Kitabı oku: «Tatort Ostsee», sayfa 11
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Sophie saß mit den anderen Kursteilnehmern im Bistro. Bis auf Biene und Bärchen waren alle da. Während sie auf Olli und Ben warteten, jammerten sie über ihren Muskelkater. Die Berliner hatten wieder eine ordentliche Fahne. Sie mussten noch das eine oder andere Bier vernichtet haben. Indie und Wolf konzentrierten sich auf ihr Müsli. Hier kam als Mörder niemand in Frage, da war Sophie sich sicher. Clara betrat das Bistro. Ohne einen Gruß schritt sie durch die Gaststube und setzte sich an einen Tisch in der Ecke. Sophie beobachtete sie unauffällig. Clara wirkte nervös und schlecht gelaunt. Ihre Hände zitterten leicht, als sie sich eine Zigarette anzündete. Mürrisch blies sie den Rauch aus und blickte sich herablassend um. Eigentlich ist sie ziemlich hübsch, dachte Sophie. Aber ihre arrogante Mimik ließ sie unsympathisch wirken. Sie musste irgendwie dahinterkommen, was für eine Frau Clara wirklich war. Sie war die härteste Konkurrentin von Sarah gewesen, doch würde sie wirklich so weit gehen? Außerdem passte eine Konkurrenzgeschichte nicht zum ersten Mord. Und da war ja noch die Sache mit dem Sex. Clara winkte Hanjo zu. Er griff sich die Kaffeekanne und ging zu ihr. Beide unterhielten sich kurz, doch es war nichts zu verstehen. Sophie konnte nicht mal ihre Gesichter sehen. Hanjos Rücken verdeckte Clara. Nach ein paar Minuten kam Hanjo mit der Kanne zu ihrer Gruppe und füllte die Tassen auf.
»Die Jungs kommen gleich. Tut mir leid, dass ihr warten müsst. Der Kaffee geht aufs Haus.« Hanjo machte kehrt und Pelle hängte sich sofort an seine Fersen.
»Pelle!« Ihr Hund sah sie unschuldig an.
»Ach, lass ihn doch!« Hanjo grinste. »Ich gebe ihm auch nur ein klitzekleines Stückchen.«
Sophie lachte und gab ihren Segen. Schließlich hatte Pelle auch Urlaub. Die Berliner grölten plötzlich los. Olli und Ben kamen durch die Tür.
»Hey, wir sind die Kaputten, die sich rechtzeitig aufgerafft haben, trotz des Muskelkaters!«, rief Zecke lachend. Die Jungs aus Berlin machten eine Vier-Mann-La-Ola.
»Schön locker bleiben!« Ben lächelte in die Runde. »Wir haben euch schon mal die Kites an den Strand geschleppt, damit wir wieder etwas Zeit reinholen. Na, wegen gestern. Ihr solltet uns dankbar sein!«
Olli nickte bestätigend. Wirklich zwei süße Kerlchen, stellte Sophie erneut fest. Wie viele Frauen wickelten die in einer Saison wohl so um den Finger?
»Jedenfalls seid ihr ja jetzt fit, oder? Hanjos Kaffee ist die reinste Medizin!« Ben klopfte auf den Tisch. »Los! Rein in die Anzüge! Wir sind gleich bei euch.«
Mit lautem Möbelrücken standen alle auf. Pelle kam sofort aus der Küche gerannt. Hanjo folgte ihm. »Da seid ihr ja endlich. Hab mir fast schon Sorgen gemacht.«
»Wir haben schon mal alles vorbereitet. Schließlich sind wir in Verzug und wir wollen doch heute noch möglichst viele auf dem Brett stehen sehen. Wir bringen dir die Truppe zum Mittagessen zurück. Und zwar sehr hungrig!«
»Ach, Junge!« Hanjo wandte sich an Olli. »Die Zeitung liegt in der Küche.« Olli sah ihn merkwürdig an. »Na, die Sonntagszeitung. Die wolltest du doch unbedingt haben.«
Sophie wurde aufmerksam. Sie erinnerte sich, dass in dem dünnen Blättchen eigentlich nur der Artikel über die ertrunkenen Frauen interessant gewesen war. Der Rest der Zeitung bestand vor allem aus Anzeigen.
