Kitabı oku: «Der blaue Kavalier», sayfa 4

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Drittes Kapitel

Die eigentümliche Gemüts- und Geistesveränderung des blauen Kavaliers übte auf alle Bewohner von Cravenhaus einen unerklärlichen Zauber. Nicht dass William nicht vorher schon ein wackerer Mann gewesen sei und die Zuneigung seiner Umgebungen verdient habe, aber alle seine guten Eigenschaften traten vordem gewissermaßen nur willenlos aus ihm heraus, so dass man sagen konnte, es sei weniger sein Verdienst, als seine Gewohnheit, gut zu sein. Dabei hatte er Schattenseiten besessen, die, wenn sie auch nicht unedel genannt werden konnten, auch nicht geradezu schädlich wirkten, ihm selber doch Schaden gebracht, ihn weniger glücklich gemacht und von der freien Entfaltung seiner eigentlichen Seelenkräfte abgehalten hatten. Das Bewusstsein, eines reichen Mannes Sohn zu sein, hatte einen gewissen Stolz in ihm befördert und den Ehrgeiz, sich über seinen Stand in Sphären zu erheben, die doch nimmer seine dauernde Heimat waren. Er hatte den Stand seines Vaters heimlich zu verachten sich gewöhnt, welcher ihm doch die Mittel bot, seinen unbürgerlichen Neigungen zu folgen. Sein vormaliges Traumleben, zumal seine phantastische Schwärmerei für Elisabeth von der Pfalz und der Ritterschlag hatten ihn umso mehr seinen angeborenen Verhältnissen entfremdet, als die eitle Liebe seines Vaters seine vornehme Abgeschlossenheit begünstigt hatte, bis endlich seine Überhebung und romantische Torheit durch die Schlacht am weißen Berge zu solch einer Höhe erwachsen war, dass wenig gefehlt hätte, ihn für immer vom Vaterhause zu trennen.

Jedenfalls war er demselben innerlich durchaus entfremdet und in einen Gemütszustand gebracht worden, der weder ihn selbst noch irgendwen in seiner Nähe beglücken konnte. Seit er von dem wunderbaren Esquire aber zurückgekehrt war, schien er ein neuer Mensch, in seinem Wesen gänzlich verwandelt zu sein. Ich sage »schien«.

Denn in Wahrheit hatte sich sein eigentliches Wesen jetzt nur voll und ganz entfaltet und durchs Bewusstsein geklärt. Sein Hirn war nun frei von hohlen Phantasten, eigensüchtigem und zugleich widersinnigem Sehnen. Die Eitelkeit seines Rittertums belächelte er jetzt ebenso sehr, als er von ihr vordem geschwellt wurde, und das peinigende Mitleid um Elisabeth, seine glühende Liebe und Vergötterung der schönen Unglücklichen waren einem ruhigen, ernsten Gefühle tiefer Verehrung, zugleich aber zu einer festen Hoffnung geworden, die gänzlich rein von eigenen Wünschen war. —

Die ganze Welt, das Vaterhaus, hatten ihm jetzt eine neue, höhere Bedeutung, er in sich selbst einen neuen, sichereren Zweck, und dies Gefühl, das zugleich Glaube und Wissen, ja eine Art höherer, geheimnisvoller Weisheit war, breitete den Schimmer froher Ruhe und gewinnender Herzlichkeit über sein ferneres Leben. An allem im Hause nahm er teil, ohne nach dem Regimente desselben zu geizen oder sich in Dinge des Geschäfts zu drängen; für welche er sonst keinen Sinn gehabt. Er war da, wo man ihn zu brauchen gesonnen war, lebte jedoch ebenso eifrig seinen Büchern und den Waffenübungen, zu welchen sein Stand ihn berechtigte. Besonders aber nahm er sich seiner kleinen Schwester Maggy an, der er sonst nur geringe Beachtung gegönnt hatte. Diesen seinen Einflüssen konnte sich denn auch keiner, der im alten Cravenhause lebte, entziehen. Der Vater, die Arbeiter vergötterten ihn, Maggy hing an ihm mit wahrer Begeisterung, und so wenig er sich auch den Anschein gab, bestimmen oder befehlen zu wollen, genügte doch seine leichteste Bemerkung, ja der Ausdruck seiner Mienen, um die Handlungsweise seiner Umgebung zu bestimmen.

