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Kitabı oku: «Der Page des Herzogs von Savoyen», sayfa 27
Um sofort mit einem Beispiele voranzugehen, erklärte Dandelot, daß er zu seiner und seines Bruders Unterhaltung nur zweitausend Thaler behalte und seine und des Admirals übrigen Einkünfte dem Könige überlasse.
»Endlich würde eine Arbeit von dem Herrn Cardinal von Lothringen gemacht werden, welche den dritten Stand nach seinen Kräften besteure.«
Der arme dritte Stand! Man hütete sich wohl ein Jahr von seinem Einkommen zu verlangen oder ihn aufzufordern, sich selbst zu besteuern.
Ein Theil dieser Maßregeln wurde mit Begeisterung sofort angenommen, andere verschob man.
Zu den verschobenen gehörten natürlich die, welche die Geistlichkeit und den Adel zur Besteuerung heranziehen wollten.
Unmittelbar aber wurde beschlossen, daß vierzehntausend Schweizer und achttausend Deutsche angeworben werden sollten, d. h. man wollte in jeder Provinz des Landes Compagnien aus den jungen waffenfähigen Leuten bilden.
Man sieht, es geschah viel an einem Abende. Um Mitternacht war alles dies gethan.
Einige Minuten nach Mitternacht ging die Königin, den Dauphin an der Hand führend, der im Gehen schlief, die Treppe hinab.
Halb zwei Uhr gelangte die Königin in den Louvre zurück und sie konnte gerade hundert Jahre vor ihrem Landsmann Mazarin sagen:
»Sie haben geschrien, sie werden zahlen.«
Volk! Volk! Und doch hob gerade diese Schwäche deine Kraft, wie diese Verschwendung von Gold und Blut von deinem Reichthum zeugte.
VII.
Im spanischen Lager
Wir haben gesehen was der Herzog von Nevers in Laon, was der König in Compiègne, was die Königin in Paris that; sehen wir nun zu was Philipp II. und Emanuel Philibert in dem spanischen Lager thaten und wie man hier die Zeit versäumte, die man dort sowohl nützte.
Zuerst war die Stadt Saint-Quentin, wie gesagt in Folge ihrer heldenmüthigen Vertheidigung, fünf Tage der Plünderung überlassen worden. Die Stadt, die lebend Frankreich gerettet hatte, arbeitete auch noch im Sterben an dieser Rettung. Die feindliche Armee vergaß in ihr, daß das übrige Frankreich noch lebe und durch das Beispiel einer Stadt begeistert, sich zu einer verzweifelten Vertheidigung anschicke.
Wir übergehen also diese fünf Tage des Sengens, Brennens und Mordens, um zum ersten September zu kommen.
Im Lager war seit dem Morgen dieses Tages so ziemlich alles zur Ordnung zurückgekehrt. Jeder zählte seine Gefangenen, besichtigte seine Leute, machte Inventar, lachte über das Gewonnene und weinte über das Verlorene.
Um elf Uhr sollte in dem Zelte des Königs von Spanien Rath gehalten werden.
Dieses Zelt stand am Ende des Lagers; warum, haben wir schon gesagt: weil die Musik der französischen Kugeln den Ohren Philipps II. ganz besonders unangenehm war.
Der König hielt einen entsiegelten Brief in der Hand, den ihm ein staubbedeckter Bote gebracht hatte, welcher nun auf der Steinbank vor dem Zelte saß. Ein Diener des Königs schenkte ihm in ein Glas goldenen Wein, der durch seine Farbe seine südliche Abstammung verrieth.
Der Brief, an welchem sich ein großes rothes Wachssiegel befand, ein Wappen mit einer Mitra darüber und mit zwei Krummstäben an der Seite, schien Philipp II. sehr zu beschäftigen.
In dem Augenblicke als er das wichtige Schreiben zum dritten oder vierten Male gelesen hatte, hielt ein in Galopp herankommendes Pferd gerade an dem Eingange des Zeltes an; der König richtete den Kopf empor und sein glanzloses Auge mit den blinzelnden Lidern schien ermitteln zu wollen, wer in so großer Eile zu ihm komme.
