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Kitabı oku: «Der Page des Herzogs von Savoyen», sayfa 28
IX.
Gott schützt Frankreich
Paris war allerdings gerettet von dem Augenblicke an als Philipp II. und Emanuel Philibert nicht unmittelbar gegen dasselbe zogen.
Wie konnte man einen solchen Fehler begehen?
Wegen des unentschlossen und mißtrauischen Charakters des Königs von Spanien oder vielmehr wegen der besonderen Gunst, welche der liebe Gott in der äußersten Noth Frankreich stets gewährt.
Man erinnert sich des Briefes, welchen König Philipp II. in der Hand hielt, als Don Luis de Vargas aus Rom ankam.
Dieser Brief war von dem Bischof von Arras, einem der Räthe Philipps II., auf den der sonst so wenig vertrauende König das größte Vertrauen setzte.
Philipp II. hatte einen Boten an ihn abgesandt, um ihn zu fragen, was er nach der Schlacht bei Saint-Quentin und nach der wahrscheinlichen Einnahme der Stadt thun solle.
Der Bischof hatte, wie man es sich denken kann, als Geistlicher, nicht als Soldat geantwortet.
Der Cardinal Granvella hat uns in der Sammlung seiner Staatsdocumeute jenen Brief aufbewahrt, welcher von so großen Folgen für das Geschick Frankreichs war.
Wir begnügen uns, nur folgende Stelle daraus mitzutheilen, welche Philipp II. so aufmerksam las, als der Secretär des Herzogs von Alba bei ihm erschien.
»Es würde nicht klug seyn, in diesem Jahre gegen die Franzosen etwas zu unternehmen, da die Jahreszeit wie die Beschaffenheit des Landes dagegen ist, man würde bereits errungene Vortheile, so wie den Ruf der spanischen Waffen auf das Spiel setzen. Am besten dürfte es seyn, wenn man sich damit begnügt, den Feind zu beunruhigen, indem man in seinem Gebiete jenseits der Somme sengt und raubt.«
Der Bischof von Arras meinte also, der König von Spanien dürfte trotz dem doppelten Siege nicht weiter in das Herz Frankreichs hineindringen.
Die Andeutung des Herzogs von Alba, die für Andere unklar war, war dagegen dem Könige Philipp sehr verständlich.
Der Herzog meinte keinen Andern als Emanuel Philibert, der so schnell sich hoch emporgehoben.
Je größer der Ruf des Herzogs wurde, um so mehr war er zu fürchten.
Wenn man nach der Schlacht und nach der Erstürmung von Saint-Quentin gegen Paris marschirte und Paris Emanuel in die Hände fiel – mit welchem Danke sollte ein solcher Dienst belohnt werden? Würde es genügen dem Sohne des Herzogs Carl die ihm entzogenen Staaten zurückzugeben?
Lag es überhaupt im Interesse Philipps, die Staaten, von denen er einen Theil besaß, zurückzustellen?
Wer bürgte dafür, daß Emanuel Philibert, sobald er Piemont zurückerhalten, das Mailändische und nach diesem wohl gar Neapel nicht nahm, jene beiden Besitzungen der Krone Spaniens in Italien, welche bereits so viel Blut gekostet hatten?
Ludwig XII. und Franz I. hatten Neapel und Mailand nicht für Frankreich zu erhalten vermocht, weil sie keine Wurzeln in Italien hatten und alle ihre Streitkräfte über die Berge kommen lassen mußten. Würde es eben so seyn bei einem Fürsten, der sich sogar auf den östlichen Abhang der Alpen stützte und dieselbe Sprache redete wie die Mailänder und Neapolitaner?
Konnte nicht dieser Mann ein Befreier für Italien werden?
Dieses riesige Gespenst erhob sich vor den Augen Philipps zwischen Saint-Quentin und Paris.