»Was ist denn mit der Zeitung?«, fragte sie Olli lächelnd. Er zuckte mit den Schultern. »Nichts Besonderes. Ich steh auf Kreuzworträtsel!«
Sophie nickte und folgte der Gruppe. Kreuzworträtsel? Oder wollte er gerne was fürs Erinnerungsalbum?
Ben stupste Olli kumpelhaft in die Seite. »Wieder so ein geiles Wetter! Wenn der Wind so bleibt, könnten wir heute Abend noch mal raus.« Olli reagierte nicht. Mit gesenktem Blick schlurfte er neben ihm her. »Olli?«
»Was? Ich hab nicht zugehört. Ich bin noch ziemlich von der Rolle. Ich meine, sie ist tot! Endgültig weg!«
Ben sah ihn mitfühlend an. Er überlegte eine Sekunde, dann fragte er. »Bist du … einfach nur erschüttert, dass sie tot ist, oder …« Er blieb stehen und sah dem Kumpel direkt ins Gesicht. »Hast du sie wirklich so sehr geliebt?« Ollis schmerzverzerrter Blick sprach Bände. »Glaubst du wirklich, ihr hättet auf Dauer zusammengepasst? Ihr wart so … verschieden. Nicht, dass ich Sarah wirklich gut kannte, aber es fällt mir schwer zu glauben, dass ihr mal zusammen alt werden wolltet.«
»Ich hatte gerade damit angefangen, mir genau das zu wünschen.« Olli kicherte nervös. »Und sie hatte wohl gerade damit aufgehört. Wenn sie es überhaupt jemals ernst gemeint hatte.«
Ben fühlte sich elend. Sarah hatte es nie und nimmer so ernst gemeint wie Olli, das wusste er genau. Alles, was er im Moment tun konnte, war seinen Kumpel abzulenken. Wie sollte gerade er ihm wirklich helfen können? »Na, los!«, sagte er deshalb aufmunternd. »Wir machen heute einen Spitzenjob, und du versuchst, in den nächsten Stunden nicht mehr an Sarah zu denken.«
»Ist wahrscheinlich ne gute Idee. Voller Arbeitseinsatz als Ablenkung!«
Ben und Olli waren bei ihren Gruppen angekommen. Alle Schüler waren umgezogen und sahen sie erwartungsvoll an. Ben übernahm das Kommando. »Alles wie gestern! Nehmt euch zu zweit einen Kite vor. Versucht, den Schirm im Team aufzubauen. Wir checken dann alles mit euch zusammen noch mal. Die Fortgeschrittenen holen sich bitte vorher noch ein Board. Sie liegen an der Hütte. Alles klar?«
Die Schüler nickten und nahmen sich das Equipment vor. Nur die hübsche Sophie lief etwas orientierungslos herum. Wahrscheinlich wartete sie auf Olli. An ihr sah der alte Neoprenanzug aus wie Haute Couture. Ihr Gang machte den schmalen Strand zu einem Laufsteg. Ben fragte sich, ob sie tatsächlich mal gemodelt hatte. Er schloss den Rückenreißverschluss seines Anzugs und trottete zu den Fortgeschrittenen. Wie Olli kontrollierte er die Knoten an den Kites und predigte immer wieder die einzuhaltenden Sicherheitsmaßnahmen herunter. Ben ertappte sich dabei, dass sein Blick immer wieder zur Anfängergruppe schweifte und er nach Sophie suchte. Vielleicht sollte er einfach einmal mutig sein und sie fragen, ob sie mit ihm essen gehen wollte. Er hätte gerne die Gruppen getauscht. Olli hatte im Moment sowieso kein Auge für Frauen. Diese Sophie entsprach aber auf jeden Fall Ollis Beuteschema. Und seinem definitiv auch, gestand er sich ein. Er wollte sich nie wieder in eine Frau verlieben, die ihn an Thailand erinnern würde. Wie lange würde Sophie wohl noch auf der langweiligen Ostseeinsel bleiben?
