Kitabı oku: «Wildfell Hall», sayfa 2
Ich will zwei andere Personen, die ich erwähnt habe, nur kurz berühren und dann diesen langen Brief schließen. Dies sind Mrs. Wilson und ihre Tochter.
Erstere war die Witwe eines wohlhabenden Gutsbesitzers, eine engherzige, schwatzhafte alte Frau Base, deren Charakter keine Beschreibung verdient. Sie hatte zwei Söhne, Robert, einen rauhen, verbauerten Landmann und Richard, einen schüchternen, fleißigen, jungen Mann, der unter Beihilfe des Vikars die classischen Sprachen studierte und sich für die Universität vorbereitete, um später in die Kirche zu treten.
Ihre Schwester Jane war eine junge Dame von einigem Talent, aber noch größerem Ehrgeiz. Sie hatte ihrem eigenen Wunsche zufolge, eine ordentliche Pensionats-Erziehung, die vornehmer war, als sie irgend ein Mitglied der Familie vor ihr erhalten hatte, genossen; sie hatte die Politur gut angenommen, höchst elegante Manieren erhalten, ihren Provinzialaccent gänzlich verloren und konnte sich größeren Wissens rühmen, als die Töchter des Vikars.
Man hielt sie überdies für eine Schönheit, sie konnte mich jedoch nie auch nur auf einen Augenblick zu ihren Bewunderern zählen. Sie war etwa sechsundzwanzig, « ziemlich lang und sehr schlank, ihr Haar weder kastanienbraun noch auburn, sondern von höchst entschiedenen grellem hellen Roth. Ihr Teint auffallend weiß und brillant, ihr Kopf klein, Hals lang, Kinn gut geformt, aber sehr kurz, die Lippen schmal und roth, die Augen hellbraun, durchdringend und scharf, aber des Gefühls und der Poesie gänzlich ermangelnd. Sie hatte oder hätte in ihrem Stande eine Menge von Bewerbern haben können, wies sie aber alle verächtlich zurück oder ab, denn ihrem feinen Geschmacke konnte nur ein Gentleman gefallen und ihrem Ehrgeize nur ein reicher Mann genügen. Es gab einen Gentleman, der ihr in der lebten Zeit ziemlich auffallende Aufmerksamkeit bewiesen und auf dessen Herz, Namen und Vermögen, wie man sich zuflüsterte, sie ernsthafte Absichten hatte.
Dies war Mr. Lawrence, der junge Gutsherr, dessen Familie früher Wildfell Hall bewohnt, es aber vor etwa fünfzehn Jahren verlassen hattest, um ein moderneres und bequemeres Haus im benachbarten Kirchspiele zu bewohnen.
Nun, Halford, für jetzt nehme ich von Ihnen Abschied. Dies ist die erste Ratenzahlung meiner Schuld; sagen Sie mir, ob Ihnen die Münze zusagt, und ich werde Ihnen dann das Uebrige nach Muster zusenden. Wollen Sie aber lieber mein Gläubiger bleiben, als Ihre Börse mit so unbehilflichen, schweren Geldstücken vollstopfen — so sagen Sie mir es dessenungeachtet und ich werde Ihrem schlechten Geschmack verzeihen und den Schatz gern für mich behalten.
Unveränderlich der Ihrige
Gilbert Markham.
Zweites Kapitel.
Eine Zusammenkunft.
Ich nehme mit Freuden wahr, mein hochgeschätzter Freund, daß sich die Wolke Ihres Unwillens verzogen hat, Sie lassen die Sonne Ihres Antlitzes wieder leuchten und verlangen die Fortsetzung meiner Geschichte und sollen dieselbe also ohne weitere Umschweife erhalten.
Ich glaube, daß der von mir zuletzt erwähnte Tag der letzte Oktobersonntag des Jahres 1827 gewesen ist. Am folgenden Dienstag war, ich mit meinem Hunde und meiner Flinte ausgegangen, um solches Wild aufzusuchen, wie es sich auf dem Gebiete von Linden-Car vorfand; da ich aber gar keines erblickte, wendete ich meine Waffen gegen die Falken und Aaskrähen, deren Räubereien mich, wie ich argwöhnte, besserer Beute beraubt hatten.