Deshalb erklärte denn auch Philipp gegen die allgemeine Ansicht und namentlich gegen den Rath Emanuel Philiberts, welcher unmittelbar auf Paris marschiren wollte, ohne Heinrich II. zu Athem kommen zu lassen, die siegreiche Armee werde nicht weiter vorgehen und in diesem Feldzuge sich begnügen Catelet, Ham und Chauny zu belagern, während man die Mauern von Saint-Quentin wieder ausbessere und diese Stadt zum Bollwerke der Eroberungen der spanischen Armee mache.
Diese Nachricht – nicht in allen ihren Einzelheiten, aber nach allen ihren Wahrscheinlichkeiten – brachte Yvonnet dem Könige Heinrich II. und sie war es, die ihn zu dem freudigen Rufe trieb: »Paris ist gerettet!«
In Folge dieser Nachricht die Heinrich II. nicht glauben konnte, kreuzten sich neue Befehle nach allen Richtungen hin, von Compiègne nach Laon, von Laon nach Paris, von Paris nach den Alpen.
Es erging eine Verordnung, daß alle Soldaten, Adelige und Nichtadelige, welche die Waffen getragen hätten oder sie tragen könnten, sich nach Laon zu dem Herrn von Nevers begäben, bei Androhung der körperlichen Züchtigung oder Entziehung des Adels.
Dandelot erhielt die Weisung sich nach der Schweiz zu begeben und die Anwerbung von viertausend Schweizern zu betreiben.
Zwei deutsche Oberste, Rothrock und Reiffenberg, brachten durch das Elsaß und Lothringen viertausend Mann, die sie am Rheine gesammelt hatten.
Man wußte, daß achttausend Mann von der italienischen Armee über die Alpen gegangen waren und in Eilmärschen herbeikamen.
Gleichzeitig – um Heinrich II. noch mehr zu beruhigen, der Compiègne nicht verlassen hatte, erfuhr man, daß bei der Belagerung von Le Catelet ernste Zwistigkeiten zwischen den Engländern und Spaniern ausgebrochen waren.
Die Engländer wollten sich zurückziehen, da sie sich durch den Hochmuth der Spanier verletzt fühlten, die sich allein alle Ehre von der Schlacht und von der Eroberung von Saint-Quentin zuschrieben.
Statt nun die beiden Völker womöglich wieder auszusöhnen, gab Philipp II. in seiner Vorliebe für die Spanier diesen Recht und erlaubte den Engländern, sich zurückzuziehen, was sie sofort thaten.
Acht Tage darauf entstand eine Meuterei unter den Deutschen, welche sich dadurch verletzt fühlten, daß Philipp II. und Emanuel Philibert allein von dem Lösegelde der Gefangenen Vortheil gezogen.
Dreitausend Deutsche verließen nach diesem Streite die spanische Armee, wurden sofort von dem Herzoge Nevers angeworben und traten aus dem Dienste des Königs von Spanien in den Dienst des Königs von Frankreich.
Der Sammelplatz aller dieser Truppen war die Stadt Compiègne, welche Herr von Nevers mit außerordentlicher Sorgfalt befestigen ließ und unter deren Kanonen er ein befestigtes Lager errichtete, das hunderttausend Mann aufzunehmen vermochte.
In den letzten Tagen des Monats September verbreitete sich in Paris plötzlich das Gerücht, der Herzog von Guise sey aus Italien angekommen.
Am Tage darauf verließ ein glänzender Reiterzug, den der Herzog selbst führte, der zu seiner Rechten den Cardinal von Lothringem zu seiner Linken den Herrn von Nemours, hinter sich aber die zweihundert Herren in seinen Farben hatte, den Palast Guise, zog in der Stadt umher und erregte die Begeisterung der Pariser, welche nun nichts mehr zu fürchten zu haben glaubten, da ihr geliebter Herzog zurückgekommen.
Denselben Abend wurde auf allen Plätzen unter Trommelschall bekannt bekannt gemacht, daß der Herzog von Guise zum Reichsverweser ernannt worden sey.
