Kitabı oku: «Die ihre Seele töten», sayfa 4

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Sarah schlug inzwischen das Buch zu. Sie kannte den Inhalt schon auswendig. Da waren die Informationen über die Führung eines Handelshauses, seine Struktur, Angaben über die Bearbeitung der Einnahmen und Ausgaben und vieles mehr. Dann kamen einige wichtige Texte zur Geschichte der Familie Don Miguel Francisco y Dominguez: etwa wie der Großvater für seine Verdienste um die spanische Krone die Hazienda und das Stadthaus bekommen hatte und in den Adelsstand erhoben wurde. Geschrieben stand auch, dass die Hazienda vererblich auf Ewigkeit der Familie Dominguez gehöre. An dieser Stelle hatte Sarah geflucht und keine Lust mehr, in dem Handelsbuch weiterzulesen.

„Paah, die Ewigkeit hat nicht lange gedauert“, stieß sie hervor. Sie beruhigte sich augenblicklich wieder und gestand sich ein, dass sie bisher keinen Grund zur Klage hatte.

Wie anders ist doch alles, wenn man jemanden liebt! Und es ist schön, geliebt zu werden, schmunzelte sie vor sich hin. Klar, ich denke schon manchmal an die unbeschwerte Kindheit, an die Sonne in Spanien und vor allem an die Pferde. Aber habe ich nicht eine prächtige Familie? Hinrich ist ein bisschen wild. Immer unterwegs und zu allerlei Unfug aufgelegt. Das legt sich bestimmt noch. Er wird mal ein guter Büchsenschmied und wird das Geschäft eines Tages übernehmen. Ein Tüftler wie Heinrich ist er allerdings nicht. Wieso der wohl schon seit Jahren an der Weiterentwicklung eines Verschlusses oder so ähnlich herumbastelt?, unterbrach sie sich selbst. Gut, wenn es ihm Spaß macht! Besonders die Jagdbüchsen haben es ihm angetan. Michael scheint sich bei Kaufmann Hermann Schrader auch wohlzufühlen. Er ist eher ein Denker. Na, und Anna schmeißt die Wirtschaft hier zu Hause mit mir, dass es eine wahre Freude ist. In letzter Zeit ist sie allerdings etwas durch den Wind.

In Sarahs Gesicht zauberte sich unversehens ein glückliches Lächeln.

Eine Schönheit mit ihrer schlanken Gestalt, den schwarzen Haaren, dazu die dunkelbraunen Augen, der bronzene Teint. Im Aussehen kommt sie wohl nach mir. Sarah errötete leicht. Im Wesen aber ist sie eher ruhig und kommt nach Heinrich. Eben eine natürlich wirkende junge Frau. Sie ist verliebt und denkt, ich merke das nicht. Heini hat jedenfalls noch nichts gemerkt. Männer!

Sarahs Gedanken schwenkten plötzlich wieder zurück zum Buch.

Das Geheimnis haben wir alle nicht herausbekommen. Als ob irgendetwas fehlt, kam es ihr in den Sinn. Sogar die schweren Holzdeckel haben wir an den Seiten aufgesägt, aber es war kein Hohlraum da. Es klang auch nicht hohl, wenn man in der Mitte auf den Deckel klopfte. Es muss wohl doch im Text verborgen liegen. Sei es drum! Wieso denke ich gerade heute so intensiv über alles nach?, sinnierte Sarah weiter. Es geht uns allen gut. Wir sind eine angesehene Familie. Heinrich gehört als Gildemeister zu den führenden Bürgern der Stadt, obwohl ihm das ziemlich egal ist. Auch dafür liebe ich ihn. Viele Frauen holen sich bei mir Rat, weil ich gelernt habe, mit Kräutern umzugehen. Manchmal kann ich bei Krankheiten helfen, dann ist die Freude groß. Sogar ein Pferd habe ich bei Freunden auf dem Land stehen. Na, und unser Haus hier am Meinhardshof kann sich sehen lassen. Die große Durchfahrt auf den Hof, die Fenster zur Gasse, nicht etwa mit Leinen oder Fischblasen ausgestaltet, sondern bleiverglast. Und …

Sarah unterbrach ihre Gedanken.

