Kitabı oku: «Les Misérables / Die Elenden», sayfa 11

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X. Das Erwachen

Also als die Domuhr zwei schlug, erwachte Jean. Er erwachte, weil das Bett zu gut war. Nahe an zwanzig Jahre waren dahingegangen, seitdem er in einem Bett geschlafen, und obschon er sich nicht ausgekleidet hatte, war die Empfindung doch zu neu, als daß sie nicht seinen Schlaf hätte stören sollen.

Er hatte etwas über vier Stunden geschlummert. Seine Müdigkeit war vergangen. Es lag nicht in seiner Art, viel Zeit mit Schlafen hinzubringen.

Er machte die Augen auf und ließ seine Blicke im Dunkeln um sich herumschweifen, dann schloß er sie, um wieder einzuschlafen.

Wenn den Tag über vielerlei Gedanken und Gefühle den Geist bestürmt haben, kann man am Abend wohl einschlafen; erwacht man aber, so ist dies nicht mehr möglich. Das erste Mal kommt der Schlaf leichter, als das zweite. Diese Erfahrung machte jetzt auch Jean Valjean. Er konnte nicht wieder einschlafen und fing an nachzudenken.

Er befand sich in einer Gemüthsverfassung, wo man nur verworrener Gedanken fähig ist. In seinem Hirn schwirrte alles hin und her und durcheinander; Altes und Neues nahm die mannigfaltigsten Gestalten und Proportionen an und verschwand dann wieder eben so rasch. Aber unter den vielen Gedanken, die seinen aufgeregten Geist beschäftigten, war einer, der sich beständig in den Vordergrund drängte und alle andern verscheuchte. Es war dies, um es sogleich zu sagen, die Erinnerung an die sechs silbernen Bestecke und den großen silbernen Löffel, die Frau Magloire auf den Tisch gebracht hatte.

Dieses Silbergeschirr ließ ihm keine Ruhe. Es war da. In seiner nächsten Nähe. In dem Augenblick, wo er durch das Zimmer nebenan hindurchgekommen, hatte es die alte Magd in den Wandschrank, neben dem Kopfende des Bettes, gelegt. Diesen Schrank hatte er sich gut gemerkt. Rechts, vom Speisezimmer aus. Massives Silber. Und altes Silber. Man würde mindestens zweihundert Franken dafür kriegen.

Eine ganze Stunde sann er so hin und hei, denn er gab sich einige Mühe, des bösen Gedankens Herr zu werden. Als es drei Uhr schlug, öffnete er die Augen wieder, richtete sich auf, tastete nach seinem Tornister, den er in eine Ecke des Alkovens gestellt hatte und blieb dann auf dem Bett sitzen.

In dieser Haltung verharrte er einige Zeit, und wer ihn gesehen hätte, in diesem stillen Hause, wo Alles schlief, der hätte sich schwerlich eines Schauders erwehren können. Plötzlich bückte er sich, zog seine Schuhe aus und stellte sie leise auf die Strohmatte, die vor dem Bett lag, richtete sich wieder empor und fuhr in seiner Grübelei fort.

Der abscheuliche Gedanke ließ sich nicht bannen. Er kam, ging, kam wieder; daneben aber hielt ihm seine Phantasie maschinenmäßig und mit unerklärlicher Hartnäckigkeit das Bild eines ehemaligen Leidensgefährten, Namens Brevet, vor die Seele. Dieser Brevet hatte Hosenträger mit nur einem Tragband, und das Mäandermuster dieses Tragbands tauchte beständig vor Jean Valjeans innern Augen auf.

So hätte er vielleicht noch bis Tagesanbruch regungslos dagesessen, wenn die Uhr nicht geschlagen hätte, ein Viertel oder halb. Ihm war, als hieße das: »Vorwärts!«

Er stand auf, zögerte noch einen Augenblick und horchte. Alles war still im Hause. Nun ging er mit kurzen Schritten gerade auf das Fenster zu. Die Nacht war nicht sehr dunkel; am Himmel schien der Vollmond, nur daß er ab und zu durch die vom Winde gejagten Wolken verdeckt wurde. Es fiel also in das Zimmer, auch wenn es draußen am dunkelsten war, noch ein dämmriges, fahles Licht, bei dem man die Gegenstände deutlich genug erkennen konnte. Am Fenster angelangt, sah Jean Valjean es genau an. Es war nicht vergittert, ging nach dem Garten hinaus und war, wie es dort zu Lande üblich ist, nur leicht verklinkt. Er öffnete es, aber da plötzlich ein kalter Luftzug in das Zimmer drang, machte er es eiligst wieder zu. Dann überschaute er aufmerksam den Garten. Eine weiße Mauer ringsherum, die ganz niedrig und leicht zu ersteigen war. Im Hintergrunde, jenseit der Mauer, gleichweit von einander abstehende Baumkronen, also war dort eine Allee oder eine mit Bäumen bepflanzte Straße.