Noch waren nicht zehn Secunden vergangen, als die Tapetenthür, welche den Eingang verschloß, sich hob und einer seiner Diener, welche die Etikette von Burgos und Valladolid selbst in das Feldlager brachten, meldete:
»Se. Excellenz Don Luis de Vargas, Secretär des Herrn Herzogs von Alba.
Philipp konnte einen Freudenlaut nicht unterdrücken, als schäme er sich aber vor sich selbst, dem ersten Eindrucke nachgegeben zu haben, legte er sich einen Augenblick Schweigen auf und sprach dann in einem Tone, in welchem man nicht die geringste angenehme oder unangenehme Regung zu erkennen vermochte :
»Man lasse Don Luis de Vargas eintreten.«
Don Luis trat ein.
Der Bote war mit Schweiß und Staub bedeckt; die Blässe seiner Stirn verkündigte die Anstrengung von langer Reise; der Schaum von dem Pferde, der sich an der innern Seite seiner Stiefel zeigte, verrieth die Eile, in der er gekommen war. Und doch blieb er nach der geschehenen Meldung unbeweglich, mit dem Hute in der Hand, zehn Schritte vor dem Könige Philipp II. stehen und wartete, daß dieser ihn anrede und auffordere zu sagen was er zu sagen habe.
Diese Unterwerfung unter die Etiquette, das erste aller Gesetze in Spanien, schien den König zu befriedigen und mit einem schwachen Lächeln, gleich einem Sonnenblicke, der durch eine graue Herbstwolke fällt, sagte er:
»Gott sey mit Euch, Don Luis de Vargas! Welche Nachrichten aus Italien?«
»Gute und schlechte zu gleicher Zeit, Sire,« antwortete Don Luis. »Wir sind Herren der Stellung in Italien, aber Herr von Guise kommt in großer Eile mit einem Theil der französischen Armee nach Frankreich zurück.«
»Der Herzog von Alba läßt mir dies melden?«
»Ja, Sire, und er hat mir befohlen, den kürzesten Weg zu nehmen und nirgends zu säumen, damit ich wenigstens zwölf Tage vor dem Herrn von Guise in Frankreich ankäme… Ich schätze mich glücklich die große Reise in vierzehn Tagen gemacht zu haben, weil der Herr von Guise die doppelte Zeit braucht, um nach Paris zu kommen.«
»Ihr habt Euch in der That sehr beeilt, Don Luis, und ich erkenne an, daß Ihr in kürzerer Zeit nicht ankommen konntet; aber habt Ihr keinen besonderen Brief des Herzogs von Alba an mich?«
»Weil Se. Gnaden fürchtete, ich könne in Gefangenschaft gerathen, wagte er es nicht mir etwas Schriftliches anzuvertrauen; er befahl mir nur, Euch die Worte zu wiederholen: »Se. Majestät der König von Spanien gedenke des Königs Tarquinius, welcher die höchsten Spitzen des Mohns abschlug, die in seinem Garten wuchsen; in dem Garten der Könige darf nichts zu hoch wachsen, nicht einmal Prinzen.« Ew. Majestät wird wissen was diese Worte bedeuten und auf wen sie zielen.«
»Ja,« flüsterte der König von Spanien, »ja, ich erkenne darin die Klugheit meines getreuen Alvarez… Ich verstehe in der That, Don Luis, und danke ihm. Ihr selbst ruht aus und lasset Euch von meinen Leuten, geben was Ihr braucht.«
Don Luis verbeugte sich, ging hinaus und die Thür fiel hinter ihm nieder.
Lassen wir den König Philipp II. über den Brief mit dem Bischofssiegel und die mündliche Botschaft des Herzogs von Alba ungestört nachdenken und begeben wir uns in ein anderes Zelt, das nur einen Flintenschuß weit von dem seinigen entfernt ist.
Es ist das Zelt Emanuel Philiberts.
Emanuel Philibert beugt sich über ein Feldbett, auf dem ein Verwundeter liegt; ein Arzt nimmt den Verband von einer Wunde, die nur eine Contusion an der linken Seite der Brust zu seyn scheint, die aber doch nach der Blässe und Schwäche des Verwundeten schlimmer seyn muß.
Das Gesicht des Arztes scheint sich jedoch bei dem Anblicke der Wunde aufzuklären.
