Kitabı oku: «Stargeflüster», sayfa 2
Nate verschluckte sich an dem Schluck Sake, den er gerade aus einem der filigranen Schälchen schlürfte. „Meine Theaterzeit liegt schon einige Jahre zurück. Ich bin eher Filmschauspieler.“
Salomé war immer noch nicht zufrieden. „Und kenne ich einen Film, in dem du mitgespielt hast?“
Nate musterte sie und rieb sich sein Kinn. „Wie es scheint … nicht, Zaza.“

Nate blickte erstaunt in die erwartungsvollen hellblauen Augen Salomés. Er konnte es kaum glauben: Es schien, als würde sie ihn nicht kennen. Zunächst war er davon ausgegangen, das wäre für sie alles nur ein Spaß. Vor allem, weil sie immer wieder auf seinen bekannten Bruder Colin anspielte. Diese Fassade würde sich nicht so lange durchhalten lassen, wäre es nur ein Spiel. Davon war er zwischenzeitlich überzeugt.
Salomés Fragen waren ernsthaft interessiert, und sie schaute so unschuldig, dass es ihm in diesem Moment wie Schuppen von den Augen gefallen war: Sie hatte keinen Schimmer, wer vor ihr saß. Kurz überlegte er, ob sein Ego beleidigt sein sollte. Dann überkam Nate ein ungewohnt angenehmes Gefühl: Er hatte mit dieser zauberhaften Frau die einzigartige Chance, nur um seiner selbst willen gemocht zu werden. Mit einer solchen Möglichkeit hatte er, seit er im Fokus der Medien und seiner Fans stand, nicht mehr gerechnet.
Bevor er vor etwa drei Jahren ins Kinofach wechselte, trat er in der Rolle des umschwärmten Oberarztes Dr. Moss in der HBO-Krankenhausserie Medical Statement auf. Im Laufe dieser Zeit war er mehr und mehr ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gerückt. Er erhielt Fanpost von zumeist weiblichen Fans aus aller Welt. Anfangs hatte er diese Aufmerksamkeit genossen und versucht, jeden einzelnen Fanbrief und jede Facebook-Anfrage persönlich zu beantworten. Als er vor etwa eineinhalb Jahren Opfer einer unglaublich penetranten Stalkerin geworden war, die eines Nachts nackt in seinem Schlafzimmer gestanden und hysterisch gekreischt hatte, sie wollte ein Kind von ihm, war sein Enthusiasmus für die Fans allerdings merklich abgeebbt. Mittlerweile twitterte eine Agentur für ihn.
Sein älterer Bruder Colin, der mit seiner „ernsthaften“ Kunst zu Ruhm gekommen war, hatte für Nates Fernsehbekanntheit nur ein amüsiertes Schnauben übrig.
Nate selbst hatte sich seine Schauspielkarriere auch ernsthafter vorgestellt. Immerhin besaß er ein Diplom der Royal Scottish Academy of Music and Drama, wo er in Glasgow seine Ausbildung gemacht hatte. Bei seinem Aussehen blieb es nicht aus, dass amerikanische Casting-Agenturen recht bald auf ihn aufmerksam geworden waren.
Schotten und auch Iren waren im amerikanischen Fernsehen anscheinend sehr begehrt. Vielleicht lag es auch daran, dass er zur Aufbesserung seiner Einkünfte neben seinem ersten Engagement an einer kleinen Bühne in Edinburgh als Unterwäschemodel seinen durchtrainierten Oberkörper vor der Kamera präsentiert hatte.
Bei seiner ersten Einladung nach L. A. hatte er verblüfft sein Sixpack im Megaformat auf den großen Werbetafeln, die die Straße vom Flughafen säumten, registriert. Ihm war bis dahin nicht bewusst gewesen, dass sein Konterfei und sein Oberkörper am anderen Ende der Welt bereits zu Ruhm gekommen waren. Die Freunde in Edinburgh wollten es dann auch erst glauben, als Nate ihnen ein Foto vom North Beverly Drive schickte, auf dem sein halbnackter Körper die gesamte Hauswand eines Kaufhauses einnahm.