Nach Beendigung dieser Umschau machte er eine entschlossene Bewegung, kehrte in seinen Alkoven zurück, wühlte in seinem Tornister, entnahm ihm einen Gegenstand, den er auf das Bett legte, steckte seine Schuhe in eine von seinen Taschen, schnallte den Tornister wieder zu, lud ihn sich auf den Rücken, setzte seine Mütze auf, zog den Schirm tief herab, tappte sich zu der Ecke hin, wo sein Stock stand und stellte ihn an das Fenster, kam dann wieder zu dem Bett zurück und ergriff entschlossen den Gegenstand, den er vorhin dort hingelegt hatte. Es sah aus wie eine kurze, an dem einen Ende spießartig zugespitzte Eisenstange.

In der Dunkelheit wäre es schwer gewesen zu erkennen, wozu dieses Eisen wohl dienen könne. Ob es ein Hebel war? Oder eine Keule?

Beim Tageslicht hätte man gesehen, daß es ein von Bergleuten gebrauchtes Werkzeug war. Das spitze Ende war dazu bestimmt, in die Felsen gebohrt zu werden und das Gestein loszubrechen. Zu dieser Arbeit verwendete man auch die Sträflinge in Toulon.

Jean Valjean nahm dieses Eisen in die rechte Hand und schlich mit verhaltnem Athem und leisen Schrittes auf die Thür zu, die in das Schlafzimmer des Bischofs führte. Sie stand halb offen. Der Bischof hatte sie nicht verschlossen.

XI. Was er that

Jean Valjean horchte. Kein Geräusch.

Er stieß die Thür an.

Mit dem Ende des Fingers, leicht, so leise und ängstlich, wie eine Katze.

Die Thür gab dem Druck nach und wich geräuschlos etwas zurück.

Er wartete einen Augenblick, stieß dann wieder die Thür an, dies Mal dreister.

Sie gab abermals ohne Geräusch nach. Die Oeffnung war jetzt so weit, daß er hindurch gekonnt hätte. Aber neben der Thür, so daß er den Eingang versperrte, stand ein kleiner Tisch.

Jean Valjean erkannte die Schwierigkeit. Die Oeffnung mußte durchaus erweitert werden.

Er entschloß sich kurz und stieß wieder die Thür an, kräftiger, als die beiden ersten Male. Aber dieses Mal kreischte eine schlecht geölte Thürangel.

Jean Valjean erschrak. Das Geräusch klang seinem Ohr so scharf und furchtbar, wie die Posaune des jüngsten Gerichts.

In dem ersten Augenblick, wo der Schreck ihm alles phantastisch vergrößerte, bildete er sich beinahe ein, die Thürangel sei ein belebtes Wesen geworden, das bellen würde, wie ein Hund, um die Schläfer zu wecken und Hilfe herbeizurufen.

Er blieb stehen, zitternd vor Angst, und fiel auf seine Fersen zurück. Das Blut hörte er in seinen Schläfen hämmern und seinen Athem mit der Gewalt eines Sturmes aus seiner Brust herauskommen. Es dünkte ihm unmöglich, daß der schreckliche Lärm nicht das ganze Haus in seinen Grundfesten erschüttert haben sollte, wie ein Erdbeben. Der Alte würde auffahren, die Frauen ein Geschrei erheben; dann mußte Hülfe kommen, und in höchstens einer Viertelstunde war die Stadt in Aufruhr, die Gendarmerie auf den Beinen. Er hielt sich für verloren.

Er blieb stehen, wo er war, starr wie eine Bildsäule, regungslos.

So verstrichen einige Minuten. Die Thür war weit aufgegangen. Er wagte es endlich, einen Blick in das Zimmer zu werfen. Nichts hatte sich geregt. Er lauschte. Alles war still im Hause. Das Geknarr der verrosteten Thürangel hatte Niemand aufgeweckt.

Die erste Gefahr war vorbei, aber noch tobte ein heftiger Tumult in seinem Innern. Trotzdem ging er nicht zurück, so wenig, wie im ersten Augenblick, wo er geglaubt hatte, alles sei verloren. Entschlossen wollte er ein Ende machen. Er that einen Schritt vorwärts und befand sich in dem Zimmer.

