Kitabı oku: «Beurteilungsgespräche in der Schule», sayfa 22
Verteidigung der erzieherischen Rolle
Was bisher noch nicht spezifisch hervorgehoben wurde, jedoch bei beiden gezeigten Beispielen ebenfalls relevant ist, sind die von den Eltern erzielten Selbstpositionierungen als gute und kompetente Eltern, die ihre Kinder beobachten, kennen und einschätzen können. Im Sinne von Baker und Keogh (1995: 273ff.) kann diesbezüglich von konstruierten „moral versions“ der Eltern (respektive Lehrpersonen) gesprochen werden. So sind sowohl Eltern als auch Lehrpersonen darauf bedacht, idealisierte Identitäten ihrer Selbst darzustellen und aber gleichzeitig das Gegenüber nicht zu schwächen. Das Resultat sind stark konsensorientierte Gespräche, in denen die Praktiken der Lehrpersonen und Eltern kaum explizit bewertet oder angezweifelt werden (vgl. auch Adelswärd & Nilholm 1998: 96; Kotthoff 2015a). Auch in den vorliegenden Daten handelt es sich diesbezüglich meist um implizite Fremdpositionierungen. Im folgenden Gesprächsausschnitt kommt es zu einer solchen impliziten Fremdpositionierung, welche M dazu veranlasst, trotz Ausrichtung an S einzugreifen und ihre erzieherische Rolle zu verteidigen:
# 51 Ehrenrunde
(Alex, SJ7_L9A_LMS, 00:18–02:59)1
| 001 | L | °h Alex hesch scho: mit em mAmi zäme (.) d schUelnetz AAgluegt;Alex hast du schon mit der Mama zusammen die Schulnetze angeschaut |
| 002 | d nOte mitenander gstu[DIERT;die Noten miteinander studiert | |
| 003 | S | [jä h° (.) aso ÄINGlech mit mim gÖtti; ja also eigentlich mit meinem Patenonkel |
| 004 | L | mitem GÖTti zÄme [ja;mit dem Patenonkel zusammen ja |
| 005 | S | [jä- h° ja |
| 006 | L | °h hesch gsEE dass es äh zimlich RO:ti farb het,hast du gesehen dass es äh ziemlich rote Farbe hat |
| 007 | und wEniger SCHWARZ;=gäll?und weniger schwarz gell | |
| 008 | S | jä-ja |
| 009 | ((Auslassung von ca. 2 Min.: L erklärt das Punktesystem und die aktuelle Notensituation von S.)) | |
| 010 | L | es wird NÄcher ou nid EIfach (.) Alex–es wird nachher auch nicht einfach Alex |
| 011 | (-) we mir jEtzt nid_WEIche stEUe,wenn wir jetzt nicht die Weichen stellen | |
| 012 | und dU GANZ klAr sEIsch–und du ganz klar sagst | |
| 013 | dOch mOl das isch mini SCHUEL?doch ja das ist meine Schule | |
| 014 | (.) die will i MAche?die will ich machen | |
| 015 | S | [mh_HM,mhm |
| 016 | L | [°hhh äh::m: (--) süsch DRÄISCH du bi ÜÜs en EErerUndi.ähm sonst drehst du bei uns eine Ehrenrunde |
| 017 | S | (---) ds hEt mer dr gÖtti Ä gsäit,=das hat mir der Patenonkel auch gesagt |
| 018 | M | =ICH au?ich auch |
| 019 | L | das isch:– [°hhdas ist |
| 020 | S | [jo, ja |
| 021 | M | [das isch scho LANG (.) jo?das ist schon lange ja |
| 022 | L | [das isch (.) jA das isch das wär de d QUINTessÄnz;=oder,das ist ja das ist das wäre dann die Quintessenz oder |
| 023 | us (.) dr gAnze °h sAch UUse.aus der ganzen Sache heraus |
In diesem Beispiel erfährt M sowohl in Bezug auf ihre Beteiligungsrolle als auch in Bezug auf ihre Rolle als Mutter und Erzieherin eine negative Fremdpositionierung. Durch die namentliche Adressierung an S (Z. 001, 010) sowie die Referenz auf M in dritter Person (Z. 001), wird ihr die Rolle als passive und stille Zuhörerin zugewiesen. Diese Beteiligungsstruktur bleibt auch dann erhalten, als durch die Schülerantwort in Zeile 003 deutlich wird, dass M über die aktuellen Noten noch nicht im Detail informiert ist, somit also den Common Ground nicht teilen kann. Die Wissensasymmetrie wird an dieser Stelle nicht bearbeitet, womit M nicht optimal in das Gespräch einbezogen wird. Die Positionierung als passive Erzieherin wird zweifach durch S vorgenommen (Z. 003, 017). Während L