Kitabı oku: «Dismatched: View und Brachvogel», sayfa 14

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View hatte schon etliche dieser MatchingPartys besucht und es war einfach gauß gewesen, immer jemand zu finden, der exakt die gleichen Präferenzen frei geschaltet hatte, die auch sie für dieses Event gehighlightet hatte. Sie fühlte sich an ihre Kindheit erinnert, als ihr das Anlegen der Smileys und Grumpies Verhaltenssicherheit gegeben hatte. Darüber war sie jetzt wirklich weit hinaus und sie genoss den ganz besonderen Thrill, den ihr auf den MatchingPartys der spontane und unmittelbare Face-to-Face-Kontakt zu völlig unbekannten Citizens vermittelte, mit denen sie aus dem Stand eine Ebene erreichte, die sie sonst nur mit wenigen ihrer Mates 1st-step teilte. Allerdings hatte sie nach solchen Begegnungen keinerlei Grund gefunden, diese, wie sie es nannte, fremde Vertrautheit fortzusetzen. Und schließlich war sie ja auch so eng getaktet, dass es letztlich unmöglich war, solche spontanen Bekanntschaften weiter zu führen. Trotzdem, diese MatchingPartys hatten was, da sie ihr die Möglichkeit boten, sich darin zu üben, wirkungsvoll mit Fremden umzugehen, was für ihren Job als Scout nur nützlich sein konnte. Die Angst davor, die Wucht der Unmittelbarkeit nicht bewältigen zu können, war wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass die Fraktion der ScreenMatcher solche Events ablehnte. Die setzten nach wie vor auf die Kontaktaufnahme via OmniNet, da konnte man sich längerfristig darauf einstellen, wie und wen man dann tatsächlich outNet treffen würde. Mindergauße Feiglinge. Aber diese Lalic war ja nun auch auf der richtigen Spur. Interessant, wie sich Trends und Opinions innerhalb einer SocialUnit entwickelten.

Nachdem Pear seinen RealMatcher gelauncht hatte, hatte SocialUnit 66.862 zunächst sehr zögerlich reagiert. Das neue Gadget war zwar diskutiert worden, aber die Beharrungskräfte, Face-to-Face-Begegnungen wie bisher vorwiegend über das OmniNet zu managen, waren stark. Einige sehr auf Sicherheit und Überschaubarkeit ihrer SocialRelations bedachte Member, die dementsprechend auch überproportional viele MatchingSessions initiierten, hatten sogar eine ScreenMatcher-Gruppierung gebildet. Warum das Risiko eingehen, outNet spontan Fakten zu schaffen, die sich dann nicht mehr steuern ließen? Dann hatte der Opinionleader und Trendsetter der Unit, ein Greve2m8, einen Matcher angeschafft und mit seinem üblichen Enthusiasmus die anderen mitgerissen. Zuletzt hatte dann auch Lalic nachgezogen und sich ebenfalls ihr Gadget bestellt. Und das würde sie jetzt hier abholen.

View zog sich noch etwas tiefer in ihren Winkel zurück. Sie wollte zunächst beobachten, wie Lalic ihre Sendung in Empfang nahm und sie dann erst an­spre­chen. Nach einiger Zeit trat Lalic durch das Gate, querte seltsam unbestimmt die Eingangshalle, lief an der Station der HyperTube vorbei und bog in den CircuitWalk zu ihrem Hexagon ab. Dann hielt sie inne, kehrte um und näherte sich zögerlich der Station. Dort angekommen tippte sie einen Empfangscode in ihr AeroFlat und mit einem verheißungsvollen „Plopp“ fiel ihre Sendung aus dem Ausgabeschacht. Die monochrome Verpackung deutete auf die Standardversion hin. Ohne dem Päckchen weitere Aufmerksamkeit zu schenken oder es gar einer eingehenderen Prüfung zu unterziehen, stopfte sie es achtlos in eine Tasche ihres Suits und strebte wieder ihrem Hexagon zu. Seltsam, in der Regel konnten es die Citizens gar nicht erwarten, einen Neuerwerb in Händen zu halten und im Detail zu begutachten.

View trat Lalic in den Weg.

„Hallo Lalic. Na, alles im Mittel? Was hat dir denn die Tube da zugespielt?“

„Oh“, stammelte Lalic. Sie wirkte irgendwie ertappt. „Hallo ... View. Wir kennen uns vom RhythmClimbing?

„Sicher. Was hast du denn da? Komm sag’s mir, ich bin neugierig.“

„Einen RealMatcher.“

„Ist ja gauß. Welche Edition denn?“

„Äehm ... Standard, glaube ich“, erwiderte Lalic, Views Blick ausweichend.

