Kitabı oku: «Zur buckligen Wildsau», sayfa 4
Amanda
Der Auftrag, den Amanda erhalten hatte, war bescheuert. Total dämlich und völlig idiotisch. Sie arbeitete für eine Security–Firma, sie war Bodyguard, um Himmels Willen, und nun sollte sie Dolbs entführen? Das war nicht nur illegal, das war bescheuert und lästig und kompliziert und von vorne bis hinten falsch. Falsch, falsch, fucking falsch! Sie würde sich weigern. Sie würde kündigen. Sie würde das schlicht und ergreifend einfach nicht tun. Punkt.
Blöderweise konnte sie weder kündigen noch sich weigern. Sie hatte keine Wahl. Sie hatte doch eine Wahl. Nein, sie hatte keine Wahl. Ach verdammt!
Amanda hasste es, dass sie ein Cyborg war. Ein Teil von ihr war noch humanoid–android mit ungewissem Ursprung – zumindest konnte sie sich an ihr Leben vor dem ‚Unfall‘ nicht erinnern – aber der Großteil ihres Körpers war Robotertechnik – na ja, immerhin vom Feinsten. Die linke hintere Hälfte ihres Körpers war fast vollständig zerstört gewesen und durch eine Art Rüstung aus einer Titanlegierung ersetzt worden. Da sie außerdem viele komplizierte Knochenbrüche gehabt hatte, waren fast alle ihre Knochen nun ebenfalls aus diesem Material plus passender Gelenke. Manche wegen der Brüche, andere wegen der ausgleichenden Symmetrie, damit sie die neue Technik ideal ausnutzen konnte. Einige Organe waren durch synthetische ersetzt worden, die besser funktionierten und robuster waren als die Originale.
In ihrem Kopf befand sich eine KI–Steuereinheit und ein Generator, der das alles in Gang hielt. Irgendwas mit Fusion, wie das genau funktionierte, interessierte sie nicht. Etwa einmal im Jahr musste er neu aufgeladen werden, alles andere war ihr egal. Abgesehen von dem Teil ihres Körpers, der wie eine glatte Rüstung aussah, war optisch alles ganz unauffällig. Die synthetischen Hautpartien waren nicht einmal von Nahem von ihrer eigentlichen Haut zu unterscheiden. Keine Narben, völlig natürliches Aussehen. Erstaunlich. Nur, wenn sie mit den Fingern darüber strich, konnte sie merken, dass die taktilen Reize anders an ihr Gehirn weitergeleitet wurden.
Knapp sieben Jahre zuvor war sie in einem Labor aufgewacht, in einer schleimigen Brühe schwimmend und mit Schläuchen und Kabeln an alle möglichen Geräte angeschlossen. Um sie herum blinkten und piepten Monitore. Gestalten in grünen Kitteln hatten sich zu ihr herunter gebeugt und sie vermutlich Dinge gefragt, aber sie hatte kein Wort verstanden. Später, nachdem sie ihre Sprache in Amandas Datenbank installiert hatten, war sie auch nicht schlauer gewesen als zuvor: Sie habe wohl einen Unfall gehabt, hieß es. Sie sei so gut wie tot gewesen, als man sie gefunden habe, mehr sei nicht bekannt. Aha. Man hatte sich um sie gekümmert, bis sie wieder soweit hergestellt war, dass sie eigenständig herumlaufen konnte.
Eigenständig. Pah! Sie war zwar nicht direkt ferngesteuert, aber frei war sie nicht. Kein Stück. Die ganze schöne Technik, die sie am Leben hielt, gab dem Konglomerat volle Kontrolle, egal was sie behaupteten. Sie könnten sie tatsächlich fernsteuern, wann immer sie wollten, da machte sie sich nichts vor. Fernsteuern wie eine verdammte Marionette. So einfach war das. Die ganzen Schnittstellen öffneten jedem Tür und Tor, der in der Lage war, durch die Firewalls zu spazieren. Bisher war es eben nur noch nicht nötig gewesen, denn sie hatte immer brav getan, was von ihr verlangt worden war, aber Dolbs entführen? Das ging zu weit. Das ging, verdammt nochmal, zu weit! Das konnten sie nicht von ihr verlangen. Und doch: Sie taten es. Verdammt!