grundsätzlich von S und M als Team ausgeht, die zu Hause zusammen die Noten diskutieren (Z. 001f.), wird diese Positionierung von S abgelehnt: mit em mAmi zäme (Z. 001) erfährt von S eine Reparatur zu mit mim gÖtti (Z. 003). Der Patenonkel wird dadurch als Bezugsperson oder gar (Ersatz-)Erzieher bzw. Ko-Lehrperson vorgestellt – eine Rolle, die typischerweise den Eltern zukommt (vgl. z.B. Kotthoff 2012a: 304ff.) und hier aber der Mutter abgesprochen wird. Diese reagiert vorerst noch nicht auf diese gesichtsbedrohende Fremdpositionierung. Erst als S erneut auf den Patenonkel als erzieherische Bezugsperson verweist (ds hEt mer dr gÖtti Ä gsäit,=, Z. 017), korrigiert M ihre Positionierung in direktem Anschluss: =ICH au? (Z. 018). Nach diesem Einwurf versucht M mit einem weiteren Beitrag auch in Bezug auf ihre Beteiligungsrolle eine Korrektur vorzunehmen und sich als aktiv Beteiligte zu positionieren (Z. 021). S ratifiziert die neue Rolle von M kurz (Z. 020), L bearbeitet jedoch den Einwurf nicht weiter. Dass L hier die Bearbeitung eines schülerseitigen Angriffs auf die idealisierte Identität von M vermeidet, bestätigt die grundsätzlich konsensorientierte Ausrichtung der Gespräche.
Auch im nächsten Gesprächsausschnitt sieht sich ein Elternteil – hier ist es der Vater – kurzfristig in der Position, seine erzieherische Rolle verteidigen zu müssen. Anders als in Beispiel # 51 wird V jedoch nicht primär durch die Beteiligten fremdpositioniert, sondern er manövriert sich selbst in die Rolle des uninformierten Vaters. Der gewählte Ausschnitt findet sich gegen Ende des Gesprächs und ist Teil einer Sequenz, in der L zusammenfassend einige Forderungen an S stellt. Dabei geht es um Verbesserungen in Bezug auf Absenzen, Verspätungen sowie mangelhafte Leistungen im Unterricht. Eine spezifische Forderung ist zudem, dass David, der sich in der 12. Klasse und damit im letzten Schuljahr befindet, aktiv um eine bis anhin verpasste Anmeldung zum Examen für das Cambridge Certificate in Advanced English (CAE) bemühen muss. Das folgende Beispiel # 52 setzt dort ein, wo V durch eine Nachfrage anzeigt, dass er nicht über alle entsprechenden Details informiert ist:
# 52 Frist verpasst
(David, SJ12_L5A_LVS, 54:03–54:55)
| 001 | V | °h aso s är muess sich bi WO genau aa[mÄlde.also s er muss sich bei wo genau anmelden |
| 002 | S | [s::i ei II, CAE |
| 003 | S | (-) [ähm s ISCH– ähm es ist |
| 004 | V | [hä? hä |
| 005 | (1.01) | |
| 006 | L | für für die si ei II prÜefig.für für die CAE-Prüfung |
| 007 | (---) bim: äh: Esol schweiz,beim äh ESOL Schweiz | |
| 008 | ((Schreibgeräusche, ca. 14 Sek.)) | |
| 009 | V | und und äh (.) ähm muess er das SCHRIFTlich mache?und und äh ähm muss er das schriftlich machen |
| 010 | per per mEIl oder oder per for[muLAR oder per wAs?per per Mail oder oder per Formular oder per was | |
| 011 | L | [aso norMAlerwiis äh gits- also normalerweise äh gibt’s |
| 012 | [macht me das ONläin,macht man das online | |
| 013 | V | [((hustet)) |
| 014 | L | cha me sich [IIgää,kann man sich eingeben/eintragen |
| 015 | V | [mh_hm, mhm |
| 016 | L | nur dr dAvid het äh: (-) [d FRISCHT vrpasst.=nur der David hat äh die Frist verpasst |
| 017 | S | [d frischt- die Frist |
| 018 | V | =jä_ä dasch KLAR jä.ja das ist klar ja |
| 019 | mir händs em hUndertmol [GSÄIT,wir haben’s ihm hundertmal gesagt | |
| 020 | S? | [hh° |
| 021 | V | und äh: (--) und ÄR,und äh und er |
| 022 | (--) aso i will jetz NIT irgend,also ich will jetzt nicht irgend | |
| 023 | (1.02) aso s_sch GANZ klAr Äfach–also es ist ganz klar einfach | |
| 024 | (1.66) <<f> aso du !WÄISCH! was de z dUe hesch.>also du weisst was du zu tun hast |