Zu diesem Zwecke verließ ich die häufiger besuchten Gegenden, die Waldthäler, Kornfelder und Wiesen, und erstieg die steile Anhöhe von Wildfell, die wildeste und höchste Gegend unserer Nachbarschaft, wo, wenn man höher hinauf kommt, die Hecken, wie die Bäume, dünn und verkrüppelt werden und die ersteren endlich rauhen Steinmauern, die zum Theil mit Epheu und Moos überzogen sind, die letzteren Lerchen und Kiefern, oder einsamen Schwarzdorn weichen. Die unebenen und steinigen und für den Pflug gänzlich ungeeigneten Felder waren meist zu Schaf- und Rindviehweiden bestimmt, der Boden leicht und mager, — hier und da blickten graue Felsenstücke unter den bemoosten Anschwellungen hervor, unter den Mauern wuchsen Preiselsbeeren und Haidekraut — Ueberbleibsel von einem noch wilderen Zustande des Bodens, und in vielen Einfriedigungen hatten Sandbinsen und Quecken die Oberherrschaft über den spärlichen Graswuchs usurpiert — aber es war nicht mein Eigenthum.
Fast auf der Spitze des Hügels und etwa eine Stunde von Linden-Car entfernt, stand Wilder Hall, ein aus dunkeln, grauen Steinen errichtetes invalides Gebäude aus der elisabethischen Zeit — ehrwürdig und malerisch zu betrachten, ohne Zweifel aber kalt und düster genug zu bewohnen, mit seinen dicken, steinernen Fensterstöcken und kleinen, runden Fensterscheiben, seinen vom Zahne der Zeit genagten Luftlöchern und seiner zu einsamen und zu ungeschützten Lage — vor dem Kampfe des Windes und Wetters nur durch eine Kieferngruppe beschirmt, die selbst von den Stürmen halb abgestorben war und eben so düster und finster aussah, wie die Halle selbst.
Hinter dem Hause lagen einige nackte Felder und dann kam der braune, mit Haidekraut bekleidete Gipfel des Hügels. Vor ihm — von steinernen Mauern umgeben und durch ein eisernes Gitterthor, dessen Seitenmauern mit großen, grauen Granitkugeln versehen waren, wie sie das Dach und die Giebel zierten, zugänglich — war ein Garten, einst mir kräftigen Pflanzen und Blumen, wie sie dem Boden und Klima am besten entsprachen, und Bäumen, wie sie die Scheeren des Gärtners am besten aushalten und am leichtesten die Formen, welche er ihnen zu geben beliebte, annehmen konnte, besetzt — der aber, nach dem er so viele Jahre ungegraben und unbeschnitten dem Unkraut und Grase, Frost und Wind, dem Regen und der Dürre überlassen geblieben war, ein wahrhaft eigenthümliches Aussehen besaß.
Die dichten, grünen, spanischen Holländerwände, welche den Hauptgang begrenzt hatten, waren zu zwei Dritteln verdorrt und das Uebrige über alle vernünftigen Grenzen bin ausgewuchert. Der alte Buchsbaumschwan, welcher neben dem Abtrete-Eisen saß, hatte den Hals und die Hälfte seines Körpers verloren, die Lorbeerthürme in der Mitte des Gartens, der gigantische Krieger, welcher auf der einen Seite des Eingangs stand und der die andere bewachende Löwe waren in so phantastische Gestalten ausgesproßt, daß sie keinem Dinge im Himmel und auf Erden, noch in den Gewässern und unter der Erde glichen, boten aber meiner jungen Phantasie alle ein koboldisches Aussehen, das vor trefflich mit den gespenstischen Legionen und dunkeln Sagen harmonierte, welche uns unsre alte Amme über die Spukhalle und ihre geschiedenen Bewohner erzählt hatte.
Es war mir gelungen, einen Falken und zwei Krähen zu erlegen, als ich das Gebäude erblickte, worauf ich meinen weiteren Beutezug aufgab und darauf zuschlenderte, um das alte Haus zu betrachten, und zu sehen, welche Veränderungen die neue Bewohnerin darin hervorgebracht habe.
Ich wollte nicht gerade nach der Vorderseite gehen und zur Thür,hereingaffen, sondern verweilte an der Gartenmauer und betrachtete mir es, sah aber keine Veränderung — mit Ausnahme des einen Flügels, wo die zerbrochenen Fenster und das verfallene Dach offenbar ausgebessert worden waren und eine dünne Rauchsäule aus dem Kamine in die Höhe kräuselte.