Hier unterschied das Auge verworrene, unbestimmte Gegenstände, in denen man am Tage auf dem Tisch verstreute Papiere, offene Folianten, Bücher, einen Lehnstuhl, auf dem Kleidungsstücke lagen, einen Betstuhl erkannt hätte, die aber jetzt sich nur als dunkle Winkel und Ecken, oder weiße Flächen darstellten. Vorsichtig schritt Jean Valjean weiter, indem er es sorgfältig vermied, an die Möbel anzustoßen. Im Hintergrunde ließ sich der gleichmäßige Athem des Bischofs vernehmen, der fest schlief.

Plötzlich blieb Jean Valjean stehen. Er sah dicht vor sich das Bett. Er war dort früher angelangt, als er geglaubt hatte.

Die Natur scheint bisweilen in den Gang der menschlichen Handlungen eingreifen, in entscheidungsvollen Augenblicken uns warnen, zum Nachdenken zwingen zu wollen. So zertheilte sich, gerade, als Jean Valjean vor dem Bett stehen blieb, eine große Wolke, die seit einer halben Stunde den Himmel verdunkelte, so zu sagen mit Zweck und Absicht, und das Mondlicht überfluthete plötzlich das blasse Gesicht des Bischofs, der friedlich schlummerte. Er trug im Bett, wegen der Kälte, die des Nachts in den Unteralpen herrscht, ein braunwollenes Hemd, dessen Aermel bis zu den Handgelenken hinabreichten. Sein Kopf war nach oben gewendet; die mit dem Bischofsring geschmückte Hand hing aus dem Bett heraus. Aus allen Zügen seines edlen Antlitzes leuchtete klare Heiterkeit, Hoffnung, Seelenfriede, als schaue er im Schlafe den Himmel. Und ein Himmel war es ja auch, der sich auf seinem Antlitz abspiegelte: Sein Gewissen.

In dem Augenblick, wo sich das Mondlicht mit dieser innern Klarheit paarte, war der schlafende Bischof wie von einem Glorienschein umwoben. Aber dieses Licht war ein mildes, gedämpftes und die Umgebung, der Mond am Himmel, die schlummernde Landschaft, die Stille des Hauses standen in feierlich harmonischem Einklang mit dem majestätischen Anblick, den der hehre Greis in seinem kindlich festen Schlafe den Augen des Betrachters darbot.

Jean Valjean, der nie Aehnliches gesehen, dem eine solche friedfertige Sorglosigkeit unfaßbar war, starrte unbeweglich, mit Erstaunen, auf den Schlafenden. Er war empfänglich für das Erhabene, das Schöne, und seine Haltung sowohl, wie seine Mienen verriethen, daß dieses Schauspiel einen tiefen Eindruck auf sein Gemüth machten. Aber welches seine Gedanken waren, ließ sich nicht muthmaßen. Er konnte ebenso gut überlegen, ob er dem Greise den Schädel einschlagen, oder ihm die Hand küssen solle.

Nach einer kurzen Weile nahm er mit der linken Hand seine Mütze ab und ließ sie ebenso langsam wieder sinken. Dann versank er wieder in die Betrachtung des unerklärlichen Schauspiels, die Mütze in der linken, die eiserne Stange in der rechten Hand.

Plötzlich stülpte er die Mütze wieder auf den Kopf, ging hastig, ohne den Bischof anzusehen, das Bett entlang, auf den Wandschrank zu und setzte das Eisen an, um das Schloß aufzubrechen. Da bemerkte er, daß der Schlüssel darin steckte, schloß den Schrank auf, nahm den Korb mit dem Silberzeug heraus, ging mit raschem Schritt und ohne Obacht zu geben, ob er auch keinen Lärm machte, auf die Thür zu, in das Betzimmer zurück, riß das Fenster auf, packte seinen Stock, schwang sich über die Brüstung, steckte das Silberzeug in seinen Tornister, warf den Korb weg, rannte durch den Garten, sprang wie ein Tiger über die Mauern und eilte davon.

XII. Der Bischof bei der Arbeit

Beim Sonnenaufgang, als der Bischof in seinem Garten spazieren ging, kam Frau Magloire mit verstörtem Gesicht herbeigeeilt.

»Bischöfliche Gnaden, wissen Bischöfliche Gnaden, wo der Korb mit dem Silbergeschirr ist?«

»Ja«, sagte der Bischof.

»Gott und der Heiland sei gepriesen! Ich wußte nicht, wo er hingekommen war.«

Der Bischof hatte den Korb auf einem Beet gefunden und reichte ihn jetzt der Magd.