Durch die Nachfragen in den Zeilen 001 und 009f. zeigt V an, dass er erstens nicht im Bild ist, um welches Examen es sich handelt und zweitens den genauen Ablauf des Anmeldeverfahrens nicht kennt. Dadurch positioniert er sich als teilweise uninformierten Vater. Von L und S werden die Nachfragen jedoch als grösseres Wissensdefizit gedeutet und sie verstärken in der Folge durch die detaillierten Ausführungen die Positionierung von V als uninformiertes Elternteil. Ab Zeile 18 korrigiert V diese zugeschriebene Rolle, indem er sich wieder als Wissender positioniert und seine erzieherische Rolle verteidigt. So zeigt er an, dass er über das Examen grundlegend Bescheid weiss (dasch KLAR, Z. 018) und den Sohn (wohl gemeinsam mit M) entsprechend ermahnt hat (mir händs em hUndertmol GSÄIT, Z. 019). Er verleiht dieser korrigierten Positionierung noch verstärkt Nachdruck, indem er die erzieherische Rolle auch dadurch verteidigt, dass er sich mit laut werdendem, disziplinierendem Ton an S wendet: <<f> aso du !WÄISCH! was de z dUe hesch.> (Z. 024). So referiert er nicht nur auf seine Rolle, sondern führt sein erzieherisches Handeln direkt vor. Neben der Verteidigung seiner eigenen Rolle, unterstützt er auch durch eine Koalitionsbildung die disziplinierenden Massnahmen von L.
Sowohl das Absprechen als auch das Verteidigen einer Rolle geschieht hier in beiden gezeigten Beispielen implizit. In beiden Fällen kommt es innerhalb einer Sequenz zwischen L und S zu einer kurzzeitigen Steuerung durch die Eltern, welche eine optimierte Positionierung bewirkt. Auch in den nächsten Beispielen geht es implizit um eine optimierte Selbstpositionierung der Eltern, jedoch in Kontexten, wo sie die Angemessenheit der Gesprächsbeiträge ihrer Kinder beurteilen.
Beurteilung der Angemessenheit von Schülerbeiträgen
Eltern kontrollieren und beurteilen die Gesprächsbeiträge ihrer Kinder und zeigen an, wenn sie etwas als unangemessen beurteilen. Es werden im Folgenden zwei Beispiele herausgegriffen, die zeigen, wie Eltern die Formulierung und Positionierung ihrer Kinder überwachen (für eine weitere Differenzierung vgl. Mundwiler 2015: 246ff.).
In Beispiel # 53 weist L die Schülerin Chiara an, ihre Selbsteinschätzung zum Sachunterricht vorzulesen:
# 53 Sachunterricht
(Chiara, SJ5_L7A_LMVS, 03:25–03:36)
| 001 | L | (-) °h SACHungerricht chasch no vOrlääse?Sachunterricht kannst du noch vorlesen |
| 002 | S | °h beim tEst vom sachunterricht ha hAtte ich eine [SECHS–beim Test vom Sachunterricht ha hatte ich eine Sechs |
| 003 | M | [NÄI; nein |
| 004 | (.) dues nomel LÄÄse;tu’s nochmals lesen | |
| 005 | S | (-) OU °h beim tEst von schwEIzer kantonen hatte ich eine SECHS;oh beim Test von Schweizer Kantonen hatte ich eine Sechs |
In Zeile 002 liest Chiara ihre Selbsteinschätzung vor und tut dies offensichtlich ungenau, weshalb M bereits in Überlappung eine Reparatur einfordert: S übernimmt das Wort Sachunterricht aus der Redeaufforderung von L (Z. 001), obwohl auf ihrer Selbsteischätzung Schweizer Kantone zu lesen ist. Deshalb fordert M sie auf, den Satz noch einmal vorzulesen (Z. 003f.), was diese nach dem change-of-state token (vgl. Heritage 1984b) auch tut (OU, Z. 005, steht für die Interjektion oh). Durch diesen Einwurf positioniert sich M als Ko-Lehrerin und zeigt, dass sie einerseits Fehler und Unsorgfältigkeiten der Tochter wahrnimmt und andererseits auch entsprechend korrigierend eingreift. Dass L an dieser Stelle keine entsprechende Korrektur vornimmt, kann an dem bestehenden Sinnzusammenhang liegen. Denn die gewählten Wörter referieren vor und nach der Reparatur auf denselben Fachbereich und bezeichnen diesen einmal allgemeiner und das zweite Mal spezifischer.
