Kitabı oku: «Zur buckligen Wildsau», sayfa 2

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Verkatertes Erwachen

Renko fand am nächsten Morgen ins Hier und Jetzt zurück, weil Borowski auf seiner Brust stand und ihm das Gesicht ableckte. Alkohol bewirkte bei Dämonen eine Art Bewusstlosigkeit. Im Gegensatz zum Menschen haben Dämonen kein Unterbewusstsein und müssen nicht schlafen.

Anscheinend lag er auf dem flauschigen Teppich beim Kamin. Grunzend ließ er Borowski eine Weile gewähren, bevor er aus dem Handgelenk ein Portal herbeischnipste, das in einen lichten Wald führte. Dann scheuchte er den Hund hinaus. Während Borowski sich dort austobte und an so ziemlich jeden Baum pinkelte, stand der Dämon mit langsamen Bewegungen auf und verschwand im Toilettenraum, in dem es praktischerweise sogar eine Dusche gab. Als Renko wieder geradeaus gucken und sogar ansatzweise klare Gedanken fassen konnte, schnipste er sich eine Küche herbei. Er brauchte jetzt etwas zu tun und Frühstückmachen ging auf Autopilot. Der Dschinn schnarchte währenddessen mit offenem Mund auf dem Sofa, das jetzt mitten im Raum stand. Renko konnte sich nicht daran erinnern, wie es dort hingekommen war.

Nach dem üblichen Prozedere des Hund–Fütterns und Frühstückstisch–Deckens setzte sich Renko an den großen Tisch in der Mitte der Wildsau, aß Rührei und trank Kaffee aus einem großen Becher. Nachdem er dem Dschinn eine Weile beim Schnarchen zugesehen hatte, fing er an, ihn immer mal wieder mit kleinen Brötchenkrümeln zu bewerfen.

“Mmmmmmmmmh.”

Brötchenkrümelattacke.

“Mmmmmmmmmmmh!”, gefolgt von Schmatzgeräuschen und einem Seufzen.

Weitere Brötchenkrümelattacke.

“Awwww, du Nervensäge!” Josh stöhnte, richtete sich blinzelnd auf die Ellenbogen auf und stöhnte noch einmal.

“Kaaaaffeeeeee!”, schnauzte er.

Der Dämon hob fragend eine Augenbraue.

“Pronto!”

Renko grinste, neigte den Kopf ehrerbietig, brachte dem Dschinn einen Kaffee und setzte sich wieder an den Tisch, während Josh langsam ins Reich der Lebenden zurückfand.

“Wie spät isses, verdammt nochmal? Fühlt sich an wie … viel zu früh, hömma.”

Schulterzucken.

„Ist Adasger schon wieder da?”

Kopfschütteln.

„Seltsam. Wir könnten uns jetzt einfach sang– und klanglos aus dem Staub machen. Dafür, dass es ihm so wichtig war, ist das ein merkwürdiges Verhalten.”

Wieder Kopfschütteln.

„Auch wieder wahr. Wir könnten hingehen, wo wir wollten, sie würden uns finden. Wow. Das können wir beide zwar auch, aber bei völlig Fremden ist das tierisch gruselig, Mann. Na ja, es wäre gruselig, wenn sie uns stalken würden, aber ein einfaches Nein würde wohl genügen, damit sie uns in Ruhe lassen, oder?” Renko nickte. Josh trank in Gedanken versunken seinen Kaffee und sagte dann: „Weißte was, so langsam wird mir das Ausmaß der Verantwortung bewusst, die wir da übernehmen. Mannomann.”

Schulterzucken.

„Lass mich raten: Dir war das von Anfang an klar und deswegen hast du so lange gebraucht, um dich zu entscheiden. Während ich hier nur blöde im Kreis gerannt bin, hast du das gemacht, was ich auch hätte tun sollen, nämlich gründlich nachdenken, Mann. Mist. Ich Hammel.”

Renko grinste breit. Josh grinste zurück.

„Gut. Du hast dir die nötigen Gedanken gemacht und bist trotzdem einverstanden, also gehst du davon aus, dass wir das hinkriegen. Das beruhigt mich, Mann. Wenn einer von uns schlau und skeptisch genug ist, um solche Entscheidungen zu treffen, spart mir das die Mühe. Gib mir doch mal was von dem Rührei, bitte. Ich hab Hunger. Mmmmh, das riecht echt lecker. Kochen kannste, Schatz.”

