Kitabı oku: «Wildfell Hall», sayfa 6

Yazı tipi:

Achtes Kapitel.

Das Geschenk.

Sechs Wochen waren vorübergezogen. Es war ein herrlicher Morgen gegen das Ende des Juni. Der größte Theil des Heu’s war gehauen; die letzte Woche war jedoch sehr ungünstig für die Ernte gewesen und jetzt, wo das schöne Wetter sich endlich einstellte, hatte ich, entschlossen, dasselbe auf’s Beste zu benutzen, alle Arbeiter auf der Wiese versammelt und arbeitete mitten unter ihnen in Hemdsärmeln, mit einem leichten, schattigen Strohhute auf dem Kopfe, raffte Arme voll feuchten, dampfenden Grases auf, schüttelte es, an der Spitze einer ansehnlichen Reihe von Dienstboten und Miethlingen, in alle vier Winde und gedachte so vom Morgen bis zur Nacht, mit ebensoviel Eifer und Fleiß, als ich von irgend einem unter demselben er warten konnte, zu arbeiten, theils um die Arbeit durch meine Anstrengungen zu fördern, theils aber auch die Arbeiter durch mein Beispiel anzufeuern — als plötzlich alle meine guten Entschlüsse durch den einfachen Umstand vernichtet wurden, daß mein Bruder zu mir heranlief, und ein kleines, soeben von London angekommenes Packet, welches ich seit einiger Zeit erwartet hatte, in meine Hand drückte. Ich riß die Umhüllung ab und es erschien eine elegante Taschenausgabe von Walter Scotts »Marmion.«

»Ich kann mir denken, für wen das ist,« sagte Fergus, der dabei stand und zuschaute, während ich den Band vergnügt von allen Seiten ansah. »Das ist sicher für Miß Elise.«

Dieß sprach er mit so ungemein schlauem Ton und Blicke, daß es mich freute, ihm widersprechen zu können.

»Fehlgeschossen, mein Söhnchen,« sagte ich, hob meinen Rock auf, steckte das Buch in eine seiner Taschen und zog ihn sodann an. »Nun komm her, Du fauler Schlingel, und stifte einmal ausnahmsweise etwas Nützliches,« fuhr ich fort, — »ziehe Deinen Rock aus und vertritt meine Stelle auf dem Felde, bis ich zurückkomme.«

»Bis Du zurückkommst? — und wohin gehst Du, wenn man fragen darf?«

»Das Wohin geht Dich gar nichts an — das wenn ist Alles, worum Du Dich zu kümmern hast; — und ich werde spätestens bis zum Essen wieder da sein.«

»Oho! und ich soll also bis dahin arbeiten, nicht wahr? — und alle diese Burschen überdieß noch streng daran halten? — Nun, nun, einmal mag es noch so hin gehen. — Kommt, ihr Lenke, ihr müßt Euch daran halten; ich werde Euch jetzt helfen, und wehe dem Manne — oder Frauenzimmer — der einen Augenblick inne hält, sei es nur um sich umzusehen, sich im Kopfe zu kratzen, oder sich die Nase zu schneuzen — ich lasse keine Vorwände gelten — nichts als arbeiten, arbeiten, arbeiten, im Schweiße Eures Angesichts — u. s. w., u. s. w.«

Ich ließ ihn also die Leute harrenguiren, eher zu ihrer Belustigung, als ihrer Erbauung, kehrte nach Hause zurück, und eilte, nachdem ich meine Toilette ein wenig geändert, mit dem Buche in der Tasche nach Wilder Hall, denn es war für Mrs. Grahams Bücherschrank bestimmt.

»Wie, vertrugt Ihr Euch schon so gut, daß es bis zum Geben und Empfangen von Geschenken zwischen Euch gekommen war?« — Noch nicht gerade so weit, alter Bursche; dies war mein erstes Experiment in dieser Beziehung und ich war äußerst begierig, das Resultat desselben zu sehen.