Der Verwundete ist unser aller Freund Scianca-Ferro, dem wir bei dem Sturm nicht folgen konnten. Kurz wir finden ihn unter dem Zelte des Herzogs von Savoyen auf dem Schmerzenslager, das man dem Soldaten immer als ein Ruhmeslager schildert.
»Nun?« fragte Emanuel Philibert besorgt.
»Besser, um Vieles besser!« antwortete der Arzt. »Der Verwundete ist außer Gefahr.«
»Ich sagte Dir es ja, Emanuel,« fiel Scianca-Ferro ein. »Du erniedrigst mich wahrhaftig, wenn Du mich behandelst wie ein altes Weib und alles dies einer miserablen Contusion wegen.«
»Eine miserable Contusion, die Dir eine Rippe zerschlagen und zwei andere eingedrückt hat, so daß Du seit zehn Tagen mit jedem Athemzuge Blut spuckst.«
»Wahr ist’s, es saß ziemlich fest,« entgegnete der Verwundete, der zu lächeln versuchte. »Gib mir doch einmal die fragliche Maschine her.«
Emanuel sah sich nach dem um, was Scianca-Ferro die fragliche Maschine nannte, und hatte in einer Ecke des Zeltes einen Gegenstand, der wirklich eine Maschine, eine Kriegsmaschine war.
So kräftig der Prinz war, hob er den Gegenstand doch nur mit Anstrengung auf das Bett.
Es war eine zwölfpfündige Kugel an einem Eisenstabe das Ganze fünfundzwanzig bis dreißig Pfund schwer.
»Corpo di Bacco!« sagte der Verwundete heiter, »ich gestehe, Emanuel, es ist ein niedliches Spielzeug. Und was ist aus dem geworden, der damit spielte?«
»Deinem Wunsche gemäß ist ihm nichts zu Leid gethan worden. Man hat ihm sein Wort abgenommen nicht zu fliehen; er hat es gegeben und wird wie gewöhnlich einige Schritte von hier seufzend und wehklagend da sitzen, die Stirn auf die Hand gestützt.«
»Der arme Teufel! Ich habe, wie Du mir sagtest, seinem Neffen, einem Deutschen, der gut fluchte, aber noch besser zuschlug, den Kopf bis an die Ohren gespalten. Wahrhaftig, wenn nur zehn Mann wie diese Beiden in jeder Bresche gewesen wären, hätte es eine Wiederholung des Titanenkampfes gegeben, von dem Du mir erzähltest, als Du mir das unglückselige Griechische beibringen wolltest.«
Dann horchte er und setzte hinzu: »Wahrhaftig,« Emanuel, es sucht Jemand Streit mit meinem würdigen Deutschen. Ich höre seine Stimme… Es muß sehr ernst seyn, denn seit fünf Tagen, wie man mir gesagt, hat er den Mund nicht aufgethan.«
Man hörte in der That einen Streit und dabei spanisch, französisch und deutsch fluchen.
Emanuel überließ den Verwundeten dem Arzte, trat, um dem Kranken gefällig zu seyn, vor das Zelt hinaus, erkundigte sich nach der Veranlassung zu dem Streite, der in wenigen Secunden in einen völligen Kampf ausgeartet war.
Sehen wir uns das Bild au:
Ein prächtiger Esel, der mit Kohl, Möhren und Salat beladen ist, ausschlägt und schreit und aus Kräften seine Küchenladung umherschüttelt.
Nach dem Esel war ohne Widerrede die Hauptperson unser Freund Heinrich Scharfenstein, der rechts und links mit einer Zeltstange, die er ausgerissen hatte, um sich schlug und bereits sieben oder acht niederländische Soldaten niedergeworfen hatte. Sein Gesicht drückte die tiefste Trauer aus, aber sie nahm seinem Arme keine Kraft, wie man sieht.
Neben Heinrich stand ein schönes, frisches, kräftiges Bauernmädchen, welche nach Möglichkeit auf einen spanischen Soldaten schlug, der aller Wahrscheinlichkeit nach gegen sie sich Dinge hatte erlauben wollen, die ihrer Züchtigkeit nicht gefallen konnten.