Er hatte sich nicht verkneifen können, die Nachricht mit „Size does matter“, „Größe spielt eine Rolle“, zu betiteln. Sein guter Freund Stuart, ein begnadeter Webdesigner, hatte Nate das Foto damals postwendend verfremdet zurückgeschickt. Nate hatte fassungslos schmunzelnd auf die überdimensioniert aufgeblasenen Lippen gestarrt. Bei seiner schottischen Clique trug er fortan den Spitznamen „Bigmouth“, „Schwätzer“.
Seit seiner Ankunft in L. A. hatte seine Karriere so rasant an Fahrt aufgenommen, dass Nate manchmal nicht hinterherkam. Neben der Krankenhausserie spielte er in kleineren Nebenrollen mehrerer Kinofilme. Letzten Sommer hatte er dann die begehrte Hauptrolle in der Neuverfilmung des Achtzigerjahre-Filmhits Highlander ergattert. Highlander-Resurrection hatte vor zwei Tagen Weltpremiere in New York gefeiert, und seitdem stand Nates Leben kopf.
Er lächelte. Sollte er Salomé erzählen, dass er extra für diesen Abend das gesamte Lokal gebucht hatte?
Nate hätte es auch bevorzugt, im Stimmgemurmel anderer Gäste mit ihr zu speisen, als recht verlassen in dem kleinen Lokal. Solche Normalität war ihm leider nicht mehr vergönnt.
Es wunderte Nate, dass Zaza überhaupt nichts von dem Starrummel um ihn mitbekommen hatte. Seit Wochen waren die Zeitungen, Plakatwände und Busse voll von seinem Konterfei. Selbst auf dem Weg hierher waren sie an einigen Plakaten mit seinem Bild vorbeigefahren.
Zugegeben, er sah auf dem Filmplakat anders aus als in natura. Er war als archaischer Krieger mit piktischer Körperbemalung und zottigen, geflochtenen Haaren abgebildet, der vor seiner glänzenden nackten Brust eine Streitaxt und einen schottischen Dolch kreuzte. Wie konnte es sein, dass eine so intelligente Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben stand und eine Position bekleidete, in der jeder Vorsprung an Information zählte, ihn nicht kannte? Was wohl passieren würde, wenn sie realisierte, dass er ein Kinostar war?
Nate wollte es zu gerne herausfinden.
Sie redeten über dies und das, und Nate genoss es, mit dieser schönen, klugen Frau zu reden. Sie schien über viele Themen fundiert informiert zu sein. Merkwürdig, dass Boulevardthemen davon gänzlich ausgeklammert waren.
„Liest du überhaupt keine Zeitung, Zaza?“
Salomé bedachte ihn mit einem spöttischen Blick.
„Selbstverständlich lese ich Zeitung, Nate. Weshalb fragst du? Ich verfolge online die großen Nachrichtenanbieter. Im Büro steht mir zudem täglich eine Auswahl an großen nationalen und internationalen Tageszeitungen zur Verfügung.“
Nate krauste die Nase.
„Und die liest du alle von vorne bis hinten durch?“
„Nein, natürlich nur die Teile, die mich interessieren und die für meinen Job wichtig sind. Hauptsächlich Finanzen und Weltpolitik.“
„Und den Kulturteil? Boulevard, Feuilleton?“
Salomé senkte verlegen den Blick.
„Ja, weißt du, ich habe bei meinem Zeitplan morgens genau zwanzig Minuten, um alle Meldungen des vergangenen Tages zu scannen. Dann beginnen die Meetings. Zu mehr ist keine Zeit. Es sei denn, ich muss abends zu einem kulturellen Event. Meine Assistentin Keira stellt mir morgens ein Portfolio an gezielten Informationen zusammen.“
„Gehst du nie ins Kino? Oder ins Theater?“
Salomé räusperte sich. Dann schüttelte sie den Kopf.
„Ich habe dafür einfach keine Zeit“, flüsterte sie, während sie ihre Stoffserviette glatt strich.
Ihre Verlegenheit rührte eine Saite in seinem Inneren, und er hätte gerne in diesem Moment ihre Hände in seine genommen.