Wir waren seit dem Ausflug nach Bai mehrere Male zusammengetroffen, und ich hatte sie meiner Gesellschaft nicht abgeneigt gefunden, vorausgesetzt, daß ich meine Unterhaltung auf die Besprechung abstracter Gegenstände, oder solcher von allgemeinem Interesse beschränkte; — im Augenblicke, wo ich das Sentimentale oder Komplimentarische berührte, oder mich in Wort oder Blick dem Zärtlichen näherte, wurde ich nicht nur durch eine augenblickliche Veränderung ihres Wesens für die gegenwärtige Zeit bestraft, sondern auch verurtheilt, sie das nächste Mal, wo ich ihre Gesellschaft aufsuchte, kälter und fremder, wo nicht gar unzugänglich zu finden. Dieser Umstand setzte mich jedoch nicht sehr in Verlegenheit, da ich ihn nicht sowohl einer Abneigung gegen meine Person, als vielmehr einem vor unserer Bekanntschaft, entweder aus übermäßiger Liebe zu ihrem verstorbenen Gatten, oder weil sie von ihm und der Ehe genug gehabt hatte, gegen eine zweite Heirath gefaßten Entschlusse zuschrieb Anfänglich hatte es allerdings geschienen, als fände sie Vergnügen daran, meine Eitelkeit zu kränken und meinen Vorwitz zu ersticken — sie hatte erbarmungslos eine Knospe nach der andern, wie sie sich zeigten, abgerissen und, damals war ich, wie ich gestehen Muß, tief Verwundet, wiewohl zu gleicher Zeit auch zur Rache gereizt worden — als sie aber später unbezweifelt wahrnahm, daß ich nicht der hohlköpfige Geck sei, für den sie mich anfänglich gehalten, hatte sie meine bescheidenen Approchen auf ganz andre Art zurückgewiesen. Es war eine Art von ernsthaftem, fast kummervollem Unwillen, den ich zu erwecken bald sorgfältig vermeiden lernte.

Erst will ich meine Stellung als Freund festsetzen, dachte ich — als Schutzherr und Spielkamerad ihres Sohnes und nüchterner, fester, gerade gehender Freund ihrer selbst und dann, wenn ich mich ihrer Behaglichkeit und ihrem Genusse des Lebens (wie ich zu können glaube) noth wendig gemacht habe, wollen wir sehen, was sich weiter thun läßt.

Wir sprachen also von Malerei, Dichtkunst und Musik, Theologie, Geologie und Philosophie, ein paar Mal lieh ich ihr Bücher und einmal lieh sie mir dafür wieder eins, ich traf auf ihren Spaziergängen mit ihr zusammen und kam, so oft ich es wagte, in ihr Haus. Mein erster Vorwand zum Eindringen in das Heiligthum war der Arthur ein kleines, watschelndes Hündchen zu bringen, dessen Vater Sancho war, und welches das Kind über alle Maaßen entzückte und daher auch nicht ermangeln konnte, seiner Mama zu gefallen; mein zweiter war, ihm ein Buch zu dringen, welches ich, da ich die eigenthümlichen Ansichten seiner Mutter kannte, sorgfältig gewählt hatte und ihr zur Billigung vorlegte, ehe ich es ihm gab; dann brachte ich ihr im Namen meiner Schwester einige Pflanzen für ihren Garten, nachdem ich Rosa vorher überredet, dieselben zu schicken. Jedesmal erkundigte ich mich dabei nach dem Gemälde, welches sie nach der auf der Klippe gezeichneten Skizze malte, und wurde in das Atelier geführt und über meine Ansicht oder meinen Rath über dasselbe befragt.

Bei meinem letzten Besuche hatte ich ihr das mir von ihr geliehene Buch zurückgegeben und hierbei hatte sie, in einer zufälligen Besprechung der dichterischen Werke Sie Walter Scotts, den Wunsch zu erkennen gegeben, Marmion zu sehen und ich die vorwitzige Idee gefaßt, ihr dasselbe zu schenken und augenblicklich nach meiner Heim kehr das hübsche, kleine Buch, welches ich an diesem Morgen empfangen, bestellt. Es war aber immer noch ein Vorwand zum Eindringen in die Einsiedelei nöthig; ich versah mich also mit einem blauen Maroquin-Halsbande für Arthurs kleinen Hund, und nachdem dieses übergeben und vom Empfänger mit bei weitem größerer Freude und Dankbarkeit angenommen worden war, als der Werth der Gabe, oder das egoistische Motiv des Gebers verdiente, erlaubte ich mir, Mrs. Graham zu bitten, das Gemälde noch einmal ansehen zu dürfen, wenn es sich noch da befinde.