Während ich so, auf meine Flinte gelehnt und nach den dunkeln Giebeln aufblickend, in müßige Träumereien versunken dastand, und einen Schleier von capritiösen Phantasien wehte, in denen alte Erinnerungen und die schöne, junge Einsiedlerin, welche sich jetzt innerhalb dieser Mauern befand, fast gleichen Antheil hatten, hörte ich ein leichtes Knacken und Knistern im Garten und erblickte, als ich nach der Gegend, aus welcher der Laut herkam, sah, eine kleine sich über der Mauer erhebende Hand; sie hielt sich an dem obersten Stein fest und dann erhob sich eine zweite kleine Hand, um sich fester anzuhalten und dann erschien eine kleine weiße Stirn von hellbraunen Locken umgeben, ein paar dunkelblaue Augen darunter und der obere Theil einer winzig-kleinem elfenbeinweißen Nase.
Die Augen bemerkten mich nicht, sondern funkelten hocherfreut, als sie Sancho, meinen schönen schwarz und weißen Hühnerhund,.erblickte, der mit der Nase auf dem Boden im Felde herumsprang. Das kleine Geschöpf erhob sein Gesicht und rief dem Hunde laut zu. Das gutmüthige Thier blieb stehen, schaute auf und wedelte mit dem Schwanze, kam aber nicht näher. Das Kind — ein kleiner, etwa fünfjähriger Knabe — kletterte auf die Höhe der Mauer und rief wieder und wieder, schien sich aber, da er fand, daß es nichts nutzte, zu entschließen, wie Mahomed zum Berge zu gehen, da der Berg nicht zu ihm kommen wollte und versuchte herüberzuklettern; aber ein knorriger, alter Kirschbaum, der dicht daneben wuchs, hielt sein Kleidchen in einem der krummverschlungenen Aeste, die sich . über die Mauern hinstreckten, fest.
Er versuchte, sich loszumachen, sein Fuß glitt ab — aber nicht bis zur Erde — der Baum hielt ihn in der Luft fest. Es fand ein stiller Kampf statt und darauf ertönte ein durchdringender Schrei — augenblicklich aber hatte ich meine Flinte in das Gras geworfen und den kleinen Burschen in meinen Armen aufgefangen
Ich wischte seine Augen mit seinem Kleidchen, sagte ihm, daß er ganz wohlbehalten sei und rief Sancho, um ihn zu beruhigen. Er legte eben seine kleine Hand auf den Hals des Hundes und begann durch seine Thränen zu lächeln, als ich hinter mir das Knarren des eisernen Thores und ein Rauschen von weiblichen Gewändern hörte, und siehe da, Mrs. Graham mit unbedecktem Halse und im Winde wehenden schwarzen Locken schoß auf mich zu.
»Geben Sie n«r das Kind.«
Sie sagte dies mit einer Stimme, die kaum lauter, als ein Flüstern war, aber mit furchtbarer Heftigkeit, ergriff den Knaben, riß ihn von mir fort, als ob meine Berührung verpestend wäre, und stand dann, mit der einen Hand fest die seinige fassend, die andere auf seine Schulter gelegt, und ihre großen, lichtvollen Augen auf mich heftend, bleich, athemlos und vor Aufregung bebend da.
»Ich habe dem Kinde nichts zu Leide gethan,« sagte ich, kaum wissend, ob ich mehr erstaunt, oder unwillig sein sollte. »Er stürzte dort von der Mauer herab und ich war so glücklich, ihn aufzufangen, während er köpflings von jenem Baume herabhing, und wer weiß, welche Katastrophe zu verhindern.«
»Ich bitte um Verzeihung, Sir,« stammelte sie, sich plötzlich beruhigend — das Licht der Vernunft schien in ihren bewölkten Geist zu brechen und ein leichtes Erröthen bedeckte ihre Wangen. Ich kannte Sie nicht, und ich dachte —«
Sie hielt inne, um das Kind zu küssen, und schlang zärtlich ihren Arm um dessen Hals.
»Sie dachten wahrscheinlich, daß ich im Sinne habe, Ihren Sohn zu stehlen.«
Sie streichelte seinen Kopf mit halbverlegenem Lachen und antwortete:
»Ich wußte nicht, daß er die Mauern zu erklettern versucht hatte. — Ich glaube das Vergnügen zu haben, mit Mr. Markham zu sprechen,« fügte sie etwas abrupt hinzu.
Ich verbeugte mich, erlaubte mir aber, zu fragen, woher sie mich kenne.
»Ihre Schwester hat mich vor einigen Tagen mit Mrs. Markham besucht.«
»Ist die Aehnlichkeit denn so auffallend,« fragte ich etwas erstaunt und von der Idee nicht so schmeichelhaft berührt, wie ich wohl hätte sein sollen.
