Kitabı oku: «Zur buckligen Wildsau», sayfa 3

Yazı tipi:

Amanda, Nesodora und Gandrocks

Josh drehte sich sorgenvoll zu Renko um, der seufzend ins Leere starrte und nach wie vor ganz und gar in seiner eigenen Welt versunken war. Es war immer noch gruselig, auch wenn Renko inzwischen wenigstens seufzte. Was ging bloß in seinem Kopf vor? Oder nein, Josh wollte es lieber doch nicht wissen. Es sah ungesund aus, dieses blicklose Gestarre und das Seufzen. Gruselig. Einfach nur gruselig.

Er sah wieder nach vorne und ergab sich dem Schaukeln des Gandrocks, auf dem er saß. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig. Er war dem Vorschlag der Wildsau-KI gefolgt und nun befand er sich zusammen mit Renko auf dem langen, langen Weg zu einer Oase auf dem Planeten Nesodora. Wie viele Tage waren sie jetzt schon unterwegs? Er wusste es nicht, hatte jedes Gefühl für die Zeit verloren. Schritt für Schritt schaukelten sie auf ihren kamelartigen, mechatronischen Gandrocks ihrem Ziel entgegen durch endlose Wüste. Abends wurde es dunkel, morgens wieder hell. Mehr passierte nicht. Fast beneidete Josh Renko um seinen Zustand.

Tja. Was ging denn nun in Renkos Kopf vor? Schwer zu sagen, er befand sich jedenfalls in einer anderen Realität. Es war wohl Liebe. Nein, nicht wirklich. Oder vielleicht doch? Was ist Liebe? Es kommt vermutlich auf die Definition an.

Oh, Amanda. Wunderschöne, reizende Amanda. Wie Renko es liebte, wenn sie …

„Lass mich in Ruhe!”, brüllte Amanda Renko an. Sie war ein Cyborg. Ein äußerst bezaubernder Cyborg, wie Renko fand. Er legte den Kopf schief und antwortete nach einer Weile: „Nö.”

„Hau ab! Hau – verdammt nochmal – ab! Ich hasse dich!”

„Du bist hässlich”, konterte Renko trocken.

Amanda lachte hysterisch. Dann schrie sie, so laut sie konnte. Und dann lachte sie wieder.

„Was ist eigentlich los?”, fragte er.

„Ich … weiß … es … nicht!” Mühsam beherrscht tigerte Amanda im Kreis. Seine Amanda. Wie niedlich sie war, wenn sie sich so aufre…

„Verzieh dich endlich! Ich könnte wen umbringen, und du machst dich gerade zum passenden Kandidaten!”, brüllte sie ihn an.

„Ah. Das.”

„Was ‚das‘?” Irritiert sah Amanda Renko an. Sie sah aus, als würde sie ihm gleich an die Gurgel springen. Hach, wie süß!

„Na, allgemeine Scheißdraufigkeit. Kenn ich”, antwortete er.

„Ich bin nicht scheiße drauf!”, schrie sie ihn an. „Ich platze gleich!”

„Ja, sag ich doch, kenne ich.”

„Du? Du?! Erzähl doch keinen Mist, du bist immer die verdammte Scheiß-Ruhe selbst. Immer!”

„Doch. Kenne ich.” Erwiderte Renko gelassen. Ihm war bewusst, dass er Öl ins Feuer goss, aber er konnte nicht anders. Er zuckte mit den Schultern. „Ich zeige es nur nicht.”

Da sprang Amanda ihn an, und bevor er wusste, wie ihm geschah, lag Renko auch schon bäuchlings am Boden. Amanda kniete auf ihm und hatte ihm schmerzhaft den Arm auf den Rücken gedreht. Dieses elektrisierende Bündel geballter Energie raubte ihm den Atem, so verzückt war er von ihr. Na gut, dass ihr Gewicht seinen Brustkorb eindrückte, war vielleicht auch ein Faktor.

„Schatz, du bist wirklich ein itzelchen unentspannt heute.”

Seufzend ließ sie ihn los, rutschte von ihm herunter, rollte sich neben ihm auf den Rücken und starrte an die Decke.

„So schlimm?”, fragte er, als sie nichts sagte.

„Schlimmer.”

„Das Leben ist ein Arschloch?”

„Die Untertreibung des Jahrtausends”, sie seufzte.

„Du …”

„Ja?”

„Ach, nix.”

„Raus damit, sonst falle ich dich gleich wieder an.”

