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Kitabı oku: «Der Page des Herzogs von Savoyen», sayfa 25
II.
Ein Flüchtling
Die Einwohner von Saint-Quentin wußten recht wohl, welch schreckliches Spiel sie spielten, als sie der dreifachen Armee, die ihre Stadt einschloß, einen so hartnäckigen Widerstand leisteten, der eben nun gebrochen worden war.
Sie dachten also gar nicht daran, um Gnade zu bitten, wie der Sieger aller Wahrscheinlichkeit nach nicht daran dachte, sie zu gewähren.
Es lag in der Beschaffenheit der Kriege in jener Zeit, daß sie schreckliche Repressalien nach sich zogen. Bei den Armeen, die aus Leuten aus allen Ländern bestanden, wo Abenteurer von einem und demselben Volke nicht selten gegen einander kämpften, und die Geldversprechungen meist schlecht gehalten wurden, war auf die Plünderung stets mitgerechnet, als auf eine Vervollständigung des Soldes, ja, sie war oftmals der einzige.
Die Vertheidigung war, wie gesagt, eine verzweifelte auf allen Punkten gewesen, ausgenommen da, wo die Compagnie des Dauphin gewichen. Der Feind hatte bereits den rothen Thurm inne, der Admiral war bereits gefangen und Philibert auf dem Walle, als man sich noch immer schlug, nicht um die Stadt zu retten, sondern um zu tödten und getödtet zu werden. Namentlich geschah es in drei Breschen, doch auch auf andern Punkten der Stadt.
Bei dem stärker werdenden Rufe: »die Stadt ist genommen!« bei dem Leuchten des Feuers, bei dem aufwirbelnden Rauche hörte der einzelne Widerstand allmälig auf.
Wenn die Breschen genommen, die Vertheidiger derselben niedergestoßen oder gefangen genommen waren – wenn sie aussahen, als könnten sie Lösegeld zahlen – stürzten die Sieger sich in die nächsten Häuser und die Plünderung begann.
Sie dauerte fünf Tage.
Fünf Tage lang wütheten Brand, Mord und Schändung, die Verwüster gestürmter Städte.
Niemand wurde verschont, nicht Weiber, nicht Kinder, nicht Greise, nicht Mönche und Nonnen. Doch hatte Philipp II. ein Erbarmen mit Steinen, während er keines für die Menschen hatte – die gottgeweihten Gebäude zu schonen geboten, ohne Zweifel weil er fürchtete, die Strafe für eine Kirchenschändung werde ihn selbst treffen. Sein Befehl hielt die Sieger aber von keiner Schandthat ab. Die Sanct-Peterskirche wurde völlig niedergerissen, andere wenigstens verwüstet und ihrer Schätze beraubt. Eben so geschah es mit den Klöstern.
Als die Feinde in die Stadt gedrungen waren, blieb den Bewohnern nichts übrig als dem Schicksale, das sie erwartete, sich zu fügen oder ihm, wenn möglich, zu entfliehen. Einige boten ihre Brust freiwillig den Schwertern und Lanzen dar; andere versteckten sich in Kellern, wo sie sich den Blicken ihrer Feinde zu entziehen hofften, und noch andere endlich suchten aus der Stadt hinwegzukommen.
Fast alle aber, welche sich für das Letztere entschieden hatten, waren von den spanischen oder englischen Schützen niedergeschossen worden, so daß sehr wenige entkamen.
Man mordete also nicht blos in der Stadt, sondern auch vor der Stadt, nicht blos aus den Wällen, sondern auch in in den Gräben, auf den Wiesen, selbe in dem Flusse, über den einige der Unglücklichen zu schwimmen versuchten.
Unterdessen brach die Nacht ein und das Schießen hörte auf.
Seitdem war vielleicht eine halbe Stunde vergangen, als sich ein leises Rascheln in dem Rohr an dem Flußufer hören ließ. Es war so leise, daß das geübteste Ohr in einer Entfernung von zehn Schritten nicht im Stande gewesen seyn würde zu unterscheiden, ob es von dem Abendwinde herrühre, oder von einer Otter, die auf Raub ausgehe.
Man konnte weiter nichts sehen, als daß es sich dem Wasser mehr und mehr näherte, das an dieser Stelle ziemlich tief war. Auch hörte es bald ganz auf und man hörte ein Geräusch, als stürze ein Körper in das Wasser.