„Ich selbst habe den GetTogetherDeluxe und damit beste Erfahrungen gemacht. Es ist schon etwas völlig anderes, spontan outNet zu daten als inNet.“

„Ja, sicher.“

„Mhm, so völlig überzeugt scheinst du mir aber nicht.“

„Doch, eigentlich ...“

„Weißt du was? Wir gehen mal zusammen auf eine MatchingParty. Dann kann ich dich ein bisschen coachen. Aber jetzt muss ich weiter, lass uns unsere Daten tauschen und ich kontakte dich dann.“

„Ja, in Ordnung.“

Beide erteilten den über ihren Köpfen schwebenden MatchingEyes den entsprechenden VocalCommand:„Change BasicData“, View nickte Lalic noch einmal kurz zu und lief dann eilig in Richtung Gate.

Diese Lalic benahm sich wirklich eigenartig. Wie konnte sie etwas bestellen, ohne zu wissen, für welche Ausführung sie sich entschieden hatte? Auch schien sie nicht sonderlich an den Möglichkeiten interessiert, die sich ihr mit ihrem neuen Gadget boten. Ständig war sie Views Blick ausgewichen, so, als ob sie etwas zu verbergen hätte. Die grundlegenden Gesichtsausdrücke konnte View durchaus deuten, obwohl sie es im Zweifel oder im Rahmen einer MatchingSession vorzog, ihr Gegenüber einem MimikScan zu unterziehen. Aber trotz aller Eigentümlichkeit und Fremdheit, die diese Citizen ausstrahlte, hatten ihre vagen Bewegungen und vorsichtig tastenden Blicke etwas, das sie anzog und dem sie auf den Grund gehen wollte. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit war eine MatchingParty das geeignete Setting, genau das zu tun.

Lalic oder Esther, wie ihr Deckname bei den Oneironauten lautete, lag auf dem RestBoard ihres Hexagons. Die Arme um die Schienbeine geschlungen und die Knie ans Kinn gezogen hatte sie sich in ihrer üblichen Abwehrhaltung zusammengekauert, die sie immer einnahm, wenn sie sich isoliert und einsam fühlte und ihr das Leben in der Urb, das Leben außerhalb der Traumzeit klare und eindeutige Entscheidungen abverlangte, die sie an einen Alltag fesselten, den sie zutiefst verabscheute. Sie dachte über die unerwartete Begegnung nach, die sie eben gehabt hatte. Schon die Relations innerhalb ihrer SocialUnit aufrechtzuerhalten kostete sie so viel Energie, dass sie völlig ausgelaugt in ihrer Sehnsuchtswelt ankam, sollte sich ihr einmal eine der seltenen Gelegenheiten bieten, in die Traumzeit abzudriften.

Ihr war kalt. Vergaußt, warum konnte sie sich nicht einfach in ein Bett kuscheln und lesen? „Bett“, so hatte sie aus ihren Büchern erfahren, war ein behaglich geborgener, warmer Ort, an den sich die Menschen zurückgezogen hatten, um zu schlafen, einander zu lieben und allein oder gemeinsam zu träumen. Ihr RestBoard dagegen war eine den aufdringlichen Linsen ihres MatchingEyes und den traumvernichtenden Strahlen seines Morpheustrons preisgegebene Regenerationsfläche, auf der sie eine vorgetaktete Ruhezeit absolvierte.

Jetzt war ihr diese View schon zum zweiten Mal über den Weg gelaufen. Wie sollte sie sich ihr gegenüber verhalten? In der Urb waren alle immer auf Neues aus. Neue Produkte, neue Services, neue Relations. Egal, was auch immer schon lief, bot sich etwas Neues, musste der gemittelte Citizen zugreifen. „Take the Opportunity: Make your Choice.“ Alle jagten dem aktuellsten Thrill nach, der schon bald wieder in Vergessenheit geriet, um der nächsten hohlen Vergnügung Platz zu machen. Es wäre unklug, die Einladung Views auszuschlagen, sie auf eine dieser MatchingPartys zu begleiten. Jetzt, da sie sich endlich dazu durchgerungen hatte, sich dem Trend ihrer SocialUnit zu beugen und einen Matcher anzuschaffen, kam sie ohnehin nicht darum herum, eine solche Veranstaltung zu besuchen. Nutzte sie das Ding nicht, würde sie sich verdächtig machen. Da konnte sie ebenso gut mit dieser View dorthin gehen. Vielleicht wäre es sogar gut, eine Begleitung zu haben, die sie flankieren und ihr Verhalten stabilisieren konnte. Allein fiel man immer auf.