»Ich glaube, einige Aehnlichkeit um die Augen und in der Gesichtsfarbe zu finden,« antwortete sie, indem sie mein Gesicht etwas zweifelhaft überschaute — »«und ich glaube sie am Sonntags in der Kirche gesehen zu haben.«
Ich lächelte. — In diesem Lächeln oder in den Erinnerungen, welche es erweckte, mußte etwas für sie ganz besonders Unangenehmes liegen, denn sie nahm plötzlich wieder das stolze, eisige Gesicht an, welches meine verderbte Natur in der Kirche so unaussprechlich aufgeregt hatte.
Ein Aussehen zurückstoßender Verachtung, das so leicht und ohne die mindeste Entstellung eines einzigen Zuges angenommen wurde, daß es, so lange es sich dort befand., der natürliche Ausdruck des Gesichtes zu sein schien, und mir um so ärgerlicher war, als ich es nicht für affektiert halten konnte.
»Guten Morgen, Mr. Markham,« sagte sie und zog sich, ohne weiter ein Wort oder einen Blick an mich zu richten, mit ihrem Kinde in den Garten zurück; und ich kehrte erzürnt und unzufrieden heim — weshalb, vermöchte ich Ihnen kaum zu sagen — und will es daher auch nicht versuchen.
Ich verweilte nur so lange, um Flinte und Pulverhorn hinwegzulegen und einem von den Knechten einige nothwendige Weisungen zu geben, und verfügte mich dann nach dem Pfarrhause, um mich durch die Gesellschaft und Unterhaltung Elise Milwards zu erquicken und mein aufgeregtes Gemüth zu beschwichtigen.
Ich fand sie, wie gewöhnlich, mit Sticken beschäftigt — die Wuth, mit bunter Wolle zu sticken, war damals noch nicht eingetreten — während ihre Schwester am Kaminwinkel saß, die Katze auf dem Schooße hatte und einen Haufen von Strümpfen stopfte.
»Mary — Mary, stecke hinweg,« sagte Elise hastig, als ich in das Zimmer trat.
»Gott bewahre!« war die phlegmatische Antwort, und mein Erscheinen verhinderte seine Fortsetzung der Diskussion.
»Sie treffen es so unglücklich, Mr. Markham,« bemerkte die jüngere Schwester mit einem ihrer schelmischen Seitenblicke — »der Papa ist soeben ausgegangen und wird unter einer Stunde nicht wieder zurückkehren.«
»Das thut nichts, ich werde wohl ein paar Minuten bei seinen Töchtern zubringen können, wenn sie es mir erlauben wollen, sagte ich, indem ich einen Stuhl an das Feuer setzte und mich darauf, ohne erst auf eine Einladung zu warten.
»Nun, wenn sie sehr gut und unterhaltend sein wollen, so haben wir nichts dagegen.«
»Ich bitte um unbedingte Erlaubniß, denn ich komme nicht, um Vergnügen zu bereiten, sondern es zu suchen,« antwortete ich
Ich hielt es indeß für angemessen, einige kleine Anstrengungen zu machen, um mich meiner Gesellschaft angenehm zu erweisen, und war darin, wie es schien, glücklich genug, denn Miß Elise hatte sich nie in besserem Humor befunden.
Wir schienen gegenseitig aneinander Gefallen zu finden und unterhielten ein munteres und belebtes, wenn auch nicht sehr tiefes Gespräch; es war wenig besser als ein tête-à-tête, denn Miß Milward öffnete die Lippen nur, um mitunter eine unbedachte Behauptung oder einen übertriebenen Ausdruck ihrer Schwester zu berichtigen und einmal, um sie aufzufordern, ihr den Garnknäul, welcher unter den Tisch gerollt war, aufzuheben Dies thue ich jedoch geziemender Weise selbst.
»Ich danke Ihnen, Mr. Markham,« sagte sie, als ich ihr denselben hinreichte, »ich würde Ihn selbst aufgehoben haben, wollte aber nur die Katze nicht stören.«
»O, liebe Mary, das wird Dich in Mr. Markhams Augen nicht entschuldigen,« sagte Elise; »er wird die Katzen wohl eben so herzlich hassen, wie die alten Jungfern, wie alle Mannen — nicht wahr, Mr. Markham?«
»Ich denke, daß es für unser unliebenswürdiges Geschlecht natürlich ist, die Geschöpfe zu hassen,« entgegnete ich, »denn Ihr Damen verschwendet zu viele Liebkosungen an sie.«
»Gott segne die lieben, kleinen Dinger,« rief sie in einem plötzlichen Ausbruch den Enthusiasmus, indem sie sich plötzlich umwendete und das Schooßthier ihrer Schwester mit einer Fluch von Küssen überhäufte.
