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Kitabı oku: «Der Page des Herzogs von Savoyen», sayfa 13

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V.
Nach der Abdankung

Für diejenigen unserer Leser, welche die Folge aller Dinge sehen und das Für und Wider jedes Ereignisses abwägen wollen, schreiben wir dieses Capitel, welches den Gang unserer Erzählung vielleicht aufhält, dem Blicke aber, der jetzt auf dem Kaiser Carl V. ruhte, das erloschene große Geschick durch das Dunkel des neuen Lebens, von dem Tage der Abdankung an bis an seinen Tod, das heißt vom 25. October 1555 bis zum 21. September 1558, zu verfolgen gestattet.

Ist der Besieger Franz I. in das Grab hinabgestiegen, in das ihm sein Nebenbuhler seit neun Jahren vorausgegangen, so kehren wir zu dem Leben, den Kämpfen, den Festen, dem Hasse und der Liebe über, zu jenem unermeßlichen Gesumme, welches selbst die Todten in ihren Gräbern wiegt.

Die verschiedenen Staatsgeschäfte, welche Carl V. in den Niederlanden zu ordnen hatte, die Niederlegung der Kaiserkrone zu Gunsten seines Bruders Ferdinand, welche der Abdankung zu Gunsten seines Sohnes Philipp folgen sollte, hielten den ehemaligen Kaiser fast noch ein Jahr lang in Brüssel fest, so daß er erst in den ersten Tagen des September 1556 diese Stadt verlassen und in Begleitung aller Großen, Gesandten, Adeligen, Magistratspersonen und Offiziere Belgiens sich nach Gent begeben konnte.

Der König Philipp hatte ausdrücklich seinen Vater bis an den Einschiffungsort, das heißt bis nach Vließingen begleiten wollen, wohin sich der Kaiser im Tragsessel begab und wohin ihn die beiden Königinnen, seine Schwestern, mit ihren Damen, der König Philipp mit seinem Hofe und Emanuel Philibert mit seinen beiden unzertrennlichen Gefährten, Leone und Scianca-Ferro, begleiteten.

Der Abschied war lang und traurig. Der Mann, welcher die Welt mit seinen Armen umfaßt hatte, trennte sich nicht nur von seinen Schwestern, seinem Sohne und einem dankbaren und ergebenen Neffen, sondern auch von der Welt, fast vom Leben, da er die Absicht hatte, gleich nach seiner Ankunft in Spanien sich in ein Kloster zurückzuziehen.

Auch wollte der Kaiser am Tage vor seiner Abreise Abschied nehmen, denn er sagte, wenn am Hafen erst die Trennung erfolgen sollte, werde er den Muth nicht finden das Schiff zu betreten.

Der Erste, von welchem Carl V. Abschied nahm, weil er denselben in seinem Herzen vielleicht am wenigsten liebte, war sein Sohn Don Philipp.

Nachdem dieser König von Spanien den Abschiedskuß des Vaters erhalten hatte, kniete er nieder und bat um den väterlichen Segen. Carl V. gab ihm denselben mit der großen Majestät, welche er bei solchen Umständen zu zeigen verstand, empfahl ihm Frieden mit den Mächten und vor Allem, wenn es möglich sey, mit Frankreich.

Don Philipp versprach seinem Vater nach den Absichten desselben zu handeln und obwohl er zweifelte, daß dies in Bezug aus Frankreich möglich seyn werde, schwur er doch seinerseits die Verträge getreulich zu halten, so lange Heinrich II. sie nicht breche.

Darauf umarmte Carl V. Emanuel Philibert. Er hielt ihn lange umschlossen und konnte sich gar nicht entschließen, ihn loszulassen.

Endlich rief er Don Philipp mit bewegter Stimme und Thränen in den Augen und sagte:

»Mein lieber Sohn, ich habe Dir viel gegeben: Neapel, Flandern und Indien, ich habe Alles Dir überlassen, was ich besaß, aber merke Dir wohl: Neapel und seine Paläste, die Niederlande und ihr Handel, Indien und ihre Gold, Silber- und Edelsteingruben kommen dem Schatze nicht gleich, den ich Dir in deinem Vetter Emanuel Philibert hinterlasse, der ein Mann von großem Verstand, ein guter Staatsmann und ein großer Feldherr ist. Ich empfehle Dir also, ihn nicht als Unterthan zu behandeln, sondern als Bruder und auch da, sage ich, wird er kaum nach Verdienst behandelt seyn.«

Emanuel wollte die Knie seines Oheims küssen, dieser aber hielt ihn in seinen Armen, dann aber schob er ihn aus den seinigen in die Don Philipps und sagte:

»Geht! geht! Es ist schmählich für Männer so zu ächzen und zu weinen wegen einer kurzen Trennung in dieser Welt. Sorgen wir durch gute Thaten, Tugenden und ein christliches Leben dafür, daß wir einander in jener Welt wieder finden, – das ist die Hauptsache.«

Er wendete sich von den beiden jungen Männern ab seinen Schwestern zu und winkte ihnen sich zu entfernen. So blieb er, den Rücken ihnen zugekehrt, bis sie aus dem Zimmer waren.