Sophie baute ihr Equipment gewissenhaft zusammen. Sie checkte jeden Knoten und jede Leine dreimal, bevor sie Olli zuwinkte.
»Schon fertig?«
Sophie nickte stolz.
»Na, dann lass mal sehen!«
Während er ihren Kiteschirm kontrollierte, studierte sie heimlich sein Gesicht. Olli war wirklich attraktiv. Mit Sicherheit interessierten sich nicht weniger Frauen für ihn als für Ben. Hatte er seine Freundin umgebracht?
»Und? Was glaubst du?«
Sie sah ihn erschrocken an. Er konnte unmöglich Gedanken lesen. Hatte sie etwa laut ausgesprochen?
»Was ist?« Olli war verwirrt. »Hey! Hast du einen Geist gesehen? Ich wollte nur wissen, ob du glaubst, dass du alles richtig aufgebaut hast!«
Sophie nickte erleichtert. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich selbst. »Ich bin alles noch dreimal durchgegangen.«
»Ist auch alles perfekt! Los dann!«
Er half ihr, den Schirm im Wasser zu starten. Sophie ließ ihn in kleinen Achten am Himmel kreisen. Sie fühlte sich sicher. Der Wind war gleichmäßig. Olli erklärte ihr ein letztes Mal, was sie beim Bodydragging zu beachten hatte. Sophie atmete noch einmal tief durch und lenkte den Kite dann in einem weiten Bogen in die Powerzone. Die ungeheure Kraft zog sie nach vorne. Sie schoss auf dem Bauch durch das Wasser. Sophie ließ den Drachen nicht aus den Augen. Sie zog ihn wieder nach unten und gleich wieder hoch, um ihm neue Kraft zu geben. Nach 100 Metern ließ Sophie den Schirm abstürzen. Sie hatte Angst, sich zu weit von den anderen zu entfernen. Noch hatte sie nicht gelernt zu wenden oder den Kite allein zu starten. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihn durchs Wasser zurückzuziehen. Olli kam ihr auf halber Strecke entgegen. Was hatte Tina erzählt? Ollis Freundin war ertrunken, als er ungefähr 14 war. Und nun, Jahre später, ist wieder eine Frau ertrunken, die was mit ihm hatte. Konnte das ein Zufall sein?
»Das war doch super! Wie sieht es aus? Wollen wir es mal mit Brett versuchen?«
Sophie war etwas mulmig zumute.
»Na los. Ich würde das nicht vorschlagen, wenn ich nicht sicher wäre, dass du es packst.«
Eine Viertelstunde später half Olli ihr, die Füße in die Schlaufen zu stecken. »Jetzt machst du es gleich genau wie beim Bodydragging. Zieh den Schirm nach unten und gleich wieder hoch. Und los gehts.«
Sophie war unentschlossen und abgelenkt. Die Sache mit dem toten Teenager mogelte sich immer wieder in ihre Gedanken. Aber 14-Jährige brachten doch niemanden um! Sie zog den Drachen aggressiv nach unten. Teenager erschossen ihre Lehrer und die halbe Klasse, wenn sie durchdrehten, aber Mord? Sie wusste ja nicht mal, unter welchen Umständen das Mädchen ertrunken war. Der Wind packte ihren Schirm mit solcher Wucht, dass sie sich panisch an die Bar klammerte und durch die Luft flog.