Edward selbst vermochte sich nicht seinen Einwirkungen und der brüderlichen Innigkeit zu entziehen, mit der er ihm überall entgegenkam und bei diesem spröden Gemüte um Gegenliebe warb. Wenn auch noch so erzwungen, Edward musste doch seine Freundlichkeit erwidern. Der reiche Verdienst, den William so seltsam dem Säckel des Hauses zubrachte, die Art der rätselhaften Arbeit bei Welby, verbunden mit der Neugier, hinter den Schleier dieser Geldquelle und die Seltsamkeiten des grauen Hauses in der Grubstreet zu kommen, welche auf William gar so tief gewirkt hatten, verbunden mit dem Verlangen, vielleicht selber der Vorteile zu genießen, die dort unzweifelhaft zu erringen waren, vermochte geraume Zeit den Dämon der Zwietracht und des Übelwollens, die kleinlichen und doch so heftigen Leidenschaften nieder zu halten, welche in Edward lebten.

»Sag’, Willy, ist’s wirklich denn so gefährlich bei dem Esquire, dass man außergewöhnlichen Mut nötig hat? Könnte Unsereins nicht auch ’n Mal es wagen, bei ihm zu arbeiten? Scheint mir doch eher Gutes zu sein, was einem da geschieht, weil Du seitdem so gar glücklich und zufrieden geworden bist?«

»Willst Du’s mit dem Esquire versuchen?« erwiderte William lebhaft. »Mein erstes Wort bei ihm soll sein, zu bitten, dass er auch Dich bei sich arbeiten lässt! Gefährlich, in jenes Haus zu treten, ist’s ganz sicher für den, dessen Gewissen nicht rein ist. Auf ihn würden alle schrecklichen Folgen dessen fallen, was in ihm an verwerflichen Gedanken, frevlen Wünschen und giftigen Leidenschaften wohnt. Wer aber die Prüfung seines Innern erst bestand, wird nie mehr unzufrieden sein. Selbst wenn ich auch treulos geworden wäre, Edward, Dir alles zu sagen, was ich über jenen Mann weiß, den sie einen Sonderling nennen und nur seines Reichtums wegen gelten lassen, Du würdest es doch so wenig verstehen, wie etwa eine fremde Sprache. Das will gesehen, gefühlt, im Herzen erlebt sein, Edward. Ich versprech’ Dir aber, einst sollst Du sicher in dies Haus; gedulde Dich bis dahin.«

Mehr erfuhr Edward trotz aller Bemühungen nicht, und was er erfahren, war ebenso sehr geeignet, ihn zu erschrecken, als ihn nur desto lüsterner zu machen, das Dunkel zu durchdringen, welches den unbegreiflichen Welby umgab.

Mehrere Jahre gingen hin. — Zu verschiedensten Malen war William längere oder kürzere Zeit bei dem Esquire gewesen, um zu arbeiten, und seine glückliche Heiterkeit blieb sich immer gleich. So oft ihn aber auch Edward ungeduldig fragte, »wann er denn nun auch einmal dort zur Arbeit komme«, — antwortete ihm William nur: »Ich habe gefragt und zur Antwort erhalten: er wird gerufen sein, wenn — seine Zeit gekommen ist!« —

Diese Zeit schien nie kommen zu sollen. Dafür aber kam etwas anderes, Unerfreulicheres. —

Das menschliche Gemüt, durch Klugheit und eigenen Vorteil gezügelt, kann wohl eine Zeit lang sein wahres Wesen verleugnen, seine Antipathien und Gelüste zurückdrängen, aber nicht auf die Dauer. Die Spannung, welche innerer Kampf stets erzeugt, die Unnatur jeder Verstellung, der Widerstreit zwischen dem inneren Fühlen und äußeren Tun des Menschen wird endlich so groß und unerträglich, dass er alle Bande sprengt, und seine ursprüngliche Natur nur umso wilder dann hervortritt. Dies geschah mit Edward und wurde durch eine neue Leidenschaft bewirkt, die alle anderen überwucherte und seine eigene Zukunft entschied. Dass er das Haus des Esquire nicht betreten durfte, erfüllte ihn mit tiefem Misstrauen und dem alten, schlecht unterdrückten Neide zu William. Er war der Meinung, dass es gewiss nur in dessen Absicht und Vorteil liege, ihn von Welby fern zu halten, dass diese von aller Welt gepriesene, in den Himmel erhobene Sanftmut, Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit des Bruders aber nichts sei, als eine verdammt schlaue Berechnung, um sich der Macht über alle Gemüter, über das Haus und die Erbschaft zu versichern, welche er durch seine romantischen Tollheiten schon beinahe verloren gehabt.