Don Philipp und Emanuel Philibert stiegen zu Pferde und reisten sofort nach Brüssel.

Der ehemalige Kaiser schiffte sich am nächsten Tag, 10. September 1556, auf einem »in Größe und Schmuck wahrhaft königlichen Schiffe« ein, wie der Geschichtschreiber Carls V. sagt, kaum aber war es auf dem Meere, so näherte sich ihm ein englisches Fahrzeug, welches den Grafen Arundel trug, den die Königin Marie an ihren Schwiegervater sandte, um ihn bitten zu lassen, nicht so nahe an den Küsten Englands vorüberzufahren, ohne ihr einen Besuch zu machen.

Carl V. aber zuckte die Achseln und sagte in einem Tone, der nicht frei von Bitterkeit war:

»Welches Vergnügen könnte eine so große Königin haben, sich als Schwiegertochter eines so alten Mannes zu sehen?«

Trotz dieser Antwort wiederholte der Graf Arundel die Einladung mit so höflichen Bitten und so ehrfurchtsvoll, daß Carl V. nicht wußte wie er sich derselben erwehren sollte und sagte:

»Nun, Herr Graf, alles wird von den Winden abhängen.«

Die beiden Königinnen befanden sich auf dem Schiffe bei ihrem Bruder; sechzig Fahrzeuge begleiteten das Kaiserschiff. Als Graf Arundel sah, daß der Kaiser, obgleich der Wind nicht ungünstig war, an Yarmouth, London und Portsmouth vorüberfuhr, drang er nicht weiter in ihn, begleitete ihn aber mit seinem Schiffe bis nach Laredo, dem Hafen von Biscaja, wo Carl V. von dem Großconnétable von Castilien empfangen wurde.

Kaum hatte er die spanische Erde betreten, auf welcher er so glorreich regiert, so kniete er, ehe er den Großconnétable anredete, nieder und küßte den spanischen Boden, der für ihn ein zweites Vaterland geworden war.

»Ich grüße Dich mit aller Ehrfurcht, gemeinsame Mutter!« sprach er. »Wie ich nackt aus dem Schooße meiner Mutter gekommen bin, um so viele Schätze von der Welt zu empfangen, so will ich nackt in deinen Schooß zurückkehren, mein theures Mutterland.«

Kaum hatte er dies gesprochen, so begann der Wind zu wehen und ein Sturm erhob sich mit solchem Ungestüm, daß die ganze Flotte, die ihn begleitet hatte, in dem Hafen unterging, das Kaiserschiff selbst, das mit den Schätzen und kostbarsten Geschenken beladen war, welche der Kaiser aus Belgien und Deutschland mitbrachte, um sie den Kirchen Spaniens zu übergeben, so daß Jemand aus dem Gefolge Carls V. sagte, das Schiff habe gewußt, daß es nie wieder so viel Ruhm tragen werde und sey in das Meer gesunken, um zu gleicher Zeit seine Ehrfurcht, sein Bedauern und seinen Schmerz zu zeigen.

Und es war gut, daß unbelebte Dinge dem Kaiser solche Beweise von Ehrfurcht und Schmerz gaben, denn die Menschen wurden bald kalt gegen diese gefallene Größe. Durch Burgos z.B. kam der Kaiser, ohne daß eine Deputation ihn empfing und ohne daß die Bürger nur an die Thür traten, um ihn zu sehen.

Da schüttelte der Kaiser den Kopf und flüsterte:

»Es scheint fast, als hätten die Leute in Bourgos es gehörte als ich in Laredo sagte, ich kehre nackt nach Spanien zurück.«

Abends jedoch kam ein Edelmann, Don Bartolomeo Miranda, zu ihm und sagte:

»Es ist heute genau ein Jahr, Sire, daß Ew. Majestät anfing die Welt zu verlassen, um sich ganz dem Dienste Gottes zu widmen.«

»Ja,« antwortete Carl, »und es ist heute auch gerade ein Jahr, daß ich zu bereuen anfing, was ich gethan.«

Carl V. gedachte des traurigen und einsamen Abends nach seiner Abdankung, als er Niemanden als den Admiral Coligny gehabt hatte, die Kohlen, die auf die Teppiche gefallen, wieder in den Camin zu bringen.