Im folgenden Beispiel bringt sich der Schüler Ben aktiv in das Gespräch ein, indem er einen Wunsch für den Sportunterricht äussert. Dies wird von V jedoch als unangemessen beurteilt. Vor der gewählten Sequenz in Beispiel # 54 lobt L Ben für seine guten Leistungen im Sportunterricht und hier setzt dieser nun mit seinem Wunsch an:
# 54 Fussball
(Ben, SJ4_L3B_LMVS, 21:47–22:11)
| 001 | S | Ich ha no Öppis zum: °h zum: TURne;ich habe noch etwas zum zum Turnen |
| 002 | (.) FUESSball;Fussball | |
| 003 | L | [jä?ja |
| 004 | S | [°hh Also (.) vilicht no e paar ECKball,also vielleicht noch ein paar Eckbälle |
| 005 | das fänd me no LUSCHtig;das fände man noch lustig | |
| 006 | L | hh° |
| 007 | S | denn ka me au paar KOPFballgool iine mache vilIcht;dann kann man auch paar Kopfballtore hinein machen vielleicht |
| 008 | L | °h [hh° jä– ja |
| 009 | M | [viLICHT; vielleicht |
| 010 | S | vilIcht (.) WEMme trifft;vielleicht wenn man trifft |
| 011 | V | hesch ÄÄNlichi vorschläg au bezüglich schrIIben und [rÄchne.hast du ähnliche Vorschläge auch bezüglich Schreiben und Rechnen |
| 012 | M | [hehheh |
| 013 | L | heh [h°heh |
| 014 | S | [NÄI; nein |
| 015 | L | °h ha[hahahahahahahahahahaha |
| 016 | V | [nume FUESSball. nur Fussball |
| 017 | L | ha[hahahaha °hhhahahahaha |
| 018 | V | [<<lachend> isch GUET;> °hh ist gut |
| 019 | L | isch GUET.ist gut |
| 020 | M | [hehehehehehehehe |
| 021 | S | [°hh |
| 022 | L | jetzt WÄISS is.jetzt weiss ich’s |
| 023 | S | jä; hh°ja |
S äussert einen spezifischen Wunsch für den Sportunterricht und bewertet diesen (und entsprechend seinen Lehrer) damit implizit. Er positioniert sich als kompetenten und gleichberechtigten Gesprächsteilnehmer, der zwar einerseits beurteilt wird, der aber andererseits auch die anderen beurteilen kann. Dieser Selbstpositionierung liegt das Verständnis einer weitgehend symmetrischen Gesprächsstruktur zugrunde. Von L sind kurze Rezeptionsbekundungen hörbar, die jedoch nicht eindeutig interpretierbar sind (Z. 003, 008). Unmissverständlich ist allerdings die Reaktion von V: hesch ÄÄNlichi vorschläg au bezüglich schrIIben und rÄchne. (Z. 011). Durch diese ironische Frage weist V seinen Sohn zurecht und zeigt an, dass sein Beitrag unangemessen ist. In anderen Worten: V korrigiert die soziale Ordnung und weist asymmetrische Rollen zu. L verfügt demnach über Expertenwissen zu den unterschiedlichen Fächern (Schreiben, Rechnen, aber auch Sport) und verfügt damit über die Hoheit über Inhalte etc. zu urteilen. Demgegenüber steht S als Laie da, der über keine didaktischen Entscheidungen Kenntnis hat und als alleiniger im Raum beurteilt werden soll. Sowohl M als auch L zeigen durch das Lachen, dass sie diese Sicht von V teilen.
Indem V seinem Sohn zeigt, dass sein Beitrag im Rahmen des Beurteilungsgesprächs unangemessen ist, zeigt er gleichzeitig dem Lehrer an, dass er zumindest nicht an der Rolle und Expertise von L zweifelt. Er distanziert sich also vom Gesprächsbeitrag von S und etabliert wieder asymmetrische Beteiligungsrechte. Interessant ist, dass L durch seinen abschliessenden Kommentar jetzt WÄISS is. in Zeile 022 eine kleine Milderung der Zurechtweisung des Schülers ermöglicht. So zeigt er an, dass er den Vorschlag zur Kenntnis nimmt, ohne aber einerseits die (Un-)Angemessenheit zu beurteilen oder andererseits Einblick in sein diesbezüglich künftiges Handeln zu gewähren.
