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Kitabı oku: «Der Page des Herzogs von Savoyen», sayfa 17
Dritter Theil
I.
Der Leser befindet sich wieder unter Bekannten
Heinrich II. erwartete den Connétable, um Befehle von der höchsten Wichtigkeit zu geben.
Herr von Montgomery, der bereits vor einigen Jahren der Regentin von Schottland französische Hilfetruppen zugeführt hatte, wurde nach Edinburg gesandt, um zu verlangen, daß die Schotten in Folge des Vertrags mit Frankreich England den Krieg erklärten und die Herren im Regentschaftsrathe Abgeordnete mit Vollmacht nach Frankreich schickten, um den Ehevertrag der jungen Königin mit dem Dauphin abzuschließen.
Gleichzeitig wurde eine Urkunde entworfen, durch welche Maria Stuart dem Könige von Frankreich ihr Land Schottland so wie ihre Ansprüche auf England für den Fall abtrat, daß sie ohne männlichen Erden sterbe.
Nach der Vermählung, sollte Maria Stuart den Titel: Königin von Frankreich, England und Schottland annehmen. Vor der Hand ließ man wenigstens auf das Silbergeschirr der jungen Königin das dreifache Wappen der Valois, der Stuart und der Tudors stechen.
Abends fand, wie der König Heinrich II. es gesagt hatte, ein glänzendes Fest im Schlosse Saint-Germain statt und die beiden Herolde konnten nach ihrer Rückkehr melden, wie lustig und heiter man in Frankreich die Kriegserklärung aufgenommen habe.
Ehe aber das erste Fenster im Schlosse Saint-Germain erleuchtet war, sprengten zwei Reiter auf herrlichen Pferden aus dem Hofe des Louvre und ritten von da in scharfem Trabe auf der Straße nach La Fère hin.
In Louvres hielten sie einen Augenblick an, um ihre Pferde verschnaufen zu lassen, die sie in Compiègne wechselten, wie es verabredet war, worauf sie, trotz der späten Nachtstunde und der wenigen Ruhe, die sie sich gegönnt hatten, von neuem aufbrachen. Royon erreichten sie mit Tagesanbruch, und da ruhten sie eine Stunde aus, dann ritten sie nach La Fère weiter, wo sie um acht Uhr ankamen.
Es war nichts Neues da geschehen seit der Abreise Théligny’s und Yvonnet’s.
So kurze Zeit der Letztere in Paris zugebracht, hatte er doch Zeit gefunden, bei einem ihm bekannten Trödler seine Garderobe zu erneuern. Er hatte ein Wamms und Hosen von grünem Sammt mit Goldtressen und ein kirschrothes Barret mit einer weißen Feder gewählt, dazu fast untadelige Stiefel mit riesigen kupfernen Sporen. War der Anzug auch nicht ganz neu, so war er doch wenigstens so kurze Zeit und von einem so sorgsamen Herrn getragen worden, daß es kaum zu bemerken war, er komme von einem Trödler und nicht von einem Schneider.
Die Kette hatte Yvonnet aufmerksam besehen und war zu der Ueberzeugung gekommen, es sey noch Gold genug daran, um diejenigen zu täuschen, die sie nicht so sehr genau betrachteten. Und seine Sache war es zu verhindern, daß sie nicht genau betrachtet werde.
Das goldene Kreuz war ebenfalls getreulich gekauft worden, aber Niemand wußte freilich, ob Yvonnet die zehn Thaler ganz zu diesem Ankaufe verwendet hatte. Wir unsererseits glauben, er habe es nicht gethan und von dem zurückbehaltenen Gelde nicht blos den einen Anzug sondern auch noch einen Harnisch gekauft, der als Mantelsack hinten auf dem Pferde aufgeschnallt war und bei jeder Bewegung desselben einen metallischen Klang von sich gab.
Da freilich alles dies dazu diente, seine Person zu schmücken und zu schützen, seine Person aber Gudula angehörte, so war das für Gudula bestimmte Geld allerdings seinem Zwecke gemäß verwendet worden.
Kaum hatte er übrigens das Thor von La Fère hinter sich, als er erfuhr, welchen Eindruck seine neue Kleidung machte. Franz und Heinrich Scharfenstein waren als Lieferanten der Gesellschaft eben beschäftigt einen Ochsen, den sie erworben hatten und der nicht gehen wollte, nach dem Lager zu bringen. Franz zog ihn an einem Horne und Heinrich schob ihn hinten.
