Kitabı oku: «Die ihre Seele töten», sayfa 2

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„Vielleicht Ibrahim, vielleicht.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer war da.

„Ibrahim, du besorgst alles wie besprochen. Es wird dein Schaden ja nicht sein, wie du weißt. Eine letzte Bitte, für den Fall, dass wir uns nicht wiedersehen: Sorge für meine Beerdigung und beschreibe meinen Kindern die Stelle meines Grabes. Und nun geh. Gott möge dich segnen. Schalom.“

„Schalom, Don Miguel. Gott möge dich segnen.“

Ibrahim ging mit Tränen in den Augen durch die Zellentür.

Miguel stank inzwischen wie das von einem Jäger im Wald liegen gelassene Gedärm eines Wildschweins. Seine Wunden waren mit eiterndem Schorf bedeckt. Die verkrusteten und verfilzten Haare hingen ihm bis auf die schmaler gewordenen Schultern. Schwarz wie früher waren sie nicht mehr, eher grau mit vielen weißen Strähnen. Die Augen waren fiebrig gerötet und seine Gliedmaßen übel geschwollen.

Habe ich noch eine Chance? Es muss doch eine Möglichkeit geben, marterte Miguel sein Hirn.

Er versuchte eine Weile, die Schmerzen zu verdrängen.

Sollte ich versuchen, den Mönch zu bestechen? Warum sollte er nicht schwach werden, wenn die Summe nur hoch genug ist?

Seine innere Stimme gab ihm jedoch sofort die passende Antwort. Unsinn. Dieser verteufelte Dominikanerpfaffe hat mich schließlich bis nach Celle verfolgt, um mich zu töten. Es gibt … keine Hoffnung mehr.

Miguel legte sich in das verkotete übel riechende Stroh. Das Rascheln der Ratten darin störte ihn schon lange nicht mehr. Die höllischen Schmerzen kamen wieder. Gedanken bahnten sich ihren Weg.

… Inez … Verzeih mir. Ich hätte auf dich hören sollen. Warum nur habe ich nicht auf dich gehört? … Wir hätten aus Cordoba weggehen sollen … früher weggehen sollen … gleich nach den ersten Anzeichen … weg … nur weg. … Die Hazienda, das schöne Stadthaus … Bist du es, Inez? Die Kinder, sagst du? Ja, die Kinder … Sarah und Alfonso … Pferde … Ich bin schuld an deinem Tod … Schuld an allem … Die Kinder … alleine in Braunschweig. Warum nur konnte ich mich nicht entscheiden? … Es war das Geld, nur das Geld. Wir hatten doch genug. … Inez, bist du es? Ja, die Silberflotte … die Kaperfahrer. Ich habe sie mitfinanziert … wollte mehr Geld … Geschäfte, Geschäfte mit der neuen Ostindischen Kompanie. … Du bist im Kerker gestorben, Inez. Durch meine Unentschlossenheit. Immer kam was dazwischen. Vaters Tod. Und dann … die Kinder waren so glücklich auf der Hazienda. Geschäfte. Die Königin … aber der Handel hat nicht geklappt. Jetzt bin auch ich im Kerker … Inez. … Vater? … Vater, was ist das für ein Geheimnis? Wer ist der Hüter des Geheimnisses? … Was bedeutet … Inez, bist du es? … Alfonso? … Sarah? …

Das trockene Knarren der Zellentür tönte in das Verlies. Es hörte sich an wie das Öffnen der Klappe eines Galgengerüstes.

Der Feuerkorb mit der Glut darin war wieder da. Sollte er nur irgendwie der Einschüchterung dienen? Heute Nacht war es ihm klar geworden. Sie werden mich zu Tode foltern. Auf nichts anderes zielte der Vorschlag des Dominikaners. Dadurch entfällt der Scheiterhaufen und öffentlich wird kaum einer Notiz von meinem Tod nehmen.

„Wie wäre es heute mit neuen Stiefeln, Jude? Braunschweiger Stiefel! Ich zeige sie dir.“

Die sehen aus wie Schraubstöcke, wie Schmiede oder Schlosser sie benutzen. Damit sie besser wirken, haben sie wohl diese großen gezackten Backenränder. Erst spanische Daumenschrauben und jetzt das. Die Ironie des Schicksals lässt mich wahrlich nicht im Stich. Na gut, ich war zeitlebens Optimist und ein lebensfroher Mensch. Damals in Cordoba. Wir hatten das Stadthaus und eine Hazienda etwas außerhalb am Fluss ... gelegen.