„Au ja”, grinste Renko.

Amanda boxte ihn schmerzhaft.

„Aua!”

„Selber schuld. Raus damit!”

„Ich habe nur idiotischerweise fragen wollen, ob du vielleicht, na ja, ob du deine Tage kriegst, aber mir ist klar, dass das einem Selbstmord gleichkäme, also vergiss es.”

Amanda sah ihn mit großen Kuhaugen an.

„Amanda?”

„Ich, äääh …” Sie hustete.

„Nein!”

„Doch.”

„Du bist schwanger?!”

„Was? Nein! Um Himmels Willen, nein. Oh Gott. Nee.”

Renko grinste breit.

Sie seufzte und drehte den Kopf weg.

„Es ist echt peinlich, aber ich glaube, ich kriege wirklich meine Tage.”

Nach einer Weile fing Renko an zu glucksen. Er versuchte angestrengt, es sich zu verkneifen, aber es ging nicht. Amanda sah ihn zuerst stirnrunzelnd an, dann fing auch sie endlich an zu grinsen.

„Du Arsch”, sagte sie schließlich. „Du Vollarsch!”

Renko lachte. „Du brüllst hier rum und fällst mich an wie ein Tiger auf Adrenalin und ICH bin ein Arsch?!”

„Ja. Klar. Du bist der Mann. Männer sind schuld. Immer. Egal, worum es geht.”

Renko nickte. „Leuchtet ein.”

„Siehste.”

„Und Frauen haben immer recht.”

„Du bist ein schlaues Kerlchen, doch. Ich bereue manchmal gar nicht, dass ich dich geheiratet habe. Ehrlich.”

„Das macht mich zum glücklichsten Mann der Welt.”

„Du bist ein Dämon.”

„Auch Dämonen sind nur Männer.”

„Darf ich dich bei passender Gelegenheit zitieren?”

„Nö.”

„Dir ist klar, dass ich das trotzdem tun werde, oder?”

„Natürlich.”

„Gut.”

„Gut.”

Schweigen.

„Geht's jetzt wieder?”, fragte er sie.

„Ja. Alles super.”

„Echt?”

„Ja. Ich bin geplatzt, das war's. Alles tutti.”

„Weiber.” Renko rollte mit den Augen.

„Das kannste laut sagen.”

Dem war nichts mehr hinzuzufügen. Ein langes, einträchtiges Schweigen machte sich breit. Dann drehte sich Amanda zu Renko und sah ihn nachdenklich an.

„Warum sprichst du eigentlich mit mir und sonst mit niemandem?”

„Weil ich nicht will.”

„Schon klar, Eure Mysteriosität, warum willste nicht?”

„Meine Mutter hat immer gesagt, ich soll nicht mit Fremden reden.”

„Du bist eine Ausgeburt der Hölle, du hast keine Mutter.”

„Aber ich hätte eine haben können.”

„Nö.”

„Dann habe ich eben eine imaginäre Mutter, und die hat gesagt, dass ich nicht mit Fremden reden soll.”

„Und du tust immer brav, was deine imaginäre Mutter dir sagt?”

„Na sicher, ich bin ein guter Sohn. Brav, anständig. Das volle Programm.”

Amanda lachte.

„Was?! Das bin ich. Mit Leib und Seele.”

„Du hast keine Seele.”

„Aber einen Leib und ich könnte eine Seele haben. Das kann mir keiner verbieten.”

„Eine imaginäre, nehme ich an?”

„Genau. Die imaginären sind sowieso die besten, die kann man ignorieren, wenn es einem in den Kram passt.”

„Und warum sprichst du nun tatsächlich nur mit mir?”

„Weil ich nur mit dir sprechen will.”

„Du wiederholst dich.”

„Du dich doch auch.”

„Witzbold. Du hast ja auch meine Frage nicht beantwortet.”

„Doch.”

„Aber nicht zufriedenstellend.”

„Tut mir leid, wenn meine Antwort dich nicht befriedigt hat.”

Amanda sah Renko belustigt an. „Tut es nicht.”

„Stimmt.”

„Und, kriege ich noch eine Antwort, die ich gut finde?”

„Eher unwahrscheinlich.”

„Das habe ich befürchtet.”

„Warum fragst du dann überhaupt?”, fragte Renko, ehrlich neugierig.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt?”

„Trag sie zu Grabe, die überflüssige Hoffnung. Unnötiger Ballast.”