Edward glaubte fest, dass dieses Benehmen Williams auch die beste Manier sei, ihn bei Welby beliebt und unentbehrlich, ja sich vielleicht zum Herren des Sonderlings zu machen, indem er alle verrückten Gewohnheiten, wie die Geheimniskrämerei desselben begünstige, und es wahrscheinlich sehr gut zu Williams Plänen passe, den Ruf der Gefährlichkeit und des rätselhaften Schreckens mit verbreiten zu helfen, in welchem das Haus auf der Grubstreet stand. Die alte, tiefe Abneigung, der mühevoll bezwungene Hass gegen den Bruder kehrte mit doppelter Stärke in sein Herz zurück. Sonst hatte er ihm seines kavalieren Lebens, seiner Überhebung wegen übelgewollt, und nicht ganz ohne einen gewissen natürlichen, entschuldbaren Grund, jetzt feindete er ihn wegen seiner Vortrefflichkeit an, welche bei Williams ritterlichem Stande doppelt hochgeachtet wurde und Edwards gewöhnliche Denkungsart nur umso greller erscheinen ließ.

Ein neues Moment aber wirkte entscheidend. Vom Augenblick an, wo Jeany Doderidge Cravenhaus betrat, hatte sie tiefen Eindruck auf Edwards Herz gemacht, und er hatte ihr von Stunde an besondere Aufmerksamkeit gewidmet, soweit sich dies nämlich mit seiner Vorsicht und der Furcht vor dem Vater vertrug.

Mit höflichem Ernst hatte die Kleine solch verstohlene Galanterien hingenommen.

Ob sie Edwards Absichten merkte, war schwer zu entscheiden, aber sie war Weib genug, um einen Galan hinzuhalten, ohne ihn zu ermüden, denn das verstehen Evas Töchter alle. Edward zweifelte einige Zeit auch nicht im Entferntesten, Jeany werde freudig »Ja« sagen, sobald er es für gut finden möge, seine eigentliche Bewerbung anzubringen. Seines Vaters zweiter Sohn wusste sehr genau, was sein Ehering wert war, und wie hoch die Puritanerin mit seiner Liebe geehrt werde. Diese Siegesgewissheit hatte indes einen argen Stoß empfangen, nachdem William das erste Mal von Welby zurückgekommen, und sein Auftreten ein so verändertes war. Jeany Doderidge errötete jedes Mal, wenn William mit ihr sprach, und verriet ein Interesse, eine Ergebenheit zu demselben, die über das bloße Verhältnis der Dienstbarkeit hinaus ging, in welchem sie und ihre Genossinnen zum Cravenhause standen. William, so schien’s, sprach aber öfterer und in herzlicherer Weise als sonst mit ihr. Nur noch die Eifersucht der Liebe hatte gefehlt, Edwards Hass gegen den Bruder unversöhnlich zu machen, sobald er sich nur erst überzeugt glaubte, dass derselbe ihn, wie bisher überall, nun auch in seinem heiligsten Interesse, dem höchsten Glück seines Lebens bedrohe. Sich diese Überzeugung zu verschaffen, nahm er den Augenblick wahr, wo Jeany sich einmal im Comptoir allein befand, um unter den Stoffen und Garnituren das Passendste zu einer Robe für Lady Falkland auszusuchen. Vater und Bruder waren fort, die beiden Schreiber in Geschäften des Hauses ausgegangen und alles ringsum still.

»Ein Wort im Vertrauen, Jeany«, er stockte.

»Ich höre, Mstr. Edward.«

»Ihr wisst, Jeany, dass, seitdem Ihr in unserem Hause seid, ich Euch immer sehr höflich und zuvorkommend behandelt habe.«

»Ihr wart immer gütig, Mister.«

»Sehr zuvorkommend sogar, kann man sagen! Was ich Euch nur an Artigkeit erzeigen konnte, wie ich Euch nur bevorzugen und meinem Vater empfehlen konnte, ich tat’s.«

»Gottes Gnade möge dafür groß an Euch werden.«

»Ja, und keiner andren, glaubt mir, hätt’ ich’s getan, Jeany, obwohl Ihr ’ne Puritanerin seid und nichts herbrachtet, als Euer hübsches Gesicht und Eure geschickten Hände.«