»Lass los! Sophie! Lass die verdammte Bar los!«
Sophie lockerte den Griff. Mit großer Wucht klatschte sie aufs Wasser. Olli war sofort bei ihr. »Scheiße! Alles klar?«
Er half ihr auf die Beine. Ihr Schirm lag flatternd auf der Wasseroberfläche. »Bist du verrückt? Du bist ja abgedüst, wie eine Rakete! Das war total leichtsinnig! Was war denn?«
Sophie wischte sich das nasse Haar aus dem Gesicht. »Keine Ahnung, was los war! War wohl so eine Böe.«
»Ne Böe? Quatsch! Warum hast du nicht losgelassen? Das ist hier zu gefährlich, um unkonzentriert riskante Manöver zu fahren! Kapiert? Es kann doch nicht so schwierig sein, die einfachsten Grundregeln zu begreifen!«
Es machte sie sauer, dass er sie behandelte wie ein dummes kleines Mädchen. »Komm wieder runter!«, schnauzte sie zurück. »Ich bin kein Teenager mehr, den du zusammenstauchen kannst. Etwas mehr Respekt! Und ich ersauf auch nicht so schnell!«
Seine Augen wurden schmal. »Aha, du bist schon groß!«, zischte er. »Dein Alter ist der Ostsee ziemlich egal. Und das Wasser hat auch keinen Respekt. Es kann dich umbringen!«
23
Hanjo stand in der Gaststube am Tresen und wählte die Nummer des Hotel Ostseeblick.
»Ostseeblick. Tees Hansen am Apparat.«
»Moin, Tees. Ich bins, Hanjo.«
»Mensch, Hanjo! Schön, dass du dich mal meldest.«
»Tees, ich brauch dringend eine Aushilfe. Ich pack das hier sonst nicht. Hast du nicht noch jemanden?«
»Du, hab ich tatsächlich! Eine junge Frau aus Burg. Sie sucht einen Ferienjob und hat bei uns angefragt. Wir haben aber genug Leute. Soll ich der mal deine Nummer geben?«
»Unbedingt! Ich weiß nicht mehr ein noch aus.«
»Schon gut. Warum kommst du nicht mal wieder auf ein Glas vorbei?«
»Im Moment ist alles ein bisschen viel. Erst Freyas Tod und jetzt diese Sache mit den toten Mädchen.«
»Ja, schlimm!«, gab Tees zu. »Ich sag dir, meine Frau traut sich abends kaum noch vor die Tür. Dabei …«
»Du, ich glaub, da brennt was an! Bis denn.« Hanjo warf den Hörer auf die Gabel. Tees war ein feiner Mensch, aber Hanjo konnte jetzt keine Geschichte über Tees’ Frau ertragen. Sein Blick fiel wieder auf die Schlagzeile. Er war noch gar nicht dazu gekommen, den Artikel zu lesen. Hanjo griff gerade nach der Zeitung, als die Tür aufging und Sophie zur Tür reinkam. Er freute sich, die beiden zu sehen. »Na, ihr seid aber früh zurück.« Sophie sah irgendwie aufgewühlt aus, stellte er verwundert fest. »Wie war der Kurs?«
Sophie setzte sich auf einen Barhocker und rollte genervt mit den Augen. »Ich bin durch die Luft geflogen und Olli hat gemeckert. Das ist heut nicht mein Tag. Ich sollte nach Hause fahren und mich in den Garten legen!«
»Ach was! Nach dem Essen sieht alles schon wieder ganz anders aus! Kaffee?«
Sie lächelte ihn an. »Du würdest mein Leben retten!«
Hanjo schlurfte in die Küche und schenkte dann zwei Tassen ein. Als er zurückkam, war Sophie in die Zeitung vertieft. Hanjo deutete auf die Schlagzeile. »›Mord auf Fehmarn‹. Ich will das einfach nicht glauben!«
»Das ist doch noch gar nicht offiziell. Bis jetzt ermittelt die Polizei noch. Weißt du, ich bin selbst bei der Presse und ich versichere dir, dass da immer alles etwas aufgebauscht wird.« Sophie zwinkerte ihm zu. »Schließlich will man Zeitungen verkaufen, oder?«