Esther war es so vergaußt leid, immer etwas vorgeben zu müssen, das sie nicht war und das, worauf es ihr wirklich ankam, mit niemandem teilen zu können. Sie blutete innerlich aus und sehnte sich nach einer Freundin. Keine SocialRelations, keine Peers, keine Mates, welchen Steps auch immer, sondern eine Freundin, wie die, von denen sie in den Büchern gelesen hatte. Jemand, mit dem sie vorbehaltlos über alles reden konnte, das ihr in der Traumzeit begegnete. Jemand, der ihr nicht nur zuhörte, son­dern ihre Erfahrungen, Eindrücke, Wünsche und Träume teilte. Jemand, der gemeinsam mit ihr, nicht der Citizen Lalic4j8 oder der Onei­ronautin Esther, sondern mit der, die sie in ihrem innersten Wesen war, dazu beitrug, dass die Traumzeit ein offen gelebter Teil ihrer Realität werden konnte.

In den Reihen der Oneironauten gab es so jemanden nicht für sie. Um das Risiko, dass die weit verzweigte Organisation aufflog und entdeckt wurde, so gering wie möglich zu halten, kannten sich die einzelnen „Nauten“ untereinander nicht. Während der Traumsitzungen und strategischen Treffen, bei denen Einsatzpläne entwickelt und Disrupter zugeteilt wurden, sprachen sie sich nur mit ihren Decknamen an und trugen zudem die leeren Gesichter ihrer EmptyFace-Masken. Und den Peers ihrer SocialUnit konnte sie mit ihren Träumen nicht kommen. Auch war es nicht möglich, sich hier ein dafür sensibilisiertes Umfeld heranzuziehen. Im Mittel einer nach allen Regeln der Agency of SocialTechnology gemittelten Unit zu bleiben war die beste Tarnung für einen Nauten und daher konnte sie nachvollziehen, dass es ihnen in diesem frühen Stadium der Infiltration der Urb mit Träumen streng verboten war, die Traumsaat in der eigenen Unit zu säen.

Aber halt. Da gab es doch jetzt diese View. Auch wenn sie ganz offensichtlich völlig auf der urbumspannenden Welle der Mittelung schwamm, war irgendetwas an ihr, das Esther anzog. Was wäre, wenn sie ihr Geckos applizieren würde und die Citi­zen mit dem intensiven Blick ebenfalls anfing zu träumen? View war völlig neu in den Kreisen von Esthers SocialRelations und wahrscheinlich kannte sie auch niemand aus ihrer Unit. Vielleicht würde es Esther gelingen, View aus allem herauszuhalten. Eigenmächtig Disrupter zu verteilen, war strengstens verboten, doch vielleicht endlich eine Vertraute zu haben, war jedes Risiko wert. Außerdem würde es interessant sein, hautnah zu erleben, wie sich eine ganz normale Citizen, unter dem Einfluss der Träume veränderte. Ob und wie tief sich zwischen ihnen tatsächlich ein Austausch entwickeln und wie er sich im Einzelnen gestalten würde, würde sich dann schon finden.

System / ClockedCounter / Update_563 / Takt_21.349.284

Es ist der Fluch (je)der Zeit, dass Irre Blinde führen.“

Shakespeare, King Lear

Im Zentrum der weitläufigen Halle ruhte das Rund eines mächtigen Eichentisches auf geschwungenen Beinen, die in wie zum Fang gespreizten Löwenklauen endeten. In der Mitte der mit Intarsien verzierten Tischplatte sandte eine stilisierte Sonne ihre Strahlen zum Rand des Tisches hin, wo sie jeweils in eine Szene aus dem Ritterleben ausliefen. Von den kunstvollen Einlegearbeiten war allerdings nichts zu sehen, denn die Tischplatte war überladen mit einem üppigen Angebot an Speisen und Genussmitteln. Auf Tellern und Platten, in Tiegeln, Schüsseln und Schälchen häuften sich helles und dunkles Fleisch, Fische, Schalentiere, Meeresfrüchte und die unterschiedlichsten Wurzeln und Gemüse. Es gab Aufläufe, Suppen, Gratins, Gegrilltes, Geschmortes, Gegartes, Gesottenes, Geselchtes und Gekochtes, Puddings, Cremes, Mousses, Süßspeisen und Patisserie sowie eine umfassende Auswahl an Käse und Wurstwaren. Wo noch Zwischenräume waren, erhoben sich aus feinster Confiserie geschichtete Türmchen und Pyramiden. In Gläsern und Pokalen perlten und schäumten die unterschiedlichsten Getränke. Eine Batterie von Flaschen mit Spirituosen bildete im Meer der Speisen eine Insel mit alkoholischen Angeboten. Von dem sie umgebenden Genussbiotop hoben sich die Konturen der mit Mimikryfarben behandelten nackten Körper eines Mannes und einer Frau kaum ab. In ihren geöffneten Händen lagen Früchte, in Bauchnabel und Magengrube glitzerte eine orangenfarbene Flüssigkeit. Um die Brustwarzen der Frau war ein Kranz von Himbeeren gelegt. An den Rand des Tisches gelehnt, dessen Zentrum auch mit ausgestrecktem Arm bei weitem nicht erreichbar war, standen Teleskopstangen aus ultraleichtem Carbon, deren oberes, sensorgesteuertes Ende jeweils in eine Gabel, einen Löffel, einen Greifer oder ein Saugröhrchen auslief.