Nachdem man sie damals als genesen – pah! ‚Fertig zusammengebastelt‘ traf es eher – entlassen hatte, war ihr ein Platz in einer Wohneinheit zugewiesen worden, die sie mit drei anderen Cyborgs teilte. Sie waren gemeinsam trainiert worden. Jeder von ihnen hatte eine KI–Schnittstelle, durch die sie auf relevantes Wissen zugreifen und massenhaft abspeichern konnten. Außerhalb des Trainings durften sie die Schnittstelle ausschalten oder konnten sie zu ihrem Vergnügen nutzen: Medien aller Art standen schier endlos zur Verfügung, für jeden Geschmack war etwas dabei. Toll. Und nach der Ausbildung hatte jeder von ihnen einen Job ‚angeboten‘ bekommen.
War sie dankbar? Nö. War sie glücklich? Ha! Nö. Wollte sie leben? Keine Ahnung. Eigentlich nicht, aber ausgerechnet jetzt, da sie diese Entscheidung treffen musste, sah es ganz so aus, als würde sie tatsächlich doch leben wollen. Verdammt! Trotz allem konnte sie sich nicht überwinden, dieses Ding, in dem ihr ‚Ich‘ nun steckte, diesen … Körper, in dem sie sich bewegte, zu zerstören. Sie sollte es tun. Es wäre das Richtige. Eigentlich war es die einzige Lösung. Das war schließlich kein Leben, sondern nur ein schlechter Witz. Und trotzdem … Verdammt!
Alles in ihr schrie danach, sich zu weigern und ihrem Dasein ein Ende zu setzen. Schluss, aus, Ruhe im Karton. Alles, bis auf diese eine nagende Stimme, die ihr in Erinnerung rief, dass man nie wissen könne, was geschehen würde. Wunder gab es immer wieder. Ja klar. Wunder. Was für Wunder denn bitte? Hallo? Bescheuert. Bescheuert und dämlich und definitiv falsch! Und diese Gandrocks waren echt eine Zumutung. Wer auch immer dafür verantwortlich war, dass es ausgerechnet Gandrocks für diese Wüstendurchquerung sein mussten, war nicht ganz dicht. Und ein Sadist.
Überhaupt: Nesodoraner. Was für ein schräges Volk. Mutierte Humanoide mit vier Armen, fünf Augen und ohne drehbaren Hals. Die gleichmäßig rund um den Kopf verteilten Augen hatten das überflüssig gemacht, und so wuchs der Kopf mehr oder weniger direkt auf den Schultern. Statt der Haare hatten sie nur einen ungefähr kreisförmigen, strubbeligen, recht kurzen Pelz oben auf dem Kopf, das sah ziemlich beknackt aus. Die oberen Arme waren relativ normal, sie ließen sich allerdings ohne Einschränkung sowohl nach vorne als auch nach hinten bewegen, was recht praktisch zu sein schien. Die gleich langen unteren Arme waren spindeldürr, hatten je einen zusätzlichen Ellenbogen und befanden sich am vorderen Teil des Körpers. Zwei der fünf Augen zeigten ebenfalls nach vorne, so wie die riesigen Füße.
Das einzig Schöne an ihnen waren die Hände. Sie waren langgliedrig und zart.
Ob sie gute Kämpfer waren? Amanda hatte noch nie gegen einen Nesodoraner gekämpft, sie vermutete aber, dass die zusätzlichen Arme und Augen einen nicht zu verachtenden Vorteil brachten. Nicht genug, um gegen ihre Hightech Robotics und ihr Training eine Chance zu haben, aber bestimmt waren sie lästig genug. Wie viele wären wohl nötig, um Amanda überwältigen zu können? Hier in der Wüste hatte sie natürlich keinen Empfang, um sich entsprechende Kampfvideos ansehen zu können. Sie war gezwungen, auf ihre Datenbanken zurückzugreifen. Blöderweise war sie nicht auf die Idee gekommen, sich vorher ein paar Vids oder wenigstens neue Musik runterzuladen. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, sich aufzuregen, und hatte keinen klaren Gedanken fassen können, also musste sie sich mit dem begnügen, was sie hatte. Um sich von dem Geschaukel und von der gnadenlosen Hitze abzulenken, sah sie sich einen ihrer Lieblingsfilme an, aber irgendetwas stimmte mit ihrem Kopf nicht.
Immer wieder kamen ihr penetrant die idiotischsten Sätze in den Sinn und lenkten sie ab: oh, Amanda, wundervolle Amanda, wie süß, wie niedlich, itzelchen unentspannt, blablabla. Wenn sie es nicht besser wüsste – ihre Sensoren zeigten, dass sich nichts Fremdes in ihrem System befand – hätte sie schwören können, dass man ihr Drogen verabreicht hatte. Und die wunderbare, itzelchen unentspannte Amanda sollte nun also Dolbs entführen, ja? Verdammt! Kein Wunder, dass sie unentspannt war, mehr noch, sie war mittelschwer hysterisch – und aggressiv.