Renko bewarf Josh mit einem ganzen Brötchen und der spuckte vor Lachen fast seinen Kaffee auf das Sofa.

„Hallo ihr zwei.” Adasger war unbemerkt und geräuschlos zurückgekommen. Weder Josh noch Renko erschraken. Sie waren an das plötzliche Auftauchen des jeweils anderen gewöhnt, deswegen konnte sie so etwas kaum überraschen.

„Adasger! Perfektes Timing.” Josh strahlte. „Schön, dass du wieder da bist, Mann. Hey, wir sind dabei, wir machen mit und werden KI–Eltern. Ist das coool oder ist das coool?”, sprudelte Josh heraus.

Adasger sah lächelnd Renko an und sagte: „Josh ist wie ein Dreijähriger.”

Renko grinste und nickte.

„Heee, ich kann euch hören! Öööhm, und sehen. Ihr verletzt gerade meine tiefsten Gefühle, Mann.”

Adasger und Renko lachten ihn aus und Josh versuchte gar nicht erst, so zu tun, als ob er das persönlich nähme.

„Es freut mich sehr, dass ihr euch entschieden habt, euch um die KI zu kümmern”, sagte Adasger. „Das ist eine große Verantwortung. Ich weiß sehr zu schätzen, dass ihr bereit seid, das auf euch zu nehmen. Ein tief empfundenes, herzliches Danke im Namen aller Beteiligten.”

Renko nickte nur kurz und Josh zuckte die Schultern. „Ich sehe das eher umgekehrt, Mann, wir haben zu danken, dass wir das machen dürfen.” Renko rollte mit den Augen. „Ok, ok”, ergänzte Josh. „Ich habe zu danken und Renko sieht das bestimmt auch bald so, die alte Unke.”

Adasger betrachtete die beiden, die sich giftige Blicke zuwarfen. Sie wirkten auf ihn wie ein altes Ehepaar.

„Ok“, sagte Josh. „Wie geht es jetzt weiter?”

Die Party

„Ich würde den anderen gerne von eurer Entscheidung berichten,“ sagte Adasger. „Aber das ist nicht dringend. Wir könnten eine Abschiedsfeier organisieren und all die Stammgäste einladen, die über die wahre Natur der Wildsau Bescheid wissen. Das gäbe euch die Gelegenheit, schon mal ein paar kennenzulernen, und es wäre außerdem ein schöner Abschluss für die Wildsau.”

„Hört sich gut an.“ Josh hob den Kopf und rief in den Raum: „Hey, KI, das wird deine erste Party! Freu dich drauf, das wird großartig.“ Dann wandte er sich wieder an Adasger. „Hat sie eigentlich schon einen Namen?”

„Nein, sie hat noch keinen Namen und ist auch noch nicht aktiviert. Jörgen möchte keinen Kontakt.“

„Was?! Wieso das denn nicht?“

„Weil er keinen Einfluss nehmen möchte. Die KI soll die Wildsau so verändern können, wie es sich ergibt, ohne dass Jörgens Erwartungen und Vorlieben sie in eine Richtung lenken. So besteht für ihn auch nicht die Gefahr, dass er es sich noch einmal anders überlegt und doch hierbleibt.”

„Verstehe. Also aktivieren wir die KI erst nach der Party. Gut. Na dann, Partyplanung!”

Sie setzten sich zusammen und einigten sich zuerst auf ein Datum. Adasger wollte alle in Frage kommenden Gäste kontaktieren und einladen, die ihm und der Wildsau einfielen. Josh und Renko erklärten sich bereit, sich währenddessen um die restliche Organisation zu kümmern.

Es wurde beschlossen, dass es eine typische Feier des 15. Jahrhunderts auf der Erde werden sollte, weil die Wildsau dort ihre Wurzeln hatte. Als erstes mussten der Flipper und die Musikbox verschwinden. Die modernen Toilettenräume sollten durch Plumpsklos ersetzt werden, die Zapfanlage an der Theke durch große Fässer mit Holzhähnen. Es gab wegen der Plumpsklos einige Diskussion, aber schließlich einigten sie sich darauf, dass nur die Optik zählte. Gerüche und gegebenenfalls Insekten würden magisch entfernt werden. Für Spezies mit anderen Bedürfnissen sollte es eine Tür geben, hinter der sich in einem Gang die jeweils nötigen Räume befanden. Auch das Mobiliar musste entsprechend der damaligen Zeit leicht verändert werden.