Heinrich sah auf, als er Pferdehufe aus dem Pflaster hörte, erkannte Yvonnet und rief:
»Franz, sieh wie der Yvonnet sich herausgeputzt hat.«
Vor Bewunderung ließ er sogar das Horn des Ochsen los, der die ihm gelassene Freiheit sofort auch benutzte, eine Schwenkung machte und sicherlich entkommen wäre, wenn nicht Heinrich ihn noch rechtzeitig am Schwanze erfaßt und mit seiner Riesenkraft festgehalten hätte.
Yvonnet winkte nur leicht grüßend mir der Hand.
Man gelangte zu dem Admiral.
Der junge Lieutenant meldete sich und ging sogleich in das Cabinet Coligny’s hinein, während Yvonnet an der Thür stehen blieb.
Der Admiral bückte sich über eine der unvollständigen Karten, die man damals hatte, und versuchte sie durch die Angaben zu vervollständigen, die ihm ein Mann mit schlauem Gesicht, spitzer Nase und klugem Auge gab, der vor ihm stand.
Dieser Mann war unser alter Bekannter Maldent, der, wie Yvonnet bereits gesagt, drei Jahre in Saint-Quentin gewesen war und die Stadt wie die Umgegend so genau wie sein Schreibzeug kannte.
Der Admiral blickte auf, als Théligny eintrat.
Maldent sah nach der Thür und erkannte Yvonnet.
Der Admiral reichte Théligny die Hand und Maldent tauschte einen Blick mit Yvonnet, welcher aus der Tasche den Beutel zog, um anzudeuten, daß die Reise nicht unfruchtbar gewesen sey.
Théligny berichtete in kurzen Worten und übergab denn Admiral ein Schreiben von dem Connétable.
»Ja,« sagte Coligny im Lesen, »daran habe ich auch gedacht. Saint-Quentin ist in der That eine Stadt, die man bewahren muß. Eure Compagnie, Théligny, ist seit gestern da eingerückt. Ihr werdet Euch heute noch ebenfalls dahin begeben und meine baldige Ankunft melden.«
Dann bückte er sich wieder auf die Karte und machte da Notizen.
Théligny kannte den Admiral, den man in der Arbeit nicht stören durfte, er glaubte indeß weitere Befehle zu erhalten und sagte deshalb zu Yvonnet:
»Erwarte mich im Lager,« sagte er leise, »ich werde Dich abholen, wenn ich die letzten Instructionen von dem Admiral erhalten habe.«
Yvonnet verbeugte sich schweigend und ging.
Er fand an der Thür sein Pferd und war im nächsten Augenblicke aus der Stadt hinaus.
Das Lager des Admirals befand sich bei La Fère. Da er zu schwach war, um sich mit seinen sechzehn- oder achtzehntausend Mann, im freien Felde halten zu können und eine Ueberrumpelung fürchtete, hatte er die Nähe einer befestigten Stadt gesucht, weil er meinte, daß seine, wenn auch schwache Armee, hinter guten Mauern sich wohl halten werde.
Nachdem Yvonnet die Linie des Lagers erreicht hatte, richtete er sich in den Steigbügeln auf, um wo möglich einen seiner Gefährten zu erkennen und zu erfahren, wo sie ihr Domicil aufgeschlagen.
Bald wurde sein Blick durch eine Gruppe angezogen, in deren Mitte er Procop zu erkennen glaubte, der auf einem Steine saß und auf den Knien schrieb.
Procop benutzte seine Schreibkunst: er machte für einen bestimmten geringen Preis Testamente in dem Augenblicke, als man jeden Augenblick mit dem Feinde zusammentreffen konnte.
Yvonnet glaubte den Freund nicht stören zu dürfen, zumal ihm ein weiterer Blick Heinrich und Franz von Scharfenstein zeigte, welche es aufgegeben, den Ochsen in das Lager zu führen, ihm die Beine gebunden hatten und auf einer Wagendeichsel trugen.
Ein Mann, der kein Anderer war als Pille-Trousse, winkte ihnen vor einem ziemlich gut aussehenden Zelte.
Yvonnet erkannte das Zelt, an welchem er den neunten Antheil hatte und in der nächsten Minute war er bei Pille-Trousse, der, ehe er den Cameraden bewillkommte, ein-, zwei-, dreimal um ihn herumging, der wie eine Reiterstatue mit zufriedenem Lächeln sich nicht rührte.
Dann blieb Pille-Trousse stehen und sagte mit Zungenklatschen, das seine Bewunderung ausdrücken sollte:
»Das ist einmal ein Pferd! Seine vierzig Goldthaler werth! Wo beim Teufel hast Du das gestohlen?«
»Still!« sagte Yvonnet. »Mit Respect von dem Pferde gesprochen! Es kommt aus dem Marstalle Sr. Majestät und gehört mir nur leihweise.«
»Das ist Schade,« meinte Pille-Trousse.
