Kitabı oku: «Seewölfe Paket 19», sayfa 11

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5.

Als die Black Queen in den späten Vormittagsstunden des nächsten Tages zusammen mit ihrem Anhang die Felsenkneipe „Zur Schildkröte“ betrat, hockte Emile Boussac bereits mit kummervoller Miene an einem Tisch und starrte in einen halbleeren Rotweinhumpen.

Jaime Cerrana lachte spöttisch.

„Was ist denn mit dir los, Monsieur Boussac? Du schneidest ja ein Gesicht, als hätten dir die Hühner das letzte Stück Brot weggefressen.“

Boussac hob den Kopf.

„Ihr habt gut reden“, jammerte er. „Mit euren Plänen geht es wenigstens vorwärts. Ihr könnt Tag für Tag neue Fortschritte verbuchen. Aber was ist mit mir, dem einst so stolzen Besitzer von ‚La Mouche Espagnole‘? Es ist zum Heulen! Ich sitze hier und warte auf meine Süßen aus Paris. Dabei weiß ich noch nicht einmal, ob sie jemals auf Tortuga eintreffen werden. Schließlich waren sie ja nach El Triunfo beordert und …“

Jetzt riß der Black Queen der Faden. „Hör endlich auf mit deinem ewigen Gejammer, Boussac! Das alles wissen wir längst, und ich kann dein Gejaule nicht mehr hören. Es gibt wahrhaftig wichtigere Dinge zu tun, als ständig hinter deinen lausigen Freudenmädchen her zu heulen. Huren gibt es überall auf der Welt, die kann man immer noch importieren, wenn die Siedler erst einmal Fuß gefaßt haben.“

Emile Boussac hob abwehrend die Hände.

„Ganz so einfach ist das nicht“, sagte er. „Schließlich stehen die Mädchen in Paris nicht in langen Schlangen, um auf ihren Abtransport zu warten. Außerdem dauert es verdammt lange, bis ein neuer Transport zusammengestellt ist. Dabei geht viel kostbare Zeit verloren, in der man keine Geschäfte tätigen kann. Es ist schon ein rechtes Kreuz, wenn man bedenkt, daß es auf Tortuga ganz hervorragende Möglichkeiten gibt …“

„Schluß jetzt, Boussac!“ Die Queen hieb mit der Faust auf den Tisch. „Ich kann’s nicht mehr hören. Plötzlich dreht sich auf Tortuga alles nur noch um Huren!“

Emile Boussac war beleidigt. Er murmelte etwas von Unverständnis und Mißgunst vor sich hin und zog sich schmollend zurück. Er spürte plötzlich, daß sein Kopf schwer geworden war, denn er hockte bereits seit dem frühen Morgen in der „Schildkröte“, schluckte einen Humpen Wein nach dem anderen und hoffte inbrünstig, daß seine „Püppchen“ doch noch den Weg nach Tortuga finden würden.

Jetzt aber war er müde, und irgendwo in den Felsengewölben würde er schon noch eine freie Nische finden, in der er sein müdes Haupt ein Stündchen auf die Tischplatte legen konnte.

Emile Boussac war davon überzeugt, daß sich langsam alles gegen ihn verschwor. Kein Wunder, daß er mit seinem Schicksal haderte. Das Gespräch, das er noch spät in der vergangenen Nacht mit Diego geführt hatte, war auch nicht gerade dazu angetan, seine Laune zu heben.

Wie der dicke Wirt beteuert hatte, waren die Geschäftsmöglichkeiten auf Tortuga gar nicht so rosig. Daß der schlitzohrige Diego absichtlich den Gang seiner Geschäfte in den düstersten Farben ausgemalt hatte, weil er nicht gern einen zweiten Schankwirt als Konkurrenten in der Nähe haben wollte, ahnte Boussac nicht.

Laut Diego konnte man als Schankwirt auf Tortuga nur ein sehr armseliges Dasein fristen, weil ja kaum etwas los war auf dieser einsamen Insel.