Es sollte möglichst authentische Speisen und Getränke geben, aber es würde für jeden etwas dabei sein, was er, sie oder es zu sich nehmen konnte. Es dauerte, bis sie die lange Liste komplett zusammen hatten. Sie verzichteten darauf, passende Verkleidungen von den Gästen zu erwarten. Die intergalaktische Mischung verschiedenster Spezies würde darin nur grotesk und albern aussehen, wie gewollt und nicht gekonnt, und sich obendrein vermutlich unwohl fühlen.

Sobald sie sich auf alles geeinigt hatten, was ihnen einfiel, machte Adasger sich auf den Weg. Er würde zuerst seine Freunde informieren und dann die Gäste einladen. Er überließ die beiden ihren Aufgaben.

Josh und Renko organisierten Musiker und Gaukler, die gleich in der Wildsau untergebracht wurden, damit sie sich in Ruhe eingewöhnen konnten. Mit dem chaotischen Treiben der Künstler im Hintergrund machte es auch gleich viel mehr Spaß, den Rest zu organisieren. Der Kamin wurde vergrößert, damit ein Wildschwein am Spieß hineinpasste. Die Wildsau selbst brauchte auch mehr Platz, denn die Gästeliste war umfangreich. Eine Treppe und ein riesiges Obergeschoss mit Schlafräumen entstanden, es wurde Platz für eine Tanzfläche geschaffen und an den Wänden erschienen lange Tische für das kommende Buffet. Als Josh und Renko endlich mit allen Details zufrieden waren, materialisierte sich die Wildsau an der Wegkreuzung, an der sie gebaut worden war, und schließlich war es soweit: Das Fest konnte beginnen.

Nach und nach trudelten die verschiedensten Wesen ein, manche in Fahrzeugen oder Fluggeräten, andere auf Reittieren und einige wechselten einfach herüber. Josh und Renko lernten nicht alle kennen, es waren zu viele, aber sie gewannen schon einmal einen Eindruck. Und was für einen! Auf ihren Reisen waren sie natürlich den meisten Spezies schon begegnet, aber sie kannten nicht alle der tentakeligen, befellten, exoskelettigen, wabernden, mehrbeinigen, buntfarbigen, schwebenden, durchscheinenden, fliegenden, schwarmartigen, kriechenden, rollenden, klebrigen, stinkenden, lärmenden, mechanischen, androiden, cyborgigen und was noch alles Wesen. Schnell war klar, dass zusätzliche individuelle Geruchs– und Geräuschfilter benötigt wurden, was zum Glück schnell mit einem Fingerschnipsen erledigt werden konnte.

Das Fest dauerte drei Tage. Wildsau–Geschichten wurden erzählt, Wiedersehen gefeiert, kleine Ansprachen gehalten, viele Toasts ausgesprochen, getrunken, gegessen, assimiliert, neue Kontakte geknüpft, musiziert, gespielt, gegaukelt, gelacht, gegröhlt, geprahlt, getanzt, geflirtet, geblinkt, gegrunzt, geplaudert und auch gestritten. Dinge gingen zu Bruch, ein paar Tränen, ein wenig Blut und auch andere Körperflüssigkeiten wurden vergossen – oder ausgetauscht. Es war wild, es war laut, es war bucklig – es war perfekt.

Als Adasger sich Gehör verschaffte und den Moment verkündete, an dem Jörgen die Wildsau mit einem letzten Leuchten der Trophäen–Augen verließ, herrschte minutenlang Schweigen. Alle hingen ihren eigenen Erinnerungen und Gedanken nach, bis jemand brüllte: „Die Wildsau ist tot – lang lebe die Wildsau!”, und das Fest ging weiter.

Nachdem die letzten Gäste gegangen waren, wurde es sehr still in der Wildsau. Josh, Renko und Adasger waren ausgelaugt und auch Borowski schien weniger quirlig zu sein als sonst. Die Wildsau fühlte sich erstaunlich leer an. Erst jetzt wurde deutlich, wie intensiv die Präsenz von Jörgen gewesen war. Sie alle brauchten ein paar Tage, um sich an die veränderte Situation und die bedrückende Leere zu gewöhnen. Die neue KI wurde vorläufig noch nicht aktiviert, es war einfach noch nicht an der Zeit. Es gibt für alles eine passende Zeit und die der neuen KI war noch nicht gekommen. Die Augen der Trophäe blieben dunkel.