Der Eigenthümer des Esels endlich, ein Bauer, las brummend seinen Salat, seinen Kohl und seine Rüben wieder auf, nach denen die Soldaten sehr begierig zu seyn schienen.
Die Anwesenheit Emanuel Philiberts machte dem Streite sofort ein Ende.
Die Soldaten ließen das Gemüse los, dessen sie sich bemächtigt hatten.
Das schöne Mädchen ließ den Spanier los, der mit blutender Nase und halb abgerissenem Schnurrbart fortlief.
Der Esel hörte auf, auszuschlagen und zu schreien.
Heinrich Scharfenstein allein schlug noch immer um sich her, wie eine Maschine, die einmal losgelassen, fort arbeitet.
»Was gibt es?« fragte Emanuel Philibert. »Warum mißhandelt man die Leute?«
»Ah, Ihr seyd‘s, Ew. Gnaden? Das will ich sagen,« antwortete der Bauer, der näher trat, die Arme voll Kohl, Salat und Möhren, den Hut zwischen den Fingerspitzen. »Sie haben mir, meinem Esel und meinem Mädchen arg mitgespielt.«
Emanuel verstand den Bauer nicht und das Mädchen trat erröthend ein paar Schritte vor, um die Sache vorzutragen.
»Gnädiger Herr,« sagte sie, »zürnen Sie meinem Vater nichts er ist aus dem Dorfe Savay, wo man nicht anders spricht. Hören Sie was geschehen ist. Gestern hörten wir in unserem Dorfe, daß wegen den großen Verwüstungen auf den Feldern hierherum und weil Le Catelet sich noch immer halte, also keine Zufuhren von Cambray kommen könnten, Mangel an frischen Lebensmitteln im Lager sey, besonders an Gemüse, selbst auf der Tafel des Königs von Spanien und auf der eurigen, gnädiger Herr…«
»Das nenne ich sprechen!« fiel Emanuel Philibert ein. »Und Du sprichst auch die Wahrheit, mein schönes Kind; wenn es uns auch gerade nicht an Lebensmitteln fehlt, so haben wir doch nicht was wir wünschen; das Gemüse besonders ist selten.«
»Da sagte gestern mein Vater,« fuhr das Mädchen fort, »wenn ich den Esel nähme, belüde ihn mit Kohl, Salat und Möhren und zöge in das Lager, so geschähe vielleicht dem Könige von Spanien und dem Herzog von Savoyen ein Gefallen. Heute Früh also, mit Tagesanbruch, gingen wir in den Garten, der Vater und ich, nahmen das Beste und Schönste, luden es auf den Esel und kamen dann hierher… Haben wir damit etwas Unrechtes gethan?«
»Im Gegentheil, mein Kind, Ihr hattet da einen sehr guten Gedanken.«
»Wir glaubten es wenigstens, kaum aber waren wir in dem Lager, als eure Soldaten über unseren Esel herfielen. Wie auch mein Vater rief: »Es ist für Se. Majestät den König von Spanien, es ist für den gnädigen Herrn Prinzen von Savoyen!« sie hörten nicht darauf. Da fingen wir an zu schreien und unser Esel half tüchtig mit, aber trotz unserem Geschrei wären wir ausgeplündert worden – ungerechnet was mir vielleicht geschehen wäre – wenn nicht der brave Mann, der sich wieder dort hingesetzt hat, uns zu Hilfe gekommen wäre und so wirksam, wie Ihr seht.«
»Ja, sehr wirksam,« sagte Emanuel Philibert indem er den Kopf schüttelte. »Zwei Todte und vier bis fünf verwundet, einiger Hände voll Gemüse wegen! Indeß, er hat‘s in guter Absicht gethan und übrigens steht er unter dem Schutze meines besten Freundes. So mag‘s denn hingehen.«
»So geschieht uns nichts zu leid, gnädiger Herr, weil wir in das Lager gekommen sind?« fragte das Mädchen schüchtern.