Einige Secunden nachher zeigte sich ein schwarzer Punkt mitten in dem Flusse, aber nur so lange als ein in unserer Atmosphäre lebendes Wesen braucht, um Athem zu schöpfen, dann verschwand er wieder.
Noch dreimal kam derselbe Gegenstand an die Oberfläche des Wassers empor, aber jedes mal in größerer Nähe an dem entgegengesetzten Ufer, und jedes mal wurde es deutlicher, daß es wohl ein Schwimmer sey, der der blutbefleckten Stadt entfliehe. Mit einigen kräftigen Armbewegungen, wobei der Kopf aus dem Wasser emporkam, brachte er sich dann an das Ufer selbst und zwar gerade an einer Stelle, wo eine Gruppe Weiden dicht zusammen stand.
Einen Augenblick hielt er selbst den Athem an und sich selbst so unbeweglich wie der alte Weidenstamm, an den er sich lehnte, während er zugleich nach allen Seiten hin sah und horchte.
Alles schien still und ruhig zu seyn und vielleicht gerade deshalb und weil er so ziemlich in Sicherheit zu seyn glaubte, verließ der Fliehende wohl mit innigem Bedauern eine Stadt, in welcher er ohne Zweifel Erinnerungen an Freundschaft und Liebe zurückließ, die seinem Herzen theuer waren. Trotz diesem Bedauern schien sich indeß keine Secunde lang der Wunsch in ihm zu regen umzukehren, er seufzte nur, flüsterte einen Namen, überzeugte sich, daß sein Dolch, die einzige Waffe, die er behalten und die er am Halse trug an einer Kette, leicht aus der Scheide gehe und ein Gürtel von Leder, der ihm von Wichtigkeit zu seyn schien, noch sein Wamms zusammenhalte, und ging dann raschen Schrittes weiter.
Für den, welcher die Umgegend der Stadt nicht genau kannte, wäre der Weg, welchen der Fliehende einschlug, vielleicht nicht ohne Gefahr gewesen. In der Zeit, in welcher die erzählten Ereignisse geschehen, war der ganze Theil des linken Ufers der Somme, auf welchen sich der Flüchtige wagte, von Sümpfen und Teichen bedeckt, zwischen denen sich nur schmale einzelne Dämme hinzogen; aber was eine Gefahr für einen Mann ohne Erfahrung gewesen wäre, wurde eine Rettung für den, welcher das Sumpflabyrinth kannte, und ein unsichtbarer Freund, der unserm Flüchtling nachgesehen, würde sich bald über denselben beruhigt haben.
In gleichem Schritte und ohne ein einziges Mal von der Linie abzuweichen, welcher er folgen mußte, um nicht in den Schlamm zu sinken, wie so viele Soldaten des Connétable, gelangte er durch den Sumpf hindurch und bald darauf zu dem ersten Hügelchen in der Ebene, der von dem Dorfe l'Abbiette bis zur Mühle von Gauchy reicht.
Da es indeß schwer war in gleichem Schritte über die Felder hinzugehen, auf denen die Soldaten das Getreide halb abgeschnitten hatten, um es als Futter für ihre Pferde oder als Stroh in den Bivouaks zu gebrauchen, so wendete sich der, welchem wir in seinem flüchtigen Laufe folgen, nach links, so daß er bald auf einen vielbetretenen Weg kam, welcher das nächste Ziel gewesen zu seyn schien, das er zu erreichen gewünscht.
Wie es stets geschieht, wenn das Ziel erreicht ist, so blieb auch unser nächtlicher Wanderer, sobald er den Sand des Weges unter seinen Füßen fühlte, einige Augenblicke stehen, sowohl um etwas zu Athem zu kommen, als auch um sich umzusehen; dann erst wanderte er weiter, in gerader Richtung von der Stadt hinweg, die er verlassen hatte.
So lief er etwa eine Viertelstunde, dann blieb er von neuem stehen, diesmal mit halboffenem Munde, mit stierem Blick, mit gespannt aufhorchendem Ohr.
Rechts, etwa hundert Schritte hin, stand die Mühle von Gauchy, die in ihrer Unbeweglichkeit noch einmal so groß aussah wie gewöhnlich.
Was den Flüchtigen zum Stehen brachte, war indeß nicht diese Windmühle, die ihm nicht unbekannt zu seyn schien und die er offenbar auch keineswegs für einen Riesen hielt wie Don Quichote, war ein Lichtstrahl, der plötzlich aus der Thür der Mühle herausfiel, und das Geräusch einer kleinen Reiterschaar, die ihm näher kam.