„Nö. Ich mag meine Hoffnung, sie ist lustig.”

„Findste? Ich finde sie nutzlos und nervig.”

„Das ist ja gerade das, was sie so lustig macht.”

„Ach so. Echt? Na dann …”

Schweigen.

Renko räusperte sich. „Was gibt's heute zu Mittag?”

Amanda sah ihn stirnrunzelnd an. „Von allen Themenwechseln, die dir in diesem Universum zur Verfügung stehen, fragst du ausgerechnet mich nach Essen? Du musst wirklich verzweifelt sein.”

„Ja, verzweifelt hungrig. Mein Magen knurrt.”

„Das ist nicht dein Magen, das ist deine imaginäre Seele, die bockig vor sich hin grummelt, weil du dich weigerst, mir ehrlich zu antworten.”

„Mit Essen kann ich sie besänftigen.”

„Ehrlich? Wie praktisch.”

„Finde ich auch.”

„Das war ironisch gemeint.”

„Ich weiß, aber ich finde es wirklich praktisch.”

„Von Selbstreflexion hältst du wohl nicht viel, was?”

Renko verdrehte die Augen und seufzte. Dieser Satz kam von der Frau, die ihn gerade angeschrien und angefallen hatte, weil sie nicht mitgekriegt hatte, dass sie ihre Tage bekam. Kein Kommentar.

Josh drehte sich wieder zu ihm um. „Renko, halt durch, Mann, es ist nicht mehr weit.” Das hoffte Josh jedenfalls.

Renko zuckte nicht einmal wie üblich die Schultern. Es war Josh unmöglich, sich daran zu gewöhnen. Das zerrte an seinen Nerven. Es zerrte auch an seinen Nerven, dass sie gezwungen waren, durch diese Wüste zu reiten, aber es war nun einmal das Einzige, das er überhaupt tun konnte. Also ertrug er die öde Landschaft eines insgesamt total öden Planeten in einem noch öderen Sonnensystem. Borowski hatten sie in der Wildsau bei Adasger gelassen, was eine sehr unschöne Notlösung war, aber Josh hatte nicht den Kopf, sich um beide zu kümmern. Renko bemuttern zu müssen, war nervenaufreibend genug, ein winselnder kleiner Hund wäre da zu viel für ihn. Renko seufzte schon wieder und Josh verdrehte die Augen.

Dadurch, dass Josh ihn ansprach, verlor Renko den Faden. Er befand sich nun in einem dicken, wabernden Nebel zwischen den Realitäten, aber das wusste er nicht. Er fand es nur unerträglich. Er wollte zurück zu Amanda, wo steckte sie plötzlich? Und wo kam überhaupt dieser seltsame Nebel her? Undeutlich dachte etwas ganz hinten in seinem Kopf: Josh, dieser Idiot, hätte er nicht einfach die Klappe halten können? Aber Renko registrierte diesen Gedanken genauso wenig wie seine Umgebung. Er starrte auf Joshs Rücken ohne ihn zu sehen, und er nahm auch die Landschaft um sie herum nicht wahr, bemerkte nicht, dass der Gandrock, auf dem er saß, eine absolut ungemütliche und idiotische Reitmaschine war. Hässlich obendrein. Er merkte erst recht nicht, dass das linke hintere Kniegelenk seines Gandrocks bei jedem Schritt quietschte, obwohl sich diese Maschinen selbstständig warten konnten und davon auszugehen war, dass das Quietschen Absicht war. Sein Gandrock war eine Nervensäge, aber diese Tatsache glitt an Renko genauso ab wie alles andere.

Die hiesige Sonne brannte vom Himmel und kam dem ewigen Höllenfeuer recht nahe. Die Flammen fehlten, aber die Hitze war ähnlich stark. Vage und nur im hintersten Winkel seines Kopfes merkte Renko wenigstens das. Er schloss die Augen und im tiefsten Inneren seines Wesens genoss er die glühenden Strahlen auf seiner Haut. Gerade, als er wieder auf bestem Wege zurück ins Amandaland war, fing Josh an zu singen – seine persönliche Notwehr gegen das Kniegequietsche und die Langeweile. Renkos Nebel verdichtete sich wieder und seine fast schon greifbare Amanda entglitt ihm. Renko seufzte und kämpfte sich weiter durch den Nebel so gut er konnte.