»Ja wohl, kommen Sie herein,« sagte sie, denn ich, hatte sie im Garten getroffen, »es ist fertig und eingerahmt und zum Fortschicken bereit. Theilen Sie mir aber Ihre letzte Ansicht darüber mit und wenn Sie noch eine Verbesserung daran vorschlagen können, so soll sie — wenigstens gehörig in Betracht gezogen werden.«

Das Bild war auffallend schön; es war die Landschaft selbst, wie durch Zauberei auf die Leinwand übergetragen. Ich drückte jedoch meinen Beifall in gemäßigten und kurzen Worten aus, um ihr nicht zu mißfallen. Sie beobachtete jedoch mein Gesicht aufmerksam, und ihr Künstlerstolz fühlte sich ohne Zweifel geschmeichelt, meine innige Bewunderung in meinen Augen zu lesen; während ich aber darauf hinschaute, dachte ich jedoch an das Buch und überlegte mir, wie ich es überreichen solle. Der Muth sank mit, ich beschloß jedoch, nicht so thöricht zu sein, fortzugehen, ohne wenigstens den Versuch gemacht zu haben. Es war nutzlos, auf eine Gelegenheit dafür zu warten und eben so nutzlos zu versuchen, dafür eine Rede zusammenzubauen, je einfacher und natürlicher es geschähe, dachte ich, desto besser. Ich blickte also zum Fenster hinaus, um meinen Muth auf die rechte Höhe zu schrauben, zog das Buch heraus, wendete mich um, und legte es ihr mit der folgen den kurzen Erklärung in die Hand:

»Sie wünschen Marmion zu sehen, Mrs. Graham, e und hier ist es, wenn Sie so gütig sein wollen, es anzunehmen.«

Eine momentane Nöthe überzog ihr Gesicht — viel leicht ein Erröthen sympathetischer Scham über eine so ungeschickte Art der Ueberreichung; sie besichtigte ernsthaft beide Seiten des Buches, wendete dann schweigend einige Blätter um, runzelte während dessen nachdenkend die Augenbrauen, schloß dann das Buch, wendete sich zu Mir, und fragte mich ruhig nach dem Preise desselben. — Ich fühlte das heiße Blut in mein Gesicht strömen.

»Es thue mir leid, wenn ich Sie kränken sollte, Mr. Markham,« sagte sie; »ich kann aber das Buch nicht an nehmen, ohne es zu bezahlen.«

Und sie legte es auf den Tisch.

»Warum können Sie das nicht?«

»Weil —« sie hielt inne und blickte auf den Teppich.

»Warum können Sie das nicht?« wiederholte ich mit einer so gereizten Stimme, daß sie ihre Augen erhob und mir fest ins Gesicht blickte.

»Weil ich mir nicht Verbindlichkeiten auferlegen lassen will, die ich nie wieder vergelten kann: ich bin Ihnen bereits für Ihre Güte gegen meinen Sohn verbunden, dafür aber müssen Sie seine dankbare Liebe und Ihre eignen Gefühle belohnen.«

»Unsinn!« platzte ich heraus.

Sie heftete wieder ihre Augen mit einem Blicke ruhigen, ernsten Erstaunens auf mich, welcher die Wirkung eines Tadels hatte, mochte er nun dazu bestimmt sein oder nicht.

»Sie wollen also das Buch nicht nehmen?« fragte ich milder, als ich noch gesprochen hatte.

»Ich will es gern annehmen, wenn sie mich dafür bezahlen lassen.«

Ich sagte ihr den genauen Preis und die Transport kosten dafür mit dem ruhigsten Tone, welchen ich aufbieten konnte, — denn ich war in der That nahe daran, vor getäuschter Erwartung und Aerger zu weinen.

Sie zog ihren Beutel heraus und zählte kaltblütig das Geld ab, nahm aber Anstand, es mir in die Hand zu geben. Sie betrachtete mich aufmerksam und bemerkte mit weichem, besänftigenden Tone:

»Sie halten sich für beleidigt, Mr. Markham — ich wollte, daß ich Ihnen begreiflich machen könnte, daß — daß ich —«

»Ich verstehe Sie vollkommen,« sagte ich, »Sie denken, daß ich, wenn Sie jetzt die Kleinigkeit von mir annehmen, mir später in Bezug darauf Zudringlichkeiten gegen Sie erlauben könnte, aber Sie irren sich. Glauben Sie mir’s, daß ich, wenn Sie, mich nur durch die Annahme derselben verbinden wollen, keine Hoffnungen darauf baue und dies nicht als Beispiel für künftige Begünstigungen betrachten werde — und es ist ein Unsinn, davon zu sprechen, daß Sie sich gegen mich Verbindlichkeiten auf laden, während Sie wissen müssen, daß in diesem Falle die Verbindlichkeit ganz auf meiner Seite — die Gunst auf der Ihren liegt.«

»Nun wohl, so nehme ich Sie beim Worte,« entgegnete sie mit dem engelhaftesten Lächeln, indem sie das verhaßte Geld wieder in ihre Börse gleiten ließ. »Aber, bedenken Sie,« —

»Ich will bedenken — was ich gesagt habe — bestrafen Sie aber meine Voreiligkeit nicht dadurch, daß Sie mir Ihre Freundschaft gänzlich entziehen und erwarten Sie nicht, daß ich dafür büßen werde, daß ich mich — fremder gegen Sie benehme,« sagte ich, die Hand ausstreckend, um Abschied zu nehmen, denn ich war zu sehr aufgeregt, um bleiben zu können.