»Nein, mein schönes Kind, im Gegentheil.«
»Wir sind müde, gnädiger Herr, da wir fünf Stunden weit hergekommen sind, und wir möchten gern erst aufbrechen, wenn die größte Hitze vorüber ist.«
»Brecht Ihr auf, wann Ihr wollt,« antwortete der Prinz, »und da die gute Absicht ihren Lohn verdient wie die That, ja besser noch als die That, so sind hier drei Goldstücke für die Ladung deines Esels.«
Er wendete sich nach einigen seiner Leute um, welche die Neugierde herbeigelockt hatte, und sagte:
»Gaetano, Du wirst das Gemüse in die Küche des Königs bringen lassen, dann den braven Leuten vom Besten zu trinken und zu essen geben und vor allem dafür sorgen, daß sie in keiner Weise belästigt werden.«
Da die Zeit nahte, in welcher die Rathsversammlung in dem Zelte des Königs gehalten werden sollte und bereits von allen Seiten her die Commandanten herbeikamen, so kehrte Emanuel Philibert in sein Zelt zurück, um sich zu überzeugen, ob der Verband seines Freundes erfolgt sey und zwar ohne das Lächeln zu bemerken, welches der Bauer und dessen hübsche Tochter mit einem Manne wechselten der schnell genug aufsah und die Beinschienen der Rüstung des Connétable von Montmorency putzte.
VIII.
Yvonnet sammelt alle wünschenswerthen Nachrichten
Der Vorwand, welchen der Bauer mit seiner Tochter gebraucht hatte, um in das spanische Lager zu gelangen, wenn es ein Vorwand war, war vortrefflich gewählt und so hat man denn auch gesehen, daß Emanuel Philibert die Aufmerksamkeit des Gemüsezüchters gewürdigt hatte.
Wenn man Mergey, der mit La Rochefoucauld in der Schlacht gefangen und denselben Abend in das spanische Lager gebracht wurde, glauben darf, gab es am Tische des Herzogs von Savoyen allerdings keinen Ueberfluß; er erhielt Wasser und keinen Wein, was ihm so unangenehm war, obgleich es La Rochefoucauld nicht besser erging. »Sie hatten,« erzählt Mergey, »je sieben an dem Tische nichts als ein Stück Kuhfleisch so groß als eine Faust, das sie in einen Topf mit Wasser thaten ohne Salz, ohne Speck, ohne Gemüse, und bei Tisch hatte Jeder eine kleine Tasse von Blech, in welche sie die Brühe gossen; dann wurde das Fleischstück in so viele Theile geschnitten, als Personen am Tische waren, mit sehr wenig Brot.« Wenn die Anführer auf so schmale Kost gesetzt waren, wird man sich nicht wundern, daß die Soldaten, bei denen es noch knapper ging, über den mit Gemüse beladenen Esel herfielen, den sie wahrscheinlich trotz der Bemühungen Scharfenstein’s, des Bauers und der Dirne geplündert hätten, wenn nicht Emanuel Philibert dazwischen getreten wäre.
Obgleich die Leute nun unter dem besondern Schutze Gaetano‘s standen, schien doch der Bauer und mehr noch seine hübsche Tochter von der ausgestandenen Angst sich kaum erholen zu können; der Esel jedoch war von gelassenerem Temperamente, denn sobald man ihn nicht weiter beachtete, fing er an das umhergestreute Gemüse aufzuzehren.
Erst als der Bauer und dessen Tochter Emanuel Philibert noch einmal hatten aus dem Zelte kommen und wieder verschwinden sehen, diesmal nach dem Zelte des Königs von Spanien hin, schienen sie sich ein wenig zu fassen, obgleich sie in seiner Gegenwart hätten ruhiger seyn sollen, da er sie ja beschützte; Niemandem aber fiel dies Widersprechende auf, als dem Harnischputzer des Connétable, welcher den Prinzen eben so gespannt fortgehen sah als der Bauer. Heinrich Scharfenstein seinerseits hatte sich wieder auf seine Bank gesetzt, die er nur verlassen, um den beiden Opfern der Rohheit der spanischen Soldaten beizustehen, und war von neuem in die tiefe Betrübniß versunken, die ihn zu verzehren schien.
Noch standen einige Neugierige um den Bauer und dessen Tochter her und schienen dieselben sehr zu belästigen, als Gaetano sie aus der Verlegenheit zog, indem er sie aufforderte mit ihrem Esel in einen von Palissaden eingeschlossenen Raum in der Nähe des Bettes des Herzogs sich zu begeben.