Und was war das überhaupt für ein schräger roter Typ, den sie immer mal wieder vor ihrem inneren Auge sah? Gehörte er zu den Dolbs oder wollten die ihn fressen? Nein, soweit sie wusste, ernährten sich Dolbs von Plankton, er war also nicht ihr Opfer. Keins der Fotos hatte diesen Typen gezeigt, trotzdem hatte sie ihn glasklar vor Augen, und die Dolbs saßen auf ihm drauf. Bescheuert. Was war bloß mit ihrem Kopf los? Fing sie an zu halluzinieren? Wenn sie wieder zurück war, würde sie zu einem Psychodoc gehen und sich durchchecken lassen.
Die Wahrheit über Blitze II
Fakt ist: Nicht alle Blitze sind für das menschliche Auge sichtbar.
Dämonenverkorksung
Josh wurde von einem zarten Klingeln geweckt. Er lag mit dem Gesicht im Sand, die Sonnenbrille noch auf der Nase. Langsam setzte er sich auf, wischte sich den Sand von der Haut und musste sich erst einmal orientieren. Er war am Meer und diese schwebenden Gestalten waren Dolbs. Ach ja. Renko. Renko! Sofort war er hellwach.
„Wie geht es Renko? Habt ihr was rausgefunden?”
Die Dolbs schienen sich nicht einig zu sein, denn er konnte nur bruchstückhaft Worte aus dem Geklingel heraushören.
„Moment, Moment, Mann, langsam, ich verstehe kein Wort. Ebenen? Parallele Realität? Frequenzen?”
Sie bimmelten wieder chaotisch durcheinander, aber nach und nach sortierten sich die Gedanken der Dolbs und Josh konnte die einzelnen Aussagen verstehen: Dolbs waren Wesen mit medialen Fähigkeiten. Es gab verschiedene Ebenen des Seins. Das Bewusstsein war für das aktive Denken zuständig und befand sich auf der physischen Ebene. Das Unterbewusstsein war für das passive Denken zuständig, hatte Zugang zu den anderen Ebenen und verband diese mit dem Bewusstsein. Ok, soviel wusste er schon, aber gut, darum ging es also. Weiter. Jede Ebene schwang mit einer bestimmten Frequenz. Durch ihr Gebimmel konnten die Dolbs gezielt in der gewünschten Frequenz schwingen, wodurch sie in die dazu passende Ebene wechseln konnten – das sei so ähnlich wie einen Radiosender einzustellen.
Sie hatten sich durch die Ebenen gebimmelt und schließlich Renkos Bewusstsein auf einer Ebene gefunden, wo es gar nicht hätte sein dürfen. Eigentlich. Es war nicht dafür ausgelegt, auf diese Art von Reise zu gehen, und ohne Unterbewusstsein hätte es Renko schlicht unmöglich sein sollen, dort hinzugelangen.
Nun war er aber da und konnte nicht zurück. Etwas war passiert, das diesen Wechsel erzwungen hatte, die Dolbs wussten nicht, was. Renko befand sich in einer Art parallelen Realität, die zwar einen Bezug zum Hier und Jetzt hatte, aber Renko konnte diesen Bezug nicht wahrnehmen, und weil er geistig nicht mehr auf der physischen Ebene anwesend war, konnte er seinen Körper nicht mehr steuern. Ansonsten sei er in Ordnung, glücklich und entspannt.
„Aber er hat sich doch vom Gandrock fallen lassen. Und er seufzt auch.”
Dafür hatten die Dolbs keine Erklärung, das sei ohne die Verbindung durch das flexible Unterbewusstsein unmöglich. Sie bimmelten wieder wild durcheinander und schienen zu diskutieren. Als sie damit fertig und sich halbwegs einig waren, bimmelten sie sinngemäß: Nur mal angenommen, Renko sei etwas passiert, wodurch er ein Unterbewusstsein bekommen habe. Dann wäre davon auszugehen, dass er damit nichts anfangen könne. Er lebte schon mehrere Jahrhunderte ohne, würde gar nicht verstehen, was das war, und es somit wahrscheinlich einfach größtenteils ignorieren. Ab und zu könne es theoretisch passieren, dass es trotzdem kurz mit dem Hier und Jetzt in Verbindung stand und spontane Reaktionen hervorrief.