Von Burgos gelangte der Kaiser nach Valladolid, welches damals die Hauptstadt von Spanien war. Eine halbe Stunde vor der Stadt traf er einen Zug, der ihm entgegen kam, die Adeligen und Herren mit seinem Enkel Don Carlos, der sein elftes Jahr erreicht hatte.

Der Knabe wußte sein Pferd trefflich zu tummeln und ritt an der Seite des Tragsessels des Kaisers. Ihn sah zum ersten Male der Großvater und betrachtete ihn mit einer Aufmerksamkeit, die jeden Andern als den jungen Prinzen in Verlegenheit, gebracht haben würde. Dieser schlug nicht einmal die Augen nieder und nahm nur jedes Mal, wenn der Blick des alten Kaisers sich auf ihn heftete, sein Barret ab, das er wieder aufsetzte, sobald Carl V. seine Augen abwandte.

Kaum war der Kaiser in seine Gemächer gelangt, so ließ er den Prinzen rufen, um ihn in der Nähe zu sehen und mit ihm zu sprechen.

Der Knabe erschien in ehrfurchtsvoller Haltung, aber ohne alle Verlegenheit.

»Es war recht von Dir, mein Enkel, daß Du mir entgegen kamst,« sagte Carl V.

»Das war meine Pflicht,« antwortete der Knabe, »denn ich stehe doppelt unter Euch, da Ihr mein Großvater und mein Kaiser seyd.«

»Sieh! Sieh!« sagte der Kaiser, der sich über diese Sicherheit und Festigkeit in so großer Jugend wunderte.

»Ich wäre Euch auch aus Neugierde entgegengekommen, wenn ich es nicht aus Pflicht gethan hätte,« setzte der Knabe hinzu.

»Warum?«

»Weil ich oft gehört habe, Ihr wäret ein großer Kaiser und hättet große Dinge gethan.«

»Hm!« sagte Carl V. dem der Charakter des Knaben gefiel. »Soll ich Dir von diesen großen Dingen erzählen?«

»Das wäre ein großes Vergnügen und eine sehr große Ehre für mich,« antwortete der junge Prinz.

»So setze Dich daher.«

»Mit der Erlaubniß Ew. Majestät werde ich stehend zuhören.«

Und Carl V. erzählte ihm von allen seinen Kriegen gegen den König Franz I. gegen die Türken und die Protestanten.

Don Carlos hörte mit großer Aufmerksamkeit zu und als der Großvater schwieg, antwortete er, um zu zeigen, daß ihm nicht alles neu gewesen:

»Ja, so ist es.«

»Aber,« entgegnete der Kaiser, »Du sagst mir nicht, was Du von meinen Abenteuern hältst und ob ich mich tapfer gehalten habe.«

»Nun,« antwortete der junge Prinz, »es gefällt mir alles ganz gut, etwas aber kann ich Euch nicht verzeihen…«

»Ach! was wäre das?« fragte der Kaiser.

»Daß Ihr einmal in der Nacht halb nackt aus Innsbruck vor dem Herzog Moritz entflohet.«

»Das,« entgegnete der Kaiser lächelnd, »that ich Dir wahrhaftig nicht freiwillig. Er überfiel mich…«

»Ich wäre nicht geflohen,« sagte Don Carlos.

»Ich mußte wohl fliehen, weil ich ihm nicht widerstehen konnte.«

»Ich wäre doch nicht geflohen,« erwiederte der Prinz.

»So sollte ich mich fangen lassen? Das wäre eine große Unklugheit gewesen, um derentwillen man mich noch viel mehr getadelt haben würde.«

»Ich wäre nicht geflohen,« sagte der Prinz zum dritten Male.

»So sage mir auch, was Du in einem solchen Falle gethan haben würdest. Was würdest Du z.B. jetzt thun, wenn ich etwa dreißig Pagen gegen Dich schickte?«

»Ich würde nicht fliehen,« weiter antwortete der Knabe nicht.