»Warum?«
»Weil ich einen Käufer dafür wüßte.
»Wer wäre das?«
»Ich!« antwortete eine Stimme hinter Yvonnet.
Yvonnet drehte sich um und blickte den an, welcher sich so stolz mit dem kleinen Worte vorstellte.
Der Liebhaber des Pferdes war ein junger Mann von drei- bis vierundzwanzig Jahren, nur halb bewaffnet, wie sich die Kriegsleute in dem Lager zu zeigen pflegten.
Yvonnet brauchte die breiten Schultern, den Kopf mit dem rothen Haar und Bart, die hellblauen eigensinnigen und rohen Augen nur zu sehen, um den zu erkennen, welcher ihn anredete.
»Herr,« sagte er, »Ihr habt meine Antwort schon gehört, das Pferd gehört in der That Sr. Majestät dem König von Frankreich, der die Güte hatte, es mir zu leihen, um in das Lager zurückzukommen. Wenn er es zurückfordert, muß ich es abliefern; wenn er es mir läßt, steht es Euch zu Diensten, nachdem, wie sich versteht, wir über den Preis einig geworden sind.«
»So meine ich es,« antwortete der junge Mann, »hebe es also auf für mich; ich bin reich und lasse mit mir handeln. Uebrigens ist das nicht das einzige, was ich mit Euch zu verhandeln habe.«
Yvonnet und Pille-Trousse verbeugten sich.
»Wie viele seyd Ihr in eurer Bande?«
»In unserer Gesellschaft, wollt Ihr sagen,« fiel Yvonnet ein, den dies Wort verletzte.
»In eurer Gesellschaft, wenn Euch das besser gefällt.«
»Wenn nicht in meiner Abwesenheit einem meiner Cameraden ein Unglück zugestoßen ist,« antwortete Yvonnet mit einem fragenden Blicke auf Pille-Trousse, »so sind wir neun.«
»Und neun Muthige?« fragte der junge Herr.
Yvonnet lächelte; Pille-Trousse zuckte die Achseln.
»Eine hübsche Probe habt Ihr da,« sagte der junge Mann, indem er aus Heinrich und Franz Scharfenstein zeigte, »wenn die Beiden zu der Gesellschaft gehören.«
»Sie gehören dazu.«
»So könnte man unterhandeln…«
»Mit Verlaub, wir gehören dem Herrn Admiral an.«
»Bis auf zwei Tage in der Woche, an denen wir für eigene Rechnung arbeiten können,« erläuterte Pille-Trousse. »Procop hat diese Clausel noch in den Vertrag gebracht für die zwei Fälle, daß wir eine Unternehmung für uns selbst hätten und dafür ein ehrbarer Mann uns einen Antrag der Art machte, wie der Herr da ihn machen zu wollen scheint.«
»Es ist nur für einen Tag oder eine Nacht. Es trifft sich also ganz gut. Wo finde ich Euch, wenn ich Euch brauche?«
»Wahrscheinlich in Saint-Quentin,« antwortete Yvonnet, »ich persönlich wenigstens werde dort seyn.«
»Und Zwei von uns,« sagte Pille-Trousse, »sind schon da, nemlich Lactantius und Malemort. Die Uebrigen… «
»Die Uebrigen werden bald folgen,« sagte Yvonnet, »weil der Admiral, wie ich ihn selbst sagen hörte, in zwei oder drei Tagen dort seyn will.«
»Also in St.-Quentin!« sagte der junge Mann, der sich mit leichtem Kopfknicken entfernte.
Yvonnet sah ihm nach, bis er unter der Menge verschwunden war, dann rief er einen Burschen, welcher die neun Genossen bediente und dafür leibliche und geistige Speise erhielt, und warf ihm den Zügel des Pferdes zu.
Zuerst trat Yvonnet zu Pille-Trousse, um ihm seine Bemerkungen über den Unbekannten mitzutheilen, wahrscheinlich aber bedachte er, daß Pille-Trousse ein zu materieller Mensch sey, um ein so wichtiges Gebeimniß zu empfangen, verschluckte die Worte, die er schon aus den Lippen hatte, und schien seine ganze Aufmerksamkeit der Arbeit der beiden Scharfensteine zuzuwenden.
Heinrich und Franz hatten den Ochsen an der Wagendeichsel auf den Achseln richtig bis an das Zelt gebracht.