Die vorgestellten Beispiele zeigen, wie Eltern in verschiedenen Kontexten trotz primärer Adressierung der SchülerInnen die Steuerung kurzzeitig übernehmen. Es konnte gezeigt werden, dass sowohl die Verhandlung der epistemischen Autorität, die Verteidigung der erzieherischen Rolle als auch die Beurteilung der Angemessenheit von Schülerbeiträgen jeweils eng mit Positionierungsaktivitäten zusammenhängen. Auch geben die Beispiele Einblick in die interaktive und situative Aushandlung von Beteiligung: Nicht nur die aktuell primär Adressierten, sondern alle ratifizierten Beteiligten haben jederzeit die Möglichkeit in das Gespräch einzusteigen. Dass Rederechtsübernahmen nicht nur negativ und beteiligungshemmend gedeutet werden müssen, zeigt insbesondere Beispiel # 49, in welchem gut ersichtlich ist, welche positiven Auswirkungen in Bezug auf die Positionierung von S erlangt werden.
6.2 Wechselnde und ambige Referenzen als kommunikative Ressourcen
Die Mehrparteieninteraktion stellt die Anforderung an die Beteiligten, sich an mehr als einer Person auszurichten. Eine Strategie, die sich in den Gesprächen beobachten lässt, ist das häufige Wechseln der Adressierung. Dadurch wird kontinuierlich der Beteiligungsrahmen aktualisiert und verändert, was als Strategie der optimalen Involvierung aller Beteiligten interpretiert werden kann (vgl. auch Silverman, Baker & Keogh 1998: 226).
Im Folgenden geht es allerdings nicht nur um die raschen Wechsel der Referenzen, die eine Involvierung aller Beteiligter ermöglichen, sondern auch um solche Referenzen, die durch ihre ambige Bedeutung potenziell alle Beteiligten involvieren.1 Es geht dabei insbesondere um die Pronomen man und wir, welche je nach Kontext sowohl aufseiten der Sprechenden als auch aufseiten der Rezipierenden inklusiv oder exklusiv verwendet werden können und damit generell ambig sind. Malone (1997: 50) geht davon aus, dass eine bedeutende Leistung der Pronomen gerade durch ihre Ambiguität darin besteht, die Beteiligten in der Interaktion zu involvieren: „Instead of avoiding ambiguity, conversationalists thrive on it, to maintain active co-participation.“ Damit nimmt er Bezug auf Goffmans (1967: 114ff.) Konzept der involvement obligations aller Beteiligter in einer Interaktion und kommt zum Schluss, dass Pronomen durch die indexikalische Funktion ihre Bedeutung im Kontext erst durch die Beteiligten erlangen.2 Pronomen können also eine involvierende Funktion aufzeigen und sind demnach gleichzeitig relevant in Bezug auf das Recipient Design sowie die Positionierung in der Interaktion (vgl. Malone 1997: 53; vgl. auch diverse Fallstudien in Sacks 1995).
6.2.1 Rasche Wechsel der Referenzen
Mit rasch wechselnden Referenzen wird eine Ressource genutzt, die in Mehrparteieninteraktionen eine ständige Ausrichtung an allen Beteiligten ermöglicht. Es liegen bereits eine Fallstudie zu Beurteilungsgesprächen (vgl. Silverman, Baker & Keogh 1998) sowie Forschungsergebnisse zu vergleichbaren Gesprächskonstellationen aus der Sozialen Arbeit vor (vgl. Hitzler 2012; 2013; Messmer & Hitzler 2011), die bekräftigen, dass es sich dabei um ein Phänomen handelt, welches insbesondere in institutionellen Mehrparteieninteraktionen verwendet wird, bei denen Erwachsene mit einem Kind oder Jugendlichen sprechen, die/der auch Gesprächsobjekt ist. Aber auch in Alltagsgesprächen lässt sich dieses Phänomen beobachten und zeigt, dass grundsätzlich durch die Wahl und Wechsel der Pronomen die Rollen laufend neu ausgehandelt werden (vgl. Malone 1997: 76).
Während rasche Wechsel einerseits eine Optimierung des Recipient Designs in Mehrparteienkonstellationen ermöglichen, betont Hitzler (2013: 120) aber, dass andererseits eine Unsicherheit bezüglich des Sprecherwechsels entstehen kann. Denn wenn jederzeit alle angesprochen werden, sind alle auch potenzielle nächste Sprechende, jedoch ohne Klarheit darüber, welche Beteiligungsrolle ihnen gerade zusteht. Darin begründet sie auch das in ihrem Korpus eher seltene Auftreten stark gehäufter Adressierungswechsel.