Während Meister Hans die „Stiefel“ weiter anzog, dachte er sich, schon halb ohnmächtig, in die Vergangenheit.

Es ist wunderschön mit Donna Inez auf der weitläufigen Veranda im Schatten. So friedlich. Sarah und Alfonso sind trotz der Hitze bei den Pferden. Sie sind doch immer bei den Pferden, lacht seine schöne Frau. Sie kommen auch ihren Pflichten nach, überlegte Miguel. Ihre Lehrer unterrichten sie in vielfältigen Fächern, wie … Alfonso mag am liebsten Fechtunterricht. Er ist sehr begabt. Ein Meister, trotz seiner Jugend.

Wieder etwas wacher werdend träumte Miguel weiter.

Ich werde bald bei dir sein, Inez. Vielleicht ist das hier Gottes Strafe dafür, dass ich in Spanien bleiben wollte. Das war dein Tod. In den Händen der Inquisition. Und mir wird es genauso ergehen. Vielleicht werden unsere Kinder uns eines Tages rächen.

„Passen die Stiefel gut oder soll ich sie noch etwas enger machen?“, feixte der Henkersknecht Meister Hans.

Ich habe höllische Schmerzen und spüre doch nichts. Wie geht das?

„Ich verfluche dich, Henkersknecht. Eines Tages wird man dich rösten, bei lebendigem Leibe. Der Auftrag ist bereits erteilt, Meister Hans. Schau dich nur um, jeden Tag, jede Stunde. Es wird dich ereilen und du wirst erst auf Erden brennen, bevor du in der Hölle auf Ewigkeit schmorst. Der Hexenmeister und Zauberer, Don Miguel Francisco y Dominguez verflucht dich und den Mönch ebenso. Mönch, bist du da? Man wird dich an einen Pfahl binden, bis du vertrocknet bist. So lange kannst du über deine Missetaten nachdenken, du Hundsfott von einem Pfaffen.“

Meister Hans war unter seiner Maske augenblicklich blass geworden. Wo der Glaube aufhört, fängt eben der Aberglaube an. Don Miguel konnte nicht mehr sehen, wie Hans mit dem glühenden Eisenstab auf ihn losging. Er bohrte ihm das Eisen direkt in die Brust.

Draußen mahlten eisenbeschlagene Räder eines Fuhrwerks und schwach nahm er das dazu klingende Stampfen von Pferdehufen wahr. Don Miguel dachte seine letzten Gedanken.

Wohin dieses Bauerngefährt wohl ziehen mag? Ich kenne den Willen seines Kutschers nicht. So bleibt mir als Gewissheit nur das Ungewisse, das Namenlose der Fernen, denen es entgegenzieht. Der weise Lenker wird sein Ziel kennen. Vielleicht … Vielleicht nimmt er ja meine Seele mit auf die Reise. Inez, Kinder, ich suche den Wagen, aber so sehr ich meine Augen auch anstrenge, ich sehe ihn nicht mehr.

Ibrahim war, gleich nachdem er die Nachricht erhalten hatte, aufgebrochen, noch in der Stunde des Todes von Don Miguel. Er benutzte seinen Bauernwagen, der eisenbeschlagene Räder hatte. Noch eine knappe Meile, dann würde er das Wendentor von Braunschweig erreichen. Er hätte Don Miguel gern geholfen. Er war sogenannter Schutzjude und als solcher einigermaßen sicher. Dennoch hatte er es für besser gehalten, sich sofort aufzumachen, seinen Auftrag zu erfüllen. Die Beerdigung würde sein Sohn besorgen. Am Tor angekommen, fragte Ibrahim den Wachhabenden nach dem Judenviertel und rechnete im Stillen damit, ein wenig angepöbelt zu werden.