Vielleicht vergaß darin Heinrich II. in ernster Weise die Empfehlung, die ihm sein Vater auf dem Sterbebette ans Herz gelegt hatte – nemlich vor allem den Grundsatz festzuhalten, das Haus Guise nicht zu hoch zu erheben. Die Lage war freilich sehr ernst und so wurde jene weise Lehre vernachlässigt.
Am nächsten Tage – 29. September – reiste der Herzog nach Compiègne ab und an demselben Tage begann er die Ausübung seines Amtes, indem er die Truppen musterte, die wie durch ein Wunder in das verschanzte Lager gebracht worden waren.
Am 10. August Abends hatte es vielleicht in ganz Frankreich nicht zehntausend Mann Soldaten gegeben – die Garnisonen mit eingerechnet – und diese zehntausend Mann waren überdies so entmuthigt, daß sie auf den ersten Schuß im Felde geflohen wären oder die Thore der Stadt, in der sie sich befanden, geöffnet hätten.
Am 30. September dagegen musterte der Herzog von Guise bereits eine Armee von etwa fünfzigtausend Mann, die demnach um ein Viertheil stärker war als die des Königs von Spanien, nachdem die Engländer und die Deutschen sich von demselben getrennt hatten.
Die Armee war schön, voll Begeisterung und verlangte laut gegen den Feind geführt zu werden.
Am 20. October endlich erfuhr man, daß der König Philipp mit dem Herzoge von Savoyen und seinem ganzen Hofe Cambray verlassen habe, um nach Brüssel zurückzukehren, da er den Feldzug für beendigt ansehe.
Da konnte Jedermann nicht blos sagen, wie Yvonnet gesagt hatte, als er in den Schloßhof von Compiègne ritt: »Gute Nachricht! Paris ist gerettet!« sondern auch: »Gute Nachricht! Frankreich ist gerettet!«
X.
1558 – 1559
Ein Jahr war vergangen seit der König Philipp II. von Cambray sich nach Brüssel begeben und jede Brust in Frankreich gefühlt hatte, daß das Vaterland gerettet sey.
Wir haben mitgetheilt, welche kleinliche Bedenken aller Wahrscheinlichkeit nach den König von Spanien abgehalten hatten, seine Eroberungen zu verfolgen; nun werden wir am Hofe Heinrichs II. ein verderbliches Gegenstück zu diesem egoistischen Entschlusse finden, der, wie wir sahen, Emanuel Philibert so tief betrübt hatte.
Der Gram, den der Herzog von Savoyen fühlte, als er sich am rechten Ufer der Somme festgehalten sah, war um so tiefer, als es ihm nicht schwer wurde, die Ursache dieser seltsamen Entscheidung zu errathen, die für einige neuere Geschichtsschreiber unerklärlich geblieben ist, wie es für die alten Geschichtsschreiber der berühmte Aufenthalt Hannibals in Capua war.
Es waren übrigens in diesem Jahre große Ereignisse geschehen, von denen wir mit unsern Lesern sprechen müssen.
Das Wichtigste dieser Ereignisse war ohne Zweifel, die Wiedereroberung von Calais durch den Herzog Franz von Guise gewesen. Nach jener verderblichen Schlacht von Crécy, welche Frankreich fast so nahe an den Rand des Verderbens gebracht hatte, wie die von Saint-Quentin, hatte Eduard III. Calais zu Lande und zu Wasser mit einem Heere von dreißigtausend Mann angegriffen. Obgleich die Stadt durch eine nicht sehr zahlreiche Garnison vertheidigt wurde, ergab sie sich doch erst nach einjähriger Belagerung und nachdem die Einwohner auch das letzte Stückchen Leder aufgezehrt hatten, das in der Stadt zu finden gewesen war.