Hanjo nickte nachdenklich. »Glaubst du, dass jemand Sarah umgebracht hat?«
»Die Polizei schließt das wohl nicht aus. Und Fakt ist, dass zwei junge Frauen ertrunken sind. Ach, sag mal, hier ist doch vor vielen Jahren schon mal ein Mädchen ertrunken, oder?«
Hanjo sah sie verwirrt an. »Hier ertrinkt immer mal jemand. Ein Fischer. Surfer. Es gab auch ein paar Kiteunfälle.«
»Nein, ich rede von einem Mädchen. Fenja hieß sie, glaube ich.«
»Das ist so lange her.« Hanjo schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. »Die Kleine ist rausgesurft, allein. Sie war sehr gut und niemand hat sich Sorgen gemacht. Und dann ist sie nicht zurückgekommen.« Er öffnete die Augen wieder. »Sie ist einfach verschwunden.«
»Sie war eine Freundin von Olli, nicht?«
Er nickte langsam. »Sie waren noch halbe Kinder!«
»Schrecklich! Er muss doch total fertig gewesen sein?«
Hanjo starrte ins Leere, als er antwortete. »Das hab ich mich oft gefragt. Kommt man jemals über so was weg? Der Tod ist so endgültig.« Er lächelte sie traurig an. »Mir hilft es, dass meine Frau in meinen Armen gestorben ist. Sie wirkte zufrieden, fast glücklich. Aber diese Ungewissheit? Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres.«
Olli fühlte sich furchtbar. Sophie war wirklich wütend und zwar mit Recht. Er hätte sie nicht so anfahren dürfen. Er war regelrecht ausgerastet. »Mittagspause!«, brüllte er durch die Bucht. »Landet mal die Schirme!« Ungeduldig half er seinen Schülern an Land. Er musste Sophie sehen. Hoffentlich war sie noch zu Hanjo gegangen. Er musste sich unbedingt bei ihr entschuldigen. Sie musste einen riesigen Schrecken bekommen haben. Was war nur mit ihm los? Es würde ihn nicht wundern, wenn Sophie vom Kiten auf Fehmarn die Nase voll hatte. Sie brauchten gar keinen Mörder auf der Insel, um Touristen zu vergraulen, dachte er zynisch. Er schaffte das auch ganz leicht mit Worten. Olli zog seinen Anzug aus und sprang in seine Klamotten. »Ihr kommt klar?«, rief er fragend über den Strand. Alle nickten und schaufelten weiter Sand auf die Kites. »Wir sehen uns gleich! Ich geh vor und helfe Hanjo!«
Olli stieß die Tür auf und betrat das Bistro. Sophie saß mit Hanjo am Tresen und trank Kaffee. Der braune Labrador kam angelaufen und leckte seine Hand.
»Hallo, Olli!«, grüßte Hanjo. »Wir …«
»Wir plaudern gerade ein bisschen«, brachte Sophie den Satz zu Ende. Sie sah ihn so kühl an, dass er schlucken musste. Hanjo verkrümelte sich zum Glück in die Küche.
»Sophie, es tut mir leid!« Sie zog skeptisch die linke Augenbraue hoch. Er würde sich ins Zeug legen müssen. »Ich habe wirklich total übertrieben und ich hätte dich nicht so bescheuert anschnauzen dürfen. Aber …«
»Ja?«
»Du bist durch die Luft geflogen. Ich dachte, du brichst dir alle Knochen.«
»Willst du mir gerade erzählen, dass du in tiefster Sorge überreagiert hast?«
»Ja!«
»Du solltest mal versuchen, dein Temperament zu zügeln!«
Jetzt kam er sich vor wie ein kleiner Junge.
»Nicht, dass du vor lauter Sorge noch irgendwann handgreiflich wirst«, fuhr sie unerbittlich fort.