Josh sah sie zweifelnd an. „Bisschen weit hergeholt. Niemand kann ein Unterbewusstsein kriegen, wenn sein Gehirn nicht dafür ausgelegt ist.”
Die Dolbs stimmten zu, es sei reine Spekulation, aber die einzige, die ihnen einfiel. Aber selbst wenn es so war, dann konnten die Dolbs jedenfalls an der Situation nichts ändern, weil sie mit Renko nicht kommunizieren konnten. Er hörte nur Gebimmel, verstand die Worte darin nicht, und auf die Bilder und Gedanken, die sie ihm sendeten, hatte er nicht reagiert – was logisch war: ohne funktionierendes Unterbewusstsein kein Empfang auf diesem Kanal.
Josh seufzte. Das alles war ihm zu hoch und zu kompliziert und er wollte das eigentlich überhaupt nicht so genau wissen, nicht darüber nachdenken müssen. Er wollte nur, dass alles wieder so war wie vorher, Mann. Was sollte dieser Mist? Warum passierte das? Das war doch alles … Käse.
Resigniert bedankte er sich. Die Dolbs hatten etwas herausgefunden, immerhin. Es war ja nicht ihre Schuld, dass Josh nichts damit anfangen konnte. Aber was jetzt? Was, um alles in der Welt, sollte er jetzt tun? Er musste das erst einmal verdauen und bat die Dolbs, ihn alleine zu lassen. Mitfühlend bimmelten sie ein paar Abschiedsworte und schwebten davon.
Da saß er nun. Alleine. Hoffnungslos. Und zu allem Überfluss konnte er noch nicht einmal einfach zurück in die Wildsau zu Adasger wechseln, nein, er musste sich mit Zombie–Renko wieder durch diese elende Wüste quälen. Halleluja, echt. Am liebsten hätte Josh geweint, aber er konnte nicht. Er saß nur da wie betäubt und wollte raus aus der Nummer. Weg. Einfach nur weg. Nicht teleportieren zu können fühlte sich an, als hätte man ihm etwas amputiert.
Im Amandaland
Renko saß im Schneidersitz am Meer und hörte ein leises, bimmeliges Klingeln. Um ihn herum schwebten niedliche rote Gestalten, die aussahen wie kleine Buddhas. Amüsiert sah er Amanda an, aber die schien mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein, sah wieder stinksauer aus und schaukelte. Sie wackelte irgendwie und es war nicht das erste Mal, dass er das beobachtete. Skurril. Renko hatte gerade keine Lust auf einen Streit, also ließ er sie vor sich hin wackeln und sah lieber den kleinen Kerlen zu. Drollig. Sie schienen etwas zu wollen, aber er verstand nicht, was. Nach einer Weile verblassten sie und verschwanden. Schade.
Im Dschungel
Hivvy war jetzt erst recht überfordert. Sie hatte noch nie eine Entscheidung treffen müssen, wusste bis vor Kurzem gar nicht, was das war – erstaunlich, dass das überhaupt möglich war. Ein alter Mann war aufgetaucht und hatte ihr Dinge erklärt. Ohne Ohren hatte sie ihn nicht hören können, aber seine Gedanken waren bei ihr angekommen. Klar und deutlich – aber das war keine Hilfe gewesen. Nicht wirklich.
Eine andere Elementepfütze … Es war ihr noch nie in den Sinn gekommen, dass es andere Elementepfützen geben könnte. Sie hatte es nie vermisst, denn sie hatte ja nichts vermissen können ohne Gefühle und ohne Seele. Es war nicht relevant gewesen.
Diese Seele machte alles entsetzlich kompliziert. Hivvy wollte das nicht fühlen, wollte nichts entscheiden, fand es ungewohnt und eklig, aber diese Seele wollte es, sie war neugierig und freute sich auf … auf … alles? Das war so ein starker Sog, dass Hivvy das Gefühl hatte, sich dem nicht entziehen zu können. Schrecklich.
Dieser Widerspruch war anstrengend. Wenigstens wusste sie jetzt, dass sie sich von den Gefühlen distanzieren konnte. Die Gefühle waren nicht ihre eigenen. Sie musste da nicht mitmachen, sich nicht davon beeinflussen lassen, sie konnte den Dschinn entstehen lassen und alles wäre wieder gut. Aber auch langweilig, wenn man der Seele glauben wollte. Hivvy kannte Langeweile nicht. War es langweilig eine Elementepfütze zu sein? Nein. Nicht, wenn man eine Elementepfütze war. Erst, wenn man keine mehr war, sah es nach einer langweiligen Existenz aus, soviel musste sie zugeben.