Ohne allen Zweifel war es eine spanische Patrouille.
Der Flüchtige besann sich. Er befand sich genau an der Stelle, wo der Anfall des Bastards von Waldeck gegen Emanuel Philibert stattgefunden hatte, bei dem einige Abenteurer, die wir kennen, ziemlich schlecht weggekommen waren und der namentlich für den armen Fracasso so üble Folgen gehabt hatte. Links lag der kleine Wald, in den sich zwei der Angreifenden geflüchtet hatten, dieser Wald schien unserem Unbekannten auch nicht fremd zu seyn, denn er schlüpfte rasch wie ein gescheuchtes Reh hinein und befand sich da in einem zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre alten Buschholze, über dem hier und da große Bäume hervorragten.
Es war die höchste Zeit, denn die Reiterschaar erschien fünfzehn Schritte vor ihm auf dem Wege in dem Augenblicke, als er in dem Wäldchen verschwand.
Der Flüchtige warf sich an den Boden, entweder weil er meinte, er werde besser hören, wenn er den Boden berühre, oder weil er sich für sicherer hielt, wenn er platt auf der Erde liege; auch verhielt er sich in dieser Lage so still und unbeweglich wie der Eichenstamm, an dessen Fuße er sich ausgestreckt hatte.
Er hatte sich nicht geirrt; es waren feindliche Reiter, die umherpatrouillirten und vielleicht auch ihren Antheil an der Beute haben wollten, nachdem sie durch einen Boten oder durch den Anblick der Flammen und des Rauches von der Einnahme der Stadt benachrichtigt worden waren.
Einige Worte in spanischer Sprache, die der Versteckte von ihnen vernahm, als sie an ihm vorüber kamen, ließen ihm keinen Zweifel.
Er hielt sich auch um so unbeweglicher und stiller.
Erst als die Reiter soweit sich entfernt hatten, daß er selbst von den Hufschlägen ihrer Pferde fast nichts mehr hörte, richtete er sich vorsichtig wieder auf, erst auf die Kniee, dann auf die Hände; so kroch er einige Ellen weit hin und endlich setzte er sich mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, das Gesicht nach dem Wege gewendet, nieder.
Jetzt erst gestatten er sich frei aufzuathmen und obgleich sein Anzug von dem Wasser des Flusses noch ganz durchnäßt war, wischte er sich doch den Schweiß von der Stirn und strich mit der zierlichen feinen Hand durch seine langen Locken.
Kaum war dies geschehen – wobei ihm ein Seufzer des Behagens entschlüpfte – als es ihm vorkam, als streiche ein beweglicher Gegenstand, der über seinem Kopfe schwebe, ebenfalls das schöne Haar, das er im gewöhnlichen Leben ganz besonders zu pflegen schien.
Um zu erfahren, welcher belebte oder leblose Gegenstand diese Vertraulichkeit sich erlaube, bog sich der junge Mann – seinen Bewegungen nach mußte der Flüchtige ein junger Mann seyn – zurück, stützte sich auf die Ellenbogen und versuchte in dem Dunkel die Form des Gegenstandes zu erkennen, der ihn für den Augenblick beschäftigte.
Alles aber war so finster um ihn her, daß er nichts zu erkennen vermochte, als einen geraden Streif, der sich eben vertical über seinem Kopfe, dann über seiner Brust befand und steif im Winde sich bewegte, welcher den Bäumen umher jenes nächtliche unbestimmte Flüstern und Rauschen entlockte, das der Wanderer nicht hören kann, ohne einen Schauer zu empfinden.
Unsere Sinne genügen bekanntlich selten einzeln, um eine bestimmte Vorstellung von den Gegenständen zu geben, mit denen sie in Berührung kommen; sie vervollständigen sich nur durch einander. Unser Flüchtling nahm sich darum vor, dem Sehen durch das Gefühl zu Hilfe zu kommen, dem Auge durch die; Hand; er streckte die Hand aus und blieb unbeweglich fast versteinert dann plötzlich stieß er einen Laut aus, als habe er die gefährliche Lage vergessen, in welcher er sich befinde, und die ihm Schweigen zur ersten Pflicht mache, und eilte im höchsten Entsetzen aus dem Walde hinaus.
Sein schwarzes Haar war keineswegs von einer Hand gestreichelt worden, sondern von einem Fuße und dieser Fuß gehörte einem Gehenkten an.