Mon Dieu, das Leben war manchmal hart und grausam. Emile Boussac seufzte tief und gottergeben, als er seinen bleischweren Kopf auf die verschränkten Arme sinken ließ.

Daß ein Mann von der „Caribian Queen“ im Laufschritt in die Kneipe stürmte, um der Black Queen die Ankunft eines gar seltsamen Schiffes zu melden, kriegte der sonst so quicklebendige Franzose nicht mehr mit.

„Was heißt hier seltsames Schiff?“ herrschte die Queen den Mann an. „Kommt es vielleicht durch die Luft geflogen?“

„Nein, Madam“, erwiderte der Kreole und glotzte die Queen dümmlich an. „Es – es schwimmt im Wasser.“

„Was du nicht sagst!“ Das Gesicht der schwarzen Piratin wurde böse. „Vielleicht klappst du jetzt dein verdammtes Maul auf und drückst dich klar und verständlich aus! Ist es ein Schiff des Seewolfs?“

„Nein, Madam, das ist es wohl nicht. Aber es sieht so – so komisch aus. Es flattern überall bunte Tücher herum. Die Kanonen sind auch in Tücher eingehüllt, und als Flagge führt die Galeone ein Stück Stoff mit einem roten Herzen darauf. Bei der Galionsfigur handelt es sich um einen goldenen Hahn …“

„Was soll das? Hast du schon am frühen Morgen Rum getrunken?“

„Gewiß nicht, Madam!“ Der Kreole deutete eine Verbeugung an. „Es ist so, wie ich gesagt habe. Das Schiff hält direkt auf die Hafenbucht zu. Und – und außerdem hat es eine Menge Frauen an Bord.“

„Frauen?“ Die Queen horchte auf und erhob sich spontan. „Zum Teufel, das können nur Boussacs Huren sein!“

Mit Tomdijk und Caligula im Gefolge begab sich die Black Queen schnurstracks zum Hafen, und schon bald konnte sie mit eigenen Augen erkennen, daß der Kreole nicht übertrieben hatte. Auf dem Schiff gab es tatsächlich eine ganze Menge Frauen, auch die merkwürdige Aufmachung stimmte mit der Meldung überein. „Coq d’Or“ hieß die Galeone und stammte eindeutig aus Frankreich.

„Das sind ohne Zweifel die Mädchen aus Paris“, sagte Caligula. „Da hätte sich Boussac das Gejammere sparen können. Der Kapitän war schon von selbst so schlau, sich etwas umzuhören, statt nach Frankreich zurückzukehren.“ Er grinste. „Und jetzt hockt der geschäftstüchtige Emile irgendwo in der ‚Schildkröte‘ und schnarcht die Wände an, statt seine Mädchen zu empfangen. Er wird dumm schauen, wenn er es erfährt.“

Willem Tomdijk lachte glucksend.

„Er wird vor Freude im Dreieck hüpfen, der gute Emile“, sagte er. „Wir sollten ihn benachrichtigen lassen.“

„Nein“, entschied die Queen. „Zunächst einmal müssen wir sicher sein, daß es auch tatsächlich seine Mädchen sind. Die Sache hat schließlich keine Eile.“

Als die seltsame Galeone in den Hafen einlief, erregte sie mächtiges Aufsehen. Die Kerle auf den Schiffen der Black Queen starrten sich fast die Augen aus, ebenso die Leute, die den Hafen bevölkerten.

Daß Emile Boussac einen Mädchentransport aus dem fernen Frankreich erwartete, hatte sich längst auf Tortuga herumgesprochen, so daß jedermann wußte, was es mit den winkenden und lachenden Mädchen auf sich hatte, die sich am Schanzkleid drängten.

Ja, das war für Tortuga schon etwas Besonderes. Und als Kapitän Lucien Amadou zusammen mit dem weiblichen „Führungsgremium“ bestehend aus Manon, Julie, Cécile und Esther, an Land ging und von der Black Queen, Caligula und Willem Tomdijk empfangen wurde, drängten sich eine Menge Schaulustiger am Ufer.