Hivvy brütete vor sich hin, die Gedanken kreisten, verschiedenste Gefühle drohten, sie zu überwältigen, und es war ein einziges Chaos. Sie kam zu keinem Ergebnis. Zu allem Überfluss stellte sich ihr nun auch noch die Frage nach dem Sinn. Was war der Sinn von allem? Gab es einen? Wollte sie versuchen es herauszufinden? Es war zum Verrücktwerden!
Der alte Mann kam zurück. Er hatte den Hund auf dem Arm, der immer noch Angst vor ihr hatte, das spürte sie, aber er hatte sich halbwegs beruhigt. Der Mann kniete sich vor sie hin. Das alles konnte sie ohne Augen natürlich nicht sehen, aber sie nahm es trotzdem wahr, so wie seine Gedanken und die Angst des Hundes.
Wie war das möglich? Noch mehr Fragen. Sie hatte langsam die Nase voll von all diesen Fragen. Das Einfachste wäre wirklich die Sache mit dem Dschinn. Weg mit der Seele und gut, dann hätte sie wieder ihre Ruhe. Wollte sie ihre Ruhe? Ja. Nein. Vielleicht.
„Wie sieht es aus, weißt du schon, ob du mit einer anderen Elementepfütze Gedanken austauschen möchtest? Ich könnte versuchen, auch einen Dschinn und einen Gestaltwandler zu holen, die auf diese Art entstanden sind. Dann könntest du drei Erfahrungen miteinander vergleichen.”
Hivvy überlegte. Der Elementepfütze wäre es gleichgültig, denn sie konnte ihre Entscheidung nachträglich nicht in Frage stellen. Für sie wäre es automatisch normal, sich so entschieden zu haben. Der Dschinn und der Gestaltwandler könnten von ihren Erfahrungen berichten, ja, aber würde das einen Unterschied machen? Echte Erfahrungen konnte man nur selbst machen, in der Theorie taugten sie nichts. Woher sie das wusste? Noch so eine Frage ohne Antwort. Und stimmte das überhaupt? Egal, sie wollte sich nicht beeinflussen lassen. Sie würde das alleine entscheiden.
„Gut. Dann lasse ich dich mit deinen Gedanken jetzt wieder alleine und gehe zurück in die Wildsau. Morgen früh komme ich wieder.”
Der Mann hatte es verstanden und akzeptiert, einfach so. Das war seltsam tröstlich. Ihre erste Entscheidung – das fühlte sich gut an! Aber ob es die richtige Entscheidung gewesen war? Der Zweifel fühlte sich schrecklich an. Noch eine Frage, noch ein Widerspruch. Hörte das nie auf? Ging das so weiter, wenn sie die Seele bei sich behielt? Das war ja unerträglich! Aber auch spannend. Puuuh, wie anstrengend!
Adasger ging zurück in die Wildsau und bat die KI, das Portal wieder zu schließen. Wieder kommentierte sie das Offensichtliche, aber Adasger war zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, als dass es ihm aufgefallen wäre. Er setzte Borowski auf den Boden, der zwar noch nicht ganz wieder der Alte war, jetzt aber wenigstens zaghaft schnüffelnd von einer Ecke in die andere lief und sich schließlich vor dem brennenden Kaminfeuer zusammenrollte.
Der kleine Hund hatte vor ein paar Tagen ein T–Shirt von Renko gefunden und es sich dort hingezerrt. Er sah jetzt halbwegs ok aus. Gut. Sehr gut. Eine Sorge weniger. Adasger sah sich um. Womit sollte er anfangen? Erst einmal aufräumen. Genau. Den Müll einsammeln, das Geschirr stapeln und später abwaschen, die anderen Dinge in Schränke legen oder in Schubladen verschwinden lassen, je nachdem. Er fing an zu pfeifen und legte gutgelaunt los. Wie auch immer sich alles andere entwickeln würde, es würde auch ohne sein Zutun geschehen. Das tat es ja immer. Und wenn es an der Zeit war, einzugreifen und mitzumischen, dann würde er das deutlich spüren. Es war wie ein Schalter, der in ihm umgelegt wurde.