Die Zeitung AVISO, die wir seit Neuestem bekommen, hat von Krieg geschrieben. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich in der Vergangenheit grabe. Der ist aber hoffentlich weit weg.

Michael rauschte plötzlich in die geräumige Küche. „Du bist der reinste Wirbelwind“, mein Sohn. „Komm, hock dich hin. Es ist noch Suppe im Kessel.“

„Ich sehe und rieche es. Dieser Duft! Du benutzt unseren alten Kamin mit dem eisernen Suppenkessel.“

„Darin wird sie am besten.“

„Warum bist du überhaupt noch auf, Mutter?“

„Ach, mir war eben danach. Mir geht so manches durch den Kopf. Wo ist eigentlich Hinrich?“

„In der Stadt natürlich. Der vergnügt sich ein bisschen.“

„Vergnügt sich. Ich kann mir schon denken, wo der sich herumtreibt.“

„Er ist alt genug, Mutter.“

Beide schwiegen eine Weile, während Michael die Suppe löffelte und daran dachte, dass seine Mutter recht hatte. Hinrich ist tatsächlich im Bruch. Er wird es wohl mit einer Hübschlerin treiben.

Früher war die von Okerarmen umschlossene Gegend eine ziemlich sumpfige Angelegenheit. Inzwischen wurde das Gelände trocken gelegt, aber die berüchtigten Winkelkneipen gab es immer noch.

Er selbst war auch mal dort, aber irgendwie hatte er keinen wirklichen Spaß an dem Trubel dort finden können. Die Mädchen waren auch nicht nach seinem Geschmack, obwohl er gut ankam. Hinrich behauptete zwar immer, er sei dürr wie eine Bohnenstange, aber er selbst fand sich schlank für seine eins fünfundsechzig bestenfalls drahtig. Jedenfalls fanden die Mädchen seine langen blonden Haare und besonders seine wasserblauen Augen umwerfend.

Im Gegensatz zu Hinrich habe ich noch nie mit einer Frau … Hinrich ist da anders … „Ich gehe zu Bett, Mutter. Morgen wollen Onkel Alfonso und ich mit den Waffen trainieren.“

„Am Sonntag?“

„Wir gehen wie immer vor die Stadt, in die Buchhorst. Du solltest dich auch hinlegen. Vater kommt bestimmt auch bald. Ich bin nur vorweggelaufen.“

„Warum so besorgt, Sohn?“

„Weil ich dich gern hab.“

Michael drückte seiner Mutter Sarah einen Kuss auf die Wange und sprang die Stiege hoch zu seiner Kammer.

Ich muss mit den Eltern reden, dachte Michael und schlief bald den unbekümmerten Schlaf der Jugend.

*

Der Graf war heute sicher zur Jagd. Heute früh konnte man Schüsse aus Richtung des Elmwaldes hören. Ob das ein Vergnügen ist bei dem Wetter?, dachte Heinrich und stapfte durch den immer noch andauernden Regen in Richtung Burgplatz.

Er wollte auf direktem Weg nach Hause. Nur dem Löwen würde er noch seine Referenz erweisen. Der stand auf seinem steinernen Sockel, wie ihn Heinrich der Löwe im Jahre 1166 hatte hinstellen lassen, Sinnbild seiner Tapferkeit und seinen Feinden zur Warnung.

Heinrich betrat sein Grundstück am Meinhardshof durch die mächtige, mit eisernen Nägeln beschlagene zweiflüglige eichene Tür zur Diele.