»Das Gesicht, Mister Edward, kann Alter und Krankheit bald entstellen, diese Hand kann erlahmen und alles, was Ihr an mir lobt, dahinfallen, so gut wie dieses prachtvolle Gewebe und selbst Eures Vaters Reichtum. Es sind Dinge dieser Welt, die Motten und Rost fressen. Aber das reine Licht der Schrift, die rechte Lehre, ohne Schlacken und Zutat, das Herz in unserer Brust, kann weder gefälscht, noch alt werden, noch erlahmen in mir, und spottet des Glanzes und Hochmuts, auf den Ihr pocht.«

»Wohl, Jeany, richtig. Und ich bin diesem Eurem Glauben nicht etwa gram, obgleich es gefährlich ist, ihn zu hegen, und es Unehre bringt, ihn gar zu offen in unserm guten, ansehnlichen Hause zu bekennen. Aber das soll mich nicht abhalten, Jeany, und ich will über alles hinwegsehen, denn ich — ich — liebe Euch! Ich will Euch zu meiner Frau machen und werde meines Vaters Abneigung gegen Eure Sekte nach und nach überwinden. Einst sollt Ihr hier allein gebieten, Doderidge soll mein Bruder und Geschäftsteilhaber, Ihr werdet die reiche, geehrte Frau Edward Cravens sein, die mit niemand tauschen mag!«

Jeanys Gesicht glühte purpurrot. Das Zeug, was sie ausgebreitet gehalten, war ihren Fingern entglitten, und mit gesenkten Wimpern hatte sie zugehört.

Langsam erhob sie ihr Auge:

»Und wenn Ihr alles mit mir teilen wollt, was Eures Vaters ist, und so tut, als seiet Ihr schon der Herr darüber, was bleibt denn Eurem edlen Bruder, dem Erstgebornen, der nach dem Gesetz Euch voransteht?!«

Edward fuhr heftig zurück.

»Meinem Bruder? Was geht Euch mein Bruder an, und was er hat oder nicht hat? Wenn ich um Euch werbe, steht’s Euch an, nach ihm zu fragen, sich um sein Wohl zu härmen?«

»Noch bin ich nicht Eure Braut, Mister Edward! — Was soll mir nicht anstehen, nach ihm zu fragen? War er’s nicht, der allein vordem für Doderidge ein Herz gehabt, ihn geschützt in seinem Glauben, ihn aus der Not gezogen, und dem ich, was ich habe, verdanke? Er ist der Engel des Herrn gewesen, der uns aus der Traurigkeit gerissen hat! Wer seinen Bruder nicht lieben kann, Mister Edward, kann auch keinem Weibe die rechte Liebe geben, denn sein Herz ist starr und tot, und der Himmel von ihm gewendet! Das ist meine Antwort auf Euren Antrag!«

Sie raffte das Zeug hastig und tief bewegt zusammen, um sich zu entfernen.

»Das Eure Antwort?! Ihr — Ihr verwerft mich?!«

»Ich nicht, Ihr habt Euch — selbst verworfen!«

»Nein, Mädchen, verstelle Dich nicht. Er ist’s, den Du mir vorziehst, den schlanken, blauen Kavalier, den Herrn Tugendspiegel mit dem ewigen Lächeln und den verführerischen Worten, der mir alles stiehlt, alle meine Wege kreuzt und mich nicht mehr atmen lässt. Aber ich will mit ihm abrechnen, glatt und schnell, und auf Dein Gewissen allein lad’ ich alle Folgen!!« —

Außer sich stürzte er hinweg und schloss sich ins Wohngemach. Jeany stand wie vernichtet. Dann fuhr sie auf und blickte starr vor sich hin.

»Das, Herr der Gnade, das darf nimmer geschehen! Du wirst Deinen Erwählten nicht verlassen!«

Edwards tiefe Abneigung gegen William, durch eine Eifersucht verstärkt, deren blinde Wildheit nur aus dem langen Zwang erklärt werden kann, den er seinen Leidenschaften angetan, hatte nunmehr die Höhe erreicht, welche ihn zu jeder Abscheulichkeit fähig machte, sobald sie ihn nur von demjenigen befreite, in welchem er den Todfeind und glücklichen Nebenbuhler in allem sah, was er Lebensglück nannte. Das Gefühl seiner eignen körperlichen Ohnmacht, die Furcht allein, sich durch eine gewaltsame Tat selbst zu verderben, hielt ihn noch ab. Dafür gab’s aber in London Rat. —