»Nun wohl, so wollen wir bleiben, wir wir gewesen sind,« antwortete sie, bereitwillig ihre Hand in die meine legend, und während ich sie darin hielt, kam es mir äußerst schwer an, sie nicht an meine Lippen zu drücken — aber das wäre selbstmörderische Tollheit gewesen; ich war bereits kühn genug gewesen, und diese voreilige Gabe hätte beinahe schon den Todesstreich gegen alle meine Hoffnungen geführt.

Mit aufgeregtem, brennenden Herzen und Gehirn eilte ich heimwärts, ohne auf die glühende Mittagssonne zu achten — Alles außer ihr, die ich eben verlassen, vergessend — nichts bereuend, als ihre Undurchdringlichkeit und meine eigne Voreiligkeit und Taktlosigkeit — nichts fürchtend, als ihren verhaßten Entschluß und meine Unfähigkeit, denselben zu besiegen — nichts hoffend — aber halt — ich will Sie nicht mit dem Kampfe meiner Hoffnungen und Befürchtungen — meiner ernsthaften Gedanken und Beschlüsse langweilen.

Neuntes Kapitel.

Eine Schlange im Grase.

Obgleich meine Liebe jetzt gänzlich von Elise Milward abgezogen war, stellte ich meine Besuche im Pfarrhause doch noch nicht ganz ein, weil ich sie, so zu sagen, allmählig fahren lassen wollte, ohne viel Kummer zu erregen oder mich vieler Rachsucht auszusetzen — oder mich zum Gegenstande des Gespräches im Kirchspiel zu machen und weil übrigens, wenn ich ganz ausgeblieben wäre, der Vikar, welcher glaubte, daß meine Besuche hauptsächlich, wo nicht gänzlich ihm galten, sich durch die Vernachlässigung entschieden beleidigt gefühlt haben würde. Als ich aber am Tage nach meinem Gespräch mit Mrs. Graham dort einen Besuch machte, war er zufällig nicht zu Hause — ein Umstand, der mir jetzt keineswegs mehr so angenehm war, als früher. Allerdings befand sich Miß Milward zu Hause, sie galt aber natürlich wenig mehr, als gar nichts; ich entschloß mich jedoch, meinen Besuch kurz zu machen und mit Elisen auf brüderliche, freundschaftliche Art zu sprechen, wie sie durch unsre lange Bekanntschaft gerecht fertigt wurde und die meiner Ansicht nach weder kränken, noch zu falschen Hoffnungen aufmuntern konnte.

Ich war nie gewohnt gewesen, mit ihr oder sonst Jemandem von Mrs Graham zu sprechen, ich saß aber noch keine drei Minuten da, ehe sie die Dame selbst auf etwas auffallende Weise aufs Tapet brachte.

»O, Mr. Markham,« sagte sie mit entsetztem Ausdruck und fast flüsternder Stimme — »was halten Sie von den entsetzlichen Gerüchten über Mrs. Graham? — Können Sie uns veranlassen, ihnen den Glauben zu versagen?« —

»Welche Gerüchte?«

»Ach, Sie wissen es gewiß!« sie lächelte schlau und schüttelte den Kopf

»Ich weiß nichts davon; was in aller Welt meinen Sie, Elise?«

»Ach, fragen Sie mich nicht, ich kann es Ihnen nicht erklären!«

Sie nahm das Batisttaschentuch, welches sie mit einer breiten Spitzkante zu verschönern angefangen hatte, und that äußerst beschäftigt.

»Was gibt es, Miß Milward? was meinen Sie?v sagte ich, mich an ihre Schwester wendend, die vom Säumen eines großen, groben Hemdes ganz in Anspruch genommen zu werden schien.