Wir brauchen wohl kaum es zu sagen, daß dieser Gehenkte unser alter Bekannter, der Dichter Fracasso, war, der hier sein Ende gefunden hatte.
III.
Zwei Flüchtlinge
Der Hirsch welchen die Hunde auftrieben jagt nicht rascher aus dem Walde hinaus und über dem Felde hin, als es unser junger Mann mit dem schwarzen Haare that, welcher eine unbegreifliche Angst oder Abneigung vor dem Gehenkten zu haben schien – vor Leuten also, welche nach der Operation viel weniger zu fürchten sind als vorher.
Er brauchte auch keine andere Vorsicht, als er aus dem kleinen Wald herausgekommen war, als daß er der Stadt Saint-Quentin den Rücken zuwendete und in der ihr entgegengesetzten Richtung fortlief, denn er schien keinen andern Wunsch zu kennen, als sich so schnell als möglich zu entfernen.
Ueber drei Viertelstunden lang hielt er einen so schnellen Lauf aus, wie ihn vielleicht ein Läufer von Profession nicht ausgehalten hätte. Dann nöthigte ihn Zweierlei für einige Zeit Halt zu machen: erstens hatte er keinen Athem mehr und zweitens wurde die Gegend so hügelig, daß man nicht mehr laufen konnte, sondern vorsichtig gehen mußte, wenn man nicht bei jedem Schritte stolpern wollte.
Da er also nicht weiter gehen konnte, legte er sich auf einen der kleinen Hügel, keuchend wie ein gehetzter Hirsch.
Uebrigens hatte er sich ohne Zweifel bereits gesagt, daß er über die Vorpostenlinie der Spanier längst hinaus sey und daß der Gehenkte, wenn er ihn habe ergreifen wollen, nicht so lange gewartet haben würde.
Während der Flüchtling so wieder zu Athem zu kommen suchte, schlug es auf dem Kirchthurme zu Gibercourt drei Viertel auf zwölf Uhr und hinter dem Walde von Rémigny ging der Mond auf. Er konnte also die Landschaft ziemlich übersehen, in welcher er das einzige lebendige Wesen zu seyn schien.
Er war mitten auf dem Schlachtfelde, mitten auf dem großen Friedhofe, in welchem so Viele schlummerten, und der Hügel, auf dem er auszuruhen versucht hatte, war eben weiter nichts als ein großes Grab, in welchem etwa zwanzig französische Soldaten den ewigen Schlaf schliefen. Er schien also aus dem schauerlichen Todtenkreise nicht herauskommen zu können.
Für Manche sind indeß die Todten, welche drei Fuß in der Erde liegen, weit minder grausig als die, welche drei Fuß über der Erde hängen; zu diesen gehörte offenbar unser Flüchtling und er begnügte sich also mit einer Gänsehaut, die ihm über den Körper lief.
Dann horchte er auf den Ruf eines Käuzleins, der regelmäßig und melancholisch von einer Gruppe Bäume herklang, welche gleichsam die Mitte der großen Schlummerstätte bezeichneten.
Bald aber, so sehr auch der schauerliche Eulenruf sein Ohr zu beschäftigen schien, runzelten sich seine Augenbrauen und sein Kopf wendete sich leicht zur Rechten und Linken, als vernehme er ein anderes Geräusch.
Es ließ sich in der That ein solches nicht verkennen, sogar ein materielleres, denn es war der ferne Galopp eines Pferdes, welcher in der lateinischen Sprache von Virgil so bewundernswürdig nachgeahmt worden ist:
Ouadrupedant putrem sonitu quatit ungula campum.
Ich will nicht behaupten, daß unser Flüchtling diesen Vers kannte, sicherlich aber war ihm der Galopp eines Pferdes sehr wohl bekannt, denn kaum vernahm er das Geräusch in der Ferne, als er aufsprang und sich umsah.
Da indeß das Pferd auf einem sehr staubigen Wege galoppirte oder auf Feldern hin, so hallte es nicht stark und der Reiter mit dem Pferde war dem Flüchtigen bereits näher, als dieser vermuthet hatte.
Der erste Gedanke unseres Fliehenden war, der Gehenkte, vor dem er entflohen, habe seinen steifen Füßen nicht getraut und aus dem Stalle des Todes irgend ein gespenstiges Pferd entnommen, auf dem er ihm nun nachsetze. Der schnelle Lauf und das geringe Geräusch des Pferdes machten eine solche Annahme auch ziemlich wahrscheinlich, besonders für einen Mann, der sich in Folge von allerlei Ereignissen in großer Aufregung befand.