„Du bist ja immer noch auf, Sarah!“

„Mir geht vieles durch den Kopf, wie seit Langem nicht mehr. Hoffentlich ist das kein schlechtes Zeichen.“

„Übrigens, warum benutzt du eigentlich den Kamin? Wir haben doch schon lange gefangenes Feuer. Durch den Anbau hast du einen Herd mit Blick auf den Hof, mein Schatz“, versuchte er ein bisschen abzulenken. „Geh am besten zu Bett. Ich komme auch gleich.“

„Gibt es Krieg, Heinrich?“

Sarah schaute ihn mit ihren tief dunkelbraunen Augen an. Es waren wissende Augen. In Zeiten der Gefahr wurden sie stechend. Heinrich wusste das. Er musste dann unwillkürlich wie gebannt hineinschauen. In diesen Augenblicken hatte Sarah etwas Mystisches.

„Wir werden Braunschweig da möglicherweise heraushalten können, Sarah.“

Heinrich war klar, dass er ihr jetzt keine Ammenmärchen erzählen konnte und sollte. Seine Frau hatte nicht nur eine Höhere-Töchter-Ausbildung und -Erziehung im spanischen Elternhaus genossen, sondern sie war inzwischen auch eine gebildete Frau, die vielerlei wusste.

„Wir reden morgen darüber, einverstanden?“

Sarah ging nach einem kurzen Nicken die Stiege hoch in ihr gemeinsames Schlafzimmer. Heinrich sah ihr mit zärtlichen Gefühlen hinterher. Sie war eine Schönheit mit ihrer bronzefarbenen Haut und den pechschwarzen Haaren.

Heinrich hatte damals bei ihrem Bruder Alfonso symbolisch um ihre Hand angehalten. Bei ihrem Vater konnte er es ja nicht mehr tun. Sarah war damals traurig und glücklich zugleich.

Der Brief Don Miguels und das Handelsbuch lagen noch auf dem Tisch. Heinrich las nach langer Zeit wieder die letzten Zeilen von Don Miguel y Dominguez an seine Kinder Sarah und Alfonso.

Nachdem Heinrich fertig war, verstaute er das Handelsbuch und den letzten Brief Don Miguels wieder in der Truhe auf der Diele. Dort gehörten sie hin. Wenn Don Miguel wüsste, dass er drei Enkel hat …, dachte er noch, während er die Stiege zur Schlafkammer hinauf ging.

5

Die Glocken von St. Andreas waren an diesem Sonntagmorgen klar zu hören. Zum Gottesdienst würden sie heute nicht gehen. Oft gingen sie ohnehin nicht, aber das nahm ihnen keiner wirklich übel. Heinrich streichelte Sarah sanft über ihre schwarzen Haare. Das war ihr stummes Ritual. Wenn Sarah sich daraufhin zu Heinrich umdrehte, würden sie sich gegenseitig streicheln, bis sie es nicht mehr aushalten konnten. Ihr gegenseitiges Verlangen war über all die Jahre geblieben. Sie spürten es vielleicht nicht mehr so häufig, aber wenn, dann war es immer schön. Sarah drehte sich nicht um.

Heinrich stand ohne Groll auf. Soll sie ruhig noch ein bisschen dösen. Ist ja Sonntag.

Michael und sein Vater saßen schon an dem großen eichenen Küchentisch, als Hinrich und Onkel Johann fast zeitgleich die Stiege herunterkamen. Nesthäkchen Anna und die Magd Erna machten sich am Herd zu schaffen. Der lange Tisch wirkte sonntags ziemlich leer. In der Woche dagegen aßen alle zusammen, die ganze Hausgemeinschaft. So war es Brauch. Vor allem Sarah war das wichtig. Anna machte sich daran, noch vor dem sonntäglichen Familienfrühstück Karl, dem Altgesellen, und Otto, dem zweiten Gesellen, ihr Essen zu bringen. Magd Erna machte sich ebenfalls auf den Weg und nahm für sich, ihren Mann Alwin und den Lehrling Fritz das Frühstück mit.

„Wie gut es uns doch geht!“, kam Sarah lächelnd die Stiege herunter.

So richtig wusste vermutlich keiner, wie sie das meinte, aber jeder nickte und murmelte irgendetwas. Nur Heinrich wurde nachdenklich.

Später saßen beide im Hof auf der Holzbank unter der mächtig ausladenden Eiche. Die war zwar andauernd im Weg, aber keiner brachte es übers Herz, sie zu fällen.