„Nein, schüttelte der bedächtig den Kopf. Vor langer Zeit einmal, da gab es in der Jöddenstraße einige Judenquartiere. Wohl auch eine Synagoge, aber das ist lange her. Der Herzog, Heinrich Julius noch, hat alle vertrieben. Auch die in Melverode, sogar die Schutzjuden.“

Der Wachtmeister weiß Bescheid und ist erstaunlich höflich, dachte Ibrahim und traute sich deswegen etwas weiter vor. „Ist es ruhig in der Stadt?“

Der Wachhabende war pfiffig und roch den Braten.

„Also, Herr Jude.“

„Ibrahim. Nennen Sie mich ruhig Ibrahim.“

„Also, Herr Ibrahim. Braunschweig ist eine Stadt und Stadtluft macht frei. Schon mal gehört? Wir sind da nicht so pingelig. Eigentlich evangelisch-lutherisch. Aber wenn der Herzog es will und die Umstände es erfordern sollten, auch schon mal gut katholisch, wie man hier sagt. Gegen Juden hat auch niemand etwas, jedenfalls überwiegend.“

„Ich danke Ihnen für die Offenheit“, sagte Ibrahim schon deutlich entspannter.

Er fuhr also durch das Tor und schon bald begannen das Kopfsteinpflaster und der Gestank.

Warum nur müssen die Leute ihre Nachttöpfe auf die Straße ausleeren? Genau wie in Celle. Ich werde den Erstbesten nach dem Kaufmann fragen, um Alfonso zu treffen und meine Pflicht zu erfüllen.

Bei dem Gedanken überzog plötzlich ein leichtes, zufriedenes Lächeln sein Gesicht. „In das ehemalige Judenviertel fahre ich später“, schimpfte er aber sofort wieder weiter vor sich hin.

Ibrahim wurde vom Inhaber der Druckerei, Herrn Duncker, in das etwas schummrige Kontor geführt. Alfonso arbeitete an einem Stehpult, vertieft in unendlich lange Zahlenkolonnen. Er sieht aus wie sein Vater, dachte Ibrahim sofort. Groß. Hagere, zähe Gestalt und vor allem tiefschwarze Haare und Augen.

Dann berichtete er das Geschehen, soweit er es für richtig hielt und erledigte so seine traurige Pflicht. Alfonso war Don genug, wie sein Vater, und trug, zumindest nach außen, alles mit Fassung. Auch das Thema 500 Taler wurde nicht zur Peinlichkeit, sondern wurde am nächsten Tag erledigt. Die Aufgabe Alfonsos war es, seiner Schwester Sarah die schreckliche Nachricht zu überbringen. Ein kleiner Trost für beide war, dass sie wussten, wo ihr Vater begraben lag. Da der Gefängnisfriedhof, wie so oft in Celle, unter Wasser gestanden hatte, konnte Ibrahims Sohn Don Miguel sogar auf dem Kirchenfriedhof beerdigen, wenn auch am äußersten Rand. Später wollte er einen Findling dort aufstellen lassen. So würden Alfonso und Sarah eines Tages sein Grab finden.

Teil I

Wer sein eigen Haus betrübt,

der wird Wind zum Erbteil haben;

und ein Narr muß ein Knecht des Weisen sein.

(Sprüche Salomos, 11. Kap. Vers 29)

1

Dieser extrem dürre Mensch in seinem langen schwarzen Kapuzenmantel mit seiner fahlen Gesichtshaut, seinen ergrauten schütteren Haaren und grauen Augen sah aus wie ein abgestorbener Baum mit nur noch wenigen trockenen Ästen. Er wartete auf seine Chance. Eine Chance, auf die er so viele Jahre gewartet hatte. Er wollte den Auftrag zu Ende führen, den er im Kloster Santo Thomás in Avila von seinem Prior erhalten hatte, persönlich gesprochen im Namen des Großinquisitors von Spanien, Robert Bellarmin.

Der Racheengel, als den sich der Dominikanermönch gern selbst sah, bezog seinen Posten unter der ausladenden Linde an der Südseite des Braunschweiger Doms. Längst war es finstere Nacht geworden an diesem ungemütlich nasskalten Apriltag.