In diesem Moment hätte er sie wirklich gerne geschlagen. Nicht wirklich natürlich, aber verbal. Er war ihr nicht gewachsen, gestand er sich ein. »Was soll ich jetzt machen? Dir die Füße küssen, dir das Geld für den Kurs zurückzahlen? Mich in die Ecke stellen und mich für den Rest des Tages schämen?«
Sie lachte plötzlich. »Das mit der Ecke find ich nicht schlecht!«
»Frieden?«
Die Küchentür flog auf. Hanjo trug ein Tablett mit Tellern und Besteck. »Heute gibt es für alle Spaghetti Bolognese!«
Sophie nahm ihm das Tablett ab. »Ich verteil das!« Bevor sie zu den Tischen ging, sah sie noch mal über ihre Schulter. »Ach, Olli! Ja, Frieden!«
Hanjo sah ihn fragend an. »Hast du dich bei ihr entschuldigt?«
Olli sah seinen väterlichen Freund an und nickte schuldbewusst. »Hab ich! Mach dir keine Sorgen. Wir haben uns jetzt wieder lieb.« Die Bistrotür öffnete sich und die Kursteilnehmer stürmten hungrig an die Tische.
Hanjo fummelte nervös an der Tageszeitung herum. »Was ist?«, fragte Olli verwundert.
»Sie weiß das mit dir und Fenja.« Ohne ihn noch mal anzusehen, verschwand Hanjo in der Küche. Olli rührte sich nicht. Er starrte auf die Schlagzeile. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. Fenja. Wieso konnte er sie einfach nicht vergessen? Sie war so bildschön gewesen. Sarah war auch hübsch und blond gewesen. Er hatte sich oft gefragt, wie Fenja wohl als erwachsene Frau ausgesehen hätte.
Sophie räumte die leeren Teller zusammen und brachte sie zu Hanjo in die Küche. »Hanjo? Wo soll ich mit dem dreckigen Geschirr hin?«
Hanjo drehte sich irritiert um. »Ach, du bist das. Ich hatte schon die Hoffnung, die neue Aushilfskraft wäre da. Stell es doch auf die Spülmaschine, Mädchen. Ist mit Olli denn alles wieder gut?«
Sophie grinste. »Alles ist wieder bestens! Wir haben uns vertragen und ich mache weiter mit dem gnadenlosen Training.«
»So schlimm? Ich dachte, die Jungs wären harmlos.«
Harmlos? Waren sie das wirklich?
»Deine Jungs sind schwer in Ordnung«, bestätigte sie. »Die Ostsee und der Wind sind meine Feinde. Aber ich bin ehrgeizig! Ich werde jetzt brav weiterüben und mir den Muskelkater von gestern wegdenken.«
Hanjo öffnete einen Schrank und nahm eine Blechdose heraus.
»Hier! Das sind die besten Kekse der Welt. Sie haben schon immer kleine Wehwehs geheilt und neue Kraft gegeben. Greif zu!«
Sophie nahm sich einen Keks und sah Hanjo ehrfürchtig an. »Vielen Dank für das magische Zauberplätzchen!«, sagte sie dann ironisch. Sie biss ab und verdrehte die Augen. »Wow! Superlecker!«
Lächelnd schloss Hanjo die Dose wieder, streichelte sie liebevoll und stellte sie zurück in den Schrank. »Es waren ihre Lieblingskekse«, flüsterte er gedankenverloren.
»Die von deiner Frau?«
»Was?« Hanjo sah sie verwirrt an.
»Hast du die Kekse selbst gebacken?«, fragte Sophie schnell im Plauderton.
Er schüttelte den Kopf und schluckte. »Nein, ich kann gerade mal ein bisschen kochen.« Seine Stimme war rau. Er räusperte sich. »Und nun beeil dich. Die anderen werden schon warten.«
Sophie stopfte sich den Rest in den Mund und stürmte aus der Küche. Sie hätte sich selbst ohrfeigen können. Hanjo verteilte diese besonderen Plätzchen bestimmt nicht im großen Stil. Sie war sich sicher, dass seine Frau sie gebacken hatte. Dass Hanjo ihr einen angeboten hatte, zeigte doch, dass er sie mochte. Was war sie doch für eine unsensible Kuh! Freya Peters war gerade mal vier Wochen tot. Kein Wunder, dass Hanjo traurig war und zwischendurch in Erinnerung versank. Und jetzt waren da auch noch die toten Mädchen. Wie sollte der arme Mann je zur Ruhe kommen? Es drehte sich doch alles nur noch um den Tod.