Der Kaiser runzelte die Stirn, rief den Erzieher des Prinzen und sagte:

»Nehmt meinen Enkel mit Euch… ich mache Euch mein Compliment über die Erziehung, die er empfängt. Wenn er so fortfährt, wird er der größte Krieger in unserer Familie werden.«

An demselben Abende sagte er zu seiner Schwester Eleonora, die er in Valladelid ließ:

»Der König Don Philipp scheint mit seinem Sohne Don Carlos kein Glück zu haben. Sein Wesen und Aussehen in dieser frühen Jugend gefällt mir nicht, da es nicht natürlich ist… Ich weiß nicht, was geschehen wird, wenn er sein zwanzigstes Jahre erreicht hat… Beachte die Worte und das Thun des Knaben, und sage mir aufrichtig, wenn Du mir schreibst, deine Meinung.«

Am zweiten Tage darauf reiste Carl V. nach Palanca ab und einen Tag später schrieb ihm die Königin Eleonora:

»Wenn Dir, Bruder, das Wesen deines Enkels mißfallen hat, da Du ihn doch nur einen Tag gesehen, so mißfällt es mir um so mehr, da ich ihn nun drei Tage sah.«

Der Knabe, welcher in Innsbruck nicht hatte fliehen wollen, war derselbe, welchen Don Philipp, sein Vater, zwölf Jahre später unter dem Vorwande tödten ließ, er stehe mit den Aufständischen in den Niederlanden in Verbindung.

In Valladolid hatte der Kaiser seinen ganzen Hof entlassen mit Ausnahme von zwölf Dienern und zwölf Pferden, auch behielt er für sich nur einige seltene und kostbare Geräthe, alles Uebrige vertheilte er unter die Herren, die ihn begleitet hatten. Nachdem er von den beiden Königinnen Abschied genommen, setzte er seine Reise nach Palanca fort.

Palanca liegt nur achtzehn Meilen von dem Kloster St. Just, welches Carl V. für seinen Aufenthalt gewählt und wohin er schon im Jahre vorher einen Baumeister geschickt hatte, welcher ihm sechs an einander gehende Zimmer bauen sollte, darunter vier wie Mönchszellen und zwei etwas größer. Auch sollte ein Garten angelegt werden, zu dem der Kaiser den Entwurf selbst gemacht hatte.

Dieser Garten war das Schönste von dem kaiserlichen Aufenthalte. Er wurde auf zwei Seiten von einem kleinen Flusse mit hellem Wasser bespült und war ganz mit Orangen und Cedern bepflanzt, deren Zweige die Fenster des ehemaligen Kaisers beschatten sollten.

Im Jahre 1542 hatte Carl V. dieses Kloster besucht und beim Fortgehen gesagt:

»Das wäre ein rechter Ort, wo ein anderer Diocletian zurückgezogen leben könnte!«

Am 24. Juli 1557 nahm der Kaiser Besitz von seiner Wohnung in dem Kloster. Es war am Jahrestag seiner Geburt, der ihm immer Glück gebracht hatte.

Als er die Schwelle des Klosters überschritt, sagte er:

»Ich will für den Himmel an demselben Tage geboren werden, an welchem ich für die Erde geboren wurde.

Von den zwölf Pferden, die er behalten hatte, schickte er elf wieder fort. Auf dem letzten ritt er bisweilen nach dem lieblichen Thale von Serandilla, das nur eine Meile entfernt war und das man den Garten von Estremadura nannte.

Von diesem Augenblicke an hatte er wenig Verkehr mit der Welt und nur selten empfing er Besuche von seinen ehemaligen Höflingen, ein- oder zweimal jährlich Briefe von dem Könige Philipp, von Kaiser Ferdinand und den beiden Königinnen, seinen Schwestern. Seine einzige Zerstreuung waren die erwähnten Ausflüge, die Essen, welche er zufällig einigen der Herren gab, die ihn besuchten, die er zum Abende bei sich behielt und zu denen er sagte: »Bleibt bei mir, Freunde, um wie Mönche zu leben.« Eine Unterhaltung für ihn waren auch die kleinen Vögel aller Art, die er in großen Käfigen bei sich hatte.

Das Leben währte ein Jahr, aber nach einem Jahre kam es dem erlauchten Klausner noch immer zu weltlich vor, und am Jahrestage seiner Geburt, an welchem er vor einem Jahre das Kloster betreten hatte, sagte er zu dem Erzbischofe von Toledo, der zu ihm gekommen war, um ihm seine Glückwünsche zu bringen:

»Ich habe siebenundfünfzig Jahre für die Welt, ein Jahr in dieser Zurückgezogenheit für meine vertrautesten Freunde und Diener gelebt, nun will ich dem Herrn die wenigen Monate darbringen, die ich noch zu leben habe«

Er dankte deshalb dem Prälaten zwar für den Besuch, bat ihn aber sich nicht ferner zu ihm zu bemühen, als wenn er ihn wegen seines Seelenheiles rufen lasse.