Dass er über einem heillosen Plane von Stund’ an brüte, es auf irgendeine Art mit den Brüdern ein schlechtes Ende nehmen musste, verriet Edwards scheues, lauerndes Benehmen, dies Starren, In-sich-hinein-Flüstern, sobald er allein war, und dass er den forschenden Blick Doderidges mied. Jeany hatte diesem ihre schweren Besorgnisse mitgeteilt, war seit Edwards Gespräch mit ihr sofort gegen William höchst zurückhaltend geworden und wich ihm aus, wo es schicklicher Weise nur geschehen konnte, ohne geradezu zu beleidigen. Gern hätte Doderidge William von der Werbung Edwards wie dessen Eifersucht in Kenntnis gesetzt und ihn gewarnt. Aber ersteres unterließ er auf Jeanys flehentliche Bitten. Die Tränen, welche ihr die Scham bei dem Gedanken auspresste, William könne eine solche Eröffnung anders auffassen, in derselben vielleicht nur eine ehrgeizige Spekulation erblicken, von welcher die Puritanerin sehr weit entfernt war, ließen ihren Bruder Josuah schweigen. Sie bestand darauf, dass diese Werbung als gar nicht geschehen angesehen werde, und Doderidge gab ihren Gründen umso mehr nach, da es allerdings außer der Möglichkeit lag, der Hofschneider könne jemals seine Einwilligung zur Verbindung eines seiner Söhne mit einem armen Mädchen von so niederer Herkunft geben, deren Glaubenslehren nicht nur verfolgt wurden, sondern auch für schimpflich und gottlos galten. Sir Craven, der ehemalige Lordmayor, wäre ja aus der Gilde gestoßen, von der Liste der Aldermans gestrichen worden, hätte Hofgunst und öffentliche Achtung eingebüßt, wenn er seine Familie so erniedrigt hätte. Wo also jede Voraussetzung eines solchen Falls aufhörte, erschienen alle Befürchtungen, die man gegen William aussprechen mochte, überaus gewagt. Dass Edward dies nicht selbst einsah, und wie töricht seine Eifersucht sei, dass er ferner Williams Gefühle nicht besser kannte, bewies, wie die Leidenschaft seiner Neigung aller vernünftigen Schranken spotte, und, weil er Jeany blind liebte, ohne die Unmöglichkeit seiner Werbung zu bedenken, er umso mehr eine gleiche Leidenschaft bei seinem Bruder voraussetzte. William endlich bloß vor Edward im Allgemeinen zu warnen, ohne ihm Gründe anzugeben, war ebenso widersinnig und hieß Zwietracht säen, ohne ihre Quelle zu verstopfen.

»Sei getrost, Mädchen«, sagte Doderidge; »der, dessen Auge die Schatten der Nacht und die Rinde der Erde so gut durchdringt, wie die Herzen der Boshaften, wird auch seine Rechte recken über ihn als Schirm, ich aber will sein Wächter sein und zu ihm stehn, wie Jonathan zu David!«

Die Geschwister kamen nun gewissenhaft überein, Edward unter die strengste heimliche Kontrolle zu stellen, namentlich sollte ihn Doderidge, so oft er allein, besonders zu ungewohnter Zeit ausgehe, was jetzt öfter geschah, genau beobachten, um allen Übeln zuvorzukommen, welche derselbe etwa gegen William ins Werk zu setzen versuche.

Von dem, was um ihn vorging, hatte der blaue Kavalier keinen Begriff. Er bemerkte nicht einmal das zurückhaltende Benehmen Jeanys. Zwar sah er ein, alles Entgegenkommen nütze ihm bei Edward nichts, ja, derselbe sei misstrauischer, bitterer denn sonst, aber William hatte die Zuversicht, dass er doch einst seines Bruders Hartherzigkeit durch Mittel besiegen werde, denen kein menschlich Herz so leicht widerstand. Andre Dinge gingen ihm im Kopfe herum, und wenn auch durch dieselben sein Glauben an die Kraft der Überzeugungen, die nun sein Herz mit Frieden füllten, nicht gerade getrübt ward, sein Gemüt wurde doch von ihnen herabgestimmt.

Die Dinge der Außenwelt zogen ihn mehr als sonst, mehr als er wollte, vom Vaterhause ab. Es gibt einen Trübsinn, den die festeste Zuversicht nicht immer bemeistern kann.

Zu demselben war reichlicher und zwiefacher Anlass.