Die Braunschweiger hatten im Zuge der Reformation die Dominikaner schon vor Jahrzehnten vertrieben und ihr Kloster damit aufgelöst. Vielleicht trug der Mönch für sein Vorhaben deshalb trotzig das Ordensgewand der Dominikaner, allerdings ohne den sonst obligatorischen weißen Überwurf. Er wollte von seinem Opfer nicht vorzeitig entdeckt werden. Die Armbrust verbarg er mit der linken Hand unter dem Mantel. Das war zu dieser Stunde eigentlich unnötig, denn keine Menschenseele trieb sich mehr in den Gassen herum.

Es war dem Mönch seinerzeit zwar gelungen, Don Miguel zu Tode foltern zu lassen, seine Kinder Sarah und Alfonso aber hatte er aus den Augen verloren. Auch die von der Inquisition geforderten Dokumente hatte er nicht beschaffen können. Eine Niederlage, die er nicht verwinden konnte.

So war er also nach Hamburg gegangen. Er hatte gewusst, dass Don Miguel vorgehabt hatte, seinen Bruder Juan Salomon dort aufzusuchen. Vielleicht würden die Kinder auch eines Tages dort auftauchen, nahm er an. Jahrelang war nichts geschehen. Er hatte es geschafft, sich an Juan Salomon heranzutasten und tatsächlich eine Anstellung als Schreiber in seinem Handelskontor zu bekommen. Mit der Zeit hatte er sich mit seinem Schicksal arrangiert. Er hatte sogar geheiratet und war Vater eines Sohnes geworden. Niemand hatte auch nur geahnt, dass er Dominikanermönch war. Die Mutter seines Kindes war bei dessen Geburt gestorben. Uriel war daher zunächst in einem Heim untergebracht worden. Später hatte der Mönch eine Haushälterin eingestellt, die auch seinen Sohn betreute: ein in sich gekehrter Knabe, der nach und nach, genauso verblendet wie sein Vater, zu seinem willigen Instrument wurde. So hatte er seinen Sohn von Zeit zu Zeit nach Amsterdam zu Don Manuel Isaak, dem zweiten Bruder Don Miguels geschickt, um herauszufinden, ob Sarah und Alfonso dort aufgetaucht waren. Das aber war nie der Fall gewesen.

Dennoch hatte er jedes Jahr einen Brief an den Großinquisitor von Spanien, Bellarmin, auf den Weg gebracht, in dem er versicherte, nicht ruhen zu wollen, bevor sein Auftrag ausgeführt sei. Regelmäßig hatte er auch eine zustimmende Antwort und einen kleinen Geldbetrag für seine Auslagen bekommen.

Der Mönch konnte nicht wissen, dass schon lange nur der Sekretär sein Briefpartner war und nicht etwa Bellarmin persönlich, auch wenn der Großinquisitor scheinbar unterschrieben hatte. Immerhin: Zu den Akten wollte man die Sache offenbar noch nicht legen. Selbst die Inquisition hatte Ausdauer.

Der Mönch fand die Gewohnheiten Alfonsos schnell heraus. Zwar war er selbst beim Grafen in Lucklum zu Gast. Der Pfarrer der Dörfer, die zum Gut gehörten, hatte das eingefädelt. Aber hin und wieder kam er, natürlich in „Zivil“, in die Stadt. Er fand heraus, dass Alfonso wochentags nach seiner Tätigkeit als Prokurist bei der Druckerei Duncker eine Witwe aufsuchte – wohl seine Geliebte. Auf dem Rückweg kam er dann immer um Punkt zehn Uhr am Dom und an der Linde vorbei. Genau hier sollte er nun ins Jenseits befördert werden.

„Ich werde ihn mit einem Schuss töten und später werden auch die anderen Gottlosen büßen“, zischte der Mönch lauter als beabsichtigt in die Dunkelheit. Die Familienverhältnisse von Alfonso und Sarah hatte er schnell herausfinden können. Mutter, du wärst stolz auf deinen Engel gewesen, sagte er sich in Gedanken.

Seine Mutter hatte ihn kurioserweise Engel genannt, obwohl er ohnehin den Namen des Erzengels Gabriel führte. Sein brutaler Vater hatte von ihm indes immer nur als „Das Kind“ gesprochen.