Amanda und Josh
Amanda ließ sich von ihrem Gandrock fallen, rollte sich auf den Rücken, schloss die Augen und blieb erst einmal liegen. Endlich! Der Boden schien zu schwanken, sie fühlte sich wie betrunken.
Statt direkt zur Oase zu reiten, hatte sie einen Umweg gemacht und war in einiger Entfernung am Strand angekommen. Sie konnte die Oase bunt und üppig schillern sehen. Es sah einladend aus, aber weil sie nicht wusste, was sie dort erwartete, wollte sie erst einmal ausruhen und nachdenken – obwohl sie in den letzten zwei Wochen kaum etwas anderes getan hatte. Tag und Nacht war sie geritten, ohne sich eine Pause von dem Geschaukel zu gönnen, aber sie war immer noch zu keinem Ergebnis gekommen. Ihr graute vor dem, was sie zu tun gezwungen war, doch egal wie sehr sie sich den Kopf zerbrach, ihr fiel keine Lösung ein.
Der Gandrock stubste sie mit dem Vorderhuf an. Ächzend stand sie auf, zahlte die Mietgebühr und schnallte den großen Behälter ab, den sie mitgebracht hatte. Dann wollte sie sich wieder in den Sand legen. Das Meer rauschte. Die Sonne brannte zwar nach wie vor heiß vom Himmel, aber durch einen leichten Wind war die Hitze hier angenehm. Ach verdammt, sie konnte es genauso gut gleich erledigen, statt sich noch länger damit herumzuquälen. Dann hatte sie es wenigstens hinter sich. Also stapfte sie wütend und völlig ausgelaugt in Richtung Oase. Der Behälter schwebte hinter ihr her. Hightech, was sonst.
Überraschenderweise saß da eine Gestalt am Strand. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass noch jemand hier war, im Gegenteil, Man hatte ihr versichert, dass es außer Tieren nur Wesen gab, die im Wasser lebten. Angeblich konnten nur die Dolbs das Wasser verlassen. Schwebend. Und sie waren winzig. Sie ging auf die Gestalt zu, die sich als durchgeknallt aussehender Surfertyp entpuppte und keine Gefahr darstellte. Mit dem würde sie spielend fertig werden, wenn er so blöd war, es drauf anzulegen. Er sah nicht sonderlich glücklich aus. Wie jemand, dem das Leben auch gerade einen Tritt verpasst hatte. Amanda fand das sympathisch, und bevor sie wusste, was sie tat, hatte sie sich auch schon zu ihm gesetzt. WTF?!
„Hi”, sagte sie, von sich selbst überrascht.
„Hi”, antwortete Josh teilnahmslos.
Schweigen.
Er seufzte. „Tut mir leid, ich bin gerade keine gute Gesellschaft.”
„Passt. Ich auch nicht.”
Schweigen.
Erst jetzt sah Josh sie wirklich an. Ja, das schien zu stimmen. Sie machte keinen sonderlich entspannten Eindruck. Ein Cyborg, sah noch nagelneu aus, und mit Equipment im Schlepptau. Na, Cyborgs waren sowieso heftig.
„Was treibt dich denn durch die reizende Wüste? Hast du die Reise auch so genossen wie wir?”, fragte er sie.
„Wir?” Amanda sah sich um. Sie konnte sonst niemanden am Strand entdecken.
„Ja, mein Freund liegt da hinten im Gras und ist kopfdoof. Deswegen sind wir hier, leider ziemlich vergeblich. Und du?”
„Ach, ich soll nur die Dolbs entführen.” Es war raus, bevor ihr Hirn ein Veto einlegen konnte. Entsetzt starrte sie den Surfer an, diesen schrägen Typen, der aussah, als würde er gleich anfangen zu weinen hinter seiner albernen blauen Sonnenbrille – und der Blick in diese Augen gab ihr den Rest. Das letzte, mickrige bisschen Selbstbeherrschung, an dem sie sich festgeklammert hatte, zerbröselte und verschwand – und dann fing sie an zu heulen. Wie eine blöde Kuh, einfach so vor einem Wildfremden, aber selbst wenn sie gewollt hätte, sie hätte nichts dagegen tun können, es floss aus ihr raus und es gab kein Halten. Also heulte sie, heulte alles raus, was sich in den letzten drei Wochen angestaut hatte, ach Quatsch, was sich in den letzten sieben Jahren angestaut hatte. Josh legte ihr einen Arm um die Schulter, Amanda sah ihn durch ihren Tränenschleier an – und dann lagen sie sich in den Armen und heulten beide Rotz und Wasser.