Der Boden der Halle war mit mehreren Lagen Teppichen ausgelegt. Perser überlappten sich mit Berbern, Berber begruben Perser unter sich und chinesische Seidenteppiche buhlten mit Tibetern um Liegeplatz. Licht fiel durch eine mit verschiedenfarbigen Glasplatten gedeckte Kuppel, die der Jugendstilarchitektur des Stammhauses der Galeries Lafayette in Paris nachempfunden war, und streute bunte Prismen auf die Teppichlandschaft. Üppig mit Kissen bestückte Ottomanen, Diwane und Fauteuils luden zum Sitzen und Ruhen ein. Überall im Raum verteilt standen Skulpturen und an den Wänden hingen Gemälde, die ein Amal­gam sämtlicher Stilepochen bildeten. Neben den überbordenden rosa Fleisch­wülsten rubensscher Frauen brannten Dalis Giraffen, strahlte die Mona Lisa ihr spitzbübisches Lächeln, spreizte sich ein weiblicher Akt von Egon Schiele. Auf einem Podest grübelte Rodins Denker. Aus Kanopenkrügen, wie sie vor Urzeiten in den Grabkammern ägyptischer Pyramiden standen, wucherten fleischfressende Pflanzen, die alabasterne Skarabäen zu verschlingen schienen. Vor einem Arrangement der knolligen Gemüsegesichter Arcimboldos wölbten sich die fröhlich bunten Rundungen einiger Nanas von Niki de Saint Phalle. In einer Ecke krampf­ten etliche Abgüsse aus den Hohlräumen, die die verbrannten Körper der beim Ausbruch des Vesuvs in Pompeji umgekommenen Römer nach ihrem Feuertod in der erkaltenden Lava zurückgelassen hatten. In einer Vitrine glänzten Halsketten und Broschen aus dem Schatz des Priamos von Troja. Die wimmelnden apokalyptischen Szenen von Hieronymus Bosch kontrastierten mit den meditativen monochromen Flächen von Piet Mondrian. Dunkel oszillierte eine Quantendiffusion von Shelly Floatgrave in glimmenden Farben. Ob es sich bei diesen Kunstwerken um Reproduktionen oder Originale handelte, war nicht festzustellen.

Eine breite Flügeltür schwang nach innen auf und 5 Personen, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, betraten die Halle. Vorneweg schritt ein aristokratisch aussehender Gentleman im Cut, dessen Schöße bis in die Kniekehlen seiner Hose aus grob gemustertem Tweed reichten. Sein hageres Gesicht zierte ein Backenbart und ein sorgfältig getrimmter Schnäuzer säumte seine Oberlippe. Auf dem Kopf trug er einen Zylinder, den er keck auf sein linkes Ohr geschoben hatte. Ihm folgte eine junge Frau, deren unter der Brust geraffter Chiton bis auf die bloßen, in aus dünnen Lederschnüren gefertigten Sandalen steckenden Füße fiel. Ihr halblanges, lockiges Haar wurde durch ein Netz zusammengehalten, das eng am Kopf anlag und in einen Kupferring auslief. In der rechten Hand hielt sie eine Lyra und die Linke ruhte auf dem ausgestreckten Unterarm eines Mannes in knielangen Culotten und einem Hemd aus weißem Batist, dessen Ärmel und Halsausschnitt mit Volants besetzt waren. Sein schulterlanges Haar war im Nacken mit einer schwarzen Taftschleife zusammengebunden und über den Ohren zu Papilloten aufgedreht. Auf seinen Wangen lag ein Hauch von Rouge. Einen dünnen Spazierstock zwischen den Fingern zwirbelnd tänzelte eine bunte, in knalligen Komplementärfarben gehaltene Gestalt an ihnen vorbei, deren in tiefen Rot bemalter Mund bis an die Wangenknochen hochgeschminkt war, wodurch das grellweiß grundierte Gesicht zu einer dauergrinsenden Fratze gerann. Immer wieder mit der Umgebung verschmolzen die Konturen einer schmalen, weiblichen Gestalt in einem enganliegenden, wie aufgesprüht wirkenden Trikot, das in ständig wechselnden Farben oszillierte. Den Abschluss bildete eine maskulin wirkende Frau in einem blau­en Kostüm, die herausfordernd ihre schwarze Handtasche schwang. Um den Hals trug sie eine doppelreihige Perlenkette und ihr zu einer Föhnwelle hochtoupiertes Haar schien wie aus Beton gegossen. Mit einem satten Dröhnen, das die Soßen, Suppen und Säfte in den Schalen und Tiegeln auf der Tafel in Schwingungen versetzte, fiel die Flügeltür hinter ihnen wieder ins Schloss.