Der Plan war klar: Der Graf hatte sich, nach allem, was geschehen war, bereitwillig in die Machenschaften des Dominikanermönchs einbinden lassen. Er hatte sich großzügig gezeigt, indem er die Wachen am Magnitor mit einem Betrag bestechen ließ, den sie nicht ablehnen konnten. Sie sollten einen Mönch in schwarzer Kutte um ungefähr eine Viertelstunde nach zehn Uhr ungehindert passieren lassen. Nur wenige hundert Meter weiter hatte der Graf einen Knecht mit den Pferden postiert.

Die Uhr des Doms zählte ihre zehn Schläge in die Nacht. Der Mönch wurde langsam unruhig. Wo ist er? Verdammt! Wieso kommt er heute zu spät? Der Nachtwächter kommt nur zehn Minuten nach diesem Bastard auf seiner Runde hier vorbei, schwirrte es ihm im Kopf herum.

Alfonso war allerdings nur wenig verspätet. Den Kragen seines Umhangs wegen des nasskalten Wetters hochgeschlagen, ging er wie immer auf direktem Wege in Richtung Linde – und damit seinem Schicksal entgegen.

Der Dominikanermönch spannte die Armbrust und legte einen Bolzen ein. Alfonso würde so dicht an seinem Mörder herankommen, dass ein Fehlschuss unmöglich war.

Der Nachtwächter indes war in der Ferne schon zu hören. Ausgerüstet war er mit einer Kurzwaffe, einer Laterne, einem Signalhorn und einer hölzernen Knarre. In einem Notfall würde er die Bürger alarmieren.

2

Knapp drei Monate zuvor war die Welt für Michael und seine Familie noch in bester Ordnung. Es lebte sich gut im Meinhardshof und auch in der freien Reichsstadt Braunschweig allgemein. Es herrschte eine friedliche und fast sorglose Stimmung. Der Krieg hatte die Stadt bisher verschont, Friede allenthalben.

Sein Vater Heinrich Schlachmann war ein angesehener Büchsenschmied, zuweilen etwas mürrisch und wortkarg. Aber das war nur die Oberfläche. Michael verstand sich mit allen gut: insbesondere mit seinem älteren Bruder Hinrich, Nesthäkchen Anna und schließlich seiner Mutter Sarah, die er innig liebte.

Seine Freundin Lena liebte er auch, natürlich anders, aber bis er dieses Gefühl wirklich erleben sollte, würde er noch viele Umwege auf seinem Lebensweg einschlagen müssen.

Michaels Onkel Alfonso gab ihm gelegentlich und bereitwillig Waffenunterricht. Seine Mutter sah das zwar nicht gern, letztlich nahm sie es aber immer mit einem tiefen Seufzer hin.

Michael und Alfonso nahmen das Kloster Riddagshausen, das in der Ferne eine schöne Silhouette abgab, kaum zur Kenntnis. Sie kutschierten ihr Fuhrwerk direkt auf den Wald, die Buchhorst, zu. Dort schleppte jeder seinen „Kartoffelsack“ bis zu einer großräumigen Lichtung. Don Alfonso transportierte so eine Muskete und eine Jagdbüchse. In Michaels Sack waren zwei Pistolen, zwei Degen und ein Kurzschwert. Mit der Ladung durch das Tor zu kommen, war nicht sonderlich schwer. Es war Sonntag und sie würden den Wachen auf dem Rückweg einen Siphon mit drei Litern Bier aus dem Gliesmaroder Turm und einen schönen Gruß vom Büchsenschmied Heinrich Schlachmann dalassen. Die Wachsoldaten wussten das. Wer wollte da noch kontrollieren, zumal es ja öfter vorkam, dass Michael und Alfonso sonntags mit dem Wagen unterwegs waren. Lieber nicht zu neugierig sein, dachten sie sich wohl.

Ganz ungefährlich waren diese Unternehmungen dennoch nicht. Es war den Schützen, die in Gilden organisiert waren, und allen anderen Bürgern natürlich auch bei Strafe verboten, an einem Sonntag Schießübungen durchzuführen, es sei denn, es fand ein offizielles Schützenfest statt. Wann aber sollten die beiden sonst üben? Im Sommer ging es manchmal auch alltags, da war es länger hell. Im Winter war nach der Arbeit daran jedoch nicht mehr zu denken. Ohnehin wurden die Stadttore bei einbrechender Dunkelheit geschlossen. Don Alfonso – Michael sagte schon seit den Kindertagen Don Alfonso zu seinem Onkel und so war es geblieben – war immerhin Prokurist und konnte die Druckerei nicht einfach früher verlassen.