Die Dolbs

Aus einer alten Schatzkiste in einem Riff schwamm eine quietschrote, etwa zehn Zentimeter große, ziemlich runde Buddhagestalt mit kurzen Ärmchen und Beinchen und ganz winzigen Händchen und Füßchen. Es war ein Dolb, wie ihn die Einheimischen nannten. Ihm folgte ein ganzer Schwarm völlig identisch aussehender Winzlinge. Als sie an die Wasseroberfläche kamen, erhoben sie sich aus dem Wasser und schwebten mühelos Richtung Strand. So, wie andere Wesen Gerüche verströmen, verströmten Dolbs in der Luft hauchzarte Klänge. Die harmonischen Töne, die von ihnen ausgingen, erinnerten ein wenig an Glöckchen. Der Dolbschwarm klingelte und bimmelte melodisch und dezent vor sich hin und es hörte sich ganz zauberhaft an, wie ein akustisches Glitzern.

Auf einer von Dschungel umgebenen Grasfläche jenseits des Strandes graste ein Pferd. Es hob den Kopf und lauschte. Dann graste es weiter. Bunte Vögel zwitscherten in den großen, alten Bäumen, in den Lianen und überhaupt in allerlei dschungligen Gewächsen. Ein schmaler Wasserfall plätscherte in eine Lagune, in der sich lachend ein paar halb durchsichtige, türkisblaue Wassernymphen vergnügten. Ein leichter Wind strich über das Land, über das Meer, über die Lagune und über das vielfältige Grün hinter der Lagune. Die Sonne glitzerte auf den sich brechenden Wellen des Meeres.

Nachdem Josh und Renko geschlagene vierzehn Tage lang durch monotone Einöde geritten waren, wirkte diese üppig bunte Idylle auf Josh wie ein Schock. Alles war fast schon grotesk perfekt, auf eine skurrile Art absurd in seiner Schönheit.

Renko bekam nichts davon mit, aber überraschenderweise reagierte er darauf, dass sie angehalten hatten: Er ließ sich einfach von seinem Gandrock fallen, rollte sich auf den Rücken, schloss die Augen und blieb im Gras liegen. Josh betrachtete seinen Freund halb genervt, halb sorgenvoll, stieg dann ebenfalls ab und bezahlte die beiden Gandrocks, indem er seinen Daumen auf ihre Abdruckscanner drückte. Die Beträge wurden von seinem Konto abgebucht, und die Gandrocks trotteten von dannen.

Nach dem langen Ritt fühlte es sich seltsam an, wieder auf festem Boden zu stehen. Als würde etwas mit dem Boden nicht stimmen, weil er nicht schwankte.

Josh sah sich um, denn er hörte den Schwarm Dolbs auf sich zu bimmeln. Er winkte ihnen zu und freute sich. Dass ein Treffen so schnell und reibungslos klappen würde, hatte er nicht erwartet. Ihm war nicht einmal klar gewesen, dass sie von seinem und Renkos Kommen offenbar gewusst hatten. Wunderbare Erleichterung durchströmte ihn.

Die Dolbs verteilten sich schwebend um Josh und begrüßten ihn mit Worte formenden Bimmellauten. Als Dschinn war es für Josh selbstverständlich, automatisch alle Sprachen verstehen und sprechen zu können. Er imitierte die klingelnden Laute und unterhielt sich mit dem Schwarm. Nachdem das gegenseitige Begrüßungsgeklingel abgeebbt war, fragte der Dolbschwarm, wie sie ihm helfen konnten. Josh zeigte auf Renko und beschrieb in kurzen Worten, was passiert war. Er fragte, ob sie herausfinden könnten, was diesen Zustand hervorgerufen hatte, was es damit auf sich hatte und ob sie vielleicht sogar eine Lösung für das Problem wüssten.

Der Schwarm bimmelte Hilfsbereitschaft, konnte aber nichts versprechen. Sie würden es versuchen, und allein das war schon ein großer Trost für Josh. Gemeinsam gingen beziehungsweise schwebten sie zu Renko hinüber.

„Renko, die Dolbs hier wollen versuchen herauszufinden, was mit dir nicht stimmt. Darf ich sie auf dich loslassen?”

Wie zu erwarten gewesen war, reagierte Renko nicht. Nun, Josh hatte es versucht. Er gab den Dolbs das Zeichen, dass es losgehen konnte. Bimmelnd verteilten sie sich über Renkos Körper und ließen sich auf ihm nieder. Die kleinen roten Buddhas sahen auf Renkos ebenfalls roter Haut aus wie dicke Beulen. Josh sah ihnen zu und wartete eine Weile, aber mehr passierte nicht. Also schlenderte er an den Strand und setzte sich in den heißen Sand. Er starrte auf die glitzernden Wellen.