»Ich Weiß es nicht,« antwortete sie — »wahrscheinlich eine müßige Verleumdung, die Jemand erfunden hat; ich habe selbst nicht eher davon gehört, als neulich, wo mir Elise davon vor schwatzte — wenn mir aber auch das ganze Kirchspiel in den Ohren lüge, so würde ich kein Wort davon glauben — ich kenne Mrs. Graham zu gut.«

»Ganz recht, Miß Milward! — so geht es auch mir — was es auch immer sein mag.«

»Nun,« bemerkte Elise mit einem sanften Seufzen, »es ist gut, eine so tröstliche Sicherheit über den Werth derjenigen, welche wir lieben, zu besitzen, — ich wünsche nur, daß Sie Ihr Vertrauen nicht am Ende doch noch übel angebracht finden.«

Und sie erhob ihr Gesicht und richtete einen solchen Blick bekümmerter Zärtlichkeit auf mich, daß mein Herz wohl davon hätte gerührt werden können. In diesen Augen lauerte aber etwas, das mir nicht gefiel, und ich wunderte mich, wie ich sie je hatte bewundern können, das ehrliche Gesicht und die kleinen grauen Aeuglein ihrer Schwester erschienen mir bei weitem angenehmer — aber ich war in diesem Augenblicke auf Elisen wegen ihrer Infinuationen gegen Mrs. Graham — was sie auch sein mochten — böse; denn diese mußten erlogen sein.

Ich sagte damals jedoch nichts weiter über den Gegenstand und nur wenig über einen andern; denn da ich fand, daß ich meinen Gleichmuth nicht wohl wiedererlangen konnte, stand ich bald nachher auf, und nahm unter dem Vorwande von Geschäften auf dem Gute, Abschied — und nach dem Gute begab ich mich, ohne mich im mindesten über die mögliche Wahrheit dieser geheimnißvollen Gerüchte zu beunruhigen, sondern nur verlangend, zu wissen, worin sie bestanden, von wem sie ausgingen und auf welchen Gründen sie beruhten — und wie sie am besten zum Schweigen gebracht, oder als falsch erwiesen werden könnten.

Wenige Tage nachher hatten wir wieder eine von den prunklosen, kleinen Gesellschaften, zu denen die gewöhnlichen Freunde und Nachbarn eingeladen wurden, und unter ihnen befand sich auch diesmal Mrs. Graham. Sie konnte sich jetzt nicht mehr unter dem Vorwande finsterer Abende oder unfreundlichen Wetters zurückziehen, und erschien zu meinem großen Troste auch wirklich. Ohne sie würde mir die ganze Sache unerträglich langweilig gewesen sein; mit dem Augenblicke ihrer Ankunft kam ein neues Leben in das Haus, und obgleich ich die übrigen Gäste unsertwillen nicht vernachlässigen, noch einen zu großen Theil ihrer Unterhaltung für mich in Anspruch nehmen durfte, so erwartete ich doch einen ungewöhnlich angenehmen Abend.

Mr. Lawrence kam ebenfalls; er langte erst einige Zeit, nachdem die Uebrigen versammelt waren, an. Ich war neugierig, wie er sich gegen Mrs. Graham benehmen würde. Eine leichte Verbeugung war Alles, was bei seinem Eintritt zwischen ihnen gewechselt wurde, und nachdem er die übrigen Mitglieder der Gesellschaft höflich gegrüßt, setzte er sich fern von der jungen Witwe zwischen meine Mutter und Rosa.

»Haben Sie wohl je solche Schlauheit gesehen,« flüsterte Elise, die meine Nachbarin war, »sollten Sie nicht sagen, daß sie einander vollkommen fremd wären?«

»Fast so — aber was wollen Sie damit sagen?« —

»Was ich damit sagen will? — Sie können doch nicht thun, als ob Sie unwissend darüber wären?« —

»Unwissend, über was?« fragte ich so scharf, daß sie zusammenschrak und antwortete: »O still und sprechen Sie nicht so laut!«

»Nun, so sagen Sie mir es denn,« sagte ich mit leiserer Stimme, »was meinen Sie? ich hasse die Räthsel.«

»Nun, Sie wissen, ich kann mich für die Wahrheit nicht verbürgen — in der That, weit davon entfernt, — haben Sie aber nicht gehört?« —

»Ich habe nichts gehört, außer von Ihnen.« —

»Dann müssen Sie absichtlich taub sein, denn jedermann kann Ihnen sagen, daß — aber ich sehe, daß ich Sie nur erzürne, indem ich die Sache wiederhole, und will daher lieber den Mund halten.«

Sie schloß die Lippen und faltete die Hände, mit der Miene gekränkter Unschuld, vor sich.

»Wenn Sie mich nicht zu erzürnen wünschen, so hätten Sie gleich von Anfang an den Mund halten, oder Alles, was Sie zu sagen hatten, deutlich und ehrlich aus sprechen sollen.«

Sie wendete sich ab, zog ihr Taschentuch heraus, stand auf und ging an das Fenster, wo sie, offenbar in Thränen zerfließend, eine Zeitlang stehen blieb. Ich war erstaunt, ärgerlich, beschämt — nicht so wohl über meine Härte, als über ihre kindische Schwachheit; sie schien jedoch von Keinem beachtet zu werden, und kurz nachher wurden wir zum Theetisch berufen, da es in unserer Gegend gebräuchlich war, sich zum Thee um den Tisch zu versammeln und das Teetrinken als eine Mahlzeit zu betrachten; denn wir aßen zeitig zu Mittag.