Vom 25. Februar 1558 an lebte dann der Kaiser wirklich wie die Mönche, er aß mit denselben, ging pünktlich zu den bestimmten Stunden in die Kirche und gestattete sich keine andere Unterhaltung als die, Messen für die zahllosen Krieger lesen zu lassen, welche in seinem Dienste in den verschiedenen Kämpfen und Schlachten gefallen waren, welche er selbst geliefert hatte oder hatte liefern lassen.

Für die Generale, Räthe, Minister und Gesandte, von deren Todestagen er ein genaues Verzeichniß hatte, ließ er besondere Altäre errichten und besondere Messen lesen, als wollte er nun über die Todten herrschen wie sonst über die Lebenden.

Zu Ende des Monats Juli des Jahres 1558 endlich war er es müde immer nur der Bestattung Anderer beizuwohnen und wollte seine eigene sehen. Er brauchte indeß einige Zeit, ehe er sich an diesen seltenen Gedanken gewöhnte; er fürchtete, man werde Stolz oder Wunderlichkeit darin sehen, wenn er seinen Wunsch ausführen lasse, aber das Verlangen wurde so unwiderstehlich, daß er mit einem Mönche des Klosters, Juan Regola, darüber sprach.

Der Mönch antwortete, er sehe nichts Unrechtes in dem Vorhaben, obwohl es ein ungewöhnliches sey, erbot sich auch die Meinung des Erzbischofs von Toledo darüber einzuholen.

Der Mönch reisete ab und Carl V. hat wohl nie in den Zeiten seiner Macht so ungeduldig auf die Rückkehr eines Boten gewartet als diesmal.

Nach vierzehn Tagen erschien der Mönch wieder; die Antwort lautete günstig und man beschäftigte sich nun in dem ganzen Kloster mit den Vorbereitungen zu der Ceremonie, die des großen Kaisers würdig seyn sollte.

Man erbaute zuerst ein kostbares Mausoleum mitten in der Kirche.

Am 24. August sollte die Scheinbestattung erfolgen.

Um fünf Uhr früh wurden fünfhundert große schwarze: Kerzen an dem Sarkophage aufgestellt und angezündet, um welchen die Diener des ehemaligen Kaisers barhäuptig und mit einer Kerze in der Hand standen.

Um sieben Uhr trat Carl V. in einem langen Trauergewande ein zwischen zwei ebenso gekleideten Mönchen. Ebenfalls mit einer Kerze in der Hand setzte er sich auf einen Stuhl vor dem Altare und da hörte er, der Lebendige, alle Gesänge für die Todten an vom Requiem bis zum Requiescat, während sechs Mönche von verschiedenen Orden stille Messen an den sechs Seitenaltären der Kirche hielten.

In einem bestimmten Augenblicke stand er auf, verbeugte sich immer in Begleitung der beiden Mönche, vor dem Hochaltare, kniete nieder, betete laut und empfahl seine Seele der Barmherzigkeit des Höchsten.

Dann setzte er sich wieder auf seinen Stuhl.

Nach der Messe ließ der Kaiser eine Steinplatte im Chor aufheben und befahl, daß auf den Boden einer zu dem Zwecke gegrabenen Grube eine schwarze Sammtdecke und ein Kissen von schwarzem Sammt gelegt werde.

Mit den beiden Mönchen stieg er da hinein, legte sich steif hin, hielt die Hände auf die Brust und spielte die Leiche so gut als möglich.

Die Priester stimmten das De profundis an und während das Chor weiter sang, zogen alle Mönche und alle andern Anwesenden, mit den Kerzen in der Hand, weinend an dem sogenannten Verstorbenen vorüber, besprengten ihn mit Weihwasser und wünschten seiner Seele Ruh.

Diese Ceremonie dauerte über zwei Stunden, denn derer, welche ihn mit Weihwasser bespritzten, waren viele, auch wurde der Kaiser ganz durchnäßt, so daß er endlich frierend sich erhob, obgleich er sagte:

»Ich weiß nicht ob es die Mühe lohnt, daß ich aufstehe.«

Als er in seine Zelle zurückkam, mußte er sich in das Bett legen, das er nicht wieder verließ, so daß man einen Monat nach dem Scheinbegräbniß ihn wirklich begrub.

Am 21. September 1558 hauchte Carl V. seine große Seele in den Armen des Erzbischofs von Toledo aus, den er seinem Versprechen gemäß zu sich rufen ließ.