Als sie sich einigermaßen beruhigt hatten und sich verlegen und schniefend voneinander lösten, schnipste Josh zwei Taschentücher herbei und reichte eins dem Cyborg. Geräuschvoll schnäuzten sie sich die Nasen.
„Cooler Trick, wie hast du das gemacht?”, fragte sie verrotzt nuschelnd.
Josh zuckte mit den Schultern. „Ich bin ein Dschinn. Dinge herbeizuschnipsen ist eine meiner leichtesten Übungen.” Er hörte sich nicht viel besser an und sah erbärmlich aus mit seinen verquollenen Augen und der vom Heulen verfärbten Nase. Amanda ging davon aus, dass sie selbst einen ähnlichen Anblick bot. Na super. Sie seufzte. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor geweint zu haben und war überrascht, dass ihr Cyborg–Körper das überhaupt konnte – und dass er das zuließ.
„Dolbs entführen, Mann. Das hört sich nicht sonderlich nett an, wenn du mich fragst.”
„Da stimme ich dir vollumfänglich zu. Nett ist anders.” Sie verdrehte die Augen.
„Und? Bist du nett oder wirst du es tun?”
Amüsiert sah sie ihn an. „Das hört sich ja an, als würdest du nicht einmal in Erwägung ziehen, mich aufzuhalten.”
„Sowas würde ich nicht tun. Selbst wenn, du würdest es später wieder versuchen, oder? Cyborgs führen ihre Aufträge aus, Mann, egal was kommt, das weiß doch jeder.”
Amanda ließ den Kopf hängen. „Genau das ist das Problem. Ich will nicht, aber das Konglomerat, das dieses Ding hier erschaffen hat, sitzt am längeren Hebel.”
„Ach echt?”
„Ja. Sie können mich lahmlegen oder fernsteuern, wenn es ihnen in den Kram passt. So einfach ist das.”
„Und? Musst du mich jetzt töten, weil ich deinen Auftrag kenne?” Josh grinste schief und zog eine Grimasse.
Amanda zuckte zusammen und starrte ihn an. Erst jetzt wurde ihr klar, was sie da angerichtet hatte. „Oh Fuck!”, fluchte sie. Nicht auch das noch. „Wenn's nach dem Konglomerat geht, ja”, brachte sie gequält heraus. „Aber sie wissen noch nicht, dass du hier bist. Du solltest abhauen, so schnell du kannst und dich verdammt gut verstecken. Ich fürchte, du bist jetzt eine wandelnde Zielscheibe.”
Oh Gott, sie war ein Monster. Jetzt hatte sie auch noch diesen Typen da mit reingezogen. Was stimmte mit ihr eigentlich nicht?! Hatte sie komplett den Verstand verloren? Oh Fuck. Oh verdammt!
„Kein Witz?”
„Leider nicht.” Sie schämte sich zu Tode. „Hier auf Nesodora haben sie aber keinen Zugriff, sie wissen noch nichts, und ich werde das rauszögern, so lange ich kann, versprochen. Das verschafft dir zumindest ein bisschen Zeit. Hau ab und tauch unter.”
Wow. Zum ersten Mal hatten sie keine Macht über sie, und dann sowas. Da konnte sie endlich mal machen, was sie wollte – und dann kam das dabei raus? Wie verkorkst war sie eigentlich? Sie war eine wandelnde Katastrophe, das musste ein Ende haben. Sie würde …
„Entspann dich, das ist doch alles halb so wild. Du bleibst einfach hier, Problem gelöst. Ich liebe einfache Lösungen, Mann.” Josh lachte.
„Das ist keine Lösung, du Idiot, denk doch mal nach. Es würde nur vorübergehend funktionieren. Ich kann dir maximal einen Vorsprung verschaffen, mehr nicht. Ich hab's verkackt, ich bin schuld, hass mich, aber es ist, wie es ist. Ich kann's leider nicht rückgängig machen.” Sie seufzte. „Wenn ich hier bleibe, schicken sie früher oder später ein Team, das mich zurückholt. Wenn ich versuche, von Nesodora abzuhauen, übernehmen sie die Kontrolle. Sobald ich aus dem Schutzschild trete, wissen sie über alles Bescheid. Auch über dich und dieses Gespräch. Ich hab's verkackt”, wiederholte sie und sah ihn an. „Dafür gibt's keine Entschuldigung.”