„Wie lange steht der Baum schon, Heini?“

Wenn Sarah ihren Mann gerade besonders lieb hatte, nannte sie ihn Heini.

„Mein Großvater hat ihn vor langer Zeit, vielleicht vor fünfzig oder sechzig Jahren, gepflanzt. Ich bin als Kind schon darauf herumgeklettert.“

„Was der Baum schon alles erlebt hat, allein seitdem wir uns kennen … die Nachricht von Vaters Tod …“ Sarah schwieg eine Weile. „Weißt du noch, dass wir uns unter der Eiche zum ersten Mal geküsst haben?“

„Wie könnte ich das vergessen? Die Kinder haben in ihrem Schatten gespielt“, fuhr jetzt Heinrich fort. „Auch die Zeitläufe sind über sie hinweggegangen. Katholische, Evangelische und vorerst wieder Katholische. Was quält dich nur so, mein Schatz? Der Krieg wird, glaube ich jedenfalls, an Braunschweig vorüberziehen. Camann sagt …“

„Vielleicht ist es ja nicht der Krieg. Ich habe das Gefühl, alles verändert sich und nicht unbedingt zum Guten. Ich habe so gewisse Ahnungen, Mutter hatte auch oft Ahnungen. Erklären kann ich das nicht. Alles verändert sich. Es gibt auch Zeichen dafür.“

„Was für Zeichen?“

„Zum Beispiel, dass unsere Tochter Anna verliebt ist.“

„Verliebt?“ Heinrich war ehrlich erschrocken. „In wen?“

„Das ist eine positive Veränderung. Leider gibt es mehr weniger gute.“

„In wen ist sie verliebt, um Himmels willen?“

„In Karl, du Träumerli. Hast du das immer noch nicht gemerkt? Aber lass uns später darüber reden.“

„Aha, deswegen schaut Otto so grimmig durch die Gegend“, bemerkte Heinrich. „Der hatte sich wohl auch Hoffnungen gemacht!“

„Später, Heinrich, später.“

„Na, und unser Hinrich ‚tobt sich aus‘, wie Michael sagt. Gut, er ist jung. Ich finde aber, dass er sich ein bisschen zu viel austobt.“

„Dann werde ich dem einen Riegel vorschieben“, polterte Heinrich, nicht gerade glaubwürdig.

„Ach, Heini, da steckt mehr dahinter. Er wird die Büchsenschmiede übernehmen müssen. Ein guter Büchsenmacher ist er schon jetzt, stimmt`s?“

„Ja, schon. Die Tüftelei an neuen Dingen ist zwar nicht seine Sache – aber sonst …“

„Weißt du auch, ob er das wirklich will? Vielleicht will er ja was ganz anderes. Trotzdem: Er ist unser Sohn und wird seine Pflicht tun. Geradlinig wie ein Braunschweiger eben“, spöttelte Sarah ein wenig und stieß Heinrich sanft in die Seite.

„Hmmh.“

„Da ist noch mehr. Michael. Er hat nichts gesagt, aber ich spüre es. Es geht was in ihm vor.“

„Ich dachte immer, dass er sich bei Kaufmann Hermann Schrader wohlfühlt. Eine tüchtige Familie. Hermann ist auch im Rat, wie du weißt.“

„Ich glaube, dass er mehr will. Viel mehr!“

„Du und deine Ahnungen …“

„Hast ja recht, Heinrich. Sieh, wie schön wir es hier haben im Meinhardshof.“

Sarah dachte über ihr Heim nach. Sie ging in Gedanken durch die Diele. Dann hatte sie die große Küche zum Hof hin vor Augen, dachte an das Federvieh, das von Magd Erna versorgt wurde, an die Schlafkammern im Anbau für die Gesellen und das Gesinde gleich über der Werkstatt. Ihr besonderer Stolz aber waren die bleiverglasten Fenster im Erdgeschoss.