Das Gewisse bei der Sache war, daß Roß und Reiter kaum noch fünfhundert Schritte von dem jungen Manne fern waren und dieser beide zu erkennen begann, in so weit sich ein Reiter in dem etwas matten Lichte des letzten Mondesviertels erkennen läßt.
Wenn der gespenstige Reiter, der herankam zwanzig Schritte rechts oder links von unserem Flüchtlinge sich gehalten hätte, wäre dieser vielleicht ganz still liegen geblieben, um ihn vorüber zu lassen, aber nein; der Reiter kam in gerader Linie auf ihn zu, so daß er schnell fliehen mußte, wenn er nicht unter die Hufe des Pferdes getreten seyn wollte.
Er sah deshalb nach der entgegengesetzten Seite und erblickte kaum dreihundert Schritte vor sich den Wald von Remigny.
Einen Augenblick war er der Meinung, sich entweder in das Dorf Gibercourt oder in das Dorf Ly-Fontaines zu schlagen, aber wenn er die Entfernung der beiden Oerter genau überrechnete, ergab es sich, daß er sich wenigstens fünfhundert Schritte von dem einen wie von dem andern befinde, dagegen kaum dreihundert von dem Walde.
Nach dem Walde also wendete er seinen schnellen Lauf; in dem Augenblicke aber, als er von der Unbeweglichkeit wieder in Beweglichkeit überging, war es ihm als stoße der Reiter einen Freudenruf aus, der nichts Menschliches habe.
Dieser Laut gab denn auch unserm Fliehenden erhöhte Schnelligkeit, so daß er fast mit dem Käuzlein wetteiferte, das von den Bäumen ins Freien aufgeschreckt worden war und Jedenfalls nach dem Walde hinflog.
Wenn aber der Flüchtige die Flügel der Eule nicht hatte, so schien das Pferd des Reiters sie zu haben, der ihn verfolgte, denn es kam näher, und näher.
Um die Sache noch schauerlicher zu machen, wieherte das Pferd und der Reiter schrie.
Wenn die Adern an den Schläfen des Fliehenden nicht zu stark geklopft hätten, würde er gehört haben, daß das Wiedern des Pferdes gar nichts Uebernatürliches hatte und der Ruf des Reiters weiter nichts war als eine Wiederholung des Wortes: Halt! in allen möglichen Tönen, von dem der Bitte bis zu jenem der Drohung.
Da unser Flüchtling sein Bemühen nun verdoppelte, den Wald zu erreichen, so strengte der Reiter sein Pferd immer mehr an, den Fliehenden einzuholen.
Jetzt war er kaum noch fünfzig Schritte von dem Walde entfernt, der Reiter indeß etwa noch hundert von ihm.
Diese letzten fünfzig Schritte waren für den Fliehenden, was für den Schiffbrüchigen in dem Meere die letzten fünfzig Armbewegungen sind, die er braucht, um schwimmend das Ufer zu erreichen. Der Schiffbrüchige ist sogar noch im Vortheil, denn wenn ihn die Kräfte verlassen sollten, trägt ihn vielleicht die Flut lebend an den Strand, während unser Flüchtling eine solche Hoffnung nicht hegen konnte, wenn – was mehr als wahrscheinlich war – die Füße ihm den Dienst versagten, ehe er den Wald erreichte, wohin die Eule bereits gekommen war, die ihn nun zu verhöhnen schien.
Unser Flüchtling, der kaum noch Athem zu holen vermochte, hatte nur noch zwanzig Schritte zu thun, um den Waldsaum zu erreichen, als er bei scheuem Blick hinter sich erkannte, daß der noch immer rufende Reiter auf dem wiehernden Pferde nur noch zehn Schritte von ihm entfernt war.
Er wollte noch einmal die Schnelligkeit seines Laufes erhöhen, aber die Beine wurden ihm starr und steif, er hörte ein Donnern hinter sich, er fühlte einen Flammenathem auf seinem Rücken, einen Schlag, als treffe ihn ein Felsenstück und er stürzte halb ohnmächtig in den Graben vor dem Walde.