Dann war Heinrich in das Zelt hineingegangen und hatte seine Streitaxt gesucht, ohne dieselbe sogleich finden zu können, da Fracasso, der eben in poetischer Begeisterung sich befand, der größern Bequemlichkeit wegen sich auf eine Matratze gelegt und jene Streitaxt als Kopfkissen gebraucht hatte.
Diese sehr einfache Streitaxt bestand aus einer zwölfpfündigen Kanonenkugel mit einem eisernen Stiele. Dies war mit einem riesenmäßigen Schwerte die gewöhnliche Waffe der beiden Scharfenstein.
Heinrich hatte sie endlich gefunden, trotz dem Wehklagen Fracasso’s, der eben einen schönen Reim gefunden, sie unter dem Kopfe des Dichters weggenommen und war zu dem wartenden Franz zurückgekehrt.
Kaum hatte Franz die Vorderbeine des Ochsen aufgebunden, als das Thier mit einer Anstrengung sich halb aufrichtete.
Diesen Augenblick benutzte Heinrich, hob die Streitaxt und schlug damit mit aller seiner Kraft den Ochsen zwischen die Hörner.
Das Thier stürzte zusammen.
Pille-Trousse, der wie ein Vorstehhund nur auf diesen Augenblick wartete, machte sich sogleich an den Ochsen und öffnete ihm die Halsader, dann riß er ihn auf.
Pille-Trousse war der Metzger der Gesellschaft. Heinrich und Franz, die Lieferanten, kauften und tödteten das Vieh, Pille-Trousse schlachtete es aus, zerhackte es, legte die besten Stücke für die Gesellschaft bei Seite und bot das Uebrige, appetitlich ausgelegt, zum Verkaufe an. Das machte er so geschickt, daß er gewöhnlich für drei Viertel des Viehes, die er verkaufte, einige Thaler mehr erhielt, als das Ganze gekostet hatte.
Das kam der Gesellschaft zu Gute, die, wie man sieht, keine schlechten Geschäfte machte.
Als der Verkauf des Fleisches begann, erschien ein Reiter unter den Andrängenden, die Alle kaufen wollten. Es war Théligny, der mit Briefen des Admirals an den Bürgermeister und den Gouverneur der Stadt, wie an Johann Pauquet seinen Knappen Yvonnet abholen wollte.
Er brachte auch die Nachricht mit, dass der Admiral, sobald er die erwarteten Truppen an sich gezogen und mit seinem Oheim, dem Connétable, sich besprochen, mit fünf bis sechshundert Mann nach Saint-Quentin aufbrechen würde.
Maldent, Procop, Fracasso, Pille-Trousse und die beiden Scharfenstein sollten zu der Besatzung gehören und in der Stadt mit Malemort und Lactantius, die schon dort waren, wie mit Yvonnet sich vereinigen, der mit Théligny eben dahin vorausgehen sollte.
Der Abschied war kurz, da Fracasso sein Werk noch nicht beendigt hatte und einen Reim nicht finden konnte, die beiden Scharfenstein Yvonnet zwar sehr liebten, aber nicht sehr gesprächig waren und Pille-Trousse endlich sich begnügte, dem Freunde unter einem Händedrucke zuzuflüstern, während er Fleisch verkaufte:
»Sieh zu, dass Du das Pferd behältst.«
II.
Saint-Quentin
Es ist, wie Yvonnet zu dem Connétable gesagt hatte, sechs Stunden von La Fère nach Saint-Quentin.
Die Pferde hatten schon einen weiten Weg gemacht und zwar ohne eine andere Ruhe als eine Stunde in Royon und zwei Stunden im Lager, sie hatten auch keine Eile, als etwa Yvonnet die Gudula so bald als möglich zu sehen, und so brachten sie denn fast drei Stunden zu, bis sie die Stadt erreichten.
Nachdem sie sich an dem Thore zu erkennen gegeben hatten und unter der Wölbung desselben durchgeritten waren befanden sich die beiden Reiter in der Inselvorstadt.
»Will mir mein Lieutenant zehn Minuten erlauben,« fragte Yvonnet, »oder unterdeß zu erfahren suchen, wie es in der Stadt steht?«
»Aha,« antwortete Théligny lachend, »wir sind wohl in der Nähe von Jungfer Gudula?«
»Das sind wir. Bei Tage bin ich übrigens nur ein Bekannter von ihr, der ein paar Worte mit ihr spricht. Ich habe immer den Grundsatz gehabt, dem Rufe und des Fortkommen hübscher Mädchen nicht zu schaden.«
Er wendete sich rechts in ein Gäßchen, das an der einen Seite eine lange Gartenmauer und auf der andern eine Reihe Häuser hatte, wo man aber nur ein einziges Fensterchen sah, das ganz mit Blumen besetzt war.