Als ich Meinen Stuhl nahm, fand ich auf der einen Seite Rosa und auf der andern einen leeren Platz.

»Darf ich mich neben Sie setzen«i fragte eine sanfte Stimme hinter mir.

»Wenn Sie wollen,« war die Antwort, und Elise schlüpfte auf den leeren Stuhl, blickte dann mit halb trübem, halb schelmischem Lächeln in mein Gesicht auf und sage:

»Sie sind so streng, Gilbert.«

Ich reichte ihr den Thee mit etwas verächtlichem Lächeln hin, und sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen.

»Womit habe ich Sie beleidigt?« sagte sie klagender, »ich wollte, ich wüßte es.«

»Da, trinken Sie Ihren Thee, Elise, und seien Sie keine Thörin,« antwortete ich, indem ich ihr den Zucker und Rahm hinhielt.

In diesem Augenblicke entstand auf meiner andern Seite einige Bewegung, welche dadurch veranlaßt wurde, daß Miß Wilson kam und Rosa einen Stuhltausch antrug.

»Wollen Sie so gut sein, mit mir den Platz zu vertauschen, Miß Markham,« sagte sie, »denn ich möchte nicht gern neben Mrs. Graham sitzen; wenn Ihre Mama es für pressend hält, solche Personen in ihr Haus zu laden, so kann sie auch nichts dagegen einzuwenden haben, wenn ihre Tochter denselben Gesellschaft leistet.«

Den letzten Satz fügte sie in einer Art von Selbstgespräch hinzu, nachdem Rosa fort war, ich war jedoch nicht höflich genug, ihn so durchschlüpfen zulassen.

»Wollen Sie so gut, sein, mir zu sagen, was Sie damit meinen, Miß Wilson?« fragte ich.

Sie erschrack etwas über die Frage, aber nicht bedeutend.

»Ei, Mr. Markham,« antwortete sie kaltblütig, nach dem sie schnell ihre Fassung wieder erlangt hatte, »ich bin sehr erstaunt, daß Mrs. Markham eine Person, wie Mrs. Graham, in ihr Haus ladet; vielleicht weiß sie aber nicht, daß man ihren Ruf nicht für den besten hält.«

»Sie weiß es nicht, ebensowenig wie ich, und Sie würden mich daher verbinden, wenn Sie sich etwas deutlicher erklärten.«

»Das ist kaum eine Zeit, oder ein Ort, wie sie sich für dergleichen Erklärungen eignen; ich glaube aber nicht, daß Sie so unwissend sind, wie Sie vorgeben, Sie müssen sie eben so gut kennen, wie ich.«

»Ich denke, das thue ich, und vielleicht auch noch etwas besser, und wenn Sie mir daher mittheilen wollen, was Sie gegen die Dame gehört haben, oder sich über, sie vorstellen, so werde ich vielleicht im Stande sein, Sie zu berichtigen.«

»Nun, können Sie mir etwa sagen, wer ihr Gatte gewesen ist, oder ob sie je einen gehabt hat?« —

Die Indignation schloß mir den Mund — ich konnte mir zu einer solchen Zeit und an einem solchen Orte, kaum eine Antwort, wie sie es verdiente, erlauben.

»Haben Sie,« fragte Elise, »nie die auffallende Aehnlichkeit bemerkt, welche zwischen ihrem Kinde und —«

»Und wem? herrscht,« fragte Miß Wilson mit kalter, aber schneidender Strenge.

Elise erschrack, die schüchtern gesprochene Muthmaßung war für mein Ohr allein bestimmt gewesen.

»O, ich bitte um Entschuldigung,« sagte sie, »ich kann mich irren — vielleicht habe ich mich geirrt.« —

Aber sie begleitete die Worte mit einem schlauen, spöttischen Blick aus dem Winkel ihres unaufrichtigen Auges.