Der Esel sollte da abgeladen werden und der Bauer mit seiner Tochter das Essen und Trinken in Empfang nehmen, das der Prinz ihnen bewilligt.
Nachdem der Esel abgeladen war, erhielt der Bauer von Gaetano ein Brot, ein Stück Fleisch und einen Krug Wein; mehr, wie man sieht, als Graf Rochefoucauld und die sechs andern Herren erhielten, die mit ihm gefangen waren.
Aus dem Kampfplatze, von welchem die Todten und Verwundeten in Beiseyn des Herzogs von Savoyen selbst weggebracht worden waren, befand sich nun Niemand mehr als der Harnischputzer des Connétable, der eifriger als je rieb, und Heinrich Scharfenstein, welcher in Abwesenheit des Bauers und des Mädchens sich nicht geregt hatte.
Yvonnette, so hieß das hübsche Mädchen, ging zu einem kleinen einzeln stehenden Schuppen, während ihr Vater aus Dankbarkeit für die erwiesenen Dienste Heinrich Scharfenstein einlud das Frühstück zu theilen, das ihm der Herzog gewährt, aber Heinrich schüttelte den Kopf und murmelte seufzend:
»Seit mein Franz todt ist, schmeckt mir kein Bissen mehr.«
Der Bauer sah Scharfenstein betrübt an, dann wechselte er einen Blick mit dem Harnischputzer und ging zu seiner Tochter, die sich einen Haferkasten als Tisch zurechtgemacht und auf eine Schütte Stroh sich daneben gesetzt hatte.
Kaum hatten sie ihr Frühstück begonnen, als ein Schatten auf den improvisirten Tisch fiel, der Schatten des unermüdlichen Putzers.
»Da gibt‘s Wohlleben!« sagte er. »Ich werde den Herrn Connétable zu Euch zu Gaste bitten.«
»Nein, nein,« antwortete der Bauer jetzt in ganz gutem Französisch; »er äße alles ganz allein auf.«
»Ungerechnet,« setzte das Mädchen hinzu, »daß ein Mädchen bei dem alten Soldaten keinen Augenblick sicher seyn soll.«
»Und Du fürchtest die Soldaten? Habe ich doch gesehen welchen Schlag Du dem Spanier versetztest, der Dich küssen wollte! Ich fing an zu ahnen, wer Du seyst, aber erst an diesem prächtigen Schlage erkannte ich Dich. Was treibt Euch denn Beide, Euch der Gefahr auszusetzen als Spione gefangen zu werden, daß Ihr so in das Lager der Spanier kommt?«
»Zuerst wollten wir erfahren, wie es Dir ergeht, mein guter Pille-Trousse, und unsern andern Freunden,« antwortete das Mädchen.
»Sehr gütig, Jungfer Yvonnette, und wenn Ihr das dritte Glas auch voll schenken wollet, das wohl für mich da steht, wollen wir zuerst aus das Wohl eures Dieners trinken, der sich nicht übel befindet, wie Ihr seht, dann auf das unserer Freunde, denen es leider nicht allen so wohl ergeht als uns.«
»Und ich,« antwortete Yvonnet, denn man hat gewiß trotz der weiblichen Kleidung, in der er sich befand, unseren Abenteurer erkannt, »will Dir nun auch sagen was ich hier suche; Du kannst mir sogar dabei behilflich seyn.«
Yvonnet schenkte dem Freunde ein und forderte ihn auf, ihm die gewünschten Nachrichten zu geben.
»Ach,« sagte Pille-Trousse mit dem Zungenschnalzen, mit welchem die echten Weintrinker genießen, »es ist doch eine Freude einen alten Freund wieder zu finden!«
»Meinst Du den Wein oder mich?« fragte Yvonnet.