„Und wenn du an einem Kiosk Zeitschriften kaufst … da fallen dir doch sicherlich die Cover der Boulevardblätter auf?“
„Ich kaufe keine Zeitschriften an Kiosken, Nate. Das macht, wenn überhaupt, Keira. Außer in meinen Ferien in Frankreich ...“ Ihr Blick schweifte ab.
Zu gerne hätte Nate gewusst, was ihr gerade eingefallen war.
„Klatsch interessiert mich nicht besonders. Mein Bruder Philippe ist auch schon Opfer dieser Schmierfinke geworden … gerade noch in diesem Sommer.“ Sie verzog geringschätzig das Gesicht. „Das ist wirklich etwas, worauf ich verzichten kann.“
Das konnte Nate sehr gut verstehen.
„Fernsehen wirst du doch sicherlich ab und an?“
„Was soll eigentlich diese ganze Fragerei über meinen Medienkonsum? Arbeitest du nebenher noch für ein Marktforschungsinstitut? Vielleicht solltest du mehr Energie auf deine Schauspielkarriere verwenden.“
Sie zwinkerte ihm zu und gab ihm mit einem breiten Grinsen zu verstehen, dass sie ihn foppen wollte.
„Davon abgesehen: Ja, ich schaue fern, vor allem, wenn ich Sport treibe. In meinem Sportstudio bieten sie alle Nachrichtenkanäle an, wo ich regelmäßig Börseneinschätzungen und Marktentwicklungen verfolgen kann.“
Sie grinste schief. Ihr war bei dieser Aufzählung offenbar selbst bewusst geworden, wie sehr sie sich auf nur ein Thema, nämlich Wirtschaft, konzentrierte. Wie, um sich zu rechtfertigen, deutete sie mit ihren Essstäbchen auf ihn.
„Und wie sieht denn dein Wissen bezüglich Börsenbewegungen und Banken aus?“
Nate konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Aye, du hast recht. Wir sind ganz schön verschieden, was das angeht. Ich lese eher den Gesellschaftsteil der Zeitung, und meine Agentin schickt mir tonnenweise Zeitschriften, die sich ausschließlich mit Klatsch und Tratsch beschäftigen.“
Konnte das sein? Bestand ihr ganzes Leben nur aus Banken, Marktanalysen und Finanzen? Was machte sie in ihrer Freizeit? So, wie es klang, hatte sie sowieso kaum Freizeit, wenn sie sich noch beim Sport mit Wirtschaftsthemen beschäftigte.
„Du bist ein seltenes Geschöpf, Zaza“, stellte Nate fest, gab endlich dem Drang nach und legte seine Hand auf ihre.
ABSERVIERT

Salomé durchzuckte es wie ein Blitz. Nates Hand wieder auf ihrer zu spüren, erfüllte sie in der intimen Atmosphäre des Restaurants mit einer Hitze, die sich von ihren Fingern über ihren Bauch bis in ihren Unterleib zog. Das Bild, das sich einem Außenstehenden – wenn es denn einen gegeben hätte – bieten musste, entsprach ihrer urtümlichsten Vorstellung eines romantischen Rendezvous. Erst die rote Rose und jetzt das. Fehlte nur noch der Stehgeiger. Das kitschbedürftige Mädchen in Salomé schmolz förmlich dahin. Gleichzeitig erschreckte sie das Gefühl, total die Kontrolle zu verlieren. Sie wollte diesen Mann.
Jetzt.
Für immer.
Geschockt über ihre Gedanken, entschied sie, diesem Gefühl auf gar keinen Fall nachzugeben. Das letzte – das einzige – Mal, als sie so intensive Gefühle gehabt hatte, war sie fürchterlich verletzt worden, und das saß immer noch tief.
Salomé fühlte Nates Hand weiterhin auf ihrer. Sein Daumen streichelte jetzt zart ihren Handrücken, und sie spürte noch etwas anderes als die Hitze des ersten Moments: Das Gefühl von Geborgenheit, das diese Berührung in ihr auslöste, verwirrte sie aufs Neue. Wieder war seine Berührung ganz selbstverständlich. Er ließ ihr überhaupt keine Chance, sich unwohl zu fühlen. Sollte sie sich denn unwohl fühlen?