»Laß sie gehen, Elise,« sagte Miß Milward etwas Verdrießlich, indem sie sie ungeduldig bei Seite schob. — «
Es wurde aber Zeit, daß ich ging: ich mochte eilen, wie ich wollte, so kam ich doch zu spät zum Thee und meine Mutter war die Ordnung und Pünktlichkeit selbst. —
Meine schöne Freundin nahm offenbar nicht gern Abschied von mir. Ich drückte ihr zärtlich die kleine Hand und sie belohnte mich mit ihrem sanftesten Lächeln und bezauberndsten Blicke.
Ich ging sehr glücklich heim und mein Herz strömte von Selbstgefälligkeit und Liebe zu Elisen über.
Drittes Kapitel.
Eine Controverse.
Zwei Tage nachher machte Mrs. Graham einen Besuch in Linden-Car, gegen alle Erwartungen Rosa’s, die die Idee hatte, daß die geheimnisvolle Bewohnerin von Wildfell Hall die gewöhnlichen Pflichten des civilisirten Lebens gänzlich aus den Augen setzen würde — in welcher Ansicht sie die Wilsons unterstütztem welche behaupteten, daß weder ihr Besuch, noch der der Milwards bis jetzt erwiedert worden sei
Jetzt wurde indeß der Grund der Unterlassungssünde erklärt, wenn auch nicht ganz zu Rosa’s Zufriedenheit
Mrs. Graham hatte ihren Sohn mitgebracht, und als meine Mutter ihr Erstaunen und gab, daß er so weit gehen könne, antwortete sie:
»Es ist ein weiter Weg für ihn, aber ich mußte ihn entweder mitnehmen oder den Besuch ganz unterlassen, denn ich lasse ihn nie allein, — und werde Sie bitten müssen, Mrs. Markham, mich bei den Milwards und Mrs. Wilson zu entschuldigen, wenn Sie sie wieder sehen, da ich fürchte, mir das Vergnügen, sie zu besuchen, versagen zu müssen, bis mein kleiner Arthur im Stande sein wird, mich zu begleiten.«
»Aber Sie haben eine Dienerin,« sagte Rosa, »könnten Sie ihn nicht bei der lassen.«
»Sie hat ihre eignen Geschäfte zu besorgen und ist überdies zu alt, um einem Kinde nachzulaufen, und Er zu lebhaft, um sich immer bei einem ältlichen Frauenzimmer aufzuhalten.«
»Aber Sie ließen ihn doch zu Hause, um in die Kirche zu gehen?«
»Ja, einmal, aber ich würde dies auch unter keinen andern Umständen gethan haben und denke, daß ich es in Zukunft so einrichten muß, daß ich ihn mitbringe oder selbst zu Hause bleibe.«
»Ist er denn so bösartig?« fragte meine Mutter ungemein entsetzt.
»Nein,« entgegnete die Dame mit trübem Lächeln und streichelte das lockige Haar ihres Sohnes, der ihr zu Füßen auf einem niedrigen Schemel saß, »aber er ist mein einziger Schatz, und ich sein einziger Freund, so daß wir uns nicht gern von einander trennen.«
»Aber, mein liebes Kind, das nenne ich Verzärteln,« sagte meine freimüthige Mutter, »Sie sollten sich bemühen, diese thörichte Zärtlichkeit zu unterdrücken, um sowohl Ihren Sohn vor Ruin, als sich selbst vor dem Auslachen zu retten.«
»Ruin, Mrs. Markham.«
»Ja, Sie verziehen dadurch das Kind; — selbst in seinem Alter sollte er nicht immer an dem Schürzenbande seiner Mutter hängen, er sollte lernen, sich dessen zu schämen.«
»Mrs. Markham, ich bitte Sie, dergleichen Dinge wenigstens in seiner Gegenwart nicht zu sagen. Ich hoffe, daß sich mein Sohn nie der Liebe zu seiner Mutter schämen wird,« sagte Mrs. Graham mit einer Energie, die die Gesellschaft in Erstaunen setzte.
Meine Mutter versuchte sie durch eine Erklärung zu beschwichtigen, sie schien aber zu denken, daß bereits genug über den Gegenstand gesprochen worden sei, und lenkte das Gespräch kurz auf etwas Anderes.
»Gerade wie ich dachte,« sagte ich zu mir, »das Gemüth der Dame ist keines von den mildesten, trotz ihres lieblichen, blassen Gesichts und der hohen Stirn, auf die Nachdenken und Leiden ihren Stempel gedrückt zu haben scheinen.