„Weißt du noch, wie die Leute sich das Maul zerrissen haben wegen meiner kupfernen Badewanne?“

„Na, na, redet so eine Dame aus gutem Hause?“

„Ach was! Mit dem Pferd war es genauso. ‚Hat die Dame doch ein Reitpferd auf dem Lande stehen! Ein Reitpferd! Man stelle sich das einmal vor!‘“

Heinrich musste jetzt herzhaft lachen. Bei einem befreundeten Bauern hatten sie ein Pferd in Pflege. Dafür erledigte Heinrich manchmal ein paar Schmiedearbeiten für ihn – natürlich kostenlos.

„Allerdings, mit der Hochzeitstruhe hast du alle Damen zum Verstummen gebracht.“

„Das stimmt“, lachte jetzt auch Sarah.

Es war eine rote Truhe. Die Farbe war eigentlich für ihren Stand nicht erlaubt. Niemand traute sich allerdings, wohl aufgrund des Ansehens der Familie Heinrich Schlachmann, die Angelegenheit öffentlich zu verfolgen.

„Und der Inhalt erst“, prustete Sarah los. „Ich glaube, da ist so manche Dame vor Neid erblasst.“

„Na also, mein Schatz. Du kannst wieder lachen.“

„Du bist ein Schuft! Übrigens, Heinrich, wir wollen nächstes Wochenende schlachten. Es ist wieder so weit. Das heißt, dein geliebter Stammtisch fällt für dich aus.“

„Wieso?“

„Es ist der erste Samstag im Monat Februar.“

„Na ja, macht nichts. Ich wollte ohnehin erst mit Camann reden.“

„Mit Camann? Worüber denn?“

„Ach, so dieses und jenes. Männergespräche eben.“

Niemand konnte es wissen, aber das Schicksal hatte begonnen, einen unheilvollen Sud zu brauen.

6

Es ging zwar ständig bergauf, aber er merkte es kaum. Zu sehr war er in Gedanken versunken. Michael ging oft auf den Nußberg, wenn er über etwas Wichtiges nachdenken musste. Hier oben hatte man einen guten Blick über die Stadt. Es war allerdings ziemlich dunstig. Er wusste aber auch so, dass der Dom an klaren Tagen gut zu sehen war. Heinrich der Löwe hatte ihn seinerzeit mit rotschimmernden Rogensteinen bauen lassen. Wegen der in ihm enthaltenen ganz kleinen Kugelformen, die Fischrogen ähnelten, wurde er so genannt. Abgebaut wurde er direkt vor der Haustür – im Nußberg. Auch die anderen Kirchen waren normalerweise weithin sichtbar. Seine Augen suchten an klaren Tagen immer zuerst St. Andreas, nah am Meinhardshof, seinem Zuhause, gelegen. Auf dem Südturm der Kirche zog jeden Abend die Feuerwache auf.

Ich muss mich endgültig entscheiden: Hierbleiben und ein relativ sicheres Leben führen, die Tochter des Wallmeisters, Lena, heiraten und … Wie komme ich darauf, Lena heiraten zu wollen? Ich kenne sie ja kaum. Hübsch ist sie ja – mit ihren siebzehn Lenzen, aber …

Eine Weile war Leere in seinem Kopf. Dann kam dieser immer wiederkehrende Gedanke: Ich muss hinaus.

Ein paar Tage nach den Schießübungen in der Buchhorst hatte er sich seinen Eltern anvertraut. „Natürlich hätten dein Vater und ich dich gerne hier in Braunschweig gewusst. Wir lieben dich sehr“, hatte seine Mutter etwas traurig gesagt, „aber du musst eben tun, was du tun musst.“

Das hatte beinahe nüchtern geklungen und doch fing Michael an zu ahnen, was in seiner Mutter vorging. Vater hatte nur gesagt, dass er auf sich aufpassen solle und Alex, den Hengst, nehmen solle und außerdem eine Lederjacke brauche. So was halte ewig.

Typisch Braunschweiger, dachte Michael im ersten Moment. Etwas schroff vorgetragen, aber pragmatische, brauchbare Vorschläge.