Wenn Yvonnet sich in den Steigbügeln aufrichtete, konnte er gerade an das Fenster reichen, unter welchem sich ein Prellstein befand, auf den Fußgänger traten, wenn sie an das Fenster hinauf sprechen wollten.
In dem Augenblicke, als er ankam, öffnete sich wie durch Zauberei das Fenster und ein reizendes Köpfchen, rosig vor Freude, zeigte sich unter den Blumen.
»Ah, Ihr seyd es, Gudula?« fragte Yvonnet. »Wie wußtet Ihr meine Ankunft?«
»Ich sah am Fenster, das über die Mauer hinweg nach der Straße von Fère sieht. Da sah ich von weitem zwei Reiter kommen, und wenn es auch nicht wahrscheinlich war, daß Ihr der Eine wäret, konnte ich doch die Augen nicht abwenden. Als Ihr näher kamt, erkannte ich Euch. Da lauerte ich an dem Fenster, denn ich fürchtete, Ihr würdet vorüberreiten, ohne anzuhalten, erstens weil Ihr nicht allein und zweitens weil Ihr so schön seyd, daß ich fürchtete Ihr wäret ein reicher Mann geworden.«
»Die Person, die ich zu begleiten die Ehre habe, meine liebe Gudula, und die mir erlaubt hat, einen Augenblick mit Euch zu sprechen, Herr von Théligny, ist mein Lieutenant, der Euch gleich mir einige Fragen über den Zustand der Stadt vorlegen möchte.«
Gudula blickte schüchtern nach dem Lieutenant, der sie artig grüßte, worauf sie mit den Worten in bebender Stimme antwortete: »Gott behüte Euch, Herr.«
»Der Anzug, in dem Ihr mich seht, Gudula,« fuhr Yvonnet fort, »kommt von der Freigebigkeit des Königs, der, als er erfahren, daß ich das Glück habe, Euch zu kennen, mir aufgetragen hat, Euch von ihm dieses goldene Kreuz zu übergeben.«
Er nahm dabei das Kreuz aus seiner Tasche und bot es Gudula, die sich kaum entschließen konnte, es zunehmen, und sagte:
»Was sagt Ihr, Yvonnet? Warum verspottet Ihr ein armes Mädchen so?«
»Mein schönes Kind,« fiel Théligny ein, »ich war zugegen, als der König Yvonnet den Auftrag gab, Euch das Geschenk zu überbringen.«
»Ihr kennt also den König?« fragte Gudula ganz verwundert.
»Seit gestern, Gudula, seit gestern kennt Euch der König, wie den braven Mann, euren Oheim Johann Pauquet, an den mein Lieutenant ein Schreiben von dem Admiral hat.«
Der Lieutenant machte nochmals ein bestätigendes Zeichen und Gudula, die anfangs, wie gesagt, gezögert hatte, streckte nun die zitternde Hand hervor, welche Yvonnet erfaßte und küßte, während er ihr das Kreuz übergab.
Da kam auch Théligny näher und sagte:
»Willst Du nun, Yvonnet, die schöne Gudula fragen, wo ihr Oheim ist und in welcher Stimmung wir ihn finden werden?«
»Mein Oheim ist in dem Rathhause,« antwortete das Mädchen, welche sich nicht entschließen konnte die Augen von dem Kreuze abzuwenden, »und ich denke geneigt, die Stadt zu vertheidigen.«
»Schönen Dank… Komm, Yvonnet.«
Gudula machte ein kleines bittendes Zeichen, erröthete sehr und sagte zu Théligny:
»Wenn also mein Oheim fragt, woher das Kreuz ist…«
»So könnt Ihr ihm sagen, es komme von Sr. Majestät,« antwortete lachend der junge Offizier, welcher die Besorgniß Gudula’s sich wohl erklärte, »und der König habe es Euch zum Dank für die guten Dienste gegeben, die ihm euer Oheim und euer Vetter bereits geleistet haben und hoffentlich noch leisten. Wenn Ihr, was wohl möglich ist, Yvonnet nicht nennen wollt, so setzt nur hinzu, ich, Théligny,« Lieutenant in der Compagnie des Dauphin, habe Euch das Kreuz überbracht.«
»O, ich danke, ich danke,« rief Gudula freudig aus. »Sonst hätte ich es nicht zu tragen gewagt.«
Leise und rasch sagte sie dann noch zu Yvonnet:
»Wann sehe ich Euch wieder?«
»Als ich drei bis vier Stunden von Euch war, Gudula, saht Ihr mich jede Nacht,« antwortete Yvonnet, »denkt Euch also, da ich nun in derselben Stadt bin… «
»Still,« fiel Gudula ein und noch leiser sagte sie: »Komm zeitig, ich glaube mein Vater bleibt die Nacht im Rathhause.«
Sie zog das Köpfchen zurück, das hinter den Blumenstöcken verschwand.