Dessen ungeachtet wurden an den Ankerplätzen bereits lautstarke „Vorverhandlungen“ von Schiff zu Schiff geführt. Die Mädchen, die sich noch an Bord der „Coq d’Or“ befanden, gingen bereitwillig auf die Zurufe der Schiffsmannschaften ein.

Der Black Queen gefiel das ganz und gar nicht. Sie hatte keine Lust, sich durch ein Schiff voller leichter Mädchen gewissermaßen die Schau stehlen zu lassen. War die Stimmung auf Tortuga seit ihrer Machtübernahme etwas gedrückt gewesen, so schienen die Bewohner jetzt plötzlich aufzutauen. Kaum jemand kümmerte sich noch um die Anwesenheit der Black Queen, alles drehte sich nur noch um die Mademoiselles aus Paris.

Die Queen wurde wütend.

„Ich möchte nicht, daß diese Weiber Unruhe auf die Insel bringen“, sagte sie zu Lucien Amadou. „Wir haben ohnehin schon Ärger genug mit dem Gesindel, das sich hier festgesetzt hat. Mir wäre es lieber, wenn Sie mit dem ganzen Weiberpack weitersegeln würden.“

Der rothaarige Amadou setzte sein verbindlichstes Lächeln auf.

„Aber Madam, wo denken Sie hin?“ sagte er. „Ich muß schließlich meine Vertragspflicht erfüllen. Ich habe diese fünfzig Mädchen einem gewissen Monsieur Emile Boussac auszuliefern, und da ich ihn in El Triunfo vergeblich gesucht habe, bin ich hier vor Anker gegangen, um mich etwas umzuhören. Vielleicht kann ich hier etwas über seinen Verbleib in Erfahrung bringen.“ Der Franzose setzte eine scheinheilige Miene auf.

Die Black Queen räusperte sich. Am liebsten hätte sie Amadou geantwortet, daß sie keinen Boussac kenne, denn der ganze Zirkus war ihr zutiefst zuwider. Doch dann mußte sie daran denken, daß ihr Boussac, der ja sehnsüchtig auf seine „Süßen“ wartete, noch länger auf die Nerven gehen würde. Es war deshalb am besten, wenn sie an dem Spiel wohl oder übel teilnahm. Auf ihre „persönliche“ Art konnte sie das Problem im Moment leider nicht lösen, wenn sie es nicht mit den dreihundert Siedlern, zu denen Boussac ja gehörte, verderben wollte.

Außerdem wäre es ohnehin schon zu spät dazu gewesen, Boussac zu verleugnen, dafür sorgten die Umstehenden, die grölend auf ihn hinwiesen.

„Er ist in der Felsenkneipe!“ rief ein Decksmann von der „Caribian Queen“, der Landgang hatte. „Er ist schon fast gestorben vor Sehnsucht nach den Weibern!“

Am liebsten hätte die Queen dem Kerl in den Hintern getreten, aber das hätte auch nichts mehr geändert, denn Emile Boussac war bereits unterwegs. Irgend jemand mußte ihn benachrichtigt haben, denn er eilte freudestrahlend herbei und fiel Lucien Amadou um den Hals.

„Ich habe es gewußt!“ rief er. „Ja, ich habe die Hoffnung nie aufgegeben, daß Sie den Weg nach Tortuga finden würden, Monsieur!“ Zu den Mädchen gewandt, fuhr er fort: „Seid willkommen, meine Täubchen! Ihr seid geradezu ins Paradies gesegelt und werdet es nicht bereuen, dem Ruf Emile Boussacs gefolgt zu sein.“

Völlig aus dem Häuschen umarmte er auch die vier Wortführerinnen, und zum Schluß gab er der drallen Julie noch einen Klaps auf den Hintern, den diese mit einem Kichern quittierte.