Michael war gut im Gebrauch der Waffen. Sein Onkel konnte ihm schon lange nichts mehr beibringen. Irgendwie war er ein Naturtalent. Die wöchentlichen Übungen genossen sie, auch wenn Sarah wegen des Feiertages jedes Mal den Kopf schüttelte. In Michaels jüngeren Jahren unterrichtete Alfonso ihn auch in Geschichte und vielen anderen Fächern, obwohl Michael ohnehin die Lateinschule besuchte. Aber er war äußerst wissbegierig. Über die Jahre konnten sie sich auch in kaufmännischen Dingen austauschen, soweit es nicht die Geschäftsgeheimnisse ihrer Dienstherren betraf. Michael war beim Fernhändler Schrader und Alfonso in der Druckerei von Andreas Duncker beschäftigt. Das konnten sie jedoch gut trennen. Schade aus Michaels Sicht war lediglich, dass er so wenig zum Reiten kam. Auf dem Land waren sie nur ein- bis zweimal im Monat.

Michael legte die Waffen auf der Lichtung zurecht, ordnete sie in Reih und Glied an. Er kannte sich gut aus. Seine Lieblingswaffen waren die Jagdbüchse und die Radschlossreiterpistole. Es folgten das Kurzschwert und der Dolch. Don Alfonso wurde in seiner Jugend an all diesen Waffen ausgebildet. Das und vieles mehr gehörte zur Erziehung eines künftigen spanischen Grande dazu.

„Du wirkst heute etwas nervös, Michael“, bemerkte Alfonso.

Wieso kann ich das nicht vor ihm verbergen?, dachte Michael. Vor Mutter kann ich auch nichts verbergen, glaube ich.

„Ich möchte mit dir etwas besprechen, dich um deinen Rat fragen. Lass uns aber erst unsere Übungen durchführen.“

Michael nahm die Muskete, schüttete Zündkraut in den Lauf, schob, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte, eine mit etwas Stoff umwickelte Bleikugel hinterher und stopfte dann Kugel und Pulver mit dem Ladestock fest. Ein Gabelstock war für seine Muskete nicht mehr erforderlich. Sie wog nur noch knapp fünf Kilo. Die älteren Ausführungen hingegen wogen bis zu fünfzehn Kilo. Michael gab noch etwas Schwarzpulver auf die Zündplatte, spannte die Lunte in die Zündvorrichtung, legte an und feuerte. Alfonso und Michael hatten irgendwann einmal eine mannshohe Figur aus Brettern in etwa fünfundsiebzig Metern Entfernung als ständige Zielscheibe aufgestellt. Da so eine Muskete nicht besonders treffsicher war, würde sie noch lange halten. Zum Schluss übten sie sich noch im Kampf mit Kurzschwert und Dolch.

„Deutlich in die Knie gehen, Michael, und das Kurzschwert mit dem rechten Arm nach oben strecken. Der Gegner wird auf das Schwert schauen und du kannst mit dem Dolch in der linken Hand von unten in den Oberschenkel stoßen.“ Michael führte die Übung „trocken“ aus.

„Du bist ein Krieger, Michael, ein Krieger. Dieser Ernst in seinem Tonfall, dachte Michael. Er meint das wirklich so. Wieso ein Krieger? Es macht einfach nur Spaß, eine Waffe zu beherrschen.

„Also, was willst du mit mir besprechen?“

Michael brachte es einfach nicht heraus. Er hatte bisher mit niemandem über seine Pläne gesprochen.

„Du willst weg von hier. Fort, raus in die Fremde. Du willst dir den Wind um die Nase wehen lassen. Träumst von Abenteuern und hübschen Mädchen. Wann soll es denn losgehen?“

Michael starrte seinen Onkel aus wasserblauen Augen ungläubig an. „Woher weißt du, ich …“ stammelte er.