Er hatte siebenundfünfzig Jahre sieben Monate und einundzwanzig Tage gelebt und vierundvierzig Jahre regiert und achtundzwanzig Jahre die Kaiserkrone getragen. Wie er an einem Aposteltag, am Feste des heiligen Mathias, 24. Februar geboren worden, so starb er am Feste des heiligen Matthäus, 21. September.

Der Pater Strador erzählt in seiner G e s c h i c h t e v o n F l a n d e r n, in der Nacht des Todes Carl V. sey eine Lilie im Garten des Klosters St. Just aufgeblüht und man habe dieselbe, als Zeichen der Seelenreinheit des Kaisers, auf den Hauptaltar gebracht.

Es ist etwas Schönes um die Geschichte, darum halten wir uns auch nicht würdig Geschichtschreiber zu seyn, sondern schreiben nur Romane.

VI.
Der Hof von Frankreich

Etwas über ein Jahr nach der Abdankung Carls V. in Brüssel und etwa zu der Zeit, als sich der ehemalige Kaiser im Kloster St. Just einschloß, in dem Augenblicke als der Frühling in seinem grünsten Neu blühte, wie Ronsard sagte, damals der Lieblingsdichter des französischen Hofes, das heißt, im Anfange des Monats April kam ein glänzender Reiterzug aus dem alten Schlosse St. Germain und bewegte sich nach dem Parke zu, dessen große schöne Bäume sich mit den ersten Knospen zu bedecken begannen, um ihnen das grüne Sommerkleid zu bereiten. Glänzend war der Reiterzug, denn er bestand aus dem Könige Heinrich II. seiner Schwester Margaretha von Frankreich, der schönen Herzogin von Valentinois, seiner Geliebten; dem Dauphin Franz, seinem älteren Sohne; seiner Tochter Elisabeth von Valois; der jungen Königin von Schottland, Maria Stuart; dem Herzoge von Nemours und den ersten Herren und Damen, welche damals den Schmuck und Ruhm des Hauses Valois ausmachten, das in der Person Franz I. auf den Thron gekommen war.

Auf dem lustigen Balcon des Schlosses, welcher auf einer wunderbar zarten Eisenarbeit ruhte, befanden sich außerdem die Königin Catharina von Medici mit den beiden jungen Prinzen, von denen der Eine Carl IX. und der Andere Heinrich III. wurde, der erste sieben und der zweite sechs Jahre alt war, und der kleinen Prinzessin Margarethe, welche später Königin von Navarra werden sollte und erst fünf Jahre zählte. Alle drei waren also noch zu jung, um ihren Vater auf die Jagd begleiten zu können.

Die Königin Catharina von Medici hatte, um ebenfalls von der Jagd wegzubleiben, ein leichtes Unwohlseyn vorgeschützt und da sie eine der Frauen war, welche nichts ohne Grund thun, so war sie entweder wirklich unwohl oder sie hatte einen Grund unwohl zu erscheinen.

Da alle Personen, welche wir genannt haben, eine hervorragende Rolle in der Geschichte spielen werden, die wir zu erzählen unternommen haben, so werden die Leser erlauben, daß wir diese Personen genauer beschreiben, ehe wir den abgerissenen Faden der Ereignisse wieder aufnehmen.

Beginnen wir mit dem Könige Heinrich II. der voraus ritt und zu seiner Rechten seine Schwester Margarethe, zur Linken die schöne Herzogin von Valentinois hatte.

Er war damals ein schöner stolzer Herr von neununddreißig Jahren mit schwarzen Brauen, schwarzen Augen, schwarzem Bart, dunkler Farbe, Adlernase und schönen weißen Zähnen, nicht so groß und nicht so stark musculös wie sein Vater, aber trefflich gebaut und über mittelgroß, in den Krieg so gar förmlich verliebt, daß er wenigstens ein Bild davon an seinem Hofe und bei seinen Vergnügungen haben wollte, wenn er nicht den wirklichen in seinen oder in den Nachbarstaaten hatte.

So war denn auch der König, der von Literatur und Gelehrsamkeit eben nur so viel wußte, um die Dichter ehrenvoll zu belohnen, über welche er die Meinungen seiner Schwester Margarethe, seiner Geliebten, der schönen Diana, und seiner reizenden Mündel Maria Stuart hörte, der am mindesten müßige Mann in seinem Lande.

Er theilte seinen Tag in folgender Weise ein.