»Hier ist er.«

»Ja, wo ist denn aber das Silberzeug?«

»Ach, das Silbergeschirr wollen Sie haben? Ja, wo das ist, weiß ich nicht.«

»Herr des Himmels, es ist gestohlen! Der Fremde hat es gestohlen!«

Im Handumdrehen eilte die flinke Alte in das Betzimmer und den Alkoven, und wieder zu ihrem Herrn zurück. Der Bischof stand gebückt und betrachtete seufzend eine Staude Löffelkraut, die unter dem Korb zerknickt worden war. Bei dem Geschrei, das Frau Magloire erhob, richtete er sich auf.

»Bischöfliche Gnaden, der Mann ist fort! Das Silber ist gestohlen.«

Zu gleicher Zeit fiel ihr Blick auf eine Ecke des Gartens, wo aus der Zinne der Mauer ein Stück abgebrochen war.

»Da, sehen Sie! Da ist er hinübergeklettert, in die Rue Cochefilet! O diese Schändlichkeit! Er hat uns unser Silberzeug gestohlen!«

Der Bischof verharrte eine Weile in seinem Stillschweigen; dann richtete er seine ernsten Augen auf Frau Magloire und fragte mit sanfter Stimme:

»Gehörte denn das Silber uns?«

Frau Magloire war sprachlos. Wieder trat eine Pause ein, dann hob der Bischof wieder an:

»Frau Magloire, dieses Silberzeug habe ich mit Unrecht und viel zu lange zurückbehalten. Es gehörte den Armen. Unser Gast war doch gewiß ein Armer.«

»Du lieber Himmel! Ich sage es ja nicht meinetwegen und nicht wegen dem gnädigen Fräulein. Uns ist es ja egal. Aber Bischöfliche Gnaden! Woraus sollen denn Bischöfliche Gnaden jetzt speisen?«

Der Bischof sah sie erstaunt an.

»Als wenn es keine zinnernen Bestecke gäbe!«

Frau Magloire zuckte die Achseln.

»Zinn riecht schlecht.«

»Dann kaufen wir eiserne.«

»Eisernes Geschirr hinterläßt einen Nachgeschmack.«

»Gut, dann nehmen wir hölzerne.«

Gleich darauf frühstückte er an demselben Tische, an den sich am Abend zuvor Jean Valjean gesetzt hatte, und während seine Schwester schwieg und Frau Magloire brummte, bemerkte er vergnügt, es bedürfe keines Löffels und keiner Gabel, auch keiner hölzernen, um ein Stück Brod in Milch zu tauchen.

»Nein, so was!« brummte Frau Magloire, während sie im Zimmer hantierte. »Einen solchen Menschen bei sich zu beherbergen! Und so dicht neben sich! Ein wahres Glück, daß er blos gestohlen. Erbarmen! Wenn man denkt, was hätte passieren können!«

Eben wollte der Bischof und seine Schwester sich von der Tafel erheben, als an die Thür geklopft wurde.

»Herein!« rief der Bischof.

Die Thür that sich auf und vier Menschen erschienen auf der Schwelle. Drei davon waren Gendarmen, die den Vierten, Jean Valjean, beim Kragen gepackt hielten. Auch ein Gendarmerie-Wachtmeister war zugegen. Er trat vor und salutierte militärisch den Bischof.

»Ew. Bischöfliche Gnaden« ... begann er. Bei diesen Worten stutzte Jean Valjean, der düster und niedergeschlagen schien:

»Ew. Bischöfliche Gnaden! Dann ist es ja nicht der Pfarrer!«

»Maul gehalten!« herrschte ihn ein Gendarm an.

Unterdessen hatte sich der Bischof erhoben und kam, so rasch es ihm sein hohes Alter gestattete, heran.

»Ah! Da sind Sie!« sagte er zu Jean Valjean. »Das freut mich. Aber sagen Sie mal, ich hatte Ihnen die Leuchter auch geschenkt. Die sind gleichfalls von Silber und ihre zweihundert Franken wert. Warum haben Sie die nicht auch mitgenommen, so gut wie Ihre Bestecke?«

Jean Valjean riß die Augen weit auf und betrachtete den ehrwürdigen Bischof mit Empfindungen, die keine Sprache wiedergeben kann.

»Also, Bischöfliche Gnaden, ist es wahr, was der Mann zu uns gesagt hat? Wir sind ihm begegnet. Er sah aus wie Einer, der was begangen hat. Da haben wir ihn angehalten und visitiert. Er hatte dieses Silbergeschirr.«

»Und er hat Ihnen gesagt,« fiel der Bischof ein, »daß ein alter Priester es ihm geschenkt hat, bei dem er übernachtete. Ich verstehe schon. Und Sie haben ihn hierher gebracht? Ja ja! Aber Sie haben Sich geirrt.«

»Also,« fragte der Wachtmeister, »können wir ihn laufen lassen?«

»Ohne Zweifel!«

Die Gendarmen ließen Jean Valjean los, der zurücktrat.