Die jungen Männer ritten weiter auf einem Damme hin. In der Mitte des Weges ließen sie links die Abtei und Kirche »Saint-Quentin auf der Insel« und gelangten über eine erste Brücke, die sie zu der Capelle brachte, wo die Reliquie des Heiligen gefunden werden sollten, dann über eine zweite und dann über eine dritte, nach der sie sich vor den beiden Thürmen an dem Inselthore befanden.
An dem Thore standen ein Soldat von dem Regimente Théligny und ein Bürger der Stadtwache.
Diesmal brauchte sich Théligny nicht zu erkennen zu geben, der Soldat trat an ihn heran und fragte ihn nach Neuigkeiten. Man sagte, der Feind sey sehr nahe und die schwache Compagnie von hundertfünfzig Mann unter einem Lieutenant stand ganz allein unter den Bürgern, die ängstlich hin und her liefen oder die Zeit mit Versammlungen in dem Rathhause versäumten, in welchem viel geredet, aber wenig gethan wurde.
Saint-Quentin schien in großer Aufregung zu seyn. Die Hauptstraße, welche die Stadt in zwei Drittheilen ihrer Länge durchschneidet und in die mehrere andere von beiden Seiten einmünden, war voll von Leuten, und auf dem Markte endlich standen so viele, daß selbst Reiter sehr schwer durchkommen konnten.
Allerdings, als Yvonnet sein Barret auf seinen Degen gesteckt, in den Steigbügeln sich aufgerichtet und gerufen hatte: »Platz! Platz für die Leute des Herrn Admirals!« drängten die Leute, welche auf die erwartete Verstärkung warteten, so nach beiden Seiten, daß für die beiden Reiter ein schmaler Weg entstand, in welchem sie an die Stufen vor dem Rathhause gelangten, auf dem sie der Bürgermeister der Stadt Herr Varlet von Gibercourt erwartete.
Die Reiter kamen zu guter Zeit an; es war Sitzung gewesen und in Folge des Patriotismus der Einwohner, den die Beredsamkeit Johann Pauquet’s und seines Bruders Wilhelm noch mehr aufgestachelt hatte, beschlossen worden, daß die Stadt St.-Quentin, getreu ihrem Könige und ihrem Schutzpatrone vertrauend, sich auf’s Aeußerste vertheidigen wolle.
Die Nachricht, welche Théligny brachte, daß der Admiral sehr bald mit Verstärkung erscheinen werde, trieb die Begeisterung auf den Gipfel.
Sofort, noch in derselben Sitzung thaten die Bürger sich in Compagnien zusammen und ernannten ihre Führer. Jede Compagnie zählte fünfzig Mann.
Der Bürgermeister öffnete das Arsenal der Stadt, das leider keinen großen Vorrath hatte. Man fand darin fünfzehn Kanonen, von denen einige sich in schlechtem Zustande befanden, nur fünfzehn Büchsen und einundzwanzig Harken, dagegen Hellebarden und Lanzen in Menge.
Johann Pauquet wurde zum Hauptmann einer der Compagnien ernannt, und sein Bruder Wilhelm zum Lieutenant einer andern. Man sieht, die Familie wurde mit Ehren überschüttet; freilich war eine solche Ehre gefährlich. Die gesammte bewaffnete Macht bestand also für den Augenblick aus hundertundzwanzig bis dreißig Mann der Compagnie des Dauphin unter Théligny, aus etwa hundert Mann der Compagnie Herrn Breuil’s, des Gouverneurs von St.-Quentin, der seit acht Tagen von Abbeville angekommen war und aus zweihundert Bürgern in vier Compagnien. Drei dieser Compagnien bestanden aus Armbrustschützen, Lanzen- und Hellebardenträgern. Nur die vierte war mit Büchsen bewaffnet.
Plötzlich sah man eine fünfte erscheinen, die man nicht erwartet hatte und die eben ihrer plötzlichen Erscheinung und der Elemente wegen, aus denen sie bestand, mit großem Jubel begrüßt wurde. Es waren hundert Jacobinermönche, welche alle Lanzen oder Hellebarden trugen.