Seit dieser Zeit, also nach zweihundertzehn Jahren hatten die Engländer, wie sie es jetzt mit Gibraltar thun, Calais uneinnehmbar zu machen versucht, und sie glaubten dies so wohl erreicht zu haben, daß sie zu Ende des letzten Jahrhunderts über dem Hauptthore der Stadt eine Inschrift anbringen ließen, die etwa lautete:
»Calais wurde nach einer Belagerung von dreihundertachtzig Tagen
Den besiegten Valois durch die Engländer abgenommen.
Die Valois werden den Engländern Calais wieder abnehmen,
Wenn Blei wie Kork auf dem Wasser schwimmt.«
Die Stadt nun, welche die Engländer erst nach einer Belagerung von dreihundertundachtzig Tagen hatten nehmen können und die nur sollte wieder genommen werden können, wenn Blei wie Kork auf dem Wasser schwimme, nahm der Herzog von Guise, nicht durch eine regelmäßige Belagerung, sondern gewissermaßen durch Überrumplung, binnen acht Tagen.
Nach Calais nahm der Herzog von Guise Guines und Ham, Nevers dagegen eroberte Herbemont wieder und in diesen vier Plätzen, Calais mitgerechnet, ließen die Engländer dreihundert gegossene und zweihundertundneunzig eiserne Kanonen zurück.
Vielleicht wundern sich unsere Leser nicht, daß sie unter den Helden, die das Unglück Frankreichs wieder ausglichen, nicht den Connétable und Coligny, denn diese waren gefangen, aber auch Dandelot nicht nennen hören.
Der Name Dandelot war allerdings der einzige, welcher mit dem des Herzogs von Guise sich messen konnte.
Das erkannte denn auch der Cardinal von Lothringen, der sich mit dem Geschicke und Glücke seiner Familie so sehr beschäftigte und sich in diesem Augenblicke so ganz auf den Kopf seines Bruders verließ, daß er zu Allem fähig war, selbst zu einem Verbrechen, um einen Mann fern zu halten, welcher ein Hinderniß gegen dieses Glück seyn konnte.
Nun war nach der Meinung des Cardinals von Lothringen die Theilung der Freundschaft des Königs und des Dankes Frankreichs mit dem Herzoge von Guise allerdings eine Verhinderung im Wege des Glückes dieser stolzen Familie, deren Vertreter bald sich anmaßen sollten, den Königen von Frankreich sich gleichzustellen, und die sich vielleicht mit dieser Gleichheit nicht einmal begnügt hätten, wenn nicht dreißig Jahre später Heinrich III. dies durch Heinrich II. so unklugerweise erhobene Glück unter dem Dolche der Fünfundvierzig gestürzt hätte.
Dandelot mußte demnach verschwinden.
Er gehörte der reformirten Kirche an, und da er auch seinen noch wankenden Bruder für dieselbe gewinnen wollte, hatte er ihm nach Antwerpen, wo ihn der König von Spanien gefangen hielt, einige Bücher von Genf mit einem Briefe gesandt, in welchem er ihn dringend anfforderte, sich Calvins Lichte und Lehre zuzuwenden.
Dieser Brief Dandelots kam zu seinem Verderben in die Hände des Cardinals von Lothringen.
Es war gerade die Zeit, in welcher Heinrich II. am heftigsten gegen die Protestanten aufgebracht war. Mehrmals schon hatte man ihm mitgetheilt, auch Dandelot sey von der Ketzerei angesteckt, er hatte es immer nicht geglaubt, oder sich doch gestellt, als glaube er es nicht, so schwer wurde es ihm einen Mann von sich zu entfernen, der seit seinem siebenten Jahre in seinem Hause war und die Freundschaft des Königs für ihn durch so große und wichtige Dienste vergolten hatte.
Bei diesem Beweise von Ketzerei war freilich nicht mehr zu zweifeln.
Trotzdem erklärte Heinrich, in diesem Punkte würde kein Beweis, nicht einmal die Handschrift Dandelot‘s für ihn genügend seyn, und er gedenke sich auf das Geständniß des Angeklagten selbst zu beziehen.