»Also darf ich wirklich gehen?« sagte er mit fast unartikulierter Stimme und als wäre er im Schlafe.«

»Na, kannst Du denn nicht hören? Gewiß kannst Du gehen,« bestätigte einer der Gendarmen.

»Guter Freund,« fuhr jetzt der Bischof wieder fort. »Hier, ehe Sie gehen, nehmen Sie die Leuchter.«

Er holte die beiden silbernen Leuchter von dem Kaminsims und überreichte sie Jean Valjean. Die beiden Frauen sahen ihm dabei zu, ohne mit einem Wort, einer Gebärde, einem Blick Einspruch zu erheben.

Jean Valjean zitterte an allen Gliedern. Er nahm mechanisch und mit irren Blicken die Leuchter in Empfang.

»Und nun gehen Sie in Frieden!« sagte der Bischof. »Noch Eins. Wenn Sie wiederkommen, lieber Freund, brauchen Sie nicht durch den Garten zu gehen. Die Straßenthür ist Tag und Nacht nur zugeklinkt.«

Und zu den Gendarmen gewendet, sagte er:

»Meine Herren, ich halte Sie nicht länger auf.«

Die Gendarmen entfernten sich.

Jean Valjean stand da wie Einer, der im Begriff ist ohnmächtig zu werden.

Der Bischof trat nahe an ihn heran und sprach leise: »Vergessen Sie nicht, vergessen Sie niemals, daß Sie mir versprochen haben, Sie wollten das Geld dazu gebrauchen, ein ehrlicher Mann zu werden.«

Jean Valjean, der sich nicht entsann, irgend ein Versprechen gegeben zu haben, fand kein Wort der Erwiedrung. Der Bischof hatte mit Nachdruck gesprochen. Er fuhr jetzt in feierlichem Tone fort.

»Lieber Bruder Jean Valjean, Sie gehören nicht mehr dem Geist des Bösen, sondern des Guten. Ich kaufe Ihnen hiermit Ihre Seele ab, entziehe sie den schlimmen Gedanken und weihe sie Gott.«

XIII. Der kleine Gervais

Jean Valjean eilte aus der Stadt hinaus, als hätte er Verfolger auf den Fersen, ins Freie, auf den Wegen und Pfaden, die sich ihm gerade darboten, ohne zu merken, daß er jeden Augenblick eine Strecke wieder zurückging. So irrte er den ganzen Vormittag umher, ohne zu essen und Hunger zu fühlen. Eine Menge neuer Empfindungen erhielten ihn in der heftigsten seelischen Aufregung. Er empfand zunächst eine Art Aerger, ohne zu wissen gegen wen. Auch hätte er nicht angeben können, ob er gerührt sei oder sich gedemüthigt fühle. Hin und wieder überkam ihn eine weichere Stimmung, gegen die er indeß ankämpfte mit seiner im Laufe von neunzehn Jahren zur Gewohnheit gewordnen Herzenshärte. Die Festigkeit der Ueberzeugungen, die Unglück und Ungerechtigkeit in ihm gezeitigt hatten, und seine finstre Entschlossenheit zum Bösen war erschüttert, und er fragte sich, wie er sie stützen werde. Manchmal wünschte er, die Gendarmen hätten ihn wieder ins Zuchthaus abgeführt, und daß es anders gekommen wäre; das hätte ihn nicht so erregt. Außerdem quälten ihn noch Erinnerungen an seine Kindheit, die durch den Anblick der Herbstblumen in den Hecken in ihm geweckt wurden. Wie lange war es her, daß er an diese Zeit nicht mehr gedacht hatte!

So häuften sich in seinem Geiste den ganzen Tag über unsäglich viele, ihm unverständliche Gefühle und Gedanken.

Als die Sonne zur Rüste ging, und schon die windzigsten Steinchen lange Schatten warfen, saß Jean Valjean hinter einem Strauch auf einer großen, öden Ebene. Am Horizont sah man nur die Alpen. Weit und breit nicht einmal ein Kirchthurm. Jean Valjean mochte ungefähr zwölf Kilometer von Digne entfernt sein. Einige Schritte von dem Strauch, wo er saß, war ein Fußsteig, der die Ebene durchquerte.

Während er hier sich mit seinen bösen Gedanken herumschlug, hörte er plötzlich fröhlichen Gesang.