Ein Mann in einer Kutte, unter welcher man die Maschen eines Harnisches bemerkte, führte sie und hatte ein Schwert in der Hand.
Yvonnet sah den Hauptmann aufmerksam an und rief :
»Da will ich doch in der Hölle brennen, wenn das nicht Lactantius ist?«
Und es war in der That Lactantius. Da er vermuthet hatte, daß der Feldzug ein ernster werden wird, hatte er sich zu den Jacobinern zurückgezogen, um Buße zu thun und sich so weit als möglich in den Zustand der Gnade zu versetzen. Die guten Patres hatten ihn mit offenen Armen aufgenommen, und Lactantius, während er beichtete und den Patriotismus unter den Vätern bemerkte, hatte denselben zu benutzen sich vorgenommen. Demzufolge hatte er ihnen, als eine Eingebung vom Himmel, den Gedanken mitgetheilt, der ihm gekommen, sie in eine Compagnie zu vereinigen, was angenommen worden war. Lactantius hatte es bei dem Prior ermöglicht, daß man eine Stunde Früh und eine halbe Stunde Abends zum Einexercieren verwende, und nach drei Tagen, als er seine Leute für genügend eingeübt hielt, führte er sie aus dem Kloster und, wie wir eben gesehen haben, unter großem Jubel auf den Marktplatz.
Saint-Quentin hatte also für den Augenblick fünfhundertzwanzig Streiter.
Kaum hatte man die Streitkräfte überzählt, als von den Wällen her sich ein großes Geschrei erhob und Leute herbeiliefen, welche in verzweifelnder Weise die Arme gen Himmel streckten.
Man erkundigte sich, man fragte, die Leute hatten in der Ebene eine Menge Bauern querfeldein laufen sehen, offenbar in großer Angst.
Man befahl sofort die Thore zu schließen und die Wälle zu besetzen.
Lactantius, welcher in der Gefahr die Ruhe des wahren Christen behielt, befahl sogleich seinen Jacobinern, sich an die Kanonen zu spannen und sie an die geeigneten Plätze auf den Mauern zu bringen.
Théligny und Yvonnet, die zu Pferde waren und wohl fühlten, daß sie trotz dem weiten Ritt ihren Pferden noch etwas zumuten könnten, ritten aus dem Thor, durch die Furt des Flusses und über die Ebene, um zu erfahren, was die Landleute zur Flucht veranlaßt habe.
Der Erste, dem sie begegneten, hielt die Nase und einen Theil des Backens mit der rechten Hand und so wohl und übel an der Stelle, welche sie früher eingenommen hatte, während er Yvonnet winkte.
Yvonnet eilte hinzu und erkannte Malemort.
»Zu den Waffen! Zu den Waffen!« schrie er so laut als er konnte.
Yvonnet trieb sein Pferd noch rascher an, und da er seinen Genossen ganz mit Blut bedeckt sah, stieg er ab und erkundigte sich nach seiner Wunde.
Die war schrecklich in Hinsicht auf die Verwüstung, die sie in einem noch unversehrten Gesichte angerichtet haben würde; das Gesicht Malemort’s aber war so zerfetzt und geflickt, daß es auf eine Naht mehr oder weniger nicht ankommen konnte.
Yvonnet legte sein Taschentuch vierfach zusammen, riß ein Loch hinein, durch das er die Nase Malemort's stecken konnte, legte den Verwundeten dann an den Boden, nahm den Kopf desselben auf seine Knie und verband ihm das Gesicht so rasch und geschickt, wie es nur der geschickteste Chirurg hätte thun können.
Théligny zog unterdeß Erkundigungen ein.
Folgendes war geschehen.
Früh war der Feind vor Origny-Sainte-Benoite erschienen und Malemort, der sich da befunden und richtig errathen hatte, daß es Hiebe und Schüsse geben würde, hatte die Einwohner aufgereizt sich zu vertheidigen. Sie hatten sich demnach mit ihrem Vorrathe von Waffen und Munition in das Castell zurückgezogen und da etwa vier Stunden ausgehalten. Da aber die ganze spanische Vorhut angegriffen hatte, war das Castell erstürmt worden. Malemort hatte Wunder gethan, sich aber doch zum Rückzuge bequemen müssen. Da ihn drei oder vier Spanier zu hart bedrängten, war er umgekehrt und hatte zwei davon niedergestochen, während er aber den dritten angriff, hatte ihn der vierte über das Gesicht gehauen. Weil er da eingesehen, daß er mit einer Wunde, die ihn blendete, sich nicht vertheidigen könne, hatte er einen fürchterlichen Schrei ausgestoßen und war niedergestürzt, als sey er todt. Die Spanier hatten ihn durchsucht, ihm das sehr wenige Geld abgenommen, das er bei sich gehabt und sich zu ihren Cameraden zurückbegeben, die im Orte eine einträglichere Plünderung hielten. Da hatte Malemort sich wieder aufgerichtet, seine Nase und den einen Backen wieder dahingeschoben wohin sie gehörten sie mit der Hand da festgehalten und seinen Lauf nach der Stadt begonnen um Lärm zu machen. So geschah es, daß Malemort, der gewöhnlich der Erste beim Angriffe und der Letzte beim Rückzuge war, sich ganz gegen seine Gewohnheit diesmal an der Spitze der Fliehenden befand.