Salomé war verwirrt. Eigentlich war sie mit sich sehr zufrieden, stolz auf das, was sie aus eigenem Antrieb erreicht hatte. Aber wenn jemand wie Nate heute Abend bohrte und nach ihrem Privatleben fragte, verunsicherte sie das. Es wirkte in ihren eigenen Ohren furchtbar fad, wie wenig sie am Leben teilnahm oder Dinge tat, die für andere ganz selbstverständlich waren. Lediglich die Aufenthalte in Frankreich, in denen sie ihr lebensfrohes Wesen zeigen konnte, hielten Salomé davon ab, sich selbst für eindimensional und uninteressant zu halten.
In New York war sie auch eher Salomé als Zaza. Allein, dass Nate sie mit ihrem Spitznamen, den ihr Philippe als Kind verpasst hatte, ansprach, verwischte die scharfen Grenzen zwischen ihren beiden Welten. Wie lange würde sie diesen Wechsel ihrer Persönlichkeiten, diese – Wie hatte es Julia genannt? – Dr. Jekyll-und- Mister-Hyde-Nummer in ihrem Leben noch durchziehen? Vielleicht war heute Abend die Gelegenheit, gar nicht erst wieder in ihren besessenen New-York-Trott zu verfallen? Die schönen Seiten des Lebens auch hier in dieser großartigen Stadt öfter zu genießen. Ihr kam eine Idee.
„Hast du Lust, im Anschluss in den Central Park zu gehen? Meine Assistentin Keira hat mir erzählt, dort findet heute Abend ein Open-Air-Konzert der Metropolitan Opera statt. Die New Yorker picknicken auf der großen Wiese zu den Opernarien. Die Atmosphäre soll ganz toll sein ...“ Sie stockte, als sie Nates panisches Gesicht sah. Opern waren anscheinend nicht sein Ding.
„Zaza, das hört sich toll an. Aber wenn es dir recht ist, würde ich Menschenaufläufe gerne vermeiden.“ Nate schaute auf seine Armbanduhr.
Salomé runzelte enttäuscht die Stirn und überlegte, ob er sie langweilig fand. Wahrscheinlich wollte er den Abend rasch beenden, und sie hatte ihn mit ihrem Vorschlag in die Ecke gedrängt. Oh Gott, wie peinlich! Aber warum hielt er dann immer noch ihre Hand?
„Zaza, leider muss unser Abend zu zweit gleich enden.“
Salomés Kehle wurde enger, und sie setzte sich gerader hin. „Wie bitte?“
Nate musterte irritiert ihr sicher verwirrt aussehendes Gesicht.
„Oh nein. So war das nicht gemeint. Es war nicht geplant, aber mein Bruder weiß, dass ich in der Stadt bin. Er hat heute Abend eine Vernissage und war schon zu Tode beleidigt, weil ich nicht kommen konnte. Ich musste ihm hoch und heilig versprechen, später noch vorbeizuschauen. Wäre das okay für dich, mit mir dorthin zu gehen?“
Erleichterung durchflutete Salomé, und sie stieß die Luft aus, die sie unwillkürlich angehalten hatte. Ihr Herzschlag beruhigte sich. Sie war noch nicht so weit, sich von ihm zu trennen. Obwohl sie ihn erst zum zweiten Mal gesehen hatte, empfand sie eine unglaubliche Nähe zu ihm. Diese starke Anziehung verwirrte sie, war aber gleichzeitig zu aufregend. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, jetzt alleine in ihr leeres Apartment zurückzukehren.
„Colin ist auch in New York? Ich würde mich freuen, ihn wiederzutreffen, und seine Bilder gefallen mir. Wo stellt er aus?“
Nate strahlte sie an und verstärkte den Druck seiner Hand.
„Nicht weit entfernt. Eine angesagte Galerie in der Spring Street.“ Er erhob sich und zog sie aus dem Lokal, während er dem freundlichen Kellner zum Abschied zunickte.
„Müssen wir nicht erst zahlen?“, flüsterte Salomé.
Nate schaute sie mit diesem wissenden Schmunzeln an und schüttelte den Kopf. „Habe ich bereits.“ Er setzte sich das Basecap wieder auf.