Ja, Emile war selig. Endlich konnten seine Geschäfte anlaufen. Daß die sich trotz der düsteren Schilderungen Diegos gar nicht so schlecht anlassen würden, konnte er bereits an den regen Verhandlungen erkennen, die von Bord zu Bord geführt wurden. Gewissermaßen wurden da schon die ersten Vormerkungen und Reservierungen getätigt!

Die Blicke der Queen verfinsterten sich mehr und mehr. Der ganze Rummel, den die Französinnen verursachten, paßte ihr nicht. Sie gewann langsam den Eindruck, daß nicht mehr sie es war, die auf Tortuga regierte, sondern daß die fremden Weiber jetzt das Sagen hatten.

„Ruhe!“ brüllte sie. „Monsieur Boussac, kümmerte dich darum, daß sich die Mädchen ordentlich benehmen und sofort mit ihrem albernen Gekichere und Gekreische aufhören! Man meint ja, man wäre unter eine Schar wilder Gänse geraten! Ich dulde das nicht auf Tortuga, hast du verstanden?“

Emile Boussac schüttelte verwundert den Kopf. „Was ist denn in dich gefahren, Black Queen? Gefallen dir die hübschen Mädchen nicht?“

Bevor die Piratin darauf antworten konnte, schalteten sich Manon und ihre Freundinnen ein.

„Was sagst du da?“ rief Manon zornig. „Wir sollen uns ordentlich benehmen? Was tun wir denn? Ist hier jemand, der sich unordentlich aufführt? Alle Mädchen sind schicklich gekleidet! Ich sehe nur eine Frau, die halbnackt auf der Insel herumläuft, und das bist du, Madam!“

„Manon hat recht!“ rief Julie. „Wir sind anständige Mädchen, jawohl!“

Das vierköpfige „Führungsgremium“ rückte bedrohlich auf die Black Queen zu, um ihr – wie Cécile ankündigte – die Haare auszureißen. Doch bevor sie über die Queen herfallen konnten, wurden sie von Caligula und dem übrigen Mannsvolk festgehalten und besänftigt.

Die Piratin war in der Tat einen Schritt vor den kreischenden Mädchen zurückgewichen. Ihre rechte Hand umklammerte jetzt den Griff ihres Entermessers.

„Ich werde dieses verrückte Weibervolk einkerkern lassen!“ brüllte sie wutentbrannt.

Doch als Antwort erntete sie nur einen vielstimmigen Protestschrei der anwesenden Männer.

Aye, Sir, es ging plötzlich alles drunter und drüber im Hafen von Tortuga. Die Black Queen mußte zum ersten Male erfahren, daß ihre Gefolgschaft nicht kuschte. Die Kerle waren wie toll wegen der Mädchen.

Sie begriff instinktiv, daß es jetzt falsch wäre, in einen Tobsuchtsanfall auszubrechen, denn in der gegenwärtigen Situation würde sie damit nur lächerlich wirken. Also beherrschte sie sich zähneknirschend und machte gute Miene zum bösen Spiel.

Dennoch gab ihr der ganze Rummel zu denken, denn andererseits konnte sie auch nicht zulassen, daß ihre Autorität von einer Schar Huren untergraben wurde.

6.

Der Kapitän der „Coq d’Or“ gab sich völlig unbekümmert. Er zeigte sich hocherfreut darüber, daß die Suche ein Ende hatte und die Mädchen doch noch auf ihren Betreuer gestoßen waren. Sein Auftrag war damit erledigt.

Eilig ließ er auch noch den Rest der Mademoiselles an Land bringen, während ein Teil seiner Männer Trinkwasser an Bord mannte.

Emile Boussac legte ihm leutselig die Hand auf die Schulter.