„Geschenkt, das hilft uns jetzt nicht weiter. Und bevor du aufgibst: Es gibt für alles eine Lösung. Man muss sie nur finden wollen, Mann. Also, wieso wissen sie automatisch Bescheid, wenn du aus dem Schutzschild trittst?”
„Ich habe eine KI–Schnittstelle und bin somit wie ein offenes Buch. Sobald ein Netzwerk da ist, werden die neuen Daten übermittelt, ich kann das nicht verhindern. Ich könnte die Schnittstelle ausschalten, ja, aber das ist nur ein Witz. Wenn sie wollen, dass das Ding an ist, schalten sie es an. Und sie haben mir garantiert einen Tracker eingebaut. Du bist doch ein Dschinn, erfüllen Dschinn nicht Wünsche?”
„Ja, schon, Mann, ich kann Zeug erschaffen oder verändern, aber das, was du brauchst, ist nicht so einfach. Ich habe von Technik null Ahnung, ich würde dich kaputt machen, aber zufällig habe ich eine KI in Dasogra. Die könnte da vielleicht was drehen.”
„Funktioniert nicht. Sobald ich aus dem Schutzschild trete, wissen sie Bescheid und befehlen mir, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Notfalls zerstöre ich alles, was mir in die Quere kommt, entweder freiwillig oder unter Zwang. Es bleibt nicht genug Zeit. Versuch einfach die Schnittstelle zu zerstören, mir ist es egal ob dieses Ding dabei kaputt geht, du würdest mir sogar einen Gefallen tun.”
„Nix da. Hmmm … und wenn ich dich betäube?”
„Wie gesagt, dieser Körper kann ferngesteuert werden. Keine Ahnung, wie effektiv ich dann noch wäre, aber das auszuprobieren könnte verdammt ungesund sein und eine Menge Zerstörung nach sich ziehen. Und danach würden sie mich eh verschrotten oder recyceln. Wenn ich mich weigere, den Auftrag auszuführen, werden sie das sowieso tun, und darauf wird es hinauslaufen. Die einzige Lösung ist, diesen Körper sofort unbrauchbar zu machen.”
„Ach Quatsch. Bist du immer so pessimistisch und gibst gleich auf? Es ist tricky, ja Mann, echt tricky, aber mir fällt garantiert noch was anderes ein.”
„Keine Chance.”
„Lass dich doch einfach mal überraschen, hm? Ok. Angenommen, du trittst aus dem Schild, sie laden die Daten runter, analysieren sie und übernehmen sofort die Fernsteuerung. Was glaubst du, wie lange würde das dauern?”
„Bestenfalls ein paar Minuten, vielleicht nur Sekunden. Nehme ich an. Ich hab keinen Schimmer.”
„Ein paar Sekunden also im schlimmsten Fall. Das ist knapp, könnte aber reichen.”
„Reichen? Wofür?”
„Ich habe Zugang zu sowas wie einer Zeitmaschine inklusive der KI. Wenn sie dicht genug an den Schild rankommt, könntest du reinsprinten und wir könnten ratzfatz weg sein, Zukunft, Vergangenheit, egal. Hey, wir springen einfach in eine Zeit ohne Technik. Dann können sie dich nicht finden und nicht gegen deinen Willen aktivieren.”
„Ach … ja, das wäre schön, aber es würde mich nicht wundern, wenn sie auch so ein Ding hätten. Und dann können sie mich auch orten und aktivieren, egal wo, egal wann.”
„Klar, Mann, aber wir müssen ja erst mal nur deinen Tracker finden und zerstören. Wenn wir einfach alle paar Sekunden in eine andere Zeit springen, haben wir eine gute Chance zu entkommen. Um die Schnittstelle kümmern wir uns danach.”
„Das ist viel zu gefährlich, ich will dich da nicht mit reinziehen.”
Josh zuckte die Schultern. „Hast du doch schon, aber so dramatisch ist das nicht, ich kann teleportieren, so leicht kriegen die mich nicht – außer hier natürlich.”
„Die Schnittstelle müsste als erstes zerstört werden. Sie brauchen mir nur die Rechte zum Ausschalten zu entziehen, dann könnte ich nichts mehr steuern. Dafür ist aber nicht genug Zeit. Selbst deine KI müsste erst mein System analysieren oder die Baupläne finden, und dann wäre es längst zu spät.”
„Coool. Ich meine uncoool, klar, aber Mann, wie geil kompliziert ist das denn.” Josh lachte. „Ich mag knifflige Dinge. Das weckt meinen sportlichen Ehrgeiz.” Er grinste breit.