Seine Morgen und Abende, das heißt, die Zeit nach seinem Aufstehen und vor seinem Schlafengehen, gehörten den Geschäften. Zwei Stunden Vormittags genügten ihm meist sie abzutun, dann hörte er sehr andächtig die Messe, denn er war ein guter Katholik, wie er bewies als er mit eigenen Augen den Parlamentsrath Anna Dubourg verbrennen sehen wollte, welches Vergnügen er indeß nicht haben konnte, da er ein halbes Jahr vor der Verurtheilung des armen Hugenotten starb. Schlag zwölf Uhr Mittags speiste er, dann machte er mit den Herren seines Hofes der Königin Catharina von Medici einen Besuch, bei der er, wie Brantôme sich ausdrückt, eine Anzahl menschlicher Göttinnen traf, eine schöner wie die andere. Während er hier mit der Königin, seiner Schwester, der kleinen Königin Maria Stuart oder den ältern Prinzessinnen, seinen Töchtern, sprach, unterhielt sich nach seinem Beispiele jeder Herr mit der Dame, die ihm am besten gefiel. Dies dauerte etwa zwei Stunden, worauf der König zu seinen Leibesübungen überging. Diese waren im Sommer Ball- und Kegelspiel.

Heinrich II. liebte das Ballspiel leidenschaftlich und spielte es meisterlich, wobei er seinem Charakter gemäß stets die gefährlichsten und schwierigsten Stellen wählte. Er war deshalb der Erste, Zweite und Dritte (im Ballspiel) in dem Lande, wie man sich damals ausdrückte. So gern er aber spielte, so trug er doch immer die Kosten; wenn er gewann, überließ er den Gewinn seinen Partnern und wenn diese verloren, bezahlte er für sie.

Die Partien waren gewöhnlich fünf- bis sechshundert Thaler, nicht wie bei seinen Nachfolgern vier-, sechs- und zehntausend Thaler. »Aber,« sagte Brantôme naiv, »zur Zeit des Königs Heinrich II. wurde bar bezahlt, während man heutzutage das Bezahlen gern vergißt.«

Im Winter, es mochte noch so kalt seyn, ging er nach Fontainebleau, wo man entweder in den Gängen oder auf den Teichen fuhr. Gab es zu viel Schnee, so baute man von demselben Bastionen und kämpfte mit Schneebällen. Regnete es dagegen, so begab man sich in die Säle und focht.

Ein Opfer des Fechtens war von Boncard. Der König hatte ihm als Dauphin ein Auge ausgestochen, ein Unfall, um deswillen er ihn artig um Verzeihung bat, sagt der Schriftsteller, dem wir diese Einzelheiten entlehnen.

Die Hofdamen wohnten allen diesen Uebungen im Sommer und Winter bei, denn der König meinte, die Anwesenheit der Damen verderbe nie etwas, verschönere aber immer.

Abends, nach dem Essen, begab man sich wiederum zu der Königin und wenn kein Ball war – etwas Seltenes damals – plauderte man zwei Stunden. Es war dies die Zeit, in welcher man die Dichter und Gelehrten vorstellte, wie Ronsard, Dorat und Muret, Danesius und Amyot, und dann begannen unter diesen Herren Turniere und Kampfspiele in Poesie und Wissenschaft, was die Damen sehr erfreute.

Nur etwas – wenn man zufällig daran dachte – breitete einen Trauerschleier über den glänzenden Hof, die unselige Prophezeiung nemlich, welche bei der Thronbesteigung des Königs Heinrich erfolgt war.

Ein Zauberer, welcher in das Schloß berufen worden, war, um die Nativität zu stellen, hatte im Beiseyn des Connétable von Montmorency erklärt, der König werde in einem Zweikampfe sterben. Der König freute sich über eine solche Todesart, drehte sich zu dem Connétable um und fragte:

»Hört Ihr, was der Mann mir verspricht?«

Der Connétable glaubte, der König sey über die Prophezeiung erschrocken und antwortete mit seiner gewöhnlichen Plumpheit:

»Sire, wollt Ihr diesen Kerlen glauben, die nur lügen und schwatzen? Erlaubt, daß ich die Prophezeiung und den Propheten dazu in ein gutes Feuer werfe zur Strafe, daß er Euch solche Dinge sagt.«

Der König aber erwiederte:

»Nein, nein; es geschieht bisweilen, daß solche Leute die Wahrheit sagen. Auch ist die Prophezeiung meiner Meinung nach nicht schlecht. Ich will lieber einen solchen Tod sterben als einen andern, vorausgesetzt, daß mein Gegner ein tapferer Edelmann ist und mir die Ehre bleibt.«

Statt die Prophezeiung und den Propheten ins Feuer werfen zu lassen, hatte er den Mann reich belohnt und die Prophezeiung Herrn von Aubespine, einem seiner Räthe, den er besonders in diplomatischen Dingen benutzte, zur Bewahrung übergeben.