»Beide. Doch um auf unsere Freunde zu kommen. Da ist Maldent, welcher Dir von Procop, Lactantius und sich selbst erzählt haben wird. Ich hörte, Ihr seyd alle begraben.«
»Ja,« antwortete Maldent, denn der Bauer war Maldent, »ich muß sagen, daß wir zwei Tage länger als unser Heiland im Grabe geblieben sind.«
»Ihr seyd aber doch herausgekommen; das ist die Hauptsache. Die würdigen Jacobiner! Und wie fütterten sie Euch während eures Todes?«
»So gut sie konnten, diese Gerechtigkeit muß ich ihnen widerfahren lassen… Gewiß sind Todte niemals so gut gepflegt worden.«
»Und die Spanier machten Euch keinen Besuch in dem Begräbnisse?«
»Zwei- oder dreimal hörten wir ihre Tritte auf den Treppenstufen; als sie aber die lange Reihe von Särgen sahen, die nur eine einzige Lampe beschien, kehrten sie wieder um; ja ich glaube, wenn sie gekommen wären und wir hätten uns erheben wollen, sie würden sich mehr gefürchtet haben als wir.«
»So sind Drei und selbst Vier gerettet, da ich Dich ja wohl auch die Rüstung des Connétable putzen sehe.«
»Und Du erräthst nichts? Weil ich spanisch verstehe, gelte ich für einen Freund der Sieger.«
»Aber Franz? Malemort?«
»Da sitzt der arme Heinrich und weint; von ihm kannst Du erfahren, was aus Franz geworden ist.«
»Wie kann ein solcher Riese von einem gewöhnlichen Menschen sich um das Leben bringen lassen?« fragte Yvonnet mit einem tiefen Seufzen denn man hat nicht vergessen, welche innige Freundschaft zwischen den beiden Deutschen und dem Jüngsten der Abenteurer bestand.
»Auch hat ihn kein gewöhnlicher Mensch umgebracht,« antwortete Pille-Trousse, »sondern ein, wahrer Teufel, den sie Eisenbrecher nennen, ein Knappe, ein Milchbruder, ein Freund des Herzogs von Savoyen, Onkel und Neffe befanden sich zwanzig Schritte von einander und vertheidigten die achte Bresche, glaube ich. Dieser Eisenbrecher oder Scianca-Ferro griff den Neffen an; der arme Franz hatte wenigstens zwanzig Feinde bereits in den Himmel befördert; er war ein wenig müde und parirte etwas zu spät; das Schwert zerschlug ihm den Helm und spaltete ihm den Schädel bis zu den Augen. Zu seinem Lobe ist es noch zu sagen, daß sein Schädel so hart war, daß der verfluchte Eisenbrecher sein Schwert trotz aller Anstrengung nicht wieder aus der Wunde herausbrachte. Während er sich darum bemühte, bemerkte der Onkel, was geschehen war, und da er sah, daß es nicht mehr Zeit sey, dem Neffen zu Hilfe zu kommen, warf er seine ungeheure Keule nach dem Gegner. Sie traf, schlug den Harnisch ein und scheint auch noch Rippen zerbrochen zu haben… Franz fiel auf die eine Seite, Eisenbrecher auf die andere, Franz aber sagte kein Wort mehr, während Eisenbrecher noch sagen konnte: »Man thue dem nichts zu Leide, der mir die Rippen zerschlagen hat. Wenn ich davon komme, möchte ich seine nähere Bekanntschaft machen.« Er wurde ohnmächtig, aber man handelte nach seinem Wunsche. Heinrich Scharfenstein wurde lebendig gefangen, was nicht schwer war, denn als er seinen Neffen fallen sah, ging er zu ihm, setzte sich in die Bresche, zog das Schwert aus dem gespalteten Schädel, nahm ihm den Heim ab, legte sich den Kopf auf seine Knie und kümmerte sich um nichts, was um ihn her geschah. Da nun die beiden Scharfenstein die letzten Kämpfer gewesen waren, so hörte der Kampf auf, als der Neffe todt war und der Oheim sich gesetzt hatte. Man umringte also den Armen, forderte ihn auf sich zu ergeben und sagte, es werde ihm kein Leid geschehen. »Wird man mich von der Leiche meines Kindes trennen?« fragte er. »Nein,« gab man ihm zur Antwort. »In diesem Falle ergebe ich mich; macht mit mir was Ihr wollt.« Er ergab sich wirklich, nahm seinen todten Franz in die Arme, folgte denen, die ihn bis an das Zelt des Herzogs von Savoyen führten, behielt den Todten einen Tag und eine Nacht bei sich, grub ein Grab an dem Flusse, begrub ihn und kehrte dann, seinem gegebenen Worte treu, auf die Bank zurück, wo Ihr ihn gesehen habt. Man sagt aber, er habe seit dem Tode seines Franz weder gegessen noch getrunken.«