„Ich darf Sie doch zu einem Umtrunk in die ‚Schildkröte‘ einladen, Monsieur le capitaine?“ fragte er. „Ich meine, Sie haben das verdient nach all den Mühen, die Sie mit meinen Täubchen gehabt haben.“

„Oh, vielen Dank, Monsieur Boussac“, erwiderte Amadou, „aber ich kann Ihre freundliche Einladung leider nicht annehmen, denn ich habe durch das Anlaufen verschiedener Inseln sehr viel Zeit verloren. In Frankreich warten neue Aufträge auf mich, und ich möchte als Geschäftsmann natürlich nicht in Verzug geraten. Sie werden verstehen, wenn ich es ein bißchen eilig habe. Im übrigen war es mir ein Vergnügen, mit den Mademoiselles in die Karibik zu segeln. Sie waren liebenswürdige und eigentlich auch völlig problemlose Passagiere.“

„Das freut mich“, sagte Boussac, „und ich kann Sie auch gut verstehen, denn ich bin selber Geschäftsmann.“ Er lächelte schlitzohrig. Jetzt, da sein Wunschtraum in Erfüllung gegangen war, war er wieder ganz der alte. Da war keine Spur mehr von Griesgrämigkeit oder schlechter Laune. Seine flinken Augen huschten hin und her und versprühten Charme und Unternehmungslust.

Lucien Amadou aber, der offensichtlich froh war, seinen Auftrag hinter sich gebracht zu haben, ließ sofort den Anker hieven.

Die Mademoiselles standen noch eine Zeitlang am Ufer und winkten der „Coq d’Or“ mit bunten Tüchern nach. Einige von ihnen wischten sich sogar verstohlen über die Augen, denn schließlich hatte ihnen dieses Schiff für viele Wochen die Heimat ersetzt.

Auch Boussac winkte, bis ihm die Arme wehtaten, dann erst wandte er sich seinen „Täubchen“ zu.

„Kommt, Mädchen!“ rief er. „Schaut euch erst mal um auf Tortuga. Ihr werdet begeistert sein. So hübsche und wohlhabende Männer wie hier habt ihr noch nirgends gesehen. Da sind die Herren in Paris die reinsten Geizhälse dagegen, ihr werdet schon sehen!“

Er erntete lauten Beifall.

Niemand achtete in diesen Minuten auf die Black Queen, die einsam und verlassen am Ufer stand und der französischen Galeone, die aus der Hafenbucht hinaussegelte, nachblickte.

Die schwarze Piratin war wohl der einzige Mensch auf Tortuga, dem die Eile Lucien Amadous auffiel. Warum war der Franzose nicht mit seiner Crew bei Diego eingekehrt? So dringend konnten seine Geschäfte in Frankreich gar nicht sein, daß er sogar einen wohlverdienten Umtrunk abschlug. Oder gab es andere Ursachen für die plötzliche Eile?

Die Black Queen war von Natur aus mißtrauisch. Sie sah sich nach Caligula um und warf ihm einen giftigen Blick zu, als er Julie zulächelte.

Der schwarze Hüne wurde sofort wieder ernst. Schließlich war er der Liebhaber der Black Queen und wußte, daß sie sehr eifersüchtig werden konnte. Aber das wollte er vermeiden.

„Was gibt es?“ fragte er. „Ist etwas nicht in Ordnung?“

Die Queen antwortete mit einer Gegenfrage. „Ist dir nichts aufgefallen, Caligula? Oder hattest du nur noch Augen für die kleine Hure dort drüben?“

Den zweiten Teil der Frage überging Caligula geflissentlich. Zum ersten Teil sagte er: „Ich weiß nicht, was du meinst. Der französische Kapitän hat die Mädchen bei Boussac abgeliefert und segelt wieder zurück. Daß es jetzt erst einmal etwas turbulent auf Tortuga zugeht, liegt wohl in der Natur der Dinge. Das wird sich schon wieder legen, wenn alles in geordneten Bahnen verläuft.“