»Es ist unnöthig; mich um Verzeihung zu bitten,« antwortete ihre Freundin, »aber ich sehe hier Keinem der dem Kinde ähnlich wäre, außer seiner Mutter, und wenn Sie böswillige Gerüchte hören, Miß Elise« so werde ich Ihnen dankbar sein — das heißt, ich denke, Sie werden wohl thun, dieselben nicht weiter zu tragen; ich vermuthe, daß die Person, worauf Sie sich beziehen, Mr. Lawrence ist, aber ich glaube, Ihnen versichern zu können, daß Ihr Verdacht, (wenigstens in dieser Beziehung) jeder Begründung entbehrt, und wenn er überhaupt mit der Dame in besonderer Verbindung steht ( was zu behaupten Niemand ein Recht hat), so besitzt er wenigstens ( was mehr ist, als man von gewissen Leuten sagen kann) Anstandsgefühl genug, um in Gegenwart respektabler Personen seine Bekanntschaft durch nichts, als eine Verbeugung kundzugeben — er war offenbar erstaunt und ärgerlich, sie hier zu finden.«

»Nur immer zu,« rief Fergus, der auf der andern Seite Elisens saß, und das einzige Individuum war, welches sich außer uns auf dieser Seite des Tisches befand, »nur immer zu, und hütet Euch, einen Stein auf dem andern zu lassen!«

Miß Wilson richtete sich mit einem Blicke eisiger Verachtung in die Höhe, sagte aber nichts; Elise wollte antworten, ich that ihr aber Einhalt, indem ich so ruhig, als möglich, wenn auch in einem Tone, der ohne Zweifel etwas von dem verrieth, was in meinem Innern vorging, sagte:

»Wir haben von diesem Gegenstande genug gesagt, wenn wir nur sprechen können, um bess’re Menschen, wie wir, zu verleumden, so wollen wir lieber den Mund halten.«

»Das wird wohl das Beste sein,« bemerkte Fergus, »und so denkt auch unser guter Pastor, der die Gesellschaft die ganze Zeit über auf das Glänzendste unterhalten und Euch von Zeit zu Zeit mit Blicken strengen Unwillens betrachtet hat, während Ihr dasaßet und unehrerbietig zusammen flüstertet und murmelten und einmal hielt er so gar mitten in einer Erzählung oder Predigt — was es war, weiß ich nicht recht, inne, als wollte et sagen: »Wenn Mr. Markham aufgehört haben wird, mit diesen Damen zu liebeln, so will ich weiter sprechen.«

Ich kann mich weder erinnern, was weiter am Theetische gesprochen wurde, noch wie ich Geduld fand, so lange sitzen zu bleiben, bis das Mahl vorüber war; ich entsinne mich jedoch, nur mit Mühe den Thee, welcher sich noch in meiner Tasse befand, hinuntergeschluckt und nichts gegessen zu haben, und daß ich erst Arthur Graham anstarrte, der auf der andern Seite des Tisches neben seiner Mutter saß, und den Mr. Lawrence, der seinen Stuhl am unteren Ende hatte; nur anfänglich fiel es mir auf, daß wirklich eine Aehnlichkeit vorhanden sei, dann aber bei weiterer Betrachtung schloß ich, daß diese nur in der Einbildung liege. Beide besaßen allerdings zartere Züge und kleinere Knochen, als sie gewöhnlich Individuen vom rauheren Geschlechte zu Theil werden, und Lawrence’s Teint war blaß und hell und der Arthurs äußerst zart und weiße aber Arthurs kleine, etwas aufgestülpte Nase konnte nie so lang und gerade werden, als die Mr. Lawrence’s, und der Umriß seines Gesichtes konnte, obgleich er nicht voll genug war, um rund und nach dem kleinen Grübchenkinn zu hübsch convergirte, um viereckig zu sein, nie zu dem langen Oval Jenes auseinander gezogen werden, während das Haar des Kindes offenbar eine hellere, wärmere Färbung besaß, als das des Mannes je gehabt, und seine großen, hellen, blauen Augen, wenn auch zuweilen vorzeitig ernsthaft, den scheuen, haselbraunen Augen Mr. Lawrence’s, aus denen die schüchterne Seele so mißtrauisch hervorlugte, daß sie immer bereit war, sich vor den Eingriffen einer zu rauhen, zu unfreundlichen Welt ins Innere zurückzuziehen, ganz und gar unähnlich waren. Wie konnte ich Elender diesen verabscheuungswürdigen Ideen auch nur einen Augenblick Raum geben? Kannte ich nicht Mrs. Graham? hatte ich sie nicht gesehen, mit ihr zu wiederholten Malen gesprochen? war ich nicht sicher, daß sie an Verstand, Reinheit und Hochsinn ihren Verläumdern unermeßlich überlegen war:, daß sie in der That die Edelste, die Anbetungswürdigste ihres Geschlechtes, welche ich je gesehen, oder mir selbst vorgestellt, sei? Ja, und ich wollte mit Mary Milward (welch ein verständiges Mädchen sie war) sagen, daß, wenn auch das ganze Kirchspiel, ja die ganze Welt diese entsetzlichen Lügen in meine Ohren schreien sollte, ich sie doch nicht glauben würde, denn ich kannte sie besser, als Jene. Unterdessen glühte mein Kopf von Indignation und mein Herz schien von kämpfenden Leidenschaften aus seinem Kerker gedrängt werden zu wollen. Ich betrachtete meine beiden schönen Nachbarinnen mit einem Gefühle von Abscheu und Ekel, das ich mich, kaum zu verbergen bemühte; ich wurde von verschiedenen Seiten her über meine Zerstreutheit, und ungalante Vernachlässigung der Damen geneckt, aber daraus machte ich mir wenig. Alles, worum ich mich außer dem Hauptgegenstand meiner Gedanken kümmerte, war, die Tassen zum Theebrette hinauf und nicht wieder herab kommen zu sehen. Ich dachte, Mr. Milward werde nie aufhören, uns zu sagen, daß er keinen Thee trinke, und daß es äußerst ungesund wäre, den Magen mit solchem Gemisch vollzufüllen, und dadurch gesündere Stoffe aus demselben fernzuhalten — um ihm selbst dadurch Zeit zum Trinken seiner vierten Tasse zu geben.