»Der arme Heinrich!« flüsterte Yvonnet, während Maldent, weil er entweder ein minder weiches Herz hatte oder weil er das Gespräch auf etwas Anderes bringen wollte, fragte:
»Malemort hat aber doch diesmal ein sehr würdiges Ende gefunden?«
»Da irrst Du Dich,« antwortete Pille-Trousse. »Malemort hat zwei neue Wunden erhalten, so daß er nun sechsundzwanzig zählt. Da man ihn für todt hielt, warf man ihn in den Fluß, aber in der Kühle des Wassers scheint er wieder zu sich gekommen zu seyn, denn als ich das Pferd des Connétable zur Tränke an die Somme führte, hörte ich einen armen Teufel winseln; ich trat hinzu und erkannte Malemort.«
»Der nur auf einen Freund wartete, um in dessen Armen zu sterben?«
»Keineswegs, der nur auf eine kleine Beihilfe wartete, um in das Leben zurückzukehren. Nur von unserem Dichter Fracasso weiß ich nichts.«
»Er hat die Gefälligkeit gehabt mir persönlich Nachricht zu geben,« antwortete Yvonnet nicht ohne Schauer und er erzählte, was ihm in der Nacht vorn 27. zum 28. August begegnet war.
Er hatte seine Erzählung eben beendigt, als eine große Bewegung verrieth, daß der Kriegsrath im Zelte des Königs zu Ende sey.
Alle Commandanten des spanischen, des niederländischen und englischen Heeres kehrten zu ihren Quartieren zurück und riefen, als hätten sie große Eile, ihre Leute an, die sie kannten. Sie schienen auch alle in übler Laune zu seyn.
Nach kurzer Zeit kam auch Emanuel Philibert, der in der allerübelsten Laune zu seyn schien.
»Gaetano!« rief er sobald er denselben vom weitem sah. »Laß die Zelte abbrechen, das Gepäck aufladen und die Pferde satteln.«
Nach diesem Befehle konnte und mußte man einen Aufbruch erwarten, nur wußten unsere Abenteurer nicht, welchen Weg man einschlagen werde. Aller Wahrscheinlichkeit nach war Paris bedroht, aber auf welchem Wege rückte die feindliche Armee gegen Paris? Sie hatte unter drei zu wählen, die keine oder unbedeutende Hindernisse gewährten.
Yvonnet kam alles darauf an zu erfahren, welchen Weg die spanische Armee wählen werde.
Pille-Trousse erkannte das Dringende der Lage, ergriff den Weinkrug, der zu zwei Drittheilen ausgeleert war, trank ihn geschwind leer und lief dann nach dem Zelte des Connétable, weil er da etwas zu erfahren hoffte.
Der angebliche Bauer und dessen angebliche Tochter verließen den ihnen angewiesenen Platz unter dem Vorwande, ihren Esel in Sicherheit zu bringen, und warteten dann. Maldent hielt den Esel am Zügel und Yvonnet saß auf dem Thiere.
Als Gaetano kam, um die erhaltenen Befehle weiter zu geben, fragte er den Bauer:
»Nun, Ihr seyd noch immer da?«
»Ja,« antwortete das Mädchen, »wir möchten gerne wissen, wohin wir nun unsere Waare bringen sollen.«
»Kommt nach Le Catelet, das wir belagern werden.«
»Nach Le Catelet?« murmelte Yvonnet. »Da wenden sie ja Paris den Rücken zu! Das gibt eine gute Nachricht für den König Heinrich II.«
Fünf Minuten später gelangten die verkleideten Abenteurer an das linke Ufer der Somme und nach einer Stunde galoppirte Yvonnet, welcher die Frauenkleidung abgelegt hatte, in seinem gewöhnlichen Anzuge auf der Straße von La Fère hin.
Um drei Uhr Nachmittags gelangte er in das Schloß Compiègne, wo er seine Mütze schwenkend rief:
»Gute Nachricht! Gute Nachricht! Paris ist gerettet.«