Ich war die ganze Zeit über an einem Tische auf der andern Seite des Zimmers, anscheinend in das Lesen einer Nummer der Ackerbauzeitung versenkt, die ich bei der Ankunft unserer Besucherin zufällig vor mir hatte sitzen geblieben, hatte mich, als sie hereintrat, da ich nicht übermäßig höflich sein wollte, blos vorbeugt und meine frühere Beschäftigung fortgesetzt.
Nach einer Weile bemerkte ich jedoch, daß sich mir Jemand mit leichten, aber langsamen und zagenden Schritten nähere. Es war der kleine Arthur, der von meinem, zu meinen Füßen liegenden Hunde, Sancho, unwiderstehlich angezogen wurde.
Als ich aufblickte, sah ich ihn etwa zwei Schritte von mir stehen und mit seinen hellen, blauen Augen sehnsüchtig nach dem Hunde schauen, aber an seine Stelle geheftet, nicht etwa aus Furcht vor dem Thiere, sondern aus schüchterner Abneigung, sich seinem Herrn zu nähern.
Einige Aufmunterung von meiner Seite bewog ihn indeß, heranzukommen; er war zwar scheu, aber nicht mürrisch. In einer Minute kniete er auf dem Teppich und hatte seine Arme um Sancho’s Hals geschlungen und ein paar Minuten später saß der kleine Bursche auf meinem Knie und betrachtete begierig die verschiedenen Abbildungen von Pferden, Rindern, Schweinen und Musterhäusern,die sich in dem Hefte vor mir befanden.
Ich blickte von Zeit zu Zeit nach seiner Mutter hin, um zu sehen, wie ihr die neue Freundschaft gefalle, und bemerkte an dem unruhigere Ausdruck ihres Auges, daß ihr die Lage in welcher sich das Kind befand, aus dem einen oder andern Grunde unbehaglich war.
»Arthur,« sagte sie endlich, komm her, »Du störst Mr. Markham, er will lesen.«
»Nicht im Geringsten, Mrs. Graham, ich bitte, lassen Sie ihn bleiben. Ich unterhalte mich eben so gut, als er,« wendete ich ein. Dessenungeachtet rief sie ihn aber mit Hand und Auge schweigend an ihre Seite.
»Nein, Mama,« sagte das Kind, »laß mich erst die Bilder ansehen, dann will ich kommen und Dir erzählen, was es ist.«
»Wir werden am nächsten Montag, den 5. November, eine kleine Gesellschaft haben,« sagte meine Mutter, »und ich hoffe, daß Sie es nicht abschlagen werden, daran Theil zu nehmen, Mrs. Graham. Sie können ja Ihren Kleinen mitbringen, wir werden wohl im Stande sein, ihn zu unterhalten, und dann können Sie den Milwards und Wilsons Ihre Entschuldigung selbst machen, sie werden hoffentlich Alle hier sein.«
»Ich danke Ihnen, ich gehe nie zu Gesellschaften.«
»O, das wird nur eine Familiengeschichte sein — wir gehen zeitig zu Bett und Niemand ist da außer uns, die Milwards und Wilsons, von denen Sie die Meisten bereits kennen, und Mr. Lawrence, Ihr Gutsherr, den Sie doch kennen lernen sollten.«
»Ich kenne ihn bereits ein wenig, aber Sie müssen mich für diesmal entschuldigen, denn die Abende sind jetzt schon dunkel und feucht und ich fürchte, daß Arthur zu zart ist, um sich ihnen ungestraft auszusetzen. Wir müssen den Genuß Ihrer Gastfreundschaft verschieben, bis die Tage wieder länger und die Nächte wärmer werden.«
Rosa brachte jetzt, auf einen Wink von meiner Mutter, eine Weinflasche mit Gläsern und Kuchen aus dem Schranke unter dem Eichenbuffet und präsentierte den Gästen die Erfrischungen. Sie genossen Beide etwas Kuchen, schlugen aber den Wein, trotz der gastfreien Versuche der Hausfrau, ihnen denselben aufzubringen, hartnäckig aus. Arthur besonders zog sich von dem rothen Nektar, wie entsetzt und von Ekel ergriffen, zurück und wollte weinen, als man in ihn drang, denselben zu nehmen.