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Stefan saß mit den Kollegen Feller, Schölzel und Hartwig im Besprechungsraum des Staatsanwalts. Lutz Franck war gerade dabei zu erklären, was er in beiden Fällen herausgefunden hatte. Stefan hatte Mühe, sich zu konzentrieren. Gleich würde er Ingmar erzählen müssen, dass die Kripo noch keine Ergebnisse hatte.
»Wie bei Sarah Müller habe ich auch bei Sandra Schmidt die Einnahme von Diazepam nachweisen können.« Franck sah sie mit großen Augen an, als erwartete er Applaus. »Die Dosis war aber jeweils zu gering. Das Zeug hat sie nicht getötet. Sie sind beide definitiv ertrunken. Die Lungenflügel sind überbläht und zeigen Paltaufsche Flecken auf der Pleura visceralis.«
»Was für Flecken?«, fragte Stefan genervt. »Es wäre zauberhaft, wenn du deinen Vortrag auch für Nichtmediziner verständlich halten könntest.« Der Rechtsmediziner warf ihm einen genervten Blick zu. »Ich rede von diesen blassroten am inneren Rippenfell. Sie entstehen, wenn die Lungenbläschen platzen und Wasser eindringt. Franck machte eine kurze Pause und sah in die Runde. »Im Gegensatz zu Sandra Schmidt hatte Sarah Müller kurz vor der Tat ungeschützten Geschlechtsverkehr. Wir haben Sperma, Schamhaar und Haupthaar gefunden. Allerdings wurde Sarah Müller in ihrem Neoprenanzug gefunden, was darauf schließen lässt, dass sie sich selbst wieder angezogen hat. Es ist schwer vorstellbar, dass der Täter ihr das enge Kleidungsstück nach ihrem Tod angezogen hat. Aus diesem Grund gehe ich nicht zwangsläufig davon aus, dass die Spuren zum Täter gehören.«
Harder räusperte sich. »Dr. Franck. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sich auf die rein medizinischen Fakten beschränken und das Analysieren der Mordkommission überlassen würden.«
Stefan nahm den beleidigten Gesichtsausdruck des Rechtsmediziners zur Kenntnis und freute sich, dass Ingmar ihm diesen Verweis erteilt hatte. Franck blätterte in seinen Notizen. »Der Todeszeitpunkt ist nicht sicher zu bestimmen. Es wurde leider versäumt, beim Leichenfund die Temperatur zu messen.«
Stefan registrierte den kurzen vorwurfsvollen Blick.
»Auf jeden Fall haben die Leichen nicht lange im Wasser gelegen. Es gibt keine Waschhautbildung. Und beide Frauen sind definitiv nicht in der Ostsee ertrunken.« Franck sah noch mal in die Runde. »Aufgrund der Menge der gefundenen Kieselalgen und der trockenen Lunge ist es sicher, dass die Frauen in Leitungswasser ertränkt …« Franck atmete durch. »Entschuldigung, ertrunken sind.«
Es entstand eine Pause. Nur das Klappern der Kaffeetassen war zu hören. Endlich räusperte sich der Staatsanwalt.
»Gut! Beide Morde tragen die gleiche, durchaus dubiose Handschrift. Stefan, was habt ihr bis jetzt?«
»Wir haben so gut wie nichts. Wir sind dabei, die Zeugenaussagen alle noch mal durchzugehen. Die meisten wissen nichts und kommen von sonst wo her. Sandra Schmidt war eine Touristin. An Sarah Müller erinnern sich deshalb wesentlich mehr, aber gesehen oder gehört hat keiner was.«
»Verdammt!«, fluchte Ingmar und haute mit der Faust auf den Tisch. »Ich kann euch jetzt schon versprechen, dass die Presse da keinen Spaß versteht. Und früher oder später müssen wir eine Konferenz geben.«
Stefan nickte nur.