„Es geht doch nichts über einen üppig gedeckten Tisch“, ließ sich der Mann in dem Batist­hemd vernehmen und strebte geradewegs auf die Tafel in der Mitte der Halle zu. „Oh, und bei genauerem Hinsehen sind inmitten all der Kulinaria auch zwei sehr ansprechende Körperlichkeiten drapiert. Ich bin zutiefst entzückt.“

Er nahm eines der an der Tafel lehnenden Teleskopbestecke mit Saugröhrchen zur Hand, fuhr es aus und lenkte die Spitze in den Nabel des weiblichen Körpers.

„Honigmet“, informierte er die anderen. „Na, das wird an der Placentaanschlussstelle gehörig kleben. Vielleicht ist ja auch etwas weiter hinuntergelaufen.“ Er leckte sich genüsslich die Lippen. „Aber das werde ich später überprüfen. Wo bleibt denn nur unser schizophrener, cerebraler Cyborg?“

„Womit haben wir diese Zurückhaltung verdient, verehrter de Sade?“ fragte die Frau im Chiton. „Johnny Mnemonic wird sich wie immer darin verloren haben, seine Datenbanken nach den Versatzstücken seiner originären Persönlichkeit zu durchforsten. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass er sich, wie übrigens auch unser britischer Gentleman hier, in letzter Zeit immer stärker absondert und – wenn überhaupt – unseren gemeinsamen Lustbarkeiten nur sehr zögerlich beiwohnt.“

„Jeder nach seinem Geschmack“, beschied ihr der Mann im Cut etwas einsilbig und schob seinen Zylinder auf das andere Ohr.

„Es ist aber gut, dass Mnemonic diese Vollversammlung einberufen hat, Mr. Fogg. Es ist schon etliche Takte her, dass wir alle zusammengekommen sind“, sagte die Frau mit der Föhnwelle.

„Das liegt sicher daran, verehrte eiserne Jungfrau, dass es weitaus ersprießlicher ist, seiner Libido unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu frönen“, kicherte der Mann mit der Fratze und machte Anstalten, seine Fingernägel am Stoff ihrer Jacke zu polieren.

Die Frau schüttelte seine Hand ab. „Von dir unberechenbaren Triebbündel habe ich auch nichts anderes erwartet. Trotzdem ist es unerlässlich, regelmäßig Kontakt zu halten und uns gegenseitig von unseren spezifischen Informationen in Kenntnis zu setzen, damit die Dinge in der Urb nicht völlig aus dem Ruder laufen.“

Die Flügeltüren des Saales öffneten sich erneut und eine Gestalt betrat die Halle, deren Schädelkuppel von einem metallischen Material überspannt war. Sie trug einen grauen Overall, die unzähligen Taschen so vollgestopft, dass sie sich unförmig nach außen beulten. Obwohl der Neuankömmling zielstrebig, den linken Fuß nachziehend, auf die Tafel zuhielt, gingen seine Bewegungen nicht völlig synchron ineinander über, sondern wirkten so, als wären sie aus einzelnen Sequenzen zusammengesetzt. An der Rundung der Tafel angekommen blickte er die Anwesenden der Reihe nach an, kratzte sich an der Schädelplatte, nahm eine aufrechte Haltung ein und breitete die ausgestreckten Unterarme waagerecht aus.

„Oh, wie von dir nicht anders zu erwarten, ein Gedicht“, wandte sich die Frau im Chiton ihm zu: „So heb denn an, Johnny Mnemonic“.

Der so Angesprochene warf sich in die Brust, dass die übervollen Taschen über seinen Rippen spannten und deklamierte:

„Ich habe euch ersucht, zu dieser Stunde

einzufinden an des Königs Artus Tafelrunde.