Wie durch Flammendunst sah er dann den Reiter von dem Pferde steigen oder vielmehr stürzen, auf ihn zukommen, ihn fassen und aufrichten, und endlich hörte er ihn ausrufen:
»Bei dem Geiste Luthers, es ist der liebe Yvonnet!«
Bei diesen Worten bemühte sich der Abenteurer, der zu erkennen begann, daß der Reiter ein menschliches Wesen sey, seine fünf Sinne zusammenzusuchen, sah verstört den an, welcher nach so entsetzlicher Verfolgung so beruhigend ihn anredete, und flüsterte in einem Tone, der wegen der Trockenheit in seiner Kehle dem Röcheln eines Sterbenden glich:
»Bei dem Geiste des Papstes, es ist Herr Dandelot.«
Wir wissen warum Yvonnet vor Dandelot floh und haben also nur noch zu erklären, warum Dandelot Yvonnet verfolgte.
Wir werden nichts nöthig haben als einen Blick zurück zu thun und die Ereignisse da wieder aufzunehmen, wo wir sie ließen, d. h. in dem Augenblicke, als Emanuel Philibert die Bresche von Saint-Quentin betrat.
IV.
Abenteurer und General
Yvonnet, Maldent und Procop befanden sich, wie wir erwähnt haben, bei derselben Bresche, an der Coligny selbst war.
Sie war nicht schwer zu vertheidigen, da sie nicht angegriffen wurde.
Die nächste Bresche dagegen wurde überrumpelt und die Compagnie des Dauphin floh, wie wir auch sagten.
Als Coligny dies bemerkte, eilte er dahin, rief seine Umgebung nah, trat den Spaniern entgegen und sagte: »Hier müssen wir sterben.«
Ohne Zweifel war der Admiral wirklich dazu bereit und entschlossen und er that auch alles, damit es geschähe, aber er starb nicht – nach der göttlichen Gnade oder nach dem göttlichen Zorn, je nachdem man seine Ermordung in der Bartholomäusnacht vom protestantischen oder katholischen Gesichtspunkt aus betrachten will.
Der Ansicht des Admirals aber, daß man sterben müsse, wenn man besiegt sey, waren ohne Zweifel die drei Abenteurer nicht, die ihm ihre Arme zur Vertheidigung der Stadt vermiethet hatten.
Als sie sahen, daß die Stadt genommen und sie nicht weiter zu vertheidigen sey, hielten sie ihren Contract für gelöst und ein Jeder floh nach der Seite hin, wo er Rettung finden zu können glaubte.
Maldent und Procop verschwanden an der Ecke des Jacobinerklosters und da wir uns mit ihnen jetzt nicht zu beschäftigen haben, überlassen wir sie ihrem Schicksale und folgen ihrem Gefährten Yvonnet.
Anfangs wollte er – diese Gerechtigkeit müssen wir ihm widerfahren lassen – nach dem Altmarkt hin gehen, um seinen Degen und seinen Dolch seiner geliebten Gudula Pauquet anzubieten; ohne Zweifel aber bedachte er, diese Waffen, so furchtbar sie auch in seiner geübten Hand wären, würden unter solchen Umständen einem Mädchen wenig nützen, das in der Schönheit und Anmuth weit wirksameren Schutz gegen den Zorn der Sieger finden dürfte als in allen Degen und Dolchen der Welt.
Ueberdies wußte er, daß der Vater und Oheim Gudula‘s in den Kellern ihres Hauses für ihre kostbarsten Besitzthümer – zu denen doch vor allen die Tochter und Nichte gehörte – ein Versteck bereit hielten, das ihrer Meinung nach nicht zu finden sey und in dem sie auch für jeden Fall Lebensmittel auf zehn Tage geborgen hatten.
So eifrig die Plauderer nun auch seyn mochten, blieb es doch wahrscheinlich, daß auf die Stimme der Befehlshaber die Ordnung in der unglücklichen Stadt vor dem zehnten Tage wieder hergestellt werden würde und daß demnach nach Wiederherstellung der Ordnung auch Gudula wieder zum Vorschein kommen dürfe.
Die Plünderung der Stadt werde also, aller Wahrscheinlichkeit nach, wegen der im Voraus genommenen Vorsichtsmaßregeln, für Gudula ziemlich ruhig abgehen.
Sobald Yvonnet in solcher Weise sich beredet hatte, daß seine Anwesenheit der Geliebten nicht nützlich, im Gegentheil nachtheilig seyn werde – und da er überdies nicht die mindeste Lust hatte, acht oder zehn Tage sich in die Erde zu verkriechen wie ein Dachs oder ein Murmelthier – beeilte er sich, nun in der Nacht die möglich größte Entfernung zwischen sich und die genommene Stadt zu bringen.