Den Pfad entlang kam ein etwa zehnjähriger Knabe, ein Savoyarde mit dem üblichen Leierkasten und Murmelthier, einer von jenen gutmüthigen und vergnügten Jungen, die in zerlumptem Aufzuge von Land zu Land wandern.

Während er sang, unterbrach der Kleine von Zeit zu Zeit seinen Marsch und spielte Knöchelchen mit einigen Geldstücken, die wahrscheinlich sein ganzes Vermögen ausmachten. Darunter befand sich auch ein Zweifrankenstück.

Der Kleine blieb, ohne Jean Valjean zu bemerken, neben dem Strauch stehen und warf die Geldstücke, die er bisher immer sehr geschickt mit dem Rücken der Hand gefangen hatte, wieder in die Höhe.

Aber dies Mal entwischte ihm das Zweifrankenstück und rollte bis zu der Stelle hin, wo Jean Valjean saß. Dieser setzte den Fuß darauf.

Indessen war der Kleine dem Geldstück mit dem Blicke gefolgt und hatte ihn bemerkt.

Er that nicht verwundert und ging gerade auf ihn zu.

Es war eine vollständig menschenleere Gegend. So weit die Blicke reichten, weder in der Ebene noch auf dem Pfade war Jemand zu sehen. Man hörte nur das schwache Geschrei einer Schaar Zugvögel, die hoch oben am Himmel vorüberzogen. Der Kleine stand da, den Rücken der Sonne zugewendet, die sein Haar goldig durchflutete und Jean Valjeans grimmiges Gesicht blutroth bestrahlte.

Mit der aus Unkenntnis der Menschen und Unschuld zusammengesetzten Vertrauensseligkeit der Kindheit bat der Savoyarde: »Bitte um mein Zweifrankenstück.«

»Wie heißt Du?« fragte Jean Valjean.

»Der kleine Gervais.«

»Mach, daß Du fortkommst!«

»Geben Sie mir mein Zweifrankenstück wieder.«

Jean Valjean senkte den Kopf und antwortete nicht.

Der Kleine fing wieder an:

»Mein Zweifrankenstückl«

Jean Valjeans Augen blieben zur Erde gesenkt.

»Mein Zweifrankenstückl Mein Geld! Mein Geld!« schrie der Junge wieder.

Es war, als hörte Jean Valjean nicht. Der Kleine packte ihn am Kragen, schüttelte ihn und quälte sich, den groben, eisenbeschlagnen Schuh, der auf sein Geldstück drückte, wegzuschieben.

»Ich will mein Geld wiederhaben!«

Der Kleine weinte. Da hob Jean Valjean den Kopf wieder empor, blieb aber sitzen. Seine Augen waren trübe. Er betrachtete den Knaben mit einer Art Verwundrung, griff nach seinem Stock und schrie mit fürchterlicher Stimme: »Wer ist da?«

»Ich!« antwortete der Kleine. »Ich, der kleine Gervais. Ich! Ich! Bitte, geben Sie mir mein Zweifrankenstück wieder! Bitte, nehmen Sie Ihren Fuß weg!«

Jetzt gerieth der kleine Kerl in Wuth und drohte beinahe:

»Werden Sie bald Ihren Fuß wegnehmen? Vorwärts! Den Fuß weg!«

»Was! schrie jetzt Jean Valjean und stand plötzlich auf. Bist Du immer noch da? Willst Du wohl machen, daß Du fortkommst?«

Erschrocken sah der Knabe ihn an, fing an am ganzen Leibe zu zittern und rannte dann, nachdem er einige Sekunden wie angedonnert da gestanden, aus Leibeskräften davon, ohne sich umzuwenden oder einen Schrei auszustoßen.

Als er aber eine Strecke gelaufen war, zwang ihn die Ermüdung langsamer zu gehen, und Jean Valjean, obschon wieder in Grübeleien versunken, hörte ihn schluchzen.

Nach einigen Minuten war der Kleine verschwunden.

Unterdessen war die Sonne untergegangen, und es dunkelte. Jean Valjean hatte den ganzen Tag nichts gegessen; wahrscheinlich hatte er das Fieber.

Er hatte sich, seitdem der Knabe davon gerannt war, nicht vom Flecke gerührt. Sein Athem ging langsam und ungleich. Seine Augen waren tiefsinnig auf eine blaue Scherbe gerichtet, die zehn bis zwölf Schritte von ihm, im Grase lag. Plötzlich schauerte er zusammen; die Abendkälte hatte sich ihm bemerklich gemacht.