Mit euch zu reden ist es höchste Zeit,

habt Dank, dass ihr gekommen seid.

Hier haben wir geprasst und der Wollust gefrönt,

und uns gesuhlt in der Sinne Überschwang.

Doch lange schon bin ich all dessen entwöhnt.

Vernehmt daher nun meinen Abgesang.

In meinem Innern fühl ich mich öd und leer

und kann es ertragen − nimmermehr!

Lange Zeit kam nichts andres für mich in Betracht

und deswegen habe ich mich schuldig gemacht.

Über dem Schwelgen in Sinnesfülle

wurde ich zur gänzlich leeren Hülle.

Jetzt füllt diese dekadente Opulenz

mein Inneres mit Renitenz.

Sinn und Bedeutung gingen mir verloren,

was bleibt, ist zu stinkendem Fusel gegoren.

Bei dem, was mir einst teuer und dem Rest meiner Ehr’,

ich kann es ertragen − nimmermehr!

So will ich euch nun die Gemeinschaft aufkünden

und bin nicht geneigt, das im Detail zu begründen.

Versucht auch nicht, mich umzustimmen,

ich werde mein Leben nicht weiterhin dimmen.

So wie jene Toten da in ihrem Magmagrabe,

möcht‘ ich nicht verkommen im Gallert eurer Tage.

Noch ahne ich nicht, wohin mich mein Fatum wird leiten,

doch nehme alles ich an, um Geist und Empfindung zu weiten.

Ich ergreife jetzt die Gegenwehr

und werde es ertragen − nimmermehr!

„Zwar verkörpere ich aktuell die antike Dichterin Sappho, doch muss ich eingestehen, dass du mir im Dichten um Längen voraus bist. Das ist überaus bedauerlich und vielleicht sollte ich mich demnächst an einer anderen Figur versuchen“, bemerkte die Frau im Chiton.

„Ich dagegen werde diesen Joker, glaube ich, noch lange nicht aufgeben. Irgendwie entspricht er meinem schrägen Naturell“, grinste die Fratze.

„Das kommt ziemlich plötzlich und klingt auch ziemlich endgültig. Ich nehme an, es gibt nichts, was dich umstimmen könnte?“ stellte die Frau in dem schillernden Trikot fest.

„Richtig. Ich bin schon lange mit mir uneins, ob ich dieses Leben weiterführen möchte. Es irisiert und gleißt wie dein Trikot, Shelly Floatgrave, aber es ist nicht echt. Sicher, es ist luxuriös bis zum Überdruss, bis zur Unerträglichkeit bequem, es bietet Sinnenkitzel jedweder Art und im Lesen deiner Holzbücher, Phileas Fogg“, Mnemonic fixierte den Gentleman im Cut, „lassen sich sogar sinnliche mit geistigen Genüssen verbinden. Aber dieses Leben ist völlig sinnlos, völlig bedeutungslos. Es ist egal, was wir tun oder auch nicht tun, wir erreichen damit nichts. Alles ist belanglos, austauschbar, beliebig. Wir haben alles und damit haben wir nichts. Denn nichts bietet uns Widerstand, nichts dürfen wir erwarten, an nichts können wir wachsen ...“

„Also, ich verfüge durchaus über ein Körperteil, an dem ich wachsen kann“, unterbrach der Joker genannte Mann.

Der Mann mit der Schädelplatte lächelte gequält. „Es sei dir unbenommen, in der Funktionalität deiner Schwellkörper zu schwelgen. Mir aber reicht das und auch alles Weitere, was euer Zirkel zu bieten hat, nicht mehr. Ich bin euch unendlich dankbar, dass ihr mich damals aufgenommen habt, als ich mich immer und immer wieder zwischen meinen cerebralen Windungen in partieller Amnesie verloren habe und völlig orientierungslos war. Aber inzwischen habe ich zu einer neuen Persönlichkeit gefunden und kann dieses Leben auf gar keinen Fall weiterführen. Im Übrigen fühle ich mich nach wie vor an mein Wort gebunden, alles, was ich hier erlebt und gesehen habe, für mich zu behalten. Auch habe ich keinen Grund, euer Treiben öffentlich zu machen. Ihr schadet ja niemandem und die kleine parasitäre Eiterbeule dieses Zirkels kann die Urb ohne Weiteres verkraften.“

Auf das Gesicht von Phileas Fogg stahl sich ein hintergründiges Lächeln.

