwas, das sie nur sehr selten bekam – lediglich intensive Magienutzung hatte bisher solche Folgen gehabt.
»Rian?«
Die Elfe drehte den Kopf und blinzelte. »David?«
Erneut wurde ihr schwindlig, und ihr Blick blieb unscharf. Sie sah nur bunte Farbflecken. Aber zumindest war es nicht mehr dunkel.
Sie spürte grobes Leinen, und darunter etwas Schwammiges, das bei jeder ihrer Bewegungen schwankte. Sie schloss die Augen wieder, das war weniger irritierend als die verschwommenen Bilder.
»Sie haben uns betäubt und irgendwohin geschleppt.« David stöhnte unterdrückt. Rian vermutete, dass er unter ähnlichen Nachwirkungen litt wie sie.
»Sie? Weißt du, wer?«
»Wer auch immer den Fluss umgeleitet und den Tunnel in die Anderswelt geschaffen hat.«
Anderswelt? Sie stutzte. Da war dieser Moment gewesen, das Prickeln … ja, in diesem Tunnel war ein Tor, und sie waren hinüber gerutscht.
Rian rieb sich die Augen und öffnete sie testweise wieder. Die Umrisse wurden etwas schärfer. Alles hier schien in verschiedene Braun- und Grüntöne getaucht zu sein. Vorsichtig setzte sie sich auf.
»Guten Morgen, Schwesterchen.«
Die Umrisse der Person, die vor ihr stand, waren ihr vertraut – und sie musste David nicht sehen, um zu wissen, dass er grinste.
»Nur weil du schon länger wach bist und vermutlich bereits klar siehst, musst du nicht herumfeixen«, sagte sie und zog einen Schmollmund. Sie fuhr mit einer Hand durch ihr Haar und rieb sich erneut die Augen. Die Umrisse ihrer Umgebung begannen, sich hervorzuschälen. »Los, erzähl schon, was du gesehen hast. Mach es nicht so spannend.«
»Wir sind in einer Holzhütte. Ziemlich grobe Bauart, aber massiv, und die Tür ist mit mindestens drei dicken Querbalken von außen verschlossen. Nicht so leicht zu durchbrechen, insbesondere, da wir keinen Zugriff auf Magie haben.« Rian sah, dass David eine Hand nach ihrem Arm ausstreckte, und im nächsten Moment spürte sie kaltes Metall an ihrer Hand. Bevor David ihn nach vorn geschoben hatte, war der Ring wegen ihres Pullovers nicht zu spüren gewesen. Sie erschauderte unter der Berührung und schob das Metall schnell wieder zurück. Dabei spürte sie grobe Gravuren auf der Oberfläche, vermutlich Runen, die dafür sorgen sollten, dass die Ringe nicht so leicht zu öffnen waren. Vielleicht verstärkten die Symbole sogar die blockierende Wirkung des Eisens.
»Jetzt verstehe ich, warum mein Kopf so wehtut.«
»Ich glaube, das liegt nicht nur daran, sondern ist auch eine Nachwirkung der Sporen, mit denen sie uns betäubt haben.«
»Sporen?« Blinzelnd sah Rian zu David hoch. Ihr Bruder nickte.
»Wir sind auf einem riesigen Pilz gelandet«, erklärte er. »Dabei haben sich Sporen gelöst, und denen haben wir das Lichterspiel in unseren Köpfen zu verdanken, und die Bewusstlosigkeit. Du bist nicht nur erst später ins Traumland geschickt worden, sondern hast zusätzlich sowohl deine eigene Ladung als auch noch die Reste von meiner abbekommen. Darum hat es dich heftiger erwischt als mich.«
»Wer hat jemals behauptet, irgendeine Welt sei gerecht«, murmelte Rian. »Und weiter?«
»Ich habe nicht gesehen, wer uns da unten in Empfang genommen hat, aber ich schätze, es ist schon einmal ein guter Anfang, dass wir noch leben. Unsere Sachen sind allerdings weg, wir sind ausgeraubt bis auf das, was wir am Leib haben.«
»Dein Dolch?«
»Weg.« Sie konnte sich Davids säuerliche Miene lebhaft vorstellen, auch wenn sein Gesicht für sie immer noch kaum mehr als ein verwaschener Punkt war.
»Und hast du irgendetwas darüber herausgefunden, wo diese Hütte steht?«
»Wenig. Ich vermute, dass wir immer noch unter der Oberfläche sind, und wenn du ganz still bist, kannst du das Rauschen des Flusses hören.«
Rian spitzte die Ohren. Sie waren anscheinend weniger von den Pilzsporen beeinträchtigt als die Augen, denn sie konnte tatsächlich ein fernes gleichmäßiges Rauschen ausmachen, das nach schnell fließendem Wasser klang.
»Meinst du, das hier ist die Höhle, durch die der Fluss fließt?«
»Möglich. Aber ich hoffe, dass wir bald mehr erfahren, denn wenn man sich schon den Aufwand gemacht hat, uns gefangenzunehmen, dann wird man auch etwas von uns wollen.«
Rian neigte den Kopf und rieb sich erneut mit beiden Handballen heftig die Augen. Langsam wurde ihre Sicht klar. Sie konnte die groben Bohlen des Bodens erkennen, wenn auch noch nicht deren Maserung. Die Wände waren ebenfalls aus grob behauenem Holz zusammengesetzt, das wie bei einem Blockhaus aufeinandergesetzt war. Pilzschwämme wuchsen an den Balken, und Moos in den Zwischenräumen. Die Decke bestand ebenfalls aus mit leichter Schräge über die Wände gelegten Bohlen.
»Die kann man nicht hochstemmen«, kam David Rians Gedanken zuvor. »Ich habe es versucht. Entweder sind sie stabil befestigt, oder es sind Felsen drauf gelegt. Sie haben sich nicht einmal ein Fingerbreit bewegt.«
Rian senkte den Blick wieder. David hatte sich abgewandt und setzte sich auf sein Lager. Ein grobes Leinentuch, das vermutlich noch nie gewaschen worden war, lag über einem schwammigen weißen Oval, das in der Mitte eine leichte Kuhle aufwies und Rian seltsamerweise an Marshmallows erinnerte. Es war durchaus bequem, wie Rian eingestehen musste, und hätte das Tuch nicht so vor Dreck gestarrt, wäre sie versucht gewesen, sich wieder für eine Weile in der Kuhle einzurollen.