In den untersuchten Beurteilungsgesprächen taucht das Phänomen der raschen Adressierungswechsel unterschiedlich oft auf und diese Ressource wird tendenziell öfter bei jüngeren Kindern genutzt. Am nächsten Beispiel soll illustriert werden, wie sich rasche Wechsel der Adressierung auf die Beteiligung auswirken:
# 55 Blackout
(Chiara, SJ5_L7A_LMVS, 03:08–03:25)
| 001 | L | aso i wü dÄnke würklech MAthe,also ich wü denke wirklich Mathe(matik) |
| 002 | döt isch sii (.) i vilne sache rÄcht SATtelfescht.dort ist sie in vielen Sachen recht sattelfest | |
| 003 | ZWÜschine (.) ZWÜschine het sii nöi,zwischendurch zwischendurch hat sie neu | |
| 004 | (.) kchas GÄÄ as sii plötzlech,kann’s geben dass sie plötzlich | |
| 005 | M | MH_hm [es BLÄCKaut het MH_hm;mhm ein Blackout hat mhm |
| 006 | L | [äh wien es BLÄCKaut het, äh wie ein Blackout hat |
| 007 | wien es [GNUUSCH?wie ein Durcheinander | |
| 008 | V | [mh_HM, mhm |
| 009 | L | °hh und de (-) zum teil ↑UPS (.) wisoo goots [jetze nüm,und dann zum Teil ups wieso geht’s jetzt nicht mehr |
| 010 | M | [MH_hm. mhm |
| 011 | L | aber (.) SII chunt nächer aumen eigentlech schO wider–aber sie kommt nachher jeweils eigentlich schon wieder |
| 012 | (.) chunsch nächer eigentlech schO [wider DRII.(du) kommst nachher eigentlich schon wieder rein | |
| 013 | S | [jä. ja |
L wendet sich mit ihrer Beurteilung an die Eltern, indem sie in Zeile 002 in der dritten Person auf S referiert und sie dadurch zum Objekt des Gesprächs macht. In Zeile 003f. beginnt L eine Äusserung zu einem neu aufgetauchten Problem von S, welche nach dem Wort plötzlech (Z. 004) von M beendet wird (MH_hm es BLÄCKaut het, Z. 005). Durch die Vollendung der projizierten Äusserung zeigt M einerseits eine hohe Involvierung in das Interaktionsgeschehen und andererseits drückt sie durch die Perspektivenübernahme ein Verständnis für die Problematik aus. Auch M referiert in der dritten Person auf S. L nimmt die Wortwahl von M zunächst auf und spricht ebenfalls von einem Blackout (Z. 006), reformuliert dann aber noch zu wien es GNUUSCH? (Z. 007). L veranschaulicht nun in einem Szenario diese beobachtete Problematik von S, indem sie die situativ vermuteten Gedanken von S imaginiert: ↑UPS (.) wisoo goots jetze nüm, (Z. 009). Dadurch übernimmt L die Perspektive von S und lässt sie mit ihren möglichen Gedanken als Beteiligte auftreten, was als Wechsel des Beteiligungsrahmens betrachtet werden kann.1 Von M und V sind bis dahin an verschiedenen Stellen Rezeptionssignale hörbar (Z. 005, 008, 010). Abschliessend schwächt L die Problematik wieder ab, indem sie auf das nur kurzzeitige Auftreten hinweist. Sie adressiert dabei zuerst die Eltern (aber (.) SII chunt nächer aumen eigentlech schO wider–, Z. 011), setzt dann kurz ab und beginnt mit aktualisiertem Beteiligungsrahmen an S adressiert: (.) chunsch nächer eigentlech schO wider DRII. (Z. 012). S ratifiziert diese Einschätzung in Überlappung mit L (Z. 013).
Es ist sehr auffällig, wie sich die Rezipierenden je nach Ausrichtung von L beteiligen. Solange S den Objektstatus innehat, ist von ihr – zumindest verbal – keine Beteiligung vorhanden, was sich jedoch direkt nach dem Wechsel ändert. So hat der Wechsel hier eine zugunsten der Schülerin involvierende Wirkung. Selbstverständlich darf nie aus dem Blick gelassen werden, dass alle Beteiligten ratifizierte Rezipierende sind und sich grundsätzlich angesprochen fühlen können. Doch zeigt sich gerade bei Kindern und Jugendlichen eine zurückhaltende aktive Beteiligung, weswegen es wichtig ist, die Ressourcen zu identifizieren, die eine involvierende Wirkung haben.