Nesodora war ein wirklich seltsamer Planet. Bis auf einen einzigen Kontinent gab es hier nur Meer. Er war fast vollständig von einem undurchdringlichen Schutzschild umgeben, das auch Teleportation verhinderte. Niemand kam hinein oder hinaus und auch innerhalb des Schilds war Teleportation unmöglich. Es gab nur eine trichterförmige Öffnung über der Landezone, in der sich eine kleine, unbedeutende Stadt namens Dasogra befand. Dasogra lag am einen Ende des Kontinents, die Oase genau am anderen. Der Rest war jene platte, öde, unvorstellbar heiße Superwüste, durch die sie geritten waren. Nur sehr wenige Fluggeräte landeten in Dasogras Raumhafen, denn kaum jemand im gesamten Universum machte sich die Mühe – aus gutem Grund.

Intergalaktischen Handel und Touristen gab es auf dem sehr abgelegenen Planeten Nesodora kaum, denn Dasogra war klein und ausgesprochen langweilig. Die entsetzliche Wüste konnten nur wenige Wesen lebend durchqueren, und wer zur Oase wollte, musste einen Gandrock mieten. Um aber überhaupt einen Gandrock mieten zu können, musste man seine Reisewünsche persönlich vor Ort anmelden. Wenn die zuständige Verwaltung der Reise aus unerfindlichen Gründen nicht zustimmte, hatte man Pech und konnte entweder abreisen oder warten, aber der nächste Antrag durfte erst nach Ablauf von drei Monaten wieder gestellt werden. Es war reine Willkür, Regeln gab es nicht, Bestechung funktionierte nicht und Dringlichkeit war für sie kein überzeugendes Argument. Kein Wunder also, dass sich niemand für Nesodora interessierte.

Wer es geschafft hatte, die Erlaubnis zu bekommen, dem standen etwa drei Wochen schaukelnde Reiterei bevor, es gab keine andere Möglichkeit. Die Wüste wehrte sich angeblich auf nicht näher erklärte Weise gegen jeden Eindringling, der es auf andere Weise versuchte. Josh hatte wegen der Umstände keine Lust gehabt, diese Behauptung zu überprüfen. Wenn es so war, dann war es eben so. Er war froh gewesen, überhaupt auf dem Gandrock sitzen zu können, also ertrug er einfach das Geschaukel und gut. Er hatte verdammtes Glück gehabt, alles andere war nicht wichtig. Da fielen ihm Borowski und Adasger wieder ein. Er konnte nur hoffen, dass mit ihnen alles ok war.

Nachdem Josh und Adasger beschlossen hatten, dass Josh versuchen sollte, die Dolbs zu finden, hatte sich die Wildsau in Dasogras Raumhafen materialisiert, obwohl ihre Hilfe nicht nötig gewesen wäre. Adasger und die Wildsau würden auf die beiden warten. Es war eine tröstliche Geste gewesen und Josh war dankbar dafür. Er hatte die Reise beantragt und tatsächlich ohne Probleme die Erlaubnis bekommen. Auch dafür, dass das einfach so geklappt hatte, war er dankbar.

Josh hatte sich mit Renko im Schlepptau schließlich auf den Weg gemacht. Da weder Josh noch Renko Pausen brauchten und auch nicht schlafen mussten, hatten sie die üblichen drei Wochen auf vierzehn Tage verkürzen können. Immerhin, aber es war trotzdem eine Tortur gewesen.

Mit diesen Erinnerungen im Kopf legte Josh sich in den Sand, und noch bevor sein Kopf ganz den Boden berührte, war er auch schon eingeschlafen. Manchmal war Schlaf etwas Großartiges. Eigentlich überflüssig, aber ein wunderbarer Luxus.

Die Wildsau-KI

Borowski von Renko zu trennen, war für den Hund nicht gut gewesen. Er fraß kaum und war ein einziges Häuflein Elend. Andererseits wäre Renkos Teilnahmslosigkeit für ihn auch nicht viel besser gewesen, in Kombination mit Joshs Sorge vermutlich eher noch schlimmer. Adasger trug den kleinen Hund fast die ganze Zeit auf dem Arm, kraulte ihn, redete mit ihm und reagierte auf jede seiner Regungen, auch wenn das alles insgesamt nur wenig zu helfen schien. Er konnte Renko nicht ersetzen, das war klar. Immerhin brachte Adasger Borowski mit viel Geduld dazu, ab und zu ein paar Happen zu fressen.