Heute verstand er, dass es auch in seinem Vater gärte. Sein Vater hatte sich niemals weit von Braunschweig entfernt, nur wenn es sich gar nicht vermeiden ließ: etwa für eine Fuhre Erz aus dem Harz, um ausreichend Musketen und anderes herstellen zu können. Michael hatte noch halbherzig angeführt, dass sein Schulkamerad Jürgen Kalm schon mit vierzehn Jahren nach Hamburg in die Lehre geschickt worden war. Inzwischen sei er bei seinem Onkel Achtermann in Braunschweig beschäftigt, aber gerade auf eine Reise nach Dänemark geschickt worden. Sie hatten sich nur kurz gesehen.

Vater und Mutter wollen es mir einfach leichtmachen. Noch war es ja auch nicht so weit. Vielleicht im Frühsommer, nach dem Schützenfest. Das wäre ein prima Zeitpunkt. Dann hätte ich auch noch etwas Zeit mit Lena. Ich kann mir über meine Gefühle gegenüber Lena nicht richtig klarwerden, dachte Michael weiter. Wie auch? Es sind erst ganz zarte Bande. Sind es überhaupt irgendwelche Bande? Bruder Hinrich wäre da sicher forscher, musste er lächelnd zugeben.

Er merkte etwas unbestimmt, dass es ihm in diesem Punkt schwerfallen würde zu gehen.

Ich muss trotzdem fort. Ich habe Pläne und dazu gehört auch, nach Nürnberg zu den Fuggern zu gehen und zu lernen. Ich bin nicht in eine Kaufmannsfamilie hineingeboren worden. Aber warum sollte ich es nicht schaffen? Fernhandel treiben und …

„Hallo Michael, bist du schon lange da?“ Alfonso stapfte durch den Schnee auf Michel zu.

„Komm, Don Alfonso, lass uns zu den Fischteichen des Klosters gehen. Es ist diesig und man sieht ohnehin kaum was.“

Die Zisterzienser haben die Teiche und das Kloster vor langer Zeit gebaut. Mit all diesen Dingen bin ich vertraut. Es ist eben meine Heimat, schüttelte er den Gedanken ab.

Sie gingen beide, ohne es verabredet zu haben, in Richtung Waldschenke in der Buchhorst.

Alfonso war es schließlich, der anfing zu sprechen. Beide hatten einen Humpen Mumme vor sich. „Damals, weißt du. Das war so …“

Seltsam, dachte Michel. So gestelzt redet Don Alfonso doch sonst nicht, außerdem habe ich meine eigenen Sorgen – diese alte Geschichte …

Dann floss es aus ihm nur so heraus. Mehr als zwanzig Jahre lang hatte er alles in sich hineingefressen. Anfangs, um seiner Schwester das Leben nicht schwerzumachen und später seines Sohnes Antonio wegen. Er erzählte von Spanien, der Hazienda, den Pferden und dem Leben auf dem Gut und von Don Miguel, der ein echter spanischer Grande gewesen war.

„Dein Großvater war ein stolzer Mann und deine Großmutter Donna Inez eine ebenso stolze Frau.“ Tränen wollten sich ihren Weg bahnen.

„Dann mussten wir weg. Die Inquisition, aber da war noch mehr. Vater hatte mit der Silberflotte zu tun und irgendwie auch mit dem Königshaus. Das Buch des Handelshauses sollte uns Geschwistern Aufschluss geben. Aber wir konnten das Geheimnis nicht lüften.“

Königshaus, schoss es Michael durch den Kopf. Was hat das zu bedeuten?