»Es thut nichts, Arthur,« sagte seine Mutter. »Mrs. Markham denkt, daß es Dir gut thun wird, da Du von Deinem weiten Wege müde warst, aber sie wird Dich nicht zwingen, ihn zu trinken, es wird wohl auch so schon gehen. Er verabscheut schon den Anblick des Weines,« fügte sie hinzu, und der Geruch desselben macht ihn fast krank. Ich habe ihm, wenn er unwohl war, mitunter etwas Wein oder schwachen Cognac in Wasser als Medicin eingegeben, und in der That Alles was ich konnte, gethan, um ihn dazu zu bringen, denselben zu hassen.«
Alle, mit Ausnahme der jungen Witwe und ihres Sohnes, lachten.
»Nun, Mrs. Graham,« sagte meine Mutter, indem sie sich die Lachthränen aus den hellen, blauen Augen wischte, »nun, Sie setzen mich in Erstaunen. Ich hatte wirklich geglaubt, daß Sie mehr Verstand hätten — das arme Kind wird wirklich zu einem Ofenhocker werden, wenn Sie darauf bestehen.«
»Ich halte es für ein vortreffliches System,« unter brach sie Mrs. Graham mit unerschütterlichem Ernste. »Hierdurch hoffe ich ihn wenigstens von einem herabwürdigenden Laster zu retten — ich wollte, ich könnte die Reizungen zu jedem andern für ihn eben so unschädlich machen.«
»Dadurch,« sagte ich, »werden Sie ihn aber nie tugendhaft machen. Worin besteht die Tugend, Mrs. Graham? — Liegt sie darin, daß man fähig und bereit ist, der Versuchung zu widerstehen, oder darin, daß man keine Versuchungen hat, denen man widerstehen kann? Ist derjenige ein starker Mann, der große Hindernisse überwältigt und erstaunliche Thaten verrichtet, wenn auch durch große Körperanstrengung und auf Gefahr einiger späteren Müdigkeit, oder der, welcher den ganzen Tag auf seinem Stuhle sitzt und nichts Mühsameres zu thun hat, als das Feuer zu schüren und seine Nahrung zum Munde zu führen? — Wenn Sie wollen, daß Ihr Sohn ehrenvoll durch die Welt geht, so dürfen Sie nicht versuchen, ihm die Steine aus dem Wege zu räumen, sondern ihm lehren, fest darüber hinwegzugehen; nicht darauf bestehen, ihn an der Hand zu führen, sondern ihn allein dahinzuschreiten lernen lassen.«
»Ich werde ihn an der Hand führen, Mr. Markham, bis er Kraft hat, allein zu gehen, und so viele Steine, als ich kann, auf seinem Pfade räumen und ihm lehren, die übrigen zu vermeiden, oder, wie Sie sagen, fest darüber zu wandeln; denn wenn ich mein Aeußerstes in dieser Beziehung gethan habe, wird immer noch genug vorhanden sein, um alle Gelenkigkeit, Festigkeit und Umsicht, die er je besitzen wird, in Anspruch zu nehmen. — Es ist ganz gut, wenn man von edlem Widerstande und Prüfungen der Tugend spricht, aber zeigen Sie mir von fünfzig — oder fünfhundert Männern, die der Versuchung unterlegen sind, nur einen einzigen, der die Tugend behauptet, um zu widerstehen. Und warum sollte ich es für sicher halten, daß mein Sohn eine Ausnahme von Tausenden sein wird — und mich nicht lieber auf das Schlimmste vorbereiten und annehmen, daß er wie sein — wie die übrigen Menschen sein wird, wenn ich nicht Sorge trage, es zu verhindern?«
»Sie sprechen höchst schmeichelhaft für uns,« bemerkte ich
»Von Ihnen! das ich nicht wüßte; ich spreche von denjenigen, die ich kenne — und wenn ich sehe, wie das ganze Menschengeschlecht — mit wenigen seltenen Ausnahmen — auf dem Pfade des Lebens hinstolpert und schwankt, in jede Grube sinkt und sich die Schienbeine an jedem Hindernisse, welches auf seinem Wege liegt, zerstößt, soll ich da nicht alle Mittel in meiner Macht anwenden, um ihm einen ebeneren und sicheren Weg zu verschaffen?«
»Ja, aber das sicherste Mlttel dazu würde sein, ihn wo möglich gegen die Versuchung zu stärken, nicht aber sie aus seinem Wege zu räumen.«