Die Wildsau-KI hatte noch nicht angefangen, von sich aus zu sprechen. Sie antwortete nur auf Anfragen, und somit war Adasger auf sich allein gestellt. Er nutzte die Zeit, um sich zu überlegen, wie sie weiter vorgehen sollten. Die Software der KI bestand im Prinzip aus Datenstrukturen und komplex ineinander greifenden Funktionen. Sie hatte außerdem Zugang zu aktuellen Informationen in ihrer Reichweite und war mit anderen KIs vernetzt, wodurch sie auch Informationen erhalten konnte, die ihr nicht direkt zur Verfügung standen. So weit, so gut.

Wissen ist nicht das, was Intelligenz ausmacht. Wissensverarbeitung und vor allem die Fähigkeit, abstrahieren und Schlussfolgerungen ziehen zu können, sind ein wesentlicher Faktor, genauso wie Kreativität, Eigeninitiative und Neugier. Man musste das Wissen hinterfragen, interpretieren und eine eigene Meinung entwickeln können, sonst war es reine Nachplapperei. Die KI hatte die Voraussetzungen dafür, optische und akustische Reize zu verarbeiten, sie konnte also sehen, hören und sprechen. Sie war diesen Reizen genauso ausgesetzt wie andere Wesen auch und speicherte diese als Erinnerungen in Relation zu ihrer Wissensdatenbank passend ab. Vielleicht war es sinnvoll, sie einfach beobachten, zuhören und sortieren zu lassen? Kinder kamen irgendwann in das Alter, in dem sie anfingen, Fragen zu stellen. Gut möglich, dass sich auch die KI so entwickelte.

Bis dahin konnte Adasger der KI Fragen stellen, auf die sie von alleine noch nicht kam. Ja, das wäre vielleicht ein guter Anfang. Aber welche Art von Fragen stellte man einer KI, die zwar alles wusste, in gewisser Weise aber dumm war? Was würde sie dazu bringen, eigene Fragen zu stellen? Er hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht. Was fehlte, um mit all diesem Wissen etwas anzufangen, war die Motivation dazu, ein Antrieb, ein Grund. Vorlieben, Abneigungen und Humor – brauchte eine KI so etwas? Entwickelte sich das von alleine?

Adasger wusste es nicht und plauderte mit der KI wie mit Borowski. Er redete einfach vor sich hin, kommentierte Dinge, die er gerade tat, erklärte, warum er sie tat und wie er sich dabei fühlte. Wenn ihm eine Frage einfiel, dann stellte er sie. Meistens ging es aber nur um triviale Dinge, die die Wildsau-KI leicht abrufen und wortgetreu wiedergeben konnte. Eigene Formulierungen, das Hinterfragen von Zusammenhängen oder Interpretationen waren nicht erkennbar. Sobald Adasger eine Warum–Frage stellte, bekam er eine sachliche Auflistung möglicher Antworten. Fragte er danach, ob der KI etwas gefiel, sagte sie ja. Fragte er, ob ihr etwas besser oder schlechter gefiel als etwas anderes, sagte sie nein. Er konnte nicht den leisesten Fortschritt erkennen, aber da er das gelassen hinnehmen konnte, war es für ihn nur eine Beobachtung, mehr nicht. Es war ihm bewusst, dass er selbst auch keine Fortschritte gemacht hatte: Er wusste immer noch nicht, durch welche Art von Fragen er die KI motivieren konnte, selbstständig zu denken. Er würde weiter herumprobieren müssen.

Adasger wusste von Hivvys Existenz, aber in all der Zeit, die verging, war ihm nicht aufgefallen, dass die Elementepfütze verschwunden war. Darum lag sie nach wie vor unbeachtet in ihrer katatonischen Starre mitten im Dschungel. Eines Morgens, als Adasger Borowski füttern und sich selbst Frühstück machen wollte, fiel ihm endlich auf, wie dreckig es auf und hinter der Theke war. Er sah sich im Raum um und fragte sich, wie es ihm gelungen war, den Dreck und die Unordnung so lange zu übersehen.

„KI, wo ist Hivvy?”