Adasger kam und ging. Er hatte andere Verpflichtungen und war daher nicht ständig anwesend. Eines Abends nach dem Abendessen, als Josh gerade wieder auf seinem Lieblingssessel vor dem Kamin saß und wieder in einem Buch las, kam er zurück und fragte, ob sie die KI nun aktivieren wollten. „Wo ist eigentlich Renko?”

Josh stutzte.

„Gute Frage, Mann. Er ist heute Morgen mit Borowski in den Wald gegangen. Eigentlich sollte er längst wieder da sein. Warte kurz, ich hole ihn.”

Josh schloss die Augen und nickte einmal. Das war seine übliche Geste für den räumlichen Wechsel über größere Distanzen oder zu bestimmten Personen. Sie wäre nicht nötig gewesen, aber es half ihm, sich zu konzentrieren. Nichts passierte. Als er die Augen öffnete, saß er nach wie vor auf dem Sessel.

„Nanu? Was ist das denn?”

Er probierte es noch einmal, aber wieder passierte rein gar nichts.

„Hier stimmt was nicht. Der einzige Ort, an den ich Renko nicht folgen kann, ist seine Flammenhöhle, aber wenn er da hingeht, lässt er es mich vorher wissen.” Besorgt sah Josh Adasger an. „Ich gehe ihn suchen.”

Josh schnipste mit den Fingern und in der Wand der Wildsau erschien der Torbogen, der in den lichten Wald führte. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging er hinüber und der Torbogen verschwand wieder. Noch einmal versuchte er vergeblich, zu Renko zu teleportieren. Er lauschte, konnte aber außer den üblichen Waldgeräuschen nichts hören. Als er sich umsah, konnte er vage Anzeichen entdecken, die Spuren von Renko hätten sein können, aber sie waren sehr undeutlich. Josh war nicht geübt im Spurenlesen und daher nicht sicher, ob er sich das nicht nur einbildete, aber weil er keine anderen Anhaltspunkte hatte, folgte er ihnen, so gut er konnte. Er verlor die Spur, suchte und fand sie wieder, nur um sie dann wieder zu verlieren und rief dabei immer mal wieder abwechselnd nach Renko und Borowski.

Er wusste nicht, wie lange er schon durch den Wald irrte, es fühlte sich nach einer halben Ewigkeit an. Schließlich glaubte er, Borowski bellen zu hören. Josh ging in die Richtung, aus der er meinte, das Bellen gehört zu haben, und tatsächlich, nach einer Weile war Borowski unverkennbar zu hören. Er kläffte und winselte abwechselnd und Josh fing an zu laufen.

Er fand die beiden mitten auf einer Lichtung. Renko stand mit glasigem Blick einfach nur da und Borowski sprang aufgeregt bellend um ihn herum, ohne dass Renko darauf reagierte. Es war ein sehr beunruhigender Anblick. Behutsam berührte Josh Renkos Arm, keine Reaktion. Er schüttelte ihn, zuerst vorsichtig, dann stärker, schließlich gab er Renko sogar eine Ohrfeige, aber auch das blieb ohne Reaktion. Josh war ratlos und zutiefst verwirrt. Er versuchte Borowski zu beruhigen, aber vergeblich, weil er selbst völlig aufgelöst war. Also schnappte er sich den zappelnden, bellenden Hund, nahm Renkos Hand und teleportierte mit den beiden zurück in die Wildsau.

Adasger setzte sich auf und rieb sich die Augen. Er war auf dem Sofa eingeschlafen, denn Josh war stundenlang weg gewesen. Entgeistert sah er, in was für einem Zustand Renko war. Er nahm Josh Borowski ab, der sich winselnd an ihn kuschelte.

„Ich nehme an, dass du so etwas auch noch nie gesehen hast?”, fragte er Josh nach einer Weile und Josh schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe keine Ahnung, was ihm passiert sein könnte. Ich habe ihn so gefunden, wie er jetzt ist. Er reagiert auf gar nichts.”

Gemeinsam brachten sie Renko dazu, sich auf das Sofa zu legen. Er war wie eine Gliederpuppe. Borowski sprang auf Renkos Brust und leckte ihm winselnd das Gesicht ab.

„Meinst du, wir sollten Borowski davon abhalten?”, fragte Josh.

„Nein, ich denke, er braucht das und Renko wird es vielleicht ebenfalls gut tun, auch wenn er es bewusst nicht bemerkt.”