Er verließ demnach, wie schon erwähnt, Maldent und Procop, schlich durch verschiedene Gassen und Gäßchen und gelangte auf den Wall bei der St. Catharinenkirche.
In Laufe, aber ohne dabei irgend anzuhalten, hatte er den Degengurt und die Riemen seines Harnisches abgeschnallt und da ihm Degen und Harnisch auf der Flucht nichts nützen konnte, die er versuchen wollte, Degen und Harnisch bei Seite geworfen, dagegen den Dolch an der kupfernen Kette, auf die er so stolz war, dreimal um den Hals geschlungen und den Gürtel fester gebunden, welcher die Hälfte eines Vermögens, nemlich die fünfundzwanzig Goldthaler enthielt.
Von der Mauer sprang er steif, die Arme an den Leib gedrückt, entschlossen in den Graben und das Wasser, das darin floß. Das geschah so schnell, daß die Schildwachen kaum auf ihn achteten. Er schwamm unter dem Wasser bis an das andere Ufer und barg sich dort, so daß nur der Kopf aus dem Wasser ragte, an einer Stelle, wo allerlei Wasserpflanzen wuchsen.
Hier hatte er einen Anblick, der wohl im Stande war seine Nerven zu dem Zustande der Reizbarkeit zu bringen, in welchem wir sie sahen.
Viele Vertheidiger der Stadt folgten, als dieselbe genommen war, denselben Weg wie er, indem sie entweder gleich ihm von der Mauer in den Wassergraben sprangen oder einfacher durch das Ausfalltor hinwegliefen; alle aber hatten den unglücklichen Gedanken sofort zu fliehen, und nicht erst die Nacht abzuwarten. Unmittelbar zu entfliehen war aber unmöglich, da die Engländer die Stadt da dicht eingeschlossen hielten.
Alle Fliehenden wurden deshalb mit Büchsenschüssen empfangen oder in die Sümpfe zurückgetrieben, wo die Engländer, gute Schützen, nach ihnen zielten, um sie niederzustrecken.
Zwei oder Drei stürzten rücklings todt, gar nicht weit von Yvonnet, in das Wasser und schwammen so der Somme zu.
Dies brachte unsern jungen Abenteurer auf den Gedanken auch den Leichnam zu spielen, sich starr und steif zu halten und so, aber lebendig, den Fluß zu erreichen.
Alles ging gut bis an die Stelle, wo das Wasser aus dem Graben in die Somme einfloß; hier sah Yvonnet, als er die Augen aufschlug, um sich etwas umzuschauen, eine doppelte Reihe Engländer an jedem Ufer der Somme stehen, die weil sie nicht nach Lebenden zu schießen hatten, sich damit unterhielten auf die Leichen zu schießen, die herbeischwammen.
Statt also leichenhaft starr zu bleiben und sich so an der Oberfläche des Wassers zu halten, ließ Yvonnet sich unter sinken und kroch am Boden des Flusses nach einer Art Rohrwald hin, in dem er sich sicher versteckt halten konnte, und aus dem wir ihn sich hervorarbeiten sahen.
Da wir ihm von da an bis zu dem Augenblicke gefolgt sind, als er am Saume des Waldes von Rémigny zusammensank, so brauchen wir uns nicht weiter mit ihm zu beschäftigen.
Wir verlassen ihn also, um seinerseits Dandelot, den Bruder des Admirals, der eben Yvonnet eingeholt hatte, durch die Ereignisse zu folgen, die ihn betrafen.
Dandelot war nicht blos General, sondern auch Soldat; er hatte darum in der Bresche, die er vertheidigte, mit Hellebarde und Degen gekämpft, wie es irgend ein Söldner hatte thun können. Da nun nichts als sein Muth ihn vor den Andern auszeichnete, so hatte man ihn seines Muthes wegen geschaut, welcher der Uebermacht nachgab; vielleicht zwölf Feinde hatten sich auf ihn gestürzt, ihn entwaffnet, niedergeworfen und gefangen in das Lager gebracht, ohne zu wissen – wen sie in ihm gefangen hatten.
Im Lager war er von dem Connétable und dem Admiral erkannt worden, die zwar seinen Namen verschwiegen, sich aber bei denen, die ihn ergriffen hatten, für tausend Thaler verbürgten, die gleichzeitig mit ihrem eigenen Lösegelde gezahlt werden sollten.