„Die Elementepfütze befindet sich auf dem Planeten Erde”. Es folgte ein Kauderwelsch, das Adasger nicht verstand, präzise Positionsangaben in Relation zu was auch immer, intergalaktischer Standard, kurz: Die Wildsau-KI wusste, wo Hivvy war, das war gut.

„Warum ist sie nicht hier?”

„Diese Information steht mir nicht zur Verfügung.”

„Kannst du sie bitte kontaktieren und fragen?”

Nachdem er eine Weile vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte, fragte Adasger nach. Er bekam die Antwort, dass die Elementepfütze kontaktiert worden sei, auf die Frage aber nicht reagiert habe.

„Warum hast du mir das nicht eher gesagt?”

„Weil du nicht um diese Information gebeten hast.”

„Ach so. Gut. KI, wenn ich dich um etwas bitte, möchte ich immer eine Rückmeldung über das Ergebnis haben ohne noch einmal nachfragen zu müssen.” Diese Aussage sollte sich im Laufe der Zeit noch als unpräzise herausstellen, aber vorläufig war sie passend genug. Adasger überlegte. Die Wildsau musste in Dasogra bleiben, denn er wollte, dass Josh nicht alleine war, wenn er von der Oase zurückkehrte, egal was dabei herauskam. Deswegen wollte er die Wildsau nicht verlassen, aber wenn etwas mit Hivvy nicht in Ordnung war, konnte er das nicht einfach ignorieren. Er rechnete nach: Josh und Renko waren jetzt etwa zwei Wochen weg, es würde also noch dauern, bis sie wieder da waren. Somit konnte er die Wildsau problemlos kurz verlassen. Im unwahrscheinlichen Fall, dass Josh und Renko eher zurück kamen als erwartet, wäre er im Handumdrehen wieder da. Mit einem Portal müsste das gehen.

„KI, öffne mir bitte ein Portal zu Hivvy und halte es offen, bis ich wieder da bin. Wenn Josh und Renko auftauchen, lass es mich bitte sofort wissen.”

Ein Torbogen erschien in der Wand der Wildsau. Adasger trat in den Dschungel und sah Hivvy sofort. Überflüssigerweise sagte die KI: „Ich habe ein Portal geöffnet. Hivvy befindet sich in fünf Metern Entfernung in nordöstlicher Richtung.” Adasger hörte gar nicht zu, er war mit seinen Gedanken längst bei der Elementepfütze. Er stand – mit Borowski auf dem Arm – vor einem halb zerfallenen Müllberg, der aus einer silbrig glänzenden Flüssigkeit ragte.

„Hivvy?”

Keine Reaktion, wie die KI gesagt hatte. Seltsam. Es regnete, und dicke Tropfen fielen in die Pfütze. Adasger kniete sich nieder und wollte sie berühren, da fing Borowski an zu zappeln. Er winselte und versuchte zu flüchten. Adasger sprach beruhigend auf den Hund ein und hielt ihn fest. Er streckte wieder den Arm aus und in dem Moment, in dem sein Finger die Pfütze berührte, zerstob sie in tausende winzige Dinger, die wild in der Luft herumwirbelten. Adasger erschrak und zuckte zurück. Dann fing Hivvy das Formflackern wieder an. Erstaunt sah Adasger dem chaotischen Wechsel zu, bis es langsamer wurde und Hivvy schließlich wieder zu einer Pfütze wurde. Ihm dämmerte, was passiert sein musste.

„Hivvy, du wurdest von einem Blitz getroffen. Das ist zwar selten, aber es kommt vor und ist ganz wunderbar, auch wenn es sich für dich gerade nicht so anfühlt.”

Die Pfütze reagierte nicht.

„Es bedeutet, dass du sozusagen Mutter werden kannst, wenn du willst”, fuhr Adasger fort. „Durch den Blitz ist eine Seele in dich gefahren. Die Seele, in Kombination mit deinen Fähigkeiten, kann einen Dschinn erzeugen, wenn du das möchtest.”

Die Pfütze reagierte auch darauf nicht.