Er nahm sich deshalb vor Dandelot im Beiseyn seines ganzen Hofes über seinen neuen Glauben zu befragen.
Um ihn indeß nicht unvermuthet zu überraschen, forderte er den Cardinal von Chatillon, dessen Bruder, und Franz von Montmorency, den Vetter auf, Dandelot in das Lusthaus der Königin kommen zu lassen, das er damals in Meaux bewohnte, und ihn zu bestimmen so zu antworten, daß er öffentlich von der Anklage sich reinigen könne.
Dandelot wurde demnach von Franz von Montmorency und dem Cardinal von Chatillon aufgefordert sich nach Monceaux zu begeben, so hieß das Landbaus der Königin, und sich auf seine Vertheidigung vorzubereiten, wenn er es nicht unter seiner Würde halte sich zu vertheidigen.
Der König befand sich beim Mahle, als man ihm die Ankunft Dandelot‘s meldete.
Heinrich II. empfing ihn sehr freundlich und versicherte zunächst, daß er nie die großen Dienste vergessen werde, die er ihm geleistet, dann sprach er von den Gerüchten, die über ihn umliefen, und sagte endlich, er werde beschuldigt, von den heiligen Mysterien des Glaubens nicht blos übel zu denken, sondern sogar so zu sprechen.
»Dandelot,« schloß er, »ich befehle Euch hier eure Meinung über das heilige Meßopfer zu sagen.«
Dandelot, wußte in Voraus, welchen Schmerz er dem Könige bereiten werde, und da er Heinrich II. nicht blos hochachtete, sondern auch innige Freundschaft für ihn empfand, so antwortete er demüthig:
»Sire, könntet Ihr einem Unterthanen, der seinem Könige so ganz ergeben ist, als ich es bin, nicht erlassen, auf eine Frage zu antworten, die blos den Glauben betrifft und vor welchem Ihr trotz eurer Größe und Macht doch auch nur ein Mensch wie andere Menschen seyd?«
Heinrich II. aber war nicht so weit gegangen, um wieder umzukehren, er befahl demnach Dandelot ganz bestimmt zu antworten.
Da Dandelot sah, daß er der Frage durchaus nicht ausweichen konnte, antwortete er:
»Sire, ich empfinde die tiefste Dankbarkeit für alle Wohlthaten, mit denen Ew. Majestät mich überschüttet hat, und ich bin bereit, mein Leben und meine Habe in eurem Dienst zu wagen und zu opfern, aber Sire – da Ihr mich zwingt das Geständniß zu thun – in Glaubenssachen erkenne ich keinen andern Herrn an als Gott, und mein Gewissen gestattet mir nicht, Euch meine Gesinnung zu verheimlichen. »Ich scheue mich also nicht, Sire, hier zu erklären, daß meiner Ansicht nach die Messe etwas ist, was von unserm Herrn, Jesus oder dessen Aposteln nicht empfohlen, sondern von Menschen erfunden wurde.«
Bei dieser Lästerung, welche die starren Hugenotten für eine Wahrheit hielten, die man nie zu laut bekennen könne, erbebte der König vor Erstaunen, vom Staunen ging er zum Zorne über und sagte:
»Dandelot, bisher habe ich Euch vertheidigt gegen die, welche Euch anklagten, nach der Aeußerung solcher entsetzlichen Ketzerei aber befehle ich Euch, mich zu verlassen und erkläre, daß ich Euch meinen Degen durch den Leib stoßen würde, wenn Ihr nicht gewissermaßen mein Zögling wäret.«
Dandelot blieb vollkommen ruhig, verbeugte sich ehrerbietig vor dem Könige, ohne auf diese schrecklichen Worte etwas zu entgegnen, und entfernte sich.
Heinrich II. war nicht eben so ruhig geblieben. Kaum war der Thürvorhang hinter Dandelot niedergefallen, als er seinem Gardeobersten befahl, ihn zu verhaften und gefangen nach Meaux zu bringen.