»Ich will Beides thun, Mr Markham. — Gott weiß, daß er von Versuchungen, innern sowohl wie äußern, genug bestürmt werden wird, wenn ich auch Alles gethan habe, was ich kann, um das Laster für ihn so uneinladend zu machen, als es seinem eignen Wesen noch verabscheuenswerth ist. Ich selbst habe allerdings nur wenige Verlockungen zu dem, was die Welt Laster nennt, gehabt, aber doch Versuchungen und Prüfungen anderer Art erfahren, die bei vielen Anlässen mehr Wachsamkeit und Widerstandsfähigkeit erfordert haben, als ich bisher gegen sie aufzubieten im Stande gewesen bin, — und dies, glaube ich, werden die Meisten anerkennen, die an das Nachdenken gewöhnt sind und gegen ihre angeborene Verderbniß zu kämpfen wünschen.«
»Ja,« sagte meine Mutter, die nur halb verstand, worauf sie zielte, »Sie werden aber einen Knaben nach sich selbst beurtheilen wollen — und, meine liebe Mrs. Graham, lassen Sie sich bei Zeiten — noch vor dem Irrthume, — dem verderblichen Irrthume, wie ich ihn nennen kann, selbst die Erziehung des Knaben zu übernehmen, warnen. — Sie können sich, weil sie in einigen Dingen talentvoll und gut unterrichtet sind, für die Aufgabe gewachsen halten, sind es aber wirklich nicht, und glauben Sie mir, daß Sie, sobald Sie auf dem Versuche bestehen, es bitterlich bereuen werden, wenn das Unglück geschehen ist.«
»Ich werde ihn also wohl in die Schule schicken sollen, damit er die Autorität und Liebe seiner Mutter verachten lernt?« sagte die Dame mit etwas bitterem Lächeln.
»O nein; wenn Sie aber wollen, daß ein Knabe seine Mutter verachten soll, so muß sie ihn zu Hause behalten und ihr Leben damit zubringen, ihn zu verzärteln und seinen Thorheiten und Launen sklavisch zu; genügen.«
»Darin stimme ich Ihnen vollkommen bei Mrs. Markham; aber, von meinen Grundsätzen und meinem Verfahren kann nichts entfernter sein, als solche verbrecherische Schwäche.«
»Nun, Sie behandeln ihn aber wie ein Mädchen, Sie werden ihm den Muth rauben und eine Mamsell aus ihm machen — das werden Sie gewiß thun, Mrs. Graham, was Sie auch denken mögen. Ich muß aber nur Mr. Milward veranlassen, mit Ihnen darüber zu sprechen — er wird Ihnen die Folgen davon auseinandersetzen, er wird es Ihnen sonnenklar hinstellen und Ihnen sagen, was Sie thun sollen und so weiter — und ich zweifle nicht, daß er im Stande sein wird, Sie in einer Minute zu überzeugen.«
»Es ist unnöthig, den Vikar zu bemühen,« sagte Mrs. Graham mit einem Blicke auf mich, — ich werde sowohl über das unbegrenzte Vertrauen meiner guten Mutter zu dem alten Herrn gelächelt haben — »Mr. Markham hier hält seine Ueberzeugungsfähigkeit für der Mr. Milwards wenigstens gleich. Wenn ich nicht auf ihn höre, würde ich mich auch nicht überzeugen lassen, und wenn Jemand von den Todten auferstände, möchte er Ihnen sagen. — Nun, Mr. Markham, da Sie behaupten, daß ein Knabe nicht vor dem Bösen beschirmt, sondern hinausgeschickt werden soll, um dagegen allein und Beistandslos zu kämpfen, nicht gelehrt werden soll, die Fallstricke des Lebens zu vermeiden, sondern kühn in dieselben hin, oder über dieselben weg, wie es sich nun eben trifft, zu stürzen — die Gefahr eher aufzusuchen, als sie zu vermeiden und seine Tugend von der Versuchung zu nähren, —wollen Sie — «
»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie unterbreche« Mrs. Graham, aber Sie gehen zu weit. Ich habe noch nicht gesagt, daß man einem Knaben lehren solle, sich in die Fallstricke des Lebens zu stürzen oder selbst mit Willen die Lockung aufzusuchen, um seine Tugend durch die Ueberwindung derselben zu üben; ich sage nur, daß es besser ist, Ihren Helden zu bewaffnen und zu kräftigen, als den Feind zu entwaffnen und zu schwächen, und wenn Sie ein Eichbäumchen in einem Gewächshaus aufziehen, es Tag und Nacht sorgfältig pflegen und vor jedem Windhauche beschirmen wollten, so können Sie nicht er warten, daß es ein kräftiger Baum wird wie der, welcher draußen auf dem Bergabhange aller Einwirkung der Elemente ausgesetzt und selbst nicht vor der Macht des Sturmes geschützt, aufgewachsen ist.«