„Ok. Meine Fresse, was zum Henker …” Josh starrte Renko an und fühlte sich so hilflos wie nie. „Was, um alles auf der Welt, ist das? Was können wir dagegen tun?”

„Ich bin genauso ratlos wie du, fürchte ich. Nun, er ist ja ein Dämon und Dämonen sind recht unverwüstlich. Ich glaube, wir können erst einmal gar nichts tun. Er lebt, er ist jetzt hier und wir können uns um ihn kümmern. Das ist schon mal ein Anfang. Vielleicht wird es nach und nach von alleine wieder besser. Wer weiß. Es ist mitten in der Nacht. Morgen werde ich die anderen kontaktieren. Gut möglich, dass jemand eine Idee hat.”

„Ja. Du hast recht. Ok”, seufzte Josh. Nach einer Weile seufzte er nochmal: „Ok”, und setzte sich in den Sessel neben Renko. An Schlaf war nicht zu denken. Er würde einfach hier sitzen und seinen Freund im Auge behalten. Adasger legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte sie kurz. Er schnipste Josh und sich selbst einen Tee herbei, setzte sich schweigend zu ihm und war einfach da. Später zog er sich in sein Zimmer zurück und ließ die beiden mit Borowski allein, der sich inzwischen einigermaßen beruhigt und auf Renkos Brust zusammengerollt eingekuschelt hatte.

Am nächsten Morgen war Renkos Zustand unverändert. Er starrte nach wie vor glasig vor sich hin und reagierte auf nichts.

Tage vergingen, aber die höheren Mächte blieben leider stumm.

Im Laufe der Zeit kam es immer mal wieder vor, dass Renko die Augen schloss und zu schlafen schien, was ebenfalls ungewöhnlich war, denn wie gesagt: Dämonen schlafen nicht.

In der Hoffnung, Josh ein wenig abzulenken und ihm eine Aufgabe zu geben, hatte Adasger die Wildsau-KI aktiviert, aber es machte keinen Unterschied. Dennoch erwies es sich nach ein paar Tagen als eine gute Idee, denn Adasger hatte die KI gebeten, zu recherchieren, eigentlich nur um sie zu beschäftigen, aber wider Erwarten war sie auf etwas gestoßen, das zumindest eine Möglichkeit sein konnte …

Die Wahrheit über Blitze I

Fakt ist: Alle Blitze sind im Grunde ein einziger Blitz, denn sie sind Teil eines gigantischen Phänomens, das aus buchstäblich zum Platzen gebrachter, aufgestauter, brodelnder, konzentrierter Energie besteht. Die Vorstellung, Blitze seien miteinander verbunden, trifft es nicht ganz. Sie sind nicht wie Straßen, über die etwas von A nach B gelangt, sondern gehören zu diesem Ding, sind ein Teil davon und alles in diesem Ding ist überall gleichzeitig.

Dementsprechend sind Blitze nicht einfach nur, wie weitläufig angenommen wird, die sichtbare Entladung elektrischer Energie, nein, denn die Energie, die sich durch sie entlädt, ist mitnichten nur elektrisch, und sie fließt auch nicht nur in eine Richtung, ganz im Gegenteil. Sie beinhaltet Potenzial. Blitze sind gleichzeitig Explosionen und Implosionen, sie entladen sich und assimilieren, mit anderen Worten: Wenn ein Blitz als Teil dieses Ganzen irgendwo einschlägt, findet ein Austausch statt, es ist ein Geben und Nehmen, zugleich Anfang und Ende.

Hivvy die Elementepfütze

Über einem kleinen Loch im Boden der Wildsau fing die Luft unmerklich an zu flimmern. Das fast unsichtbare Flimmern breitete sich aus, bis es etwa zwei Meter Durchmesser hatte. Dann zog es in der Form eines Schwarms winziger, fliegender Ameisen los, um die Aufgaben zu erledigen, für die es angefordert worden war.

Das war Hivvy – und Hivvy war eine Elementepfütze. Ihre Komponenten zerlegten sich nach getaner Arbeit zu einer silbrig glänzenden, zähflüssigen Masse, die für das normale Auge nicht sichtbar ist. Ihr Bewusstsein, wenn man es so nennen will, war dann auf standby. Hivvy war das, was die scheinbaren Wunder der Wildsau bewirkte. Sie war Instant–Materie, die sich – für alle anderen – mit der Geschwindigkeit eines Gedankens zu dem materialisierte, was gerade gewünscht wurde. Was manche mit Begriffen wie „Wunder”, „Magie” oder „Dimensionsloch” erklärten, war also nur eine ganz profane, semi–bewusste Masse aus Atomen, die spontan die gewünschte Realität formten.