Vor Emanuel Philibert dagegen war der Rang des Gefangenen nicht zu verheimlichen; er lud deshalb Dandelot wie den Connétable und den Admiral zum Abendessen ein und empfahl ihnen, den dritten Gefangenen, so genau zu beaufsichtigen wie die beiden Andern.
Das Abendessen hatte bis elf Uhr Abends gedauert, denn Emanuel Philibert versuchte in seinem ritterlichen Sinne, dem ganzen französischen Adel, der gefangen war wie nach Poitiers, Crécy und Azincourt, vergessen zu machen, daß er an der Tafel des Siegers sitze, und es war weit mehr von der Belagerung von Metz und der Schlacht von Renty die Rede gewesen als von der Schlacht von St.-Quentin und von der Einnahme dieser Stadt.
Halb elf Uhr stand man von der Tafel auf. Für die adeligen Gefangenen waren Zelte in der Mitte des Lagers bereitet, an einer von Palissaden umgebenen Stelle, in die man nur durch eine schmale Oeffnung gelangte, an welcher zwei Wachen standen.
Außerdem standen um den Palissadenkreis herum noch andere Wachen.
Dandelot hatte oftmals, in den langen Nächten der Belagerung von der Mauer aus das riesige Lager vor der Stadt betrachtet.
Er kannte das Quartier jedes Befehlshabers, die Stellung der Zelte, den Raum zwischen den verschiedenen Nationen und selbst die Beschaffenheit des Bodens.
Seit er gefangen war – seit kurzer Zeit also – hatte ihn ununterbrochen ein und derselbe Gedanke beschäftigt – der Gedanke zu entfliehen.
Er hatte kein Wort gegeben zu bleiben; er hatte sich nicht ergeben, sondern war ergriffen worden.
Je früher er seinen Fluchtplan ausführe, sagte er sich, um so wahrscheinlicher sey die Möglichkeit des Gelingens.
Man wird sich deshalb nicht wundern, wenn wir sagen, daß er kaum das Zelt Emanuel Philiberts verlassen hatte und zu denen der Gefangenen gekommen war, als er alle Gegenstände genau betrachtete mit dem Wunsche, in dem einen oder dem andern zur rechten Zeit das Werkzeug der Rettung zu finden.
Ein Offizier sollte von Emanuel Philibert nach Cambray gesandt werden, um da die Einnahme der Stadt Saint-Quentin zu melden und das Verzeichniß der hervorragenden Gefangenen zu übergeben.
Dieses Verzeichniß hatte sich noch während des Abendessens vermehrt und der Offizier hatte sich, als Emanuel Philibert von seinen Gästen sich beurlaubt, in das Zelt des Oberbefehlshabers begeben, damit die noch fehlenden Namen dem Verzeichnisse beigefügt würden.
Ein Pferd aus dem Stalle Emanuel Philiberts, einer der besten Häuser, stand etwa zehn Schritte von dem Zelte des Prinzen und wurde von einem Stalldiener gehalten.
Dandelot trat an das Pferd als Kenner, den der Anblick eines vorzüglichen Thieres anzieht; wie er für einen der besten Reiter in der französischen Armee galt, so bewies er es jetzt, denn mit einem Schwunge war er im Sattel, augenblicklich gab er dem Pferde die Sporen, ritt den Stalldiener nieder und jagte im Galopp davon.
Der Stallknecht schrie zwar und machte Lärm, aber Dandelot war mindestens zwanzig Schritte weit weg. Wie eine Vision jagte er an den Zelten hin; eine Schildwache legte zwar das Gewehr auf ihn an, aber die Lunte brannte nicht mehr. Ein Anderer schoß wirklich, traf ihn aber nicht; fünf oder sechs Soldaten versuchten ihn aufzuhalten, indem sie ihm die Hellebarden vorhielten, aber einige ritt er nieder, über andere setzte er hinweg, dann ließ er sein Pferd in die Somme springen und er gelangte an das andere Ufer, ohne daß ihn eine Kugel anderswohin als in den Hut getroffen hätte.
An diesem Ufer war er bereits ziemlich in Sicherheit.
Als vollendeter Reiter hatte er sehr bald die Vortrefflichkeit des Pferdes erkannt, auf dem er saß, und er fürchtete also eine Verfolgung durch andere Reiter nicht, sobald er nur fünf Minuten Vorsprung hatte; es war demnach weiter nichts zu fürchten, als daß ihn eine Kugel von dem Pferde herunterwerfe, oder das Pferd selbst schwer verwunde.