Am folgenden Gesprächsausschnitt kann zur involvierenden Funktion zudem gezeigt werden, wie sich durch die fliessenden Grenzen zwischen gemeinten und tatsächlichen Adressierten Informationen gesichtsschonend kommunizieren lassen:
# 56 Mathematik
(Tatjana, SJ5_L7B_LMVS, 01:32–02:35)
| 001 | L | mathemaTIK?Mathematik |
| 002 | was hesch du [do (.) UFgschribe.was hast du da aufgeschrieben | |
| 003 | S | [mh °h mh |
| 004 | L | [(bi di:r);(bei dir) |
| 005 | S | [EIgentlich läuft es in mathe (.) überall gut,eigentlich läuft es in Mathe(matik) überall gut |
| 006 | °h ausser im (.) NEUen (.) thEma,ausser im neuen Thema | |
| 007 | vergrÖssern und verKLEInern,vergrössern und verkleinern | |
| 008 | GEHT es nicht so gut. [°hgeht es nicht so gut | |
| 009 | L | [mh_HM, mhm |
| 010 | °h fÜusch du di in mathematik WO:U.fühlst du dich in Mathematik wohl | |
| 011 | S | mh_HM–mhm |
| 012 | L | duesch GÄRN rächne;tust du gerne rechnen |
| 013 | jo °h aso (.) mir fauts AU uf,ja also mir fällt’s auch auf | |
| 014 | dass sii sicher (.) lieber duet RÄCHne,dass sie sicher lieber rechnen tut | |
| 015 | M | [MH_hm.mhm |
| 016 | L | [as (.) irgendöppis i de SPROOCH mache.als irgendetwas in den Sprachen machen |
| 017 | M | jo [das ISCH so.ja das ist so |
| 018 | L | [°hh jetz hüt am morge hei mir AAgfange mit dr proportionaliTÄT, jetzt heute am Morgen haben wir angefangen mit der Proportionalität |
| 019 | aso hundert gramm schAmpinjo: choschte SÄCHS franke,also hundert Gramm Champignons kosten sechs Franken | |
| 020 | wie tüür sii ZWOIhundert gramm DRÜÜhundert gramm VIERhundert gramm,=wie teuer sind 200 Gramm 300 Gramm 400 Gramm | |
| 021 | =und do bisch jetzt würkch wider °hh rÄcht DIFfig ungerwägs gsi,=und da bist du jetzt wirklich wieder recht schnell unterwegs gewesen | |
| 022 | =und vor auem au rÄcht SIcher.und vor allem auch recht sicher | |
| 023 | (-) | |
| 024 | M | [mh_HM,mhm |
| 025 | L | [aso DO isch sii jetz hüt am mOrge,also da ist sie jetzt heute am Morgen |
| 026 | het sii EIgentlech,hat sie eigentlich | |
| 027 | °hh hesch fasch kchEni FÄÄler gmacht gha.hast du fast keine Fehler gemacht gehabt | |
| 028 | [°hhh [und– und | |
| 029 | S | [°h |
| 030 | M | [(guet), (gut) |
Die Sequenz beginnt damit, dass sich L an S richtet und sie auffordert, ihre Selbstbeurteilung zum Fach Mathematik vorzulesen (Z. 001f., 004). Nach der von S vorgelesenen Selbsteinschätzung (Z. 005–008) stellt L zwei Ergänzungsfragen (°h fÜusch du di in mathematik WO:U., Z. 010; duesch GÄRN rächne;, Z. 012), die von S mit mh_HM– minimal beantwortet werden (Z. 011 sowie nach Z. 012 vermutlich durch nonverbale Zustimmung).2 Daraufhin richtet L ihre eigene Einschätzung (jo °h aso (.) mir fauts AU uf, dass sii sicher (.) lieber duet RÄCHne, as (.) irgendöppis i de SPROOCH mache., Z. 013f., 016) an die Eltern, indem sie das Kind zum Objekt des Gesprächs macht. Dies lässt sich beim Wechsel der Referenz auf die Schülerin von du (Z. 002, 010, 012) zu sie (Z. 014) zeigen. Dass dieser Adressierungswechsel für den Verlauf des Gesprächs relevant ist, zeigt sich durch die einsetzenden Rezeptionssignale und Kommentare von M (Z. 015, 017, 024, 030) und die gleichzeitig fehlenden Rückmeldungen von S. Beide zeigen dadurch eine Orientierung an der neu aktivierten Beteiligungsstruktur, in der die Eltern adressiert werden und S zwar als ratifizierte Rezipientin mithört, jedoch durch den erhaltenen Objektstatus nicht Adressatin der Gesprächssequenz ist.