„Ich muss dieses Lokal unbedingt weiterempfehlen. Das Essen war so exzellent. Die haben es nicht verdient, keine Kundschaft zu haben.“
Nates Grinsen verstärkte sich, während er ihr die Tür aufhielt. Der Wagen, mit dem sie gekommen waren, wartete vor dem Lokal. Sie stiegen ein, und Nate ergriff wie selbstverständlich wieder Salomés Hand.
Während der Fahrt plauderten sie entspannt über Colins Bilder. Seine Kunst war auf Porträts konzentriert, die so fein gezeichnet waren, dass sie wie fotografiert wirkten. Durch die Verwendung von ungewöhnlichen Farbkombinationen entstand ein subtiler Effekt, der den Betrachter anrührte.
Nate berichtete, wie lange Colin als erfolgloser Künstler in Paris in einer Kommune gewesen wäre, bevor er diesen einzigartigen Stil gefunden hätte, und beide lachten herzlich über das Klischee des armen Malers. Mit Leidenschaft erzählte Nate von seinen Besuchen in Paris und bei der verrückten Künstlerclique. Er hatte eine fesselnde Art, wenn er sprach.
Salomé wäre spätestens jetzt darauf gekommen, dass er Schauspieler sein musste. Seine tiefe Stimme und die deutliche Artikulation, die die verschiedenen Stimmen und Stimmungen perfekt modulierte, faszinierten sie. Sie hing an seinen Lippen und war sich ihres nackten Oberarms, der jedes Mal, wenn sich Nate zu ihr neigte, seinen warmen Körper streifte, mehr als bewusst. Und er neigte sich oft zu ihr hin.
Sie fühlte sich so, wie sie sich noch nie in New York gefühlt hatte, obwohl sie bereits drei Jahre hier war: lebendig und schön. Dieses Gefühl war ansonsten ihrem zweiten Leben an der Côte d’Azur vorbehalten gewesen. Lächelnd blickte sie auf die vorbeirauschenden Lichter dieser beeindruckenden Stadt und genoss das aufgeregte Rieseln in ihrer Brust. Zum ersten Mal konnte sie die Begeisterung der Menschen für diese Stadt wirklich nachvollziehen.
Der Wagen stoppte vor einem Fabrikgebäude in SoHo. Nate legte seine Hand auf Salomés unteren Rücken, während er sie durch die große Glastür in den Ausstellungsraum schob. Die zarte Berührung beschleunigte ihren Herzschlag.
Trotz der späten Stunde tummelte sich eine illustre Gästeschar zwischen Colin Hamiltons raffiniert beleuchteten Bildern. Musik und fröhliches Stimmengewirr drangen bis zur Tür, und die Stimmung schien auf dem Höhepunkt zu sein. Unglaublich gut aussehende Männer und Frauen prosteten sich gegenseitig zu und schienen sich blendend zu amüsieren. Offenbar war Colin begehrter, als Salomé angenommen hatte, denn einige Gesichter kannte sie aus ihrem Banken- und Charityumfeld.
„Ah, da ist unser Highlander ja endlich!“, ertönte Colins hallende Stimme von der gegenüberliegenden Seite des Raumes.
Die kleine Gruppe von Gästen um ihn herum quittierte Colins Bemerkung mit ausgelassenem Gelächter. Einige applaudierten sogar. Salomé spürte, wie Nate sich neben ihr anspannte. Die beiden Brüder begrüßten sich auf die typisch männliche Art, indem sie sich während einer breiten Umarmung gegenseitig auf die Schulter klopften.
Salomé grinste, als ihr bewusst wurde, dass diese Geste wohl kosmopolitisch war. Zumindest die Männer der Familie de Bertrand verhielten sich ebenso bei Zuneigungsbekundungen.
Aufmerksame Fotografen hatten die sich umarmenden Brüder in ein Blitzlichtgewitter getaucht. Erstaunlich, wie hoch die mediale Aufmerksamkeit an Colins Werk war. Er schien richtig berühmt. Andererseits waren die sich umarmenden Brüder sehenswert. Zwei blutjunge Schönheiten, die mit Sicherheit Models waren, starrten die beiden hochgewachsenen Schotten mit offenem Mund an.
Fehlt nur noch Sabber, der aus ihrem Mund läuft, dachte Salomé schmunzelnd.
Colin hatte sie über Nates Schulter erspäht. Nach einem nachdenklichen Stirnrunzeln erhellte sich sein Gesicht.
„Das darf doch nicht wahr sein! Du bist doch Salomé de Bertrand, oder? Die Welt ist ein Dorf!“ Er zog die überrumpelte Salomé in eine überschwängliche Umarmung. Als er sie losließ, nickte er Richtung Nate.
„Dass wir uns so schnell wiedersehen! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie dieser Bursche hier mir während des gesamten Rückfluges die Ohren vollgejammert hat, weil ich ihn von der Tanzfläche und aus deinen Armen gezogen habe“, sagte Colin in unverminderter Lautstärke zu Salomé.
Nate räusperte sich lautstark. Doch sein Bruder grinste nur wissend und hob entschuldigend die Arme.
„Ich sage nur, wie es ist, Bro.“
Salomé wandte sich verlegen den großformatigen Bildern zu. Sie erkannte zwei der Porträts, die ihre Mutter Inès in Frankreich erstanden und anscheinend für die New Yorker Ausstellung zur Verfügung gestellt hatte. Dass sie nichts davon gewusst hatte – unglaublich. Sie nahm sich in diesem Moment vor, zukünftig häufiger mit ihrer Mutter zu sprechen. Sie hätte es schade gefunden, Colins Vernissage zu verpassen.
„Wie geht es Inès? Ihre Bilder kommen hier in New York besonders gut an. Ich hatte heute schon bei mindestens zwei Interviews konkrete Fragen dazu.“
„Ich nehme an, es geht ihr ausgezeichnet. Sie ist mit meinem Vater zurzeit in der Schweiz. Wir sehen uns alle bald in Frankreich wieder. Mein Halbbruder heiratet.“
„Ah, sicherlich diese charmante Deutsche! Wie hieß sie noch gleich?“
Während sie entspannt über Julia und Mirabel plauderten, wandten sich Salomé und Colin den weiteren Bildern zu. Nates Bruder freute sich über ihr Interesse, hakte sich bei ihr ein und begann freimütig, vom Schaffensprozess zu erzählen.
Als sie sich umschaute, ob Nate mit ihnen kam, sah sie ihn inmitten einer Gruppe von Gästen und Presseleuten stehen, die förmlich an seinen Lippen hingen. Wahrscheinlich versuchten die Journalisten, ihm Insiderinformationen über seinen Bruder zu entlocken.
Mit halbem Ohr registrierte Salomé, wie Nates Smartphone klingelte und er sich ein wenig von der Gruppe zurückzog. Sie war froh, einen Moment Abstand zu ihm zu haben und ein wenig zur Besinnung zu kommen. Der Adrenalinpegel, auf dem sie surfte, wenn er bei ihr war, sie seinen Geruch wahrnahm und am meisten, wenn er sie berührte, führte zu einem permanent erhöhten Herzschlag. Für eine kurze Pause war sie dankbar.
Doch auch jetzt schweifte ihr Blick immer wieder in seine Richtung. Er sah so unverschämt gut aus. Die beiden Models schienen das Gleiche zu denken, sie hatten kichernd die Köpfe zusammengesteckt und schauten ihn unverwandt an.
Während Colin noch über ein skurriles Erlebnis mit einem französischen Pigmentverkäufer berichtete, fiel ihr auf, wie zärtlich Nates Gesichtsausdruck war, während er telefonierte. Er blickte verträumt und lächelte. Wer mochte da am Telefon sein?
Colin und sie näherten sich wieder den anderen Gästen. Nate hatte ihre Rückkehr bemerkt und beendete sein Gespräch. Salomé hörte gerade noch, wie Nate mit liebevoller Stimme ins Telefon hauchte.
„Bye, Bonnie, ich muss jetzt Schluss machen. Ich vermisse dich auch. Ich zähle die Stunden, bis ich wieder bei dir bin. … Ich dich auch. Pass auf dich auf ... Kuss!“
Ihre euphorisierte Stimmung erfuhr einen herben Dämpfer. Mit wem sprach er nur? Nannte er etwa jede Frau Bonnie?
Nate sah sehr gut aus und wohnte weit, weit entfernt. Wo eigentlich? In L. A.? In Schottland?
Salomé war eine pragmatische Frau. Ihr ging in diesem Moment auf, dass sie so gut wie nichts über ihn wusste. Außer, dass er Schotte war, einen Künstler zum Bruder hatte und als Schauspieler arbeitete. Vielleicht hatte er auch eine Frau, und dieser Flirt mit ihr war nur ein amüsanter Zeitvertreib?
Ein heftiger Stich fuhr in ihr Herz. Sie kam sich so naiv vor. Weshalb hatte sie ihn nicht intensiver ausgehorcht? Weshalb hatte er nicht mehr von sich erzählt?
Salomé spürte, wie sie innerlich ihre Mauern hochfuhr. Das beherrschte sie bis zur Perfektion, seit sie damals von diesem unerträglichen Severin Wallberger an der Nase herumgeführt worden war und nur das beherzte Eingreifen ihres Vaters einen Skandal hatte verhindern können.
Viel zu spät war sie aus ihrer verliebten Trance erwacht. Das Aufwachen und der dann folgende Aufprall waren zu hart gewesen. So hart, dass dieser Fehler ihr immer noch als stets simmernder Schmerz nachhing. Salomé hatte sich damals geschworen, nie wieder so naiv ihr Herz einem Mann auf dem Silbertablett zu servieren. Und dieses Credo hatte sie bislang durchgehalten. Sie flirtete zwar gerne, zumindest in ihrem Zweitleben in Frankreich, aber sobald die Beziehung zu einem Mann ernsthaftere Züge annahm, verhielt sie sich so wachsam, als würde sie ein Minenfeld überqueren. Es war Zeit, dieses Stadium in ihrer Beziehung zu Nate einzuläuten.
Als Nate sein Smartphone wegsteckte und sich lächelnd zu ihr umdrehte, straffte sich Salomé innerlich. Er legte seinen Arm um ihre Taille. Anstatt wie zuvor ein erotisches Kribbeln zu fühlen, nahm Salomé die Berührung an ihrer Hüfte jetzt wie ein unangenehmes Brennen wahr. Mit Genugtuung stellte sie fest: Es lag alles an der inneren Einstellung!
Sie blieben noch eine halbe Stunde in der Galerie und hielten Small Talk. Dann schob Nate sie wieder in den wartenden Wagen. Erwartungsvoll wandte er sich ihr zu.
„So, Pflichtteil erledigt. Ich hoffe, es war okay für dich. Noch Lust auf einen Absacker?“
Sein breites Lächeln war unglaublich sexy, und Salomé wankte in ihrem Entschluss, cool zu bleiben. Sie tat einen Moment so, als müsste sie abwägen, dabei konnte sie es kaum erwarten, Abstand zu Nate zu bekommen.
„Nein. Es ist schon spät, und ich habe leider morgen um sechs Uhr dreißig ein Frühstücksmeeting. Ich sollte wirklich schlafen gehen.“
Nate nahm wohl ihre veränderte Stimmung wahr und sah sie stirnrunzelnd an. Sie erwiderte unverbindlich lächelnd seinen forschenden Blick. Dann zuckte er die Schultern und gab dem Fahrer Anweisung, Salomés Apartment anzusteuern.
Nate begleitete Salomé in die Lobby. Der Concierge nickte ihnen freundlich zu. Als sie beide vor den mit Marmor verkleideten Aufzügen ein wenig befangen voreinander standen, war sich Salomé absolut bewusst: Dieser Augenblick war bei jedem Date eine wichtige Weggabelung. Conrad zog sich diskret in einen kleinen Raum hinter seinem Tresen zurück.
Salomé schaute Nate fest in die Augen. In der indirekten Beleuchtung der Lobby konnte sie diese im Schatten der Basecap kaum ausmachen.
„Also dann. Vielen Dank für den schönen Abend, Nate.“

Nates Mundwinkel zuckten amüsiert, so offensichtlich war es, wie sie ihn abservieren wollte. Was um alles in der Welt hatte bei ihr diesen Stimmungsumschwung bewirkt? Sie waren doch vor dem Galeriebesuch bereits auf einem ganz anderen Level gewesen.
So nah, wie er vor ihr stand, konnte er die zarten Sommersprossen auf ihrer feinen Nase erkennen, aber auch den müden Schatten unter ihren Augen. Sein Herz krampfte sich unversehens zusammen, und er hätte am liebsten ihren Kopf zu sich gezogen und ihr durch einen Kuss Sterne in diese blauen Augen gezaubert. Aber durfte er das denn?
Er war in einer Phase seines Lebens, wo er alle, die er liebte – allen voran Liz - vernachlässigte. Er war teilweise monatelang wegen der Dreharbeiten abwesend und befand sich auch in den übrigen Zeiten in einem engen Terminkorsett. Und dann noch dieser ganze Starrummel. Welche Frau würde das mitmachen? Wenn er ehrlich zu sich war, hatte er überhaupt keine Zeit für eine Frau und sollte sich auch keiner zumuten. Fairerweise sollte er Salomé hier und jetzt verlassen und ihr die Chance auf ein ruhiges Leben geben.
Aber er konnte nicht von ihr lassen. Ihre Augen waren wie Magneten, und er spürte das pulsierende Leben durch seinen Körper pumpen, wenn er in ihrer Nähe war. Dieses Gefühl hatte er bereits auf dem Fest in Südfrankreich gehabt. War das erst knapp eine Woche her? Es kam ihm vor wie ein fernes Märchen.
Die gesamte Stimmung des Abends, Salomés luftiges langes Kleid und ihre unbändige Lebensfreude in dieser Nacht hatten ihn verzaubert und ihm seitdem schlaflose Nächte bereitet. Sie war wie eine Droge, und er war schlicht und einfach angefixt. Verdammt, er war ein impulsiver Mensch, und alles an dieser Frau weckte in ihm hauptsächlich einen sehr männlichen Impuls.
Ohne lange zu überlegen, legte er seine Arme um sie und zog sie in eine feste Umarmung. Wie erwartet, versteifte sie sich sofort. Er ließ sie nicht los, vergrub seine Nase in ihrem Haar und inhalierte ihren berauschenden Duft, während er zärtlich mit einer Hand über ihren Rücken streichelte. Mit einem leichten Ächzen gab sie unmerklich nach und schmiegte sich an ihn. Nate lächelte in sich hinein.
„Well, ma Bonnie. See ye soon“, flüsterte er in ihr entzückendes kleines Ohr. Bewusst wählte er fast die gleichen Worte, die er ihr bereits an dem Abend in Frankreich in ihr Ohr gehaucht hatte. Als wären diese ein Talisman, die Garantie, sie bald wiederzusehen.
Er hörte sie ungläubig schnauben, und sie begann, sich aus seiner Umarmung zu befreien. Ihre Wangen waren zart gerötet, und wieder rührte ihr Anblick an sein Herz. Sie räusperte sich, und er biss sich angesichts ihres kläglichen Versuchs, die Fassung zu erlangen, wieder auf die Lippe, um ein Grinsen zu unterdrücken.
„Okay, Nate. Ich muss jetzt wirklich nach oben. Gute Nacht.“ Nate nickte nur ernst und verließ dann, ohne sich noch einmal zu ihr umzudrehen, die Lobby.

Salomé schaute ihm fassungslos hinterher, als er das Haus verließ. Noch nicht einmal ein kleiner Blick zurück zu ihr! Ihr Herz hämmerte. Wie machte er das? Wie konnte er in einem Moment so unglaublich zärtlich sein und im nächsten so unglaublich cool? Und weshalb benahm er sich so?, war die noch viel wichtigere Frage.
Sie schloss kurz die Augen, immer noch überwältigt von dieser intensiven Szene, als er sie umarmt hatte. Sie hatte noch den Geruch seines Rasierwassers in der Nase. Wie ärgerlich, dass sie ihre Fassade hatte sinken lassen und weich geworden war. Benommen drehte sie sich um und machte sich auf den Weg nach oben. Nur gut, dass sie ihn wahrscheinlich so bald nicht wiedersehen musste. Das würde genügen, um ihren Verstand wieder die Oberhand gewinnen zu lassen.
Als sie die Tür zu ihrem dunklen Apartment schloss, fiel ihr ein, dass sie Nates Rose bei Conrad vergessen hatte.