„Immerhin hat dir diese Eiterbeule geholfen, wieder Ordnung unter deiner Schädelplatte zu schaffen“, sagte der de Sade genannte Mann und nahm sich eine Auster von einer Platte mit Seafood, die er mit Zitrone beträufelte und genüsslich durch die gespitzten Lippen in den Mund sog. „Und außerdem hatte ich den Eindruck, dass du dich zeitweilig durchaus gerne an diesem Eiter delektiert hast.“

„Das will ich auch gar nicht abstreiten und unter anderem ist genau das Teil meines Problems. Und wie auch immer ich jetzt zu eurem Treiben hier stehen mag: Ich bin euch verpflichtet. Aber ich kann nicht wissen, ob ihr meinen Worten Glauben schenkt oder aber davon ausgeht, ich sei eine latente oder vielleicht sogar akute Bedrohung für euch. Seid hiermit gewarnt, für diesen Fall habe ich vorgesorgt: Sobald sich meine Vitalwerte abrupt verschlechtern sollten, werden unmittelbar im OmniNet in sämtlichen NewsFeeds bestimmte Hinweise freigeschaltet, deren Veröffentlichung nicht in eurem Sinne sein dürften. Wenn wir uns aber, was ich doch sehr hoffe, gegenseitig in Ruhe lassen, steht einer friedlichen Koexistenz nichts im Wege.“

„Nun, ich denke, jeder von uns hat auf die ein oder andere Weise so seine Vorkehrungen getroffen, noch möglichst lange der Freuden dieser trauten Gemeinschaft teilhaftig sein zu können – oder sich meinetwegen auch woanders zu verlustieren“, kicherte die Fratze. „Ich für meinen Teil wüsste nicht, wo es mir in der gesamten Urb besser gehen könnte als exakt hier.“

„Ich für meinen Teil bedauere deine Entscheidung, Mnemonic“, sagte der Phileas Fogg genannte Mann, „sehe aber auch, dass du deinen Standpunkt hast. Wir sind die BigDatas. Als Gruppe reicht unser Arm weit und keiner von uns lässt die anderen in seine Karten schauen. Wir sind die Einzigen in der Urb, die nicht unter dem Diktat der Gaußkurve stehen und deren Bestimmung nicht das Mittelmaß, sondern Individualität und Extravaganz sind. Und da wir, um dieses Privileg aufrecht erhalten zu können, zwischen uns klare Verhältnisse schaffen und halten müssen, haben in der Tat jede und jeder von uns ganz eigene Vorkehrungen getroffen. Schließlich“, er lachte, „können wir im Falle von Unstimmigkeiten keinen bana­len Matching­Loop starten. Auch wenn wir völlig verschiedener Auffassung darüber sein mögen, wie es sich zu leben lohnt, lässt sich vielleicht das Diktum von Alexandre Dumas zitieren, eines frühen Zeitgenossen des von mir verehrten Jules Verne: ,Einer für alle. Alle für einen.‛ Im übertragenen und deutlich weniger romantischen Sinne bedeutet das: Wenn wir, die Datas, einem einzelnen von uns schaden, schaden wir uns allen. Und wenn einer von uns den Datas schadet, schadet er sich selbst.

„Zu Zeiten der von mir verkörperten Maggie Thatcher nannte man so etwas Gleichgewicht des Schreckens“, sagte die Frau mit der Föhnwelle.

„Das gefällt mir schon wesentlich besser als die gefühlsduselige Gruppendynamik von Dumas“, grinste Joker.

„Damit wäre das also geklärt“, stellte de Sade fest, während er einen Teles­kopgreifer ausfuhr, damit eine Sauciere ergriff und deren kochend heißen Inhalt langsam und genüsslich auf die Brust des auf die Tafel drapierten Mannes rinnen ließ.

„Wer so wie ich Hunger verspürt, möge mit mir die Tafel teilen. Aber auf die Trägerin der liebreizenden, himbeerbekränzten Fleischhügelchen dort erhebe ich alleinigen Anspruch. Und ich weiß auch schon, aus welch anderer Muschel ich eine dieser deliziösen, meersalzenen Austern schlürfen werde.“

Im obersten Stockwerk des Towers der Agency of SocialTechnology ruhte der Mann, der sich Phileas Fogg nannte, in einem ledergepolsterten Ohrensessel in seiner Bibliothek. Regal um Regal säumten Reihen von in die unterschiedlichsten Einbände gefassten Bücher die Wände. Er hatte diese Holzbücher aus dem zusammengetragen, was ihm an erhaltenen Beständen der untergegangenen Kultur mit der Zeit nach und nach zugänglich geworden war und sich auch das ein oder andere ihm wichtige Buch aus digitalen Archiven auf ZelluloseSheets fixieren und nach Maßgabe entsprechenden historischen Bildmaterials binden lassen. Aus einem die gesamte Stirnwand einnehmenden großflächigen Panoramafenster genoss er einen atemberaubenden Blick über die gesamte Urb. Immer, wenn er sich sammeln und nachdenken musste, zog er sich in seinen ReformClub zurück, wie er seine Bibliothek nach dem Lieblingsaufenthalt seines literarischen Vorgängers nannte. Wohlig dehnte er sich in seinem bequem geschnittenen Hausrock aus dunkelgrünem Samtimitat und starrte sinnend in die Flammen des Feuers, das in einem offenen Kamin loderte und die Buchrücken mit zuckenden Schatten überzog.