Nun berichtet L in der folgenden Sequenz über die derzeitige Thematik im Fach Mathematik (Z. 018–020) und bewertet die Leistungen von S (Z. 021f., 025–027). Die Art und Weise, wie die Lehrerin ihre Äusserungen hier gestaltet, ist in Bezug auf die Gesprächsorganisation höchst interessant. Sie beginnt damit, dass sie mit dem Pronomen wir auf sich und die Klasse referiert (°hh jetz hüt am morge hei mir AAgfange mit dr proportionaliTÄT,, Z. 018) und damit S einbezieht, nicht aber die Eltern. Durch die inkludierende Funktion von wir wird die Beteiligungsstruktur aktualisiert und S wird vorerst indirekt in die Äusserung integriert. In Zeile 021f. folgt dann die direkte Adressierung von S.
Nach der Nennung des neuen Themas in Mathematik, der Proportionalität, fügt L Erläuterungen hinzu, die sie beinahe in der Art einer unterrichtssprachlichen Aufgabenstellung vorträgt (aso hundert gramm schAmpinjo: choschte SÄCHS franke, wie tüür sii ZWOIhundert gramm DRÜÜhundert gramm VIERhundert gramm,, Z. 019f.). Bei dieser kurzen Zwischensequenz stellt sich die Frage, für wen diese Ausführungen aufbereitet werden. Durch das inkludierende Pronomen wir ist S zumindest Mitadressatin. Allerdings handelt es sich hier um Wissen, das bei L und S vorhanden ist, nicht aber bei den Eltern, weshalb anzunehmen ist, dass diese Erklärungen zur Proportionalität in der Mathematik an die Eltern gerichtet sind. Nun kann es aber aus Sicht der Lehrerin problematisch sein, die Annahme zu treffen, dass die Eltern nicht über Grundthemen der Mathematik Bescheid wissen. Der Zuschnitt auf die Eltern wird strategisch so gelöst, dass L den erklärenden Einschub an S adressiert und dadurch den Eltern kein fehlendes Wissen unterstellen muss. Wir sehen also in dieser Sequenz, dass Wissen in einem Gruppengespräch auch so aufbereitet werden kann, dass die direkt adressierten Personen bereits über das Wissen verfügen und deshalb vermutlich nicht die gemeinten Rezipierenden sind.
Nach dieser erklärenden Sequenz wendet sich L nun im direkten Anschluss mit =und do bisch jetzt würkch wider °hh rÄcht DIFfig ungerwägs gsi, =und vor auem au rÄcht SIcher. positiv wertend an S (Z. 021f.). Interessant ist an dieser Stelle, dass sich M mit Rückmeldesignalen einbringt (Z. 024), obwohl S adressiert wird. Gleichzeitig wechselt L die Adressierung an die Eltern, indem sie mit sie auf das Kind referiert und das Gesagte ergänzt (aso DO isch sii jetz hüt am mOrge, het sii EIgentlech,, Z. 025f.). Nach einer gefüllten Pause kommt es zu einer selbstinitiierten Selbstreparatur und L beendet ihren Satz mit einem erneuten Adressierungswechsel an das Kind gerichtet (°hh hesch fasch kchEni FÄÄler gmacht gha., Z. 027). Von S ist deutliches Einatmen hörbar und M ratifiziert die an S adressierte Beurteilung mit einem (wegen Überlappung) nicht eindeutig identifizierbaren guet (Z. 030). Durch diese wechselnde Orientierung an unterschiedlichen Adressaten wird deutlich, dass die Beteiligungsstruktur laufend von allen Anwesenden mitgestaltet und aktualisiert wird und dass auch nicht adressierte Rezipierende jederzeit wieder aktiv in das Gespräch integriert werden können.
Dieses Beispiel zeigt, wie die Konstitution der Gruppe Einfluss auf das Recipient Design nehmen kann. Die Orientierung an mehreren Rezipierenden führt hier zu häufig wechselnder Adressierung, zu implizit adressierten Äusserungen und zu unterschiedlichen Strategien, um Common Ground zu schaffen. Rasche Wechsel der Adressierung sind als spezifische Strategie in der Mehrparteieninteraktion zu verstehen, die eine Involvierung aller Beteiligter ermöglicht.