Der Befehl wurde vollzogen, aber dies genügte dem Cardinal von Lothringen nicht er verlangte von dem Könige, daß die Stelle eines Generalobersten des französischen Fußvolkes Dandelot entnommen und an Montluc gegeben werde, welcher dem Hause Guise ganz ergeben war, da er Page René‘s II., Herzogs von Lothringen, gewesen.
Das war der Lohn Dandelot‘s für die unermeßlichen Dienste, die er dem Könige so kurz vorher geleistet hatte und die der König nie vergessen wollte!
Man weiß was später den Bruder, den Admiral von Coligny erwartete.
Darum also wurde der Name Dandelot‘s unter denen nicht genannt, die sich durch immer neue Siege auszeichneten.
Emanuel Philibert seinerseits war nicht unthätig geblieben, sondern hatte kräftig gegen diese äußerste Anstrengung Frankreichs gekämpft.
Die Schlacht von Gravelingen,16 welche Graf Lamorat von Egmont gegen den Marschall von Tesmes gewann, war einer von den Tagen, welche Frankreich zu seinen unglücklichsten zählen mußte.
Der König Philipp II. commandirte persönlich die Armee in den Niederlanden, die 35.000 Mann Fußvolk und 14.000 Reiter zählte… In dieser Zeit erhielt er die Nachricht von dem Tode der Königin von England, seiner Gemahlin, die an einer Wassersucht starb, welche sie durchaus für Schwangerschaft halten wollte.
Die Hauptarmee Frankreichs ihrerseits stand wohlverschanzt hinter der Somme und hielt sich für den Augenblick unthätig. Sie bestand aus mehr ausländischen Söldnern als Franzosen.
Carl V. endlich war, wie wir in der ersten Abtheilung gesagt haben, am 21. September 1558 in dem Kloster St. Just in den Armen des Erzbischofs von Toledo gestorben.
Und, wie denn die Ereignisse auf Erden nur eine Verkettung von Gegensätzen sind, die junge Königin Marie Stuart hatte sich in ihrem fünfzehnten Jahre mit dem siebzehnjährigen Dauphin Franz vermählt.
So standen die Angelegenheiten in Spanien, Frankreich und England, als an einem Morgen des Octobers 1558 Emanuel – der in jener Trauer, von welcher Hamlet spricht und die von dem Anzug bis in das Herz geht, dem völlig hergestellten Scianca-Ferro einige Befehle gab – Leona in sein Cabinet treten sah, die schön und heiter war wie immer in ihrem gewöhnlichen Anzuge, aber doch selbst im Lächeln etwas Schwermüthiges nicht ganz bergen konnte.
In dem schrecklichen Feldzuge im vorigen Jahre sahen wir das schöne Mädchen verschwinden. Emanuel Philibert hatte verlangt, daß sie in Cambray bleibe, um sie den Strapatzen des Lagerlebens oder Schlachten und Belagerungen nicht auszusetzen; nach dem Feldzuge hatten die Liebenden mit größerer Liebe als je einander wiedergefunden und sich kaum von einander getrennt, da Emanuel aus Ermattung oder aus Widerwillen an dem Feldzuge von 1558 geringen Antheil nahm und die Operationen von Brüssel aus leitete.
Da Emanuel die geheimsten Gedanken des Herzens Leona‘s in dem Gesicht derselben zu lesen verstand, so fiel ihm diese Schwermuth auf, die das erzwungene Lächeln des Mädchens verdeckte.
Scianca-Ferro, welcher nicht so gut in den Gedanken zu lesen verstand, sah in dem Eintritte nur ihr tägliches Erscheinen in dem Cabinet des Fürsten, tauschte mit dem schönen Pagen, dessen Geschlecht auch für ihn kein Geheimnis mehr war, einen halb achtungsvollen, halb freundschaftlichen Händedruck, nahm die bereitgehaltene Depesche aus der Hand Emanuels in Empfang und entfernte sich wohlgemuth, um sich zu Philipp II. zu begeben.