„Letztendlich hatten wir es, auch ohne das Geheimnis zu lüften, in Braunschweig gut getroffen. Die ersten Jahre waren schwer, besonders für Sarah …

Noch nie habe ich meinem Herzen so freien Lauf gelassen. Ich wollte niemanden damit belasten. Behalte bitte auch du es für dich. Ich wäre gerne der Nachfolger von Don Miguel geworden.“

Noch nie hatte sich Michael Gedanken um seinen Onkel gemacht. Er hätte damals auch weiterziehen können, nach Hamburg, Amsterdam oder sonst wohin. Aber aus Liebe zu seiner Schwester war er geblieben. Dann aus Liebe zu seinem Sohn, der hier in Braunschweig sicher und behütet aufwachsen sollte. Ob Mutter davon wusste oder es ahnte? Sicher nicht. Alfonso hatte nie Anlass dazu gegeben. Und jetzt offenbart er sich mir, seinem Neffen. Der praktisch dabei ist, von hier fortzugehen – wer weiß, wie lange! Warum nur? Und ich zermartere mir das Hirn, ob es richtig ist zu gehen oder nicht.

„Ich werde alles in meinem Herzen verschließen, Don Alfonso, solange du es willst.“

Alfonso nahm einen großen Schluck und bestellte zwei weitere Humpen Mumme.

„Du willst fortgehen, Michael, freiwillig. Das ist in Ordnung. Du weißt allerdings nicht, was du an der Heimat, an deiner Familie hast. Das wirst du erst später im Leben erfahren. Ich will es dir keineswegs ausreden. Nur, dass du es dir gründlich, wirklich gründlich überlegst.“

„Das werde ich, äh, das habe ich, meine ich. Ich glaube, die Mumme wirkt langsam, Onkel.“

„Das macht nichts, Neffe. Prost.“

„Also, Don Alfonso, die Sache ist eigentlich ganz einfach. Ich habe eine durchaus gute Ausbildung hinter mir. Du hast ja das Deine dazu getan. Nur für den Fernhandel reicht es nicht, nicht für den wirklich großen Handel. Dafür muss ich mehr wissen. Wie geht das mit den Finanzgeschäften, so wie man es von den Fuggern hört? Wie schaffen die es, Waren in ganz Europa zu handeln? Allein das Transportwesen: Sie haben überall Niederlassungen, genau wie die Hanse überall Kontore hat. Sie besitzen Bergwerke, Banken und einen eigenen Botendienst.“

Michaels Augen leuchteten wasserblau, während er sprach. Alfonso spürte seine Begeisterung.

„Ich will es und ich werde es schaffen!“

Seine Augen werden wieder stahlblau, bemerkte Alfonso.

„Du wirst es schaffen. Übrigens, ich sagte es schon letztens bei unseren Schießübungen: Die Fugger transportieren auch Informationen. Die Auftraggeber wissen, dass sie geheim bleiben und sicher transportiert werden. Weißt du, aber auch die Fugger selbst unterhalten durch ihre Boten ein riesiges Nachrichtensystem. Für Kaufleute so großer und verzweigter Geschäfte ist es wichtig, schneller als andere über Ereignisse Bescheid zu wissen – Ereignisse, die vielleicht eine Ware knapp machen. Dann heißt es: rechtzeitig einkaufen.“

„Und teuer verkaufen, wenn sie wirklich knapp ist“, unterbrach Michael.

„Du scheinst auch auf diesem Gebiet ein Naturtalent zu sein.“

„Allerdings ein Talent ohne Geld. Denn immerhin will ich mich irgendwann selbstständig machen.“

„Wie, um alles in der Welt, willst du das denn finanzieren?“

„Na, da fällt mir ein Onkel ein, der es, glaube ich, gut mit mir meint.“

„Welche Sicherheiten bietest du?“, lachte Alfonso.

„Oh, dann bitte ich Onkel Johann. Der vertraut mir auch ohne Sicherheiten.“

Beide lachten und tranken. „Behalt das mit der Selbstständigkeit noch für dich, Don Alfonso. Lass uns gehen.“

Als Michael im Meinhardshof ankam, senkte sich bereits die Nacht über die Stadt Heinrichs des Löwen. Sie hatten es gerade noch durch das Fallersleber Tor geschafft. Vom Bett aus hörte er das Wächterlied:

Leven heren, latet juw sagen:

De klock heft … geslagen.

Bewart juwe füer unde licht,

dat nemande schade geschicht!

Man kann sich wohlfühlen im Meinhardshof, dachte Michael noch und schlief ein.

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