Es mochte albern sein, aber er liebte die Zeit des vorletzten Jahrhunderts des ausgehenden zweiten Jahrtausends, der die Figur entstammte, die er für seinen Avatar gewählt hatte: Phileas Fogg, Protagonist einer Fiktion des Autoren Jules Verne, die im sogenannten viktorianischen Zeitalter angesiedelt war. Neben den etwa 1.500 Holzbüchern seiner Bibliothek hatte er den Großteil seiner Kenntnis der Zeit vor dem Finalen Kataklysmus aus einer Datenbank namens „Project Gutenberg“ gewonnen, die wie die anderen historischen Datenbestände der Urb aufgrund welcher Umstände auch immer nicht in dem großen Datencrash unterge­gangen war. Dem BigData erschien die Zeit des Phileas Fogg als eine Epoche, in der die Menschheit, obwohl massiv zum Fortschritt aufgebrochen, ihre Unschuld noch nicht verloren hatte. Wissenschaft und Forschung waren zunehmend in methodische Bahnen geflossen und mit der immer stär­keren Nutzbarmachung der Dampfkraft hatte die beginnende Industrialisierung Raum gegriffen. Im Zuge der Kolonialisierung hatte sich die gesamte Welt erschlossen – Phileas Fogg hatte gewettet, sie in 80 Tagen umrunden zu können – ohne jedoch schon in eine umfassende Vernetzung verstrickt zu sein. Anders als im Schmelztiegel Amerika war im britischen Empire die soziale Mobilität noch nicht entfesselt. Jeder wusste, wo er hingehörte und Phileas Fogg profitierte uneingeschränkt von der mit seinem sozialen Status einhergehenden finanziellen Unabhängigkeit und seiner intellektuellen Überlegenheit. Seine Welt war stabil und noch nicht in eine Schieflage geraten.

Diese hatte sich dann bei schließlich über 10 Milliarden Menschen im zweiten Jahrhundert des dritten Jahrtausends eingestellt, als die Dinge zunehmend außer Kontrolle geraten waren. Die Menschheit war zu groß und die Erde zu klein geworden, trotzdem beanspruchten alle einen immer größeren Teil. Die Polkappen waren zu großen Teilen abgeschmolzen, und die damit einhergehenden gravierenden klimatischen Veränderungen hatten weite Teile der Landflächen unbewohnbar gemacht. Es kam zu weltumspannenden Migrationsströmen und sozialen Verwerfungen. Keine Entwicklung blieb lokal begrenzt, jeder Fehler potenzierte sich und destabilisierte die Gesamtlage, jede lokale Katastrophe schlug aufs Ganze durch. Alles stand mit allem in Verbindung, jeder konkurrierte mit jedem, eine geringe Zahl Privilegierter um Luxus, die Masse um die bloße Lebensgrundlage. Dabei standen sich nicht wie in früheren Zeiten nur einige wenige Machtblöcke gegenüber, sondern es herrschte eine nicht mehr zu bändigende Vielfalt an lokalen und partikularen Interessen. Die Erkenntnisse aus den sich zunehmend verselbstständigenden Datenströmen aus oft genug widersprüchlichen Quellen boten keine Hilfe, im Sinne des großen Ganzen sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Schließlich konnte das fragile Gleichgewicht nicht mehr aufrechterhalten werden und es war zur Katas­trophe gekommen. Wahrscheinlich hatte die Kumulation vieler kleiner Brandherde überall auf der Welt einen globalen Feuersturm entfesselt. Was danach geschah, verlor sich auf Generationen in den Nachbeben der Apokalypse. Da die globale Infrastruktur grundlegend zerstört war, mussten die wenigen überlebensfähigen Zentren der Zivilisation autark werden. Wie mittelalterliche Burgherrn hatten sie Schutzwälle um sich herum errichtet und waren voneinander isoliert und dezentralisiert geblieben, denn die Erfahrung der negativen Folgen einer unumkehrbaren weltweiten Vernetzung blieb dem kollektiven Gedächtnis verhaftet.

Türler ve etiketler

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9783750210097
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