„Das meine ich nicht“, sagte die Queen. „Aber ist dir nicht aufgefallen, welche Eile dieser Amadou plötzlich hatte? Er hat Boussac sogar einen Umtrunk verwehrt und dringende Geschäfte als Grund angeführt.“

„Nun ja, vielleicht hat er es tatsächlich eilig“, sagte Caligula. „Oder was meinst du?“

Die Queen zuckte mit den Schultern. „Ich werde das verdammte Gefühl nicht los, daß da irgend etwas nicht stimmt. Vielleicht täusche ich mich, das mag sein. Trotzdem geht mir dieses seltsame Gebaren nicht aus dem Kopf. Wir sollten auf unser Schiff zurückkehren und uns davon überzeugen, daß dort alles seine Ordnung hat.“

„Du solltest nichts übertreiben“, sagte Caligula. „Aber bitte, wenn du meinst – schauen wir auf der ‚Caribian Queen‘ nach dem Rechten. Wir können uns dann immer noch darum kümmern, daß Boussac mit seinen Huren nicht zuviel Wirbel verursacht.“

Die beiden ließen sich zu ihrem Zweidecker übersetzen, wo sie sich als erstes davon überzeugten, daß eine ausreichende Besatzung an Bord war. Auch die übrigen Schiffe ihres Verbandes ließen sie überprüfen. Schließlich stellten sie zufrieden fest, daß man ihren Anordnungen Folge geleistet hatte. Auch wenn die Kerle nur noch Augen für die Mädchen hatten, würde es dennoch keiner wagen, ohne Erlaubnis sein Schiff zu verlassen.

Die Black Queen begab sich auf das Achterdeck und richtete ihr Spektiv auf die auslaufende „Coq d’Or“.

„Sie beginnen damit, das bunte Geflatter zu entfernen“, sagte sie. „Und sie befreien die Kanonen von ihren Umhüllungen.“

„Das ist wohl verständlich“, sagte Caligula grinsend. „Jetzt, da sie keine Weiber mehr an Bord haben, wird sich bei ihnen alles wieder normalisieren. Schließlich machen sie sich nur lächerlich mit dem bunten Firlefanz. Das Schiff gleicht einem Zirkus.“

„Vielleicht hast du recht“, meinte die Black Queen und drehte an der Optik ihres Kiekers herum.

An Land ging es weiterhin turbulent zu. In der Felsenkneipe „Zur Schildkröte“ herrschte Hochbetrieb.

Der dicke Diego und seine Schankknechte eilten dienstbeflissen hin und her. Auch wenn Diego das ganze Theater mit der Black Queen und den Mädchen nicht paßte, hatte er doch nichts gegen das glänzende Geschäft einzuwenden, daß sich jetzt anbahnte.

„Darf ich Ihnen meine Mädchen vorstellen, Monsieur?“ fragte Emile Boussac überflüssigerweise und zeigte mit Besitzerstolz auf die lebhafte Schar.

Diego wischte sich die feisten Hände an der Schürze ab und grinste breit.

„Eine wohlgelungene Zusammenstellung, Monsieur Boussac“, sagte er. „Eine schöner als die andere.“ Und mit gekonnt sorgenvoller Miene setzte er hinzu: „Da kann ich Ihnen nur wünschen, daß Ihre Geschäfte besser laufen als meine.“ Er hatte das Lamento noch nicht vergessen, daß er Boussac gegenüber angestimmt hatte. Jetzt mußte er bei seinen Aussagen bleiben.

Emile Boussac jedoch lächelte großmütig. „Das wird sich bald ändern, Monsieur Diego, Sie werden sehen. Von jetzt an rollen auf Tortuga die Goldstücke, dafür werde ich schon sorgen. Sehen Sie sich nur um, wie ausgehungert die Kerle auf die Mädchen starren. Sie können es gar nicht erwarten, ihr Geld loszuwerden.“ Er lachte, als habe er soeben einen guten Witz erzählt.

Willem Tomdijk, der hinzutrat, klopfte ihm auf die Schulter.