„Nun, viele junge Männer wollen in die Fremde“, lachte Alfonso. „Erzähl mir schon, was du vorhast!“

Michael, jetzt etwas ruhiger, setzte sich auf einen Baumstumpf und stützte seine Arme auf den Knien ab.

„Ich will Kaufmann werden.“

„Aber das bist du doch schon. Später wirst du bestimmt Prokurist wie ich“, kam es jetzt doch etwas erstaunt von Alfonso.

„Nein, nein. Der Handel hier ist interessant, aber irgendwie … wie soll ich sagen? … Zu klein, zu eng. Fernhandel will ich treiben, selbstständig, weißt du? Dazu muss ich aber noch viel lernen.“

Er sagt „will“ und „muss“. Das ist so gar nicht seine Art, dachte Alfonso. „Ja, viel Geld brauchst du für dein Vorhaben auch. Wie willst du dich sonst selbstständig machen?“

Ach, das ist noch weit hin. Ich habe da so meine Pläne. Vielleicht kann mir Vater mein Erbteil vorzeitig auszahlen? Vielleicht leiht mir auch Don Alfonso etwas oder beteiligt sich sogar am Geschäft? Vielleicht beteiligt sich auch Hinrich? Das wird sich alles finden, ging es Michael durch den Kopf.

„Ich schaffe das, Don Alfonso.“ Michaels Augenfarbe wechselten ins Stahlblaue. Es wirkte kalt.

Es war bestimmend und wie abschließend, keinen Widerspruch duldend. Er hat sich verändert, sinnierte Alfonso etwas verblüfft. Vielleicht hat er auch einfach nur einen Entschluss gefasst und will ihn jetzt umsetzen. Er ist eben ein Mann geworden, aber seine Augen … „Du musst mit deinen Eltern reden, Michael. Mach dir keine Sorgen: Sie werden es verstehen. Wo willst du überhaupt hin?“

„Nach Nürnberg. Ich hoffe, bei den Fuggern unterzukommen. Die Fugger handeln mit unglaublich vielerlei Waren und überall hin, sei es innerhalb oder außerhalb der Hanse. Man sagt, sie handeln auch mit Geld.“

Seine Augen sind wieder wasserblau, stellte Alfonso für sich selbst fest. „Von deinem Vorhaben bist du jedenfalls begeistert“, kam es lächelnd über seine Lippen. „Und die Fugger handeln auch mit Informationen. Darüber sollten wir später noch einmal sprechen.“

„Warum bist du eigentlich zuerst zu mir gekommen?“

Michael schaute Don Alfonso leicht abwesend an. Wie wird es Mutter aufnehmen?

Er wusste, dass er ihr Liebling war, obgleich sie sich immer alle Mühe gab, alle Kinder gleich zu behandeln. Er wusste auch, dass er sie über alles liebte wie sonst nichts und niemanden auf der Welt.

Hinrich und Anna bleiben ja zu Hause, versuchte er seine Gedanken wieder in den Griff zu bekommen.

„Es wird ihr wehtun, deinem Vater übrigens auch. Sie wissen aber, dass es der Lauf der Dinge ist. Sie werden dich ziehen lassen. Manche Menschen wollen nun mal hinaus in die Welt. Sie wollen wissen, was hinter den nächsten Bergen ist. Und wenn sie es gesehen haben, wollen sie wissen, was hinter den nächsten Bergen, den nächsten Wäldern, den nächsten Meeren ist. Du gehörst zu diesen Menschen, glaube ich. Erst war es deine Wissbegierde über die Lateinschule hinaus. Da konnte ich dir ein wenig helfen. Zusätzlich hast du dir von Camann Bücher geliehen.“

Ich muss mich auch von ihm verabschieden, schoss es Michael durch den Kopf.

„Dann wolltest du im Umgang mit Waffen unterrichtet werden. Und jetzt ist dir hier alles zu klein und piefig geworden. Auf zu neuen Ufern! Das bist du. Du willst dir deine Träume erfüllen.“

Ja, Träume, die nur ich kenne, dachte Michael.

„Vorher wollen wir aber mal zusammenpacken und nach Hause fahren.“

Wenig später fuhren sie, schweigsam geworden, der Stadt entgegen. Die Silhouette des Zisterzienserklosters glänzte in der Abendsonne. Sie beachteten es nicht.

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