Emanuel Philibert sah ihm bis zur Thür nach und als der junge Mann hinaus war, wendete er seine Blicke wieder auf Leona.
Leona lächelte noch immer. Sie stand, stützte sich aber auf einen Sessel, als ob die Füße ohne Stütze sie nicht zu tragen vermocht hätten. Ihre Wangen waren bleich und ihr Auge glänzte von einer nicht ganz entfernten Thräne.
»Was ist heute meinem lieben Kinde?« fragte Emanuel Philibert in dem Tone zärtlichen Vatersinnes, welchen bei dem Manne der Uebergang aus dem Jünglings- in das Mannesalter der Liebe gibt.
Emanuel Philibert hatte in der That am 8. Juli 1558 sein dreißigstes Jahr angetreten.
Emanuel Philibert hatte in dem noch so jugendlichen Alter von dreißig Jahren, unter dem Schutze des Unglücks, welches ihn genöthigt, ein großer Mann zu werden, was er vielleicht nicht geworden wäre, wenn er ruhig das Erbe seiner Staaten angetreten und ungestört regiert hätte, einen Kriegsruhm erlangt, welcher mit dem der Ersten seiner Zeit gleich stand, das heißt mit dem des Connétable, des Herzogs von Guise, des Admirals und des alten Marschalls Strozzi.
»Ich habe Dich,« antwortete Leona mit ihrer lieblichen Stimme, »an etwas zu erinnern und etwas zu fragen.«
»Leona weiß, daß mein Herz treu ist, wenn auch mein Gedächtniß undankbar seyn sollte. Also zuerst die Erinnerung, dann die Frage.«
Während er klingelte, um dem Diener zu befehlen Niemanden eintreten zu lassen, winkte er Leona auf einem Haufen Kissen neben ihm, dem gewöhnlichen Sitze des Mädchen, Platz zu nehmen.
Leona nahm den gewohnten Platz ein, stützte ihre beiden Ellbogen auf den Schenkel Emanuels, ihren Kopf aber auf ihre beiden Hände und sah ihm mit einem Blicke unendlicher Liebe und grenzenloser Hingebung in die Augen.
»Nun?« fragte der Herzog mit einem Lächeln, das bei ihm einige Besorgniß verrieth, wie das Lächeln Leona’s etwas Schwermüthiges hatte.
»Welchen Tag im Monate haben wir heute, Emannel?« fragte Leona.
»Den 17. November, wenn ich nicht irre,« antwortete der Herzog.
»Erinnert dieser Tag meinen geliebten Prinzen nicht an einen, der wohl bedacht zu werden verdient?«
Emanuel lächelte offener als das erste Mal, denn sein Gedächtniß, das weit besser war, als er es genannt hatte, versetzte ihn in vergangene Zeiten zurück und hielt ihm das Ereigniß, das Leona meinte, klar und deutlich vor.
»Es sind heute, und fast auf die Stunde, genau vierundzwanzig Jahre, daß ich einige hundert Schritte von dem Dorfe Oleggio und am Ufer eines Flusses eine Todte mit einem fast todten Kinde fand. Das Kind, das ich wieder ins Leben zurückzuführen das Glück hatte, war meine geliebte Leona.«
»Emanuel, hast Du seit jenem Tage einen Augenblick Ursache gehabt dieses Zusammentreffen zu beklagen?«
»Im Gegentheil, ich dankte dem Himmel jedes Mal, wenn ich an den Vorfall dachte,« antwortete der Prinz, »denn das Kind ist der Schutzengel meines Glückes geworden.«
»Und würdest Du mir die Bitte abschlagen, wenn ich zum ersten Male an diesem Tage Dich aufforderte, mir etwas zu versprechen?«
»Du machst mich besorgt, Leona; was könntest Du von mir verlangen, ohne vorher zu wissen, daß Du es sofort erhieltest?«
Leona erbleichte und mit bebender Stimme sprach sie, während sie zugleich auf ein fernes Geräusch zu achten schien:
»Bei dem Ruhme deines Namens, Emanuel, bei der Devise deiner Familie: »Gott bleibt dem, dem Alles fehlt,« bei den feierlichen Versprechungen, die Du deinem sterbenden Vater gabst, schwöre mir zu gewähren, was ich von Dir erbitte.«
Der Herzog von Savoyen schüttelte den Kopf wie Jemand, der fühlt, daß er sich verpflichten soll, ein großes noch unbekanntes Opfer zu bringen, zu gleicher Zeit aber auch überzeugt ist, daß dies Opfer zu Gunsten seiner Ehre und seines Glückes ist.