»Da läuft ein Irrer rum«, erinnerte der Staatsanwalt wieder sehr ruhig. »Jemand ertränkt anscheinend Frauen und legt sie dann am Strand ab! Auf Fehmarn! Stefan, verdammt noch mal. Ich habe wirklich Angst, dass das noch mal passiert.«
Stefans Herz klopfte bis zum Hals. Es war nicht unwahrscheinlich, dass der Täter wieder zuschlagen und es noch weitere Opfer geben würde.
Ben ging von Team zu Team und half die Kites und die Boards ins Wasser zu tragen. Zwischendurch wanderte sein Blick immer wieder zu Ollis Leuten. Sophie war noch immer nicht da, wunderte er sich. Am Vormittag war sie richtig gut gewesen. Sie hatte es sogar schon aufs Board geschafft. Ben konnte sich nicht vorstellen, dass sie aufgegeben hatte. Sie hatte doch wirklich Spaß gehabt. Außerdem schien sie sehr ehrgeizig zu sein. Beim Mittagessen war sie lustig gewesen. Der kleine Streit mit Olli war doch auch beigelegt. Ob sie es mit der Angst gekriegt hatte? Er versuchte mit dem Grübeln aufzuhören und sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. »Sehr gut!«, lobte er die Truppe, nachdem jedes Team im Wasser war. »Übt noch kurz ohne Board, damit ihr den momentanen Wind besser einschätzen könnt. Wenn ihr euch sicher fühlt, kann der jeweilige Partner beim Aufsteigen helfen. Okay?«
Die Kursteilnehmer nickten zustimmend und stapften weiter durchs Wasser. Ben hatte gerade beschlossen, kurz zu Olli zu gehen und nach Sophie zu fragen, als er sie, gefolgt von ihrem Hund, den Strand entlangjoggen sah. Ben konnte den Blick nicht von ihr wenden. Sie trug eine abgeschnittene Jeans und ein Bikinioberteil. Ihre langen Beine waren gebräunt und die Muskeln saßen wohlproportioniert an den richtigen Stellen. Wahrscheinlich quälte sie sich alle zwei Tage in einem Fitnessstudio.
Sophie blieb vor ihm stehen und sah ihm ins Gesicht. »Was glotzt du denn so?«, fragte sie ihn etwas außer Atem.
»Ich?« Es ärgerte ihn, dass sie ihn ertappt hatte. Ihm fiel auf die Schnelle keine schlagfertige Antwort ein.
»Ja, du! Stimmt was nicht?«
Ben schüttelte den Kopf.
»Hey, Sophie! Da bist du ja endlich!« Olli kam genau im richtigen Moment dazu. Ben hätte ihn am liebsten geküsst!
Sophie wandte sich ihm zu. »Ich habe mich bei Hanjo in der Küche festgequatscht.«
»Kein Problem«, winkte Olli ab. »Quäl dich in deinen Anzug. Ich helfe dir gleich mit dem Schirm.«
Sophie nickte und verschwand.
»Danke!«, sagte Ben erleichtert. Olli sah ihn fragend an. »Ach, du bist einfach genau im richtigen Moment hier aufgetaucht.«
»Hast du was gegen sie?«
Ben grinste verlegen. »Eher nicht, fürchte ich. Und sie hat leider gemerkt, dass ich sie angestarrt habe.«
Olli lachte kurz auf. »Und sie wird dir ein paar Takte erzählt haben, nehme ich an.«
»Hätte sie wahrscheinlich, aber du hast mich gerettet!«
»Ach, wie schade!« Olli wurde ernst. »Sie ist klasse! Wirklich nett und ziemlich sexy. Vergiss es, Surferboy. Das Objekt deiner Begierde ist ne Nummer zu groß, selbst für dich.« Er machte kehrt, um seiner Gruppe zu helfen.
»Ja, bis dann«, murmelte Ben leise. Objekt seiner Begierde? Ja, wahrscheinlich war Sophie das wirklich!