„Die Gefühle in dir sind noch nicht deine, können es aber werden. Sie gehören zu der Seele, die im Moment ein Teil von dir ist. Du hast die Wahl: Wenn du zulässt, dass sich ein Dschinn formt, kann sich dieser Teil zusammen mit der Seele von dir abspalten. Sobald du ihn loslässt, wird er ein eigenständiges Leben führen und du bist wieder ganz du selbst, so wie vorher. Du kannst dich aber auch komplett in einen Dschinn verwandeln, ohne etwas von dir zurückzulassen. In dem Fall wirst du als Dschinn weiterleben. Das würde bedeuten, dass du deine Fähigkeiten behältst, außer der Zeitmanipulation. Zeit würde für dich – so wie jetzt – normal verlaufen. Dafür wirst du lernen können, wie man teleportiert. Du hättest außerdem eine festgelegte Form, bei der du nur noch die Größe und die Proportionen verändern kannst. Du hast die Wahl, ob du wieder eine Elementepfütze oder lieber ein Dschinn werden willst.”

Er überlegte.

„Oder du bleibst, wie du jetzt bist, ein Gestaltwandler. So kannst du keine Gegenstände mehr erschaffen, aber du kannst zu jedem beliebigen Gegenstand oder Wesen werden. In jeder deiner Formen hättest du Gefühle und wärst dir deiner Existenz bewusst. Ich weiß nicht, ob das sinnvoll wäre, und auch nicht, wie sich das für dich anfühlen würde. Leider kann ich dir bei der Entscheidung nicht helfen, denn ich kann es nicht gut genug nachvollziehen. Tut mir leid, dass du damit auf dich allein gestellt bist. Nun, falls das ein Trost ist: Egal, wie du dich entscheidest, du bist jederzeit in der Wildsau willkommen, wenn du zurückkommen möchtest.”

Die Pfütze reagierte noch immer nicht.

„Weißt du was? Ich gehe jetzt ein bisschen mit Borowski spazieren und komme irgendwann wieder. Lass dir Zeit, es ist eine große Entscheidung, die du da treffen musst. Es ist nicht eilig, ich komme wieder. Wenn du möchtest, suche ich eine Elementepfütze, die mit dieser Situation Erfahrung hat. Vielleicht könnte dir das weiterhelfen. Überleg es dir in Ruhe, ich bin bald wieder da.”

Er setzte Borowski auf den Boden. Wie von der Tarantel gestochen rannte der Hund los. Adasger stand auf und ging dem Hund hinterher. Wenigstens rannte Borowski zur Abwechslung mal wieder, das würde ihm gut tun. Der Dschungel war recht undurchdringlich, also schuf Adasger eine unsichtbare Blase um sich herum, die dünne Zweige, Dornen und biegsames Gestrüpp von ihm fernhielt. So konnte er sich halbwegs ungehindert bewegen und brauchte sich keinen Weg freizukämpfen.

Während er langsam in die ungefähre Richtung ging, in die Borowski verschwunden war, hing er seinen Gedanken nach. Es war ein seltsamer Zufall, dass Hivvy ausgerechnet jetzt vom Blitz getroffen worden war. Manche würden das Schicksal nennen, aber gab es das? Er wusste es nicht und eigentlich war es nicht wichtig, es machte keinen Unterschied. Trotzdem, es war schon ein uriges Phänomen, wie Ereignisse manchmal ineinander griffen und sich gegenseitig beeinflussten.

Josh hatte sich um die Wildsau-KI kümmern wollen, Renko nicht, im Gegenteil. Renko hatte vermutlich nur Josh zuliebe zugestimmt, vermutete Adasger. Jetzt war er ein wandelndes Gemüse und konnte sich nicht kümmern – wenn man wollte, konnte man da einen Zusammenhang hineininterpretieren. Ob Renko auch von einem Blitz getroffen worden war? Was geschah mit Dämonen, wenn ihnen so etwas passierte? Adasger hatte noch nie von einem solchen Fall gehört, aber möglich wäre es. Hmmm …

Und was bedeutete es für die Wildsau-KI, dass Hivvy nicht mehr da war und Dinge erschuf? Das war zwar unpraktisch, aber vielleicht gar nicht schlecht. Nicht auszudenken, was sie hätte anrichten können, das hatten sie gar nicht bedacht – und nochmal Glück gehabt. Er würde das bei passender Gelegenheit mit den anderen besprechen. Erst einmal abwarten, was nun aus Hivvy werden würde. Gut möglich, dass bald alles wieder so war wie vorher. Da fiel ihm der Zustand der Wildsau wieder ein. Er würde aufräumen und putzen, wenn er wieder da war. Ja, er hatte richtig Lust dazu. Himmel, aufräumen und putzen – das hatte er ja seit Jahrhunderten nicht mehr getan.

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