Endlich war es vorüber und ich stand auf und verließ, ohne ein entschuldigendes Wort, den Tisch und die Gäste — ich konnte ihre Gesellschaft nicht länger ertragen. — Ich stürzte hinaus, um mein Gehirn in der balsamischen Abendluft abzukühlen und mich zu fassen, oder meinen leidenschaftlichen Gedanken in der Einsamkeit des Gartens nachzuhängen.

Um nicht vom Fenster aus erblickt zu werden, ging ich eine stille, kleine Allee hinab, welche an der einen Seite des Gartens hinlief, und an deren Ende sich eine Rosen und Geisblattlaube fand. Hier setzte ich mich nieder, um über die Tugenden der Dame von Wildfell Hall und das Unrecht, welches sie erlitten, nachzudenken; ich war aber noch keine zwei Minuten so beschäftigt gewesen, als schon Stimmen und Gelächter und sich zwischen den Bäumen bewegende Gegenstände mir sagten, daß die ganze Gesellschaft herausgekommen sei, um ebenfalls die frische Luft im Garten zu genießen. Ich schmiegte mich jedoch in eine Ecke der Laube und hoffte vor Beobachtungen und unwillkommenem Eindrängen gleich sicher, Besitz davon zu behaupten, aber nein — zum Henker, es kam Jemand die Allee herab; warum konnten sie nicht die Blumen und den Sonnenschein offnen Gartens genießen und mir und den Mücken den sonnenlosen Winkel überlassen?

Als ich aber durch meinen duftigen Schirm von verschlungenen Zweigen blickte, um zu entdecken, wer die Hereingedrungenen seien (denn Stimmengemurmel theilte mir mir, daß es mehr als Einer wäre), verschwand mein Aerger augenblicklich und meine noch immer bewegte Seele wurde von ganz andern Gefühlen bestürmte denn es war Mrs. Graham, die mit Arthur an ihrer Seite langsam auf dem Gange herankam, und weiter Niemand. Warum waren sie allein? Hatte sich das Gift verleumderischer Zungen durch die ganze Gesellschaft verbreitet, und hatten sie ihr Alle den Rücken gewendet. Ich erinnerte mich nun, daß ich gesehen, wie Mrs. Wilson zu Anfange des Abends ihren Stuhl dicht an den meiner Mutter gerückt, und sich, offenbar um eine wichtige, vertrauliche Nachricht mitzutheilen, vorgebeugt, und nach dem unablässigen Nicken ihres Kopfes, den häufigen Verzerrungen ihres runzligen Gesichtes und dem boshaften Funkeln und Blinzeln ihrer kleinen, häßlichen Augen geschlossen, daß sie von einer hochgewürzten Verläumdung in Anspruch genommen werde, so wie nach der vorsichtigem geheimnißvollen Art derselben vermuthet, daß eine von den gegenwärtigen Personen der unglückliche Gegenstand ihrer Mittheilungen sei, und glaubte jetzt allen diesen Zeichen, so wie den entsetzten und ungläubigen Blicken und Geberden meiner Mutter entnommen, daß dieser Gegenstand Mrs. Graham gewesen sei. Ich trat aus meinem Versteck nicht eher, als bis sie fast an das Ende des Ganges gekommen war, um sie nicht durch meinen Anblick zu verscheuchen, und selbst so blieb sie, als ich heraustrat, stehen und schien geneigt zu sein, sich zurück zuwenden.

₺62,30

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
690 s.
ISBN:
9783985221462
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 1, 1 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre