Kitabı oku: «Die Gewissensentscheidung», sayfa 6
„Ja, die N5 und N6 sind da immer noch einspurig, das scheint noch eine Weile zu dauern.“
„Danke für den Tipp, dann fahren wir dort doch erst etwas später vorbei. Sie sind ja vielseitig interessiert. Waren Sie schon einmal in Fonds Saint Denis? Da gibt es dieses bekannte Restaurant mit einem chinesischen Koch, der Mann zaubert in seiner Küche.“
„Nein, noch nicht, ich hörte aber, dass man dort extra für ihn eine neue Gasleitung gelegt hat, damit er seinen Wok auch richtig befeuern kann. Wir wollen demnächst einmal vorbeigehen.“
So ging es eine Weile, Horastonian wusste genau, wie man Fragen stellt, und horchte mich sehr ausführlich aus. Er war Experte darin, welche Fragen zu stellen waren, um die gewünschten Antworten zu bekommen.
„Lassen Sie uns in den Salon gehen, da ist eine feine Leckerei gerichtet. Trinken Sie eigentlich lieber Sekt oder Champagner?“
Er führte mich in ein sehr schön eingerichtetes Zimmer. Die beiden hochgewachsenen Blondinen verließen jetzt das Zimmer zusammen mit einem der Leibwächter.
Zurück blieben sein persönlicher Leibwächter und zwei seiner Aufpasser.
„Bitte nehmen Sie doch Platz.“ Horastonian setzte sich neben mich und wir redeten noch ein wenig Belangloses. Aber plötzlich ließ er die Maske des Gentlemans fallen und griff mir an meine Knie. Elegant und Verwirrung heuchelnd wich ich ihm aus. „Aber bitte, Horastonian…“ das war aber bereits nicht mehr in seinem Sinn.
„Hank!“, war ein kurzes Kommando und einer der Wächter, der hinter mir stand, hielt meine Hände fest. „Paolo, die Beine, pass auf die Kleine auf, die ist bissig!“ Die beiden versuchten, mich schnell festzuhalten, aber ein Tritt in Paolos Unterleib brachte ihn rasch zu Fall.
"Das reicht jetzt, du rote Zora, du hast mich den ganzen Abend angemacht, jetzt will ich sehen, ob du überall rote Haare hast. Hank, schnapp sie dir!"
Hank war eindeutig ein brutaler Mensch. „Hör auf, Püppchen, dann tut's auch nicht so weh, wenn er dich…“ Weiter kam Hank nicht. Ich drehte mich um und zerkratzte sein Gesicht derart, dass er sofort abließ und ich freikam.
Noch ehe ich alles zusammen schreien konnte, hatte Horastonian mir eine Serviette in meinen Mund gestopft und sein persönlicher Leibwächter hielt mich fest.
„Horastonian, die wird schreien, denk an die Gäste oben!“, erinnerte ihn sein Leibwächter und tatsächlich dachte er kurz nach.
„Schade, ich hätte dich so gerne hier auf dem Tisch vernascht, aber du hast heute Glück, meine Süße. Bringt sie nach Hause. Und du, rote Zora, sag Gerome, dass ich in einer Woche am Freitagmittag zu ihm komme und die Rechnung bezahle. Jetzt raus mit ihr.“
Der Telefonanruf kam wie angekündigt eine Woche später. Gerome war am Telefon. „Hallo Horastonian, was darf ich für Sie tun?“
„Gerome, mein Freund, ich bin auf dem Weg zu dir in dein Büro Lager II, um meine Schulden zu begleichen. Ist deine rothaarige Angestellte auch da, ich würde sie gerne mit an den Strand nehmen?“
„Sie wird da sein, ich erwarte Sie dann im Büro, der Hintereingang ist für Sie geöffnet.“
„Gut, dann bis gleich, Gerome.“
Die Überprüfung meiner Person hatte demnach nichts ergeben, Onkelchen hatte wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Als Übergabepunkt war das Lager II der vorbereiteten Fabrik vereinbart, südlich von Fort Charlotte im Clare Valley.
Als die beiden Wagen an den Hintereingang rollten, stieg Horastonian aus und wies seine Leibwächter an: „Sichert die Umgebung ab!“ Mit einem Blick zu seinem Leibwächter murmelte er: „Du kleine rote Zora, ich hoffe für dich, du bist für mich bereit!" Dabei grinste er seinen Leibwächter breit an. „Du bleibst abfahrbereit im Wagen, ich denke, Gerome ist so klug, dass er diese Frau zu mir bringt.“
Mit diesen Worten stieg er aus. Als sich Horastonian langsam umdrehte, drang eine Kugel in seinen Kopf ein und beendete seine Drogenkarriere abrupt. Eine zweite Kugel schaltete seinen Leibwächter aus, dieser fiel mit dem Kopf auf das Lenkrad.
Der Rest gehörte den Geiern der Staatsmacht. Sie trieben die übrigen kleinen Gangster zusammen und verhafteten alle, das war es dann mit dem Drogenhandel für den Moment. Am Abend besprach ich mit Dagan den Abschluss der Aktion. „Meine liebe Mischka, die Federales haben auf der Insel die Drogen sichergestellt und dabei noch einige gefangene Mädchen befreit, dieser Horastonian war ein ganz übler Bursche.“
„Ja, dann war die Aktion also ein voller Erfolg.“
„Ja, sicherlich, ich gratuliere dir zu deinem Schuss. 1,2 Kilometer ist schon eine Ansage, und es ist gut zu wissen, dass du es noch immer kannst. Aber es gibt auch etwas anderes zu besprechen. Mir sind zwei meiner Agenten aus dem Raum Ozeanien umgekommen. Das Flugzeug hatte Motorschaden und die Landung lief schief. Jetzt brauche ich dich dort. Du hast die Erfahrung, kennst die Sprache und der Pazifik ist sowieso dein Wunschgebiet gewesen.“
„Danke, Onkelchen, gibst du mir noch die Unterlagen, damit ich mich einlesen kann? Ich packe und wann geht mein Flug?“
„Bereits morgen Abend um 21:30 Uhr und am Ziel erwarten dich deine neuen Kolleginnen und Kollegen.“ Zusammen mit mehreren anderen Agentinnen waren wir für den riesigen Bereich Ozeanien, also den Südpazifik, zuständig. Mein neuer Bereich war Australien und Neuseeland.
***
Ruhe vor dem Sturm
Am Montagmorgen beherrschte Beate die Titelseiten. Es gab keine Zeitung im Land, die nicht über sie und die Umstände ihres Todes berichtete.
Auch ein zweites Bild war auf den Titelseiten zu sehen… das Bild von Oberstaatsanwalt Trommer!
Warum er der Mörderin den gelockerten Vollzug erlaubte? Das war eine zentrale Frage. Nicht, warum Beate dort umkam! Trommers Antwort war umso erstaunlicher!
Er tat es, da es Beates Recht gewesen sei, doch das wolle er nicht weiter kommentieren, da er Beates Tod nicht für sich als Plattform nutzen wolle. Doch tat er genau das! War ich denn der Einzige, dem das auffiel?
Zugegeben, Trommer war ein sehr charismatischer Mensch, ein begnadeter Redner, der es sehr gut verstand, den Leuten das zu vermitteln, was sie glauben sollten.
Er besaß die ungewöhnliche Gabe, sich in die Persönlichkeit seines Gegenübers hineinzuversetzen. Trommer könnte problemlos einer armen Oma eine sündhaft teure Heizdecke verkaufen und gleichzeitig harte Strafen für solche Betrüger fordern und alle Beteiligten, sowohl Oma als auch Betrüger, würden ihm applaudieren.
Dieser Mann war auf dem Weg nach oben und er war skrupellos. Der Moment, in dem er noch hätte gestoppt werden können, war längst vorbei.
Mit Beates Fall hatte er sich der Öffentlichkeit präsentiert und die Leute fingen an, ihn zu lieben.
Die wichtigste Erkenntnis von all dem war, Beates Leben war für ihn völlig belanglos!
***
"Stein", meldete ich mich zwei Tage später am Telefon.
"Bernkamp, Gerichtsmedizinisches Institut Mainstadt", hörte ich eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung. "Herr Stein, ich habe hier die Papiere für eine Tote mit Namen Fischer, die am Samstagabend aus der JVA zu uns überstellt wurde."
"Ja, und?"
"Die Staatsanwaltschaft hat eine Obduktion der Leiche angeordnet, aber ich habe keine Tote mit Namen Fischer, sondern lediglich ein paar Gewebeproben, die zur Untersuchung abgegeben wurden."
"Was heißt, Sie haben keine Tote?"
"Genau das, hier im Institut ist keine Frau Fischer, weder tot noch lebendig."
"Warten Sie, ich hole die Papiere aus der Akte", sagte ich, legte den Hörer zur Seite und zog Beates "Frachtpapiere" hervor.
"So, ich habe hier die Bescheinigung des Bestatters, der die Überführung durchführte. Und hier die Bestätigung, dass der Leichnam bei Ihnen… verdammt, was ist das denn für ein Mist?", fluchte ich laut genug, so dass Bernkamp es hören musste.
"Warten Sie!" Ich raschelte mit den Papieren und sagte: "Anscheinend wurden die Institute vertauscht. Die Probe sollte nach Frankfurt und die Leiche zu Ihnen. Mist, Frau Fischer wurde wohl in die Gerichtsmedizin nach Frankfurt überstellt."
"Oh, das erklärt die Probe, damit konnte nämlich niemand etwas anfangen."
"Gut, ich werde die Rückverlegung von Frau Fischer nach Mainstadt veranlassen."
"Vielen Dank, Herr Stein, ich hatte schon befürchtet, dass sich die Leiche selbstständig gemacht hat."
"Keine Ursache… und falls Sie mal eine Tote sehen, die sich erhebt und selbstständig macht, rufen Sie mich bitte zuerst an."
"Haha, guter Witz, Herr Stein. Auf Wiederhören."
"Ja, du mich auch", dachte ich und legte auf. Nun begann sich das Karussell zu drehen…
***
"Ja, wir haben laut den Papieren eine Probe erhalten, die mit dem Vermerk Fischer gekennzeichnet ist, aber die Probe selbst oder gar eine Tote mit dem Namen haben wir nicht", antwortete Frau Zappf, eine Mitarbeiterin der Gerichtsmedizin Frankfurt.
"Hören Sie, wir haben aber eine Bestätigung Ihres Institutes, dass ein Bestattungsunternehmen Ihnen am Samstagabend eine Leiche überführt hat, die eigentlich nach Mainstadt gebracht werden sollte."
"Haben Sie die Bestätigung vorliegen?"
"Selbstverständlich, das Aktenzeichen ist die F/78-12-6-34", teilte ich ihr mit und konnte das Eintippen des Aktenzeichens hören. "Tatsächlich! Am Samstag wurde ein versiegelter Sarg aus der JVA Mainstadt überstellt… versiegelt? Warum war der Sarg versiegelt?"
"Die diensthabende Ärztin wollte sichergehen, dass keine Beweise an der Leiche verunreinigt oder verfälscht werden."
"Oh, wären doch alle Ärzte so gewissenhaft… also gut, der Sarg ist da, doch wo ist Frau Fischer?"
"Keine Ahnung, aber eine Leiche kann sich nicht in Luft auflösen und die Rechtsmedizin in Mainstadt bittet um die Überführung nach dort."
"Herr Stein, ich werde nochmal alle Neuzugänge überprüfen, vielleicht liegt ja auch nur eine Verwechselung vor."
"Vielen Dank, ich werde das den Kollegen in Mainstadt mitteilen."
***
Detektivarbeit
"Na, Sherlock, wie geht es dir?", begrüßte ich KHK Meyer in der Kantine des Landgerichtes, der dort allein an einem Tisch saß und auf einem Brötchen kaute.
"Hallo, Bad-Man. Lange nicht gesehen", antwortete er und drückte mir die Hand.
Meyer war einer der dienstälteren Ermittler des LKA und ganz zufällig traf ich ihn nicht, denn aus Beates Akte wusste ich, dass er in diesem Fall ermittelt hatte. Ich kannte Meyer schon eine geraume Zeit und im Laufe der letzten Jahre sind wir uns im Gericht oder in der JVA öfter über den Weg gelaufen, beispielsweise wenn er dort eine Vernehmung durchführte, und so verstanden wir uns mittlerweile recht gut. Ich setzte mich neben ihn und stellte eine Tasse Kaffee vor ihn, die er dankbar anschaute.
"Danke, ich habe nur kurz Zeit und an der Kaffeebar ist ein riesiger Andrang." Dabei zeigte er auf eine lange Schlange, die sich an der Kaffeeausgabe gebildet hatte.
"Du musst dich mit dem Personal gut halten, dann musst du auch nicht anstehen", grinste ich. "Was treibst du heute hier?"
"Ich muss in der Raubmordsache aussagen. Du weißt schon, die beiden Frauen die sich als Pflegekräfte ausgegeben haben, um hilflose Rentner zu erleichtern."
Ja, daran erinnerte ich mich. Das Duo hatte einige Zeit sein Unwesen getrieben, dann war ein Rentner, der etwas rüstiger war, misstrauisch geworden und hatte die beiden erwischt, wie sie seine Sachen durchsuchten. Daraufhin hatte eine der Frauen ihn mit einem Stuhl niedergeschlagen und der Mann starb.
"Das Gericht wird dir die zwei wohl als Kundschaft schicken."
"Ach ja, die Sache… aber sag mal… warst du nicht auch in den Fischer-Fall involviert?"
Meyer wurde sofort misstrauisch. "Ja, warum?"
"Nichts, es interessiert mich einfach. Du hast doch sicher gehört, was passiert ist."
"Ja, natürlich."
"Ich war dabei und habe gesehen, wie sie starb, daher mein Interesse an der Sache."
"Tut mir leid, wahrscheinlich werde ich paranoid."
"Was bitte soll so einen gestandenen Ermittler wie dich paranoid werden lassen?" Ich versuchte, es lustig rüberzubringen, doch meine Nackenhaare sträubten sich und es begann mir kalt den Rücken herunter zu laufen. Ich konnte es nicht fassen, aber Meyer schaute sich tatsächlich um, ob jemand zuhörte!
"Das war eine verdammt üble Sache!"
"Kann ich gut verstehen, eine Familientragödie ist immer schlimm, besonders wenn Kinder unter den Opfern sind."
"Nein, das meine ich nicht." Wieder schaute er sich um. "Die Ermittlungen… wir mussten…"
"He, ist hier noch frei?" Einer von Meyers jüngeren Kollegen kam an unseren Tisch, setzte sich dazu und Meyer verstummte sofort.
"Sie sind doch der Kerl aus dem Knast? Wie nennt man Sie, den Bad-Man! Cooler Name."
Damit war der Typ bei mir unten durchgefallen. Er hatte ein arrogantes Gehabe und die Art, wie er meinen Spitznamen benutzte, klang ziemlich abfällig.
"Ja, so nennt man mich, aber das Recht, mich so zu nennen, muss man sich erst verdienen!"
Wir taxierten uns gegenseitig mit festem Blick und ich gab nicht nach. Schließlich brummte der Arsch etwas Unverständliches und kümmerte sich um seinen Kaffee. Meyer sagte kein Wort mehr, doch seine Augen sagten mir etwas ganz anderes.
"Wir sehen uns, Sherlock", verabschiedete ich mich von Meyer, stand auf und ging.
"Blöder Arsch.", hörte ich noch den Jungen murren und normalerweise hätte ich mir den Typ sofort vorgeknöpft und mit ihm den Boden aufgewischt, doch ich hatte gerade ganz andere Sorgen.
***
Beate lebte nun seit zwei Wochen in Veras Wohnung. Wie sie es versprochen hatte, machte sie keinen Ärger und achtete darauf, dass niemand etwas von ihrer Anwesenheit bemerkte. Vera verbrachte unterdessen mehr und mehr Zeit mit Beate. Die beiden schienen Freundinnen zu werden. Ich versuchte, Vera klar zu machen, dass über uns und ganz besonders über Beate, Trommers Damoklesschwert hing, doch meine Warnung schien an ihr vorbei zu gehen.
Warum Trommer Beates Leben unbedingt beenden wollte, war mir noch immer schleierhaft, denn ich machte mir keine Illusionen darüber, dass er Beates Urteil korrigieren wollte. Nein, er stellte nur zwei Tage nach seinem Besuch hier in der JVA den Antrag, das Verfahren gegen Unbekannt einzustellen, und bestritt seine "Beteiligung" an Beates Tod in keiner Weise.
Doch Vera schien sich dieser Tatsache zu verschließen. Für Vera war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Beate wieder in ihr altes Leben zurückkehren konnte. Ich fragte mich unterdessen, ob Beate das überhaupt wollte. Jetzt lebte sie für ihre Rache, die Gelegenheit sich an Petra Strass zu rächen, doch angenommen, sie würde ihre Rache bekommen… was dann? Ihre Familie gab es nicht mehr! Ich glaubte nicht, dass Beate oder Vera soweit vorausdachten.
Während der nächsten Tage wurde Beates Bild auf den Titelblättern immer kleiner und verschwand schließlich auf Seite 5, dafür wurde Trommers Bild immer größer und die Artikel über ihn umfangreicher.
Trommer hatte es geschafft, zum Selbstläufer zu werden. Man hätte glauben können, er wäre ein Politiker, der vor der Wahl noch einmal alles gibt, um wiedergewählt zu werden. Er griff ganz nebenbei Themen auf, die seine Person ins richtige Licht brachte und schaffte es, so in den Schlagzeilen zu bleiben. Natürlich war er klug genug, niemanden persönlich anzugreifen, doch nach und nach schaltete er einen möglichen Bewerber für den Posten als Generalstaatsanwalt nach dem anderen aus.
Dabei hatte er noch nicht einmal das Wort "Bewerbung" oder "Generalstaatsanwalt" in den Mund genommen. Nein, er spielte einfach nur den besorgten Staatsdiener! Mit dieser Methode machte er sich allerdings auch jede Menge Feinde, doch die waren ganz klar in der Minderheit. Und wenn sich jemand tatsächlich erdreistete, etwas gegen Trommer zu sagen, brach ein Sturm der Entrüstung über ihn herein. Das konnte ein Shitstorm in den sozialen Medien sein oder die Zeitungen gruben etwas aus und zerrten eine Leiche aus dem Keller des Anklägers.
So kam es, dass nach und nach Trommers Gegner verstummten oder zum Schweigen gebracht wurden. Aber auch die, die nur passiv auf einen Fehler warteten, waren nicht sicher. Ein Wort der Kritik an der falschen Stelle kostete in diesen Wochen einige Karrieren. Mir wurde indessen immer klarer, dass ich mehr über Beates Fall herausfinden musste und dazu musste ich nochmals mit Meyer reden. Die Sache fing an zu stinken ... Ich kannte Meyer. Er war einer, den nichts erschüttern konnte, und plötzlich hatte so einer Angst! Wenn Meyer schon Angst hatte… Dann musste da eine ganz große Sauerei am Laufen sein!
Ich schaute auf die Uhr, dann suchte ich seine Nummer heraus und rief ihn unter seiner Durchwahl an.
"Meyer."
"Hier ist Stein. Hättest du Interesse an einem guten Mittagessen?"
Meyer schwieg am anderen Ende, wahrscheinlich wurde ihm gerade klar, dass meine Frage neulich keine reine Neugier war.
"Morgen Mittag um 12 Uhr im Schiller." Schon war das Gespräch beendet.
Ich starrte den Hörer ungläubig an und legte schließlich auf. "Da läuft etwas ganz gewaltig schief", dachte ich und einmal mehr hatte ich das Gefühl, als würde ich nachts ohne Licht über die Autobahn rasen.
Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt, klingelte das Telefon erneut.
"Ja?!"
"Herr Stein, hier ist noch einmal Zappf vom Gerichtsmedizinischen Institut Frankfurt. Ich rufe erneut wegen der Sache Fischer an."
"Fischer? … Ah ja, wurde Frau Fischer nach Mainstadt überführt?"
"Nein, deswegen rufe ich ja an, wir konnten Frau Fischer nicht finden."
"Das ist ein Witz, oder?"
"Nein, das ist leider kein Witz. Wir haben den von Ihnen gelieferten Sarg, aber keine Leiche darin."
"Hören Sie, der Sarg war versiegelt, es muss doch ein Protokoll geben, wer das Siegel geöffnet hat!", sagte ich scheinbar sauer, denn ich wusste, dass es ein solches Protokoll nicht geben konnte. Vera hatte das Siegel angebracht, es dem Bestattungsunternehmer gezeigt, der hatte unterschrieben. In der Zeit, die der Bestatter brauchte, um das Formular auszufüllen, hatte ich das Siegel wieder entfernt, in der Hoffnung, dass dies am Samstagabend in Frankfurt nicht kontrolliert wurde. Soweit war meine Rechnung aufgegangen! Am Samstagabend hatte sich niemand in Frankfurt die Mühe gemacht, das Siegel zu überprüfen, denn das wäre uns sofort mitgeteilt worden. Jetzt, nach zwei Wochen war es so gut wie unmöglich nachzuvollziehen, wer das Siegel entfernt haben könnte. Ich jedenfalls hatte eine amtliche Bestätigung, dass der Sarg mit Beate als Inhalt versiegelt in Frankfurt angekommen war!
"Leider scheint jemand den Sarg geöffnet zu haben, ohne auf das Siegel zu achten und ein entsprechendes Protokoll auszufüllen."
"Heißt das etwa, die Leiche von Frau Fischer ist Ihnen abhandengekommen?!"
"Wir versuchen noch zu rekonstruieren, wo Frau Fischer abgeblieben ist."
"Was wäre denn der schlimmste Fall?"
"Dass Frau Fischer mit einer freigegebenen Leiche vertauscht und bereits eingeäschert wurde."
"Dann muss es doch eine andere herrenlose Leiche geben? Was ist denn da bei Ihnen los?"
"Die ursprüngliche Verwechslung lag auf Ihrer Seite!"
"Ja, das ist schon richtig, aber Fakt ist, dass die Leiche von Frau Fischer bei Ihnen ankam und jetzt verschwunden ist!"
"Nur um alle anderen Möglichkeiten auszuschließen, hat mein Abteilungsleiter mich beauftragt, bei Ihnen nachzufragen, ob die Leiche von Frau Fischer auch tatsächlich in dem Sarg war."
"Warten Sie… jetzt wo Sie es erwähnen… hier riecht es in den letzten Tagen so seltsam…"
"Es gibt keinen Grund sarkastisch zu werden, Herr Stein!"
"Verdammt! Wir sind eine JVA! Hier liegen keine Leichen herum!"
"Es war auch lediglich eine Nachfrage. Ich werde dies so ausrichten und wir suchen weiter."
"Gut! Wenn Sie Frau Fischer gefunden haben, geben Sie mir umgehend Bescheid!" Damit knallte ich den Hörer auf und musste zum ersten Mal seit zwei Wochen herzhaft lachen.
***
Die andere Wahrheit
Am nächsten Tag machte ich mich auf, um ins Schiller zu gehen, ein kleines verwinkeltes Restaurant in der Altstadt. Am Wochenende brauchte man dort erst gar nicht ohne Reservierung hinzugehen, doch mitten in der Woche um die Mittagszeit hatte man meistens Glück.
Meyer saß in einem der Winkel, von dem er das Restaurant überblicken konnte und wartete auf mich.
"Hallo, Sherlock", begrüßte ich ihn und dieses Mal ignorierte er meine Hand, die ich ihm entgegenstreckte.
"Hallo Mister, es interessiert mich einfach."
Ich setzte mich und Meyer dirigierte mich in eine Ecke, von der aus ich von der Straße nicht gesehen werden konnte, falls jemand am Restaurant vorbeiging.
"Was ist bloß los mit dir? Wieso hat ein so erfahrener Ermittler wie du Angst?"
Bevor Meyer antworten konnte, wurde unsere Bestellung aufgenommen und er wartete, bis die Bedienung wieder weg war.
"Bevor ich auch nur ein Wort sage, will ich wissen, wieso dich das interessiert."
"Die letzten Worte von Beate Fischer waren: <Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht>. Wenn das stimmt und ich glaube es, wurde sie zu Unrecht verurteilt. Das hört sich jetzt vielleicht abgedroschen an, doch es ist etwas, mit dem ich schlecht leben kann und das ich nicht hinnehmen werde. Ich will den wahren Mörder!"
"Sie war eine Mörderin. Sie hat ihren Mann mit 40 Messerstichen praktisch filetiert."
"Er soll die gemeinsame Tochter erwürgt haben. Wenn ich Kinder hätte und jemand würgte sie, könnte er froh sein, wenn er mit nur 40 Messerstichen davonkommt."
"Woher weiß du das?"
"Was?"
"Dass ihr Mann die Kleine erwürgt hat! Das steht weder in der Akte noch in einem Bericht."
Verdammt, Meyer hatte mich ertappt! Ich hatte mich zu sehr auf Beates Bericht verlassen und die Akte weniger genau gelesen… als Ermittler war ich wohl ein blutiger Anfänger.
"Von Beate. Sie hat erzählt, dass sie dazu kam, als ihr Mann die kleine Ella würgte. Sie hätte versucht, die Tochter zu retten, aber es war zu spät."
"Das sind ziemlich viele letzte Worte!"
"Scheiße! Also gut, ich habe mit ihr geredet, bevor sie in den gelockerten Vollzug kam, schließlich musste ich eine Bedrohungsanalyse vornehmen."
"Und du hast es trotzdem getan? Ich meine die Verlegung in den gelockerten Vollzug."
"Was hätte ich denn tun sollen? Laut Gesetz stand ihr das Recht zu! Unser Job ist es dafür zu sorgen, dass so etwas nicht geschieht… tja, da habe ich ganz klar versagt… aber ich habe Beate versprochen, den wahren Mörder zur Rechenschaft zu ziehen."
Meyer schwieg eine Zeit lang und blickte mich nicht an, als er anfing zu erzählen. "Ich war als einer der ersten Ermittler am Tatort. Die Kollegen hatten Beate Fischer schon in Handschellen abgeführt. Laut der Zeugin Strass hatte diese mit Beates Mann und der kleinen Ella Kaffee getrunken, um nachträglich den ersten Schultag zu feiern. Es hätte wegen vorheriger Probleme zwischen Fischer und Strass eine klare Absprache zwischen Beate und ihrem Mann gegeben. Jedes zweite Wochenende würde Petra Strass zu ihrem Freund kommen und Beate würde in der Zeit außerhalb des Hauses bleiben. Das hätte man so vereinbart, da es zwischen den Frauen Handgreiflichkeiten gegeben haben soll, die, ebenfalls nach Aussage von Strass, ausschließlich von Beate ausgegangen sind. Mit dieser Regelung wäre man dann drei Monate gut gefahren. Dennoch hätte Beate sie immer wieder bedrängt und auch verbal angegriffen. Auch Telefonterror hätte Petra Strass erdulden müssen."
"Verflucht hart dieses Abkommen."
„Schließlich kam der Tag, an dem der Streit eskalierte. Petra Strass sagte aus, Beate sei trotz der Übereinkunft in das gemeinsame Haus gekommen und hätte ihr in der Küche eine Szene gemacht. Dabei sei es zum Streit zwischen Beate und ihrem Mann gekommen. Im Laufe des Streites hätte der Mann damit gedroht, sie aus dem Haus zu werfen und dafür zu sorgen, dass sie das Sorgerecht für Ella verliert. Daraufhin wäre Beate durchgedreht, hätte die kleine Ella gepackt und ihr die Hände um die Kehle gelegt.“
"Wenn ich sie nicht bekomme, bekommt sie keiner!", soll sie geschrien haben. Ihr Mann soll Beate von Ella losgerissen und zu Boden geworfen haben, doch der Kehlkopf der kleinen Ella war bereits zerquetscht.
Während der Ehemann sich am Boden kniend um Ella gekümmert hätte, nahm Beate das Messer und stach auf ihren Mann ein. Petra Strass sagt weiter, sie hätte versucht, Beate davon abzuhalten, doch Beate hätte sie zur Seite geschleudert und sie sei mit dem Kopf auf den Boden aufgeschlagen. Anschließend sei sie aus dem Haus geflüchtet und hätte die Polizei gerufen. Soweit die Aussage von Petra Strass."
"Und? Wie ist es deiner Meinung nach wirklich abgelaufen?"
"Meiner Meinung nach? Wen interessiert meine Meinung schon!"
"Mich, verdammt nochmal. Und dich selbst!"
Wieder schwieg Meyer einen Moment, dann fuhr er fort. "Das erste was mir auffiel, waren die Würgemale am Hals der kleinen Ella. Die passten nicht zu Beates Händen. Auch war an der Kleinen kein Blut. Wäre es so gewesen, wie die Strass sagte, dass der Mann sich um Ella kümmerte, als Beate mit dem Messer auf ihn losging, hätte die Kleine mit Sicherheit einiges abbekommen. Also haben wir uns die Leiche von Beates Mann genauer angesehen.
Hast du schon mal jemanden erstochen? Das ist gar nicht so einfach, es kostet nämlich einiges an Kraft. Beate hat das Messer 44 Mal in ihren Mann gerammt. Die ersten Stiche waren tief und drangen bis zum Heft in ihn ein, die Letzten waren nur noch halb so tief.
Doch die tiefen Einstiche waren nicht im Rücken! Strass sagte aber, Beate hätte ihrem Mann von hinten angegriffen, als er sich um das Kind kümmerte. Die tiefen Stiche waren alle auf der Vorderseite! Genau 17 Stiche. Dann wurde Beate kraftloser und die letzten 5 Stiche waren nur noch oberflächlich. Nur diese waren auf dem Rücken. Für mich stand sofort fest, dass die Aussage der Strass von vorne bis hinten erlogen war."
Als ich das hörte, war ich zutiefst geschockt. Beate war, nein, Beate ist unschuldig. Der ganze Prozess und damit Beates Urteil beruhten auf einer Falschaussage. Verfluchter Mist!
"Wenn ihr das wusstet, warum habt ihr nichts getan? Ihr habt zugesehen, wie eine Unschuldige zu lebenslanger Haft verurteilt wurde!"
"Glaubst du ernsthaft, wir hätten nichts gemacht?! Verdammt! Ich war noch vor Ort, als Trommer erschien. Er ließ sich einen vorläufigen Bericht geben und verschwand. Während wir unsere Berichte schrieben, besuchte er Petra Strass und ließ sich ihre Version erzählen. Kaum waren unsere Berichte zur Staatsanwaltschaft gegangen, wurden wir zu ihm bestellt, nein, wir wurden nicht bestellt, wir wurden herbeizitiert! Trommer teilte uns mit, dass wir unsere Ermittlungen an den Aussagen von Petra Strass ausrichten sollen. Sie wäre schließlich die einzige Augenzeugin. Wir waren völlig perplex. Natürlich haben wir ihre Aussage in Erwägung gezogen, doch da gab es einige Ungereimtheiten. Wir machten Trommer darauf aufmerksam und Trommer bat uns die Ergebnisse der Untersuchungen der Rechtsmedizin abzuwarten und diese ihm vorab mitzuteilen. Wir waren einverstanden, schließlich war er für den Fall zuständig.
Nach drei Wochen kamen die Ergebnisse, es war genau, wie wir vermutet hatten. Petra Strass hatte gelogen. Beate hat zwar ihren Mann umgebracht, das gab Beate ja auch zu, aber die Würgemale deuteten auf den Ehemann als Mörder von Ella hin. Auch die Messerstiche bestätigten, dass Beate ihren Mann frontal anging. Mit diesem Ergebnis unter dem Arm sind wir zu viert zu Trommer. Er ließ sich alles haarklein darlegen und dachte nach. Dann sagte er, dass er die Version der Strass für plausibler halte und wir diese als Ermittlungsbasis nehmen sollten.
Wir dachten, dass wir uns verhört hatten. Trommer saß ganz ruhig da und verlangte von uns, die Ermittlungen in eine falsche Richtung zu lenken. Natürlich haben wir abgelehnt. Ich habe ihm gesagt, dass er sich zum Teufel scheren soll. Dabei war ich noch der freundlichste von uns."
"Was ist dann passiert? Ihr vier wart euch einig, dass Petra Strass lügt und dennoch wurde das in der Verhandlung nicht ein einziges Mal erwähnt."
"Ein paar Tage später gab es einen versuchten Einbruch. Die Meldung besagte, ein angetrunkener Jugendlicher würde versuchen, die Sicherheitsglasscheibe eines Juweliers einzuschlagen. Einer von uns vier hatte gerade Dienst und fuhr hin."
"Und?"
"Der Betrunkene hat ihn niedergeschossen. Eine Woche später wurde der Zweite von uns von hinten niedergeschlagen und liegt seitdem im Koma."
Meyer schwieg.
"Und der Dritte?"
"Der hat Trommers Version geschrieben, in die Akte gepackt und ist jetzt drei Gehaltsstufen höher als Chef einer Sondergruppe."
"Was ist mit dir?"
Meyer schwieg wieder. Was sollte er auch sagen? Dass er zu feige gewesen war, Trommer die Stirn zu bieten? Dass er zu viel Anstand hatte, Trommers Angebot anzunehmen? Die Wahrheit lag wohl irgendwo dazwischen.
"Ich habe noch zwei Jahre und keine Lust, schon vorher zu sterben. Also halte ich die Klappe. Beate hat ihren Mann umgebracht. Ganz unschuldig war sie also nicht."
"Du machst es dir ganz schön einfach."
"Tue ich das? Ich erzähle dir mal was. Falls du dich mit Trommer anlegst, dann pass gut auf dich auf, wenn du nachts unterwegs bist. Hast du nicht diese rothaarige Freundin? Ich an deiner Stelle würde sie nicht mehr aus den Augen lassen."
"Das würde sich nicht mal Trommer wagen."
"Ach ja?", grunzte er. "Neulich wollte ich meinen Enkel an der Kita abholen, da wurde mir gesagt, dass er schon abgeholt sei. Ich habe sofort Alarm geschlagen, und weißt du was? Er war zu Hause und niemand weiß, wie er dorthin kam! So viel zu dem, du machst es dir einfach."