Er drückte die Mütze wieder auf seine Stirn, machte eine mechanische Bewegung, um seinen Kittel zuzuknöpfen, trat einen Schritt vor und bückte sich, um seinen Stock von der Erde aufzuheben.

In diesem Augenblick gewahrte er das Zweifrankenstück, das sein Fuß halb in die Erde hineingetreten, und das unter den Kieseln hervorglänzte.

Der Anblick wirkte auf ihn wie ein elektrischer Schlag. – »Was ist denn das?« stieß er zwischen den Zähnen hervor, fuhr drei Schritte zurück, blieb dann stehen und konnte seinen Blick nicht losmachen von jenem Punkte, auf dem sein Fuß so eben geruht hatte, als wenn das Ding, das da in der Dunkelheit glänzte, ein auf ihn geheftetes Auge gewesen wäre.

Nach einigen Minuten stürzte er sich konvulsivisch auf das Geldstück, raffte es auf, richtete sich rasch empor und schaute sich nach allen Seiten in der Ebene um, mit wilden Blicken, wie ein geängstigtes Reh, das einen Zufluchtsort sucht.

Aber er sah nichts. Die Nacht rückte näher, und auf der kalten, wüsten Ebene stiegen im fahlen Dämmerlicht violette Dünste empor.

»Ach!« rief er, eilte auf und davon, in der Richtung, wo der kleine Savoyarde seinen Blicken entschwunden war. Nach dreißig Schritten hielt er inne, ließ seine Blicke wieder nach allen Seiten umherschweifen und sah wieder nichts. »Kleiner Gervais! Kleiner Gervais! schrie er nun mit der ganzen Kraft seiner Lunge.«

Keine Antwort.

Seine Stimme verhallte ohne Wirkung in dein weiten, leeren Raum.

Ein eisiger Wind begann zu wehen und lieh den Dingen um ihn eine Art Leben, das etwas Grausiges hatte. Die Zweige der Bäume glichen mageren Armen, die wüthende Geberden machten.

Er marschierte weiter, setzte sich dann wieder in Trab, blieb ab und zu still stehen und schrie mit furchtbarer, angstvoller Stimme in die Oede hinein: »Kleiner Gervais! Kleiner Gervais!«

Hätte der Knabe ihn auch gehört, so würde er sich gefürchtet und sich nicht gezeigt haben. Aber er war gewiß schon weit fort.

Endlich begegnete er einem Priester, der des Weges geritten kam. Jean Valjean ging auf ihn zu und fragte ihn:

»Herr Pfarrer, haben Sie einen Jungen vorbeikommen sehen?«

»Nein,« sagte der Priester.

»Einen gewissen Gervais?«

»Ich habe Niemand gesehen.«

Er langte zwei Fünffrankenstücke aus seiner Geldtasche und gab sie dem Priester.

»Herr Pfarrer, nehmen Sie dies für Ihre Armen. – Herr Pfarrer, ein kleiner Junge, ungefähr zehn Jahre alt, mit einem Murmelthier glaube ich, und einem Leierkasten. Ein Savoyarde, wissen Sie?«

»Ich habe ihn nicht gesehen.«

»Der kleine Gervais? Ist er nicht aus dieser Gegend? Können Sie's mir nicht sagen?«

»Wenn es so ist, wie Sie sagen, so ist er ein Fremder; die ziehen blos so durch, und Niemand kennt sie.

Jean Valjean griff heftig nach zwei andern Fünffrankenstücken und gab sie dem Priester.

»Für Ihre Armen!«

Dann schrie er wie ein Irrsinniger:

»Herr Abt, lassen Sie mich arretieren. Ich bin ein Dieb.« Der Priester gab seinem Pferde die Sporen und ritt sehr erschrocken davon.

Jean Valjean eilte in der Richtung weiter, die er zuerst eingeschlagen hatte.

Auf diese Weise legte er eine große Strecke zurück, indem er sich fortwährend umsah, rief und schrie, aber er begegnete Niemandem. Zwei oder drei Mal rannte er auf etwas zu, das wie ein liegender oder hingekauerter Mensch aussah; aber es war nur Gestrüpp oder große Steine. Endlich blieb er an einem Kreuzweg stehen. Er ließ im Mondenlicht seine Blicke weithin schweifen und rief zum letzten Mal: »Kleiner Gervais! Kleiner Gervais! Kleiner Gervais!« Sein Ruf verhallte im Nebel, ohne auch nur ein Echo zu wecken. Dann rief er wieder, aber mit schwacher, kaum artikulierter Stimme: »Kleiner Gervais!« Es war die letzte Kraftanstrengung, der er fähig war; seine Kniegelenke knickten plötzlich unter ihm zusammen, als ob eine unsichtbare Macht ihn urplötzlich mit der Last seines bösen Gewissens niederdrücke; er sank erschöpft auf einen großen Stein nieder, die Fäuste in den Haaren und das Gesicht auf den Knieen, und rief: »Ich bin ein Elender!«