Er erhob demnach die Hand und sagte:
»Leona, alles werde ich Dir gewähren was Du verlangen magst, nur nicht – Dich nicht mehr zu sehen.«
»Ah!« flüsterte Leona, »ich ahnte, daß Du nicht ohne Vorbehalt schwören würdest… Ich danke Dir, Emanuel… Ich bitte Dich, ich verlange nun kraft des Schwures, den Du eben gethan hast, daß Du Dich persönlich dem Frieden zwischen Frankreich und Spanien nicht widersetzest, den Dir mein Bruder im Namen des Königs Philipp und des Königs Heinrich vorlegen wird.«
»Den Frieden? Dein Bruder! Woher weißt Du was ich nicht weiß, Leona?«
»Ein mächtiger Fürst glaubte, er bedürfe bei Dir seiner Dienerin, Emanuel, und darum weiß ich, was Du noch nicht weißt, was Du aber bald erfahren wirst.«
Da eben gewaltiger Lärm von Pferden auf dem Platze vor dem Rathhause und unter den Fenstern des Cabinets des Herzogs entstand, so stand Leona auf, um dem Diener im Namen des Herzogs zu sagen, er möge den Ankommenden nur eintreten lassen.
Wenige Augenblicke darauf, während Emannel Philibert Leona zurückhielt, die sich entfernen wollte, meldete der Diener:
»Se. Excellenz der Herr Graf Odoardo von Maraviglia, Abgesandter Ihrer Majestäten der Könige von Spanien und Frankreich.«
»Er trete ein!« antwortete Emanuel Philibert und seine Stimme klang fast so unsicher wie kurz vorher die Leona’s.
»Gravelingen! Freunde! da gings frisch. Brannten und sengten die wälschen Hunde nicht durch ganz Flandern? Aber ich meine, wir trafen sie! Ihre alten handfesten Kerle hielten lange wieder und wir drängten und schossen und hieben, daß sie die Mäuler verzerrten und ihre Linien zuckten. Da ward Egmont das Pferd unter dem Leibe erschossen und wir stritten lange hinüber, herüber, Mann für Mann, Pferd gegen Pferd, Haufe mit Haufe, aus dem breiten flachen Sand an der See hin. Auf einmal kam‘s wie vom Himmel herunter, von der Mündung des Flusses: baff! Bau! immer mit Kanonen in die Franzosen drein. Es waren die Engländer, die unter dem Admiral Molin von ungefähr Dünkirchen her vorbeifuhren. Zwar viel halfen sie uns nicht; sie konnten nur mit den kleinsten Schiffen herbei, und das nicht noch genug, schossen wohl auch unter uns. Es that doch gut. Es brach die Wälschen und hob unsern Muth. Da ging’s: Rick! Rack! Herüber, hinüber. Alles todtgeschlagen, alles ins Wasser gesprengt und die Kerle ersoffen, wie sie das Wasser schmeckten, und was wir Holländer waren, gerad hinter drein und immer die Feinde im Fluß zusammen gehauen, weggeschossen wie die Enten. Was nun noch durchbrach, schlugen Euch auf der Flucht die Bauernweiber mit Hacken und Mistgabeln todt. Mußte doch die wälsche Majestät gleich das Pfötchen reichen und Frieden machen. (Egmont, 1. Auf. 1. Wien)