In der Wildsau war Hivvy die Pfütze für alles. Dreck, Müll, überflüssig oder unbrauchbar gewordene Dinge, kurz: alles, woran niemand mehr einen Gedanken verschwendete, sammelte Hivvy ein und assimilierte es, indem sie alles in die jeweiligen Atome zerlegte und sich einverleibte. Die so gesammelten Atome bildeten Hivvy, und somit die Basis für das, was bei Bedarf erschaffen wurde.

Wesen wie Menschen, Dschinn oder Dämonen konnten Hivvy nicht wahrnehmen, daher sah es für sie so aus, als würden sich Dinge auf ein Fingerschnipsen hin materialisieren. Zeit ist relativ und wird von verschiedenen Spezies ganz unterschiedlich wahrgenommen. Hivvy konnte Zeit endlos dehnen und in dieser gedehnten Zeit verwandelte sie sich, flog los, erledigte den Job, flog zurück, verwandelte sich wieder in eine Pfütze, und erst dann floss die Zeit im üblichen Tempo weiter. Die Wildsau war sich bewusst, dass Hivvy existierte, und wusste auch, was Hivvy tat, aber auch sie konnte die Elementepfütze nicht sehen. Sie konnte zwar durch die Zeit reisen, ja, aber Zeit manipulieren – so wie Hivvy – konnte sie nicht.

Wenn es in der Wildsau nichts zu tun gab, wenn alles sauber und aufgeräumt war und niemand etwas haben wollte, nutzte Hivvy manchmal die Gelegenheit, um zu wachsen. Sie dehnte dann wie gewohnt die Zeit und bewegte sich nach draußen. ‚Draußen‘ war in der Wildsau relativ, aber für Hivvy spielte der Ort keine Rolle.

Der Zufall wollte es, dass sie auf der Erde landete, zur Regenzeit irgendwo in einem Dschungel. Am Himmel braute sich ein Gewitter zusammen. Ein starker Wind wirbelte Hivvy durcheinander, die gerade ihre Lieblingsform angenommen hatte und als geflügelter Ameisenschwarm durch die Gegend flog.

An einer passenden Stelle ließ sie sich in ihre Atome zerfallen und sammelte sich als Pfütze um einen kleinen Müllberg herum. Hivvy dehnte die Zeit, zerlegte den Müll und wuchs vor sich hin, als das Gewitter im Zeitlupentempo über sie hinwegdonnerte. Ein gewaltiger Blitz zuckte aus den schwarzen Wolken durch die dicken Regentropfen direkt auf Hivvy zu, die dieser Tatsache keine Beachtung schenkte, und so konnte der Blitz ungehindert ausgerechnet mitten in die anderweitig beschäftigte Elementepfütze fahren.

Hivvy blinzelte. Nein, eigentlich nicht, denn Hivvy hatte gerade weder Augen noch überhaupt eine feste Form, aber sie fühlte eine Art Blinzeln in sich. Sie war verwirrt. Dann war sie verwirrt darüber, dass sie verwirrt war. Was war das? Was war passiert? Der Assimilierungsprozess stoppte. Ganz still lag die Pfütze da und rührte sich nicht. Zeit verging für sie plötzlich im normalen Tempo und Hivvy konnte nichts dagegen tun! Völlig verschreckt (aber was war das, verschreckt?!) wurde sie wieder zu einem Ameisenschwarm, zerstob in alle Richtungen, zog sich wieder zusammen, platschte hysterisch (hysterisch?!) zurück in die Pfützenform und nahm dann in rasendem Tempo nacheinander alle möglichen Formen an, die sie jemals gehabt hatte. Das waren viele.

Nach und nach wurde das Formflackern langsamer, bis Hivvy schließlich wieder als Pfütze um den halb zerfallenen Müllberg herum zur Ruhe kam. Auch Ruhe ist relativ. Hivvy war emotional (emotional?!) außer sich, aber gleichzeitig wie erstarrt, sie konnte sich nicht mehr bewegen, sie konnte nur noch eine Pfütze sein, mehr ging nicht. Mit der aktuellen Situation völlig überfordert war Hivvy in eine katatonische Starre gefallen. Regen fiel in dicken Tropfen prasselnd in die schockierte Elementepfütze.

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9783753133942
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