Selbst Leute, die viel weniger den Gang der Weltereignisse zu beachten pflegten, als William, sahen bereits mit höchst besorgten Blicken in die Zukunft. —

Das Regiment der toten Elisabeth war ein volkstümliches unter despotischen Formen gewesen, es hatte einem Volke gegolten, das unter ihr erst in die Reihe der großen Staaten getreten war und seinen Handel und Wandel kaum in Blüte gebracht hatte. Jakobs I. Regiment aber war ein despotisches, das sich in volkstümliche Formen hüllte, und zwar einer Generation gegenüber, die nicht bloß weit selbstbewusster, gereifter war, sondern sich auch bereits eines Reichtums, einer industriellen und merkantilischen Macht erfreute, welche nur bei einer offenen, reellen und kraftvollen Politik gedeihen konnte. Elisabeth, bei aller ihrer Schwäche, wusste genau, wie weit sie bei der Nation gehen konnte. Als gegen Ende ihres Lebens das Parlament zum ersten Male wider die Monopole einmütig aufgetreten war, hatte sie sich beeilt, der Nation auf halbem Wege entgegen zu kommen; die Monopole waren gefallen. Es kam ihr auch nie in den Sinn, zu leugnen, dass sie ihre Krone vom Volke habe, denn Erringung der Volksliebe war gerade das große Geschäft ihres Lebens gewesen, und selbst in den Herzen der finstern Puritaner, die sie doch brav gehetzt hatte, wurde ihr Andenken als das einer großen Königin geehrt. Jakob dagegen hatte das für jeden Engländer unerhörte Dogma aufgebracht, »er habe seine Krone allein von Gott, und es sei bloß guter Wille, wenn er dem Parlamente gestatte, bei gewissen Dingen mitzureden«. Das Günstlingswesen, der Druck der Monopole war zehnfach schlimmer wiedergekehrt, die Gelder des Staates waren sinnlos in Nichtigkeiten verschwendet worden. Der Handel mit Ämtern und Titeln hatte als neue unbekannte Plage begonnen.

England, das einst Spaniens Weltmacht niedergeworfen, war im Ansehen Europas unter Dänemark herabgesunken, und Jakobs klägliche Art, das königliche Amt zu verwalten, hatte dahin geführt, das demokratische Prinzip zur Blüte zu bringen. Das war der trübe Hintergrund dieser Epoche, die Quelle aller künftigen Erschütterungen. Ohnmächtiger, wie Jakob gewesen, da er Elisabeths leeren Sitz eingenommen hatte, war er im März 1625 ins Grab gesunken. Außer dem bittern Andenken an Rochesters und Bacons skandalösen Fall, und dass er Elisabeth von der Pfalz um der spanischen Heirat Willen dem Kaiser preisgegeben, einer Heirat, die dennoch nicht zustande gekommen war, hinterließ er seinem träumerischen Sohne Carl, den seine jüngst erkorene Gemahlin Henriette von Frankreich und Buckingham, sein Günstling, lenkten, eine mächtig erstarkte Opposition, erschöpfte Finanzen, königlichen Allmachtsdünkel und alle Folgen seiner unredlichen und feigen Politik. Der ewig witzelnde Hof von St. Germain machte auf ihn den verächtlichen Vers:

Tandis qu’ Elisabeth fut Roi,

l’Anglais fut d‘Espagne l’effroi,

Maintenant, devise et caquette

Regie par la Reine Jaquette.

In Deutschland indes warf Wallenstein alles vor sich nieder. Ein protestantischer Streiter um den andern erlahmte in dieser Kriegshetze, Blatt um Blatt fiel von dem Hoffnungsbaume der betrogenen Elisabeth, und jeder Vernünftige musste sich sagen, dass die Zukunft nur noch Trüberes versprach. Das war wohl Grund genug für Williams Herz, sich dem Unmut und der Trauer zu übergeben, mochte er auch noch so sehr vertrauen, dass es nicht so bleiben, der Leiter der Weltgeschicke solch allgemeines Unheil nicht ewig dauern lassen werde.

Um diese Zeit nahm Edward plötzlich wieder die Miene des Arglosen, Freundlichen an, tat gerade so, als habe er nie an Jeany gedacht, und wie wenn keinerlei Übelwollen gegen William in ihm wohne. Er hatte endlich seinen Plan gefasst, er bedurfte nur der Ausführung.