„Na siehst du, mein lieber Emile, ich habe dir von Anfang an Mut zugesprochen. Es braucht eben alles seine Zeit. Du hast dir wieder einmal ganz umsonst Sorgen bereitet. Dieser Kapitän Amadou ist ein cleverer Mann, er hat ein gutes Gespür und wußte, wo er dich auftreiben kann.“

Boussac fühlte sich wie im siebenten Himmel.

„Du hast recht, Willem“, sagte er. „Und wenn du erst deine neue Brauerei aufgebaut hast, so daß wir den Männern nicht nur erstklassige Mädchen, sondern auch erstklassiges Bier bieten können, dann sind wir alle wohlhabende Leute. Sie natürlich auch, Monsieur Diego“, fügte er noch hinzu.

Doch Diego winkte bescheiden ab, als erwarte er von der Zukunft nicht allzuviel.

Boussac fuhr fort: „Schauen Sie sich um, die ersten geschäftlichen Transaktionen bahnen sich bereits an. Der Ansturm der Männerwelt ist kolossal. Alles, was jetzt noch dringend gebraucht wird, sind einige Séparées – Sie verstehen? Ich brauche sie zumindest solange, bis ich ein eigenes Etablissement zur Verfügung habe. Selbstverständlich werden Sie bis dahin am Gewinn beteiligt.“

Diego schaffte es, einen gramgebeugten Eindruck zu erwecken, obwohl ihm innerlich das Herz hüpfte, wenn er an die prallen Lederbeutel dachte, in denen er sein Geld aufbewahrte. An die Black Queen verschwendete er in diesem seligen Augenblick nicht einen einzigen Gedanken.

Gerade wollte er sich – etwas von „ewiger Dankbarkeit“ murmelnd – zu seinem Schanktisch begeben, da gellte ein lauter Schrei durch die Kneipe. Diego fuhr verwundert herum und stellte fest, daß sich da ganz schön etwas zusammenbraute.

Fünf der „alteingesessenen“ Hafenhuren von Tortuga hatten sich Mut angetrunken, denn sie waren mit der übermächtigen Konkurrenz der fünfzig Mädchen aus Paris ganz und gar nicht einverstanden. Es war jetzt schon deutlich zu erkennen, daß die Kerle nur Augen für diese aufgeputzten Mademoiselles hatten. Und so etwas mußte böses Blut geben.

„Verschwindet, ihr verdammten Flittchen!“ schrie eine der Alteingesessenen – eine kleine, rundliche Lady, die nicht mehr zu den Jüngsten gehörte. „Geht dahin, wo der Pfeffer wächst, ihr verdammten Schlampen, oder wir kratzen euch die Augen aus!“

Boussac versuchte, die Lady zu beruhigen.

„Aber, aber, meine Liebe“, flötete er unter Aufbietung seines ganzen Charmes. „Warum diese Feindseligkeit? Hier auf Tortuga gibt es doch Arbeit und Brot für alle. Ich habe ein großmütiges Herz. Gerne nehme ich euch ebenfalls unter meine Fittiche.“

„Hör auf, große Töne zu spucken, du miese Ratte!“ kreischte die Dralle und stürzte sich im selben Moment auf Boussac. Noch bevor er sich von der Schrecksekunde erholen konnte, zog sie ihm die Fingernägel durch das Gesicht.

Ihre Kolleginnen fielen wie Furien über die verhaßte Konkurrenz her. Selbst Diego konnte nicht verhindern, daß in der „Schildkröte“ eine wüste Keilerei ihren Anfang nahm.

Während die Ladys schimpfend und kreischend aufeinander eindroschen und Manon von der Höhe eines Tisches aus ihre Einsatzbefehle brüllte, hockten die Männer an den Tischen und lachten, daß ihnen die Tränen über die Gesichter rollten. Ja, so etwas war ganz nach dem Herzen dieser Schnapphähne. Endlich war mal was los auf Tortuga.