Yvonnet und Théligny wußten was sie wissen wollten. Yvonnet nahm Malemort hinter sich auf das Pferd, alle Drei kehrten nach der Stadt zurück und riefen: »Zu den Waffen.«
Die ganze Stadt wartete auf sie. Im nächsten Augenblicke wußte man, daß der Feind nur noch vier bis fünf Stunden entfernt sey, aber der Muth der Einwohner war so groß, daß die Nachricht ihn nicht niederschlug, sondern noch mehr steigerte.
Zum Glück befanden sich unter den hundert Mann, die Breuil mit sich gebracht hatte, vierzig Kanoniere, und man vertheilte sie an die fünfzehn Geschütze, welche die Väter Jacobiner auf die Wälle gezogen hatten. Es fehlten sonach etwa drei Mann am Geschütz und die Mönche erboten sich die Batterie zu vervollständigen. Sie wurden angenommen und nach einstündiger Uebung machten sie ihre Sache so gut, als hätten sie ihr ganzes Leben lang nichts Anderes getrieben.
Es war Zeit, denn nach einer Stunde bemerkte man die ersten spanischen Colonnen.
Der Rath der Stadt beschloß einen Boten an den Admiral zu schicken, um ihn von der Lage der Stadt zu benachrichtigen, aber wer wollte die Stadt im Augenblicke bei Gefahr verlassen?
Yvonnet bot Malemort an.
Dieser opponierte laut; seit er verbunden, befinde er sich, sagte er, besser als je; seit fünfzehn Monaten habe er sich nicht geschlagen, das Blut ersticke ihn fast und das wenige, das er verloren, habe ihm zwar gut gethan, aber lange nicht genug.
Yvonnet machte ihm aber bemerklich, daß man ihm ein Pferd geben werde, daß er dies Pferd behalten dürfe, daß er nach drei oder vier Tagen mit dem Admiral wieder einziehen werde und dann auf dem Pferde bei dem Ausfalle viel weiter vordringen könne als die zu Fuß.
Das bestimmte Malemort.
Auch müssen wir gestehen, daß Yvonnet den großen Einfluß hatte, den fast immer schwache oder reizbare Naturen auf kräftige haben.
Malemort stieg also zu Pferd und galoppierte nach Fère zu.
Man konnte ruhig seyn. Nach der Art, wie der Abenteurer ritt, mußte der Admiral nach anderthalb Stunden Nachricht haben.
Unterdeß hatte man die Thore aufgemacht und die armen Flüchtlinge von Origny aufgenommen und dann in alle umliegenden Dörfer geschickt, um Mehl und alles vorräthige Getreide einzufordern.
Der Feind rückte in einer ausgedehnten Linie vor und zwar in solchen Massen, daß man annehmen konnte, man habe es mit dem ganzen spanischen wallonischen und deutschen Heere zu thun also mit fünfzig- bis sechzigtausend Mann.
Wie wenn die Lava von dem Krater des Vesuvs oder des Aetna herabfließt und die Häuser, ehe noch der Flammenstrom sie erreicht, zusammenstürzen und die Bäume in Brand gerathen, so sah man vor der dunkeln heranrückenden Linie Häuser und Dörfer in Flammen aufgehen.
Die ganze Stadt war auf den Wällen und auf den Thürmen, um dem grausigen Schauspiele zuzusehen und bei jedem neuen Feuer, das aufging, erhoben sich neue Verwünschungen, die gleich einem Fluge von Unglücksvögeln nach dem Feinde hinzogen.
Aber der Feind rückte immer näher heran und trieb die Einwohner der Gegend vor sich her wie der Wind den Rauch von den brennenden Dörfern. Eine Zeitlang nahmen die Thore die Fliehenden noch auf, aber bald mußten sie geschlossen werden, so nahe war der Feind. Die armen Landleute mußten da um die Stadt herumgehen.