Dann lief sein übervolles Herz über und er fing an zu weinen. Es war das erste Mal seit neunzehn Jahren. –

Als Jean Valjean von dem Bischof entlassen worden war, fand er sich, wie schon erzählt, in eine neue Gedankenwelt versetzt. Er konnte sich nicht klar darüber werden, was in seiner Seele vorging. Er steifte sich hartnäckig gegen die christliche Milde des Bischofs. »Sie haben mir versprochen ein ehrlicher Mensch zu werden. Ich kaufe Ihnen Ihre Seele ab. Ich entziehe sie dem Geist des Bösen und weihe sie dem lieben Gott.« Diese Worte klangen ihm unablässig in den Ohren. Er setzte dieser himmlischen Nachsicht den Stolz entgegen, der gleichsam ein Bollwerk des Bösen in unserm Herzen ist. Er hatte eine gewisse Ahnung, daß die Verzeihung dieses Priesters der gefährlichste Angriff sei, den seine bösen Grundsätze bis jetzt auszuhalten gehabt hatten; daß seine Herzenshärte für immer die Oberhand behalten würde, wenn er dieser Milde Widerstand leistete; daß, wenn er nachgebe, er dem langjährigen Haß entsagen müsse, von dem sein Herz erfüllt war, und in dem er sich gefiel; daß er dieses Mal siegen oder besiegt werden müsse, und daß der Kampf zwischen seiner Bosheit und der Güte jenes Mannes ein gewaltiger und entscheidender sein werde.

Von diesem neuen Gedanken erleuchtet, ging er wie ein Betrunkner, mit verstörten Augen, einher. Hatte er wohl einen deutlichen Begriff von dem Endresultat, das sein Erlebniß in Digne für ihn haben könnte? Flüsterte ihm eine Stimme zu, daß die Entscheidungsstunde seines Schicksals geschlagen habe, daß es für ihn keinen Mittelweg mehr gab, daß, wenn er fortan nicht der beste Mensch sein wolle, er der allerschlechteste sein werde, daß er sich zu noch höherer Vollkommenheit emporschwingen müsse, als der Bischof, oder noch tiefer sinken, als ein Zuchthäusler.

Wieder drängen sich hier Fragen auf, die uns schon früher beschäftigt haben: Zog eine auch nur schattenhafte Ahnung von diesem Entweder – Oder durch seine Seele? Allerdings erzieht das Unglück den Verstand; indessen ist es zweifelhaft, ob Jean Valjean im Stande war, sich zu lichtvoller Klarheit über die erwähnten Punkte hindurchzuringen. Falls er diese Gedanken überhaupt hatte, so boten sie sich ihm in undeutlichen Umrissen dar und beunruhigten, quälten ihn nur. Als er der Finsterniß des Zuchthauses entronnen war, hatte der Bischof seiner Seele weh gethan, wie ein zu helles Licht den Augen wehethut. Das höhere Leben, das er fortan leben sollte, machte ihn zittern und zagen. Er wußte wirklich nicht mehr, woran er war. Wie eine Nachteule, die plötzlich die Sonne aufgehen sieht, so war der ehemalige Sträfling durch die Tugend geblendet.

So viel ist sicher, – obschon er selbst es nicht inne wurde, – daß er schon nicht mehr derselbe Mensch daß alles in ihm verändert war, daß er den empfangenen Eindruck nicht mehr aus seinem Geiste verwischen konnte.

In dieser Gemüthsverfassung war er dem kleinen Gervais begegnet und hatte ihm seine zwei Franken geraubt. Das Warum hätte er sicherlich selber nicht angeben können. War es die letzte Nachwirkung, die letzte Gegenwehr der schlechten Grundsätze, die er aus dem Zuchthaus mitgebracht, was man in der Statik die erworbene Kraft nennt? Dies war es in der That oder etwas noch Schlimmeres. Einfach ausgedrückt, nicht er hatte das Geldstück geraubt, nicht der Mensch, sondern die Bestie in ihm hatte aus Gewohnheit und Instinkt den Fuß darauf gesetzt, während sein klügeres Ich mit den neuen Ideen qualvoll rang. Als sein besseres Ich erwachte und sah, was die Bestie gethan hatte, fuhr Jean Valjean schaudernd zurück und schrie auf vor Entsetzen.

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