Eines Abends, der Alte schlief schon, Maggy saß noch bei William auf dessen Zimmer, denn er pflegte ihr oft vorzulesen, war’s, dass Edward in den Mantel gewickelt fortschlich, sorgsam das Haus schloss und durch Wichstreet, bei Holwell und Essexstreet vorbei eilig seinen Weg den Strand östlich bis zur Fleet nahm und durch Temple-Bar in das abgeschlossene und unheimliche Revier trat, welches zu der Zeit der alte Temple und Blackfriars bildeten. Dieser düstere, isolierte Stadtteil, längst von den Tempelrittern und dem Orden der schwarzen Büßer verlassen, war Zufluchtsort aller derjenigen geworden, die den Arm des Gesetzes zu meiden Ursache hatten. Der Abschaum der Londoner Verbrecherwelt, der Liederlichen und Herabgekommenen oder solcher, die nur noch im gewaltsamen Umstürzen aller bürgerlichen Ordnung sich emporbringen konnten, fand hier seine Heimat, und die klägliche Handhabung der damaligen Polizei bewies sich gänzlich unfähig, diese Brut aus ihren Schlupfwinkeln zu vertreiben. Unter Jakob I. zumal hatte sich hier ein förmlicher Staat im Staate gebildet, der seine eigene Obrigkeit und Organisation besaß, durch das Recht des Stärkeren in Ordnung gehalten wurde und bei allen Gelegenheiten, wo es galt der Obrigkeit zu trotzen, eine heillose Verbrüderung bildete, zu blutigem Widerstande stets bereit. Ein Regiment Soldaten hätte genügt, diese Hornisse auszutreiben, aber Soldaten kannte man zur Zeit in England nicht, und die Miliz von London bildete die einzige Sicherheit der Hauptstadt, die geringe adlige Leibgarde des Königs abgerechnet. So schlagfertig erstere auch bei jeder öffentlichen Gefahr dastand, oft genug die Empörung gedämpft und fremden Eindringlingen die Stirn geboten hatte, aber Polizeidienste zu tun verschmähte sie.

Das Gesindel blieb daher unbelästigt mitten im Herzen der Einwohnerschaft. —

Wie alles übertäubend musste der leidenschaftliche Hass in Edward nicht gären, da derselbe seine sonstige Furcht gänzlich überwunden hatte und unempfindlich für die Gefahren geworden war, denen er sich in diesen Regionen aussetzte. So tief in sein heilloses Brüten war er versenkt, dass er nicht bemerkte, wie Doderidge ihm fast auf dem Fuße folgte.

Durch verschiedene winklige Gässchen, von Baracken und Häusern eingefasst, denen man das Elend und die Verworfenheit ansah, gelangte der Sohn des Schneiders endlich zu einer Taverne, die den Namen »Der lustige Holländer« führte, und in welcher die Lustigkeit in der Tat einen Grad erreicht zu haben schien, der ziemlich an Raserei grenzte.

Edward stand still, horchte, sah sich zögernd um und trat rasch ins Haus.

Doderidge hätte notwendigerweise von ihm bemerkt werden müssen, wäre er nicht zu rechter Zeit hinter den dicken Pfeiler eines vorspringenden Torweges geschlüpft, der sich dicht, bei der Tür der Schänke befand.

Edward in dieselbe zu folgen, konnte nur seine Entdeckung und einen sicheren Untergang zur Folge haben.

Doderidge beschloss deshalb, in seinem notdürftigen Versteck zu bleiben und Edward zu erwarten, vielleicht dass bei ihm dann eine Sinnesänderung zu bewirken war, sobald er sich bei seinem bübischen Anschlage ertappt sah.

Ein Zwischenraum des Torgebälks, das ihn schützte, vergönnte ihm, die Schänke im Auge zu behalten, vor der eine trübe Laterne schwankte und ihren matten Schein auf das Schild zum lustigen Holländer und die nächste Umgebung ausgoss. In der Straße war’s öde.

Hin und wieder nur huschte eine zerlumpte Gestalt vorüber, und das Gebrüll der Zecher nebenan klang weit durch die Nacht. Länger denn eine Stunde harrte er in peinigender Ungewissheit und Sorge.

Endlich öffnete sich die Schänke, Edward und drei andere traten heraus.

»Also von morgen früh an«, sagte Edward rau. »Ihr trefft ihn, wo Ihr ihn findet!« —

»Ihr sollt mit uns zufrieden sein, Herr«, versetzte ein langer Kerl, dessen Raufdegen gegen das Pflaster klirrte. »Kommt denn und zeigt mir das Haus in Drurylane, damit man weiß, wo des Vogels Nest ist. In einer Stunde bin ich zurück, Crivor! Haltet ’n steifen Trunk bereit!«

»Sollst ihn haben, Rore, so stark als ihn Dein Stierschädel immer vertragen kann.«

Schritte klangen. Edward kam mit dem Raufbold vorüber, einem würdigen Exemplare jener Menschengattung, welche man Londoner Brüllbuben nannte, und die, den italienischen Bravis gleich, ihre Klingen dem Meistbietenden ganz unbedenklich zu verhandeln pflegten.