Diese Prophezeiung war einigermaßen wieder aufgefrischt worden, als Herr von Chatillon von Brüssel zurückgekommen, denn man erinnert sich, daß der Kaiser Carl V. den Admiral ersucht hatte, seinem Freunde Heinrich zu sagen, er möge auf der Hut seyn vor dem Hauptmann der schottischen Garde, Gabriel von Lorge, Grafen von Montgomery, weil derselbe zwischen den Augen ein gewisses Zeichen habe, das auf den Tod eines der Fürsten der Lilie deute.

König Heinrich II. hatte darüber nachgedacht und erkannt, wie wenig wahrscheinlich es sey, daß er mit dem Hauptmann seiner Garde einen Zweikampf haben werde. Wie er die erste Prophezeiung zu den möglichen Dingen gerechnet hatte, die wohl Beachtung verdienen, so zählte er die zweite zu den unmöglichen, die nicht werth sind, daß man sich mit ihnen beschäftigt. Auch entfernte er Gabriel von Lorge nicht von sich, wie es wohl ein furchtsamerer Fürst gethan hatte, sondern schenkte ihm seine Gunst vielmehr in höherem Maße.

Wir haben gesagt, daß zu seiner Rechten Margarethe von Frankreich, die Tochter Franz I., ritt. Mit ihr werden wir uns einen Augenblick beschäftigen, denn sie war eine der ausgezeichnetsten Damen ihrer Zeit und sieht mit unserem Gegenstande in besonderer Verbindung.

Die Prinzessin Margarethe war am 5. Juni 1523 in demselben Schloß St. Germain geboren, aus welchem sie jetzt mit der Gesellschaft kam, und sie stand also in dem Augenblicke, da wir sie dem Leser verführen, im einunddreißigsten Jahre.

Warum war eine so schöne Prinzessin von Frankreich bis dahin unvermählt geblieben? Aus zwei Gründen. Den ersten hatte sie laut vor Allen ausgesprochen, den zweiten wagte sie vielleicht sich selbst nicht einmal zu sagen.

König Franz I. hatte sie, als sie noch sehr jung war, mit Herrn von Vendôme, dem ersten Prinzen von Geblüt, vermählen wollen, sie aber hatte in ihrem außerordentlichen Stolze geantwortet, sie werde nie einen Mann nehmen, welcher einmal der Unterthan des Königs ihres Bruders werde. Dies war der Grund, den sie laut ausgesprochen hatte, zur Erklärung, daß sie unvermählt geblieben.

Welcher aber war der, den sie sich selbst kaum sagte und der wahrscheinlich der rechte war? Bei der Zusammenkunft zwischen Papst Paul III. und König Franz I. in Nizza sollte auf Befehl des Königs die Königin von Navarra ihren Vater, den Herzog von Savoyen, im Schloß zu Nizza besuchen und sie nahm ihre Nichte Margaretha mit dahin. Der alte Herzog hatte die junge Prinzessin reizend gefunden und von einer Vermälung zwischen ihr und Emanuel Philibert gesprochen. Die beiden Kinder hatten einander also gesehen. Emanuel aber, der ganz mit seinen Uebungen, seiner Zärtlichkeit für Leone und seiner Freundschaft für Scianca-Ferro beschäftigt war, sah die Prinzessin kaum an. Nicht so diese: das Bild des jungen Prinzen hatte sich sehr fest und tief in ihr Herz eingeprägt, und als die Verhandlungen abgebrochen wurden, als der Krieg von neuem ausbrach, empfand sie wahren Schmerz, Kindesschmerz, auf den Niemand achtete und der, lang mit Thränen genährt, sich allmälig in milde Schwermuth umwandelte, die durch jene Hoffnung unterhalten wurde, welche liebende, gläubige Herzen nie verläßt.

Zwanzig Jahre waren seit jener Zeit vergangen und die Prinzessin hatte bald unter diesem bald unter jenem Vorwande alle Partien ausgeschlagen, die man ihr geboten.

In der Erwartung, daß der Zufall, das Schicksal oder die Beschlüsse der Vorsehung ihre geheimen Wünsche begünstigten, war sie herangewachsen, älter und schön, voll Anmuth, Lieblichkeit und Mitleid geworden mit schönem blonden Haare, braunen Augen, einer etwas starken Nase, dicken Lippen und einer Haut wie »Milch und Blut.«

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10 aralık 2019
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