Die beiden andern, von denen der kurze Dicke mit rot gedunsenem Gesicht sich durch die Schürze als der würdige Inhaber der Spelunke erwies, der zweite vermöge des Stoßdegens und Schlapphuts aber das Pendant zu Edwards Begleiter bildete, sahen den Dahineilenden nach und flüsterten eine ganze Weile. Dann traten sie ins Haus zurück und schlossen die Tür. Angstschweiß stand auf Josuah Doderidges Stirn, seine schlimmsten Befürchtungen waren bestätigt. Edward hatte Mörder für den eigenen Bruder gedungen, jetzt zeigte er einem von ihnen die Gelegenheit. Zitternd verließ der Puritaner sein Versteck und eilte dem verworfenen Sohne seines Meisters nach. So schnell er indes auch lief, derselbe war ihm längst aus dem Gesichte. Der Raufer wusste unfehlbar in dem Häuser und Straßen-Labyrinthe viel besser als er Bescheid und hatte Edward einen näheren Weg geführt. Denn als Doderidge an der südlichen Ecke der Drurylane anlangte, kehrte Rore der Raufer bereits zurück und schritt der Wichstreet zu.

Doderidge fand vor Cravenhaus alles still, Edward längst daheim; er war zu spät gekommen.

Jetzt noch Einlass zu begehren, offen zu sagen, was er wusste, hätte nur eine Katastrophe in der Familie herbeigeführt, ihn nutzlos selber gefährdet, vielleicht William aber nur desto sicherer ins Verderben gebracht. Denselben ins Geheime zu warnen war das einzige, was er einstweilen tun konnte. Traurig ging er nach Haus und legte sich nieder, ohne Jeany seine Entdeckung mitzuteilen, damit diese in ihrer Angst sich morgen nicht verrate. Die ganze Nacht tat er kein Auge zu, und kaum graute der Tag, so stand er schon vor dem Cravenhause, damit William nicht dasselbe ohne sein Wissen verlasse, ehe er Zeit gewonnen, mit ihm zu sprechen.

Niemand hatte eine Ahnung des Unheils, welches bevorstand. Edward war in sich gekehrt und still, er suchte unter übereifriger Arbeit zu verbergen, was in ihm vorging. Nur wenn sein scheues Auge sich erhob und Doderidges forschenden Blick traf, lief es wie ein Schauer über ihn hin. Die Regsamkeit der vielen Menschen, das Treiben des Geschäfts, vor allem des Meisters gewöhnliche Redseligkeit, verhinderten Doderidge, eine Frage an Edward zu richten, welche ihn etwa einschüchtern konnte. Was war auch damit getan? Was geschehen sollte, geschah darum doch. Eine kurze Abwesenheit Sir Cravens benutzte indes Josuah, hinüber zu William zu schlüpfen, der sich gerade zum Ausgehen rüstete.

»Wollt Ihr weg, Sir?«

»Gewiss, Freund. ’s ist ja die Zeit, wo ich auf dem Schottenhofe meine Fechtübungen zu machen pflege. Man kann heutzutage nie wissen, wie bald man’s einmal ernstlich braucht.«

»Geht nicht aus! Bei der Gnade der Gerechten, geht nicht aus, wenn Euer Wohl Euch lieb ist!«

»Bist Du närrisch? Und dies blasse Gesicht, dieser schreckhafte Blick! Was fällt Dir denn ein?«

»Ihr gleicht einem lächelnden Kinde, das Blumen pflückt und den Molch nicht ahnt, der drunter lauert. Ich sage Euch nur eins, und möge ich fallen in die Hand des Verderbers hier und dort, wenn ich lüge, aber — hütet Euch vor Eurem Bruder, damit der Tag von Kain und Abel in diesem Hause sich nicht erneuere!«

William fuhr zurück.

»Mensch, Du siehst Gespenster am hellen Tage! Unnatürlich ist, was Du sagst! Wohl seh’ ich, dass meine größte Willfährigkeit nicht imstande ist, mir Edward zu gewinnen, aber zu einer Tat, wie — Du andeutest, ist doch sein Herz nicht fähig. Haha, Du, der Du ihn lange genug kennst, müsstest Dir doch bei kaltem Blute sagen, dass er dazu nicht einmal den Mut hat! Nenne mir die Gründe, ihn zu solchem Entschlusse zu bewegen! Was tat ich ihm je zuleide?«

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